Das Stuttgarter Hutzelmännlein

Part 8

Chapter 83,565 wordsPublic domain

Der unbekannte Knabe wollte sich die Stirne wischen mit der Hand, uneingedenk der Larve: da entfiel ihm dieselbe zusamt dem Hut und -- ach! ein Graus für alle Gefreundete, Vettern und Basen, Gespielen, Bekannte, so Buben als Mädchen -- die Vrone ist's! »Die Vrone Kiderlen, einer Witwe Tochter von hier!« so ging's von Mund zu Mund. »Ist es denn eine Menschenmöglichkeit?« rief eine Bürstenbindersfrau. »Das Vronele, meiner nächsten Nachbarin Kind? Je! Gott sei Dank, bärig vor einer halben Stund' ist ihre Mutter heim -- es ward ihr übel schon über den vorigen Künsten -- und jetzt das eigne Kind -- der Schlag hätt' sie gerührt, wenn sie das hätte sehen sollen!« -- Schon erhoben sich wiederum Stimmen im Kreis, und noch lauter als vorhin beim Seppe, mit Drohen, Bitten und Flehn an die Dirne, nicht weiter zu gehen. Sie aber, ganz verwirrt, flammrot vor Scham, nicht wissend selbst, wie ihr geschehn, wie sie's vermocht, stand da, wie am Pranger, die Augen schwammen ihr, und ihre Knie zitterten. Ein Mann lief fort, eine Leiter zu holen.

Derweil war aber schon der flinke Bergmann an der andern Seite zum Seppe auf das Seil gekommen und hatte ihm etwas ins Ohr geraunt, worauf der ungesäumt den linken Schuh abzog und seiner Partnerin mutig die Worte zurief: »Komm, Vrone, es hat keine Not! Trau auf mein Wort, faß dir ein Herz und tu mit deinem rechten Schuh, wie du mich eben sahst mit meinem linken tun, und wirf ihn mir keck zu!«

Sie folgte dem Geheiß, mit Lächeln halb und halb mit Weinen, warf -- da flog der Schuh dem Burschen wie von selber an seinen ausgestreckten Fuß. Nun warf er ebenfalls, und ihr geschah dasselbe.

»Jetzt, Vrone, mir entgegen! Es ist nur, bis ich dich einmal beim kleinen Finger habe, und wenn du mit der Patschhand einschlägst, dann soll es mir und dir etwas Gutes bedeuten! Frisch dran, ihr Spielleut, macht uns auf, und einen lustigen!«

Das fehlte nicht. Die vier Füße begannen sich gleich nach dem Zeitmaß zu regen, nicht schrittweis wie zuvor und bedächtig, vielmehr im kunstgerechten Tanz, als hätten sie von klein auf mit dem Seil verkehrt, und schien ihr ganzes Tun nur wie ein liebliches Gewebe, das sie mit der Musik zustand zu bringen hätten. Von nun an waren alle Blicke sorglos und wohlgefällig auf das hübsche Paar gerichtet und gingen immer von einem zum andern. Der Mann auf dem Brunnen hatte längst wieder den Atem gefunden und das Wasser sprang aus den vier Rohren noch einmal so begierig als sonst. Auf jedem Mädchenantlitz, unten auf dem Platz und oben in den Fenstern, war aber recht der Widerschein der Anmut zu erblicken, die man vor Augen hatte. Kein Kriegsmann war so trutzig und kein Graubart von der Ratsherrnbank so ernsthaft und gestreng, daß ihm das Herz dabei nicht lachte, und die Handwerksgesellen der Stadt waren stolz, daß einer von den Ihren vor all den fremden Gästen so herrlichen Ruhm davontrage.

Der Seppe sah im Tanz nicht mehr auf seinen schmalen Pfad noch minder nach den Leuten hin: er schaute allein auf das Mädchen, welches in unverstellter Sittsamkeit nur je und je seine Augen aufhob.

