Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

Part 3

Chapter 33,925 wordsPublic domain

„Jetzt flieg’ ich ein bißchen im Sonnenschein umher,“ sagte sie dann zu dem alten Pfahl. „Gleich bin ich wieder da und lege mein Ei, und dann leg’ ich mich selber hin und sterbe.“

Weg war sie, und die Sträucher flüsterten von ihr.

Doch da kam ein über die Maßen elegantes Bürschchen herbeigeflogen und setzte sich auf den alten Pfahl neben das Loch hin. Er hatte vier durchsichtige Flügel, sechs Beine und zwei Fühler, genau so wie die Grabwespe, aber sein ganzer Körper glänzte wie Gold und Silber. Der Pfahl betrachtete ihn vergnügt; er dachte, daß das nun schon der zweite vornehme Besuch an einem und demselben Tage sei, und meinte, nun seien bessere Zeiten angebrochen.

„Sie sind wohl im Sonntagsanzug?“ fragte er freundlich. „Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Ich sehe mich nach einer Wohnung um,“ erwiderte der Fremde. „Du hast da ein nettes kleines Loch.“

„Allerdings,“ sagte der Pfahl bescheiden. „Es hat lange leer gestanden, und wenn Sie heut morgen gekommen wären, hätten Sie’s mit Vergnügen bekommen können. Aber jetzt hab’ ich es gerade vermietet, darum kann ich Ihnen leider nicht damit dienen.“

„Soso!“ erwiderte der Fremde. „Das ist ja recht ärgerlich. Wie heißt denn dein Mieter, wenn ich fragen darf?“

„Die Grabwespe ist’s. ~Frau~ Grabwespe. Den ganzen Tag über hat sie Nahrung für ihr Kind gesammelt. Wollen Sie so freundlich sein, hineinzuschauen, so werden Sie sehen, daß das Loch ganz mit ohnmächtigen Marienkäferlarven gefüllt ist.“

„Ja -- wahrhaftig!“ rief der Fremde und lachte so unheimlich, daß der alte Pfahl einen Todesschreck bekam.

„Kennen Sie die Grabwespe?“ fragte er.

„Na, das ist ja einer meiner besten Freunde. Wir besuchen einander sehr oft.“

Als der Fremde das gesagt hatte, schlüpfte er ganz in das Loch hinein. Er blieb nur einen Augenblick darin; und als er wieder herauskam, glänzte er so, daß dem Pfahl die Augen ganz weh taten, und er lachte boshaft wie vorher.

„Wollen Sie nicht warten, bis die Grabwespe nach Hause kommt?“ fragte der Pfahl. „Sie erzählte, sie wolle nur ein bißchen ausfliegen, und muß gleich wieder hier sein.“

„Nein, danke,“ erwiderte der Fremde.

„Nicht? Darf ich dann fragen, von wem ich einen Gruß bestellen soll? Es wird der gnädigen Frau sicherlich leid tun, daß ihr der Besuch eines so vornehmen Herrn entgangen ist.“

„Ich bin kein Herr. Ich bin eine Frau. Und du brauchst der Grabwespe nichts zu sagen. Morgen früh komme ich wieder und werde sie dann sicherlich treffen.“

Damit flog sie weg. Und die Sträucher besprachen flüsternd all das Merkwürdige, das der alte Pfahl erlebte, und fanden ihn plötzlich interessant und nett.

„Er ist eigentlich ganz schön,“ sagte der Fliederstrauch. „Seht, wie großartig ihn das grüne Moos kleidet.“

„Ganz schön?“ unterbrach ihn der Goldregen. „Er ist wirklich hübsch, kannst du ruhig sagen.“

„Er hält sich wunderbar gerade, er sieht vornehm aus,“ sagte der Jasmin.

„Ehrwürdig ist er,“ fiel der Rotdorn ein. „Er hat gewiß eine Menge Seltsames erlebt, wovon er erzählen könnte, wenn er wollte.“

„Es sitzt sich herrlich auf ihm,“ rief die Nachtigall, die auf seiner Spitze saß und mit den Flügeln schlug. „Er ist viel, viel solider als die dünnen, schwankenden Zweige.“

Der alte Pfahl nahm sich diese Komplimente nicht weiter zu Herzen. Er dachte über den Besuch nach, den er gehabt hatte, und ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß etwas Arges im Gange sei.

