Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen

Part 14

Chapter 143,939 wordsPublic domain

Der Sommer hob lächelnd von neuem die Hand. Da das nichts half, runzelte er die Brauen, und sein Gesicht verfinsterte sich.

Und in demselben Augenblick trat ein Schleier vor die Sonne. Von Osten und Westen her kamen schwere Wolken langsam über die Hügel herauf, schwerer und schwärzer, als das Tal sie je gesehen hatte, mit seltsamen, dicken Rändern. Aus den Wolken rollte der Donner, in weiter Ferne und gedämpft, aber so, daß ein jeder seine Macht erkennen konnte.

Die Wolken kamen näher, und es wurde immer dunkler, blieb aber trotzdem warm. Im Walde mußte man glauben, daß es Abend sei. Der Wind bekam Angst, lief hinter die Hügel und legte sich. Die Luft wurde sonderbar drückend und schwer. Die Blätter der Bäume hingen schlaff herab, als wären sie krank, und die Blumen beeilten sich, ihre Kronen zu schließen. Niemand wußte, wo die Fliegen blieben, aber fort waren sie. Die braunen kleinen Mäuse vergaßen ihre verliebten Narrenspossen, saßen in ihren Stuben und pfiffen. Der Hirsch legte sich hinter den dichtesten Sträuchern nieder, die Frösche bekamen ihr Quorax in die verkehrte Kehle und verzogen sich nach dem Grunde, als ob der Winter vor der Tür stünde. Rings unterm Laube saßen die Vögel und starrten mit bangen Augen.

Und der Sommer war nicht länger Licht und Sonne. Während die Wolken sich zusammenzogen, erlosch der Glanz, der ihn umwogte. Schließlich stand er wie eine gewaltige schwarze Wolke in der Gestalt eines Riesen am Ende des Tales.

Da erbrauste es plötzlich über den Hügeln, daß alle den Atem verloren. Die Bäume neigten sich im größten Entsetzen, der Fluß hob sich und sprang davon wie ein Roß, das sich bäumt und wild wird.

Da klang es, als liefen tausend leichte Füße über die Erde hin... das waren die ersten Regentropfen. Im nächsten Augenblick stürzte der Regen herab, und jeder Laut ging unter in seinem Geplätscher.

Ein sehr starker Blitz folgte, so daß man alles sehen konnte, aber aller Augen wurden geblendet. Dann trat das tiefste Dunkel ein, und der Donner rollte, daß die Berge bebten.

Aber durch den Donner hindurch tönte die Stimme des Sommers, und niemand hatte je eine so starke Stimme vernommen:

„Ich bin es... der Sommer, der die Herrschaft über das Land übernimmt. Mein ist der Donner, der überm Tale brüllt. Hört ihr... das Echo rollt von den Bergen... die Erde dröhnt unter meinem Fuß... der Sommer kommt.“

Der Donner hörte auf, aber der Regen fuhr fort zu strömen. Aber durch ihn hindurch sprach die Stimme des Sommers, und noch nie hatte jemand eine so milde Stimme vernommen:

„Ich bin es... der Sommer, der die Herrschaft übernimmt. Was grün ist, soll noch grüner werden, das Schöne noch tausendmal schöner. Der Duft der Blumen soll süßer, der Klang des Vogelgetrillers tiefer und voller werden. Der Tag soll früher im Osten aufstehen und heller und wärmer sein, die Nacht kühl und still, und der Wonne am Morgen und des Friedens am Abend soll kein Ende sein.“

Als der Sommer so gesprochen hatte, während alles im Tale sich vorbeugte, lauschte und verstand, schwieg der Donner, und der Regen ließ nach.

Hoch und strahlend durchschritt der Sommerfürst sein Reich.

Wohin er kam, da teilten sich die Wolken und schwanden nach Ost und West hinter den Hügeln. Der Himmel wurde wieder klar, und die Wassertropfen, die an jedem Zweige und jedem Halme hingen, glänzten in der Sonne. Die Blüten öffneten sich, die Vögel kamen unterm Laub hervor, der Hirsch verließ sein Versteck und tauchte das Maul in das weiche Gras.

