Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen
Part 12
„Nein, ganz und gar nicht,“ erwiderte die Blüte. „Aber wir Lichtnelken sind nun einmal so eingerichtet. Meiner Schwester drüben an der Hecke geht es ebenso. Aber auf der andern Seite des Weges, da stehen meine Brüder... siehst du das Weiße da drüben leuchten? Das sind sie. Die haben bloß Staubgefäße und keine Eier. Nun verstehst du wohl, daß wir genötigt sind, uns der Schmetterlinge zu bedienen.“
„Ja, aber die Rose und der Löwenzahn? Und die Butterblume und die Glockenblume? Ist es bei ihnen denn ebenso?“
„Nein,“ erwiderte die Lichtnelke. „Sie haben gleichzeitig Eier und Staub in ihren Blüten; sie könnten sich also allein behelfen, wenn sie wollten. Aber sie wollen nicht. Denn fremder Staub ergibt die größten, besten Samen, weißt du.“
„Wie merkwürdig das alles ist,“ sagte der Buchfink. „Da geht’s euch ja im Grunde ebenso wie uns Tieren. Ihr kämpft miteinander, um durchzukommen, kämpft für eure Nachkommen und so weiter.“
Die Lichtnelke nickte auf ihrem Stengel und sang ihr Liedchen, denn es kam gerade ein großer, grauer Schmetterling vorübergeflogen. Aber er flog weiter, und da sagte die Blume:
„O ja, so ist es. Aber ihr schreit und schlagt einander tot vom Morgen bis zum Abend. Wir stehen still, wo wir stehen, leuchten und duften und besorgen trotzdem unsern Kram. Also ein Unterschied ist doch vorhanden.“
Der Buchfink saß ein Weilchen schweigend da und dachte nach. Dann entdeckte er, daß es spät geworden war, und beeilte sich, sein Nest im Walde aufzusuchen.
Der Abend verstrich, und es wurde immer dunkler. Rings auf den Gehöften wurden die Lichter ausgelöscht, und auf den Wegen war niemand mehr zu sehen. Die Nachtviole duftete versteckt im Grase, der Roggen flüsterte mit dem Nachtwinde, und die weißen Blumenblätter der Lichtnelke leuchteten.
„Du... Roggen!“ rief die Lichtnelke. „Du bist so lang und reichst so hoch hinauf... kannst du nicht sehen, ob ein Dämmerungsfalter im Anmarsch ist?“
„Guck’ nicht aus nach dem Zeug... kenne nichts davon... kümmer’ mich nicht drum,“ erwiderte der Roggen.
Es klang weit über das Feld hin, denn alle die Roggenhalme antworteten gleichzeitig, und sie alle bogen ihre Ähren nach derselben Richtung; sie hielten immer gute Kameradschaft und waren stets der gleichen Meinung.
„Na, na,“ sagte die Lichtnelke. „Brauchst dich doch nicht so wichtig zu machen! Der Tag kommt wohl auch noch, wo du Verwendung für ein paar Bienen oder einen Schmetterling hast.“
„Nein, niemals... niemals... niemals!“ tönte es über das Roggenfeld hin.
„Sooooo?“ sagte die Lichtnelke verblüfft. „Dann versteh’ ich eigentlich nicht, was ihr mit euren Eiern und eurem Staub anfangt, wo ihr doch so viele seid. ... Ihr seid ja gewiß über hundert!“
„Wir sind eine Million!“ erwiderte der Roggen.
