Das Sternenkind und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen
Part 10
„Feinde haben ja alle ordentlichen Leute. Da ist zum Beispiel die Goldwespe, die faule Person. Die mag nicht selber Futter einsammeln und legt ihre Eier in meine Nester. Aber vor der habe ich in dieser Gegend allerdings weniger Angst. Die wird meiner Familie in den fruchtbaren Gegenden gefährlich. Aber dann ist da eine Fliege, die sich ebenso schändlich benimmt. Doch ich denke, ich habe das Nest so gut versteckt, daß sie es nicht findet.“
„Aha... das ist ja eine Art Kuckuck!“ warf die Erde ein.
„Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es ein garstiges Geschöpf ist. Und wenn ich sie erwischen könnte, würde ich ihr schleunigst den Garaus machen.“
Dann grub die Grabwespe sich mit der Larve hinab, kam wieder herauf und flog davon. Bald darauf ließ sich die Fliege sehen, kletterte gleichfalls hinab und kehrte vergnügt an die Oberfläche zurück.
„Alles in Ordnung,“ erzählte sie. „Es geht ausgezeichnet.“
Über vierzehn Tage lang brachte die Grabwespe täglich Futter herbeigeschleppt.
„Gott sei Dank!“ sagte sie. „Das Kind hat Appetit. Es ist fast das gefräßigste von den sechsen. Ihr könnt euch keinen Begriff davon machen, wie es frißt.“
„Wie sieht es denn aus?“ fragte das Sandhaargras.
„Woher sollte ich das wissen? Da unten ist es ja kohlrabenschwarz. Ich bekomme meine Kinder nie zu sehen; aber ich kann wenigstens mit gutem Gewissen sterben, wenn ich sie so gut füttere. Und es ist klar, daß es tüchtige Geschöpfe sind, wenn sie so fressen.“
„Entsetzlich!“ rief das Mannstreu, als die Grabwespe fort war.
„Eine unheimliche Geschichte -- was?“ sagte der Sand.
„Hm,“ erklärte die Erde, „ich leugne nicht, daß die Sache anfängt, spannend zu werden. Aber noch haben wir ja nicht das Ende gehört. Wir wollen erst einmal sehen, wie ~das~ sein wird. Niemand von uns weiß ja, was da unten in der Höhle vorgeht.“
Am fünfzehnten Tage kam die Grabwespe ohne Futter und auf sehr matten Flügeln geflogen.
„Nun kann ich nicht mehr,“ seufzte sie. „Und ich will hoffen, daß ich genug getan habe. Ich fühle deutlich, daß ich sterben muß.“
„Warte doch noch ein wenig, und sieh dir dein Kind einmal an,“ sagte das Sandhaargras.
„Das erlebe ich nicht mehr,“ erwiderte die Grabwespe. „Auch ich habe meine Eltern nie gesehen.“
Ein Weilchen saß sie noch da und betrachtete den Eingang zu der Höhle, glättete mit ihren letzten Kräften den Sand, um das Nest zu verstecken, streckte dann die Beine von sich und war tot.
„Es war eine gute Seele!“ predigte das Sandhaargras.
Doch das Mannstreu rief: „Da kommt die Fliege!“
„Nun werden wir den letzten Akt des Dramas erleben,“ sagte die Erde, die fürchterlich neugierig war, aber es ungern zeigen wollte.
„Ungeheuer spannend!“ meinte der Sand. „Viel, viel fürchterlicher als die Geschichte vom Kuckuck. Und dann ist es eben gar keine Geschichte, die man glauben oder nicht glauben kann, sondern es spielt sich alles unmittelbar vor unseren Augen ab.“
Als die Fliege die Grabwespe sah, fuhr sie erschrocken zurück.
„Habe keine Angst!“ sagte das Sandhaargras. „Sie ist tot. Und von deinen Schurkenstreichen hat sie nie etwas erfahren.“
„Spare deine Schimpfworte!“ entgegnete die Fliege. „Ich sorge für meine Kinder, wie wir alle es tun. Das ist das ganze. -- Aber ich glaube, jetzt müssen sie bald zum Vorschein kommen.“
Alle starrten gespannt nach der Stelle, wo der Eingang zu der Höhle war, und nach kurzer Zeit begann es im Sande zu rascheln. Ein dünnes Beinchen tauchte auf... und noch eins... und noch vier, und dann stand eine neugebackene Fliege da, die niesen mußte und sich den Sand aus den Augen wischte und auf und davon flog, ohne ihrer Mutter auch nur guten Tag zu sagen.