Aber als die letzte Wolke verschwunden war und die Sonne den letzten Wassertropfen weggetrocknet hatte, als jede Spur des Unwetters getilgt war, da war es doch nirgendwo so wie vor dem Gewitter im Tal.

Es kamen mehr Blumen und neue Blumen hervor, und ihr Duft war süßer und ihr Glanz größer, wie der Fürst des Sommers es verkündet hatte. Aber es war, als wären alle ernster geworden.

Sie wiegten sich nicht mehr so sorglos auf ihren Stengeln und versandten ihren Duft nicht mehr so verschwenderisch in alle Winde. Aber wenn eine Biene oder ein Schmetterling geflogen kam, reckten alle Blumen den Hals und leuchteten und dufteten doppelt so stark und riefen überlaut ihren Honig aus, damit die Insekten kommen und ihnen den Blütenstaub abnehmen sollten.

Und die Bienen hatten auch nicht so viel Zeit wie in den grünen Tagen des Frühlings. Ihre Königin zu Hause legte Hunderte von Eiern, und sie mußten Wachs ausschwitzen, Kammern bauen und Honig und Blütenstaub holen, daß sie beinahe dabei zugrunde gingen. Und es waren so viele Blumen da, daß sie nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. Im Walde berauschten sie sich an dem süßen Duft der Lindenblüte und des Geißblatts, auf dem Hügelhang flatterten sie geradeswegs in die rote Flamme des Mohns hinein. Keine von ihnen konnte die Blumenkörbe verschmähen, die Distel und Klette, Kamille und Löwenzahn ihnen hinreichten. Kamen sie an die Hecke, so rief der Holunder, wollten sie im Grase ausruhen, so bot die Winde ihnen ihren Kelch mit frischen Tautropfen auf dem Rande und Honig auf dem Grunde dar; flogen sie über den See hin, so lag die Seerose mit ihren weißen und gelben Blütenblättern da und nickte auf den stillen Wassern.

Und wie es den Blumen und Bienen ging, so ging es überall. Nirgendwo war es wie früher.

So viele Triller der Zeisig auch seiner Liebsten vorsang, so zärtlich er auch den Kopf auf die Seite legte, so hitzig er auch mit dem Schnabel nach ihr hackte -- sie machte sich nicht das geringste daraus, sondern starrte stumm und ernst vor sich hin.

„Ich denke an das Nest,“ sagte sie schließlich.

„Ja natürlich!“ erwiderte der Zeisig und sah aus, als hätte er die ganze Zeit über an nichts anderes gedacht.

„Ja, aber es hat ~Eile~!“ sagte sie. „Bevor die Woche um ist, haben wir die Eier.“

Da suchten sie sich einen Fleck, wo sie gern wohnen wollten, und machten sich einträchtig an die Arbeit.

Aber wenn sie nach einem Reis hinhüpften, für das sie Verwendung hatten, so hüpften bereits andere Vögel in derselben Absicht hin, und wenn sie einer Feder in der Luft nachflogen, so mußten sie sich beeilen, damit kein anderer sie ihnen wegschnappte. Erwischte der Zeisig ein wunderschönes langes Pferdehaar, so war es nie zu vermeiden, daß auch am anderen Ende einer zog, und flog die Frau Zeisig auf prächtig aussehendes Moos zu, das sie gestern erspäht hatte, so konnte sie sicher sein, daß die Nachbarin es schon am Morgen geholt hatte.

Denn alle Pärchen des Waldes waren ausgezogen, um ihre Aussteuer einzusammeln.