Als beide in der Mitte jetzt zusammenkamen, ergriff er sie bei ihren Händen. Sie standen still und blickten sich einander freundlich ins Gesicht; auch sah man ihn ein Wörtlein heimlich mit ihr sprechen. Danach auf einmal sprang er hinter sie und schritten beide, sich im Tanz den Rücken kehrend, auseinander. Bei der Kreuzstange machte er Halt, schwang seine Mütze und rief gar herzhaft: »Es sollen die gnädigsten Herrschaften leben!« -- Da denn der ganze Markt zusammen Vivat rief, dreimal, und einem jeden Teil besonders. Inwährend diesem Schreien und Tumult unter dem Schall der Zinken, Pauken und Trompeten lief der Seppe zur Vrone hinüber, die bei der andern Gabel stand, umfing sie mit den Armen fest und küßte sie vor aller Welt. Das kam so unverhofft und sah so schön und ehrlich, daß manchem vor Freude die Tränen los wurden, ja die liebliche Gräfin erfaßte in jäher Bewegung den Arm ihres Manns und drückt' ihn an sich. Nun wandte sich die Vrone, und unter dem Jauchzen der Leute, dem Klatschen der Ritter und Damen wie hurtig eilte sie mit glutroten Wangen das Seil hinab! der Seppe gleich hinter ihr drein, das leinene Säcklein mitnehmend.

Kaum daß sie wiederum auf festem Boden waren, kam schon ein Laufer auf sie zu und lud sie ein, auf die Altane zu kommen, das sie auch ohnedem zu tun vorhatten.

Sämtliche hohe Herrschaften empfingen sie im Angesicht des Volks mit Glückwünschen und großen Lobsprüchen, dabei sie sich mit höflicher Bescheidung annoch alles weiteren Fragens enthielten, indem sie zwar nicht zweifelten, daß es mit dem Gesehenen seine besondere Bewandtnis haben müsse, doch aber solchem nachzuforschen nicht dem Ort und der Zeit gemäß hielten. Der Seppe nahm bald der Gelegenheit wahr, ein wenig rückwärts der Gesellschaft den zwilchenen Sack aufzumachen, nahm die Laiblein heraus und legte sie, höfischer Sitte unkundig, nur frei auf die Brüstung vor die Frau Gräfin Mutter als eine kleine Verehrung für sie, vergaß auch nicht dabei zu sagen, daß man an diesem Brot sein ganzes Leben haben könne. Sie bedankte sich freundlich der Gabe, obwohl sie, des Gesellen Wort für einen Scherz hinnehmend, den besten Wert derselben erst nachderhand erfuhr. Dann zog er sein Geschenk für den erlauchten Herrn heraus. Wie sehr erstaunte dieser nicht bei der Eröffnung der Kapsel! und aber wieviel mehr noch, als er das goldene Büchslein aufschraubte! Denn er erriet urplötzlich, was für ein Zahn das sei, bemeisterte jedoch in Mienen und Gebärden Verwunderung und Freude. Er wollte den Gesellen gleichwohl seines Danks versichern, tat eben den Mund dazu auf, als an der andern Seite drüben der schönen Irmengard ein Freudenruf entfuhr, daß alles auf sie blickte. Die Vrone nämlich hatte ihr ein kleines Lädlein dargebracht, worin die verlorene Perlenschnur lag. (Der kluge Leser denkt schon selbst, wer früh am Morgen heimlich bei der Dirne war.) Nicht aber könnte ich beschreiben das holde Frohlocken der Dame, mit welchem sie den Schmuck ihrem Gemahl und den andern der Reihe nach wies. Er war unverletzt, ohne Makel geblieben, und jedermann beteuerte, so edle große Perlen noch niemals gesehen zu haben. Nunmehr verlangte man zu wissen, was Graf Eberhard bekam. »Seht an!« sprach er, »ein Reliquienstück, mir werter als manch köstliche Medey an einer Kleinodschnur: des Königs Salomo Zahnstocher, so er im täglichen Gebrauch gehabt. Mein guter Freund, der hochwürdige Abt vom Kloster Hirschau sendet ihn mir zum Geschenk. Er soll, wenn man bisweilen das Zahnfleisch etwas damit ritzet, den Weisheitszahn noch vor dem Schwabenalter treiben. Da wir für unsere Person, so Gott will, solcher Fördernis nicht mehr bedürfen, so denken wir dies edle Werkzeug auf ausdrücklich Begehren hie und da in unserer Freundschaft hinzuleihen, es auch gleich heut', da wir etliche Junker zu Gast haben werden, bei Tafel mit dem Nachtrunk herumgehen zu lassen.« -- So scherzte der betagte Held, und alles war erfreut, ihn so vergnügt zu sehen.