„Das ist mein Sprößling!“ sagte die Fliege.
„Unverkennbar,“ sagte das Mannstreu. „Dieselben niedlichen Manieren.“
Und dann kam noch eine junge Fliege zum Vorschein und dann nacheinander noch fünf.
„Na,“ fragte der Sand, „was sagst du nun, meine liebe Erde?“
„Ich?“ erwiderte die Erde, als ginge das ganze sie nichts an. „Ich sage nur soviel: jetzt regnet es.“
Und so war es. Der Regen machte der Geschichte schnell ein Ende.
Der kleine Hering.
Hoch oben in Norwegen an einem breiten Fjord liegt ein kleines Fischerdorf. Die Häuser sind nur aus Holz und winzig und ärmlich. Auch die kleine Kirche ist aus Holz und hat keinen Turm. Dann ist da noch das Haus, in dem der Kaufmann wohnt, und das Haus des Doktors und das niedrige alte Pfarrhaus, und sonst nichts als Fischerhütten.
Felder sind nicht vorhanden. Rings sieht man nur nackte Felsen und dann den Fjord und dahinter das weite Meer. Am Strande sind die Boote in der Regel aufs Land gezogen, damit die See sie nicht forttreibt. Alle Bewohner des Dörfchens leben vom Fischfang, und wenn der Ertrag ausbleibt, dann herrscht Jammer und Elend.
In dem Jahre, in dem diese Geschichte beginnt, mußte man sehr lange auf den Hering warten.
„Kommt der Hering nicht, dann müssen wir verhungern,“ sagte die älteste Fischerfrau. „Ich bin nun zweiundsiebzig Jahre alt geworden, und noch nie ist es passiert, daß der Sommerhering so spät im August noch nicht da war. Niemand von uns hat ja noch Brot im Hause.“
Der Kaufmann betrachtete traurig die vielen, vielen Tonnen Salz, die er zum Einsalzen der Heringe gekauft hatte. Und er sah in seinen Büchern noch, wieviel Kredit er den Fischern gegeben hatte, und wurde noch trauriger.
„Kommt der Hering nicht, so mache ich Bankrott,“ sagte er.
„Kommt der Hering nicht, so reisen wir nach Amerika,“ sagten die jungen Fischer.
„Kommt der Hering nicht, so geschieht das um eurer Sünden willen,“ sagte der Pastor.
„Wenn der Hering in diesem Jahre nicht kommt, so liegt das daran, daß das Wasser nicht salzig genug ist,“ sagte der Doktor. „Oder daß es nicht warm genug ist; oder daß der Meeresboden nicht mehr für die Eier geeignet ist.“
Die Fischer hörten das und schüttelten den Kopf. Am meisten Glauben hatten sie zum Pastor und am wenigsten zum Doktor.
Aber da war ein uralter Fischer, der sehr selten das Wort ergriff und dem darum alle aufmerksam zuhörten, wenn er den Mund auftat.
„Ich will euch etwas sagen, Kinder,“ begann er. „Wenn der Hering nicht kommt, so hängt das damit zusammen, daß die Wale und Möwen und Dorsche ihn nicht hier hereintreiben.“
„Du bist selber ein Dorsch und ein Dummkopf, Ole,“ entgegnete der Doktor. „Die Wale und Dorsche und Möwen rennen dem Hering nach, genau so wie ~ihr~. Wo der Hering ist, da seid auch ihr.“
„Ja, wenn der Doktor mir sagen kann, ~wo~ der Hering ist, dann werde ich sofort dorthin gehen,“ sagte Ole. „Soviel ich sehe, sind der Hering und ich augenblicklich nicht beisammen.“
Da lachten alle. Auch der Doktor stimmte mit ein, und Ole war ganz stolz darauf.