Da kam die Grabwespe nach Hause.

Mit großer Mühe schleppte sie sich in das Loch hinein und legte ihr Ei. Als sie wieder herauskam, zitterte sie an allen Gliedern und konnte kaum sprechen.

„Sind Sie krank?“ fragte der Pfahl teilnehmend.

„Ich muß sterben,“ erwiderte die Grabwespe. „Und hör’ nun gut zu, was ich dir sage! Du bist ja ein guter alter Pfahl, der seinen Mitgeschöpfen kein Leid antun will. Ich habe in der ganzen Welt nur eine Feindin. Die dringt in mein Haus ein, wenn ich nicht da bin...“

„Halt!“ rief der Pfahl und zitterte vor Schreck, so daß die Hälfte seines Mooses auf die Erde hinabfiel und er auf der einen Seite einen großen Riß bekam.

Aber die Grabwespe ließ ihn nicht ausreden.

„Schweig still!“ sagte sie. „Ich hab nur noch einen winzigen Augenblick zu leben, und du mußt auf das hören, was ich dir erzähle. Die Goldwespe heißt mein Feind, und sie ist recht schön anzusehen -- viel schöner als ich. Sie glänzt, als wäre sie aus Gold und Silber gemacht. Aber böse und träge ist sie. Sie selbst hat keine Lust, für ihre Jungen Nahrung zu suchen. Darum sucht sie sich das Loch, in das ich meine Eier gelegt habe, und legt die ihren daneben. Und dann fressen ihre Kinder all die Nahrung, die ich gesammelt habe, und mein Kind obendrein. -- Du mußt mir versprechen, auf sie achtzugeben, wenn sie kommt. Und nun lebe wohl und vielen Dank für deine Freundlichkeit!“

Der alte Pfahl bekam noch einen Riß und konnte vor Schreck die Sprache nicht wiederfinden. In diesem Augenblick kam die Nachtigall und erwischte die Grabwespe. Die Sträucher schrien entsetzt auf, aber die Nachtigall entschuldigte sich aufs beste.

„Sie mußte ja sowieso sterben,“ meinte sie. „Sie ~war~ bereits tot. Aber ich gebe zu, es ärgert mich, daß ich den Schlingel von Goldwespe nicht erwischt habe.“

„I du mein Gott, i du mein Gott!“ jammerte der Pfahl. „Das war also die Goldwespe, die hier war. Und ich elender Pfahl habe sie hereingelassen! Dann ist das Unglück ja bereits geschehn... was soll ich nur anfangen, was soll ich nur anfangen!“

„Herr Gott!“ rief die Nachtigall, die noch an der Grabwespe schmatzte. Und „Herr Gott!“ sagten der Fliederstrauch, der Goldregen, der Jasmin und der Rotdorn, denn sie fanden alle, daß sie noch nie etwas so Fürchterliches erlebt hätten.

Der alte Pfahl war ganz gelähmt vor Kummer und neigte sich mehr und mehr. Mit jedem Tag bekam er einen neuen kleinen Riß, und es war leicht zu sehen, daß es zu Ende mit ihm ging. Die Sträucher und die Nachtigall sprachen freundlich auf ihn ein und trösteten ihn, so gut sie konnten; denn sie meinten alle, es sei ein so lieber alter Pfahl. Einer von ihnen erdachte sich einen Plan, wie man sich an der Goldwespe rächen könnte. Die Nachtigall wurde dazu auserkoren, aufzupassen, wenn die Jungen des Räubers aus dem Ei gekommen sein könnten; dann sollte sie sie mit dem Schnabel herausziehen und fressen.

„Das werd’ ich tun!“ versprach die Nachtigall feierlich. „Ihr könnt euch auf mein Wort verlassen!“

Aber am Tage darauf, nachdem dieser Beschluß gefaßt worden war, entdeckte die Nachtigall plötzlich, daß es Herbst geworden sei. Keiner der Sträucher und der andern Vögel konnte es verstehen. Sie alle fanden, daß es noch der schönste Sommer sei. Aber die Nachtigall erklärte, man habe keine Insekten mehr zur Verfügung, die zu fressen sich lohnte. Noch vor dem Abend war sie mit ihren Jungen nach Süden geflogen, und die Sträucher hatten nichts anderes zu tun, als dazustehn und den Pfahl anzustarren und von dem Fürchterlichen zu schwatzen, das sich in seinem Innern vollzog.

