Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

Part 6

Chapter 63,905 wordsPublic domain

„Keine ruhige Stunde habe ich seit jener furchtbaren Nacht gehabt,“ murmelte er. „Wachend und träumend habe ich mein Opfer vor mir gesehen. Das Gold hat mich nicht froh gemacht... das Essen hat mir nicht gemundet... kein Mensch hat mich zu trösten vermocht. Weder Arbeit noch Genuß haben mich das Geschehene vergessen lassen.“

Mit zitternder Hand streckte er seinen Stock vor und berührte den Bleiklumpen.

„Mit dem da hab’ ich’s vollbracht. Ich muß von Sinnen gewesen sein... das grauenhafte Gold hat in der einen Nacht einen andern, entsetzlichen Menschen aus mir gemacht. Im Augenblick war geschehen, was nie wieder gutzumachen war.“

Nun warf der Mann seinen Stock fort und suchte in seinen Taschen. Er nahm ein paar Goldstücke hervor und warf sie auf die Erde. Es waren fünf Dukaten, und jetzt leuchteten sie zwischen den Steinen.

„Ich habe alles mit mir genommen, was von meinem Reichtum übriggeblieben ist. Das andre habe ich verpraßt und verschenkt. Diese Goldstücke hier werfe ich wieder in das böse Land, aus dem sie gekommen sind... Verfluchtes Gold! Verfluchtes Gold!“

Dann warf er sich vornüber gegen den Bleiklumpen und zerschmetterte sein Haupt. Das Echo seines Schreies aber hallte durch das öde Tal hin:

„Verfluchtes Gold!.... Verfluchtes Gold!“

„Habt ihr’s gesehen? Habt ihr’s gehört?“ rief der Adler.

5. Kapitel:

Der erste Dukaten.

Die Sonne schien wieder auf das böse Land.

Eisen, Blei und Kupfer brüteten träumend vor sich hin, das Silber leuchtete matt und betrübt. Auf der Felsenspitze saß der Adler und blickte in die Welt hinaus. Das Moos grünte, der Bach war blau, und die Blumen waren so schön, wie sie es in ihrer Armseligkeit nur sein konnten. Der Fuchs schlich im Tale umher, ohne Nahrung zu finden. Die Gebeine der Goldgräber waren zerfallen und durch herabgefallene Felsstücke zerschmettert worden. Und den letzten Toten -- den Jüngeren, der so alt geworden war -- hatte der Fuchs selber mit verspeisen helfen.

Mitten in dem Tale lagen die fünf Dukaten.

Sie waren mit Erde bedeckt gewesen, aber der Regen hatte sie wieder reingewaschen. Nun glänzten sie und warfen die Sonnenstrahlen zurück, so daß man es fast nicht ertragen konnte, sie anzusehen.

„Ja -- nun seid ihr also wieder hier!“ rief der Adler. „Geprägt und gestempelt seid ihr, und doch hat das alles jetzt gar keinen Zweck mehr. Ihr seid wieder den andern Metallen gleich -- liegt in der Erde und wartet und sehnt euch. Aber ihr sehnt euch ~mehr~ als die andern. Denn ihr habt euch draußen in der Welt umgesehen und habt Geschmack bekommen an Gutem und Bösem.“

„Wir wollen wieder in die Welt hinaus!... Wir wollen fort!.... Wir wollen nach Hause!“ schrien die fünf Dukaten wirr durcheinander.

„Pah!“ erwiderte der Adler. „Von hier holt euch niemand fort. Ihr seid fertig, Kinderchen! Mit euch ist’s aus!“

„Erzählt uns ein wenig von der Welt, in der ihr wart!“ sagte das Eisen.

„Erzählt uns von den Menschen!“ bat das Blei.

„Glaubt ihr nicht, daß sie auch uns holen kommen?“ fragte das Kupfer.

„Ach, warum haben sie nicht an mich gedacht?“ rief das Silber. -- „Bin ich nicht auch schön?“

„Die Menschen sind böse... die Menschen sind gut... Schweigt still und laßt mich erzählen! Ich habe mehr erlebt als du.“

Die fünf Dukaten schrien durcheinander.

