Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

Part 16

Chapter 163,903 wordsPublic domain

„Du hast uns weggenommen, was du konntest,“ sagten sie. „Weiter reicht deine Macht nicht. Wir warten ruhig bessere Zeiten ab.“

Als sie das gesagt hatten, fiel der Blick des Winters plötzlich auf winzige Knospen rings an den Zweigen der Bäume. Er sah die Kätzchen des Nußstrauches, die nach dem Frühling dufteten. Er sah die braunen Mäuslein eine Trippeltour in den Schnee unternehmen und sah sie vor seinen Augen wieder in ihren warmen Stuben verschwinden. Deutlich hörte er den Igel an der Hecke schnarchen, und die Krähen schrien ihm fortwährend die Ohren voll. Durch das Eis sah er vom Grunde des Sees die Froschmäuler hervorragen.

Da packte ihn die Wut.

„Träume ich, oder wache ich?“ schrie er und griff mit beiden Händen in seinen Bart. „Hält man mich zum besten? Bin ich hier Herr oder nicht?“

Er hörte die Anemonen ruhig und leicht in der Erde atmen, und er vernahm, wie tausend Larven im Holz der Bäume munter und ungestört bohrten, als ob der Sommer im Lande wäre. Er sah die Bienen in ihrem sichern Nest umherkriechen und den Honig verteilen, den sie im Sommer eingesammelt hatten. Die Fledermaus sah er in ihrem hohlen Baum und den Regenwurm tief in der Erde. Überall, wohin er sich wandte, sah er Millionen von Eiern, Larven und Puppen, gut verwahrt und getreulich auf das Verschwinden des Winters harrend.

Da sprang er ins Tal hinab und ballte die Fäuste zum Himmel hinan. Sein weißes Haar und sein Bart flatterten im Winde, seine Lippen bebten, und seine Augen glänzten wie Eis.

Und er stampfte auf und sang mit seiner heiseren Stimme:

„Braus’ vor, mein Zorn, vernichte, zermalmend, tötend richte! Würg’ tot, was lebt, den Fisch, die Maus und Löwe, Frosch und Laub und Laus! Ersäuf’ das Tal im Nebelgraus! Bau’ mir ein herrlich Königshaus aus Drang und Sturm und Eis und Schnee, aus Mord und Tod und Pein und Weh’!“

Er schrie es über das Land hin.

Und das Eis zerbrach und bekam lange Risse. Es klang wie Donner vom Grunde des Flusses her. Finsternis deckte das Land, wie wenn ein Gewitter im Sommer über dem Tale heraufzog, aber es war viel schlimmer -- denn damals konnte man darauf rechnen, daß es bald vorbei sein würde, aber jetzt war keine Hoffnung mehr.

Dann brach das Unwetter los.

Der Sturm brüllte, daß keiner das Krachen der fallenden Bäume im Walde hören konnte, das Eis wurde in Stücke zerbrochen, und die Schollen türmten sich zu gewaltigen Eisbergen auf, aber das Wasser fror augenblicklich wieder zu. Der Frost biß so tief in die Erde hinein, wie er kommen konnte, und er biß alles Lebende tot, das er in der Erde vorfand. Der Schnee stob nieder auf Wiesen und Hügel, und im Schneegestöber verschmolzen Himmel und Erde.

So ging es viele Tage lang.

Die Spatzen wußten zuletzt nicht, ob sie lebendig oder tot waren, die Krähen verkrochen sich im Tannenwalde, stumm vor Hunger und Entsetzen. Der Hirsch hatte zwei Tage lang kein einziges Büschel Gras gefunden, und brüllend, vom Hunger gequält, sprang er durch den Wald. Frierend kauerten die Mäuse in ihren Stuben, der Buchfink erfror, der Hase lag tot auf der Wiese, und der Fuchs fraß den Kadaver und war dankbar dafür.

