Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

Part 5

Chapter 53,920 wordsPublic domain

„Das, was ein Elend für dich wäre, würde ein Glück für mich sein,“ sagte das Gold. „Und ein Glück wäre es wohl auch für die Menschen, da sie mich so hoch schätzen. Möchten sie doch nur kommen! Ich würde leuchten und glänzen, daß sie ihre Freude daran hätten.“

„Schon möglich,“ meinte der Adler. „Aber die Freude, die du ihnen bereiten könntest, wöge bei weitem nicht das Unglück auf, das du anstiften würdest.“

„Ich glaube dir nicht,“ sagte das Gold.

„Tu, was du willst!“ Der Adler schlug mit seinen breiten Flügeln. „Es spielt doch keine Rolle, denn hier sind keine Menschen, und es kommen auch keine hierher. Viele Meilen weit erstreckt sich das böse Land nach allen Seiten. Die Menschen würden vor Hunger und Durst umkommen, wenn sie hierher zögen. Aber es fällt ihnen ja auch nicht ein; denn sie wissen nichts von dem Schatze, der sich hier befindet.“

„Könnte man ihnen doch eine Botschaft senden!“ rief das Gold.

Der Adler antwortete nicht mehr, er war hoch in den Wolken entschwunden. --

Bald darauf stellten sich heftige Stürme und Regengüsse ein. Alle Bäche traten über ihre Ufer, alle Felsenspalten standen voll Wasser. Und als der Sturm sich legte, kam der Frost, härter als je. Das Wasser in den Spalten gefror bis auf den Grund; und an vielen Stellen wurden die Felsen gesprengt, so daß große Steine sich loslösten, ins Tal hinabrollten und zerschmettert wurden.

An einer Stelle kam auf dem Erdboden ein großer Klumpen Gold neben einen großen Klumpen Blei zu liegen. Als der Sommer anbrach, beschien die Sonne sie beide.

„Wenn doch ein Mensch kommen und mich finden möchte!“ sagte der Goldklumpen und glänzte mit der Sonne um die Wette.

„Auch ich will gefunden werden!“ rief der Bleiklumpen.

„Dich würde er nicht ansehen, wenn er hier wäre,“ sagte das Gold.

„Er sieht keinen von euch an, denn er kommt überhaupt nicht hierher,“ erklärte der Adler. „Ihr müßt euch damit begnügen, zu euerm eigenen Vergnügen zu glänzen.“

2. Kapitel:

Die beiden Freunde.

Und doch kamen Menschen.

Eines Tages zogen zwei Menschen in das böse Land ein. Sie hatten große, wirre Bärte und eine Flinte über der Schulter, hohe Stiefel und alte, verschlissene Kleider. Man konnte sehen, daß sie von weit her kamen und eilig marschiert waren; und von Zeit zu Zeit drehten sie sich um, als fürchteten sie, daß jemand sie verfolgen werde.

Es waren zwei Freunde, die sich auf der Flucht befanden.

Der ältere von ihnen hatte ein Verbrechen begangen und darum im Gefängnis gesessen. Dort sollte er noch viele Jahre bleiben. Aber der jüngere liebte ihn und konnte es nicht ertragen, daß es dem andern so schlecht gehen sollte. Er begann daher, darüber nachzusinnen, wie er den Freund befreien könne; und schließlich fand er einen Ausweg. Mit seiner Hilfe brach der Gefangene aus, und im Dunkel der Nacht flohen sie beide, um ein Land zu suchen, wo niemand sie kannte, und wo sie in Frieden zusammen leben konnten.

„Jetzt sind wir außer Gefahr,“ sagte der Jüngere und blickte sich in dem bösen Lande um. „Hier sieht es aus, als hätte noch keines Menschen Fuß dieses Land je betreten; und sicherlich wohnt hier niemand. Unsers Bleibens ist hier nicht, denn hier ist nicht gut sein. Aber ausruhen wollen wir heut nacht und Kräfte sammeln und morgen weiterziehen.“

Sie ließen sich in dem Tale, in dem sie gerade waren, nieder und blickten vor sich hin. Der Jüngere sammelte Moos und machte davon ein Kopfkissen für seinen Bruder.

