Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen
Part 11
„Allerdings,“ entgegnete der alte Geselle. „Und guck nach vorn! An der Küste siehst du die Menschen mit ihren Netzen und Booten und den garstigen Salztonnen stehen, in die wir hineingesteckt werden sollen, wenn wir nicht entwischen.“
„Ich muß trotzdem vorwärts,“ erklärte der kleine Hering. „Ich weiß nicht, was es ist, aber vorwärts muß ich.“
„Das ist die Bestimmung der Natur,“ sagte der Alte. „Ihr kann niemand entrinnen, ob groß oder klein. Ein so mächtiges Tier gibt es in der ganzen Welt nicht, das seinem eigenen Trieb Trotz bieten könnte. Vorwärts mit euch Heringen... vorwärts, vorwärts!“
Und es ging vorwärts mit unwiderstehlicher Macht. Die Dorsche fraßen so manchen Hering, und die Möwen desgleichen, aber die Reihen schlossen sich immer wieder, und man sah gar nicht, daß es weniger geworden waren. Niemand dachte mehr an seinen Nebenmann, sondern jeder schwamm geradeswegs auf den Fjord zu.
„Das gibt heuer einen großartigen Fang,“ sagte Ole, der auf dem Felsen stand und hinausspähte.
„Ja, dies ist eine glückliche Küste,“ meinte der Doktor.
„Gott segnet uns trotz unserer Sünden,“ sagte der Pfarrer.
Da liefen alle an den Strand hinunter und setzten die Boote ins Wasser und warfen die Netze aus und taten einen schweren Zug nach dem anderen.
Aber der kleine Hering lag tief im Wasser, nahe am Grunde, und dachte gar nicht an die Gefahr, der er sich aussetzte. Und er legte Eier, zehn, zwanzig, hundert und tausend... bis er sie alle los war.
Und während des Eierlegens schwatzte er, genau so wie seine Mutter geschwatzt hatte. Ganz verworrene Dinge erzählte er, ohne sich darum zu kümmern, ob jemand ihn hörte:
„Ach, Kinderchen, Kinderchen... es ist so herrlich, in dem großen, weiten Meere zu leben und umherzuschwimmen. Die Möwen sind hinter uns her und die Haie und Dorsche und Thunfische und Menschen und viele andere böse Geschöpfe. Und doch läßt sich nichts in der Welt mit dem Leben eines Herings vergleichen. -- -- Ihr wißt nicht, wie schön es ist, hinter dem Plankton herzuschwimmen und Tag und Nacht zu fressen. Ihr wißt nicht, wie schön und still es da unten in den tiefen Gewässern ist, wenn oben die Wogen dahinrollen, wie herrlich es ist, in einer finstern, ruhigen Nacht an die Oberfläche zu schwimmen und seine Schuppen in dem schwachen Licht glänzen zu lassen. -- Aber nichts war so schön wie die Reise hierher, um euch in die Welt zu setzen. Ich kann es euch gar nicht erklären, denn ich bekomme euch ja nie zu sehen und würde euch auch nicht erkennen, selbst wenn ich euch sähe. Der eine Hering gleicht dem andern.... Ihr wißt nichts von mir, und ich weiß nichts von euch. Ich habe auch erfahren, daß nur ganz wenige von euch am Leben bleiben. Wir waren bloß zwei von 30000 Geschwistern, und der eine von uns wurde gefressen, ehe er noch richtig ausgewachsen war. -- Aber das macht nichts. Das Leben ist so schön, und der Hering ist das glücklichste Tier im ganzen Meere. Seht zu, daß möglichst viele von euch mit dem Leben davonkommen, und werdet zu schönen, blanken Heringen, die im Meere glänzen.“
Inzwischen hatte der kleine Hering alle Eier gelegt und war sterbensmüde davon geworden.
Er sah sich um und bemerkte, daß der ganze Schwarm zerstreut war. Viele waren gefangen, andere waren gefressen worden, und andere waren fortgeschlichen, nachdem sie die Eier gelegt hatten. Der ganze Meeresboden war mit Heringseiern bedeckt.
