Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

Part 2

Chapter 23,980 wordsPublic domain

Er wollte sie bestimmen, einen kleinen Ausflug mit ihm zu machen, als das Ei schon dalag; und sie hatte auch an und für sich nichts dagegen, obschon ihr schien, daß er sich ein wenig mehr über das schöne graugrüne Ei hätte freuen können.

„Ich spare meine Gefühle,“ sagte er. „So ziemt es sich für einen Mann. Komm nun.“

Doch da sagte sie, daß nicht die Rede davon sein könne, das Ei so offen liegen zu lassen. Sie müßten es mit etwas zudecken. Und sie rupfte sich ein paar feine Dunen unter dem Flügel aus und legte sie über das Ei. Aber als sie ihn bat, dasselbe zu tun, da schüttelte er entschieden den Kopf.

„Ich spare meine Federn,“ sagte er. „Du mußt noch vier Eier legen; und wenn du keine Federn mehr hast, so fange ich an. Dann will ich mich unseren Kindern zuliebe ganz kahl rupfen, wenn es sein muß.“

„Du himmlischer Vater, wie er dichtet!“ rief die Tante, die ein wenig abseits stand und das ganze mitanhörte. „Ich kenne es von meinen eigenen Männern. Sie sprechen kein wahres Wort; aber es erwärmt doch ein altes Herz, so etwas mitanzuhören.“

Die junge Frau begleitete nun ihren Mann zum Strande hinunter, wo eine beängstigende Lustigkeit herrschte.

Da waren alle Männer mit ihren Frauen und alle die alten Herren und Damen, die kein Nest mehr hatten. Sie tauchten und schwatzten und erzählten sich spaßige Geschichten. Die junge Frau hielt sich mehr für sich oder sprach mit den anderen jungen Frauen, die alle ein bißchen feierlich gestimmt waren. Und schon bald merkte sie, daß sie noch ein Ei legen sollte.

„Lieber Mann,“ sagte sie. „Komm, laß uns nach Hause gehen. Nun ist da wieder ein Ei.“

„Solch ein Unglück!“ sagte der Gemahl, der mitten in einer Quadrille mit ein paar jungen Mädchen vom vorigen Sommer war, die noch nicht ans Heiraten dachten.

Aber er folgte ihr doch zum Neste hinauf, und das Ei wurde gelegt. Sie rupfte sich noch mehr Dunen aus, er sprach schöne und bewegte Worte zu ihr; und dann mischten sie sich wieder unter das Leben draußen; denn er konnte nun einmal nicht zu Hause beim Neste bleiben.

Kaum waren sie jedoch auf halbem Wege, als die junge Frau spürte, daß es wieder schlecht ablief; und sie sagte es ihm.

„Dann mußt du lieber oben beim Neste bleiben,“ sagte er verdrießlich. „Dieses Umherrennen hier ist nicht sehr angenehm für mich und schädlich für die Gesundheit der Kinder.“

„Bleibst du denn bei mir?“ fragte sie.

„Ich werde nach dir sehen, sooft es mir möglich ist,“ sagte er.

„Wie? So hältst du deine Versprechungen mir gegenüber?“ rief sie und weinte kläglich.

„Liebstes Frauchen!“ tröstete er. „Ich kann dir ja doch nicht im geringsten behilflich sein beim Eierlegen. Meine Arbeit für unsere geliebten Kinder und für dich fängt erst an, wenn alle Eier gelegt sind und du ans Brüten kommst. Und dann natürlich später, wenn die lieben kleinen Geschöpfe auskriechen und gefüttert werden und lernen sollen, sich in der Welt zu benehmen. Für die Zeit sammle ich Kräfte, weißt du. Und dann lege ich mich auf die Eier, während du fröhliche Ausflüge machst und da unten mit den anderen spielst.“

„Hat man je so etwas gehört!“ rief die Tante. „Wie schön er zu sprechen weiß. Da hast du wirklich einen entzückenden Mann erwischt.“

Die junge Frau kehrte allein zum Neste zurück und legte das dritte Ei. Die Tante aber flog inzwischen mit dem Herrn Gemahl unten am Strande umher.

„Ich werde schon auf ihn aufpassen, du kannst ganz ruhig sein,“ hatte sie ihrer Nichte zugeflüstert.