Und als das Unwetter endlich nachließ, war es kalt wie nie zuvor. Ringsum lagen gewaltige Schneewehen, und an den kahlen Stellen, wo der Schnee vom Winde fortgeweht wurde, war die Erde hart wie Stein. Jede Pfütze war bis auf den Grund zugefroren, See und Fluß waren vereist, und der Hirsch mußte am Schnee lecken, um seinen Durst zu löschen.

Allerorten herrschte Not.

Der Igel war so zusammengeschrumpft, daß in seinem Schlupfloch, das vorher für einen zu klein gewesen war, Platz für zweie war. Die Krähen zankten sich wie verrückt um die kleinste vertrocknete, vergessene Beere. Der Fuchs schlich mit schlaffem Bauch und bösen Augen umher. Und die braunen Mäuslein entdeckten mit Entsetzen, daß sie auf dem Grunde ihrer Vorräte angelangt waren. So viel hatten sie gegessen, um sich an den schlimmen Tagen warm zu machen.

Der Winter aber stand im Tale und schaute vergnügt aus. Er ging in den Wald hinein, wo der Schnee auf der Windseite bis zu den Kronen der Buchenstämme gefroren war, aber auf den Zweigen der Tannen lag er so dick, daß sie bis zur Erde herabhingen.

„Seid ihr auch die Diener des Sommers, so müßt ihr euch doch darein finden, meine Livree zu tragen,“ sagte er höhnisch. „Und nun soll die Sonne euch bescheinen, und ich will mir einen schönen Tag nach meinem Herzen machen.“

Er hieß die Sonne hervorkommen, und sie kam.

An einem blanken blauen Himmel wanderte sie dahin, und alles im Tale, was noch Leben hatte, erhob sich ihr entgegen und bettelte sie um etwas Wärme an. Da war ein Sehnen und Seufzen tief in der Erde, tief in den Bäumen und tief im Flusse:

„Ruft den Frühling ins Tal zurück! Gib uns den Sommer wieder! Wir sehnen uns! Wir sehnen uns!“

Aber die Sonne hatte nur ein kaltes Lächeln als Antwort auf ihre Bitten. Sie blinzelte dem Reif zu, brachte es aber nicht fertig, ihn zum Schmelzen zu bringen; sie starrte auf den Schnee, konnte ihn aber nicht auftauen.

Tot und still lag das Tal unter seinem weißen Linnen da. Die Krähen schrien kaum im Walde.

„So gefällt mir das Land!“ erklärte der Winter.

Und der Tag ging zu Ende -- ein schlechter, trister Tag, der ganz unterging in der großen, strengen Nacht, in der von tausend Sternen Kälte über die Erde herableuchtete. Der Schnee knirschte unter den Tritten des Hirsches, und der Sperling piepte im Schlafe vor Hunger. Das Eis dröhnte und bekam gewaltige Risse.

Und der Winter saß wieder auf seinem Bergthron und schaute froh über sein Reich hin. Seine großen, kalten Augen starrten, während er in seinen Bart brummte:

„Winter redet barsch darein, ist von grimmer Art, riegelt Land und Wasser ein, straft das Leben hart. Sommer lockt mit falschem Lied Keime vor ans Licht. Winter tötet, was da blüht, hält ein streng’ Gericht.“

Die Tage verstrichen, und der Winter herrschte über das Land.

Die braunen Mäuse hatten die letzte Nuß gefressen und wußten keinen Rat für die Zukunft. Der Igel bestand nur aus Haut und Knochen, und die Krähen waren im Begriff, das ganze aufzugeben. Der Fluß lag tot unterm Eise.

Da ertönte plötzlich Gesang:

„Spielt auf, spielt auf, haltet Tritt im Lauf, ihr Wellen blau und sanft! Gebt acht, gebt acht, besiegt des Eises Macht!“

Da sprang der Winter auf und starrte in die Ferne, die Hand über den Brauen.

Unten im Tale stand der Frühling, jung und aufrecht in seinem grünen Gewande, die Laute über der Schulter. Sein langes Haar flatterte im Winde, sein Antlitz war weich und rund, sein Mund lächelte, und seine Augen waren verträumt und betaut.

Die zweite Begegnung.

