Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen
Part 15
„Oh, wie du gesungen hast!“ rief sie aus. „Sing wieder so, dann nehm’ ich dich vielleicht wieder.“
Aber der Zeisig schüttelte den Kopf.
„Meine Stimme ist weg,“ sagte er.
„Weißt du noch -- wie wir das Nest bauten?“ fragte sie bald darauf. „Wie warm und gemütlich es war! Nie wieder bekomm’ ich ein so hübsches Heim. Sieh nur, wie garstig es jetzt aussieht!“
„Das haben die Jungen getan,“ entgegnete er.
„Ja -- aber entsinnst du dich noch des Morgens, als sie aus dem Ei schlüpften?“ fragte sie, und ihre kleinen schwarzen Augen strahlten. „Wie waren sie süß und nackt und braun! Keine Minute konnte ich sie verlassen, ohne daß sie schrien.“
„Und dann bekamen sie Federn!“ sagte er und richtete sich auf. „Stolze Zeisige waren sie alle vier. Erinnerst du dich noch an den Tag, als sie zum erstenmal aus dem Nest hüpften?“
Sie erinnerte sich. Sie gedachte noch anderer Dinge, und sie erinnerte ihn an alles. Und dann rückten sie näher aneinander und saßen schweigend da und gedachten alter Zeiten.
Und all den andern ging es ebenso wie dem Zeisigpärchen.
Die Blumen neigten sich zueinander und flüsterten von der goldenen Zeit, als jeder Kelch eine Biene beherbergte. So eifrig waren sie, daß der eine kaum abwarten konnte, bis der andere mit seiner Geschichte fertig war. Über die ganze Wiese tönte es hin:
„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Die Fliegen und Bienen saßen den halben Tag schläfrig da und hatten vertrauliche Gespräche über die schönen Sommertage, an denen sie summend und brummend auf der Wiese regierten. Die Bäume schlugen mit den Zweigen gegeneinander und erzählten sich Märchen aus ihrer grünen Jugend. Die Schilfhalme streckten die braunen Kolben zusammen und erlebten das ganze noch einmal im Traum. Die braunen Mäuslein saßen in der Abendsonne an der Hecke und erzählten den Kindern ihre Liebesgeschichte.
„Weißt du noch? Weißt du noch?“
Mitten im Tale stand der Herbstfürst, das Horn in der Hand. Aber niemand sah ihn.
Da flog die Krähe mit heftigem Flügelschlag aus dem Walde und schrie:
„Vorbei -- vorbei! Wie mögt ihr von den alten Dingen reden! Es ist ja doch alles vorbei -- vorbei -- vorbei!“
Das Echo klang von den Hügeln:
„Vorbei -- vorbei -- vorbei!“
Und das Echo flüsterte im Schilf und summte im Fluß. Alle verstanden es, daß der Sommer zu Ende war. Sie schwiegen; mitten in ihren Geschichten verstummten sie, lauschten und sprachen es nach:
„Vorbei -- vorbei -- vorbei!“
Und plötzlich sahen sie alle den Herbst, wie er in seinem bunten Mantel mitten unter ihnen stand. Mit bangen Augen starrten sie ihn und einander an.
Aber er setzte das Horn an den Mund und blies, daß es über das Tal hinklang:
„In Berg und Tal zum erstenmal -- zum erstenmal erschallen meine Klänge: Septemberzeit im Bronzekleid zeugt Pilze bunt auf weitem Rund in seltsamem Gedränge.“
Mit seinen ernsten Augen schaute der Herbst über das Tal. Aber als das letzte Echo der Töne verklungen war, hob er den bunten Mantel in der Sonne, nickend und lachend.
Und während der Himmel so hoch war wie nie zuvor und die Luft leicht und die See blau, während die Berge sich klar vom Horizont abhoben, unterwarf sich das Land gehorsam der Herrschaft des Herbstes.
Begonnen hatte es in der Nacht, als der Sommer fortzog. Ein gelbes Blatt hier, ein braunes Blatt dort, aber niemand hatte es beachtet. Jetzt ging es schneller, und während der Tag verstrich, kamen immer mehr Farben hervor und ein immer schärferer Glanz.