„Ja, ja,“ sagte der kleine Hering, „im nächsten Jahre gibt es wieder Heringe. Dafür stehe ich ein. Aber jetzt muß ich wahrhaftig sehen, ob ich nicht etwas zu essen kriegen kann.“
Er schwamm weg, ohne daß ihm jemand etwas zuleide tat.
Die Fischer hatten sich mit ihren Booten und Netzen zurückgezogen; die Haie und Dorsche waren anderswohin geschwommen, und die Möwen saßen auf den Felsen an der Küste und verdauten ihren Fraß.
„Ich bin entsetzlich müde,“ sagte der kleine Hering. „Aber es ist ja eigentlich nicht sonderbar, daß es einen mitnimmt, wenn man 30000 Kinder in die Welt setzt.“
Immer weiter fort schwamm er. Hin und wieder traf er auch ein paar Kameraden, aber er machte sich nichts daraus, mit ihnen zu schwatzen.
„Ich bin zu müde,“ sagte er.
„Ja, wir auch,“ riefen die Kameraden.
Länger als drei Monate hielt sich der Hering für sich und fraß und fraß. Dann begann er wieder zu Kräften zu kommen, und er sehnte sich nach Gesellschaft.
Er schloß sich einem andern Hering an, und bald kam noch einer und nach einer hinzu. Nach kurzer Zeit war wieder ein ganzer Schwarm beisammen. Eines schönen Tages trafen sie den alten Hering.
„Na, bist du auch gut davongekommen?“ fragte ihn der kleine Hering.
„So wie du,“ entgegnete der Alte. „Das Leben ist ein Lotteriespiel, nichts anderes, und der Hering ist der Gewinn. Diesmal ist meine Nummer nicht gezogen worden, aber das nächstemal werde ich kaum wieder so viel Glück haben. -- Was nun? Wollt ihr schon wieder in den Fjord, um Eier zu legen, Kinder?“
„Das eilt wohl nicht so sehr,“ sagte der kleine Hering. „Laßt uns erst das Leben ein bißchen genießen und auf und ab schwimmen und fressen und uns darin üben, einen Schwarm zu bilden.“
„Ja, das wollen wir,“ riefen die anderen.
Und nun schwammen sie umher und vereinigten sich zu einem Schwarm und tauchten auf den Grund, um dem Sturm zu entgehen, und folgten dem Plankton.
„Ich finde, mir wird wieder recht wunderlich zumute,“ sagte der kleine Hering. „Das Essen schmeckt mir nicht mehr. Am meisten sehne ich mich nach dem Fjord, wo ich neulich Eier gelegt habe und wo ich selber als Ei gelegen habe.“
„Fort zum Fjord!“ kommandierte der alte Hering. „Richtet euch! Seite an Seite, Kopf an Schwanz! Es ist Laichzeit, wir müssen fort.“
Und sie zogen zum Fjord hin.
Da waren schon die Möwen und die Haie und die Wale und Dorsche, und am Strande standen der Pfarrer und der Doktor und Ole.
Aber ob der kleine Hering diesmal oder das nächste- oder übernächstemal gefangen wurde, das weiß ich nicht; denn ein Hering gleicht dem anderen.
Die Blumen.
Es war Frühsommer.
Mit den Anemonen und Veilchen war’s vorbei. Der wilde Rosenstrauch an der Hecke stand in voller Blüte, und die Butterblume am Grabenrand leuchtete über das ganze runde, gelbe Gesicht. Auch viele andere Blumen waren schon aufgeblüht, und die übrigen wollten ihnen gerade folgen. Das Getreide auf dem Felde stand hoch, und im Walde sangen die Vögel.
Die Landstraße entlang gingen drei Studenten.
Sie hatten die Mütze im Nacken, die Pfeife im Munde und den Stock in der Hand. Über der einen Schulter hing die Reisetasche, über der andern die Feldflasche. Sie marschierten im Takt und stampften auf, so daß eine Staubwolke sie einhüllte. Denn sie waren ja so jung, so jung...
Und dann sangen sie:
„Vier Mark für ein Paar Sohlen, acht Mark für Oberleder -- -- nein, nein, nein, nein, nein, nein, Oberleder kriegst du nicht, Brüderlein!“
Als sie auf dem Hügel, just vor dem wilden Rosenstrauch, angelangt waren, stand der eine von ihnen still.
