Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen
Part 8
Es fiel ihm ein, wer sie vor ihm besessen hatte; und er kam auf den Gedanken, daß in dem Geheimfach vielleicht Dokumente lägen, die für den jungen Mann, den Sohn der ehemaligen Besitzerin, von Wichtigkeit sein konnten. Und der Doktor vergegenwärtigte sich den jungen Mann, der schon damals sein Interesse wachgerufen hatte. Stolz hatte der Jüngling des Doktors Anerbieten, eine Dienerstelle bei ihm anzunehmen, abgeschlagen; und der Doktor hatte schon damals daran gedacht, ob nicht vielleicht ein Geheimnis über der Geburt des Jünglings schwebe.
Unser Doktor fackelte nicht lange, sondern holte Hammer und Brecheisen. Und ohne sich daran zu kehren, daß er die Truhe, die er einst für fünfzig Goldstücke erstanden hatte, zerstörte, schlug er sie so weit in Stücke, bis das Geheimfach zutage kam. Da lag ich nun, und da lagen ja nun auch die Papiere.“
„Höchst interessant!“ rief der Adler. „Ich habe wirklich schon lange nichts so Spannendes gehört.“
„Nahm er dich denn nun und gab er dich wieder in die Welt hinaus?“ fragte das Eisen.
„~Mich~ beachtete er zunächst überhaupt nicht,“ antwortete der Dukaten. „Er nahm vielmehr die Papiere, setzte sich an den Tisch und las sie durch; und dann las er sie zum zweiten und dritten Male. Ich lag inzwischen da und glänzte und freute mich, glücklich meinem Versteck entronnen zu sein. Ich hatte auch gar keine Angst, übersehen zu werden; denn das passiert einem Dukaten nie. Und ich kann auch nicht sagen, daß ich mich gelangweilt hätte. Denn der Doktor las laut aus den Papieren vor, hielt laute Selbstgespräche und machte überhaupt kein Geheimnis aus den Dingen, die er da so auf einmal entdeckt hatte. Es waren ja auch durchaus keine unwichtigen Papiere, die er in Händen hatte. Da war der Trauschein, ein Beweis dafür, daß die verstorbene Musiklehrerin eine wirkliche Gräfin war, gesetzlich getraut mit einem der reichsten Adligen des Landes. Und da war auch der Taufschein, durch den offenbar wurde, daß ihr Sohn -- jener junge Mann, der das Anerbieten des Doktors, Diener bei ihm zu sein, so stolz zurückgewiesen hatte -- daß dieser junge Mann der rechtmäßige Erbe dieses Adligen war. Der alte Armenarzt lachte hell auf bei dem Gedanken, daß er beinahe einen wirklichen Grafen zum Diener bekommen hätte.
Aber es kam noch etwas ganz andres dazu, wodurch das Interesse des Doktors noch viel mehr gesteigert wurde. Es war ihm so, als hätte er gerade heute in der Zeitung etwas von jenem Grafen, also dem Vater des jungen Mannes, gelesen. Er sprang auf, um die Zeitung zu suchen. Wie eine Fliege in einer Flasche, so schwirrte er im Zimmer umher, konnte aber die Zeitungsnummer nicht finden. Da lief er, wie er ging und stand, auf die Straße hinunter und kaufte die Nummer der Zeitung. Atemlos kehrte er auf sein Zimmer zurück, faltete die Zeitung auseinander -- und richtig: der Graf, der einst mit der armen Musiklehrerin vermählt gewesen war, war soeben, plötzlich und unerwartet, in Paris gestorben. Unverheiratet, so stand in der Zeitung. Und da stand auch, daß der Titel und die großen Besitzungen auf eine Nebenlinie übergingen.
Der Doktor sprang auf, lief im Zimmer umher und rieb sich vergnügt die Hände. Der Nebenlinie werden wir was pusten! dachte er. Hier ist ein rechtmäßiger Erbe. Der wird eines schönen Tages hervortreten und seine Ansprüche erheben. Aber auf einmal fiel ihm ein, daß er ja in Wirklichkeit gar nicht wußte, wo dieser Erbe steckte.