Im nächsten Frühjahr flogen eine Menge niedlicher kleiner Goldwespen aus dem Loch hervor. Sie tummelten sich im hellen Sonnenschein und verschwanden dann in der Luft.

Der alte Pfahl stand noch eine Weile und wartete darauf, ob nicht doch auch das Junge der Grabwespe hervorkommen würde. Aber es kam nicht.

Da stürzte der Pfahl auf den kleinen Hügel hin und zerfiel in lauter morsche Stücke. Die Sträucher ließen ihre Blüten auf ihn herabrieseln, damit er ein anständiges Begräbnis bekam.

„Ein merkwürdiger alter Pfahl!“ sagten sie zueinander.

Und als die Nachtigall von ihrer Reise ins Ausland zurückkehrte und das Ende der Geschichte erfuhr, sang sie ein Liedchen auf dem Grabe des alten Pfahls.

Irgendwo im Walde.

Irgendwo im Walde lebte eine kleine Gesellschaft von guten Freunden ganz nahe beieinander.

Da war die ~Kornblume~, die so stolz aussah, ohne es zu sein, und die ~Glockenblume~, die so blau und bescheiden war. Da war die ~Nelke~, mild und rot und fromm wie kein andrer, und ein Büschel ~Grashalme~, die zwar grün waren, aber recht ärmlich und dankbar, wenn man sie überhaupt beachtete. Ferner war da ein wenig ~Moos~, das auf einem alten Baumstumpf wuchs und für sich selbst sorgte, und dann der ~Haselnußstrauch~, der der vornehmste von allen war, weil er so groß war, und vor allem weil der Hänfling sein Nest darin gebaut hatte.

Niemals kam es zu Streitigkeiten zwischen den Freunden.

Ein jeder kümmerte sich nur um sich und stand dem andern nicht im Wege. Am Abend, wenn das Tagewerk beendet war, lauschten sie dem Gesang des Hänflings. Oder es knarrte und knackte in den Zweigen des Nußstrauchs, was ebenso unheimlich war wie eine richtige Gespenstergeschichte. Oder die Grashalme flüsterten etwas ganz leise und ohne Sinn, aber auch das hört sich ganz schön an, wenn man müde ist und ein gutes Gewissen hat.

Erlebte einer der Freunde etwas Frohes, so freuten sich alle. Als die Knospen der Nelke und der Kornblume aufsprangen, gratulierte der Nußstrauch, der Hänfling schlug seinen längsten Triller, und die Grashalme verneigten sich ehrerbietig wie eine Deputation und vergossen jeder einen Tautropfen vor Rührung. Als die Hänflingsjungen aus dem Ei krochen, da waren alle Freunde so glücklich, als hätten sie selber Familienzuwachs bekommen.

Aus dem Walde erscholl das Rauschen der Kronen und der Gesang vieler Vögel, aber das ging die Freunde nichts an. Es geschah, daß ein Reh gesprungen kam oder ein Fuchs heranschlich, und einmal versteckte sich ein furchtsamer Hase unter dem Nußstrauch, während ringsum die Schüsse knallten und die Hunde bellten. Von solch einem Ereignis redeten sie viele Tage lang. Aber dann beruhigten sie sich wieder, und der Sommer ging hin.

Stengel und Blätter waren schlaff, und die Wurzeln taten ihr weh. Die Blüten saßen so sonderbar lose, wie ihr schien.

Eines Morgens fühlte die Nelke sich nicht recht wohl.

Als sie den andern ihr Leid klagte, erzählten die Kornblume und die Glockenblume, daß es ihnen genau so ginge. Auch die Grashalme sagten dasselbe; das konnte man freilich nicht recht mitrechnen, denn die waren immer derselben Meinung wie der, mit dem sie gerade sprachen. Das Moos sagte gar nichts, doch das hatte nichts zu bedeuten, denn es war auch niemand da, der es fragte.