Jetzt wurde den Bürgern das Zeichen zum Essen gegeben. Für jede Gasse, wo gespeist ward, hatte man etliche Männer bestellt, welche dafür besorgt sein mußten, daß die Geladenen in Ordnung ihre Sitze nahmen. Solang, bis dies geschehn war, pflogen die Herren und Damen heiteren Gesprächs mit dem Gesellen und der Vrone. Ein Diener reichte Spanierwein in Stotzengläsern, Hohlippen und Krapfen herum, davon die beiden auch ihr Teil genießen mußten. -- »Ihr seid wohl Bräutigam und Braut?« frug die Frau Mutter. -- »Ja, Ihro Gnaden,« sprach der Seppe, »dafern des Mädchens Mutter nichts dawider hat, sind wir's seit einer halben Stunde.« -- »Was?« rief der Graf, »ihr habt euch auf dem Seil versprochen? Nun, bei den Heiligen zusammen, der Streich gefällt mir noch am allerbesten! So etwas mag doch nur im Schwabenland passieren. Glückzu, ihr braven Kinder! Auf einem Becher lieset man den Spruch: Lottospiel und Heiratstag Ohn' groß' Gefahr nie bleiben mag. Ihr nun, nach solcher Probe, seid quitt mit der Gefahr euer Leben lang.« -- Dann sprach er zu seinem Gemahl und den andern: »Jetzt laßt uns in die Gassen gehn, unsern wackeren Stuttgarter Bürgern gesegnete Mahlzeit zu wünschen! darauf wollen wir gleichfalls zu Tisch. Das Brautpaar wird dabei sein; hört ihr? Kommt in das Schloß zu uns! Ihr habt Urlaub auf eine Stunde; das mag hinreichen, euch den mütterlichen Segen zu erbitten; wo nicht, so will ich selbst Fürsprecher sein.«

* * * * *

Begehrt nun der Leser noch weiteres zu wissen, als da ist: wie sich das Brautpaar heimgefunden? ob sie von Freunden und Neugierigen nicht unterwegs erdrückt, zerrissen und gefressen worden? was Mutter Kiderlen und was die Base sagte? wie es denn bei der gräflichen Tafel herging? auch was nachher der Graf mit dem Seppe besonders verhandelt und so mehr -- so würde ich bekennen, daß meine Spule abgelaufen sei bis auf das wenige, das hier nachfolgt.

Am Markt gegen dem Adler über sieht man dermalen noch ein merkwürdiges altes Haus, vornher versehen mit drei Erkern, davon ein paar auf den Ecken gar heiter wie Türmlein stehn mit Knöpfen und Windfahnen, hüben und drüben unterhalb der Eckvorsprünge zwei Heiligenbilder aus Stein gehauen, je mit einem kleinen Baldachin von durchbrochener Arbeit gedeckt: Maria mit dem Kind samt dem jungen Johannes einerseits und St. Christoph, der Riese, andrerseits, wie er den Knaben Jesus auf seiner Schulter über das Wasser trägt, einen Baumstamm in der Faust zum Stab. Dies Haus -- in seinen Grundfesten samt dem Warengewölb vermutlich noch dasselbige -- gehörte von Voreltern her dem Grafen eigentümlich und ward von ihm auf jenen Tag unserem Schuster in Erkenntlichkeit für seine kostbare Gabe und zum Beweis besonderer Gnade als freie Schenkung überlassen, nebst einem Teil des inbefindlichen Hausrats, welchem der Graf schalkhaftigerweise noch einen neuen Schleifstein mit Rad beifügte. Die Vrone bekam von den gnädigen Frauen einen künstlich geschnitzten Eichenschrank voll Linnenzeug zu ihrer Aussteuer.

Am Hochzeittag gaben sich beide das Wort, ihre Glücksschuh zwar zum ewigen Gedächtnis dankbar aufzuheben, doch nie mehr an den Fuß zu bringen, indem sie alles hätten, vornehmlich aneinander selbst, was sie nur wünschen könnten, auch überdies hofften, mit christlichem Fleiß ihr Zeitliches zu mehren.

Der Seppe, jetzt Meister Joseph geheißen, blieb seinem Gewerbe getreu noch über achtundzwanzig Jahr; dann lebte er als ein wohlhabender Mann und achtbarer Ratsherr, mit Kindern gesegnet, seine Tage in Ruh mit der Vrone.