„Hört nicht auf sie!“ mahnte der Adler. „Sie können euch nichts erzählen, was ihr nicht schon von mir wißt. Ich fliege hoch über der Welt und sehe alles.... nichts entgeht meinem Blick.“

„Teufel auch!“ rief der erste Dukaten. „Was kannst du denn aus der Luft sehen? Du kannst ja den Menschen nie nahekommen... du hast Angst vor ihnen!“

„Bist du etwa in ihrer Tasche gewesen?“ fragte der zweite Dukaten. „Hast du ihr Herz klopfen hören?“

„Hast du ihre Augen um deinetwillen strahlen sehen?“ fiel der dritte Dukaten ein. „Hast du sie toll gemacht vor Glückseligkeit?“

„Bist du je schuld daran gewesen, daß sie bis zum Tode verzweifelt waren?“ fragte der vierte Dukaten. „Haben sie je deinetwegen schlaflose Nächte gehabt?“

„Bist du etwa bei ihnen in ihrem stillen Kämmerlein gewesen?“ rief der fünfte Dukaten. „Hat ihre Hand dich gestreichelt, hat ihr Mund dich geküßt? -- Nichts weißt du von den Menschen!“

„Erzählt!“ bat das Eisen flehentlich. „Erzählt doch alle, was ihr wißt... einer nach dem andern. Wir können nie genug hören... Wir sehnen uns so... Fangt an!“

„Ich mag das nicht mit anhören,“ rief der Adler.

Er lüftete die Flügel, blieb aber dennoch sitzen.

Und nun ergriff der erste Dukaten das Wort und erzählte:

„Ich bin einmal bei einem Gastwirt gewesen --“

„Nein, nein!“ rief das Eisen dazwischen. „Du sollst hübsch ordentlich mit dem Anfang beginnen, wir wollen uns nicht das geringste entgehen lassen. Du bist doch wohl mal ein Klumpen gewesen, hast mit im Berge gelegen?“

„Allerdings,“ gab der Dukaten zur Antwort. „Das ist aber schon sehr, sehr lange her. Mir ist seitdem so fürchterlich viel passiert, daß meine Kindheit mir fast aus dem Gedächtnis entschwunden ist. Ja... wart einmal... jetzt entsinne ich mich. Ich lag im Klumpen an einer wilden, öden Stelle. Ungefähr wie hier sah es aus. Je mehr ich mich umschaue, desto mehr scheint mir meine Heimat diesem Tale hier zu gleichen. Auch dort saß ein Adler auf der Felsenspitze... und es gab dort gleichfalls Silber und Blei und Eisen und Kupfer; nur lag es nicht so offen, der Boden war nicht so aufgewühlt wie hier.“

„Früher war’s hier auch anders!“ sagte der Adler. „Aber erzähle nur weiter!“

„Jetzt erinnere ich mich... neben dem Goldklumpen, der mich enthielt, lag ein Bleiklumpen. Und dann kamen zwei Männer, die fanden mich... ein alter und ein junger. Und der junge erschlug mit dem Bleiklumpen den alten... und trug mich und den ganzen Goldklumpen, in dem ich war, fort. Jetzt weiß ich wieder alles ganz deutlich... er hatte große Angst und lief und versteckte sich vor jedem Laut in der Luft.“

„Wir haben ihn gesehen!“ sagte der Adler.

„Wir haben ihn gesehen!“ fielen auch die andern ein.

„Du bist hier aus dieser Gegend!“ erklärte der Adler. „Du warst in dem ersten Goldklumpen enthalten, der von hier weggetragen wurde.“

„Herrgott!“ rief der erste Dukaten. „Dann sag’ ich auch allen guten Tag! Seid mir nicht böse, weil ich euch nicht wiedererkannt habe. Aber ihr wißt ja: wenn man so lange draußen in der weiten Welt gelebt hat....“

„Dann wird man ein feiner, großer Herr,“ fiel der Adler ein. „Das kennen wir. Aber weißt du auch, daß der Mann, der dich hierher getragen und dich und deine vier Geschwister von sich geworfen hat, derselbe war, der damals seinen Freund erschlug und den Goldklumpen aus diesem Lande mit sich nahm?“

„Nein, wirklich!“ rief der Dukaten. „Die Sache wird ja immer merkwürdiger. Ich hab’ ihn gar nicht erkannt.... die Menschen gleichen sich alle, und ich bin in so vielen Händen gewesen.“

„Allerdings!“ bestätigte der Adler.

