Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 9

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»Nein,« sprach er gelassen, aber mit einem lustigen Augenzwinkern, »ich dachte, diese festliche Bekränzung geschähe uns zu Ehren und gehörte zu den Vorbereitungen eines huldreichen Empfanges, bei denen wir Euch leider zu früh überrascht haben.«

In Juliane wallte es zornig auf. Wollte er sie in ihren eigenen Ringmauern zum besten haben? Sie kräuselte die Lippen und sagte hochmütig: »Zu früh seid Ihr nicht gekommen, Junker Hans, und noch viel weniger zu spät. Für die Herren Landschaden werden auf der Minneburg keine Kränze gewunden.«

»Und ich bin doch mit den besten Absichten zu Euch gekommen,« erwiderte er gutmütig und im Ton eines leisen Vorwurfs.

»Mit den besten Absichten!« sprach sie ihm bitter nach. »Sieh da, fast hätt' ich's vergessen; ein Handel führt Euch her. Nun, was verlangt Euer Bruder Bligger für den verpfändeten Wald?«

»Nicht die volle Pfandsumme; -- hundertundfünfzig Gulden, wenn Ihr uns den Wildbann darin belassen wollt.«

»Mit anderen Worten: Ihr wollt für fünfzig Gulden, die Ihr von der Schuld abstreicht, in meinem Walde, schier unter meinen Augen pirschen und jagen können. Nein, Junker Hans! das wäre von meinen Wünschen sehr weit entfernt,« erklärte sie mit hohnlachender Gereiztheit.

»Was soll Euch das Waidrecht? Ihr übt es ja doch nicht aus,« stellte ihr Hans begütigend vor.

»Das weiß Junker Ernst besser,« erwiderte sie.

»Was Fräulein Richilde mit der Armbrust schießt, soll künftig ungebüßt bleiben,« sprach Ernst.

»Also für Reiherfedern wäre gesorgt,« lachte Sidonie.

»Wir wollen sie aber nicht geschenkt haben,« sagte Juliane.

»Ich wäre glücklich, wenn ich Euch so viel liefern dürfte, wie Ihr gebraucht,« erbot sich Ernst.

»Bemüht Euch nicht, Junker Ernst!« wies ihn Juliane herb zurück. »Wir erbeuten sie uns lieber selbst, und drüben im Reiherwald, wo niemand uns pfänden kann, haben wir deren genug.«

»Ist die Zurückbehaltung des Wildbannes das einzige, was Euch an unserem Vorschlage mißfällt, gnädige Frau?« frug Hans.

»Euer ganzer Vorschlag kommt mir so unerwartet, daß ich über Einzelnes dabei noch gar nicht nachgedacht habe,« erwiderte Juliane.

»Unerwartet vielleicht, aber doch nicht ungelegen.«

»Es war nicht mein Wille, daß ein leicht hingeworfenes Wort von mir zu Euren Ohren dringen sollte.«

»Aber da es nun doch einmal geschehen ist, so hoffe ich, daß Ihr Euch auch die Wirkung desselben gefallen laßt,« sprach er in zuversichtlichem Tone.

»Ich fürchte, Ihr täuscht Euch in dieser Hoffnung,« entgegnete sie wegwerfend.

»Nennt Eure Bedingungen, edle Frau!« bat er, »wir möchten Euch gern zufriedenstellen.«

»Wir einigen uns doch nicht,« gab sie ihm kurz zur Antwort.

»Warum nicht? Uns liegt weniger an dem Walde, als --«, er stockte.

»Nun als?« frug sie gespannt. »Woran liegt Euch sonst?«

»An dem guten Frieden mit Euch,« erwiderte er, etwas leiser sprechend und ein wenig zu ihr geneigt.