„Halt!“ sagte er.
Die beiden andern gehorchten, und der erste nahm die Mütze vom Kopf, bohrte den Stock in die Erde am Grabenrand und hängte die Mütze daran. Die andern folgten seinem Beispiel. Dann zog er mit den Zähnen den Kork aus seiner Feldflasche, schwenkte die Flasche hoch in der Luft und hielt eine Rede.
„Ein Hurra dem Frühling!“ begann er. „Er ist grün, er ist gut, und er gehört den fröhlichen Studenten. Im Frühling blühen die Schuljungen auf und werden Füchse. Und die Knospen des Waldes springen auf. Und die Rose, das Veilchen, die Nelke und das Maiglöckchen, sie alle blühen auf, um vor den Augen des Studenten zu leuchten und ihm Wohlgeruch in die Nase zu senden. Du wildes Röslein an der Hecke! Der Student weiß recht gut, daß du vor ihm errötest, und dankt dir. Hab’ Dank, du gelbe Butterblume, du tust, was in deinen Kräften steht! Und auch du hab’ Dank, du langsames Heidekraut, das noch nicht mitgekommen ist! Wir wissen, daß auch deine Zeit kommt, und danken dir. Euch allen danken wir. Hurra!“
Die drei Studenten nahmen einen tüchtigen Schluck aus der Flasche, und dann rief der, der die Rede gehalten hatte:
„Drei lange!“
Und alle schrien:
„Hur-ra-ah! Hur-ra-ah! Hur-ra-ah!“
„Drei kurze!“ lautete das nächste Kommando.
„Hurra! Hurra! Hurra!“ schrien sie.
„Allgemeiner Studenten-Frühlings-Jubel!“ befahl der erste.
Und nun veranstalteten alle ein solches Geschrei, daß die wilde Rose an der Hecke ihre Blüten schloß und die Lerche, die trillernd hoch in der Luft hing, vor Schreck in den Roggen hinabflog, wo sie ihr Nest hatte, und mäuschenstill dort sitzen blieb.
Darauf nahmen die Studenten noch einen Schluck aus ihren Flaschen; der, der vorher die Rede gehalten hatte, nahm zwei Schlücke, weil sein Hals am trockensten war. Dann setzten sie die Mütze auf, nahmen den Stock in die Hand und marschierten los, unter fröhlichem Gesang:
„Gurkensalat und Lämmerbraten -- Lämmerbraten und Gurkensalat ... Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, Lämmerbraten kriegst du nicht, Brüderlein!“
Als aber die Studenten den Hügel hinabgestiegen und so weit weg waren, daß man ihren Gesang nicht mehr hören und nichts als eine Staubwolke von ihnen sehen konnte -- da scholl ihnen ein unbändiges Gelächter nach.
Es erklang von der Hecke und dem Graben bis übers Feld hin. Die wilde Rose lachte, daß sie einen Haufen Blätter verlor. Die Butterblume grinste übers ganze Gesicht, der Löwenzahn machte es ebenso, und die Glockenblume bebte vor Lachen so, daß alle ihre Glocken läuteten. Die vielen tausend Roggenhalme auf dem Felde schüttelten vor Heiterkeit die Ähren, und eine junge Kornrade, die noch in der Knospe stand, gluckste dermaßen vor Lachen, daß sie ihre Hülle sprengte und einen Tag zu früh aufblühte.
„Ist es nicht unbegreiflich, wie die Leute so dumm sein können?“ sagte die Rose, nachdem sie so lange gelacht hatte, bis sie nicht mehr konnte. „Da ziehn nun die drei Studenten hin und singen und schreien und glauben felsenfest, daß wir hier um ihretwillen stehen und uns putzen. Und dabei sind die Studenten noch die klügsten von allen Menschen.“
„Ja, dann muß es um die andern allerdings schlimm bestellt sein,“ meinte der Löwenzahn.