Als er so nachsinnend in der Stube herumlief, bemerkte er mich. ‚Bei dir kann ich mich für die Entdeckung bedanken,‘ rief er. ‚Dich werd’ ich aufbewahren und dem Erben geben, sobald wir ihn finden. Er soll dich in Ehren halten, weil er dir seinen Rang und sein Vermögen schuldet.‘ -- Damit steckte er mich in seine Westentasche und fing von neuem an, darüber nachzudenken, was er tun sollte, um den jungen Grafen zu finden.“
„Hat er ihn gefunden... und hat der junge Graf dich in Ehren gehalten?“
Die Fragen regneten von allen Seiten auf den Dukaten nieder, der dann nach einer Weile fortfuhr:
„Es kam doch ein bißchen anders. Ich lag also in der Westentasche des Doktors und wartete auf die Ehre, die mir widerfahren sollte. Am nächsten Tage aber gab er mich aus Versehen einem seiner Patienten, einem armen Schreinergesellen.“
„Aach,“ rief der Adler. „Dann hören wir ja nicht das Ende der Geschichte.“
„Doch, das kriegt ihr trotzdem zu hören,“ sagte der Dukaten. „Der Schreinergeselle gab mich natürlich gleich aus, und so ging ich lange von Hand zu Hand, wie in alten Tagen, und wie es nun mal das Schicksal eines Dukaten ist. Ich erlebte nichts Besonderes bis zu dem Tage, wo der Mann, der mich gerade vor kurzem verdient hatte, am Tische saß und mit mir spielte, während seine Frau ihm etwas Merkwürdiges aus der Zeitung vorlas. Und was las sie vor? Die Geschichte des jungen Grafensohnes, die zugleich meine eigene Geschichte war. Wie die Papiere von dem alten Doktor gefunden worden waren, und wie er jahrelang die ganze Welt durchsucht hatte, bis er schließlich den Erben fand. Ausdrücklich stand dabei, daß die Entdeckung des Geheimfaches und der Papiere dadurch erfolgt sei, daß in der Truhe ein Dukaten klirrend aus einer Ritze hinabgefallen sei; dadurch sei der Doktor aufmerksam geworden, und er habe die Truhe zerschlagen. Und es stand auch da, daß man den jungen Grafen in einem fremden Lande als fleißigen, ordentlichen Mann gefunden habe, der sein Glück vollauf verdiente. Das erste, was er tat, war die Errichtung eines Grabdenkmals für seine Mutter. -- Was die beiden Leutchen wohl gesagt hätten, wenn sie gewußt hätten, daß der Dukaten, der die Hauptrolle in dieser Geschichte spielte, vor ihnen auf dem Tische lag!“
„Das war eine großartige Geschichte!“ rief das Blei, und alle andern stimmten mit ein. Nur der Adler konnte sich nicht enthalten zu sagen:
„Gewiß, die Geschichte ist schön -- jedenfalls schöner als die der andern Dukaten. Aber Gerechtigkeit ist selten in der Welt; sonst hättest du jetzt an der Uhrkette eines Grafen hängen müssen.“
„Man tröstet sich mit seinem guten Gewissen,“ erwiderte der Dukaten.
8. Kapitel:
Menschen.
So ungeduldig sie auch alle darauf waren, zu hören, was die beiden letzten Dukaten zu berichten hatten, mußten sie doch lange warten.
Denn jetzt war der Winter in das öde Land eingezogen.
Es kamen Stürme und Schnee und Eis, und zwar diesmal ärger als je zuvor. Fuchs und Bär fror es in ihrem Winterversteck, die Vorräte der Maus gingen zur Neige, und auch der Adler litt unter der Kälte. Der Frost ging so tief in die Erde hinab, daß die Wurzeln der Gräser erfroren; und die Samen, die dalagen und auf den nächsten Sommer warteten, nahmen Schaden an ihren Keimen. Eisen, Blei, Silber und Kupfer lagen tief versteckt unter fußhohem Schnee... Die fünf Dukaten waren ganz verschwunden. Man hätte glauben sollen, daß sie nie wieder zum Vorschein kommen würden. Denn wenn der Sturm wütete, lösten sich oft große Felsblöcke, die auf das Tal herabstürzten, so daß mehr unter ihnen begraben werden konnte als fünf kleine Goldstücke. Aber eine Geschichte mag so lang sein, wie sie will, sie nimmt schließlich doch ein Ende. Und der Winter mag noch so streng sein, es folgt doch ein Sommer darauf.