Die Linde wurde hell und die Buche bronzefarben, aber der Holunder wurde noch schwärzer als vorher. Die Glockenblumen läuteten mit weißen Glocken wie vorher mit blauen, und der Kastanienbaum segnete alle Welt mit seinen fünf gelben Fingern. Der Vogelbeerbaum warf die Blätter ab, damit alle die wunderschönen Beeren bewundern sollten, von der wilden Rose her nickten Hunderte von Hagebutten, und der wilde Wein loderte über der Hecke in hellen Flammen.
Weich und grün wuchs das Moos, und die Pilze schossen in einer Nacht hervor. Sonderbare, weiche, blasse Burschen waren es, und giftig und neidisch sahen sie aus. Aber einige von ihnen hatten einen scharlachroten Hut auf dem Kopfe, und alle waren des Lebens von Herzen froh.
Aber der Zeisig konnte keine Fliege finden und beklagte sich jämmerlich darüber.
„So reise denn!“ sagte der Herbst. „Deine Zeit ist abgelaufen, und ich habe Vögel genug.“
Und fort zogen Zeisig, Hänfling und viele andere. Der Herbst aber setzte das Horn an den Mund und blies:
„Die schönsten Dinge von der Welt rings auszustreu’n dem Herbst gefällt: Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein. Farben bunt und wunderfein schmücken sein gewaltig’ Zelt.“
Und Amsel und Drossel schnatterten lustig im Gebüsch, das von Beeren leuchtete, und tausend Spatzen fielen mit ein.
In der Nacht war es ganz still. Der Hirsch ging lautlos über die Wiese und spähte mit erhobenem Geweih. Der Vogel saß irgendwo und schlief, das Köpfchen unter dem Flügel; der Wind getraute sich kaum, in dem vergilbten Laube zu flüstern. In ferner Ruhe funkelten die Sterne. Und dann fielen die Blätter.
Während sie sich von den Zweigen lösten, während sie die Luft durchschwirrten und zu Boden fielen, seufzten sie leise und erfüllten den Wald mit seltsamen Klagelauten. Aber niemand konnte sie hören, der nicht seine eigene Hoffnung hatte sterben sehen.
Aber am nächsten Morgen leuchteten die, die übrig geblieben waren, noch stärker, und sie lachten in der Sonne, als hätten sie sich nie so wohl gefühlt. Die Birke kokettierte im Moor, und die kleinen, kleinen Pflanzen an der Hecke bildeten sich viel ein auf ihre roten Blätter. Buche und Eiche änderten jeden Tag irgend etwas an ihrem Gewand, so daß es noch phantastischer wurde. Die fallenden Blätter flogen von dem einen Baum zum andern und blieben dort liegen, so daß das ganze schließlich ein einziger Wirrwarr war.
Aber am allerrotesten flammte der wilde Wein, und in der alten abgestorbenen Eiche machten die Krähen jeden Abend einen solchen Spektakel, daß man überhaupt nichts hören konnte. Die Drosseln gackerten, die Sperlinge schrien, und der Wind lief vom einen zum andern und fachte die gute Laune an. Hoch vom Himmel blickte die Sonne mild auf das alles herab.
Und der Herbst nickte vergnügt und ließ seinen bunten Mantel im Winde flattern.
„Ich bin der geringste der vier Fürsten und kaum Herr in meinem eigenen Lande,“ sagte er. „Ich diene zwei eifrigen Herren und muß ihnen zu Gefallen sein. Aber so weit reicht meine Macht denn doch, daß ich euch ein paar vergnügte Tage verschaffen kann.“
Und er setzte das Horn an den Mund und lud zum Feste ein. Und alle kamen.
Aber während die Lustigkeit auf ihrem Höhepunkt und das Land voller Lärm war wie in den schönsten Tagen des Sommers -- da irrten sich zwei in der Zeit.
Das waren der Kirschenbaum und die Erdbeere.