Schließlich hatten die beiden Zeisige glücklich ihr Haus gebaut, und die andern Vögel desgleichen. Im ganzen Walde war kein Strauch so arm, daß er nicht ein Nest in seinem Schoße trug. In jedem Nest lagen Eier, und auf den Eiern saß ein braves Vogelweibchen, das mit den schwarzen Augen wachsam um sich schaute und sich ganz fürchterlich langweilte. Von Zeit zu Zeit kam ihr Mann nach Hause mit einer Fliege, einem Regenwurm oder anderm guten Kindbettessen, wie er’s versprochen hatte, und wie es seine Pflicht und Schuldigkeit war. Und am Abend saßen alle Vogelmännchen getreulich am Rande des Nestes und sangen -- jedes mit seinem Schnabel, rührend und hübsch, und die Weibchen meinten, es sei herrlich zu leben.

Aber oben in den hohen Bäumen lagen die Krähenweibchen auf den Eiern, und im Gebirge brüteten die Adlerfrauen.

Allerorten rüstete man sich auf den Empfang der Kinder, aber nicht überall gab es ein so trautes Familienleben wie im Gesträuch im Walde.

Zwar hatte der Fuchs seine Höhle tief im Hügel, wo seine Jungen so ruhig lagen wie in der Truhe der Großmutter. Aber die ängstliche Häsin warf ihre Häslein in den Graben und hatte keine Ahnung davon, wo in der Welt der unnatürliche Vater seinen Abendkohl verzehrte.

Und der Kuckuck flog unruhig hin und her und brachte seine Eier heimlich in den Nestern der andern Vögel unter, und er weinte bitterlich, weil er sich nie ein eigenes Heim bauen konnte. Der Schnecke ging es nicht viel besser; denn sie konnte nichts anderes tun als ein Loch in die Erde zu bohren, ihre Eier da hineinzustecken und sie dem lieben Gott zu überlassen.

Die braunen Mäuslein hatten ihre Stube voll von winzigen blinden Kinderchen, die sich keine zärtlicheren und fürsorglicheren Eltern wünschen konnten. Aber die Maulwurfsmadam unten in der Erde mußte ihren eigenen Schurken von Mann auffressen, sobald sie aus dem Wochenbett aufgestanden war, damit ~er~ die unschuldigen Kleinen nicht zur Vesper verspeisen sollte. Und die Mücken-Herren tanzten ungeniert in der Abendluft, als ob sie nichts Besseres zu tun hätten, während die ihnen angetrauten Frauen jede für sich und in großer Betrübnis Eier ins Wasser legten.

Aber der braune Frosch saß auf dem Grabenrande und rang die Hände in sprachlosem Entsetzen über die seltsamen Kaulquappen-Kinder, die er in die Welt gesetzt hatte.

Und die Sonne schien, und der Regen tropfte auf diejenigen herab, die behaglich unter Dach saßen, und auf die, die alles hinnehmen mußten, wie es kam. Die Frau Maulwurf rackerte sich als ehrenhafte Witwe ab für zwei, und die Häsin säugte ihre Jungen, damit sie möglichst bald zu Kräften kämen und dem Fuchs und Adler nicht in die Hände fielen. Der Kuckuck rief seinen Kummer zwischen die Stämme des Hochwaldes aus, die Mückenmutter ließ die Eier von hinnen segeln, da sie doch nichts mehr für sie tun konnte, worauf sie sich auf dem Ohre des Hirsches niederließ und sich nach der Anstrengung an einem Tropfen Blut ergötzte.

Aber der Sommerfürst war bei ihnen allen. Er wußte um die kleinste Mücke, und er vergaß keine Blume auf der Wiese.

„Es ist alles gut!“ sagte er.

Und mit jedem Tage, der verstrich, erstrahlte sein Purpurmantel herrlicher, der goldene Gürtel um seine Lende flammte, und die rote Rose im Gürtel erglühte.

*

Auf einmal ertönte ein gräßlicher Schrei im Walde. So gellend klang es, daß es ringsum ganz still wurde und alle lauschten.

Es war eine alte knorrige Eiche, die den Schrei ausgestoßen hatte. Sie stand mitten in einer Schar junger Buchen.

„Sommer, Fürst, komm mir zu Hilfe!“ schrie sie. „Siehst du denn nicht, daß die Buchen mich erwürgen? Eh’ du noch zweimal deinen Einzug im Tale gehalten hast, werde ich unter ihrem Schatten tot und begraben sein.“

„Ich sehe es,“ sagte der Sommer ruhig.