„Leg’ dich schlafen!“ sagte er.

„Du bist ja gleichfalls müde,“ erwiderte der andre.

„Schlafe du zuerst,“ sagte nun der Jüngere. „Ich will inzwischen wachen.“

Der Ältere dankte ihm und legte sich zum Schlafe nieder. Doch kaum hatte er seine müden Augen geschlossen, als der andere einen lauten Schrei ausstieß. Der Ältere fuhr empor und griff nach seiner Büchse, in dem Glauben, daß die Verfolger ihnen auf den Fersen seien. Aber der Jüngere zeigte nur sprachlos auf eine Stelle dicht in der Nähe.

Dort lag der Goldklumpen.

Er war ja ziemlich groß und hatte einen schönen Glanz! Aber in den Augen der beiden Männer wurde er doch noch hundertmal größer und bekam einen viel, viel stärkeren Glanz. Eine Weile saßen sie schweigend da und starrten den Klumpen an. Dann sprangen sie auf und setzten sich jeder auf eine Seite des Goldklumpens. Sie rührten ihn mit den Händen an und versuchten, ihn in die Höhe zu heben; sie brachten es kaum fertig. Um zu sehen, ob nicht vielleicht eine Sinnestäuschung, ein Traumbild sie narrte, schlossen sie die Augen und öffneten sie dann wieder. Alle Müdigkeit war von ihnen gewichen, und ihre Gesichter leuchteten mit dem Gold um die Wette.

„Jetzt sind wir reiche Leute!“ sagte schließlich der Ältere.

Der andere lachte vergnügt.

„Zuerst wollen wir mein Verbrechen mit Gold büßen,“ fuhr jener fort. „Sonst werd’ ich nicht wieder froh werden. Und es wird doch noch genug übrig bleiben.... ein ungeheures Kapital. Wenn wir es vernünftig anwenden, können wir noch mehr verdienen... Wir werden die reichsten Leute der Welt, bevor wir sterben.“

„Ja,“ sagte der andre.

„Glaubst du, daß es in der Welt einen größeren Goldklumpen gibt als diesen?“ fragte der Ältere.

„Nein,“ erwiderte der Freund.

So redeten sie weiter miteinander. Meistens sprach der Ältere... der Jüngere gab nur einsilbige Antworten; er konnte die Augen nicht von dem Goldklumpen abwenden. Es wurde Nacht, und die kalten Sterne blickten auf sie herab.

„Einer von uns muß wachen,“ sagte der Ältere. „Hier ist’s öde und leer, aber jetzt steht mehr als das Leben, jetzt steht unser Glück auf dem Spiel. Und man kann nie wissen, ob nicht jemand kommen und uns unsern Schatz rauben will.“

„Schlaf du,“ entgegnete der Jüngere.

Da legte sich der Ältere nieder und schlief bald ein.

In den andern Nächten auf ihrer Flucht hatte der Jüngere stets seinen Mantel über ihn ausgebreitet. Heute tat er das nicht. Er sah gar nicht nach ihm hin, dachte nicht an ihn, sondern starrte bloß auf den Goldklumpen, der im Sternenschimmer noch größer und seltsamer aussah.

„Seht ihr, was ich gesagt habe?“ rief der Adler.

„Ich leuchte,“ fiel der Goldklumpen ein.

„Nach mir sieht niemand,“ jammerte der Bleiklumpen verzagt.

Und als die Nacht vorschritt und die Sterne immer heller strahlten und das Gold leuchtete und leuchtete, da ereignete sich etwas Seltsames und Furchtbares zugleich.

Der jüngere der beiden Männer erlebte eine innere Umwandlung. Niemand kann erklären, wie es zuging; er selber am allerwenigsten. Bis zu seinem Tode blieb es ihm ein fürchterliches Rätsel. Aber wie er da so saß und auf den Goldklumpen starrte, und wie er dann den Kopf wandte und seinen schlafenden Freund betrachtete, da erfüllte sich das Geschick an ihm von Minute zu Minute und von Stunde zu Stunde.

