Das Schönste von Max Dauthendey
Chapter 1
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DAS SCHÖNSTE VON MAX DAUTHENDEY
Ein Verzeichnis der Werke Max Dauthendeys befindet sich am Schluß dieses Buches.
Das Schönste von Max Dauthendey
Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo
1. bis 25. Tausend.
Albert Langen, München
Copyright 1919 by Albert Langen, Munich
Inhalt
Max Dauthendey von Walter von Molo 7
Zur Stunde der Maus 15
Alle handeln, wie die Herzen müssen 36 Ich möcht' wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen 36 Das Dunkel griff uns um den Leib 36
Himalajafinsternis 38
Und Nächte werden aus allen Tagen 61 Nachtstürme reiten die Bäume krumm 61 Nur ein Lied färbt die Grauseele bunter 62 Mondmusikanten 62
Der Garten ohne Jahreszeiten 63
Die Leiern der Wollust 78 Die Ferne und die Nähe ward ein Ort 79 Nenn dich meine Wiesen 79 Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett 80
Im blauen Licht von Penang 81
Stets sind Gespräche im Wald 92 Fledermäuse 92 Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein 93
Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen 94
Die Schwalben schossen vorüber 113 Die Uhr zeigt heute keine Zeit 113 Im Spiegelglas 114 Nacht um Nacht 115
Likse und Panulla 116
Verbannt 126 Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus 126 Eine kleine Maskenwelt 127 Schimäre 127
Das Abendrot zu Seta 128
Es rollen Räder tagaus, tagein 146 Drinnen im Strauß 146
Der unbeerdigte Vater 147
Der ewige Wanderer, der Wind 153 Unsere Toten 154 Und zimmerte dir und mir ein Bett 154 Der Regen scheint besessen 155
Die Abendglocke vom Mijderatempel hören 156
Komm heim 170 Auf grünem Rasen 170 Himmelfahrtstag 170
Den Abendschnee am Hirayama sehen 171
Der Mond, der ohne Wärme lacht 201 Die Liebe kennt das Wörtlein »sterben« kaum 201 Worte sterben, wenn die Träne spricht 202 Immer Lust an Lust sich hängt 202 Holzflöße 203
Eingeschlossene Tiere 204
Weltspuk 213
Zwei Reiter am Meer 215
Max Dauthendey
Einen Dichter von Wert charakterisieren heißt, die Stelle im Mosaikbilde der Dichtkunst suchen, die dem Poeten, kraft seiner Leistung, zukommt. Wenn im Bilde der germanischen Dichtkunst Goethes Schaffen das Innerste des einen Auges der erhabenen Dichtkunstgestalt darstellt, deren zweites Auge Shakespeares Werk belebt, wenn Schiller die tiefe, senkrechte Denkerfurche auf die Stirne des germanischen Dichtkunstbildes zeichnete, deren andre Gedankenfalten Hebbel, Strindberg und andere punktierten und einrissen, wenn Hölderlin das zarte, schmerzliche Lächeln im versonnenen Mundwinkel der germanischen Dichtkunst ist, deren Kinnlinie Kleist heißt, dann ist Max Dauthendey mit anderen Gefühlspoeten und Liebessängern ein Punkt in der goldnen Mantelschnalle, die die germanische Dichtkunst in der Nähe ihres Herzens trägt. Dieser Platz bleibt Dauthendey auch vorbehalten, wenn die verschiedenen »nationalen« Dichtkunstbilder übereinander gelegt werden, um das Gesamtbild der menschlichen Dichtkunst aus allen ihren Farben der Möglichkeiten zu bilden: Dauthendey, der sinnenfrohe Bayer, der bohemienartige Nachfahre deutschen, deutsch-russischen und spanischen Bürgerblutes, der Hugenotten-Nachkomme und Menschheits-Demokrat, floh immer wieder das »rechnende, vernünftelnde« Deutschland, das »materiell hetzende« Europa, um die anderen Erdenvölker, um vor allem die »alten« Völker mit ihren Ostkulturen aufzusuchen, um dort an den Ur-Wurzeln der Menschheit, im offenbaren Empfinden und Fühlen der »Einheit der Menschheit«, »glücklich« sein zu können, dorthin, wo aus der »Weltferne und Weltnähe« das »weise Weltfest« für alle Völker »wirklich und unwirklich zugleich« dauernd gefeiert wird, wo man wohl »energisch, aber auch bescheiden und höflich« ist, wo »die Kunst als Heldentat« gilt, wo selbst das kleinste Lebewesen nicht »übersehen«, sondern als Teil der Göttlichkeit verehrt wird, wo der Menschen Ich das »geordnete All im Einzelnen ist«, wo man »in unendlich reichen Farben und Formen heiter« sein kann, wo man »unendliche Zeit« hat für »Wohlgefühle und Wollust«, wodurch die Unendlichkeit dauernd sichtbar im Endlichen lebt, wo »Lust und alle