Die hunderttausend Jahr’ verklangen, wie wenn ein Freudentag vergangen, und niemand weiß es: wie.

Es vergingen hunderttausend Jahre, und der Tag kam, da die Fürsten nach ihrer Verabredung wieder zusammentreffen sollten, um voneinander zu hören, wie es ihnen ergangen war.

Im Dunkel der Nacht begaben sie sich jeder für sich zum Treffpunkt und setzten sich ganz wie das letztemal im Kreise nieder, ein jeder auf seinen Berg. Als die Sonne aufging, schien sie auf die vier hohen Herren in all ihrer Pracht und Macht.

Des Sommers Purpurmantel erstrahlte, und der goldne Gürtel um seine Lende und die rote Rose im Gürtel leuchteten. Der Lenz saß in seinem grünen Gewande da, spielte auf den Saiten der Laute und summte dazu. Der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde, und der Schnee auf dem Berg des Winters glitzerte wie von Millionen Diamanten.

Des Sommers und des Winters Augen trafen einander zum erstenmal wieder nach den vielen Jahren. Der Schweiß sprang auf der Stirn des Winters hervor, und der Sommer hüllte sich schaudernd in seinen Mantel. Sie waren gleich stark und gleich stolz, aber die Augen des einen waren mild, die des andern kalt und streng. Zornig blickten sie einander an, als bittre, unversöhnliche Feinde.

Und auch der Frühling und der Herbst saßen einander gegenüber wie damals vor langer, langer Zeit, und auch ihre Augen trafen sich. Der Blick des Frühlings war betaut, träumerisch und jung wie immer, und der des Herbstes wehmütig und ernst.

Eine Weile saßen die Fürsten so da. Dann erhoben sie sich alle und verneigten sich tief, der Frühling und der Herbst aber am tiefsten, wie es dem Geringeren geziemt. Und als sie wieder saßen, ein jeder auf seinem Berge, und eine Weile geschwiegen hatten, da wandte der Herbst seinen ernsten Blick dem Sommer zu und fragte:

„Hab’ ich den Bund gehalten, den wir schlossen?“

„Das hast du!“ erwiderte der Sommer. „Du hast mir die Ernte geborgen. Ich danke dir.“

Und der Herbst wandte sich zum Winter und fragte:

„Hab’ ich getan, was ich versprach? Hab’ ich dir dein Bett zurechtgemacht? Hab’ ich auf der Erde Platz geschafft für deinen Sturm und deine Kälte?“

„Das hast du getan,“ antwortete der Winter verdrossen. „Aber stets hast du das Tal zu spät verlassen.“

Und der Frühling hob sein Antlitz zum Sommer auf und fragte:

„Hab’ ich nicht das Tuch für dich ausgebreitet, wie ich’s versprach? Hab’ ich nicht das Wasser vom Joch des Eises befreit und die Erde vom Frost? Hab’ ich nicht das grüne Waldzelt aufgeschlagen für dich?“

„Ja, das hast du getan,“ erwiderte der Sommer mild. „Ich bin dafür in deiner Schuld.“

Aber der Winter drohte dem grünen Frühling und schrie:

„Stets bist du zu früh gekommen, du Windbeutel! Nie konnt’ ich meinen Schnee bis auf den Grund ausschütten, nie waren meine Stürme schon müde geworden, wenn du mit deinem Leierkasten erschienst.“

„Ich habe getan, was ich tun mußte,“ erwiderte der Frühling und griff lächelnd in die Saiten der Laute.

Aber der Herbstfürst erhob sich und verneigte sich dreimal tief.

„Dann hat unsre Zusammenkunft ja der armen Erde Segen gebracht,“ meinte er. „Nun wollen wir Abschied voneinander nehmen, um uns nie wieder zu treffen. Einzeln werden wir unsern Gang über das Land fortsetzen bis ans Ende der Zeiten.“

Der Frühling erhob sich, verneigte sich dreimal, wie der Herbst es getan, und band die Laute über die Schulter. Aber der Sommer und der Winter blieben sitzen und schauten vor sich hin, als hätten sie noch etwas auf dem Herzen; und als der Frühling und der Herbst das sahen, setzten sie sich wieder, ein jeder auf seinen Berg, und warteten ehrerbietig.