„Du siehst es?“ schrie die Eiche und rang verzweifelt ihre alten Zweige.

„Du siehst es und hilfst mir nicht? Weh mir, was für ein Fürst bist du?! Da war der Frühling wahrlich ein anderer, gnädigerer Herr. Im Walde war kein trockenes Holz, dem er nicht ein paar grüne Blätter gewünscht hätte.“

Aber der Sommerfürst sah gleichgültig auf die sterbende alte Eiche hin.

„Hab’ nie die Verantwortung übernommen für die grünen Versprechungen des Frühlings,“ erwiderte er. „Ich herrsche nach meinem eigenen Gesetz, und das Gesetz gebietet, daß du sterben mußt. Was soll ich mit so welkem Holz in meinen frischen Wäldern?“

Dann wandte er sich zu den Buchen und sagte: „Ich hab’ euch Kraft zu wachsen gegeben. Ich geb’ euch doppelte, geb’ euch zehnfache Kraft. Beeilt euch und legt den alten Herrn zur Ruhe!“

Und die Buchen schossen empor und überschatteten die Eiche, so daß sie starb.

Aber auch andere brachten ihre Klage vor den Sommer. Jeden Tag, jede Stunde kam einer, der um Hilfe schrie.

Da war das Gras, das weinte, weil der Hirsch es fraß.

„Ich habe dich zahlreich gemacht wie der Sand am Meere,“ sagte der Sommer. „Ich habe dir Zähigkeit und rasches Wachstum, habe dir den Wind gegeben, auf daß er deinen Staub über die Wiese hinträgt. Für dich habe ich genug getan.“

Und da war der Hirsch, der brüllte, weil das beste Gras weg war. Zu ihm sagte der Sommer:

„Ich habe dir flinke Beine gegeben, daß du dahin springen kannst, wo das Gras im Walde am grünsten ist. Sind deine Beine müde geworden, so leg’ dich hin und stirb, und das Kalb der Hindin wird in deine Fußspuren treten.“

Da waren die Fische im Fluß, die untereinander die Eier und Jungen auffraßen und dem Sommer die Schuld gaben.

„Was wollt ihr von mir?“ fragte der Sommer. „Ich habe euch die Macht gegeben, Tausende von Eiern zu legen und abermals und abermals Tausende. Wie viele auch sterben, es werden immer Fische im Flusse sein.“ Und die Blumen kamen und seufzten, weil nicht genug Bienen da seien, ihren Staub zu tragen. Aber der Sommer sprach:

„Ich habe euch Honig geschenkt, den ihr den Bienen als Botenlohn geben sollt, und habe euch gelehrt, ihn so anzubringen, daß sie den Staub als Zugabe nehmen müssen. Ich habe euch starken Duft und schöne Farben gegeben, womit ihr sie locken könnt. Ihr rufet sie, und sie kommen, und dem, der am meisten verspricht und am meisten hält, gehorchen sie am schnellsten.“

Aber sooft der Sommer gesprochen hatte, stets stellte sich wieder jemand ein mit Klagen und Beschwerden.

„Es gibt zu wenig Regenwürmer!“ schrie der Zeisig, der jetzt vier Junge im Nest hatte und ganz mager geworden war von all der Mühe und Arbeit, um Nahrung, herbeizuschaffen. „Wir hungern. Wir halten’s nicht aus!“

„Es gibt zu viele Vögel!“ jammerte der Regenwurm in der Erde. „Wenn man nur einen Augenblick zum Vorschein kommt, auf der Stelle wird man gefressen.“

„Befrei’ uns von dem Storch!“ baten die Frösche.

„Schaff’ mehr Frösche herbei, oder ich reise ab,“ schrie der Storch.

Und die Buche klagte, weil die Maikäfer ihre Blätter fraßen, und die Krähen konnten nicht genug Maikäfer kriegen. Die Bienen jammerten über die Blüten, wie die Blüten über die Bienen... sie meinten, es sei zu beschwerlich, des Honigs habhaft zu werden. Der Hase entrann dem Fuchs und fiel dem Adler in die Klauen. Die junge Esche an der Hecke rief den Himmel an um Beistand gegen das Geißblatt, das sie bis zum Wipfel umschlang.