Sie fanden, daß die Sonne so merkwürdig warm schien, und sahen, wie froh alle waren. Da vergaßen sie sich und öffneten vorsichtig ihre weißen Kronen. In demselben Augenblick aber erschauerten sie, denn es war ja kälter, als sie gedacht hatten.
Und als die feinen weißen Blüten sich in der Morgensonne entfalteten, da lachten all die bunten Bäume des Waldes sie aus. Die Krähen fielen vor Gelächter von den Bäumen herab, die Spatzen kreischten -- und alle meinten, das sei das Allerköstlichste, was sie je erlebt hätten. Aber eine verspätete Biene machte sechstausend große Augen und bekam einen Schlaganfall, weil sie glaubte, sie habe den Verstand verloren.
Der Herbstfürst sah mit betauten Augen auf die Blüten herab und schüttelte den Kopf.
„Ihr armen kleinen Dummköpfe,“ sagte er wehmütig.
Aber der wilde Wein schlang seine warmen roten Arme um sie und sagte zu ihnen, sie seien lieb und gut.
Und die Blüten wuchsen und gediehen, und eine von ihnen trieb sogar eine winzige grüne Beere hervor. Und als die andern das sahen, hörten sie auf zu lachen und begannen nachzudenken. Die Erle blickte an sich herab und meinte, sie sei ja noch ganz grün, und die Birke wollte in die Erde versinken vor Scham über ihre Nacktheit. Der alte Frosch sagte plötzlich Quorax! und erschrak so darüber, daß er kopfüber im See verschwand. Der Sperling fühlte sich auf einmal gar einsam und sah sich liebevoll um unter den Töchtern des Landes.
Aber die Buche schüttelte eine Menge brauner Blätter ab und hielt die, die noch grün waren, krampfhaft fest.
„Es wäre ja möglich,“ sagte sie zu sich selbst und sandte im selben Augenblick drei frische Triebe in die Welt.
Aber in der Nacht, nachdem dies geschehen war, war eine gewaltige Unruhe auf den Gipfeln der Berge, wo der ewige Schnee im Frühling und Sommer gelegen hatte. Es klang, als wäre ein Gewitter im Anmarsch. Die Bäume bekamen Angst, die Krähen verstummten, und selbst der Wind hielt den Atem an.
Der Herbst beugte sich vor, um zu lauschen.
„Bist du toll?“ schrie eine heisere Stimme durch das Dunkel.
Der Herbst hob den Kopf und schaute in die großen, kalten Augen des Winters.
„Vergißt du die Verabredung?“ fragte der Winter.
„Nein,“ erwiderte der Herbst. „Ich vergesse sie nicht. Wenn sie aber sterben sollen, so vergönne ihnen noch einmal zu tanzen.“
„Hüte dich!“ schrie der Winter.
Die ganze Nacht hindurch rumorte und lärmte es in den Bergen. Es wurde so bitterlich kalt, daß der Star allen Ernstes daran dachte, einzupacken, und selbst der rote Wein erbleichte. Als die Sonne aufging, hingen die Kirschenblüte und die Erdbeerblüte tot an ihren Stengeln.
Von den fernen Berggipfeln leuchtete Neuschnee.
Da lachte der Herbst nicht mehr. Er schaute ernst über das Tal hin, und die Falten in seiner Stirn wurden tiefer.
„So mag es denn sein!“ sagte er.
Dann blies er in sein Horn:
„In Berg und Tal zum zweitenmal -- erschallen meine Fanfaren: Ist die Saat bereit? Sorgt vor zur Zeit für schützend’ Fett und wärmend’ Bett. Ihr müßt euch gut verwahren!“
Da entstand auf einmal eine große, große Emsigkeit im Lande. Denn nun verstanden alle, daß es zur Neige ging; und alle meinten, etwas vergessen zu haben oder mit irgend etwas nicht fertig geworden zu sein.