In ihren Augen blitzte es kampflustig auf. Sie warf einen raschen Seitenblick nach dem jugendlichen Kreise am Erker, und Hans glaubte schon, daß die gefürchteten Auseinandersetzungen nun ihren Anfang nehmen würden. Allein die Gegenwart Ernsts und der Mädchen mochte sie wohl davon zurückhalten, und ihn fest anblickend sprach sie erregt: »Wenn ich nun aber keinen Frieden mit euch will?!«

»Dann ist mein Geschäft hier zu Ende,« erwiderte Hans entschieden und erhob sich.

Juliane war überrascht und augenblicks reute sie das vorschnelle Wort. So hatte sie es nicht gemeint. Nur mit Bligger wollte sie nicht Frieden machen, den sie haßte, weil sie glaubte, daß er seinen Bruder bestimmt hatte, sich von ihr abzuwenden. Zum Friedensschlusse mit Hans und auch wohl nach zu einem Schritt weiter wäre sie gern bereit gewesen, wenn er die Neigung dazu verraten hätte. Sie hatte ihn nicht wiedersehen wollen, und als sie ihn jetzt dennoch wiedersah, fühlte sie sich ihm gegenüber so schwach in ihrem Herzen, daß sie sich vor sich selber schämte, ihm nicht so feindlich begegnen zu können, wie es ihr Groll auf ihn verlangte. Daher die Heftigkeit und die schneidende Kälte, zu der sie sich zwingen mußte, mit der sie sich schützen und verschanzen wollte, damit er nicht entdeckte, wie hinfällig die Wehrkraft in ihrem Innern gegen ihn war. Doch an das, was sie einst im Geheimen miteinander verbunden hatte, schien der Treulose nicht mehr zu denken und noch weniger daran, das Vergangene zurückzurufen und in der Gegenwart neu zu beleben; denn er hatte immer nur von dem Walde und im Namen der drei Brüder Landschad, nicht von sich selber zu ihr gesprochen. Ob ihre Unterredung wohl eine andere Wendung genommen hätte, wenn sie beide ohne Zeugen gewesen wären? Aber das Alleinsein mit ihr hatte er offenbar vermeiden wollen, sonst hätte er Ernst nicht mitgebracht. Und wenn er ihre soeben hingeworfene Bemerkung auch auf sich beziehen und überhaupt als ihr ernst gemeintes, letztes Wort betrachten konnte, so hatte sie sich, mehr von ihm erwartend, in ihm geirrt. Dann mochte er gehen; sie hatte ihn nicht gerufen, sie wollte ihn auch nicht halten.

Fast zugleich mit ihm stand sie auf und sagte mit beißendem Spott: »Ich bedanke, daß Ihr den Weg, auf den Ihr Euch so lange besonnen und gewiß unsäglich gefreut habt, nun leider vergeblich machen mußtet!«

Bekümmert sah Ernst, daß sein Oheim im Begriff war, sich zu verabschieden. Doch er konnte es nicht hindern und gesellte sich zu ihm, während die drei jungen Mädchen Julianen umringten.

»Ihr wollt es so, und der Wald bleibt unser,« sprach Hans ruhig und bestimmt. Und ohne sich durch Julianens scharfe Herausforderung zu einem ähnlichen Ausfall gegen sie hinreißen zu lassen, fügte er freundlich hinzu: »Oder wollt Ihr unseren Vorschlag doch noch einmal in Erwägung ziehen und uns Botschaft senden, falls Ihr eine andere Entscheidung treffen solltet?«

»Wir könnten auch wiederkommen und sie uns holen,« beeilte sich Ernst hinzuzufügen.

Darauf antwortete Juliane nicht gleich, denn sie war in einer haltlosen Verfassung. Aber Sidonie, die hinter ihr stand, nickte ihrem Vetter lebhaft zu, und wie er Richilden ansah, begegnete ihm ein strahlender Blick aus ihren Augen, und mit Freuden gewahrte er ihr holdes Erröten.

»Auf die Bedingungen Eures Bruders gehe ich nicht ein,« brachte Juliane endlich mühsam hervor.