Aber der Sommerfürst stand hoch und strahlend da und überschaute sein Reich. Sein Lächeln war hell, und in seinen starken Augen war kein Mitleid. Er hob die Hand, wie um ihnen Schweigen zu gebieten, aber niemand achtete seiner; der Lärm stieg an mit jeder Stunde, und das Land war voll von Geschrei und Jammer.

Da runzelte er die Brauen und rief die schweren, schwarzen Wolken hinter den Hügeln hervor. Sie kamen auf seinen Wink, die Angst lag wieder über dem Tal, und die Schreie verstummten. Der Donner rollte, daß die Berge erbebten, die Blitze flammten, und der Regen fiel.

Und durch das Unwetter tönte seine gewaltige Stimme:

„Wißt ihr nicht, daß auch ich ein Herr bin, streng wie der Winter, den ihr haßt? Er herrscht über den Tod, wie ich über das Leben. Wie er, verlange ich Gehorsam. Wie er zerschmettere ich den, der sich mir in den Weg stellt.

„Ihr habt mich für einen Spielmann gehalten wie den Frühling, der euch zum Leben und zur Sehnsucht erweckte und über die Berge davonging. Aber ich bin größer als der Frühling, denn ich habe eurer Sehnsucht Brot gegeben und euch dem Gesetz des Lebens unterworfen.

„Aber das Gesetz besteht darin, daß das Gesunde bestehen bleiben, das Kranke aber sterben soll.

„Darum habe ich meine Tage so lang gemacht, daß ihr grünen und wachsen sollt. Darum hab’ ich euch Macht und tausendfältige Kräfte gegeben, der kleinsten Mücke, wie dem größten Baum im Walde, damit ihr kämpfen und wachsen sollt. Und darum habe ich euch Kinder gegeben, damit ihr niemals sterben sollt.

„Und auf den, der dem Gesetz gehorcht und den Tag ausnutzt, liegt die Sonne meines Auges. Seine Kraft soll herrschen, und seine Kinder sollen seinen Namen durch die Zeiten tragen.

„Aber der, der versagt, muß sterben.“

Der Sommer schwieg, und der Donner rollte langsam über die Berge hin. Die Wolken trennten sich voneinander und schwanden; freundlich und klar leuchteten die Sterne, und von den Bäumen tropfte es herab, sonst war alles still.

Aber am nächsten Morgen erwachte das Tal zu wilderem Kampf und stärkerem Geschrei als zuvor.

Denn es war kein Vogel im Wald und keine Blume auf der Wiese, die nicht gehört und verstanden hatten, was der Fürst des Sommers sagte. Sie alle wußten, worauf es ankam, und rüsteten sich, bevor die Sonne aufging, zum Kampf ums Dasein.

Doppelt eifrig jagten der Zeisig und seine Frau im Gebüsch, doppelt fleißig gruben die braunen Mäuslein, doppelt stark leuchteten und dufteten die Blumen. Frau Maulwurf durchwühlte die Erde die kreuz und quer. Der Hirsch fand eine Wiese, auf der das Gras hoch und grün war. Die Buche trieb neue Zweige an Stelle derer, die die Maikäfer gefressen hatten, und die Esche streckte ihre Zweige durch das Geißblatt hindurch, um dem Sommer zu zeigen, daß sie am Leben sei.

Tausende starben, aber niemand hörte ihren Todesseufzer bei dem Lärm, den der Kampf der Lebenden mit sich brachte. Und es war, als ob immer mehr Leben entstände, sobald ein Leben erlosch.

Die jungen Zeisige hüpften aus dem Nest, fielen vom Zweig herab und flatterten wieder hinauf. Die Krähenkinder schrien in den Wipfeln, und die jungen Adler flogen vom Felsen herab, um ihre Flügel auszuprobieren. Der Star jagte die erste Brut aus dem Nest und legte nochmals Eier, der Frosch erlebte es, seine mißgestalteten Jungen in anständiger Verfassung zu sehen, bevor er vom Storch verspeist wurde.