Die Sonne kam wieder hervor, der Schnee schmolz, die Bäche tauten auf; und die Keime, die der Frost in der armseligen Erde verschont hatte, schossen auf und grünten, so gut sie konnten. Die Metalle kamen wieder zum Vorschein, rostig und mit Kies und Sand bedeckt. Und auch die fünf Dukaten lagen wieder da; und man konnte ihnen nicht ansehen, was über ihre Köpfe dahingegangen war. Ihr Glanz war unvermindert.
„Gold bleibt Gold!“ sagte der Adler. „Alles Echte hat Bestand. Darum ist das Gold das vornehmste von allen Metallen, weil es nie rostet und sich nicht abnutzt.“
„Das tue ich auch nicht,“ sagte das Silber.
„Du bist ja an den Kanten ganz angelaufen. Schlecht bist du nicht, aber vor dem Golde mußt du zurückstehen.“
„Ich bin der stärkste von uns allen,“ sagte das Eisen.
„Du Ärmster!“ rief der Adler. „Du bist schwächer als alle andern. Keinen beißt der Rost so wie dich. Im Handumdrehen bist du weg.“
„Warum zanken wir uns?“ warf das Blei ein. „Wie im vorigen Jahre liegen wir hier immer noch nutzlos da, während sich draußen die Welt schön und reich entfaltet. Laßt uns hören, was die Dukaten uns zu erzählen haben. Zwei sind noch übrig, die uns nichts berichtet haben. Schaut uns an, wie mitgenommen und mit Grünspan überzogen wir sind. Und dann schaut die Dukaten an, die draußen in der Welt gewesen sind, die der Adler schlecht nennt. Sie glänzen aufs schönste.“
„Ja ja, erzählt!“ rief das Eisen.
„Meine Geschichte will ich euch gern berichten,“ sagte der vierte Dukaten. „Obwohl ich mein Geschick mit vielen andern gemein habe.“
„Ist die Geschichte schön?“ fragte ein kleines, kümmerliches Stiefmütterchen, das sich gerade geöffnet hatte. „Sonst fürchte ich mich. Wißt ihr: als ich im vorigen Jahr als winziger Samen im Kopfe meiner Mutter lag, da habe ich den zweiten Dukaten so etwas Greuliches erzählen hören. Das habe ich nie verwinden können. Darum sind meine Stengel so dünn und meine Blätter so klein.“
„Ja, die Geschichten der Dukaten eignen sich nicht für Kinder,“ sagte der Adler.
„Verschont uns doch um des Himmels willen mit dem dummen Geschwätz!“ rief das Eisen ungeduldig. „Wir wollen die Dukaten erzählen hören. Wenn hier einer diese Geschichten aus der Welt und dem Leben nicht vertragen kann, so mag er gefälligst weggehen. Wir sind doch Männer, sollt’ ich meinen.“
„Ich rechne mich allerdings zu den Damen,“ erwiderte das Stiefmütterchen. „Aber ich werde den Herren Metallen nicht zur Last fallen.“
„Danke, sehr freundlich!“ sagte das Eisen spöttisch. „Dann kann der Dukaten also beginnen.“
„Wenn ich nur wüßte, was ich erzählen soll!“ sagte der Dukaten.