„Gebt acht auf das, was ich sage,“ fuhr er fort. „Sobald ihr die Wale und Möwen draußen am Strande zu sehen bekommt, dann habt ihr auch den Hering hier.“
Da stiegen alle auf den Gipfel des Felsens und starrten aufs Meer hinaus. Aber sie sahen an diesem Tage nichts und am folgenden ebensowenig, und so verging ein Tag nach dem anderen.
„Lasset uns zu Gott beten, daß er uns unsere Sünden vergibt!“ sagte der Pfarrer.
„Laßt uns zu Gott beten, daß er das Wasser salzig und warm und den Meeresboden geeignet macht, wie es dem Hering nottut,“ meinte der Doktor.
„Laßt uns zu Gott beten, daß er die Wale und Möwen auf die Jagd gehen läßt,“ sagte der Fischer Ole.
Und die einen beteten, während die anderen fluchten und schalten, und wieder andere weinten und jammerten, ein jeder nach seiner Natur. Aber Tag für Tag erstiegen die, die gehen und kriechen konnten, die Klippe, um auf das Meer zu schauen.
Und eines Tages gab der alte Ole, der dort oben ganz am Rande mit seinem Fernrohr stand, ein entsetzliches Gebrüll von sich.
„Da ist er, da ist er!“ schrie er.
„Kannst du ihn auf ~die~ Entfernung hin sehen, Ole?“ fragte der Doktor.
„Nein, aber ich sehe den Wal,“ erwiderte Ole. „Er stößt große Wasserstrahlen aus den Nasenlöchern aus, sie spritzen wie Springbrunnen hoch in die Luft. Ein Dutzend Strahlen habe ich zählen können. Nun tut, was ihr wollt. Ich gehe an den Strand und bringe meine Netze in Ordnung.“
„Warte ein wenig,“ sagte der Doktor. „Es eilt nicht so fürchterlich, Ole. Wenn der Hering hier ist, so weißt du ja, daß er hierbleibt, bis er seine Eier gelegt hat, und da auf jeden Hering mindestens 30000 Eier kommen, haben wir Zeit in Hülle und Fülle.“
Jetzt sahen sie alle, wie die Wale draußen ihre Wasserstrahlen in die Höhe stießen. Immer mehr und mehr sammelten sich zu einem gewaltigen Kreise. Jetzt sah man auch die schwarzen Rücken der Tiere... und Delphine und Thunfische sprangen hoch empor. In immer dichteren Schwärmen fanden sich auch die Möwen ein. Alle Augenblicke stürzte sich eine von ihnen ins Wasser und ergriff einen Hering, der der Oberfläche zu nahe gekommen war.
„Ja, da sind sie,“ sagte der Doktor.
„Ganz recht,“ fiel Ole nicht ohne Stolz ein.
Und dann zeigte er ihnen, wie das Wasser so sonderbar gleichmäßig und blank wurde und in seltsamen Farben glänzte. Das seien die Heringe, erklärte er, die in dichten Schwärmen dicht unter der Meeresfläche schwimmen.
Und die Leute sahen, wie an der Oberfläche beständig Luftblasen aufstiegen.
„Der Hering steht heuer hoch im Wasser,“ sagte Ole.
„Warum?“ fragte der Doktor.
„Weil die Luftblasen nicht gleich zerspringen,“ erklärte Ole. „Wenn sie das täten, sobald sie an die Oberfläche kommen, dann stände der Hering tiefer.“
„Es müssen entsetzlich viele Heringe sein,“ sagte der Pfarrer.
„Allerdings,“ war Oles Antwort. „Wir nennen es ja auch ~Heringsberg~.“
„Wie groß mag der Berg denn sein, Ole?“ fragte der Doktor.
„Der Herr Doktor kann das ja selber ausrechnen. Der Schwarm reicht in der einen Richtung wohl ein paar Meilen weit und in der anderen auch. Und wenn wir fünf Faden in der Tiefe rechnen, dann sagen wir nicht zuviel. Vielleicht können Sie nun herausbekommen, wie viele Heringe es sind.“
Der Doktor rechnete eine Weile.
„Ich denke, es werden etwa 500 Millionen sein,“ sagte er dann.