Und dann kam das vierte Ei an die Reihe, und dann das fünfte.

Die Wöchnerin hatte sich alle Federn ausgerupft, die sie meinte entbehren zu können; und sie lagen wie ein schöner mausgrauer Wall um die Eier herum. Sie selbst aber lag über dem Ganzen und brütete und brütete. Im Anfang ging sie von Zeit zu Zeit zum Klippenrande hin und guckte zum Strande hinunter, wo der Mann sich mit den anderen Herren und den Damen, die keine Eier zu versorgen hatten, tummelte. Aber sie tat es seltener und seltener. Sie machte sich nichts mehr aus dem Essen und magerte ab; aber sie brütete und brütete unermüdlich. Die Tante kam täglich und hielt ein Plauderstündchen mit ihr.

Eines Tages kam auch ihr Mann und setzte sich ans Nest. Flott sah er aus mit seinem grünen Nacken und seinen glänzenden Augen.

„Na, wie geht es?“ fragte er.

„Ich verachte dich. Geh deiner Wege und laß dich nicht mehr vor mir sehen. Du hast mich mit den schönsten Versprechungen betört, und nicht eine davon hast du gehalten. Ich selbst habe mir alle die Dunen ausgerupft, die ich brauche. Tagaus, tagein liege ich hier allein, während du dich mit dem losen Pack unten am Strande vergnügst. Und keinen Bissen Essen hast du mir gebracht.“

„Tja--a,“ sagte er und scharrte mit seinen feinen, gelben Füßen in der Erde. „Ich würde dir gern hin und wieder eine kleine Muschel bringen, wenn dir das Freude macht. Aber nimm es doch nicht so tragisch. Glaubst du, ein Mann wägt seine Worte in der Verlobungszeit ab?“

„Pack’ dich!“ schrie sie. „Ich wünsche nicht, daß meine Kinder ihren unnatürlichen Vater zu sehen bekommen.“

„Na, mir liegt wirklich auch nichts daran, die kahlen Kleinen zu sehen. Und du bist wahrlich auch nicht mehr schön. So mager wie du bist und so voller kahler Flecke. Du bist gar nicht mehr das schöne Mädchen, in das ich mich verliebt hatte.“

Da wollte sie aus dem Neste auffahren und ihn Mores lehren, aber sie blieb wie angenagelt liegen und starrte auf einen Menschen, der den Kopf über den Rand des Felsens steckte. Ihr Gemahl flüchtete mit einem lauten Schrei und die Tante desgleichen. Aber der Mann kümmerte sich gar nicht um sie. Er kletterte ganz auf den Felsen hinauf und setzte einen großen Korb, den er bei sich hatte, neben das Nest.

„So ein wunderschönes Nest,“ sagte er. „Da sind ja Dunen für ein ganzes kleines Kissen.“

„Was willst du von mir?“ fragte die Eidergans.

„Ich will dir nichts Böses tun. Das wäre dumm von mir, wenn ich dir ein Leid antäte; ich selbst habe ja das Häuschen für dich aufgestellt. Ich will nur die Dunen aus deinem Neste haben.“

„Niemals!“ schrie die Eidergans und breitete die Flügel aus und klemmte sich so fest über dem Neste ein, wie sie nur konnte. „Was soll ich denn mit meinen Jungen anfangen?“

„Du kannst ja noch mehr Dunen aus deiner wundervollen Brust zupfen, Freundchen,“ sagte der Mann freundlich. „Geh weg und laß mich ohne Firlefanzen heran. Ich bin doch der stärkere, und das Nest gehört mir.“

Aber die junge Eidergans rührte sich nicht vom Fleck. Sie hackte mit dem Schnabel nach seinen Händen und schrie:

„Geh an den Strand und nimm meinen Mann und rupf ihm alle Dunen aus! Er verdient es wirklich nicht besser. Aber meine Dunen mußt du mir lassen.“

„Schwatz’ du nur, mein Putchen!“ sagte der Mann. „Die besten Dunen sind die, die eine Mutter sich aus der Brust rupft. Das wissen wir wohl. Und haben deine Jungen darunter zu leiden, so kommt es anderen Jungen zugute... kleinen Menschenkindern, deren Eltern die Mittel haben, ein ganz weiches Kissen zu kaufen.“

„Warte wenigstens, bis meine Kinder ausgekrochen sind!“ schrie die Eidergans verzweifelt.