Nie waren die Fische im Fluß so zahlreich, die Blätter der Buche so breit, das Gesträuch so dicht gewesen, nie hatten so viele Blumen an der Hecke gestanden.

Und der Sommer stand mitten in seinem Reich, groß, rank und strahlend.

„So ist es gut!“ sagte er.

Da wurde es Abend.

Die Krähen flogen von ihrem Klub in der alten, abgestorbenen Eiche nach Hause, die Vöglein im Gebüsch stimmten ihr Abendlied an, machten es aber kurz, denn sie waren müde. Die Blumen schlossen sich, und die Bienen verrammelten das Haus. Der Nachtfalter flog auf weichen grauen Flügeln dahin. Die Sterne glitzerten; immer mehr, immer größere kamen zum Vorschein.

Vorsichtig steckte der Nebel seinen Kopf heraus, spähend und lauschend. Und da es ganz still war, quoll er hervor, weiß und grau, wogend, lautlos. Bald lag er ruhig träumend da, bald tanzte er auf seine eigentümliche Art über die Wiese dahin. Er guckte in den Wald hinein, wo die Linde duftete, er glitt den Fluß hinab, der dahinrann und im Dunkel verschwand.

Aber vom Waldessaume her erscholl plötzlich ein langer, jubelnder Triller über das Tal:

„Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt!“

Der Nebel stand still und lauschte. Der Hirsch hob den Kopf, die Vögel öffneten verschlafen die Augen und antworteten mit leisem Gepiep.

„Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt!“

Die Nachtigall sang:

„Nun dämmert’s im Gesträuch. Die sternenhohe Sommernacht zieht durch die weiten Lande sacht. Und alles schläft, vom Mond bewacht, und weilt in Traumes Reich. Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt! Nur die Nachtigall schlägt, Wenn nichts sich regt: Gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitte -- gitt!“

Der Herbst.

Die schönsten Dinge von der Welt rings auszustreu’n dem Herbst gefällt: Äpfel, Beeren, Nüsse, Wein. Farben bunt und wunderfein schmücken sein gewaltig Zelt.

Ganz oben auf einem der Hügel im Westen stand der Herbstfürst und schaute mit seinen ernsten Augen über das Land hin.

Sein Haar und sein Bart waren graugesprenkelt, und seine Stirn hatte Falten. Aber schön war er doch, aufrecht und stark. Sein prächtiger Mantel leuchtete rot, grün, gelb, braun und flatterte im Winde. In der Hand hielt er sein Horn.

Er lächelte wehmütig und stand eine Weile da und lauschte dem Kampf, dem Gesang und dem Geschrei. Dann hob er das Haupt, setzte das Horn an den Mund und blies eine lustige Fanfare:

„Der Sommer von hinnen zieht, das Herbsthorn erschallt, und üppig die Heide blüht. Der Wind mit der Peitsche knallt, das Laub fällt im Wald.“

Alle Bäume im Walde erbebten von der Wurzel bis zum Wipfel; sie wußten selbst nicht, warum. Ein Frösteln überlief alle Vögel, und sie verstummten. Der Hirsch auf der Wiese hob erstaunt sein Geweih und lauschte. Die roten Blätter des Mohns flogen im Winde dahin.

Aber auf den Bergen, auf den kahlen Hügeln und tief im Moor erblühte das Heidekraut und leuchtete rot und schön in der Sonne. Und die Bienen flogen von den verblichenen Wiesenblumen fort und verbargen sich in den Erikafeldern.

Aber der Herbst setzte wieder sein Horn an den Mund und blies:

„Seht, nun herrscht der Herbst mit Macht in der schönsten bunten Pracht -- endet des Sommers ewigen Streit, kündet des Winters eiserne Zeit, ruft den Weidmann zu fröhlicher Jagd.“

Der Sommerfürst stand still und hob die Augen nach Westen hin. Und der Herbst setzte das Horn ab und verneigte sich tief vor ihm.