Unter seinen Hausfreunden war einer, man hieß ihn den Datte, der kam an jedem dritten Samstagabend auf ein Glas Wein und einen guten Käs zu ihm mit dem Beding, daß niemand sonst dabei sei als die liebwerte Frau und die Kinder (diese hatte er gern, und sie taten und spielten als klein mit ihm, wie wenn er ihresgleichen wäre). Da ward alsdann geschwatzt von Zunftgeschäften und von den alten Zeiten, ingleichen gern von einem und dem andern ein starker Schwank erzählt. Derselbe Hausfreund brachte den werten Eheleuten an ihrem goldenen Jubeltag ein silbernes Handleuchterlein, vergoldet, in Figur eines gebückten Männleins, so einen schweren Stiefel auf dem Haupte trägt und einen Laib unter dem Arm. Rings aber um den Fuß des Leuchters waren eingegraben diese Reime:

Will jemand sehn mein frazzengsicht, ich halt ihm selbs darzu das licht. mich kränket nur daß noch zur stund mich geküßt kein frauenmund. die mir allein gefallen hat ein cron und schaufalt dieser stadt hab ich vor funfzig jaren heunt müeßen lassen meinem freund. zum datte hant sie mich erkorn zu schlichten zwilauf hadder zorn. deß gieng ich müeßig all die jar mag es auch bleiben immerdar.

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Und nun, mein Leser, liebe Leserin, leb' wohl! Deucht dir etwa, du habest jetzt genug auf eine Weile an Märchen: wohl, ich verspreche, dergleichen sobald nicht wieder zu Markte zu bringen; gefiel dir aber dieser Scherz, will ich es gleichwohl also halten. Es gelte, wie geschrieben steht zum Schluß des andern Buchs der Makkabäer: »Allezeit Wein oder Wasser trinken ist nicht lustig, sondern zuweilen Wein, zuweilen Wasser trinken, das ist lustig; also ist es auch lustig, so man mancherlei lieset. Das sei das Ende!«

Anhang Mörikes zum Stuttgarter Hutzelmännlein.

Seite 5. _Zochen_, Docht.

S. 6. _Unbeschrien_, ohne daß dich jemand darüber anredet. -- _Hutzelbrot_, Schnitzbrot, ein Backwerk, hauptsächlich aus gedörrten Früchten, Birnen (Hutzeln), Feigen, Nußkern usw. bestehend, in Schwaben gewöhnlich zu Weihnachten beschert.

S. 7. Eine _Ungüte_, unvergleichlich gut; wie man sagt: eine Unmenge, ein Unlärm usf.

S. 8. _Hepsisau_, ein Dörfchen unweit Kirchheim unter Teck. -- _Guckigauch_, Kuckuck. Dieser Scherz ist auch in E. Meiers schöner Sammlung von Sagen, Sitten und Gebräuchen aus Schwaben (S. 448) angeführt. -- _Urdrutz_, Urdruß, Widerwille gegen eine Speise, an welcher man sich übergessen hat.