Und wieder klang es über das ganze Feld hin, so daß es im Walde widerhallte:
„Eine Million... eine Million... eine Million!“
Es dauerte eine Weile, bis die Lichtnelke ihre Fassung wiedergewann. So überwältigt war sie. Aber kurz darauf sagte sie demütig:
„Will mir nicht einer von euch erzählen, wie ihr es anfangt, wenn ihr euch nicht der Bienen und Schmetterlinge bedient? Aber wenn’s geht, nur einer! Ich bin eine einsame Lichtnelke, und mir wird immer ganz unheimlich zumut, wenn ihr alle zugleich sprecht!“
Einen Augenblick war es ganz still im Roggen, und die Lichtnelke wartete auf die Beantwortung ihrer Frage. Dann flüsterte einer von den Roggenhalmen, die zunächst standen:
„Für euch ist’s eine Kleinigkeit, die Insekten zu bewegen, euern Staub zu besorgen, denn ihr seid ja nur ein paar! Aber unser Geschäft ist zu groß dazu. Bei uns wird das ganze an einem einzigen Tage abgemacht, ja manchmal in ein paar Stunden! Wir bedienen uns der Kraft des Windes, weißt du?“
„Soooooo?“
„Was tun sie?“ fragte die Nachtviole, die voll Interesse zugehört hatte.
Die Lichtnelke erzählte es ihr, und beide waren ebenso klug wie zuvor. Aber dann flüsterte der Roggenhalm wieder:
„Wenn der Staub reif ist, wachsen alle unsere Staubgefäße aus der Ähre hervor. Das geht mit der größten Geschwindigkeit vor sich. Die Staubbeutel baumeln in der Luft, und es kommt darauf an, die Zeit zu benutzen. Wenn die Sonne recht milde scheint und keine Regenwolken am Himmel stehen, wenn es so gut wie ganz still ist, dann springen die Staubbeutel auf, und der Staub fällt heraus, wogt über dem Felde hin und her und fällt auf die Stempel.“
„Ihr seid ja die richtigen Großkaufleute,“ meinte die Lichtnelke.
„Da muß aber eine Menge Staub verlorengehen,“ sagte die Nachtviole.
„Allerdings,“ flüsterte der Roggenhalm. „Aber damit rechnen wir von vornherein, wir haben genug Staub zur Verfügung. Morgen fängt die Sache an... gebt acht, dann steht eine ganze Wolke über dem Felde.“
„Morgen ist unser Laden geschlossen,“ erklärte die Lichtnelke. „Wir müssen dir also auf dein Wort glauben.“
„Schade, daß der Buchfink nicht da ist,“ sagte die Nachtviole. „Er war so neugierig... hier hätt’ er was erfahren können!“
In dieser Nacht sprachen die Nachtblumen nicht mehr miteinander, sondern sie sangen ihre Lieder und besorgten ihre Honigläden; der Dämmerungsfalter und der Nachtfalter flogen hin und her. Der Roggen aber wogte und flüsterte.
Als der Morgen graute, schlossen die Nachtviole und die Lichtnelke ihre Blüten und schützten sich, so gut sie konnten. Und die Sonne ging auf, und ihre Strahlen pochten an die Türen der wilden Tagblumen.
„Heraus mit euch, ihr Siebenschläfer!“ riefen die Strahlen.
Und die wilde Rose an der Hecke und der Löwenzahn am Grabenrande, das Leinkraut, die Butterblume, die wilde Möhre und alle die anderen bekamen Tau in die Augen, und ihre Blüten entfalteten sich. Bienen, Hummeln, Fliegen und Schmetterlinge kamen hervor und summten in der Luft. Die Blumen dufteten und leuchteten, und der Markt war in vollem Gange.
*
Es wurde Herbst, und an der Hecke, wo die wilde Rose stand, sah es ganz anders aus als früher.
Es waren fast keine Blumen mehr da. Das heißt, sie waren da, aber sie blühten nicht mehr. Statt der gelben, roten, blauen und weißen Blumenblätter trugen sie jetzt graue und braune Früchte. Darin lagen die Samen und warteten auf die Zeit, da sie ganz reif sein und in die Welt hinaus wandern würden.
Es gab auch keine Schmetterlinge mehr, keine Bienen und Hummeln und nur sehr wenige Fliegen; diejenigen, die noch vorhanden waren, hatten matte Beine und Flügel. Der Roggen auf dem Felde war gemäht und in die Scheune eingebracht -- die ganze Million Roggenhalme war verschwunden. Der Bauer war damit beschäftigt, das Stoppelfeld umzupflügen, und seinem Pfluge folgten schwarze Saatkrähen und weiße Möwen, die schrien und mit den Flügeln um sich schlugen, während sie die Larven aus der Erde hervorzupften.