Doch das Eisen bat: „Erzähle! Erzähle!“ Und das Blei und das Kupfer und das Silber stimmten mit ein.

„In der Stadt brachte der Mann den Klumpen auf die Bank,“ fuhr nun der Dukaten in seiner Erzählung fort. „Da bekam er viel, viel Geld dafür ... es wurde auf dem Tische aufgezählt: Papiergeld, Gold und Silber. Die Leute sagten, ein so großer Klumpen sei überhaupt noch nie gefunden worden.“

„Sie hatten recht,“ unterbrach ihn der Adler. „Ich habe viel gesehen, aber noch nie einen solchen Klumpen Gold. Er hat allerdings gleich, als er gefunden wurde, ein Menschenleben gekostet!“

„Laß doch den Dukaten erzählen!“ rief das Eisen ungeduldig dazwischen.

„Dann kam der Klumpen in die Münze,“ fuhr der Dukaten fort. „Ein gehöriger Haufe Goldstücke wurde aus uns... lauter funkelnagelneue Dukaten mit dem Bilde des Königs. Wir wurden in Rollen zu zehn und zehn gelegt und sorgfältig eingepackt. Dann wurden wir zur Bank getragen ... das heißt ~ich~ wurde von dem Mann, der mich trug, gestohlen. Er nahm mich, weil ich zu oberst lag... ich glaube, er nahm ~ein~ Goldstück von jeder Rolle.“

„Seht ihr!“ sagte der Adler. „Es kommt, wie ich prophezeit habe. Aus dem Golde entsteht nichts als Unglück und Verbrechen.“

„Am Abend hat er mich im Wirtshaus verspielt,“ erzählte der Dukaten weiter. „Gerade als er mich verloren hatte, kam die Polizei und verhaftete ihn wegen seines Diebstahls. Der, der mich gewann, spielte mit einer falschen Karte. Als die andern den Betrug entdeckten, entstand eine große Schlägerei. Schließlich einigte man sich dahin, mich in Branntwein umzusetzen. So gelangte ich in die Schublade des Wirtes. Gegen Morgen kam wieder ein Dieb und stahl mich.“

„Grauenhaft!“ warf das Eisen ein.

„Hab’ ich es nicht prophezeit?“ rief der Adler. „Und ich bin überzeugt, das ist noch nicht alles.“

„Gewiß nicht,“ fuhr der Dukaten fort. „Denn drei Tage darauf wurde der Dieb ergriffen. Und niemand meldete sich als mein Eigentümer... Der Wirt hatte wohl selber so viel auf dem Gewissen, daß er nichts mit der Polizei zu tun haben, sondern lieber seinen Verlust schweigend ertragen wollte. So wurde ich konfisziert und kam zusammen mit vielen andern Kameraden in die Kasse eines Armenhauses.“

„Nun kommt Ordnung in die Dinge,“ sagte das Eisen.

„Wart es ab,“ meinte der Adler.

Und der Dukaten erzählte weiter: „Der Rechnungsführer des Armenhauses stahl mich wieder und steckte mich in seine eigne Tasche. Aber da blieb ich nicht lange, denn er war arm und hatte viele Kinder und viele Rechnungen zu bezahlen. Darum weiß ich nicht, was später aus ihm geworden ist.“

„Aber was ist denn aus ~dir~ geworden?“ fragte das Eisen.