Rings im Gebüsch schrien die Sträucher überlaut: „Hol meine Hagebutten!“
„Vogelbeeren! Vogelbeeren! Schöne rote Vogelbeeren!“
„Schlehen! Schlehen!“
Und Drossel und Amsel stürzten sich auf sie und verschlangen die guten Beeren, um für die Reise etwas Zehrung zu haben. Die Spatzen verspeisten alles, was sie hinunterbekamen, und die Krähen verjagten die andern und hieben ein.
„Sputet euch!“ sagte der Herbst. „Weg mit dem Staat!“
Mohn, Glockenblume, Nelke und viele andere standen dürr und dünn wie Hölzer da, die Köpfe voller Samen. Der Löwenzahn hatte jedem seiner Samen einen niedlichen Fallschirm zugegeben.
„Komm, lieber Wind, und schüttel’ uns!“ bat der Mohn.
„Flieg mit meinem Samen fort, Wind!“ sagte der Löwenzahn.
Und der Wind beeilte sich, ihre Bitten zu erfüllen.
Aber die Buche ließ heimlich ihre zottigen Früchte auf den Pelz des Hasen fallen und eine auf den roten Rock des Fuchses. So trugen die beiden die Kinder der Buche in die Welt hinaus, ohne eine Ahnung davon zu haben.
„Sputet euch!“ sagte der Herbst. „Es ist keine Zeit zu verlieren.“
Die braunen Mäuse füllten ihre Stuben bis zur Decke mit Nüssen, Bucheckern und Eicheln. Der Igel hatte sich schon so dick gefressen, daß er die Stacheln kaum zurücklegen konnte, aber trotzdem schlich er die ganze Nacht umher, um noch mehr zu bekommen. Hase, Fuchs und Hirsch zogen unter ihren Pelzen reines, weißes Wollzeug an. Star, Drossel und Amsel sahen ihre Daunenhemden nach und übten die Flügel für die lange Reise. Die Spatzen waren neidisch, weil sie nicht mitdurften, auf die Krähen aber machte nichts Eindruck. Der Kiebitz saß gar elend auf seinem Hügelchen.
Aber die Fledermaus geriet ganz außer sich und hängte sich eines Abends an ihren eigenen Hinterbeinen tief im Innern eines hohlen Baumes auf.
„Geschwind!“ gebot der Herbst. „In einer Woche ist es aus!“
Die Sonne versteckte sich hinter der Wolke und kam viele Tage lang nicht zum Vorschein.
Es begann zu regnen. Der Wind wehte schärfer; er peitschte den Regen über die Wiese hin, jagte den Fluß, daß er schäumte, und pfiff unheimlich zwischen den Stämmen im Walde. Die Blätter fielen unaufhörlich.
„Das Lied ist aus!“ sagte der Herbst. Und er setzte das Horn an den Mund und blies:
„Herbst ruft durchs Land zum letztenmal, zum letztenmal -- bald schließen sich die Seen. Flieg, Vogel, fort! Sink, Frosch, an Ort! schließ, Bien’, dein Haus, schlaf, Bär, dich aus!“
So war es also vorbei. Und alles vollzog sich so schnell, daß man gar nicht klar darüber wurde, wie es anfing und wie es endete.
In Scharen verließen die Vögel das Land. Star und Kiebitz, Drossel und Amsel, sie alle zogen nach Süden. Jede Nacht hörte der Spatz ihr Pfeifen und Flügelrauschen in der Luft.
Jeden Morgen, bevor die Sonne aufging, fuhr der Wind durch den Wald und riß die letzten Blätter von den Bäumen. Jeden Tag wurde der Wind stärker, zerbrach große Zweige, fegte die welken Blätter in Haufen zusammen, trieb sie wieder auseinander und legte sie zuletzt als weichen, dicken Teppich über den ganzen Waldboden hin. Hier und dort hing ein vereinzeltes Blatt an einem Zweige, das sich sträubte und nicht sterben wollte. Aber es wurde ihm nur eine Galgenfrist bewilligt. Fiel es nicht heute, so fiel es morgen.