Als eine Weile verstrichen war, hob der Winter sein weißes Haupt und sah vom einen zum andern.

„Nun will ich das aussprechen, was wir alle denken,“ sagte er.

Fragend wandte der Herbst sich ihm zu, und der Frühling band die Laute wieder los und spielte und summte. Aber der Sommer nickte beifällig.

„Wir sind Fürsten von Gottes Gnaden,“ sagte der Winter. „Wir haben die Erde unter uns verteilt, so daß ein jeder von uns den vierten Teil des Jahres über herrscht. Wir haben den Vertrag eingehalten, den wir miteinander geschlossen haben, aber das Land ist nicht mehr ~unser~.“

„Das ist wahr,“ erklärte der Sommer.

„Wir sind nicht mehr Herren im Lande,“ versicherte der Winter. „Die ~Menschen~ haben die Macht an sich gerissen.“

Der Sommer nickte wieder, der Herbst beugte sein Haupt ein klein wenig vor, der Frühling aber summte seine Melodien und schaute über das Land hin, als ob er gar nicht zuhörte. Aber der Winter fuhr fort:

„Ich weiß nicht, woher sie gekommen sind. Sie müssen zu dem Gewürm gehören, das der Frühling aus der Erde hervorlockt mit seinem Gesang, und das der Sommer lebendig erhält. Aber so viel weiß ich: sie sind da, sie wimmeln auf dem Lande umher, und mit jedem Jahr werden es ihrer mehr und mehr.“

„Das ist wahr,“ sagte der Sommer.

Der Herbst nickte mit dem Kopf, aber der Frühling spielte und sang.

„So ist’s,“ sagte der Winter, „und ich kann ihnen nicht zuleibe. Sie sind mir zu klug, und sie sind jedesmal klüger geworden, wenn ich sie wieder zu sehen bekomme. Vergebens schick’ ich ihnen meine bitterste Kälte, meinen heftigsten Sturm. Sie haben Häuser gebaut, worin sie warm und geschützt sitzen und den Sturm wüten lassen. Sie zünden Feuer an, um sich warm zu halten, und sie haben sich dicke, wollne Kleider verfertigt... für Leib und Glieder, Hände und Füße. Und nicht genug damit! Die Tiere, die sie gebrauchen können, nehmen sie zu sich in die Häuser. Wälze ich meinen Schnee auf die Erde herab, so daß er bis zum Dach ihrer Häuser hinan liegt, so schieben sie ihn beiseite und bahnen sich Pfade und Wege hindurch. Verwandle ich das Wasser zu Eis, so schlagen sie das Eis in Stücke, wenn’s ihnen paßt, oder sie setzen Eisen unter ihre Füße und laufen darüber weg und machen sich obendrein ein Vergnügen daraus.“

„Es ist wahr,“ sagte der Sommer. „Die Menschen haben jetzt die Macht in Händen.“

Aber der Winterfürst hatte seine Klage noch nicht beendet.

„Die Menschen regieren über die Erde,“ sagte er. „Und sie wissen es und sind mir überall im Wege. Um mich so recht zu verhöhnen, haben sie ihr wichtigstes, vornehmstes Fest mitten in meine Regierungszeit verlegt. So frech sind sie!“

„Auch ich kenne sie,“ sagte der Herbst. „Und ich kann nicht leugnen, daß sie sich zu Herren der Erde gemacht haben, wenn sie mir auch nicht viel Schaden zufügen. Aber eigenmächtig sind sie, und die Ernte bringen sie ins Haus, manchmal vor und manchmal nach der richtigen Zeit.“

„Jawohl!“ schrie der Winter. „Darum kann ich sie auch nicht aushungern, weil sie ihre Scheunen mit Vorräten füllen. Aber wenn wir zusammenhalten, können wir sie bezwingen.“