„Wir brauchen Regen,“ sagte der Nußstrauch. „Sonst fehlt uns nichts. Mich stört es noch nicht, aber es kann noch kommen. Ihr seid so klein und zart; darum merkt ihr es zuerst.“

Die Grashalme nickten und fanden, das sei ausgezeichnet gesagt von dem Nußstrauch. Die andern ließen den Kopf hängen. Der Hänfling sang, so schön er konnte, um die kranken Freunde aufzuheitern.

Aber krank waren sie, und krank blieben sie; und mit jedem Tage wurde es schlimmer.

„Ich glaube, ich sterbe,“ sagte die Nelke.

Die Grashalme erwiderten ihr höflich, sie ~seien~ schon halb gestorben. Auch dem Nußstrauch ging es nicht gut, und dem Hänfling kam die Luft so schwül vor, daß er gar keine Lust zu singen verspürte.

Als sie sich am Abend unterhielten, hörten sie die gleiche Klage in dem Rauschen des großen Waldes, in dem Gebrüll des Hirsches, dem Bellen des Fuchses, dem Quaken des Frosches und dem Pfeifen der Maus in ihrem Loch. Auch der Förster und der Bauer, die vorübergingen, sprachen davon. Sie schauten zu dem blanken Himmel auf und schüttelten die Köpfe.

„Morgen wird’s auch wieder nicht regnen,“ sagte der Förster. „Meine kleinen Bäume gehen alle ein.“

„Und mein Korn wird versengt,“ seufzte der Bauer.

Am nächsten Morgen erschraken die Freunde ernstlich, als sie einander betrachteten.

Sie waren überhaupt nicht wiederzuerkennen, so sahen sie aus. Gelbe, hängende Blätter, welke Blüten und trockne Wurzeln. Nur das Moos sah noch aus wie sonst.

„Merkst du nichts?“ fragte der Haselstrauch.

„Gewiß merk ich was,“ erwiderte das Moos. „Aber man kann es mir nicht ansehn. Ich kann stehn und schon einen ganzen Monat tot sein und dabei aussehen, als ob ich noch ganz lebendig wäre. Ich kann nichts dafür.“

„Ich will doch mal hinauf und nach einer Wolke ausschauen,“ sagte der Hänfling.

Und er flog empor, so hoch hinauf, daß er für die andern vollkommen verschwand. Als er zurückkam, erzählte er, es stehe eine Wolke weit, weit im Westen.

„Bitt sie, daß sie herkommt!“ flehte die Glockenblume mit matter Stimme.

Und der Hänfling flog wieder fort und kehrte nach einer Weile mit dem traurigen Bescheid zurück, daß die Wolke nicht kommen könne.

„Sie möchte wohl,“ sagte der Hänfling. „Es gefällt ihr gar nicht, da oben mit all dem Regen zu hängen. Aber sie muß warten, bis der Wind sie holt.“

„Lebt wohl!“ rief die Nelke müde. „Es war eine schöne Zeit, die wir miteinander verlebt haben. Nun kann ich nicht mehr.“

Und damit starb sie. Alle die Freunde sahen einander entsetzt an.

„Wir müssen dem Wind ein gutes Wort geben,“ sagte der Nußstrauch, in dem noch am meisten Leben war. „Sonst ist es aus mit uns allen.“

Am nächsten Morgen in der Frühe kam der Wind herbeigeschlichen. Er kam ganz sacht, denn auch er war der unleidlichen trocknen Wärme müde; aber seine Runde mußte er ja machen.

„Lieber Wind,“ sagte die Kornblume. „Bring uns eine kleine Wolke, sonst sterben wir allesamt.“

„Es ist keine Wolke da,“ erwiderte der Wind.

„Du lügst, Wind,“ sagte der Hänfling. „Weit drüben im Westen steht eine wunderschöne graue Wolke.“

„So--oo!“ sagte der Wind. „Ich bin augenblicklich Ostwind, da kann ich auch nicht helfen.“

„Dreh dich, lieber Wind, und bring uns die Wolke!“ bat die Glockenblume sehr beweglich. „Du kannst ja laufen, wohin du willst, und wir werden dir dankbar sein, solange wir leben.“

„Du kannst dich um die ganze Gesellschaft verdient machen,“ fiel der Nußstrauch ein.