„Ich ging von Hand zu Hand. Etwas besonders Merkwürdiges ist mir dann nicht mehr widerfahren, bis ich hierher gelangte und auf die Erde geworfen wurde. Aber daß ich wirklich wieder in das Land meiner Kindheit zurückgekommen bin, das ist ja beinah das Merkwürdigste von allem! Und damit endigt dann auch wohl meine Geschichte. Denn von hier wird mich wohl niemand holen.“

„Sei froh, daß du Frieden gefunden hast,“ meinte der Adler. „Du hast dich genug in der Welt herumgetrieben.“

„Findest du? Ich kann dir versichern, daß ich sehr gerne wieder hinaus möchte. Ich bin rund und will rollen. Es ist so amüsant, etwas zu erleben, von Hand zu Hand zu gehen. Und es kümmert mich ja nicht, was die Menschen mit mir machen.“

„Dein Gewissen ist zusammen mit deinen Kanten abgeschliffen worden,“ sagte der Adler.

„Unsinn!“ rief das Goldstück. „Davon verstehst du nichts, du alter Adler. Aber sei doch so gut und nimm mich in deinen Schnabel und trag’ mich in die Welt hinaus! Dann kannst du mich irgendwo fallen lassen, wo Menschen sind... am liebsten mitten in eine Stadt... auf den Markt... Dann bin ich wieder im Leben drin.“

Doch der Adler gab ihm zur Antwort: „Bleib du, wo du bist; und laß sehen, ob Regen, Schnee und Eis nicht dein Gepräge verschleißen können, damit du wieder gut und unschuldig wirst, wie du es früher warst.“

„Meine Sehnsucht können sie mir nicht verschleißen,“ sagte der Dukaten.

Und das Eisen und das Blei und das Silber und das Kupfer seufzten und empfanden, wie wahr das sei.

6. Kapitel:

Der zweite Dukaten.

„Der nächste Dukaten soll erzählen!“ sagte das Eisen.

„Wart’ bis morgen, dann bin ich tot,“ rief der Schmetterling, der zwischen den spärlichen Blumen umherflog. „Ich ertrag’ es nicht, noch mehr zu hören von diesen greulichen, garstigen Dingen.“

„Ihr solltet einfach gar nicht zuhören!“ sagte der Adler. „Ich habe euch ja schon erzählt, wie die Sache sich verhält... Was wollt ihr mit all den Einzelheiten? Die Menschen sind sich in der ganzen Welt gleich, darauf könnt ihr euch verlassen! Sind sie gut, so macht das Gold sie schlecht. Sind sie schlecht, so macht es sie nur noch schlechter. Ihr hättet euch damit begnügen können, was ich euch gesagt habe und was ihr selbst in der Nacht, als der erste Goldklumpen gefunden wurde, gesehen habt. Und froh solltet ihr sein, daß wir wieder unter uns sind, und solltet bitten, daß der Regen und der Sturm und der Winter das Unglück wieder gutmachen möchten, das die Menschen in der Zeit, als sie in unserem Tale hausten, angerichtet haben!“

„Wie du schwatzest!“ rief das Blei. „Bist ~du~ denn eigentlich so viel besser als die Menschen? Ich finde, du bist ein Räuber wie sie, wenn auch auf andre Art. Und was haben wir von den Menschen zu fürchten? ~Du~ hast allerdings allen Grund, Angst zu haben, trotz deines hohen Standorts und deiner breiten Flügel -- aber ~wir~? Laß uns in Ruhe und kümmre dich um deine Jagd und deine Fahrt durch die Luft!“

„Hat man je so etwas gehört?“ sagte der Adler. „So ein Klumpen toten Metalls will mitreden und den Adler zurechtweisen. Was ist das Blei, und was bin ich? Ich will nicht länger bei euch sein. Erzählt euch, soviel ihr Lust habt. Ich kann eure Geschichten auswendig und mag sie nicht mehr hören.“

Damit breitete er seine gewaltigen Schwingen aus und stieg empor. Aber als kurz darauf der zweite Dukaten zu erzählen anfing, saß er dennoch wieder auf seiner Felsenspitze und hörte mit den andern zu.