„Wir sind hier im Tale nicht verwöhnt,“ meinte das Eisen. „Hier geschieht nie etwas Besonderes. Erzähl’ nur darauf los!“
„Auch ich,“ begann der vierte Dukaten, „habe natürlich viele Besitzer gehabt. Es ist nun mal unser Los, von Hand zu Hand zu gehen, wie schon meine verehrten Kollegen ganz richtig bemerkten. Wir können keinen Widerstand leisten; und wir können natürlich nicht im geringsten die Verantwortung übernehmen für das, was unsre Besitzer mit uns beginnen. Heute können wir in der Tasche eines ehrlichen Mannes liegen, und morgen in der eines Diebes. Das einemal kauft man Branntwein für uns, das andremal Rosen. Man fügt sich in sein Schicksal, ohne darum schlechter zu sein. Der Dukaten verliert seinen Wert nie, durch wessen Hände er auch gehen mag. Aber wenn sich das auch so verhält, so müßt ihr darum nicht glauben, daß ich ohne Gefühl bin. Auch ein Dukaten hat ein Herz wie andere Leute, und nicht alle unsre Herren sind uns gleich lieb. Von dem einen trennen wir uns betrübt, von dem andern mit Freuden. Die einen vergessen wir nie, die andern beachten wir kaum.“
„Das wäre also die Einleitung,“ rief das Silber. „Nun laß uns die Geschichte hören!“
„Unter allen meinen Besitzern,“ begann der vierte Dukaten, „war mir der liebste --“. Weiter aber sollte er nicht kommen in seiner Geschichte, denn der Adler unterbrach ihn von seiner Zinne mit dem Rufe:
„Da kommen Menschen!“
Ein Beben ging durch das öde Land.
Was für Menschen waren das, die da kamen? Und was wollten sie... Würde es gehen wie das letztemal, wo sie alles aufwühlten und niedertraten und dann wieder fortzogen und das Land öder und trauriger zurückließen, als es je gewesen? Oder kamen sie, um hier zu bleiben und im Lande zu wohnen und bessere Zeiten zu schaffen? Die Menschen könnten ja alles, pflegte der Adler zu sagen.
Jedenfalls war es vorbei mit dem Geschichtenerzählen der Dukaten. Weder die Schicksale des vierten noch des fünften Dukaten kamen je zu Ohren der andern Metalle und des Adlers und des Stiefmütterchens. Sie hatten ja nun alle andere Dinge im Kopfe.
„Die Menschen kommen natürlich, um die fünf Dukaten zu holen,“ sagte der Adler höhnisch. „Sie laufen bis ans Ende der Welt, um ein Stück Gold zu bekommen.“
Aber diesmal irrte sich der Adler.
Die Menschen, die jetzt kamen, sahen ganz anders aus wie der ungeordnete Haufe der Goldgräber, die vor Jahren im Lande gehaust hatten. Sie waren kräftig und arbeitstüchtig und kamen in geordnetem Trupp. An ihrer Spitze stand ein junger Ingenieur, der mit ruhiger Stimme Befehle erteilte, und dem die Leute ohne Murren gehorchten. Er sah sich im Tale um, beklopfte die Steine, steckte seinen Spaten hier und da hinab, prüfte die Metalle in einem kleinen Tiegel, den er mitgebracht hatte. Mit dem Resultat seiner Untersuchungen schien er außerordentlich zufrieden zu sein. Nachdem die Leute Zelte aufgeschlagen und sich mit den mitgebrachten Gegenständen so gut wie möglich eingerichtet hatten, rief er den ganzen Trupp zusammen und sagte:
„Wir sind hier an sehr, sehr reiche Eisenminen gekommen. Früher ist hier Gold gewesen, aber das ist weg. Jetzt ist hier noch Silber, Kupfer und Blei. Doch am reichlichsten ist Eisen vorhanden, und zwar so gutes Eisen wie an wenigen Stellen in der Welt. Der Mann, der dieses Land gekauft und uns hierher gesandt hat, wird steinreich. Und auch wir können ein schönes Stück Geld mit unserer Arbeit verdienen. Wir wollen gutes Muts sein und gleichmäßigen Fleiß anwenden, dann sollt ihr sehen, welch ungeheure Menge Eisen wir gewinnen werden.“
Die Leute riefen Hurra! und gingen an die Arbeit. Nach kurzer Zeit aber stieß einer von ihnen einen lauten Schrei aus:
„Gold! Gold! Gold!“