„Ja gewiß!“ spottete der Mann. „Ich soll dich liegen und die Dunen besudeln lassen? Weg mit dir, und zwar geschwind!“

Er puffte sie aus dem Nest, nahm alle Dunen, legte sie in seinen Korb und ging weiter mit den Worten:

„Rupf’ dir nur mehr aus, wenn es für deine Jungen nötig ist. Was tut eine Mutter nicht für ihre Kinder!“

Die Eidergans flog an den Rand des Felsens und sah hinunter.

Da unten tummelten sich lustig die Eidervögel. Sie konnte deutlich ihren Mann und die Tante sehen, die sich ergötzten, wie wenn das Leben nur zum Vergnügen da sei. Und alle anderen machten es ebenso; keiner von ihnen hatte eine Ahnung davon, daß hier oben ein Mann umherging und alle Nester der kostbaren Dunen beraubte.

„Komm herauf und rupf dich!“ schrie sie. „Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du deine Versprechungen einlösen kannst. Deine Eier liegen offen und kalt da, während du dich da unten vergnügst, du Elender.“

Aber ihre Stimme verhallte in dem Lärm, den der Sturmwind und die Brandung erzeugten. Niemand hörte ihren Schrei, und niemand sah ihre Verzweiflung. Da fiel es ihr ein, daß die Eier wirklich kalt wurden, während sie so dastand; und darum machte sie, daß sie zum Neste zurückkam.

Ein Ei fing schon an, entzweizugehen... Nun guckte ein winziges Schnäbelchen aus dem Loche in der Schale. Gleich war sie dabei, dem Gänschen beim Ausschlüpfen zu helfen. Einen Augenblick stand sie da und betrachtete es, so entzückend war es. Dann zupfte sie sich wie eine Rasende die letzten Dunen von der Brust und dem Bauche und stopfte sie darauf. Sie klagte nicht mehr, sondern dachte nur daran, ihren Kindern wieder ein warmes Nest zu schaffen.

Ein paar Tage darauf waren alle fünf Jungen ausgeschlüpft.

Die junge Mutter sah mit Stolz, wie prächtig sie waren. Sie streckten schon ihre Beine aus, die zwischen den Zehen wunderschöne Schwimmhäute hatten, gähnten, lüfteten die kleinen Flügel und schnatterten sogar ein klein wenig.

„Ihr sollt gleich an den Strand hinunter,“ sagte sie. „Ich bin überzeugt, auf dem ganzen Felsen hier gibt es keine schöneren Kinder. Aber trefft ihr euren gottvergessenen Vater, so seht nach der anderen Seite!“

Dann fing sie an, den Felsen hinabzusteigen, und die fünf Jungen folgten ihr so flink, daß es ein Vergnügen war, es anzusehen. Auf halbem Wege traf sie die Tante.

„Ich wollte gerade hinauf, um nach dir zu sehen,“ sagte die alte Dame. „Nein, was für fünf reizende Kinderchen du hast!“

„Ja -- nicht wahr?“ sagte die Mutter und vergaß über diesem Lob ganz ihr Leid.

„Laß mich eins an mich nehmen, damit ich mit ihm herumspazieren kann,“ bat die Tante.

„Niemals!“ sagte die Mutter streng. „Ich weiß wohl, was du für ein Herumtreiber bist, liebe Tante. Meine Kinder gehören mir und keinem anderen, und sie bleiben bei mir.“

In diesem Augenblick fiel ein Schuß von oben her.

Es war ein dummer Schuß, den ein dummer Junge aufs Geratewohl abgefeuert hatte, weil er mit seines Vaters Flinte großtun wollte. Aber die Flinte war geladen, die Schrotkörner schlugen rings umher ein, und die Eidergansmutter fiel mit einem Schrei zu Boden.

„Meine Jungen! Meine Jungen!“ stöhnte sie.