Da kamen eines Tages die drei Studenten wieder des Weges, aber diesmal in umgekehrter Richtung, denn die Ferien waren vorbei, und es ging wieder an die Arbeit.
Oben auf dem Hügel, wo die wilde Rose stand, machten sie halt wie das letztemal. Sie bohrten die Stöcke in die Erde, hängten aber die Mützen nicht daran, denn es war windig und kalt. Sie nahmen auch keinen Schluck aus ihren Feldflaschen, denn sie waren leer.
Aber der, der damals die Rede gehalten hatte, sprach wieder ein paar Worte, und dabei streckte er den Ringfinger seiner rechten Hand in die Luft und hieß die Kameraden dasselbe tun.
Und an jedem der drei Finger saß ein schöner, glatter, goldener Ring. Denn die drei Studenten hatten sich alle drei in den Ferien verlobt.
„Es ist aus, Kameraden!“ sagte der erste. „Die gute Zeit ist vorüber, der Student muß zu den dicken, greulichen Büchern zurück, muß ochsen vom Morgen bis zum Abend. Die Blumen wissen’s und trauern mit uns. Seht euch um... all das ist weg, worüber wir uns so freuten, als wir das letztemal hier standen! Der Roggen ist vom Felde verschwunden, die Rose von der Hecke und der Wein aus der Flasche. Die Blumen sind verwelkt, der Sommer ist zu Ende! Habt Dank, ihr wilden Blumen, weil ihr’s dem Studenten erleichtert, die Nase wieder in die Bücher zu stecken. Ständest du noch duftend an der Hecke, du wilde Rose, so wäre es uns ja ganz unmöglich, in die dumpfe Stadt zurückzukehren. Habt alle Dank, weil ihr für den Studenten geblüht habt und für ihn verwelkt seid!... Vorwärts, Marsch!“
Und die Studenten ergriffen ihre Stöcke und zogen weiter. Aus der Ferne noch erscholl ihr Gesang herüber:
„Grüne Erbsen, grüne Erbsen, grüne Erbsen und Lämmerbraten! Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein --, Lämmerbraten kriegst du nicht, Brüderlein!“
Die wilden Blumen lachten vergnügt hinter den Abziehenden her. Aber so laut wie das vorigemal war das Gelächter nicht. Denn alle hatten ja den Kopf voll von Samen, und sie mußten gut acht geben, daß die nicht zu früh abfielen.
„Sie sind unglaublich komisch!“’ sagte die wilde Rose. „Als wir blühten, da war’s um ihretwillen ... und jetzt verwelken wir auch um ihretwillen. Der Wald ist natürlich nur dazu da, damit sie Schatten finden und Brennholz und Spazierstöcke bekommen! Die Quelle rieselt, damit sie etwas zu trinken haben, und die Sonne scheint, damit ihre Verlobungsringe blitzen. Gott behüte, was für eingebildete Tröpfe doch die Menschen sind!“
Die vier Fürsten.
Prolog.
Seht, nun ist die Erde weiß und grün, je nachdem der Winter gebietet oder der Lenz. Die Drossel flötet im Hain und der Kanarienvogel in seinem Käfig, der Rauch steigt vom Dach des Hauses auf, und die Kirchenglocke läutet das Ave ein. Der Einsiedler geht nachdenklich über die Wiese, und der Dichter macht Verse.
Aber einst war das anders. Wenn einstmals jemand auf der Erde einen Spaziergang unternahm, so kam nirgendwo ein Hund aus den Häusern, um ihn anzubellen. Denn auf der ganzen Erde gab es keinen einzigen Hund und kein einziges Haus.
Er hätte keinen Baum, keine Blume und keinen Grashalm angetroffen. Er hätte keinen Tropfen Wasser gefunden, um seinen Durst zu löschen.
Denn es war niemand auf der Erde -- niemand und nichts. ~Wäre~ einer dagewesen, der einen Spaziergang hätte machen wollen, so hätte er das einfach gar nicht gekonnt. Denn die Erde war nichts als Dunst und Nebel, darum wäre er durch sie hindurchgeplumpst und in den Weltraum hinausgetanzt, wo die Sterne schwimmen.