Alle zuckten zusammen, auch der junge Ingenieur, der soeben so ruhig und vernünftig gesprochen hatte, und alle liefen herzu. Aber der Adler schlug mit den Flügeln und rief höhnisch:
„Seht ihr... es kommt, wie ich gesagt habe! Jetzt sind sie wieder ganz aus dem Häuschen.“
Das Gold, das der Mann gefunden hatte, war nichts anderes als die fünf Dukaten. Der junge Ingenieur hielt sie in der Hand und betrachtete sie:
„Es sind nur fünf. Wahrscheinlich hat sie einer der Goldgräber früher hier verloren. Wer weiß: vielleicht ist er hier gestorben oder verunglückt. Das Gold regiert die Welt, im guten wie im bösen. Wir können es nicht entbehren. Das Gold setzt unser Minenwerk in Gang. Aber glücklich der, der sein Gold durch ehrliche, redliche Arbeit erwirbt... Glücklicher ist er als der, der es auf der Erde findet. Diese fünf Dukaten sollen den Grundstock zu einer Krankenkasse für diejenigen von uns bilden, die bei der Arbeit zu Schaden kommen.“
Hiermit waren alle einverstanden, und nun wurde der Minenbetrieb in Gang gesetzt. Die Hacken erklangen, und es trafen Maschinen ein, die vom Morgen bis zum Abend stampften und arbeiteten. Ein ganzes Dorf mit hohen Schornsteinen wurde gebaut; Eisenbahnen wurden angelegt, und niemand konnte das böse Land wiedererkennen.
„Nun geht es,“ rief das Eisen. „Hurra! Nun kommen wir in die Welt hinaus!... nun sind wir ebenso gut wie das Gold!“
„Das werdet ihr nie,“ sagte der Adler. „Mit einem kleinen Stück Gold kann man einen Berg Eisen bezahlen. Die Männer, die euch aus der Erde gewinnen, werden jeden Sonnabend von dem Ingenieur mit Goldgeld bezahlt. Aber jetzt will ich fortfliegen, denn hier wird es mir zu lebhaft.“
Damit flog er auf seinen breiten Schwingen in ödere Gegenden.
Sand.
Die schwarze Erde und der weiße Sand kommen nicht so leicht ins Gespräch miteinander. Sie wohnen an verschiedenen Orten und sprechen verschiedene Sprachen. Nicht einmal im Traume begegnen sie sich; denn das Erdreich träumt von grünen Wäldern, roten Rosen und gutem, goldenem Getreide, der Sand aber träumt nur vom Sandhaargras und den wilden Wellen.
Zuweilen kommen sie einander nahe, ohne daß aber jemals eine rechte Gemeinschaft zwischen ihnen entstünde. Denn der Wind weht viel Sand über das Erdreich hin, und Fuchs, Hase, Buchfink und Maikäfer tragen an ihren Füßen, ohne darüber nachzudenken, Erde in den Sand hinaus. So vermischen sie sich, und mitten zwischen der richtigen Erde und dem richtigen Sande entsteht ein Stück, das weder das eine noch das andere ist. ~Magere~ Erde nennt es der Bauer, weil es ihm nicht so viel Ertrag bringt wie die Ackererde. ~Gute~ Erde nennt es der Fischer, weil es ihm mehr gibt als der Sand.
Aber da war einmal eine Stelle, wo das schwarze Erdreich und der weiße Sand sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, so daß sie sich unbedingt in die Augen sehen mußten. Da lernten sie auch zusammen sprechen, und es kam zu einem grauenhaften Spektakel zwischen ihnen.
Es ging so zu, daß da ein Mann war, der einst ein glückliches Leben auf der schwarzen Erde geführt hatte, dort, wo die Wälder und das Getreide und die Rosen wachsen. Doch dann war ihm etwas Böses widerfahren, so daß er es in seiner Heimat nicht mehr aushielt. Er meinte, den Rest seines Lebens da zubringen zu müssen, wo es wild und öde und unheimlich war. Darum erbaute er sich ein kleines niedriges Haus, so nahe am Strande, wie nur möglich, zwischen zwei Dünen, auf denen nur Sandhaargras und kleine Weidenbüsche und dergleichen armselige Pflanzen wuchsen. Vom Fenster aus konnte man über das weite Meer blicken, das manchmal ein ohrenbetäubendes Gebrüll erhob. Man konnte ein weites Stück am Strande entlanggehen, ohne ein Haus oder einen Garten zu sehen.