„Denen geht es gut, allen fünfen,“ sagte die Tante. „Sei nur unbesorgt. Aber was ist dir?“

„Ich sterbe,“ ächzte die Mutter. „Ich bin ganz voller Schrotkörner und spüre deutlich, daß ich sterben muß. Ach, meine Kinder, meine Kinder!“

„Ihretwegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen,“ sagte die Tante. „Ich werde ihnen eine zweite Mutter sein und so gut für sie sorgen, als ob es meine eigenen Kinder wären.“

„Ach, Tante,“ rief die junge Mutter mit schwacher Stimme. „Du bist so furchtbar leichtsinnig. Ich habe ja selbst da oben gesessen und gesehen, wie du dich zwischen den Mannsleuten und den jungen Mädchen unten umhergetummelt und mit ihnen gescherzt hast. Wie könnte eine Mutter dir ihre Kinder anvertrauen?“

„Du irrst dich,“ sagte die Tante. „Wenn man Kinder hat, ist das anders. Leg’ du dich nur ganz ruhig hin und stirb.“

Und das tat die Eidergans auch.

Sie fiel um und konnte gerade noch einmal einen Blick auf ihre Jungen werfen. Aber die Tante wartete nicht einmal, bis sie ganz tot war. Sie vergaß alles, nur nicht, daß sie plötzlich fünf prächtige Kinderchen bekommen hatte, und machte sich auf der Stelle mit ihnen auf die Wanderung an den Strand. Sie wußte den kürzesten Weg, denn sie war ihn ja schon siebenmal mit ihren Jungen gegangen. Sie erleichterte den Kleinen den Weg und streichelte sie mit dem Schnabel und lobte und schalt sie, je nachdem sie es verdienten.

Als die Mutter ihre Augen schloß, waren ihre Kinder schon unten am Strande.

Rasch schwammen sie hinaus und begannen sofort zu tauchen, so daß es eine Lust war, es anzusehen. Die Tante bewachte sie und war vor Stolz ganz aus dem Häuschen. Ein alter Kavalier kam zu ihr hin und wollte sie zu einer Tour aufs Meer auffordern; aber sie versetzte ihm einen ordentlichen Hieb mit dem Schnabel.

„Sieht er nicht, daß ich Kinder habe, alter Flegel!“ rief sie. „Fort mit ihm, oder ich will ihn lehren.“

Und sie blieb bei den Kindern, bis sie sich selbst helfen konnten. Winter auf Winter reiste sie mit ihnen nach dem Süden und hörte mit an, wie die Männer um sie freiten und ihnen alles mögliche vorschwatzten, genau so, wie ihr Vater es bei ihrer Mutter getan hatte. Und dann wies sie ihnen gute Brutgelegenheit, machte Hochzeitsvisite und genoß auf dem ganzen Felsen Ehre und Ansehen, bis eines Tages ein Seeadler sie ergriff und auf der Stelle verschlang.

Grabwespe und Goldwespe.

Der alte Pfahl stand unten im Garten.

Es gab freilich viele, die oft im Garten gewesen waren und den Pfahl nie gesehen hatten. Denn erstens war der Garten sehr groß. Es war so ein richtiger Garten mit einem ganzen Wald von Stachelbeersträuchern, mit grünen Rasenflächen und knorrigen Apfelbäumen, Kartoffeln und Kohl in langen Reihen, Rhabarber mit dicken, roten Stengeln, Spargelkraut mit wehenden grünen Spitzen, mit einem Gewirr von Blumen und einem ungeheuer langen Haselnußgang. Der Haselnußgang war so lang, daß, wenn ein großer Junge an dem einen Ende gegangen kam, er von dem andern Ende aus ganz klein aussah. Und zweitens stand der alte Pfahl so gut versteckt, daß Genie dazu gehörte, ihn zu finden.

Er stand nämlich in der allerhintersten Ecke des Gartens auf einer kleinen Anhöhe, dicht am Zaune des Nachbars.

Eigentlich war es allerdings gar keine Anhöhe ... Die Anhöhe lag drüben an der andern Ecke, nach dem Weg hin, und auf ihr standen ein Tisch und eine Bank und außerdem auch eine hohe weiße Flaggenstange. Aber der alte Pfahl stand auf einem Haufen von welken Blättern und Schutt und Steinen und andern Abfällen, die der Gärtner auf seiner Schiebkarre hierher gefahren hatte.