„Um die ganze Gesellschaft,“ flüsterten die Grashalme.

„Schon möglich,“ sagte der Wind. „Aber ich bin nicht derjenige, für den ihr mich haltet. Ihr glaubt, ich sei mein eigner Herr, weil ich gesprungen komme und mich drehe und manchmal langsam laufe und manchmal schnell und manchmal mild bin und manchmal streng. Und doch bin ich nur ein Hund, der kommt, wenn sein Herr ruft.“

„Wer ist denn dein Herr?“ fragte der Hänfling. „Ich will zu ihm gehn, und wenn er am Ende der Welt wohnt.“

„Ja... wenn das so ginge!“ antwortete der Wind. „Mein Herr ist die ~Sonne~. Auf ihren Befehl lauf’ ich meinen Weg. Wenn sie irgendwo so richtig scheint, dann laufe ich mit der warmen Luft in die Höhe und hole anderswo kalte Luft und fliege mit ihr längs der Erde hin. Ob im Osten oder Westen, kümmert mich nicht.“

„Das versteh’ ich nicht,“ sagte der Hänfling.

„Ich versteh’ es selbst nicht,“ entgegnete der Wind. „Aber ich tu es.“

Dann legte er sich. Und die Freunde ließen ihre Köpfe hängen und wußten keinen Rat.

„Da ist nichts zu machen, wir müssen sterben,“ rief die Kornblume.

„Habe ich den Winter hindurch hier gestanden, so werd’ ich doch wohl auch das aushalten,“ sagte der Nußstrauch. „Aber streng ist es.“

Und die Glockenblume und die Kornblume, die noch keinen Winter überstanden hatten, fragten sich erstaunt, ob er denn wohl noch schlimmer sein könne als das, was sie jetzt durchzumachen hatten. Und der Hänfling träumte vom Süden, wo er sich im Winter aufhielt, und die Grashalme hatten die Sache ganz aufgegeben.

„Reichen deine Zweige nicht bis zur Sonne?“ fragte die Kornblume den Nußstrauch.

„Kannst du nicht zur Sonne fliegen?“ fragte die Glockenblume den Hänfling.

Aber das konnten sie nicht, und die Tage verstrichen, und das Elend wuchs. Es war ganz still im Walde. Kein Vogel piepte, der Fuchs hielt sich in seiner Höhle, der Hirsch lag im Schatten und ließ ächzend die Zunge zum Halse heraushängen; und die Zweige der Bäume hingen gleichfalls herab, wie wenn ein Begräbnis im Gange wäre.

Die Glockenblume aber läutete mit all ihren Glocken, als wollte sie den Tod einläuten im Walde.

Wer es hörte, weiß man nicht recht; und keiner der Freunde sagte etwas. Aber dann hörten alle deutlich jemanden sprechen, und alle wußten sofort, daß es die Sonne war, die der Nußstrauch mit seinen Zweigen nicht erreichen und zu der der Hänfling nicht hinfliegen konnte, die aber die Klage der Glockenblume gehört hatte:

„Ich scheine, wie ich muß, und nicht, wie ich will; und ich kann euch nicht helfen. Keinen Fußbreit kann ich von meinem Wege abweichen, keinen Strahl kann ich nach meinem eignen Willen versenden.“

„Ich versteh’ es nicht,“ sagte der Haselnußstrauch.

„Ich ebensowenig wie du,“ erklärte die Sonne. „Aber so ist es nun einmal.“

„Und ich verstehe so viel, daß es mit der armen Kornblume aus ist,“ sagte die Kornblume, und im nächsten Augenblick war sie tot.

Dann kam die Nacht, und alle glaubten, daß dies ihre letzte sein würde.

Aber plötzlich hob die Glockenblume ihr krankes Köpfchen und lauschte. Ihr war, als hörte sie einen Laut, wie wenn ein Tropfen fällt... jetzt fiel noch einer... er schlug gegen ein Blatt auf... und noch einer... und noch einer...

Alle erwachten, als der Regen herabströmte.