Nun war es so um den Mann bestellt, daß er sich trotzdem nach dem, was er verloren, sehnte. Darum hatte er sich einen kleinen Garten angelegt, der ihn viel Geld und Arbeit kostete. Von weit her ließ er schwere Fuhren Erde kommen, die die Pferde kaum durch den Sand ziehen konnten. Er pflanzte, säte und schützte die jungen Keime vor dem Sturm und der Kälte, die vom Meere herüberkamen. Nachdem viele Jahre verstrichen waren, hatte er das Ziel seiner Wünsche erreicht und konnte an schönen Sommertagen im Schatten seiner grünen Bäume sitzen, seine Rosen pflücken und an die großen Wälder von einst denken. Jetzt war er allerdings ein alter Mann. Aber das hat nichts mit der Geschichte zu tun. Der ganze Mann hat nur insofern etwas für die Geschichte zu bedeuten, als er den Garten angelegt und dadurch das Erdreich und den Sand einander so nahegebracht hatte, daß sie sich gegenseitig ihre Komplimente machen konnten.
Das geschah an der Südseite des Gartens, wo ein Bretterzaun stand, der aus den Planken gestrandeter Schiffe hergestellt war. Der Zaun war mit starken Pfählen eingerammt, doch unter den Brettern war eine kleine Öffnung, aus der das Erdreich hervorschaute und dem Sand in sein weißes Gesicht starrte.
Hier beginnt die Geschichte. Der, der sie erzählt, hat sie mit seinen eigenen Ohren mitangehört; denn er hat sowohl innerhalb des Bretterzauns im Schatten der Bäume gesessen, als auch draußen gelegen, wo der weiße Sand regiert. Und er hat selber das Loch unter dem Zaune gesehen und alle die seltsamen Wesen, die in dieser Geschichte auftreten.
Sobald am Morgen die Sonne aufging, begann die Erde allerhand anzügliche Reden, die den Sand ärgern sollten und es auch taten.
Wenn der Sand diesen Morgengruß hörte, gebärdete er sich wie verrückt und rief:
„Lieber Wind, lieber Wind! Nimm mich, heb’ mich, feg’ mich!“
„Mit Vergnügen!“ erwiderte der Wind.
Und dann fuhr der Sand wie ein Rasender gegen den Zaun; aber das half ihm nichts, denn der Zaun stand fest und wich keinen Finger breit; und wenn auch etwas Sand in den Garten hinabwehte, so lachte die Erde doch bloß darüber. Denn sie wußte, daß nach einem Weilchen der alte Mann mit seiner Schaufel kommen und den naseweisen Sand dahin zurückwerfen würde, von wo er gekommen.
Es dauerte nicht lange, so lief der Wind weiter, an andere Stellen, wo er auch zu tun hatte, oder legte sich in das Sandhaargras und flüsterte. Der Sand beruhigte sich dann auch wieder, lag mit sonderbaren, ärgerlichen Streifen und Runzeln da und dachte über die Dinge nach.
„Eigentlich weiß ich nicht, worauf du dir so viel einbildest,“ sagte er. „Warum sind deine Rosen und dein Gras besser als mein Sandhaargras? Hast du nicht meine kleinen Weidenbüsche gesehen? Und mein Mannstreu und meinen Strandkohl?“
„Singe mir etwas davon vor,“ erwiderte die Erde. „Warum singst du nicht ein Liedchen von deinem Reichtum?“
„Das kann ich nicht,“ sagte der Sand sehr traurig.