Da lagen zerbrochene Blumentöpfe und geknickte Blumenstöcke, verwelkte Pflanzen, die einmal vornehm gewesen, aber jetzt so vertrocknet und eingeschrumpft waren, daß man sie gar nicht mehr wiedererkennen konnte. Da lag ein alter Rechen, der nur noch einen Zahn hatte, und der war entzwei; und da lagen ein Spatenstiel ohne Spaten und ein Scharreisen ohne Schaft.

Und ringsum zwischen alledem wuchsen lange, dünne Grashalme, die sofort umknicken mußten, wenn der Wind über sie hinstrich. Aber das tat er nicht, denn die Büsche waren auf allen Seiten dicht miteinander verschlungen, so daß der Wind keinen Zutritt fand. Die Bäume aus dem Nachbargarten streckten ihre Zweige weit über den Zaun hin, so daß es in dem kleinen Winkel immer dunkel war. Bloß gerade in der Mitte der Anhöhe war ein Fleck, auf den die Sonne schien.

Auf diesem Fleck stand der Pfahl.

Er war jetzt so häuslich, wie so ein alter Pfahl nur sein kann. Aber im übrigen trat er niemandem zu nahe. Er sonnte seinen alten, runzligen Körper und neigte sich müde nach der einen Seite. Es war ganz deutlich, daß er fromm und gottergeben auf den Tag wartete, wo er umfallen und verfaulen würde.

Aber die Sträucher und das Gras ringsum konnten ihn nicht leiden, weil er mitten in der Sonne stand, während sie selbst im Schatten wuchsen.

„Das Leben hat doch gar keinen Sinn,“ sagte das Gras, das lang und dünn und blaß in die Höhe schoß. „Hier stehe ich und wachse und wachse und bedarf der Sonne und bekomme keine, während der abgestorbene, vertrocknete Bursche es sich im lieblichsten Sonnenschein wohl sein läßt!“

„Das alte Gespenst!“ rief der Fliederstrauch, dessen unterste Zweige sämtlich verdorrt waren, weil die Sonne fehlte. „Wenn er nicht so viel Takt gehabt hat, sich hinzulegen und zu sterben, dann sollte er seinen Leichnam wenigstens nicht in der Sonne zur Schau stellen. Wozu ist er zu gebrauchen? Was tut er? Treibt er Blätter und Blüten?“

Der Goldregen nickte mit allen seinen gelben Blüten, denn er war ganz derselben Ansicht wie der Fliederstrauch. Und die Nachtigall, die im Rotdorn wohnte, setzte sich nie auf den alten Pfahl. Sie hüpfte in den Sträuchern umher und flüsterte ihnen allerlei Schönes ins Ohr. Sie erzählte dem Goldregen, wie fein und anmutig seine Blüten herabhingen. Sie sang von dem Duft des Flieders und des Jasmins und sagte zum Rotdorn, nirgends in der Welt lasse es sich so warm und herrlich wohnen wie in seinen Zweigen. Für den alten Pfahl aber hatte die Nachtigall nie ein freundliches Wort übrig, hielt ihn vielmehr immer zum besten.

„Na, du alter, steifer Kerl!“ schrie sie. „Willst du nicht ein bißchen mit deinen Blättern fächeln -- was? Oder sind deine Knospen vielleicht noch nicht aufgesprungen? Oder feierst du schon Herbst?“

Da lachten die Sträucher, daß alle ihre Blätter sich bewegten. Denn sie fanden die Nachtigall ungemein witzig. Und sie war auch der einzige Vogel, der hier im Winkel sein Nest baute.

Aber der alte Pfahl machte sich nicht viel aus all dem Spektakel. Er hörte jetzt auch nicht mehr besonders gut, so daß ihm vielleicht manches entging. Außerdem war er ja in dem Alter, wo man sich um das Gerede der Leute nicht bekümmert, wenn man nur seine behagliche Ruhe hat. Wenn sie alle durcheinander schrien, so daß man in dem Winkel kein Wort verstehen konnte, dann machte er ja allerdings eine bescheidene kleine Bemerkung zu seiner Entschuldigung. Aber gewöhnlich hörte das niemand außer dem Moos, das auf dem alten Pfahl wuchs.