Und das hätte ihm ja nicht gerade besonderes Vergnügen bereitet. Denn wenn er nicht rund gewesen wäre und schön geleuchtet hätte, würde er unter den Sternen eine recht üble Figur gemacht haben.
So war es.
Aber die Erde konnte wohl begreifen, daß es unmöglich so bleiben konnte. Es hatte keinen Sinn, daß nur Rauch bei der Sache herauskam. Darum nahm sie sich zusammen und tat ihr möglichstes. Aber sie mußte entsetzlich viel durchmachen, und es wurde eine strenge Zeit für sie, die sie nie vergessen kann, und deren Spuren sie noch heute trägt.
Durch Feuer und Wasser mußte sie hindurch.
Jahrtausendelang flog sie im Weltraum als Feuerkugel umher, und als sie schließlich von einer steinernen Rinde umgeben war, stürzte der Regen auf sie herab und hörte nicht auf, bis sie als ungeheurer Wassertropfen davonsegelte.
Währenddessen brach im Innern der Erde jeden Augenblick Feuer aus, durchdrang die Rinde, sprengte und spaltete sie die kreuz und quer, so daß die Stücke durcheinandergeworfen wurden.
„Meine arme, arme, liebe Erde!“ sagte die Sonne und warf ihr einen milden Blick zu.
„Was willst du dich um den Klumpen da kümmern,“ sagte einer der großen Sterne. „~Uns~ mußt du bescheinen, die wir dessen wert sind.“
„Für mich ist die Erde kein Klumpen,“ erwiderte die Sonne. „Sie ist ebensogut mein Kind wie ihr alle. Und sie ist das jüngste und steht darum meinem Herzen am nächsten. Es ist noch gar nicht so viele tausend Jahre her, da riß sie sich von mir los und zog in die Welt hinaus, um auf eigene Faust ihr Glück zu versuchen. Wenn sie sich nur wacker hält und nicht die Laune verliert, dann werde ich gewiß Freude an ihr erleben.“
Das hörte die Erde, und sie hielt aus.
Mit jedem Jahr, das verstrich, wurde die steinerne Rinde dicker, das Wasser sank nach und nach in die Erde hinein, und das Land tauchte auf. Aber die Rinde wurde so dick, daß das Feuer nicht hindurchbrechen konnte, wann und wo es ihm gefiel, sondern sich gehörig zusammennehmen mußte, wenn es Lärm machen wollte. Selbst da war die Drangsalszeit der Erde noch nicht zu Ende.
Es war keine Ordnung in dem Ganzen.
In Grönland war es zum Beispiel ebenso warm wie in Italien. Es wuchsen Pflanzen auf der Erde, aber wie seltsam waren sie! Da waren Farne und Schachtelhalme, so groß wie jetzt die höchsten Bäume im Walde sind. Und da waren auch Tiere, aber das waren sonderbare, unheimliche Bursche, wie man ihnen heutzutage nie begegnet, außer in den alten Märchen. Es gab Eidechsen, die waren 30 Ellen lang und schwammen im Wasser, und es gab Drachen, die durch die Luft flogen und greulich anzusehen waren.
Und auf einmal wurde es auf dem größten Teil der Erde ganz unsinnig kalt. Wohin man sah, lag Eis und Schnee, und Tiere und Pflanzen starben.
Aber da brach das Feuer wieder hervor, so gewaltig wie noch nie, und stürzte Berge und Täler um. Große neue Lande erhoben sich aus dem Meer, und die breiten Wogen des Meeres überfluteten das alte Land.
Niemand verstand, welches Ende das nehmen würde.
„Meine arme, arme, liebe Erde!“ sagte die Sonne.
Aber wie schließlich Ordnung in alles kam -- das kann man in dem Märchen von den vier Fürsten nachlesen.
Die erste Begegnung.
Auf der Erde reihum vier Fürsten regieren, von Gottes Gnaden das Regiment sie führen, ernten die Ehren, die ihnen gebühren.