S. 9. _Letzkopf_, Querkopf; letz, verkehrt, schlimm.

S. 10. _A grauße_, eine große. -- _Stiefelszorn_, gewaltiger Zorn.

S. 11. _Der Blautopf._ Die dunkle, vollkommen blaue Farbe der Quelle, ihre verborgene Tiefe und die wilde Natur der ganzen Umgebung verleihen ihr ein feierliches, geheimnisvolles Ansehn. Kein Wunder, wenn sie in alten Zeiten als heilig betrachtet wurde, und wenn das Volk noch jetzt mit abenteuerlichen Vorstellungen davon sich trägt. -- Der Durchmesser des Beckens ist in der einen Richtung vom Wehr an 125', in der anderen 130', der Umfang ist also 408'. Der Prälat Weißensee nahm im Jahre 1718 eine Untersuchung vor und fand die Tiefe zu 63½ Fuß, gegen welchen Erfund, besonders von seiten des Volks, das sich die Unergründlichkeit nicht nehmen lassen wollte, mancherlei Einwendungen gemacht wurden. Das Ergebnis einer späteren Untersuchung, im Sommer 1829, war aber auch nur 71' am Punkt der größten Tiefe. Dieselbe befindet sich ziemlich in der Mitte des Topfs; nach den Seiten nimmt sie überall ab, so daß sich daraus wirklich eine trichterförmige Gestalt des Beckens ergibt. Die Untersuchung widerlegte auch die Meinung, daß Bäume und Baumstämme auf dem Grund versenkt liegen, denn das Senkblei fand nirgends den mindesten Widerstand. Mit Verwunderung vernahmen einzelne die Messung und fragten, ob denn das Senkblei unten nicht geschmolzen sei; denn eine alte Sage sprach von glühender Hitze in den untersten Schichten. -- Die schöne Bläue des übrigens kristallhellen Wassers verstärkt sich mit zunehmender Tiefe; nur an dem Rande, wo die Vegetation einwirkt, fällt sie ins Grüne. Bis jetzt ist dieses Blau noch nicht genügend erklärt. Weder in der Umgebung noch in der Farbe des Grundes kann die Ursache liegen, weil das Wasser sein bläuliches Ansehen bis zum Ausfluß in die Donau behält. Ebensowenig hat eine chemische Untersuchung durch Prof. Schübler einen Gehalt an Metallen oder andern Stoffen, wodurch die Erscheinung veranlaßt werden könnte, gezeigt: das Wasser stellte sich nur reiner als die meisten Trinkwasser dar. -- Sein Spiegel ist gewöhnlich ganz ruhig, so daß man kein Hervorquellen bemerkt; dennoch ist der Abfluß so stark, daß er nicht nur mittels des an der Quelle angebrachten Brunnenhauses die ganze Stadt und das Kloster mit Wasser versieht, sondern auch ein ebenfalls daranstehendes Hammerwerk und unmittelbar darauf vier Mühlen treibt. Bei anhaltendem Regen- und Tauwetter trübt sich die Quelle, wird auffallend stärker und so unruhig, daß sie beträchtliche Wellen aufwirft und Ueberschwemmungen verursacht. Im Jahre 1641 soll die Gefahr so groß gewesen sein, daß ein Bettag gehalten, eine Prozession zum Blautopf veranstaltet und zur Versöhnung der erzürnten Gottheit (allerdings keiner Nymphe) zwei vergoldete Becher hineingeworfen wurden, worauf das Toben nachgelassen habe. Unstreitig steht der Blautopf durch unterirdische Klüfte in Verbindung mit der Albfläche und insbesondere mit den darauf befindlichen Erdtrichtern. -- Einige hundert Schritte von dem Topfe ist ein ähnlicher Quell, der Gieselbach, an welchem einst die alte Niklauskapelle und ein Nonnenkloster stand. (Nach Memmingers Beschr. d. Ob.-Amts Blaubeuren.)

S. 12. _Lau_, von La, Wasser, welches in lo, lau, b'lau überging, daher nach Schmid[1] der Name des Flüßchens Blau (und Blautopf) abzuleiten wäre. -- _Gumpen_ (der), gewöhnlich nur eine vertiefte Stelle auf dem Grunde des Wassers, hier das ganze einer größeren Wassersammlung mit bedeutender kesselartiger Vertiefung. Wer etwa, wie einige ohne Not wollen, das Wort Topf im Sinne von Kreisel nimmt und es damit erklärt, daß das Wasser, besonders bei starkem Regen- und Tauwetter, wo es sich in der Mitte pyramidalisch erhebt, eine kreisende Bewegung macht, der wird unsern Ausdruck doppelt gerechtfertigt finden, da gumpen, gampen entschieden soviel ist als hüpfen, tanzen, mutwillig hinausschlagen. -- _Kleine Messer._ Es war eine alte Sitte, die noch nicht ganz abgekommen ist, sich zum Zeichen der Freundschaft mit Messern zu beschenken; vorzüglich herrschte sie in den Klöstern. Der Mystiker Meister Heinrich von Nördlingen, Taulers und Susos Freund, schickte den Klosterfrauen zu Medingen öfters Messer zum Geschenke. Daher vielleicht die Redensart: Messerlein geben, d. h. nachgeben, Abbitte tun.

[Fußnote 1: Joh. Christoph v. Schmid, Schwäb. Wörterbuch (Stuttgart 1831) S. 73.]