Der Igel verkroch sich so tief in ein Loch unter einem Steinhaufen, daß er zwischen zwei Steinen eingeklemmt sitzen blieb und weder vorwärts noch rückwärts konnte. Der Sperling bezog sein Nachtlogis in einem verlassenen Schwalbennest, die Frösche gingen endgültig auf den Grund des Teiches hinab, setzten sich im Morast zurecht, den Maulrand oben im Wasser, und warteten der Dinge, die da kommen würden. Die Wellen rissen die Seerosenstengel los und spülten sie weg, das Schilf zerbrach im Sturm und trieb mit der Strömung fort.
Der Herbstfürst starrte über das Land hin, um zu sehen, ob es kahl und öde war, auf daß sich die Stürme des Winters frei zu tummeln vermöchten und der Schnee sich niederlegen könnte, wo er Lust hatte.
Und es war so leer, daß die Sonne Tag um Tag später aufstand und früher zu Bett ging, weil sie fand, es sei nichts da, worauf sie scheinen könne.
„Nun komme ich!“ schrie der Winter von den Bergen. „Meine Wolken bersten von Schnee, und meine Stürme reißen sich los.“
„Ich habe noch einen Tag,“ sagte der Herbst.
Er ging über die Wiese, auf der das Gras schon gelb war; alle Blumen waren verschwunden mit Ausnahme des kleinen Tausendschönchens, das nie ein Ende finden kann. Dann ging er in den kahlen Wald hinein. Er sah nach dem Igel, lächelte den braunen Mäuslein zu, die hübsch ordentlich die Schalen aus der Stube trugen, wenn sie ein Nußgelage veranstaltet hatten, streichelte die starken Buchenstämme, fragte sie, ob sie dem Sturme standhalten könnten, und nickte den ewig vergnügten Krähen zu.
Dann blieb er vor der alten abgestorbenen Eiche stehen und blickte auf die Efeuranke herab, die ganz bis zum Wipfel emporkletterte und ihre grünen Blätter entfaltete, als ob es gar keinen Winter gäbe.
Und während er sie betrachtete, mit Augen, die mild und betaut waren, wie die des Frühlings, brachen die Efeublüten auf. Sie wiegten sich im Winde, gelb, grün und unansehnlich; und doch waren es ebenso richtige Blüten wie die, die im Reich des Sommers wuchsen.
„Nun kann ich meine Stürme nicht länger zurückhalten!“ schrie der Winter.
Der Herbst neigte sein Haupt und lauschte. Er hörte den Sturm über die Berge herabbrausen. Eine Schneeflocke fiel auf seinen bunten Mantel... und noch eine... und noch eine.
Zum letztenmal setzte er das Horn an den Mund und blies, gedämpft und wehmütig:
„Du grünste, du letzte, du einz’ge, geschätzte, du ewige, blanke! Um alle Jahreszeiten sich deine Arme breiten, dem Herbst gilt dein letzter Gedanke, du traute Efeuranke!“
Dann ging er im Sturme fort.
Der Winter.
Schneeweißchen, bing bang, Schneewittchen, kling klang, fallet sacht hernieder!
Der Winter war auf den Bergen, aber sein Gesicht verdeckten schwere, dem Bersten nahe Wolken, die darauf lauerten, all die Bosheit freizulassen, die sie in sich trugen.
Von Zeit zu Zeit trennten sich die Wolken ein wenig voneinander, aber nur auf einen Augenblick. Und wenn das geschah, funkelten die schneebedeckten Gipfel in der Sonne, so daß man nichts anderes sehen konnte, und auch sie selbst vermochte man anzuschauen. Und selbst wenn der Sturm ganz wild über das Tal dahinfuhr, wenn der Fluß aufschäumte und die Bäume knackten und brachen und fielen, selbst dann lagen die Wolken schwer und dicht vor dem Gesicht des Winters.
Zuweilen lösten sich einige von ihnen im Nebel auf, der in das Tal hinabschwebte und es ganz ausfüllte. Aber das war ein anderer Nebel als der, den der Frühling über das Land legte. Aus ihm blühten keine Veilchen hervor, in seinem Schoß war keine Frucht geborgen, keine Sehnsucht und kein Leben. So kalt war er, als gäbe es gar keine Sonne hinter ihm.