„Ich kann wirklich in der Morgenstunde nicht so viel vertragen,“ begann die Rose von neuem. „Lache ich noch einmal so stark, dann fallen alle meine Blätter ab. Und das geht nicht, denn heute ist das Wetter danach, Geschäfte zu machen.“
„Ja, ich bin bereit,“ sagte die Glockenblume und läutete mit ihren Glöckchen „Honig hab’ ich genug, und meine Staubgefäße springen auf, sobald ein Fliegenbein daran rührt.“
„Seht, wie ich all meine kleinen Blüten zusammengestellt habe!“ sagte der Löwenzahn vergnügt. „Hat einer von euch jemals einen so niedlichen Blumenkorb gesehen?“
„Den Kniff kennen wir,“ rief die wilde Möhre, die an der Hecke neben der Rose stand, in stolzer Haltung... „Ich mach’s ebenso... Wollt ihr einen Schirm sehen, der wert ist, daß man ihn anschaut? Ließe ich meine Blüten einzeln sitzen, so könnten sie lange warten, bis man sie entdeckte. Aber nun, denke ich, geht es. Ich bin auch auf den Einfall gekommen, mitten in meinem weißen Schirm eine rote Blüte anzubringen. Sie ist ganz unfruchtbar und nichts wert, es ist die reine Reklame. Die Tiere kommen und betrachten sich die Sache. Ja, man muß sehn, wo man bleibt, bei dieser gefährlichen Konkurrenz!“
„~Ich~ bin nicht für so einen offenen Laden,“ sagte das gelbe Leinkraut, das seine Blütenkrone dicht geschlossen hielt. „Ich lege keinen Wert darauf, daß Fliegen und dergleichen kleines Getier von der Straße in mich hineinrennen. ~Mein~ Honig ist nur für eine ordentliche Hummel feil, die die Kräfte hat, mich zu öffnen.“
„Zum Kuckuck mit all euren Kniffen!“ sagte die wilde Rose an der Hecke. „Ich habe so etwas Gott sei Dank nicht nötig. Ich habe ein altes, reelles Geschäft, das für jede anständige Person offen steht. Und meine Blüten sind so groß und schön, daß die Biene, die sie nicht sehen kann, auf allen ihren sechstausend Augen blind sein muß. Ich hab’ nicht einmal Honig abzugeben.“
„Wie?“ rief der Löwenzahn.
„Was sagst du?“ fiel die Kornrade ein.
„Ist es möglich?“ schrien die Nelke, das Labkraut und die Kamille.
Und das Leinkraut gähnte ein klein wenig vor Verwunderung und fragte:
„Was hast du denn den Bienen zu bieten?“
„Ich hab’ meinen Blütenstaub,“ erwiderte die Rose. „Den brauchen sie als Bienenbrot. Du weißt: für ihre Kinder. Und ich habe so reichlich davon, daß es nichts ausmacht, ob ein ganz Teil in die Binsen geht.“
Die Sonne am Himmel stieg und trocknete den Tau weg.
„Jetzt läute ich zum Zeichen, daß der Markt beginnt,“ sagte die Glockenblume.
Alle Blumen richteten sich auf und leuchteten und dufteten und gaben sich Mühe, gut auszusehen. Und von allen Seiten summten und surrten Fliegen, Bienen, Schmetterlinge und Hornissen, sowie eine Menge anderer Insekten herbei, die während der Nacht versteckt in ihren Nestern, unter großen Blättern oder an anderen Stellen gesessen hatten, wo es trocken und warm war.
Sie breiteten sich aus über die Hecke und den Grabenrand, flogen von einer Blüte zur andern und krochen in ihnen ein und aus. Und die Blüten leuchteten und dufteten und schrien durcheinander.
Die Glockenblume sang:
„Kling, klang, Bienlein, kriecht in meine Glöcklein, schöner Honig winket hier, junge Königin, reichlich dir.“
„Wir kommen, wir kommen!“ riefen die Bienen, und einen Augenblick darauf saß in jeder der Glockenblüten eine von ihnen. Sie tranken so viel Honig, wie sie konnten, und der Staub rieselte von den Staubgefäßen auf sie herab und blieb an den Haaren ihres Körpers hängen.