„Nein, das glaube ich nicht,“ erklärte Ole entschieden.
„Dann würden wir ja alle in Heringen ertrinken,“ meinte der Pfarrer.
„Pah!“ entgegnete der Doktor. „Sehen Sie mal, wie die Möwen und Wale und Haie dort fressen. Und niemand sieht, was die Dorsche unter dem Wasser ausrichten; aber das sind gerade die allergefräßigsten von allen. Nicht der hundertste Teil von allen diesen Heringen gelangt in die Salztonnen des Kaufmanns.“
„Aber dann kommen ja neue,“ sagte der Pfarrer. „Sie sind ja so klug, Herr Doktor. Ich denke, Sie sagten, jeder Hering lege 30000 Eier. Wieviele davon werden denn groß?“
„Zwei,“ war die Antwort.
„Zweitausend?“ fragte der Pfarrer.
„Zwei,“ wiederholte der Doktor.
„I, das glaube ich nicht,“ sagte der Pfarrer. --
Dann ging man an den Strand. Die Boote wurden ins Wasser geschoben, und der Fang begann.
Man konnte sich nicht erinnern, daß der Ertrag je so reich ausgefallen war. Die Netze, die man aus dem Wasser zog, waren bis an den Rand gefüllt, so daß die Boote fast kenterten. Die Frauen arbeiteten vom Morgen bis zum Abend, um die Tiere aus den Maschen zu ziehen. Das ganze Dorf glänzte wie Silber vor lauter Heringsschuppen. Man sah und roch nichts als Heringe.
Aber das war gut, denn der Hering bedeutet Nahrung, Kleidung und Reichtum.
Es kamen Dampfer, bloß um die vielen tausend Tonnen mit gesalzenen Heringen abzuholen. Der Kaufmann verbrauchte all das Salz, das er hatte, und mußte sogar noch mehr holen lassen. Die Fischer bezahlten ihm ihre Schulden und kauften sich Branntwein und Tabak und Garn für neue Netze und Speck für den Winter und ein neues Tuch für ihre Frauen und alles, was ihr Herz begehrte.
Über einen Monat dauerte der Heringsfang. Als er zu Ende war, da waren alle fröhlich und guter Dinge.
„Gott hat euch eure Sünden vergeben!“ sagte der Pfarrer.
„Das Wasser hatte die richtige Wärme und war salzig genug, und der Meeresboden hatte die richtige Beschaffenheit,“ sagte der Doktor.
Aber Ole meinte: „Die Wale und Möwen sind zur rechten Zeit gekommen.“
Während nun der Kaufmann des Fischerdorfes alle die Taler zählte, die er verdient hatte, und während die Bewohner sich des guten Ertrages freuten, hatten sich die Heringe, die mit dem Leben davongekommen waren, wieder ins Meer begeben.
Doch vorher hatten sie auf dem Grunde des Fjords ihre Eier gelegt.
Es waren winzige Eierchen, die wie an Schnüren zusammengeklebt und an Steinen und Wasserpflanzen und allem, was sich sonst auf dem Boden des Fjords fand, befestigt waren.
Ihrer waren so viele, daß es ganz unmöglich gewesen wäre, sie zu zählen. Eine große Anzahl von ihnen wurde auch von dem kleinen Getier gefressen, das da unten umherschwamm. Aber es blieben dennoch genug übrig, die in dem klaren stillen Wasser lagen und darauf warteten, ausgebrütet zu werden.
Und allmählich kamen die Larven. Das waren drollige Fische, die kein Maul hatten, aber zwei große Augen. An ihrem Bauch hing vom Ei her ein großer Sack. Sie waren durchsichtig und hatten keine Schuppen, und niemand, der sie kannte, wäre darauf verfallen, daß jemals Heringe daraus werden könnten.
Sobald sie aus den Eiern heraus waren, schwammen sie weg. Zuletzt waren nur noch zwei Eier übrig. Sie saßen aneinandergeklebt auf einem Stein, wo sie schon länger als einen Monat saßen, ohne begreifen zu können, was daraus werden sollte.
„Merkst du nichts?“ fragte das eine Ei.