Manchmal regnete es in dichten, endlosen Strömen, tagaus, tagein. Der Wind peitschte den Regen dem Hasen und Hirsch in die Augen, daß sie sich verstecken mußten, wo sie gerade konnten. Die braunen Mäuse konnten kaum die Nase vor ihre Tür stecken, und die Spatzen saßen zerzaust und verzagt unter den blattlosen Sträuchern. Aber die Krähen wiegten sich unentwegt auf den höchsten Zweigen und hielten den Schnabel steif in den Wind, damit der ihnen nicht unter die Federn blasen sollte.
Manchmal schneite es auch. Aber es war ein schlechter, schläfriger Schnee, der schmolz, sobald er zu Boden fiel.
In der Nacht heulte der Wind in den Bergklüften und die Eule im Walde. Die welken Blätter spielten Haschen und raschelten wie Gespenster, und die Zweige der Bäume bogen sich traurig hin und her, hin und her.
Und mochte es schneien oder regnen, oder mochte es bloß neblig sein, mochte es Tag oder Nacht sein, stets lag das Tal in gräßlichem Morast da, und in den Bergen lauerten die Wolken. Die welken Grashalme auf der Wiese schwankten verzweifelt im Winde. Die Wellen des Flusses liefen verbittert und kalt dahin.
Und eines Nachts fror es.
Auf dem Morast bildete sich eine dünne Rinde, die der Hirsch mit seinen Hufen durchbrach, aber der Hase lief darüber weg. Den träumenden Igel schauderte es, die Efeublüten verwelkten, und die Pfützen bekamen eine Eisdecke.
Und am nächsten Morgen, ganz in der Frühe, fiel eine dünne Schneeschicht über das Tal herab. Die Sonne leuchtete wieder, aber fern und kalt, und die Wolken verzogen sich.
Der Winter saß auf den Bergen -- ein alter Mann mit weißem Haar und Bart. Zottig war seine nackte Brust, zottig Beine und Hände. Stark und wild sah er aus, und seine Augen waren kalt und streng.
Aber er war nicht zornig wie damals, als der Frühling ihn aus dem Tal verjagte und als der Herbst nicht schnell genug von dannen ging. Ruhig überschaute er das Reich, denn nun wußte er, daß es sein war. Und als er alles tot, leer und öde vorfand, griff er in seinen gewaltigen Bart und lachte barsch und vergnügt.
Aber alles im Lande, was Leben hatte, wurde von Entsetzen gepackt, als des Winters kalte Augen darauf ruhten.
Die dicke Rinde der Bäume erbebte, und die Sträucher schlugen vor Schreck die Zweige zusammen. Die Maus wurde schneeblind, als sie zur Tür herausguckte, und der Hirsch sah betrübt über die weißen Wiesen hin.
„Noch kann mein Maul das Eis zerbrechen, wenn ich trinken will,“ sagte er. „Noch kann ich den Schnee beiseite scharren und ein Büschel Gras finden. Aber wenn es noch eine Woche so weitergeht, dann ist es aus mit mir.“
Die Krähen, der Buchfink, der Spatz und die Kohlmeise hatten die Sprache ganz verloren. Sie dachten an die andern Vögel, die beizeiten fortgezogen waren, und wußten nicht, wohin sie sich in ihrer Not wenden sollten. Schließlich traten sie in einer Reihe vor, um dem neuen Herrn des Landes ihre untertänige Huldigung darzubringen.
„Hier kommen deine Vögel, mächtigster aller Fürsten!“ sagte die Krähe, in dem weißen Schnee umhertrippelnd. „Die andern haben das Land verlassen, als du dein Kommen ankündigtest! Aber wir sind geblieben, um uns dir zu unterwerfen. Sei uns ein gnädiger Herr, und gönn’ uns unser täglich Brot.“
„Wir beugen uns vor Ew. Majestät!“ sagte der Buchfink.
„Wir haben uns so sehr nach dir gesehnt!“ piepste die Kohlmeise und legte den Kopf auf die Seite.