Und die wilde Rose an der Hecke sang:
„Komm, gelbes Bienchen gut! Komm, Falter, zum Rosenhaus! In meinem Schoße sanft ihr ruht beim lieblichen Morgenschmaus. Gefüllt sind all die Rosen rot mit Mehl zu leckerm Madenbrot.“
Und das Leinkraut sang:
„Tief in meinem Kelch ist der Honig verwahrt, nicht jedem er sich offenbart. Den holt nur der schwarze Hummelchor; er öffnet sich keck mein gelbes Tor. Komm, Hummel, komm! Ich leb’ ja nur für dich! Das andre Gewürm verachte ich!“
„Nur Geduld, Kinder!“ sagten die Hummeln. „Wir kommen der Reihe nach zu euch allen!“
„Diesen Weg!“ schrie der Löwenzahn. „Den besten Honig am ganzen Grabenrand gibt es bei mir. In dem gelben Laden hier unten im Grase -- schräg gegenüber der wilden Rose. Hochverehrte Fliegen, wollt ihr nicht bei mir einkehren? Hier gibt es etwas für jeden... alle meine hundert Blüten sind bis an den Rand gefüllt. Diesen Weg, diesen Weg!“
Und die wilde Möhre hob ihren Schirm über die andern empor und sang ein- übers andremal denselben Vers:
„Ihr Bienen, Hornissen, Fliegen, kommet her zum Honigvergnügen! Bei der wilden gelben Möhre gibt es Honig frisch aus der Röhre!“
„Hier ist mehr zu haben, als wir bewältigen können,“ sagte die Hornisse.
Und sie kroch in die eine Blüte hinein und aus der andern hinaus. Die Bienen trugen Blütenstaub und Honig in ihre Körbe heim und eilten von dannen, um noch mehr zu holen. Die Hummeln summten und brummten, die Fliegen kletterten und krochen, die Falter tanzten durch die Luft vom einen zum andern, breiteten ihre bunten Flügel aus und schlossen sie wieder.
So ging es den ganzen Tag. Die Blumen lockten und sangen unaufhörlich, und die Sonne schien munter auf das alles hernieder. Erst als sie hinterm Walde sank, flogen die Insekten heim, jedes zu seiner Zufluchtsstätte.
„Das war ein guter Tag,“ sagte die Rose. „Die Hälfte meiner Blüten ist leer von Staub. Noch solch ein Tag, und ich bin zufrieden.“
Die Glockenblume nickte, denn auch sie hatte gute Geschäfte gemacht. Der Löwenzahn beeilte sich, alle seine kleinen Blüten zu schließen, und die Möhre stand noch da und hielt ihren Schirm bereit für den Fall, daß eine verspätete Fliege vorbeikommen sollte.
Aber im Grase am Grabenrand lag eine große alte Hummel auf dem Rücken und trat mit allen sechs Beinen in die Luft.
„Ist dir etwas zugestoßen, liebes Kind?“ fragte die wilde Rose an der Hecke.
„Ach nein!“ sagte die Hummel. „Ich ersticke nur beinahe vor Lachen. Ich mußte an die Studenten denken, die heut früh vorbeikamen. Hahaha! Sie dachten, ihr leuchtetet und duftetet für ~sie~.“
„Ja, das waren lächerliche Gesellen,“ meinte die Rose.
„Hahaha!“ lachte die Hummel wieder. „Keine Ahnung hatten sie, daß ihr es um ~meinet~willen tut... und um der Bienen, Fliegen und Schmetterlinge willen. Der liebe Gott mag wissen, wie wir eure Honigläden finden sollten, wenn uns nicht unser Geruch zurechtwiese und ihr nicht ein ordentlich bemaltes Schild aufhängtet.“
Keine von den wilden Blumen sagte etwas, solange die Hummel am Grabenrand lag und lachte. Sobald sie sich aber erhoben hatte und heimgeflogen war, brachen alle in ein Gelächter aus, das ebenso heiter und gewaltig war wie dasjenige, das sie den Studenten nachgesandt hatten.