Er hatte seinen Freund ehrlich geliebt; und weil er ihn liebte, hatte er ihm vergeben, daß er ein Verbrecher geworden war. Er selber hielt seinen Pfad rein. So leid es ihm tat, als er die Tat des Freundes erfuhr -- seine Liebe hatte alles überwunden. Um des andern willen hatte er ja selbst ein Verbrechen begangen, indem er ihm zur Flucht verhalf. Und er hatte alles geopfert, um dem Freund zu folgen. Auf der Wanderung hatte er ihn gestützt, wenn er müde war, bei ihm gewacht, wenn er schlief, ihn mit seinem Mantel bedeckt, wenn ihn fror.

Aber als er jetzt da so saß und den Freund und den Goldklumpen betrachtete, da entwich das alles, Stück für Stück, seinem Gedächtnis. Er wußte nichts mehr von seiner Liebe. Der, der da schlafend neben ihm lag, kam ihm auf einmal wie ein Fremder vor.... wie ein Fremder, mit dem er das Gold teilen sollte.

Wäre dieser Fremde nicht gewesen, so hätte der ganze Klumpen ihm ganz allein gehört.

„Seht ihr’s?... Seht ihn an!“ rief der Adler. „Das Gold verwüstet seine Seele.“

„Ich glänze,“ sagte der Goldklumpen.

Und immer verwirrter wurden die Gedanken des Mannes, während das Gold leuchtete, wie es noch nie geleuchtet hatte.

Er starrte auf seinen schlafenden Freund; und ein Gefühl des Hasses beschlich ihn. Wenn er auf das Gold sah, erschien ihm die Welt groß, hell und reich. Und wenn er den Freund ansah, dann wurde das Leben schwer und bitter und elend.

„Wie hübsch ich bin!“ sagte das Gold. „Ich liebe es, wenn mein Glanz sich in seinen Augen widerspiegelt.“

„Du bist entsetzlich,“ sagte der Adler.

„An mich denkt niemand,“ murrte der Bleiklumpen.

Da wurde es ganz schwarz vor den Augen des Jüngern.

Er stöhnte leise, griff sich an den Kopf und zitterte. Dann sprang er auf, setzte sich aber sofort wieder. Er tastete mit den Händen auf der Erde herum und bekam den Bleiklumpen zu fassen; schaudernd ließ er ihn wieder los, ergriff ihn von neuem, hob ihn hoch empor und zerschmetterte den Kopf seines schlafenden Freundes damit.

„Seht.... seht!“ schrie der Adler.

Dann erhob sich der Mann, nahm den Goldklumpen auf die Arme und verließ das Tal auf dem Wege, den er gekommen war. Schweren Schrittes ging er dahin, hin und her schwankend wie im Rausche. Das Gold lud er auf die Schulter; und die Sterne schienen darauf, so daß es fortfuhr zu leuchten, während er es forttrug.

Neben dem Toten lag der Bleiklumpen.

„Nun spielst du mit!“ rief der Adler. „So sind die Menschen.“

Aber er bekam keine Antwort; so entsetzt waren alle über das Geschehene.

Die Nacht verrann, und im Osten dämmerte der Tag.

Der Bär fand sich ein und fraß von dem Leichnam, und der Adler desgleichen. Nachher kam auch der Rabe herbei und fand eine Herrenmahlzeit an dem, was die andern übriggelassen hatten.

Der Regen peitschte, und der Sturm schlug das Gestein los, und es zerschmetterte und begrub die Gebeine des Toten. Bald war jede Spur von ihm verwischt, und das Land war böse und öde wie zuvor. Zwischen den Steinen aber lag der Bleiklumpen mit einem großen roten Fleck auf der einen Seite.

3. Kapitel:

Die Goldgräber.