Eines Tages geschah es, daß zwei Fürsten über die Erde wanderten; sie gingen einander entgegen. Der eine kam von Norden, der andere von Süden. Beide waren groß, größer, als Menschen sind, größer als die Riesen in den Märchen. Ihre Häupter trugen sie königlich hoch, und ihre Füße setzten sie fest auf die Erde, als ob sie ihnen gehörte.
Der aus dem Norden kam, war der älteste. Er war ein alter Mann mit gewaltigem weißem Haar und Bart; zottig war seine nackte Brust, zottig waren seine Beine und Hände. Stark und wild sah er aus, und seine Augen waren kalt und streng.
Der von Süden kam, war jung, aber nicht weniger gewaltig als der andere. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne gebräunt, und seine Augen waren stark und mild wie die Sonne. Um die Schulter trug er einen Purpurmantel, um die Lenden einen goldenen Gürtel, in dem eine wunderbare rote Rose steckte.
Als die Fürsten einander aus weiter Ferne sahen, hielten sie einen Augenblick an, und dann schritten sie kräftig aus, als ob sie sich danach sehnten zusammenzutreffen. Aber als sie einander etwas näher gekommen waren, standen sie wieder still. Den Jungen durchschauderte es, als er dem Blick des Alten begegnete, und auf der Stirn des Alten sprang der Schweiß hervor, als der Junge ihn ansah.
Eine Zeitlang blieben sie so stehen. Dann setzten sie sich jeder auf einen Berg und starrten einander an.
Der Junge nahm zuerst das Wort.
„Du bist wohl der ~Winter~?“ fragte er.
Der Alte nickte.
„Ich bin der Winter, der Herr der Erde,“ erwiderte er.
Der Junge lachte, daß es in den Bergen widerhallte.
„Aha,“ sagte er. „Und ich bin der ~Sommer~, der Herr der Erde.“
Eine Weile saßen sie da und maßen einander mit zornigen Blicken.
„Ich bin ausgezogen, um dich zu treffen und mit dir zu reden,“ sagte der Winter darauf. „Aber ich mag dich nicht leiden.“
„Meine Absicht war, dich zur Vernunft zu bringen,“ sagte der Sommer. „Aber ich kann deinen Anblick kaum ertragen, so häßlich bist du.“
„Sollen wir die Erde unter uns teilen?“ fragte der Winter. „Überall bist du zu finden mit deinem heißen Sonnenschein, du machst mein Eis schmelzen und pflanzest deine garstigen Blumen. Ich übe Vergeltung, wie du weißt. Ich ertränke deine Geschöpfe im Schnee und zerstöre deine Freude. Wir sind gleich stark... Wollen wir Frieden schließen?“
„Wie sollte das wohl zugehen?“ fragte der Sommer mißtrauisch.
„Ein jeder muß sich auf sein Gebiet beschränken,“ entgegnete der Winter. „Ich habe meine Eisburg im Norden, dahin kannst du niemals kommen; und du hast dein Sonnenschloß im Süden, dahin reicht meine Macht nicht. Da der eine den Anblick des andern nicht ertragen kann, können wir ja einen breiten, öden Gürtel zwischen unsre Reiche legen.“
„Nichts soll öde sein,“ sagte der Sommer. „Alles soll grün sein, soweit es in meiner Macht steht. Ich liebe es, von meinem Sonnenschloß über die Erde hinzuwandern, und ich will mein Licht und meine Wärme so weit in deine Eisfelder hineintragen, wie ich vermag. Ich kenne keine größere Freude als die, einen grünen Fleck in deinem Schnee hervorzuzaubern -- und sollte es auch nur für einen Tag sein.“
„Wie eingebildet du bist, weil du augenblicklich Glück hast,“ erwiderte der Winter. „Aber du solltest bedenken, daß die Zeiten sich ändern können. Ich ~war~ einmal der Mächtigste, und ich kann es wieder werden. Vergiß nicht, daß ich aus der ewigen Kälte des Weltraums geboren bin.“
„Und ich bin das Kind der Sonne und war vor dir mächtig,“ sagte der Sommer stolz.