„Es ist ja nicht auszuhalten mit den Dummköpfen!“ meinte die Rose. „Man sollte doch glauben, daß so ein Tier mehr Verstand hätte als ein Studentlein, aber die Hummel bildet sich also auch ein, daß wir ihretwegen hier stehen!“
„Verzeiht, daß ich mich in die Unterhaltung einmische!“ sagte der Buchfink, der im Wipfel der wilden Rose saß. „Ich war auch heute morgen dabei, als die Studenten vorübergingen. Und ich versteh’ das ganze nicht recht. Wenn ihr euch nicht für die Studenten schmückt und nicht für die Bienen und die Schmetterlinge, ja... für wen zum Kuckuck tut ihr es denn?“
„Wir tun es natürlich um unser selbst willen, bester Fink!“ erwiderte die Rose.
„Erklär’ es mir!“ bat der Buchfink.
„Ich mag nicht,“ sagte die Rose. „Der Tau fällt, und ich muß schließen. Gut’ Nacht!“
Die Glockenblume läutete den Abend ein, der Löwenzahn schlief bereits am Grabenrand, das Leinkraut kniff die Lippen so fest zusammen, daß keine Hummel in der Welt sie voneinander trennen konnte, und die Mohrrübe nickte im Schlaf und sang:
„Bei der wilden gelben Möhre gibt es Honig frisch aus der Röhre!“
Der Buchfink wiegte sich auf seinem Rosenzweig und ärgerte sich. Er grübelte und grübelte, konnte die Sache aber nicht herauskriegen, und einschlafen konnte er auch nicht.
In diesem Augenblick kam ein großer grauer Dämmerungsfalter über die Hecke angeschwirrt, nach dem Roggen hin, der mit dem Abendwind flüsterte. Und gleichzeitig gewahrte der Buchfink eine große, schöne Lichtnelke, die ihre Krone nach dem Dämmerungsfalter ausstreckte, und sang:
„Lüft’ deine Flügel grau und weich, einsamer Falter, komm zu mir! Als Einzigwache im Blütenreich schenk’ meinen kühlen Kelch ich dir. Eile dich, Falter, noch ist es Zeit, bin nur des Nachts für dich bereit.“
Nun sah der Buchfink, wie der Dämmerungsfalter sich auf die Blüte setzte und seinen langen Fühler in ihren Kelch hinabsenkte. Und als er all den Honig herausgesogen hatte, der vorhanden war, und mit den Flügeln wippend dasaß, da erscholl von drüben her genau der gleiche Gesang, den die Lichtnelke angestimmt hatte. Der Buchfink sah von drüben eine große weiße Blüte schimmern, und nun flog der Schmetterling hinüber und setzte sich auf sie.
„Lichtnelke,“ sagte der Buchfink. „Erzähl’ mir, wie das eigentlich zusammenhängt mit euch Blumen, Bienen und Schmetterlingen! Ich hab’ heute hier gesessen und alles mitangesehen und angehört, aber ich versteh’ kein Sterbenswörtchen von allem. -- Was wollte denn der Dämmerungsfalter von dir?“
„Er hat von mir Honig bekommen,“ erwiderte die Lichtnelke.
„Gut, aber was hat er dir denn dafür gegeben?“
„Er hat meinen Blütenstaub mitgenommen,“ erklärte die Lichtnelke.
Aber der Buchfink schüttelte den Kopf.
„Ja, das mag für den Dämmerungsfalter recht gut und schön sein,“ meinte er. „Er hat das eine gekriegt und hat auch das andere gekriegt. Aber welches Vergnügen hast du denn von der Geschichte?“
„Sieh mal,“ antwortete die Lichtnelke, „jede ordentliche Blume hat zwei große Sorgen in ihrem Leben. Erstens muß sie ihre Samen bekommen, und zweitens muß sie sie wieder loswerden. Das verstehst du doch?“
„Und ob!“ sagte der Buchfink erfreut. „Das ist ja genau so wie bei uns. Zuerst kommt es darauf an, daß wir unsre Jungen kriegen, und dann müssen wir sehen, daß wir sie gut erziehen und in die Welt hinaussenden. Wir Vögel haben also dieselben Sorgen. Aber die dauern an, von der Geburt bis zu unserm Tode, und man wird mitunter recht mager davon!“
„Natürlich,“ erklärte die Lichtnelke. „Umsonst kriegt man in dieser Welt nichts. Aber wir wollten von meinen Eiern und nicht von deinen Jungen reden.“
„Also du hast auch Eier?“ fragte der Buchfink höflich.