Die armseligen Grashalme erhoben sich, das elende Moos bekam neuen Mut. Der Hänfling begann zu singen, obschon es finstre Nacht war. Der Haselnußstrauch bebte vor Freude, daß die jungen Hänflinge beinahe aus dem Nest gefallen wären.

Rings im Walde lebte alles auf. Die Nacht war voller Glück. Der Förster und der Bauer standen aus ihren Betten auf und trafen sich im Regen und drückten einander die Hand mit frohen Augen.

Es regnete die ganze Nacht und den folgenden Tag und die folgende Nacht und noch einen Tag. Manchmal regnete es ganz sacht und manchmal heftig. Die Erde trank mit durstigem Mund all das Wasser, und die Wurzeln sogen es begierig aus der Erde auf, und Blätter und Blüten entfalteten sich und standen aufrecht und munter da auf aufrechtem Stengel.

Dann kam der dritte Tag mit Sonne am blauen Himmel und mit Leben und Lustigkeit im Walde.

„Nun?“ rief der Wind und kam gesprungen, als wäre er noch nie in seinem Leben müde gewesen. „Seht ihr, ich hab’ euch den Regen gebracht!“

„Nun,“ sagte die Wolke, die hoch oben dahintrieb in weißem leichtem Gewand. „Seht ihr, ich hab’ euch Regen verschafft!“

„Nun?“ sagte die Sonne, und sie lachte dabei so mild und rund wie noch nie zuvor. „Habt ihr nun euren Willen?“

Die Freunde sahen einander verwundert an. Aber drüben saß der rote Fuchs mit seinem garstigen klugen Gesicht.

„So sind sie!“ sagte er. „Bittet man sie um etwas, so sind sie nie zu Hause. Aber sich den Dank zu holen, das vergessen sie nicht.“

Das Sternenkind.

Jedermann weiß, daß die Sterne am Himmel schwimmen wie die Fische im Wasser.

Ein Unterschied ist ja allerdings vorhanden.

Die Sterne fängt niemand. Auch schwimmen sie nicht hierhin und dorthin und auf und nieder wie die dummen Fische; sie folgen ihrer unveränderlichen Bahn bis in alle Ewigkeit.

Einem Stern fällt es im Leben nicht ein, eine kleine Sonntagsnachmittagstour zu unternehmen. Sonnen und Monde, Planeten und wie sie sonst heißen, Sterne ersten Ranges und Sterne, die nichts als Narrenpossen sind -- bis auf unsre eigene, erbärmliche Erde herab... sie alle spazieren ordentlich und nett umher, wie es ihnen vorgeschrieben ist, ohne Extratouren.

Der Komet saust plötzlich heran und ist wieder verschwunden, ehe man sich vom Schrecken erholt hat; aber auch er tut nur das, was er muß, und weicht nicht einen Zoll breit aus seiner Bahn.

Darum ist es vielleicht ein wenig langweilig, ein Stern zu sein. Aber es ist auch wiederum sehr hübsch. Und außerordentlich feierlich. Und mancher muntre Dorsch könnte sich wünschen, nur halb so artig zu sein.

Obwohl so am Himmel alles schön ordentlich zugeht, passieren doch mitunter Dinge, die die Sterne in große Gemütsbewegung versetzen und sie ganz aus dem Konzept bringen würden, wenn dies Konzept nicht so ausgezeichnet wäre.

Da kann ich zum Beispiel hier etwas erzählen.

Es ist schon ungeheuer lange her. Aber was in alten Zeiten geschah, war ja viel unterhaltender als das, was heute geschieht. Und dann ist das Angenehme dabei, daß man darüber reden kann, ohne jemand zu kränken.

Eine ~Sonne~ spielte eine Rolle dabei. Nicht unsre eigne Sonne, die uns bescheint... wenn auch bei weitem nicht so oft, wie wir’s wohl wünschen möchten. Sondern eine andre Sonne in großer Entfernung. Denn ebenso wie es auch noch andre rote Kühe gibt als die des Pfarrers, so gibt es ja auch eine Menge Sonnen, die uns nie in die Augen stechen, und an die wir darum für gewöhnlich nicht denken.