Und der Sperling sprach es ehrerbietig den andern nach.
Aber der Winterfürst lachte sie höhnisch aus.
„Aha, ihr Allerweltsvögel!“ sagte er. „Jetzt kriecht ihr vor mir, im Sommer habt ihr euch gut unterhalten, im Herbst habt ihr euch dick und fett gefressen, und wenn der Frühling euch aufspielt, tanzt ihr wie die andern nach seiner Pfeife. Ich hasse euch, hasse euer Geschrei und Gekreisch, und die Bäume, auf denen ihr umherhüpft. Ihr alle wollt mir trotzen, und ich will euch treffen, wo ich kann.“
Und er erhob sich in all seiner Macht: „Ich habe meine eigenen Vögel, nun sollt ihr sie zu sehen bekommen!“
Er klatschte in die Hände und sang:
„Schneeweißchen, bing bang, Schneewittchen, kling klang! Fallet sacht hernieder! Laßt dem Frühling seinen Sang und dem Sommer seine Lieder. Macht das Tal zum weichen Nest! Fliegt von Ost und fliegt von West, Schneeweißchen, kling klang, Fliegt herab den Winter lang!“
Und die Vögel des Winters kamen.
Plötzlich wurde es finster, und die Luft füllte sich mit kleinen schwarzen Pünktchen, die herabsanken und zu großen weißen Schneeflocken wurden. Sie fielen auf die Erde nieder, immer mehr und mehr, in unendlicher Mannigfaltigkeit. Weiß und stumm legten sie sich Seite an Seite, Schicht an Schicht. Und immer dicker wurde der Teppich über dem Lande.
Die Krähen und die andern suchten Zuflucht im Walde, während der Schnee fiel, und starrten mißmutig über das Tal hin. Kein Grashalm, kein Stein war mehr zu sehen. Alles war eine weiche, weiße Fläche. Nur die Bäume ragten hoch daraus empor, und durch die Wiese lief der Fluß dahin, schwarz vor Zorn.
„Auch dich kann ich bezwingen!“ sagte der Winter.
Und als es Abend wurde, gebot er dem Winde, sich zu legen. Da wurden die Wellen ganz klein und still, der Winter starrte sie mit seinen kalten Augen an, und das Eis baute seine Brücke von beiden Ufern her. Vergebens versuchten die Wellen, den Gesang des Frühlings anzustimmen. Ihre Stimme hatte keine Kraft. Vergebens riefen sie nach der Sonne des Sommers und dem frischen Winde des Herbstes. Niemand hörte ihre Klage, und sie mußten sich unter das Joch begeben.
Am nächsten Morgen war von dem Fluß nur eine schmale Rinne übrig, und als noch eine Nacht vergangen war, da war die Brücke fertig. Wieder rief der Fürst des Winters seine weißen Vögel herbei, und bald war die Schneedecke über den Fluß gebreitet, so daß man nicht mehr sehen konnte, was Land und Wasser war.
Aber keck ragten aus dem tiefen Schnee die Bäume auf, und in ihren Wipfeln schrien die Krähen. Tannen und Fichten hatten alle ihre Blätter behalten und waren so grün wie immer. Wo sie standen, da bildeten sie Deckung vor dem Frost und Schutz vorm Schnee, und der Buchfink und die andern Vögel fanden Zuflucht unter ihrem Dach.
Der Winter blickte sie zornig an.
„Könnt’ ich euch doch bändigen, könnt’ ich euch doch zerbrechen!“ schrie er. „Ihr bietet mir Trotz, ihr spottet meiner. Mitten in meinem Reiche haltet ihr Wache für den Sommer, und ihr gebt den verfluchten Schreihälsen, die die Ruhe in meinem Lande stören, eine Zuflucht. Mein Eis vermag sie nicht zu töten. Hätte ich bloß Schnee genug, euch darunter zu begraben, daß ihr mir wenigstens nicht in die Augen stechen könntet!“
Aber die Nadelbäume boten dem Zorn des Winters Trotz und bewegten die langen Zweige im Winde.