„Allerdings,“ sagte die Lichtnelke. „Aus deinen Eiern entstehen ~Junge~, aus den meinen ~Samen~. Aber zuerst muß der Staub aus den Staubgefäßen auf sie fallen. Sonst kommt nichts dabei heraus. So ist’s mit mir, und so ist’s mit allen Blumen. Und die Bienen und Schmetterlinge und alle die andern Insekten tragen den Staub zwischen uns hin und her.“
„Aha!“ sagte der Buchfink mit einem Pfiff. „Nun fang’ ich an, die Sache zu verstehen. Sie kommen zu euch, um Honig zu holen, und sie nehmen den Blütenstaub mit!“
„Ganz recht!“ erwiderte die Lichtnelke. „Der Staub bleibt an den Haaren ihres Körpers hängen, an Flügeln und Beinen. Wenn sie dann zu einer andern Blüte kommen und in ihr nach Honig wühlen, so reiben sie den Staub von sich ab, er fällt auf die Eier, und aus den Eiern werden Samen.“
„Das ist famos eingerichtet,“ sagte der Buchfink. „Und alle die bunten Farben habt ihr also nur, um die Insekten anzulocken?“
„So ist es,“ war die Antwort der Lichtnelke. „Ich für mein Teil bin allerdings ganz weiß, wie du siehst. Ich spekuliere nur auf die Insekten, die des Nachts ausfliegen, und dafür eignet sich die weiße Farbe am besten, weil sie im Dunkeln am hellsten leuchtet. Am Tage ist mir der Wettbewerb zu groß; aber jetzt ist mir das Feld ganz überlassen.“
„Na -- na,“ sagte die Nachtviole, die nicht weit davon stand und alles mitangehört hatte. „Ich zähle doch auch mit!“
„Ich kann dich nicht sehen,“ sagte die Lichtnelke. „Wo stehst du? Wie heißt du? Was für Farben hat deine Blüte?“
„Ich heiße Nachtviole, und meine Blüte ist braun, klein und häßlich.“
„Dann bist du nicht gefährlich für mich,“ meinte die Lichtnelke.
„Nu--uun, ich komme schon durch! Vor einem Weilchen flog ein großer Dämmerungsfalter geradeswegs in meinen Schoß. Ich hatte ihn mit meinem ~Duft~ angelockt, verstehst du... dem süßesten Duft der Nacht! So süß ist er, daß die Menschen mich aus dem Süden, wo meine Heimat ist, in ihre Gärten nach dem Norden verpflanzt haben. Ich hab’ mich aus dem Garten des Müllers hierher verirrt, und nun bleibe ich hier bei dir!“
Die Lichtnelke wollte antworten, aber die Nachtviole stimmte ein Lied an:
„Nachtfalter, der du im Tanz schwebst durch die kühle Luft, kannst du mich finden? Mir fehlet der Lichtnelke Glanz. Aber mein köstlicher Duft wird dich doch binden.“
„Ja, wenn du mich nur wenigstens die Dämmerungsfalter behalten ließest, und dich mit den Nachtfaltern begnügtest,“ sagte die Lichtnelke. „Die meisten von ihnen verzehren nichts, sondern fliegen an dem schönsten Honig vorbei, als ob es Dreck wäre.“
„Es ist genug für euch beide vorhanden,“ sagte der Buchfink. „Deswegen keine Feindschaft. Ihr solltet bloß die Tagblumen sehen. ~Da~ herrscht Kampf ... das ist eine andere Sache, ihr könnt’s mir glauben! -- -- Aber nun höre, Lichtnelke, da ist doch noch etwas, was ich nicht verstehe. Warum laßt ihr nicht selber Staub auf eure Eier fallen? Ihr habt ja genug Staub, und das wäre doch viel, viel einfacher!“
„Ja -- ich könnte das gar nicht, wenn ich auch wollte,“ erwiderte die Lichtnelke. „Ich habe gar keine Staubgefäße in meiner Blüte, nur Eier.“
„Herrgott, bist du ein Invalide?“ rief der Buchfink erschrocken.