Lebensfülle« dem Menschen »von selbst zu Füßen fallen«, als künstlerische, alle Menschen verbindende Allmenschheitsreligion, die das Irdische als Ewigkeitsstück, das auch der Mensch ist, ansieht, ohne »Schuld« und »Strafe« in einem »Jenseits«, das doch auch »diesseits« ist, zu fürchten oder zu erhoffen. Zigeunernd und darunter hart leidend: »Ich beneide sie, die nie ein Wandertrieb von ihrer Heimat und von ihrer Lieb' weit fortgerissen,« hat Dauthendey, der aktive Ästhet, das immer wieder zeit seines Lebens in aller Welt gesucht und »gefunden«, was vom Anfang seines Seins an schon in seiner Heimat und ihm lag, in ihm, als Deutscher, als Mensch und als Poet: die unerfüllbare Sehnsucht, über die engenden Grenzen der Irdischkeit anders hinauszufinden, als durch neue unerfüllbare Sehnsucht. Dauthendey dachte mit dem Herzen, er dachte oft gleichsam nur mit einer Herzklappe; er wollte »_genießen_«. Durchdringendes Hirnwissen und die unerbittliche dauernde Erkenntnis des sinnvollen chaotischen Menschenkampfes, dem Daseinsaxiome zugrunde liegen, waren nicht seine Gabe: »mehr als Erde ist oft ein Gedanke schwer.« Dauthendeys Gefühl hat um Selbstverständlichkeiten blutig theoretisiert und Allgemeinwissen als »ureigenste Entdeckung« aus sich gehoben, er _mußte_ immer wieder in die Ferne, fern der Heimat und der geliebten Frau, um immer wieder alles bitter »neu«, als sei er der erste Mensch, an sich selbst zu erfahren, um dichten zu können. Immer wieder zog er aufbegehrend, wie das ewig blind sterbende und sich ewig blind neu gebärende Leben, in edel überschwänglicher Dickköpfigkeit, im unbannbaren Suchen nach dem »Wunder«, nach der »Vollendung«, nach dem »Stein der Weisen« um den Erdball, um im »Weltkrieg« als »Internierter« auf Java, aus Sehnsucht zur deutschen Heimat, sein frühes Grab als seine letzte irdische »Erkenntnis« zu finden. Dauthendeys Werke sind Dokumente des menschlichen Wollens und Irrens, hohe, formvollendete Beispiele der menschlichen Unvollkommenheit, höchst gespannten Kämpfens und Aufwärts-Suchens nach Universalität und Gottsein, nach »Glück«; die Art und die Form, in der Dauthendey sein Leid zu überwinden suchte und aus sich herausstellte, schuf diese Dokumente zu Kunstwerken; die Eigenart von Dauthendeys Seele gibt ihnen ihren Platz im Dichtungsbild: Dauthendeys Instrument hatte nicht viele Saiten, doch er musizierte darauf in immer liebenswerten, besiegenden Variationen, bis ihm Gedichte von schlichtester volkstümlicher Innigkeit gelangen, Dichtungen von seltener Farbigkeit, von symbolischer Phantastik, von einer höchst begnadeten Schilderungskraft, einem fast unerschöpflichen Reichtum an außerordentlich persönlichen Vergleichen, von einer »Wirkungsbildhaftigkeit«, die nur ihm gehörte, weil er stets voll des Fühlens des Zusammenhanges aller »inbrünstigen Ungeheuerlichkeiten« war, weil er stets gläubig in jedes Stückchen das All herabzwang, weil sich seine Gestaltungen einem grenzenlosen Schönheitssuchen und einem Tieferfühlenwollen, auf Grund der mystischen Zusammenhänge aller Dinge, entrangen, ohne jede Diktatur einer »Schule«, hervorquellend aus der zeitlosen Kinderseele eines fast vollendeten »reinen Toren«, der nur dadurch den ewigen Kummer seiner überall unstillbaren Sehnsucht zur Ruhe zu wiegen vermochte, daß er immer wieder sein Dichtergemüt, eines der echtesten Dichtergemüter Deutschlands, in neuen farbenbrausenden Hymnen ausströmen ließ, zum Lobe und Preise der All-Liebe, in deren _einer_ Dokumentierung, durch die Frau, er schließlich allein, resigniert begeistert, die gehaßte und doch geliebte Irdischkeit vergaß; der Augenblick der Hingabe der Geliebten schuf ihm seine »zeitlose Ewigkeit«, bewies ihm allein die »Richtigkeit« seiner Sehnsucht. Dauthendey war ein fahrender Liebessänger von stärkster Eindrucksfähigkeit, er war ein Schwärmer von berückender, erdferner Naivität, der in seiner Erotik rührend, bisweilen fast engherzig keusch wirkt, trotzdem er sich sicherlich oft stolz »verrucht« und »dämonisch« vorkam, wie ihn auch der »Bürger« sah, der wie Dauthendey theoretisch polygam, in der Praxis aber ein Mann von anhänglichster Monogamie