„Doch,“ erwiderte das andere. „Es zieht an mir... es dauert nicht mehr lange.“
„Es ist auch wirklich Zeit,“ meinte das erste Ei. „Alle anderen sind schon weg, nur wir sind noch übrig.“
„Das kommt daher, weil wir am allertiefsten sitzen,“ entgegnete das andere Ei. „Hier ist es zu kalt, darum dauert es so lange mit uns.“
Dann saßen sie noch eine Weile nebeneinander, bis die Eier sich öffneten und zwei Heringslarven hervorkamen, die den anderen glichen, aber größer waren, weil sie so lange Zeit gebraucht hatten.
„Was nun?“ fragte die erste.
„Ja, was nun?“ sagte die andere.
Sie blickten mit ihren großen Augen durch das klare Wasser hin, soweit sie sehen konnten. Da glitten Dorsche vorüber und andere seltsame Tiere, vor denen sie große Angst hatten. Sie wußten nicht, wohin sie sich wenden sollten, und blieben dicht beisammen, genau so wie früher, als sie noch im Ei gelegen hatten.
„Ich glaube, das Leben ist nicht so leicht für einen kleinen Hering,“ sagte der eine.
„Wir müssen zusammenhalten,“ erwiderte der andere. „Wir sind ja Geschwister und wollen einander nie verlassen.“
„Es ist doch möglich, daß wir getrennt werden,“ sagte Nummer 1. „Ich finde, hier ist ein entsetzlicher Wellenschlag.“
„Mag sein,“ entgegnete Nummer 2. „Aber wir könnten uns doch wohl irgendwo in der Welt treffen.“
„Meinst du, daß wir uns erkennen würden? Alle Heringe der Welt gleichen einander. Das sagte mir meine Mutter, als sie mich legte.“
„Richtig, das sagte sie. Ach, erinnerst du dich an all das, was Mutter sagte? Sie erzählte von ihren langen Reisen und allen den Ängsten und Gefahren, die sie hat durchmachen müssen. Sie erzählte von den häßlichen Möwen und Haien und Walen und allen den anderen Tieren, die Jagd auf sie gemacht hatten und auch ihren Kindern nachstellen würden. Und von den Menschen, die den Heringen aufpaßten und sie in Netzen einfingen.“
„Ja, aber erst, wenn wir groß geworden sind,“ sagte Nummer 1.
„Entsinnst du dich nicht auch, was sie von allen den Tieren erzählte, die uns fressen würden, solange wir klein wären? Ich habe selber gesehen, daß das richtig war, was sie berichtete. Ich sah, wie viele, viele von unsern Schwestern gefressen wurden, sobald sie aus dem Ei kamen.“
„Ja, viele sind gefressen worden, während sie noch im Ei lagen,“ sagte Nummer 1.
„Wir wollen zusammenhalten,“ ermahnte Nummer 2. „Wenn unser nur mehr wären. Das Meer ist zu groß für zwei kleine Heringe wie wir.“
„Wir wollen uns ruhig hinauswagen, dann werden wir schon Gesellschaft finden,“ schlug Nummer 1 vor.
Da schwammen sie ins Meer hinaus, so gut sie es verstanden. Und so klein und schwach waren sie, daß sie, als sie sich kaum eine Meile vom Lande entfernt hatten, bereits glaubten, mitten im großen Weltmeer zu sein. Sie trafen andere Heringe und schlossen sich ihnen an.
Während sie so dahinschwammen und fraßen, was sie erwischen konnten, wuchsen alle die kleinen Geschöpfe und sahen immer mehr und mehr wie richtige Heringe aus. Ein Maul hatten sie schon nach ein paar Tagen bekommen, nachdem sie aus dem Ei geschlüpft waren. Sie waren auch nicht mehr durchsichtig und hatten jetzt Flossen und ganz kleine silbern glänzende Schuppen.
Doch die beiden, die im Ei zusammen auf demselben Stein gesessen hatten, blieben die ganze Zeit über nahe beisammen.
„Laßt uns hinaufschwimmen,“ sagte Nummer 1. „Ich möchte an die Oberfläche des Wassers, da sieht es so herrlich hell aus.“
Nun schwammen sie alle hinauf, kehrten aber schleunigst um, so sehr stach ihnen das Licht in die Augen; und von diesem Tage an gingen sie nie wieder an die Oberfläche, außer in dunkeln Nächten.