Da ergriff der Sommer das Wort:

„Die Menschen haben die Macht, und wir können nichts daran ändern. Sie sind zu zahlreich und zu klug, wie der Winter ganz richtig sagte. Anfangs hab’ ich nichts gegen sie einzuwenden gehabt. Wie meine andern Geschöpfe liefen sie im Walde umher, jagten, kämpften und brachten ihre Kinder unterm Laube zur Welt. Sie gehorchten dem Gesetz des Lebens, das ich ihnen gegeben habe. Und ich habe ihnen ebensoviel Gutes gegönnt wie dem Hirsch, dem Sperling und dem Regenwurm.“

„Als ~ich~ sie das erstemal sah, hüllten sie sich in Felle und versteckten sich in Höhlen,“ sagte der Winter zornig.

„Das war ihr Recht,“ erwiderte der Sommer ruhig. „Ein jedes Wesen, das ich geschaffen habe, sucht Schutz vor deiner Bosheit, wenn es nicht aus dem Lande fliehen kann, während du herrschest. Aber die Menschen sind nicht mehr das, was sie waren. Jetzt jagen sie nicht mehr frei und keck im Walde. Ihr Angesicht ist blaß geworden, ihr Arm schwach, und sie sind hilflos. Jammergeschöpfe sind die Menschen geworden, und sie müßten sterben. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn der Winter sie alle töten würde. Denn sie herrschen nicht, weil sie die stärksten sind, sondern weil sie alle möglichen spitzfindigen Einrichtungen ersonnen haben. Das verleiht ihnen so große Macht auf Erden.“

„Laßt uns sie ausrotten!“ schrie der Winter.

„Das können wir nicht,“ entgegnete der Sommer. „Sie haben das Land ganz nach ihren Bedürfnissen umgeschaffen. Eine Anzahl meiner Tiere und Pflanzen haben sie ausgerottet, weil sie ihnen keinen Nutzen brachten und nicht gefielen; andere wiederum haben sich unter ihrem Einfluß vermehrt. Und alle, die in die Dienste der Menschen treten, werden krank und schwach wie sie. Sie werden abhängig von den Menschen, damit diese Nutzen von ihnen haben können; aber mit dem freien Leben, zu dem sie geschaffen wurden, ist es aus. Ich hasse die Menschen, wie der Winter sie haßt. Aber es gibt keinen Rat gegen ihre Herrschaft.“

Er schwieg. Mißmutig starrten die drei Fürsten vor sich hin. Nur der Frühling spielte glücklich auf den Saiten seiner Laute.

Da wandte der Winter sich ihm zu und sagte barsch:

„Du allein hast kein Wort gesagt. Was haben die Menschen dir Böses getan?“

„Sag’ es uns!“ erklärte der Herbst dringlich.

„Du hassest sie doch wohl wie wir?“ fragte der Sommer.

Der Frühling hob sein junges Antlitz und blickte sie an, als weilten seine Gedanken in weiter, weiter Ferne.

„Die Menschen?“ sagte er dann. „Sie tun mir nicht weh!“

„Ich halte das für eine deiner üblichen grünen Lügen!“ sagte der Winter spöttisch.

Aber der Frühling blickte vor sich hin mit seinen betauten, verträumten Augen, griff stärker in die Saiten und antwortete:

„Seht, wenn ich ins Tal komme, in die Saiten meiner Laute greife und dazu singe, wenn die Blumen dem Erdreich entsprießen, dann löst sich der Frost in den Herzen der Menschen wie in der kalten Erde. Dann singen sie und blühen und lachen, und Liebe und Wonne werden in ihren Seelen wach!“

Erstaunt blickten die drei Fürsten den Frühling an, aber er fuhr fort:

„Als ich das letztemal im Tale war, sah ich einen alten, alten Mann. Sein Haar war weiß und seine Augen matt. Seine Hände tasteten hilflos umher, und seine Beine konnten ihn kaum tragen. Aber als ich im Tale stand und in die Saiten meiner Laute griff, da richtete er auf einmal seinen krummen Rücken auf, und in seine Augen kam ein Glanz. ‚Der Wald wird grün!‘ sagte er. Und er ging hinaus und sprang auf seinen zitternden Beinen meinen Blumen nach, lauschte meinem Gesang und nahm mit den andern an meiner grünen Freude teil!“

Er schwieg. Keiner der andern Fürsten antwortete ihm. Lange saßen sie schweigend da und blickten über die Erde hin.