„Ich kann nicht so amüsant erzählen wie mein Gefährte,“ begann der zweite Dukaten. „Denn ich habe nicht so viel bunte Dinge erlebt, obwohl das meiste traurig genug ist. Eigentlich habe ich ein recht trübes Dasein geführt, denn ich habe fast die ganze Zeit über in einer Truhe gelegen.“

„Höchst sonderbar,“ warf das Eisen ein. „Ich dachte, Dukaten müßten rollen. Was für Freude kann es einem bereiten, sie daliegen zu haben, wenn man sie nicht in Gebrauch nimmt?“

„Dahinter steckt irgend etwas,“ sagte der Adler. „Glaubt mir, es wird alles an den Tag kommen.“

„Na, bist du wieder da, alter Adler?“ rief der Bleiklumpen und lachte. „Aber laß uns hören, was uns der Dukaten zu erzählen hat!“

„Ich bin weder gestohlen noch geraubt noch durch falsches Spiel gewonnen worden. Geradeswegs bin ich von Hand zu Hand gegangen in Handel und Wandel, bis ich bei einem landete, der mich behielt. Ich wurde einem Handwerker ausbezahlt als Lohn für seine Arbeit. Aber nur einen einzigen Tag lang lag ich in seiner Schublade. Dann nahm er mich heraus, betrachtete mich lange und seufzte tief. Seine Frau stand weinend daneben, und sieben Kinder mit hungrigen Mündern waren um sie herum. Aber es half nichts. Er mußte mich forttragen zu einem alten Wucherer, der ihm Geld geliehen hatte. Die Möbel des Mannes bildeten die Bürgschaft; und wenn er nicht zahlte, so nahm der Wucherer die Möbel. Es war der letzte Termin, -- und doch konnte ich die Schuld noch nicht ganz decken. Und der Mann mußte den Wucherer anbetteln, ihm zur Bezahlung des kleinen Restes, der noch übrig blieb, Aufschub zu geben. Der wurde ihm gewährt, wogegen er blutige Zinsen versprach. Die Geschichte endigte damit, daß der unglückliche Mann nicht zahlen konnte, alles verlor, was er besaß, und sich aus Kummer darüber, daß er den Seinen kein Brot schaffen konnte, erhängte. Ich hörte es ihn zu dem Wucherer sagen, daß er’s tun wollte, als er das letztemal bei ihm war. Und am nächsten Tage las der Wucherer es in der Zeitung, ohne eine Miene zu verziehen.“

„Schrecklich!“ Der Adler sagte es. „Und das nennst du nicht ein ebenso grauenhaftes Schicksal wie das deines Kollegen?“

„Ach was -- Schicksal! Ein Dukaten hat kein Schicksal. Ich war ja nur ganz kurze Zeit bei dem Handwerker. Möchte man über alles gleich heulen, so würde man sich aufreiben. Aber es ist allerdings mein einziges großes Erlebnis, da ich von da an viele Jahre hindurch in der Geldtruhe des Wucherers liegen blieb. Trotzdem hab’ ich ja mancherlei vom Leben gesehen.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen.

„Erzähl’! Erzähl’!“ riefen auch das Blei und das Kupfer und das Silber.

„Ja... seht ihr... jeden Abend und im übrigen auch sonst oft am Tage schloß er die Truhe auf .... sobald er allein war, versteht ihr, und sicher war, daß niemand ihn belauern konnte. Dann nahm er uns alle heraus und breitete uns auf seinem Tische aus. Viele, viele Dukaten waren es, und Scheine und Papiere, die ebensoviel wert waren wie rotes Gold.“

„Was?“ unterbrach das Blei den Dukaten. „Kann Papier ebensoviel wert sein wie Gold?“

„Und ob!“ erklärte der Adler. „Das wollt’ ich meinen. Ein kleines viereckiges Stück Papier kann ebensoviel wert sein wie tausend Dukaten. Man geht einfach zur Bank damit, und die tausend Dukaten werden einem sofort ausbezahlt. Das haben sich die Menschen so ausgedacht, damit sie nicht immer so viele schwere Goldstücke mit sich herumzuschleppen brauchen. Und wie behutsam gehen sie mit den Scheinen um! Gott gnade dem, der sie nachzumachen versucht. Er wird streng bestraft.“

„Erzähle weiter, Dukaten!“ sagte das Eisen. „Kann denn niemand dem Adler den Mund verbieten? Er muß fortwährend seinen Senf dazu geben, obwohl niemand ihn nach seiner Meinung fragt.“