S. 13. _Glusam_, mäßig erwärmt (auch in moralischer Bedeutung: stillen Charakters). -- _Gänge Pfade_, begangene.

S. 14. _Küllhasen_, Kaninchen.

S. 15. _Schachzagel_ (das), Schachspiel.-- _Fernd_, voriges Jahr. -- _Kappis_, Kohl.

S. 17. _Oehrn_, Hausflur.

S. 18. _Habergeis_, von heben, wegen der hüpfenden, hoppelnden Bewegung des Kreisels. -- _Bauren-Schwaiger_, von geschweigen, stillen. Die alten Griechen und Römer hatten magische Kreisel, Rollen und Räder, meist aus Erz, deren sich Frauen und Mädchen zum Liebeszauber bedienten, indem sie dieselben unter seltsamen Bannsprüchen herumdrehten. So in der zweiten Idylle des Theokrit. Nach einem Epigramm der griechischen Anthologie hatten vornehme Thessalierinnen dergleichen aus Edelstein und Gold, mit Fäden purpurner Wolle umwickelt, welcher besonders eine geheime Kraft inwohnen sollte. Natürlich hat man sich diese Kreisel weit kleiner, überhaupt von anderer Form als den unsern zu denken. In jenem Epigramm wird der Venus ein solches Weihgeschenk gebracht.

Nikos Kreisel, mit dem sie den Mann fern über das Meer zieht Oder dem stillen Gemach sittige Mädchen entlockt, Lieget, ein hell Amethystengerät und mit Gold verzieret, Kypris, ein lieber Besitz, deinem Altare geweiht, Mitten von Wolle des purpurnen Lamms umwunden. Larissas _Zauberin_ bracht' ihn dir, Göttin, ein gastlich Geschenk.

s. Jacobs, Leben und Kunst der Alten.[2]

[Fußnote 2: Vgl. Reclams Univ.-Bibl. 1921-24, S. 59. Anm. d. Hrsgs.]

Während der Stoff, woraus das Instrument der Larisserin bestand, zum Zweck selbst nichts beitrug, wird er in unserm Fall Hauptsache, und die von den Alten dem Amethyst zugeschriebene Wirkung, derenwegen man sonst den Stein in Schmuckform bei sich trug, ist hier an den tönenden Kreisel geknüpft. -- _Das Selige._ Selig, berauscht, ist nicht gleichbedeutend mit glückselig, obwohl darauf hinspielend, sondern gleichen Stamms mit Sal, Rausch, niedersächsisch; #soûl#, betrunken, französisch. -- »Als verfälschten die Bürger den Landwein auf eine so unleidentliche Weise, daß mehrere Leute das Selige berührt hätte.« Gemeiners Regensb. Chron. zum Jahre 1474. -- _Söhnerin_, Schwiegertochter.

S. 19. _Susanne Preisnestel._ Scherzhafte Bezeichnung aufgeputzter Mädchen. Preis heißt der Saum am Hemd; prisen, einfassen; mit einer Kette, gewöhnlich von Silber, einschnüren, um den bei der vormaligen oberschwäbischen Frauentracht üblichen Brustvorstecker zu befestigen; der hierzu gebrauchte seidene oder wollene Bändel hieß Preisnestel.-- _Aschengruttel_ (Aschenbrödel), sonst im Schwäbischen auch Aschengrittel und Aeschengrusel genannt.

S. 21. _Einen roten Rock._ Ein alter Reim, welchen die Wärterinnen hersagen, wenn sie die Kinder auf den Knien reiten lassen, enthält schon diese Vorstellung:

Hott^a, Hott^a, Rößle, Z'Stu^agart steht a Schlößle, Z'Stu^agart steht a Gart^ahaus, Guck^at drei schöne Jungfr^a raus:

Die ein' spinnt Seide, die ander' spinnt Weide, Die dritt' spinnt ^an rot^a Rock Für unsern li^ab^a Herr^agott.

s. E. Meiers Kinderreime, S. 5.

-- _Verkommen_, begegnen. -- _Baß_, sehr, gut, besser. -- _Unwirs_, unwirsch, ungehalten. -- _Wetterblicken_, der Blick, Durnblick, Wetterblick, Blitz. -- _Rusenschloß_ oder Hohen-Gerhausen, vormals eine gewaltige Bergfeste, jetzt äußerst malerische Ruine über dem Dorfe Gerhausen gelegen, in der Nähe vom Ruck, einer minder bedeutenden Burg. -- _Mahd_ (das): 1. die zu mähende Wiese, 2. das Gemähte.