Und es wurde Abend und Nacht. Der Mond schien auf die Schneeberge, die Rosen des Sommers dufteten, der bunte Mantel des Herbstes flatterte im Winde, der Frühling griff in die Saiten der Laute und summte leise dazu.

*

Am nächsten Morgen erhoben sich die vier Fürsten in all ihrem Glanz und ihrer Macht, verneigten sich tief voreinander und schritten langsam über die Erde hin.

Die Blattlaus.

Es war zu der Zeit, als es Frühling werden sollte.

Der Winter hatte lange genug gedauert, und alle hatten ihn herzlich satt. Es hatte gefroren, und es hatte gestürmt, und es hatte geschneit nach Herzenslust, so daß man hätte meinen sollen, daß er selbst zufrieden sein müßte. Und außerdem stand es auch im Kalender geschrieben, daß er nun vorbei sein sollte.

Anemonen und Waldmeister hatten ihre Keime fertig und warteten bloß darauf, daß der Frost aus der Erde verschwände. Die neuen Blätter der Bäume lagen hübsch zusammengefaltet in den Knospen und sagten zueinander, nun könnten sie sich nicht länger halten. Der Buchfink hatte sich eine rote Brust zugelegt und hatte den Hals so voller Liebestriller, daß er beinahe daran erstickte.

Aber der Frühling kam nicht.

Dagegen kam der Star. Und er war verdrießlich, weil nichts in Ordnung war.

„Hat das etwa Sinn, einen hierher zu locken, wenn ihr noch nicht weiter seid?“ fragte er.

„Wer hat dich gelockt?“ fragte der Buchfink. „Du hättest ja bleiben können, wo du warst, statt in der Welt umherzurennen und zu sehen, wo der Tisch gedeckt ist. Unsereins, der hier den ganzen Winter über ausgehalten hat, verdient es auch, jetzt alles Futter zu bekommen.“

„Niemand hat je einen Finken satt gesehen,“ erklärte der Star. „Alles verschlingst du ohne Unterschied. Du erhebst dich nicht vom Tische, solange noch ein fauler Same übrig ist. Aber natürlich hast du eine Entschuldigung. Ich möchte dich auf deinen Flügelstümpfen nach Italien fliegen sehen.“

„Meine Flügel sind gut genug für mich,“ sagte der Buchfink. „Und es gefällt mir hier sehr gut!“

In diesem Augenblick schlug seine Stimme in Musik um, und er trillerte so rein und klar, daß alles im Walde den Kopf hob und lauschte.

Anemonen und Waldmeister krochen aus der Erde hervor und blühten auf. Die Buchenknospen schwollen, und die Keime der ganzen Welt regten sich, ohne daß man ihnen ansehen konnte, was aus ihnen werden würde. Der Bach sprang nach einer ganz anderen Melodie dahin als vorher. Und selbst der Star stieß muntere Laute aus und begann, Halme für sein Nest zusammenzutragen.

Der Frühling war da.

Und während die Tage verstrichen, die Sonne schien und der Regen fiel, quoll das Leben stärker und stärker hervor.

Die Buchenknospen sprangen auf in wunderschönem Hellgrün.

„Du erkältest dich,“ sagte die Eiche, die noch grau und garstig dastand.