„Wohin schwimmen wir eigentlich?“ fragte Nummer 2.
„Ich folge der Wolke, die ich vor mir im Wasser sehe,“ erwiderte Nummer 1. „Das ist eine Nahrungswolke, wie du wohl merkst. Und ich mache mir nur etwas aus dem Fressen, bis ich recht groß und stark und dick bin.“
Nun schwammen sie auf die Wolke zu, die aus einer riesigen Schar winziger Tierchen bestand, die hin und her getrieben wurden vom Strom und Wind. Der Doktor oben im Fischerdorf nannte die Wolke „Plankton“ und erzählte dem Pfarrer und Ole, wie die Schar Tierchen sich im Mikroskop ausnehme.
„Das ist das beste Fressen für den Hering,“ sagte er.
Aber Ole wollte ihm das nicht glauben.
„Der Hering lebt vom Wasser,“ meinte er. „Wer hat je etwas anderes als Wasser im Magen des Herings gefunden?“ --
„Nimm dich in acht vor dem Dorsch da,“ sagte Nummer 1 und entwischte blitzschnell nach dem Grunde hin.
„Wo?“ rief Nummer 2. Aber da hatte ihn der Dorsch schon aufgefressen.
Nun stand der kleine Hering allein in der Welt da. Das heißt, Kameraden hatte er ja genug; denn während er wuchs und gedieh, wuchs auch der Heringsschwarm an. Der bestand jetzt schon aus vielen Tausenden. Aber dem kleinen Hering fehlte der, der von Anfang an sein Kamerad gewesen war, und das sagte er auch den anderen.
„Es ist nicht gut für einen kleinen Hering, allein zu sein,“ sagte er.
Aber nun war da ein alter, großer, fetter Hering, der aus Versehen unter alle die jungen geraten war.
„Ein Hering, der allein ist, ist kein Hering,“ sagte der Alte. „Erst wenn die Heringe sich zu einem ungeheueren Schwarm vereinigen, können sie hoffen, respektiert zu werden. Dann machen die Haie und Wale und Möwen und Dorsche Jagd auf sie, und die Menschen gehen auf den Heringsfang. Und die, die nicht gefangen oder gefressen werden, können hoffen, ihre Eier zu legen und zu entwischen und sich zu neuen Schwärmen zu vereinigen, um das Leben von neuem zu beginnen.“
„Das ist ein böses Leben,“ meinte der kleine Hering.
„Das Leben ist niemals gut,“ erwiderte der Alte. „Die Dorsche machen Jagd auf die Heringe und die Haie auf die Dorsche, und die Menschen machen Jagd auf die Haie.“
„Wer macht Jagd auf die Menschen?“ fragte der kleine Hering.
„Das weiß ich nicht,“ erwiderte der Alte. „Ein kleiner Hering fragt oft mehr, als zehn alte beantworten können. Aber du kannst ruhig sein: die Menschen haben ebensogut ihre Feinde wie wir.“
Dann schwammen sie weiter, und mit jedem Tage vergrößerte sich der Schwarm.
Bald zog er aufs offene Meer hinaus und fraß und fraß von dem Plankton, das überall wie eine Wolke wogte. Bald hielten sie sich an der Küste auf, wenn sich die Wolke dahin verzogen hatte.
Aber als auf diese Art ein halbes Jahr verstrichen war, da meinte der kleine Hering, er sei nun so groß geworden, daß er etwas anderes tun könne, als immer und immer fressen.
„Das Essen schmeckt mir nicht mehr recht,“ sagte er.
„Das kommt bloß daher, weil du satt bist,“ erklärte der Alte. „Ich denke auch, daß du jetzt groß genug bist, um Eier zu legen.“
„Wo soll ich das tun?“ fragte der kleine Hering.
„Im Fjord, wo du selber gelegt worden bist,“ erwiderte der Alte. „Ja, ~ich~ bin fünfmal da gewesen, so daß ich Bescheid weiß. Aber wir schwimmen erst dorthin, wenn wir dazu angepeitscht werden. Denn es ist eine lebensgefährliche Tour, die man nicht zum Vergnügen macht.“
Sie schwammen und schwammen. Doch da erhob sich ein heftiger Sturm.