S. 22. _Jäst_, Jast, Gärung, aufbrausender Zorn.

S. 23. _Zuberklaus_, ein Mensch, der seltsame Einfälle hat; vielleicht, sagt Schmid,[3] eine scherzhafte Verstümmelung des Wortes superklug, zugleich anspielend auf den Klaus Narr. Letzterer ist ohne Zweifel in dem Worte enthalten, im übrigen hat diese Erklärung etwas zu Modernes. Ein humoristischer Etymolog nimmt die erste Worthälfte bar und will, ich weiß nicht, wo, gefunden haben, daß sich Klaus Narr eines solchen Geräts bei einem Ulmer Schifferstechen als Fahrzeugs in Ermangelung eines ordentlichen Nachens bedient habe. -- _Lichtkarz_, Karz, entweder von garten, müßig sein, umherschwärmen, z'Garten gehen, Besuch machen oder, wahrscheinlicher, von Kerze. Versammlung von Spinnerinnen, auch Vorsitz genannt. -- _Spitzweise_, spitzfindig; »mit spitzwysen Worten« (Ulmer Urk.).

S. 25. _Ein steinernes Haus._ Es ist das der Stiftskirche westlich gegenüberstehende Mäntlersche Haus (jetzt städtische Gebäude) gemeint, das gegenwärtig noch »zum Schlößlein« heißt. Es soll den Herrn von Kaltenthal gehört haben; Memminger, in seiner Beschreibung der Stadt, macht es aber sehr wahrscheinlich, daß das Gebäude von Anfang gräflich württembergisches Besitztum, und zwar einer der Sitze oder eine der Burgen gewesen sei, die nächst dem Stutengarten die Entstehung von Stuttgart veranlaßt haben mögen. -- _In natürlicher Kunst._ Natürlich, naturkundig. »Von den sachen des siechtumbs nach gemainen löffen der natur schreiben die natürlichen maister« (Steinhöwel, Ulmer Arzt). Natürliche Meister sind aber nicht bloß Aerzte, sondern auch Philosophen. In dem »Buch der sterbenden Menschheit« heißt es: »Ein mächtiger wolgelerter man in philosophia, das ist in natürlicher kunst.«

S. 26. _Imperial_, war ehemals eine Goldmünze; der Name ist nur noch in Rußland üblich.

S. 27. _Spiriguckes_, ein wunderwitziger, neugieriger, auf Kuriositäten erpichter Mensch von sonderbarem Wesen.

S. 28. _Mir nex -- usgang^a_, sagt man am Schlusse der Erzählung einer Sache, die auf nichts hinausläuft. -- _Bod^alaus_, bodenlos.

S. 29. _Zuteuerst_, sogar. -- _Irrsch_, nicht recht bei sich.

S. 30. _'s leit ^a Klötzle_, es liegt usw. Diese Zeilen finden sich ebenso in E. Meiers Kinderreimen. -- _Leirenbendel_, langweiliges Einerlei; zunächst der schwäbische Volksname für einen Vogel, Wendehals.

[Fußnote 3: A. a. O. S. 551.]

S. 31. _Gesetzlein_, Sprüchlein, Strophe eines Lieds. -- _Buntüberecks_, verkehrt, durcheinander.

S. 33. _Sottige_, söttige, sotte, solche. -- _Witzung_, Witzigung, Warnung.

S. 35. _Holdschaft_, Liebschaft, zärtliche Freundschaft.

S. 36. _Buksieren_, necken, plagen. -- _Knappen_, hinken.

S. 37. _Ehni_, Aehne, Großvater.

S. 38. _Heiratstag_, Verlobungstag.

S. 39. _Helle Wiese_, Hölle, Fegfeuer. »Der ward entzuckt vnd gefürt jn die helle wise« (Legende). -- _Morgen nach dem Bad_, Sprichwort: du kommst zu spät.

S. 41. _Der wirtembergische Niemez_ (Niemer, Niemand), einer der soviel als nichts ist, kein Gewerbe versteht oder treibt.

S. 43. _Bocken_, mit den Köpfen aneinander stoßen, klopfen. -- _Durnieren_, lärmen, lautähnlich mit durnen, donnern.