Der Winter ließ die Finger durch seinen Bart gleiten, und eine Lawine stürzte an den Hängen des Berges hinab.
„Uha!“ rief der Sommer, sich fester in seinen Mantel hüllend.
„Willst du meine Macht sehen?“ fragte der Winter.
Er hob seine Arme, und in demselben Augenblick verwandelte sich der Berg, auf dem er saß. Ein Sturm donnerte darüber hin, und der Schnee stürzte aus der Luft herab. Ein Bach, der munter den Hang hinablief, wurde plötzlich zu Eis; ein Wasserfall, der über dem Abgrund sang und toste, schwieg sofort, und das Wasser gefror zu langen Eiszapfen. Als es aufhörte zu schneien, war der Berg weiß vom Scheitel bis zur Sohle.
„Nun kommt die Reihe an mich,“ sagte der Sommer.
Er nahm die Rose aus dem Gürtel und warf sie auf den Berg, auf dem er saß, und sogleich schossen die herrlichsten Rosen aus dem Boden hervor. Sie nickten im Winde von den Felsenspitzen und füllten die Täler mit ihrem Duft und ihren Farben. In jedem Strauch saßen muntere Nachtigallen und sangen, und an den Stengeln der Blumen hingen schwere Tautropfen, die in der Sonne glitzerten.
„Nun?“ sagte der Sommer.
Der Winter beugte sich vor und starrte unverwandt auf die schönste der Rosen. Da gefror der Tautropfen, der unter der Blume hing. Der Vogel, der auf ihren Zweigen saß und sang, fiel steif zur Erde, und die Rose selber verwelkte.
„Nun?“ sagte der Winter.
Aber der Sommer erhob sich und sah mit seinen milden Augen den Berg des Winters an, dort, wo der Schnee am tiefsten lag. Und wohin er blickte, schmolz der Schnee, und aus der Erde brach eine große, schöne Weihnachtsrose hervor.
So konnten die beiden Fürsten zu keiner Einigung kommen.
Der Tag verstrich, es wurde Abend und Nacht. Der Mond beschien den prächtigen Schneeberg, der wie Diamanten glitzerte und glänzte. Drüben vom Berg des Sommers her erscholl der Gesang der Nachtigall, und der Duft der Rosen schwebte in den Raum hinaus.
*
Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, kamen zwei andere Fürsten just auf die Stelle zu gewandert, wo der Winter und der Sommer saßen und einander böse Blicke zuwarfen.
Der eine kam von Osten, der andere von Westen. Sie waren von kleinerer Gestalt als der Winter und der Sommer und nicht so stark und ehrfurchterweckend anzusehen. Aber groß waren sie doch, und man sah deutlich, daß es hohe, mächtige Herren waren. Denn sie gingen frei und stolz über die Erde hin und schauten ohne Scheu und Angst um sich.
Der von Osten kam, war der jüngere, ein blutjunger Mann, ohne ein Haar am Kinn. Sein Gesicht war weich und rund, der Mund lächelte ununterbrochen, und seine Augen waren verträumt und betaut. Sein langes Haar war mit einem Bande umwunden wie das eines Weibes. Er war ganz grün gekleidet. Das Band um sein Haar war grün und ebenso die Schleifen an seinem Fuß, und über der Schulter trug er an einem breiten grünseidenen Band eine Laute. Er wanderte so heiter und leicht dahin, als ob seine Füße die Erde nicht berührten, und die ganze Zeit trällerte er vor sich hin und spielte auf der Laute.
Der von Westen kam, war viel älter. Sein Haar und Bart waren graugesprenkelt, und er hatte Runzeln auf der Stirn. Aber er war schön anzusehen und prachtvoll gekleidet. Sein Mantel leuchtete rot, braun, grün und gelb, und während er der Sonne entgegenlief, breitete sich der Mantel aus und strahlte in allen seinen Farben. Er selbst starrte vergnügt in den Sonnenglanz hinein, als könnte er nicht genug davon bekommen. In der Hand trug er ein gewaltiges Horn. Als die beiden in der Nähe der anderen waren, verneigten sie sich tief vor ihnen. Der von Osten gekommen war, verbeugte sich besonders tief vor dem Sommer; der andere aber erwies dem Winter besondere Ehrfurcht.