„Auf den Grund, auf den Grund und ins Meer hinaus!“ rief der alte Hering. „Schließt euch um mich zusammen. Ich bin der stärkste und schwimme an der Spitze, die größten von euch folgen dicht hinter mir... so dicht ihr könnt, Seite an Seite und Kopf an Schwanz.... Dann sind wir gewissermaßen ~ein~ ungeheuer großer Fisch und kommen im Wasser rascher vorwärts.“
Sie taten, was der alte Hering sagte, und der ganze Schwarm zog ins Meer hinaus. Er hielt sich auch möglichst nahe am Boden, solange der Sturm dauerte. Als es aber wieder still wurde und sie emporstiegen, sahen sie einen riesigen Bartenwal ganz ruhig auf dem Wasser liegen.
Da erschraken die Heringe furchtbar. Der kleine Hering befand sich unmittelbar vor dem Schlunde des Wals und konnte sich nicht rühren, so gelähmt war er vor Angst.
„Du brauchst keine Furcht zu haben, mein kleiner Freund,“ sagte der Bartenwal. „Ich kann dich nicht fressen, wenn ich auch möchte. Ich habe keine Zähne, und obwohl ich das größte Tier des Meeres bin, muß ich mich von den allerkleinsten Geschöpfen ernähren, die im Plankton umhertreiben.“
„Genau wie ich,“ rief da der kleine Hering fröhlich.
„Nimmst du mir mein Fressen fort, dann scher dich zum Teufel!“ sagte der Bartenwal und schlug heftig mit dem Schwanz um sich, so daß der Heringsschwarm nach allen Seiten zerstreut wurde.
Aber sie kamen bald wieder zusammen, und der kleine Hering konnte nicht begreifen, warum der Bartenwal so böse gewesen war.
„Es frißt ja niemand von uns etwas,“ sagte er. „Ich habe schon lange kein Fressen in meinem Maule gehabt. Ich weiß nicht, was das ist, aber in mir reißt und jagt etwas. Ich will fort und will etwas erleben.“
„Du willst Eier legen, das willst du!“ sagte der alte Hering. „Und das wollen wir alle. Laßt uns jetzt machen, daß wir fortkommen. In Reih und Glied mit euch, Kinder, dann segeln wir nach dem Fjord.“
Von allen Seiten tauchten neue Heringe auf, und der Schwarm war fast zwei Meilen lang und ebenso breit. Das Wasser wallte und rauschte, wo er erschien.
Und hoch oben in der Luft kamen die Möwen schreiend von allen Seiten herbei. Sobald ein Hering sich der Oberfläche des Wassers zu sehr näherte, stürzten die weißen Vögel hinab und ergriffen und fraßen ihn.
„Es ist gut, wenn man recht tief unten schwimmt,“ sagte der kleine Hering und drückte sich zwischen die anderen.
In diesem Augenblick bekam er einen ungeheueren Stoß und flog beiseite. Ein gewaltiger Dorsch segelte durch den Heringsschwarm hindurch, ergriff einen nach dem anderen mit seinen spitzen Zähnen und verschlang sie.
„Ja, dies ist hier kein Kinderspiel,“ sagte der alte Hering. „Vielleicht möchtest du jetzt lieber nicht mit im Schwarm sein?“
„Nein, nein, ich muß vorwärts,“ erwiderte der kleine Hering. „Ich merke es in mir, daß ich nicht mehr umkehren kann.“
„Du hast recht,“ sagte der alte Hering. „Du könntest es nicht, wenn du auch Lust hättest. Hast du den Mut, die Nase über das Wasser zu stecken, so wirst du es sehen.“
Der kleine Hering tat es, zog sich jedoch schleunigst wieder zurück.
Die ganze Luft war voll von kreischenden Möwen, und ringsum, soweit der kleine Hering sehen konnte, sprangen Delphine und Thunfische, und die großen Wale sandten ihre Wasserstrahlen hoch in die Luft.
„Wir sind ja ganz eingesperrt,“ sagte der Hering erschrocken.