Einen Monat später kam ein Trupp Goldgräber in das böse Land. Es waren sieben Mann, die recht wunderlich aussahen. Sechs davon waren große, wilde Burschen mit mächtigen Bärten und einer Flinte auf der Schulter und mit Dolch und Pistole im Gürtel. Der siebente war ein kleiner armseliger Gesell; er war ihr Koch, Diener und Schuhputzer und stets bereit, alles zu tun, wenn er nur einen kleinen Anteil an dem Golde bekam.

Denn des Goldes wegen waren sie gekommen. Sie hatten den ungeheuren Goldklumpen gesehen, der in dem bösen Lande gefunden worden war; und jener Mann, der ihn mitgebracht hatte, verplapperte sich eines Tages in der Trunkenheit, so daß sie die Spur leicht finden konnten: Gleich am Tage ihrer Ankunft begannen sie mit der Arbeit. Sie schlugen ein Zelt auf und zündeten mehrere Feuer an; und dann zerstreuten sie sich im Tale; und ihre Hacken erklangen, während ihre Augen gierig zu Boden starrten.

„Hier!“ rief einer von ihnen.

Da liefen die andern hinzu; und sie sahen, daß da wirklich Gold war. Aber der, der es zuerst entdeckt hatte, wählte sich eine Stelle aus, die sein eigen war. Die andern suchten in einiger Entfernung, und alle fanden Gold.

Schwieg aber einer, während seine Hacke sich eifrig bewegte, so geschah das, weil er mehr gefunden hatte als die andern und Angst hatte, daß sie es ihm wegnehmen möchten.

„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler.

Und bald war noch mehr zu sehen. Denn Tag für Tag kamen neue Scharen.

Niemand konnte sagen, wie die Kunde von dem Golde verbreitet worden war; aber sie flog mit Blitzesschnelle über die Welt hin.

Aus allen Teilen der Erde kamen immer mehr und mehr Menschen in einem endlosen Aufzuge herbei. Alte und Junge, Männer und Frauen, Kranke und Gesunde, Reiche und Arme. Einige sprangen über Stock und Steine, und andre schleppten sich auf Krücken herbei. Manche kamen mit Pferd und Wagen, Vorräten und gedungener Mannschaft; andre hatten nichts als ihre Fäuste. Wie groß aber auch der Unterschied war -- der Ausdruck ihrer Augen war der gleiche. In ihnen allen flackerte der Hunger nach dem Golde.

Sie hatten die Heimat verlassen und alles, was ihnen lieb war, und waren bereit, die größten Mühen und Gefahren zu überwinden, wenn sie nur Gold fanden. Der eine hatte eine Schuldenlast zurückgelassen und der andre ein einträgliches Geschäft. Der eine hatte alles verkauft, was er besaß, um sich das Reisegeld zu verschaffen; ein andrer hatte seinen Bruder bestohlen, um in das Goldland ziehen zu können.

Durch unwegsames Gebiet waren sie gezogen... durch dichte Wälder, Moore und Steppen, über Meer und Land. Viele blieben vor Erschöpfung und Entbehrung unterwegs liegen und kamen um, weil keine Hand sich regte, um ihnen zu helfen. Jeder der Gesunden fürchtete ja, er könne vielleicht eine Stunde zu spät kommen, und ein andrer könne den Goldklumpen finden, auf den man selber hoffte. So blieben die Kranken und Toten am Wege liegen; und keinem drückte Freundeshand die Augen zu.

Und als die Schar der Goldsucher das böse Land erreichte, da teilten sie es unter sich. Im Tale und auf den Felsen war bald ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Den langen Tag hindurch hackten und gruben und wühlten die Leute mit zusammengebissenen Zähnen und stieren Augen. Unter ihnen waren solche, die an die Arbeit in Feld und Wald gewöhnt waren; sie ermüdeten nicht. Aber auch solche, die nie mit den Händen gearbeitet hatten: Lehrer, Priester und Gelehrte; denen erging es nicht so gut. Sie brachen bei der Arbeit zusammen und mußten dann als die Diener der andern ihr Dasein fristen.