Und der Dukaten fuhr fort: „Es war ja ganz nett, so auf dem Tisch liegen und sich ein wenig umsehen zu können. In guter Gesellschaft waren wir ja; denn was der Adler von dem Papiergeld erzählt, das ist ganz richtig. Es lag in Bündeln zusammengebunden, und wir Dukaten lagen ordentlich abgezählt in Rollen. Aber denkt euch: immer wieder löste der Wucherer uns auf und zählte uns nach. Es war ganz unglaublich, wie oft er es tat. Er hatte nämlich Angst, es könne einer von uns abhanden gekommen oder gestohlen worden sein. Und dann machte es ihm auch Spaß, sich davon zu überzeugen, wie viele wir waren. Ihr hättet bloß sehen sollen, wie seine Augen vor Freude strahlten, wenn er uns ansah. Und seine Hände zitterten, wenn er uns anrührte; sein ganzer Körper bebte wie im Fieber.“

„Hat er nie einen von euch ausgegeben?“ fragte das Silber.

„Nie,“ erwiderte der Dukaten. „Es kamen nur immer neue hinzu; aber kein einziger von uns gelangte wieder in die Welt hinaus, wenn wir erst einmal in seiner Truhe gelandet waren. Mochte es draußen noch so kalt sein, nie hatte er ein Scheit Brennholz im Ofen. Seine Kleider waren zerlumpt und fettig, seine Stiefel durchlöchert, sein Hemd schmutzig. Haar und Bart blieben ungeschoren und ungekämmt. Er gönnte sich kaum mehr als trocknes Brot und Wasser. Im tollsten Schneesturm ging er in seinem verschlissenen Rock bis ans andre Ende der Stadt, um einen Schilling zu verdienen.“

„Welche Freude hatte er denn nun von all seinem Gold?“ fragte das Eisen.

„Ja, sag’ es mir, wenn du kannst,“ entgegnete der Dukaten. „Ich weiß es nicht. Aber noch nie hab’ ich einen froheren Menschen als den alten Geizhals und Wucherer gesehn. Ich habe viele Menschen gesehn, die verzweifelt und unglücklich waren vor Hunger, Krankheit, Liebeskummer oder aus andern Gründen. Aber dieser alte Mann wußte nichts von Hunger; er hatte niemanden lieb, und er hatte keine Wünsche und keine Sehnsucht. Wenn er nur über seinem Golde saß, dann war alles gut.“

„Geschah ihm nie etwas?“ sagte der Adler. „Er starb wohl schließlich, da du ja doch von ihm fortkamst?“

„Ich erinnere mich, als ob es heute wäre, an etwas, was er erlebte,“ antwortete der Dukaten. „Allen andern Menschen wäre es nahe gegangen, aber er machte sich nichts daraus. Er schloß sich einfach ein, nahm seine lieben Dukaten vor und war gleich wieder froh wie immer.“

„Erzähle!“ sagte das Eisen.

„Seine Tochter kam häufig zu ihm -- einmal wöchentlich wohl.“

„Also er hatte eine Tochter!“ rief der Adler. „Dann muß er doch einmal Mensch gewesen sein.“

„Davon weiß ich nichts. Das war vor meiner Zeit. Aber, wie gesagt, die Tochter besuchte ihn; und dann zankten sie sich, daß es grauenhaft anzuhören war. Manchmal schrien sie beide, manchmal war nur der eine von ihnen heftig, während der andere stöhnte und jammerte.“

„Hast du das mitangesehen?“ fragte der Adler.

„Das hab’ ich schön bleiben lassen. Ich habe niemanden gesehn, denn niemand durfte mich ja sehn. Sobald das geringste Geräusch auf der Treppe ertönte, wurden wir verwahrt, der Deckel wurde zugeschlagen und der Schlüssel aus dem schloß gezogen. Aber ich hörte sie alle, hörte sie klagen und um Aufschub bitten; und ich hörte auch drohen und schelten; aber das half alles nichts. Und ich vernahm die dünne, scharfe Stimme meines Herrn -- ich hörte ihr immer gleich an, was der, mit dem er sprach, zu erwarten hatte.“

„Ich denke, du wolltest von der Tochter erzählen,“ sagte das Eisen.