Darauf setzten sich beide einander gegenüber auf einen Berg, und alle vier saßen eine Zeitlang schweigend im Kreise.
„Was seid ihr für Leute?“ fragte dann der Winter.
„Ich bin der ~Herbst~,“ sagte der, der von Westen gekommen war.
„Ich bin der ~Frühling~,“ erklärte der andere.
Der Winter sah sie scharf an und schüttelte den Kopf.
„Ich kenne euch nicht,“ sagte er.
„Ich hab’ eure Namen nie nennen hören,“ sagte der Sommer.
„Wir sind gekommen, um über die Erde zu herrschen,“ sagte der Frühling.
Aber da ergrimmte der Winter. Er hüllte sein Haupt in den furchtbarsten Schneesturm, der je über das Land gekommen war, und aus dem Sturme erscholl seine Stimme wie Donner:
„Geht eurer Wege, dahin, woher ihr gekommen seid! Wir kennen euch nicht und wollen nichts mit euch zu tun haben. Der Sommer und ich, wir sind die Fürsten der Erde, und es ist bereits einer zu viel. Kommen noch mehr hinzu, so wird es ewig Spektakel geben.“
„Wir sind nicht gekommen, um Spektakel zu machen, sondern um Frieden zu stiften,“ wandte der Herbst sanft ein.
„Zwischen dem Winter und mir ist kein Friede möglich,“ sagte der Sommer.
„Darum wollen wir euch voneinander trennen,“ meinte der Frühling. „Wir beide, die wir heute gekommen sind, wissen recht gut, daß wir nicht so viel Macht haben wie ihr. Wir beugen uns ehrerbietig vor euch, weil eure Gewalt größer, euer Reich stärker befestigt ist. Wir erkühnen uns nicht zu Eingriffen in euer Herrschbereich. Aber wir wollen bei euch bleiben und verhindern, daß ihr die Erde vernichtet.“
„Ja, könntet ihr ~das~!“ rief der Sommer aus.
„Ja, das hätte Sinn,“ brummte der Winter.
„Wir können’s,“ erklärte der Herbst. „Wir verstehen euch beide, weil wir etwas von euch beiden in uns haben. Wenn ihr euch einander nähert, wird der eine von uns beiden zwischen euch treten; und das Land, wo wir sind, soll dann unser sein.“
„Ich lasse niemals von meiner Eisburg im Norden!“ rief der Winter.
„Ich dulde keinen fremden Fürsten in meinem Sonnenschloß im Süden!“ rief der Sommer.
„Das sollt ihr auch nicht,“ sagte der Herbst. „Dort, wo ihr in eurer ganzen Macht herrscht, soll niemand euch stören. Aber nun hört, was ich sagen will. Wenn ihr über die Erde hinzieht, werden der Frühling und ich stets zwischen euch sein, die Spuren dessen, der fortzieht, mildern und dem Kommenden den Weg bahnen. So wollen wir eine Weile herrschen, jeder zu seiner Zeit und ein jeder den vierten Teil des Jahres lang. Wir wollen einander folgen in einem Kreise, der nie durchbrochen, nie verändert wird. So kommt Friede und Ordnung in die Angelegenheiten der armen Erde.“
Als der Herbstfürst gesprochen hatte, schwiegen alle eine Weile und schauten vor sich hin. Der Winter und der Sommer mißtrauten einander, und keiner wollte das erste Wort sprechen. Aber der Frühling und der Herbst erhoben sich bald und verneigten sich vor den beiden andern Machthabern.
„Ich will das Tuch des Sommers ausbreiten,“ sagte der Frühling.
„Ich will das Ruhelager des Winters zurechtmachen!“ versprach der Herbst.
„Ich will Erde und Wasser von den Fesseln des Eises befreien und für deine Herrlichkeit vorbereiten, du holder Sommer,“ sagte der Frühling.