„Herr Gott!“ murmelte er dann. „Laßt mich doch in Frieden hier stehen, bis ich falle. Ich tue ja keiner Katze was zuleide.“

Und kurz darauf sagte er, aber noch leiser:

„Unsereins ist ja auch einmal jung gewesen. Ein richtiger, schöner Baum war ich, jawohl! Damals hab’ ich Blätter und Blüten gehabt, und zwei Buchfinkenfamilien haben in meinem Wipfel gewohnt. Aber dann sollte ein Weg dahin, wo ich stand. Ich wurde gefällt, zugehauen und angestrichen -- rot und weiß -- und um die Beine herum geteert. Acht lange Jahre stand ich so im Zaune da. Das strengt an, jawohl!“

Eines Morgens im Sommer hing der alte Pfahl seinen Gedanken nach.

Es hatte zwei Tage lang geregnet, und am Fuße des Pfahls hatte sich eine kleine Pfütze gebildet. Große, schwere Tropfen fielen von den Sträuchern auf die welken Blätter hinab. Jeder von den langen, dünnen Grashalmen schleppte einen Tropfen und zerbrach fast vor Anstrengung. Aber nun war in der Frühe die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen und schien mild und warm gerade auf den Pfahl.

„Gott sei Dank!“ sagte der alte Pfahl. „Das war zu viel Feuchtigkeit für so einen alten Herrn wie ich, der die Gicht und das Podagra hat.“

Im selben Augenblick spürte er etwas, das auf seinem Kopfe herumkrabbelte, und gewahrte einen behenden kleinen Gesellen, der auf ihm saß und in ein Loch hineinguckte, das der alte Pfahl noch aus der Zeit hatte, als er im Zaune stand.

Der Kleine hatte vier durchsichtige Flügel und sechs dünne Beine. Auf dem Kopfe hatte er zwei Fühler, mit denen schnupperte er an dem Loch, während er es umsprang und an allen Ecken und Kanten untersuchte.

„Mit Verlaub,“ sagte der Pfahl, „wonach gucken Sie?“

Der kleine Bursche antwortete nicht, sondern schnupperte weiter an dem Loch.

„Wer sind Sie?“ fragte der Pfahl wieder.

„Ich bin die Grabwespe,“ entgegnete der Kleine.

„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ sagte der Pfahl. „Vielleicht darf ich mich auch vorstellen: Ich bin der alte Pfahl!“

„Das bist du,“ erwiderte die Grabwespe. „Und zwar ein wunderschöner alter Pfahl!“

„Tausend Dank!“ rief der Pfahl vergnügt. „Ich bekomme wirklich recht selten etwas so Angenehmes zu hören. Alle meine Nachbarn schelten mich aus von früh bis spät.“

Hierzu hatte die Grabwespe nichts zu bemerken, sie kroch vielmehr ganz in das Loch hinein.

„Was suchen Sie eigentlich?“ fragte der Pfahl.

„Ich beabsichtige, mein Ei in dir zu legen,“ antwortete die Grabwespe.

Der alte Pfahl strahlte vor Vergnügen.

„Aha!“ sagte er. „Und dann kommen Sie mit Ihrem Gemahl, und während Sie brüten, singt er..“

„Dummes Zeug!“ schrie die Grabwespe.

„Entschuldigen Sie!“ sagte der Pfahl. „Ich dachte, es wäre so wie bei der Nachtigall.“

„Ist hier eine Nachtigall?“ rief die Grabwespe erschrocken und versteckte sich tief im Loche.

„Ja... im Rotdorn drüben,“ entgegnete der Pfahl. „Aber sie geruht nie, auf mir zu sitzen, darum brauchen Sie keine Angst zu haben. -- Gefällt die Wohnung sonst der gnädigen Frau?“

„Ja, ich danke. Ich nehme sie. In fünf Minuten bin ich wieder hier.“

Damit flog sie fort, und der alte Pfahl war so vergnügt wie lange nicht.