„Siehst du, das kannst du nicht!“ triumphierte das schwarze Erdreich und dehnte sich fett und üppig. „Das ist es eben. Vom Mannstreu und vom Sandhaargras kann man kein Liedchen singen. Es liegt keine Poesie darin. Von Rosen aber und grünen Bäumen, davon kann man singen. Die Vögel -- --“
„Ich habe auch Vögel!“ rief der Sand. „Möwen und Seeschwalben und viele andere.“
„Das sind mir nette Kerle! Die ~singen~ doch nicht... die kreischen und schreien ja, daß sich ein anständiger Mensch die Ohren zuhalten muß. Und was für ein Leben führen sie? Die Eier schmeißen sie auf den nackten Sand, und dann legen sie sich selbst darauf. Keine Spur von einem Nest oder von irgendwelcher Gemütlichkeit! Die Jungen müssen, wenn sie kaum ausgewachsen sind, sich selber ihr Futter verschaffen. Das sind schöne Verhältnisse, muß ich sagen! Aber Gott behüte... arme Leute müssen ja mit allem zufrieden sein.“
„Sind deine Vögel denn besser?“
„Was faselst du da? Hier draußen ist freilich nicht viel los. Aber dort, woher ich stamme... da kannst du Vögel sehen, verehrter Freund! Sie singen, daß die Menschen stehenbleiben und lauschen ... Da gibt es Nachtigallen und Hänflinge, Zeisige, Drosseln und Finken. Sie bauen sich die niedlichsten Nester in den Büschen, füttern sie mit Daunen, Haaren und schönem Heu von der Wiese aus, so daß ihre Jungen wie Prinzen und Prinzessinnen darin leben können. Es geht ihnen sehr gut, verstehst du. Ich versorge sie ausgezeichnet, trage Beeren und Getreide für die, die es gerne fressen, und sie bekommen Fliegen und Würmer, soviel sie nur wollen.“
Der Sand lag da und dachte sich immer mehr und mehr in Wut und Ärger hinein. Als es Abend wurde, wehte und stob er zu seinem Privatvergnügen umher, häufte kleine Dünen auf und trug die Hügel an andere Stellen ab und benahm sich überhaupt, wie Sand sich zu benehmen pflegt. Dadurch besserte sich seine Laune allmählich.
„Wie du dich aufführst!“ rief die Erde. „Fliegst und stiebst umher. Eine ordentliche Pflanze könnte nie auf den Gedanken kommen, Wurzel in dir zu fassen, selbst wenn du ihr Nahrung bötest. Du würdest ja bald ihre Wurzeln bloßlegen und bald die ganze Pflanze begraben. Das gute Wasser läßt du durchsickern, als wäre es Schmutz... Du bist ein ganz leichtsinniger, unmöglicher Patron. Ich bin überzeugt, daß du selbst an deiner Armut schuld bist.“
„Ich bin, wie ich bin!“ erwiderte der Sand. „Ich liege still und fege umher, ganz wie es mir gefällt. Ich bin Herr über mein Gebiet wie du über deinen kleinen Fleck. Soweit du sehen kannst, herrsche ~ich~ längs des Meeres. Die Wellen spülen mich herauf, und die Wellen nehmen mich wieder. Der Wind trägt mich, und der Wind läßt mich fahren. Ich bin naß und bin trocken, wie es kommt.“
„Du solltest werden wie ich,“ sagte die Erde. „Schwer und fett und ruhig. Dann würden die Pflanzen in dir wurzeln, und du würdest reich werden.“
* * *
Es war Mai, und es war wunderschön in den Dünen. Vom Strande aus war nichts anderes zu sehen als Sandhaargras und dann das Häuschen des alten Mannes mit dem Garten; die bunten Krokus standen in Blüte, und alle Bäume und Sträucher trugen dicke Knospen. Aber auf der Seite der Dünen, die gegen den Wind geschützt war, glänzte und leuchtete es so von Stiefmütterchen, daß selbst die schwarze Erde ordentlich neidisch wurde.
„Ei,“ sagte sie, „ich glaube wirklich, du willst mir nachäffen. Die Blumen hast du wohl gestohlen? Wie in aller Welt sollte deinem dürren Schoße all die Pracht entsprießen?“
„Ja... da siehst du es!“ rief der Sand stolz. „So sehe ich aus, wenn ich blühe.“
„Recht nett,“ meinte die Erde. „Aber das ist ja nicht echt. Bevor der Monat um ist, ist der dünne Staat längst abgeblüht.“