„Ganz recht. Sie hatte sich gegen den Willen ihres Vaters mit einem armen Manne verheiratet. Er war im Elend gestorben, und nun war sie Witwe und hatte einen kleinen Sohn zu ernähren. Sie selber war auch nicht gesund -- ich hörte sie oft hohl und heftig husten. Arbeiten konnte sie nicht recht, und so kam sie also zum Vater. Aber da kam sie an den rechten. Wenn sie bettelte und bat, schalt er sie in den ärgsten Worten, weil sie einen solchen Bettlerprinzen geheiratet habe; nun müsse sie selber sehen, wie sie fertig werde. Sie könne jeden Sonnabend kommen und die Zimmer fegen und wischen, wenn sie Lust habe, und zwar für denselben Lohn wie die Frau, die jetzt die Arbeit besorge, obwohl sie’s ja eigentlich für die Hälfte tun müsse, da er ihr Vater sei und sie ihm ihr Leben verdanke. Aber von dem Jungen wolle er nichts wissen. Vergebens bat sie, ob er ihn denn nicht wenigstens sehen wolle; und einmal brachte sie ihr Söhnchen auch mit, aber da wurde ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Und sobald sie fort waren, schloß der Alte seine Truhe auf und nahm uns hervor. Seine Greisenaugen glänzten vor Gier; und niemand hätte ihm angesehen, was soeben geschehen war.“

„Ist das nicht grauenhaft?“ rief der Adler. „Hab’ ich es nicht gesagt? Überall, wo das Gold ist, entsteht Sünde und Verbrechen.“

„Weiter, weiter!“ rief das Eisen.

„Zuweilen war es auch anders,“ fuhr der Dukaten fort. „Dann war sie ganz verzweifelt und drohte und schalt so sehr, daß der Alte Angst bekam oder sich wenigstens den Anschein gab, als fürchte er sich. Dann wurde seine Stimme ganz wehleidig, er schwur einen heiligen Eid, daß er ein armer alter Mann sei, der kaum trocknes Brot zu essen habe, und forderte sie auf, für ihn zu sorgen, sie, die jung und stark sei. Mochte es sich nun aber so oder so abspielen, das Resultat war immer das gleiche, daß sie nämlich nichts bekam. Und wenn sie dann schließlich fortging, nachdem sie mit der Faust auf den Tisch geschlagen und ihn verflucht hatte, dann war er außer sich vor Freude darüber, daß er sie genarrt hatte. Er sprang im Zimmer umher, lachte wie toll und schlug sich auf die Schenkel; und wenn er uns dann aus der Truhe nahm und uns klirren und leuchten ließ, so wollte seine Lustigkeit gar kein Ende nehmen.“

„Was ist denn schließlich aus ihm geworden?“ fragte der Adler.

„Mit der Zeit wurde er älter und älter. Seine Tochter starb, und ihr Sohn wuchs zu einem bösen Jungen heran. Von Zeit zu Zeit fand er sich auch bei dem Großvater ein und sprang nicht schlecht mit ihm um. Aber er bekam nicht mehr von ihm heraus als die Mutter. Der alte Geizhals schwur, ihn enterben zu wollen; aber der junge Bursche erklärte, er werde einst doch noch in den Besitz des Geldes gelangen; und dann werde er schon dafür sorgen, daß es unter die Leute käme. Schließlich wagte der Alte es gar nicht mehr, ihn hereinzulassen, seitdem er eines Tages bemerkt hatte, wie der Bursche der großen Truhe einen verdächtigen Blick zuwarf. Er hatte wohl Angst, ermordet oder beraubt zu werden; und dem jungen Mann war eine solche Tat ja gewiß zuzutrauen. Der Wucherer hielt denn auch oft Selbstgespräche, er wolle ein Testament aufsetzen und all sein Geld einer Stiftung vermachen, damit nur der Enkel es nicht bekäme. Aber er konnte sich dennoch nicht entschließen und dachte auch immer, es eile wohl nicht; so gesund, wie er sei, könne er noch viele Jahre leben.“

„Starb er denn?“ fragte der Adler.