Diese Sonne verlor eines Morgens ein Stück.

Sie war zwar so groß, daß sie den Verlust verschmerzen konnte. Aber ein jeder will ja gern behalten, was er hat. Außerdem entstand da, wo das Stück gesessen hatte, ein Loch. Und das ärgerte die Sonne, die sonst in jeder Beziehung eine tadellose Sonne war und sich nicht gern am Himmel blamieren wollte.

Darum drehte sie sich wie besessen um ihre Achse. Auf die Art werden die Sterne rund, während andre Leute bekanntlich am leichtesten durch Stillsitzen und Faulenzen dick und rund werden. Und als sie sich ein paar tausend Jahre gedreht hatte, war der Schaden ausgebessert, und damit scheidet diese Sonne aus unsrer Geschichte aus.

Aber das Stück, das sich abgetrennt hatte, tanzte am Himmel hin, und von ihm handelt die Geschichte.

Es war kein dickes, hartes, eckiges Stück, wie es zum Beispiel von einem Teller abbricht, der verunglückt. Vielmehr war es ganz locker, luftig und leicht und wogte auf eine so muntere, leichtsinnige Art dahin, daß die artigen Sterne vor Schreck ganz außer sich gerieten.

„Gott erbarme sich!“ sagte einer.

„Was in aller Welt ist das?“ rief ein andrer.

„Hab ich den Verstand verloren?“ schrie ein dritter.

Doch das Stück tanzte weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen, und hörte gar nicht auf ihre Worte.

„Er rennt gegen mich,“ sagte ein vierter Stern.

„Er bringt uns alle durcheinander,“ sagte ein fünfter.

„Er ist vollkommen ungesetzlich,“ fiel ein sechster ein.

Zuletzt faßte sich ein siebenter ein Herz und rief das Stück an.

„He... du da!“ rief er. „Wer bist du? Woher kommst du? Wohin willst du? Was denkst du dir denn dabei, hier so ohne Anstand umherzuschlendern?“

„Du fragst viel auf einmal,“ erwiderte das Stück.

„Wer bist du?“ fragte der Stern wieder. „Ich frage dich im Namen sämtlicher Sterne.“

„Ich weiß es wirklich nicht,“ sagte das Stück. „Ich bin gewiß nichts. Ich bin abgefallen und fühle mich so frei und froh, und das Leben erscheint mir so wunderschön. Es ist mir ganz gleichgültig, wohin ich komme, wenn ich nur immer weiter dahinsausen kann.“

„Habt ihr je so etwas gehört?“ rief der siebente Stern.

Nein, das hatten sie nicht.

Sprachlos starrten sie einander an. Eine solche Rede hatte man am Himmel noch nie vernommen, solange er bestand.

Als sie sich wieder ein wenig erholt hatten, begannen sie zu besprechen, was wohl dabei zu tun sei. Ihre Beratung dauerte lange. Es war ja nicht nur eine ernste, ungewöhnliche Sache, sondern es kam hinzu, daß jeder von ihnen auf seine Bahn achten mußte, und manchmal verstrichen mehrere hundert Jahre, bis sie sich wieder trafen.

Schließlich wurden sie sich darüber einig, was sie mit dem Frechdachs tun wollten. Eine große, ernste Sonne nahm das Wort und sagte:

„Hör’ mal, mein Kind. Wir haben folgendes beschlossen: Da du nun einmal am Himmel bist, wollen wir versuchen, einen ordentlichen, braven Stern aus dir zu machen. Du wirst natürlich selber einsehen, daß es besser für dich ist, eine feste, anständige Stellung zu bekommen, als dich so ins blaue hinein umherzutreiben.“

„Ich weiß nicht,“ sagte das Stück. „Was ist das: ein Stern?“

„Ein Stern ist das Größte in der Welt,“ sagte die Sonne. „Die Sterne wandeln vornehm und unabänderlich am Himmel dahin; sie sind erhaben über alles Gezänk und allen Lärm. Sie leuchten allen voran als gutes Beispiel von Festigkeit und Frieden und andern Tugenden. Ein solcher Stern kannst du werden, wenn du artig bist. Was bist du jetzt? Ein ganz unordentliches Geschöpf.“