Einige -- und das waren die Klügsten -- ließen die Goldgräber sich abrackern, soviel sie Lust hatten, und eröffneten selber eine Wirtschaft, eine Spielbank oder einen Laden. Sie meinten, das Gold werde dann schließlich doch zu ihnen kommen, und das tat es auch. Wenn einer Gold fand, so glaubte er, auf sein Glück trinken zu müssen; und oft vertrank er den ganzen Gewinn. Hatte aber einer keinen Erfolg gehabt, so mußte auch er trinken und verbrachte alle Habe, die er aus der Heimat mitgenommen hatte, oder trank auf Borg, solange der Wirt ihm Kredit gab.

Machte jedoch einer einen großen Fund und begann er dann nicht zu schlemmen und zu schwelgen, so hatte er weder Ruh noch Rast, sondern war wie ein gehetztes Tier im Walde.

Denn er kannte ja die andern Goldgräber und wußte, daß nur wenige von ihnen davor zurückschrecken würden, zum Dieb oder Mörder zu werden, bloß um den Goldklumpen zu bekommen. Darum wagte der glückliche Finder nicht einzuschlafen und seinen Schatz einen Moment aus den Augen zu verlieren. Wie ein Verbrecher mußte er des Nachts mit seinem rechtmäßigen Eigentum fortschleichen, um die nächste Stadt zu erreichen und den Klumpen in der Bank gegen gute Goldstücke umzutauschen. Und hinter ihm her schlichen Leute mit Revolvern in der Tasche und mit Mordgedanken im Sinne.... um ihm in einsamer Gegend aufzulauern und ihm das Gold zu entreißen.

Kein Tag verging ohne Revolverschüsse und Todesgeschrei, kein Tag, ohne daß ein Dieb gehängt wurde.

„Seht ihr’s!.... Seht ihr’s!“ rief der Adler. „Es ist gekommen, wie ich prophezeit habe. Überall, wo das rote Gold schimmert, erwächst Unheil und Verbrechen. Wer nichts findet, wird schlecht und mißgünstig. Und wer etwas findet, wagt nicht froh zu sein, aus Furcht, das Gefundene wieder einzubüßen.“

„Ich glänze!.... Ich glänze!“ rief das Gold.

„Wann kommt die Reihe an uns?“ fragte das Eisen. „Wir liegen hier, gewaltig und groß, und niemand schenkt uns Beachtung.“

„Wer wird euch beachten, wenn ich hier bin!“ erwiderte das Gold.

Der Adler sagte nichts, denn eine Kugel pfiff an seinem Kopfe vorbei. Er lüftete die Flügel und schwebte in großen Kreisen hoch über Schußweite empor. Erst als es Abend wurde, wagte er es, zu seiner Felsenspitze zurückzukehren.

Dort saß er und sah melancholisch über das Tal hin.

Als der kurze Sommer vorüber war, wurde es nicht besser. Die, die Glück gehabt hatten, waren fortgezogen, und auch der Gastwirt packte sein Zelt auf den Wagen und fuhr von dannen, reicher als alle andern. Aber viele blieben zurück.

Sie konnten die Hoffnung nicht aufgeben.

Der eine hatte etwas gefunden und meinte, es müsse noch mehr folgen. Der andre hatte nichts gefunden und hoffte dennoch. Ein andrer hatte seinen glücklich eroberten Schatz verpraßt und dann sein Tun bitter bereut und sich gelobt, verständiger zu sein, wenn das Glück ihm noch einmal hold wäre.

So gruben und gruben sie in der gefrorenen Erde, bis der Schnee sie eines Tages überraschte.

Doch noch ließen sie den Mut nicht sinken. Große Feuer flammten allerorten im Tale auf. Aber sie reichten nicht aus, um die Unglücklichen zu erwärmen. Der Schneesturm brauste, -- aber sie fanden den Weg nicht mehr, der sie aus dem bösen Lande hinausführte.