„Wenn es auch keine Nachtigall ist, so ist es doch etwas ähnliches,“ sagte er zu sich selbst. „Ei ist Ei, und ich weiß nur so viel, daß ich jetzt ebensoviel wert bin wie der Rotdorn.“

Gleich darauf kehrte die Grabwespe mit einer Marienkäferlarve zurück, die sie mit vieler Mühe auf den Pfahl hinaufschleppte und in das Loch hineinsteckte. Der alte Pfahl sah ihr verwundert zu.

„Mich geht es ja zwar nichts an,“ sagte er. „Aber ich finde, Sie möblieren die Wohnung auf eine sonderbare Art.“

„Das ist für mein Junges,“ erklärte die Grabwespe. „Ich muß dafür sorgen, daß es etwas zu fressen hat, wenn es aus dem Ei schlüpft. Wenn ich eine Marienkäferlarve gefangen habe, so steche ich sie mit meinem Stachel, so daß sie ohnmächtig wird, und trage sie in das Loch hinein.“

„Wäre es nicht schöner, Sie stächen sie ganz tot?“ fragte der Pfahl.

„Wohl möglich. Aber dann würde sie verfaulen, siehst du. Und meine Kinder sollen frisches, gutes Fleisch bekommen.“

„Ich halte mich nicht darüber auf, daß Sie für die Familie sorgen,“ sagte der Pfahl, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte. „Ich weiß ja auch, daß alle Tiere die reinen Straßenräuber und Banditen sind. Fressen sie nicht einander, dann fressen sie uns unschuldige Bäume und Pflanzen. Aber wenn Sie einem alten, einfachen Pfahl gestatten wollen, Sie noch mit einer Frage zu belästigen: Warum warten Sie nicht mit der Fütterung Ihrer Kinder, bis sie aus dem Ei kommen?“

„Dann bin ich tot und verschwunden,“ erwiderte die Grabwespe.

„Wie meinen Sie?“ fragte der Pfahl, der glaubte, falsch verstanden zu haben.

„Ich bekomme mein Kind nie zu sehen,“ sagte die Grabwespe. „Wenn ich das Haus mit Marienkäferlarven gefüllt habe, lege ich das Ei, und dann muß ich sterben. Das ist nun mal mein Schicksal.“

„Herrje!“ rief der Pfahl.

Die Grabwespe flog davon, und die Nachtigall, die auf dem Rande ihres Nestes saß, wollte sie wegschnappen. Aber da wurde sie von einem ihrer Kinder am Bein gezwickt.

„Ach, laß sie fliegen, Mütterchen, dann bist du lieb,“ bat das Junge. „Ich habe das ganze hier mitangehört. Denke dir, das arme Wesen bekommt sein Junges nie zu sehen. Laß sie fliegen, dann dürfen die andern meine nächste Fliege kriegen.“

„Du bist ein gutmütiger kleiner Dummkopf,“ sagte die Nachtigall, „und in zehn Minuten bereust du es. Aber eine sonderbare Geschichte ist es doch.“

Dasselbe meinten die Sträucher rings um den kleinen Hügel herum. Sie beugten sich über den Pfahl und guckten in das Loch hinein, wo die ohnmächtige Marienkäferlarve auf dem Rücken lag. Die Grashalme richteten sich auf und wünschten, noch länger zu sein, damit sie auch etwas zu sehen bekämen. Am allermeisten erstaunt waren sie alle darüber, daß so etwas Merkwürdiges gerade dem alten, morschen Pfahl passieren sollte.

Aber der stand mitten auf dem Hügel und hielt sich aufrecht, so gut er konnte, und war unsäglich stolz.

„Wäre ich eine vernünftige Nachtigall, so zupfte ich die Marienkäferlarve heraus und fräße sie,“ sagte die Nachtigall. „Aber es mag hingehn. Vorläufig ist ja genug Futter im Garten, und sie läuft mir nicht weg. Wollen sehen, was draus wird.“

Der Fliederstrauch nickte, und der Goldregen nickte, und der Rotdorn und der Jasmin auch. Denn sie waren alle derselben Ansicht wie die Nachtigall.

Und nun schleppte die Grabwespe noch eine ohnmächtige Marienkäferlarve herbei und steckte sie in das Loch hinein. Und so fuhr sie fort, den ganzen Nachmittag über, bis das Loch voll war.