„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer.

Er ging ihm einen Schritt entgegen, einen und nicht mehr, wie es sich für den Größeren ziemt. Aber der Herbstfürst kam über die Hügel hinab und verneigte sich abermals tief.

Hand in Hand gingen sie durch das Tal. Und von dem Sommer ging ein so strahlender Glanz aus, daß niemand des Herbstes gewahr wurde. Die Töne seines Hornes erstarben in der Luft, und alle hatten den Schauder, der sie vorher überlief, verwunden. Die Bäume, Vögel und Blumen waren wieder zu sich gekommen, und sie rauschten, sangen und zankten.

Der Fluß rann dahin, das Schilfrohr flüsterte, und die Bienen holten sich im Heidekraut einen Sommerrausch.

Aber dort, wo die Fürsten auf ihrer Wanderung durch das Tal stillstanden, geschah es, daß das Laub auf der Seite, wo der Herbst stand, gelb wurde. Ein kleines Blatt löste sich von seinem Stengel, flatterte weg und fiel ihm zu Füßen nieder. Die Nachtigall sang nicht mehr, obwohl es Abend war, der Kuckuck schwieg und flatterte unruhig im Walde umher, der Storch streckte sich auf dem Nest aus und starrte gegen Süden.

Aber die Fürsten achteten dessen nicht.

„Sei mir willkommen!“ sagte der Sommer wieder. „Entsinnst du dich deines Versprechens?“

„Ich entsinn’ mich wohl,“ erwiderte der Herbst.

Der Sommer blickte über das Reich hin, wo der Lärm allgemach nachließ.

„Hörst du sie?“ fragte er. „Sie müssen sterben, und sie wissen es nicht. Nun nimm du sie milde auf.“

„Ich werd’ das Deine bergen,“ erwiderte der Herbst. „Behutsam will ich die Träumenden wecken, behutsam die zudecken, die unter der Erde schlafen. Dreimal werde ich sie vor dem Winter warnen.“

„Das ist gut,“ sagte der Sommer.

Eine Weile gingen sie schweigend einher, während die Nacht hervorquoll.

„Die Blütenblätter des Mohns sind abgefallen, als du dein Horn geblasen hast,“ sagte der Sommer. „Viele von meinen Kindern werden sterben, sobald ich das Tal verlasse. Aber Nachtigall, Kuckuck und Storch nehme ich mit mir.“

Wieder gingen die beiden Fürsten schweigend dahin. Es war ganz still, nur die Eule schrie in der alten, abgestorbenen Eiche.

„Meine Vögel sendest du mir nach,“ bat der Sommer.

„Ich werd’ keinen vergessen,“ erwiderte der Herbst.

Da hob der Sommer seine Hand zum Lebewohl und hieß den Herbst von dem Reiche Besitz ergreifen.

„Heute nacht gehe ich fort,“ sagte er. „Und niemand außer dir soll es wissen. Mein Glanz soll noch eine Weile im Tale zurückbleiben, damit das Schicksal derer, denen du den Tod bringst, gemildert wird. Und später, wenn ich in weiter Ferne bin und meine Herrschaft in Vergessenheit zu geraten droht, dann soll die Erinnerung an mich und die Sonne und die schönen Tage wach werden.“

Damit schritt er in die Nacht hinein.

Aber hoch vom Wipfel des Baumes flog der Storch auf langen Flügeln dahin, und der Kuckuck flatterte vom Hochwalde herbei, und die Nachtigall verließ das Gesträuch mit ihren ausgewachsenen Jungen.

Leises Flügelrauschen erfüllte die Luft.

Das Zeisigpärchen plauderte am Rande des leeren Nestes.

„Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich um deine Hand anhielt?“ fragte er. „Ich hatte mich geputzt und hübsch gemacht, so gut ich konnte, und auch du warst lieb und schön. Die Buche war eben grün geworden... nie in meinem Leben habe ich den Wald so wunderbar grün gesehen!“