Rings starben sie wie Fliegen, und die Leichen blieben unbegraben, während die Überlebenden wie wilde Tiere um einen Bissen Brot oder einen Schluck Branntwein kämpften. Und die wilden Tiere selber kamen und fraßen die Leichen vor den Augen der Lebenden... Wölfe und Füchse, Geier und Bären. Die Sperlinge kamen, wie sie immer dahin kommen, wo Menschen sind, sahen sich aber bitter enttäuscht. Denn sie fanden keine freundlichen Gärten vor, in denen sie Obst hätten stehlen können... keine Getreidefelder... keine Hausfrau, die der Vöglein gedachte, wenn sie mit den Ihren warm und wohlgeborgen im Hause saß.

Und wieder wurde es Sommer, und neue Scharen trafen ein aus allen Teilen der Welt.

Dieselbe Geschichte begann von neuem, nur grauenhafter und schrecklicher war alles. Denn jetzt war nicht mehr so viel Gold vorhanden; und das, was da war, war so in die Felsen eingekeilt und so gut verborgen, daß es ungeheure Mühe kostete, es zutage zu fördern.

Die Folge davon war, daß die Goldgräber noch mehr Enttäuschungen und Kummer erlebten als im vorigen Jahre. Viele gaben sich selbst den Tod und verwünschten sterbend diejenigen, die ihnen das böse Land als einen so glücklichen Ort geschildert hatten, wo sie sich nur zu bücken brauchten, um reich zu werden.

Als der Winter kam, lag das Land voller Leichen. Ein Einsamer schleppte sich mühsam über die Berge fort und kehrte in die Heimat zurück, wo er erzählte, daß kein Gold mehr zu finden sei.

Der Adler aber saß hoch auf seiner Felsenspitze und überschaute das ganze.

4. Kapitel.

Der Jüngere.

„Wo bleiben die Menschen?“ fragte das Eisen, als der Sommer wiederkehrte und das Land öde und leer war wie früher, bevor das Gold entdeckt wurde. „Adler in hoher Luft.... siehst du sie?“

„Gewiß!“ erwiderte der Adler. „Die, deren Leichen nicht hier im Tale verfault sind, wohnen in Ländern, wo es sich besser sein läßt als hier. Die, die durch das gefundene Gold reich geworden sind, haben sich in den schönsten Gegenden der Erde niedergelassen. Die, die arm geworden sind, schlagen sich durch, so gut es geht. Weit, weit von hier hab’ ich neulich auf meinem Fluge ein Land gesehen, wo man auch Gold gefunden hat. Dahin geht jetzt der Strom.... dort herrscht jetzt jenes grauenhafte Treiben, das ihr bei uns kennengelernt habt.“

Das böse Land sah aus, als wäre es von einem Erdbeben verwüstet. Die Erde war aufgerissen, die Felsen waren zerschmettert, Werkzeug und menschliche Gebeine lagen überall zerstreut, die Hütten waren eingesunken. Es konnte keinen häßlicheren Anblick geben als diese Ruinen der Goldgräberstadt. Das Moos, das auf den Steinen wuchs, und das armselige Gras, das sich wieder hervorwagte, jetzt, wo kein Fuß es niedertrat, die spärlichen Blumen und die Schmetterlinge, die einen Tag lang umherflogen und dann starben -- sie alle sprachen davon, eine wie böse Zeit es gewesen.

„Ja.... das Land ist nicht wiederzuerkennen!“ schalt der Adler.

Und das Blei, das Eisen, das Kupfer und das Silber, die rings wirr umherlagen, seufzten und gaben dem Adler recht. Bei der wilden Jagd nach dem Golde waren sie hervorgewühlt und ausgegraben worden. Sie sehnten sich nach jener Welt, in die das Gold gewandert war, und wußten ihrer Sehnsucht keinen Rat.

„Wann kommt unsre Zeit?“ fragte das Blei.

„Was weiß ich davon?“ erwiderte der Adler. „Aber sie kommt einmal. Die Vernunft siegt immer erst zuletzt.“

„Ich sehne mich so sehr!“ rief das Blei.

„Du hast doch jetzt einen Vorgeschmack von den Menschen bekommen,“ sagte der Adler. „Mit dir hat jener erste Mann seinen Freund erschlagen, um den großen Goldklumpen für sich allein zu haben.“

„Ich sehne mich,“ rief auch das Eisen.