ist, wie überhaupt dieser »feminine Poet«, der nur »Mann« war, ein typisches Konglomerat vom menschlichen unbeschränkten Wollen und begrenzten Können darstellte, das sich _wissend_ nicht einzuordnen vermochte, ein Sinnbild von Freiheit und Enge, von Weltumarmungsgefühlen und national heimatlicher Gebundenheit, ein schlagendes Beispiel des von ihm immer und immer wieder betonten Ineinanderspielens von Ewigkeit und Alltäglichkeit, das ihn, den materiefernen Dichter, den erdefremden Menschen vorzeitig in die Erde stieß, damit seine wißbegierige Seele endgültig den Versuch zu machen befähigt sei, zu erfahren, ob das Dasein ewig und tatsächlich ein »unsterbliches Fest von nie endenden Freuden« und stets neu beglückenden Formen sei, ob des Menschen Leben eine kurzlebige Pfründe, wie es sich der Masse zeigt, oder ein ewiges Provisorium auf allen Straßen ist, in einem berauschenden, sinnlosen, sich unablässig schlingenden Reigen, der, nur in größerer Vielfalt als das Dichtertum Max Dauthendeys, Blumen aus seinen spielerischen Figuren erhellend zu werfen vermag, warnende, stärkende, das letzte Suchen nie endbefriedigende Schönheitsgaben, zur Belebung und Erfrischung der trägen Herzen, die, wie auch Dauthendey, das lebhafteste Herz, ihre Hirne nie in so vermessenen Aufwärtsgang setzen, daß sie völlig ungedeckt der Ewigkeit, auf der Höhe des erkennenden _Gedankens_, grenzenlos, erhaben über ihrem persönlichen Los, ins strahlende Antlitz zu sehen vermögen; die Tragödie und menschbefohlene Endlichkeit voll und ruhig gelassen erkennend, darnach handelnd und diese nicht übersingend und übertanzend nach einer notgeborenen Weltbetrachtung. Dauthendey fühlte die »unlösbare Tragödie«, dann aber sperrte er die Tore vor ihr, auf allen Seiten, er pflanzte farbige, duftige Gewächse zwischen sie und sich, nach einem Anschauungssystem, an dem er nichts mehr ändern wollte und konnte; drum ist sein Platz nur ein _Punkt_ und nicht im Antlitz des germanischen Dichtkunstbildes, aber sein Platz ist dadurch auch gesichert in der goldenen Mantelschnalle nahe dem Herzen, weil alle unsere hienieden liebenwollenden Herzen sein Tun und Bescheiden verwandt empfinden, weil sein gewollter, selbstschützender exotischer Dichtungsgarten von einer Gepflegtheit und voll eines Schönheitsduftes ist, der uns stärkt und Zuversicht geben kann für die unendlichen vielen anderen steinigen Wüstenwege, die vor ihm enden und anheben -- der singenden, glühenden Krone des äußersten Sturmwillens und Fahnenpflanzens unserer Besten zu, die _alle_ Wege zum Lichte versuchen. Dauthendeys Werk ist, wie jedes Dichters Werk, der das Verbrennen fürchtet und »genießen« will, ein erhabener Kompromiß zwischen Schönheitsfanatismus, Ergründen-Wollen und Nicht-Ergründen-Können, zwischen genießerischem Lebensfrohsinn, Güte und dem Grauen, das über und durch die Menschenmehrheit flutet, wenn die letzten Dinge vor ihr aufsteigen. Dauthendeys Werk ist _geschlossene_ Kunst, an der Grenze ihrer Möglichkeiten, gleich wert dem ästhetischen Genießer wie auch dem Suchenden, der in ihr _eine_ »Lösung« restlos erschöpft sieht. Dauthendeys Leben und Kunst zerbrach, als er versuchte, außer sich gezwungen, neue Blumensträuße über den äußersten Rand des Staketenzaunes seines Lebenswerkes zu binden, das überall die schmerzvolle Ergebenheit seines im Grunde doch nie ergebenen, stets unbefriedigt sein müssenden Gefühlssuchens atmet, das verzweifelt die Dauthendeysche Schönheit schuf und preis hielt, weil es, trotz allen Mühens, keine andere Möglichkeit für sich vorhanden sah, andres sich und der Menschheit aus den Rätseln des Kosmos zu reichen, als _eine_, die Dauthendeysche Aufnahme des unsichtbaren Rätsels. Immer wieder verdampfte dem lebensbejahenden Bajuwaren Dauthendey die »Erkenntnis« unter dem krampfhaft-verzweifelt festhaltenwollenden Gefühlshandwerkszeug, sie gab ihm aber in seine höchstkultivierten Dichtungen den farbigen, »allgemein richtigen« Abglanz: Hoffnung!
Frohnau i. d. Mark _Walter von Molo_
Zur Stunde der Maus
In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine Falltüre hinunterführte.
Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in Seidenpapier eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die jungen Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in der Südfrüchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher.
Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten.
Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen wären.
Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen. Er schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt hatten, und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die Käufer entsetzt hatte.
Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter den Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam.
Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können.
So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden Mäusescharen zu verjagen.
Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die beiden sehr.
Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die Mäusewache jede dritte Nacht übernähme.
Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht eingeschlafen wäre.
Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe hatte.
Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald auswendig kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit ihrer Stimme die Mäuse verjagte, -- so zur angenehmen Gewohnheit geworden, daß er die Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte und sich eines Nachts klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen verliebt habe.
Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte, daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß er recht glücklich verheiratet wäre.
Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht hatte, vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der Händler genommen hatte.
»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden ist, aufesse.«
Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:
»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.«
Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes, war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte. Es war ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung seines Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten. Denn er war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte, wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und den Schlaf vergessen konnte.
Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage, wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen Holzschachteln die glattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen Duft ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten.
Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber, die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht betrüben wollte.
Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen. Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte.
Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.
Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich, daß er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war und die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah.
Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in jener großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung und Reise schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle absetzen könnte.
Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein. Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann dem neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den Laden in der Provinzstadt weiterführen wollte.
Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur Silvesterfeier.
In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch das junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die Nachtwache hatte, vermißte.
Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte, kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten, erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen, seine Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich der Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des Mädchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur Stunde der Maus.