„Nicht in meinem Alter,“ erwiderte die Buche und schaukelte vergnügt ihre grünen Zweige im Frühlingswinde. „Die Jugend kann unglaublich viel aushalten. Bedenke, ich bin fünfhundert Jahre jünger als du. Aber ein alter Knabe muß natürlich vorsichtiger sein.“

„Ich komme, ich komme,“ rief die Eiche. „Ich beeile mich ja, soviel ich kann. Es kam bloß so über mich.“

Die Fliegen begannen zu summen. Der Mistkäfer kam aus seinem Loch hervor. Die Bienen schwirrten zwischen den Blüten umher und unterhielten sich darüber, wie der Honig in diesem Jahr ausgefallen sei. Die Hummel beschloß, sich häuslich niederzulassen. Der Dachs erhob sich von seinem Winterlager und schlich nach der langen Fastenzeit schlottrig umher. Der Fuchs schnüffelte nach dem Hof des Bauern hin, ob er junge Hühnchen riechen könne. Die Fledermaus kam aus dem hohlen Baum hervor, wo sie den Winter über geschlafen hatte, und probierte ihre Flügel in der Abendluft. Die Krähen schrien, wie sie’s das ganze Jahr über taten, und in der Nacht heulten die Uhus. Es klang jämmerlich, aber sie meinten es nur gut damit.

Die alte Ameise öffnete den Hügel, setzte sich davor und rieb sich vergnügt die Kinnbacken.

„Guten Tag miteinander,“ sagte sie und grüßte in der Runde. „Es freut mich außerordentlich, euch alle zu sehen. Ich hoffe, ihr seid nett und fein, so daß es meinem vornehmen jungen Volk Freude machen wird, euch zu betrachten.“

„Da haben wir die verrückte Ameise,“ sagte der Buchfink. „Sie ist so sauer, daß niemand sie fressen mag. Ich glaube, das ist ihr zu Kopfe gestiegen.“

„Guten Tag, kleiner Buchfink,“ sagte die Ameise. „Hast du einen recht, recht schönen Triller für die jungen Königinnen? Ich habe ihnen von dir erzählt, während sie in ihren königlichen Eiern lagen, also darfst du mich nicht Lügen strafen.“

„Was in aller Welt bildest du dir ein?“ fragte die Buche.

„Guten Tag, guten Tag, liebe Buche!“ sagte die Ameise. „Wie fein du in diesem Jahre bist! Und wie schön dein Stamm ist! Das wird ja eine Lust für die Ameisen sein, an dir auf und nieder zu laufen.“

Die Buche lachte, und der Buchfink lachte, und der ganze Wald lachte.

Aber die Ameise schien sich nicht das geringste daraus zu machen.

Sie war die Älteste im Hügel. Darum kam sie als erste hervor und kommandierte die andern zur Arbeit. Im Augenblick wurden alle Türchen des Hügels geöffnet, und es wimmelte von Ameisen. Sie besserten aus, was im Laufe des Winters in Stücke gegangen war. Sie sammelten Nahrung ein, lüfteten und machten rein, und schließlich trugen sie die Puppen in den Sonnenschein hinaus.

Einige von den Puppen waren größer als die andern, und sie wurden von den Ameisen mit besonderer Ehrfurcht behandelt, denn es sollten Königinnen daraus werden. Und nach einer gewissen Zeit barst das Puppengehäuse, und nun wollte die Untertänigkeit kein Ende nehmen.

„Was ist das alles?“ sagte die größte der jungen Königinnen, um sich schauend.

„Das ist Ew. Majestät Welt!“ erklärte die alte Ameise. „Das alles ist geschaffen, um die hohe Seele Ew. Majestät zu erfreuen. Wenn Ew. Majestät geruhen, werde ich die vornehmsten Wesen vorstellen.“

„Stell’ vor!“ gebot die Königin.

„Da ist erstens die Buche, Ew. Majestät,“ sagte die Ameise.

„Ist sie mein?“ fragte die Königin.

„Sie ist für die Ameisen geschaffen, also in allererster Linie für Ew. Majestät. Auf ihrem Stamm läuft es sich angenehm glatt auf und nieder. Hier und da findet sich Moos, darin sind Milben und anderes Gewürm als Nahrung versteckt, falls Ew. Majestät geruhen sollten, das Frühstück im Grünen einzunehmen.“

„Sehr schön,“ sagte die Königin.