„Und was du gesehen hast, erschreckt dich nicht?“ fragte der Adler.

„Nicht im geringsten. Ich bin nicht wie das Gold. Ich mache die Menschen nicht verrückt, sondern ich mache sie stark. Ich bin selber stark und gar nicht eitel auf meinen Glanz; ich möchte nur Nutzen stiften. Als die Menschen hier waren, habe ich ja selber gesehen, was ich für sie bedeute. Überall war ich... in dem Spaten, mit dem sie nach dem Golde gruben, in der Büchse, in dem Topf, in dem sie ihr Essen kochten, in dem Messer, mit dem sie ihr Brot schnitten... ja selbst in ihren Stiefelsohlen, mit denen sie auf dem Felsen umhertraten. Ich bin gut, ich stifte Nutzen, ich darf mich in die Welt hinaus wünschen.“

„Das darfst du,“ sagte der Adler, „und du kommst auch hinaus. Das Gold wird dich holen. Für Gold bauen sie Bergwerke, um dich aus dem Felsen zu gewinnen, für Gold legen sie Eisenbahnen an, um dich dorthin zu fahren, wo du gebraucht werden sollst. Für Gold gewinnen die Menschen Eisen wie alles andere in der Welt. Warte nur... deine Zeit wird schon kommen. Als sie hier waren, da waren sie blind vor Goldhunger. Wenn sie einmal wiederkommen und mit ruhigen Augen dreinsehen, dann werden sie begreifen, daß auch du Reichtum für sie bedeutest, obschon du nicht leicht zu erringen bist.“

Dann schwiegen sie beide, und alles war still im Lande, Tag auf Tag, wie früher. Der Adler flog seinen Weg oder saß auf seiner Felsenspitze, die Gebeine im Tale verfaulten, und die Metalle brüteten über ihren Zukunftsträumen. Ein kurzer Sommer folgte auf den langen Winter, und ein Jahr löste das andere ab.

„Da kommt wahrhaftig ein Mensch!“ rief eines Tages der Adler.

„Er kommt, um mich zu holen!“ schrie das Eisen vergnügt.

„Und mich! Und mich! Und mich!“ riefen das Silber, das Blei und das Kupfer.

„Er sieht nicht danach aus, als ob er irgend etwas holen wollte,“ meinte der Adler. „Es ist ein uralter Mann... nur mühsam kommt er vorwärts, Schritt für Schritt... und er stützt sich auf einen Stock... er kann ja kaum die Beine vorwärtsbewegen.“

Und so war es wirklich.

Haupt- und Barthaar des Mannes waren weiß. Seine Augen waren tief eingesunken, und der Blick schweifte unstet umher. Sein Mund war müde und betrübt, seine Beine zitterten.

„Mich dünkt, ich habe diesen Mann schon einmal gesehen!“ sagte der Adler.

Langsam schritt der Mann im Tale vorwärts; schwer stützte er sich auf seinen Stock. Es sah aus, als suchte er etwas; denn er sah sich zwischen den Felsen um, berührte mit seinem Stock die Steine, blieb stehen und dachte nach.

„Hier muß es gewesen sein,“ sagte er vor sich hin. „Ich kenne ja die Stelle so gut... wachend und träumend hab’ ich sie vor mir gesehen.“

Nun setzte er sich auf einen Felsblock und sank ganz in sich zusammen. Der Adler reckte den Hals vor, starrte und lauschte. Und auch der Bach lauschte und das Metall im Felsen.

„Sieh! Sieh! Da ist ja der Bleiklumpen! Er ist noch immer rot von seinem Blute!“ sagte der Mann.

Da erkannte ihn der Adler, und er rief: „Es ist der jüngere von jenen beiden, die als die ersten Menschen unser Land betraten.“

Und nun wußten auf einmal alle im Lande, daß dieser alte Mann derjenige war, der vor vielen Jahren seinen Freund erschlagen hatte, um den großen Goldklumpen allein für sich zu behalten.

Aber der Mann erhob sich und starrte den Bleiklumpen mit verzerrtem Gesicht an.