»So bitte ich nochmals, daß Ihr die Eurigen stellt und uns wissen laßt,« erwiderte Hans. Und als sie schwieg, hielt er ihr die Hand hin und sprach: »Lebt wohl, Frau Juliane Rüdt von Kollenberg!«

»Lebt wohl!« kam es fast tonlos von ihren Lippen. Sie war marmorbleich. Ihre Hand berührte leicht die seine; aber er merkte nicht, wie sehr diese Hand zitterte, die früher oftmals warm und lange in der seinen gelegen hatte.

Auch Ernst reichte jeder der Damen die Hand, und wonnig durchschauerte es ihn, als er Richildens sanften Gegendruck fühlte.

Die Landschaden gingen hinaus. Juliane trat an das Fenster ihres Erkers und blickte in das Tal hinab. Die Mädchen sollten nicht merken, wie es in ihr wogte und wühlte.

Neuntes Kapitel.

Während sich die Junker Hans und Ernst bei Frau Juliane auf der Minneburg befanden, war Isaak Zachäus von dort nach der Mittelburg bei Neckarsteinach zurückgekehrt, ohne den beiden unterwegs begegnet zu sein. In einer langen, geheimen Unterredung gab er Herrn Bligger ausführlichen Bericht über alles, was er auf der Minneburg gesehen und gehört, besonders aber was er dort getan und gesagt und in welcher Weise er den Damen das Horoskop gestellt hatte.

Bligger war mit der erhaltenen Auskunft hoch zufrieden und belohnte den Juden mit einem ansehnlichen Geldgeschenk. Zugleich ließ er sich folgendermaßen vernehmen: »Nun habe ich einen neuen Auftrag für Euch, Zachäus. Ihr begebt Euch morgen nach Heidelberg zu dem ~Doctor juris~ Christoph Wiederholt und fragt ihn, ob er wüßte, wer der Fremde im Mönchsgewand gewesen wäre, der ihn vor zehn Tagen spät abends besucht und sich nach dem Recht der Hagestolze bei ihm erkundigt hätte. Weiß es der Doktor nicht, so sagt Ihr es ihm auch nicht. Weiß er aber jetzt, daß ich es war, so ersucht Ihr ihn in meinem Namen, über den Besuch und namentlich über die Veranlassung zu demselben das strengste Geheimnis zu bewahren. Ich habe leider versäumt, ihm Stillschweigen aufzuerlegen, werde es ihm aber reichlich danken, wenn er reinen Mund hält. Das sagt ihm und dann bringt mir Bescheid, was er darauf antwortet.«

Isaak versprach, auch den neuen Auftrag zur vollen Zufriedenheit des Ritters auszuführen.

Wenig erfreut dagegen war Bligger über den mangelhaften Erfolg, den Junker Hans von seiner Sendung nach der Minneburg aufzuweisen hatte, und tadelte besonders das schnelle Abbrechen der Unterhandlung, die wieder anzuknüpfen durchaus notwendig, nun aber, nach Julianens entschiedener Abweisung dieses ersten Ausgleichsversuches, um so schwieriger wäre. Er forschte seinen Bruder über Julianens Verhalten gegen ihn gründlich aus, das ihm dieser als ein sehr kühles, zum Teil sogar recht schroffes darstellte. Das überraschte Bligger indessen nicht und machte ihm auch keine Sorge, zumal als er hörte, wie warm, fast begeistert Hans das blühende Aussehen Julianens und die Anmut ihrer ganzen Erscheinung rühmte, die also doch wohl so tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben mußte, daß sich Bligger von wiederholten Begegnungen der beiden das beste für das Gelingen seines Planes versprechen durfte.

Es wurde beschlossen, mit einem zweiten Annäherungsversuch einige Zeit zu warten, ob sich Juliane vielleicht inzwischen eines anderen besinnen und ihrerseits Bedingungen bezüglich der Auslösung des verpfändeten Waldes stellen würde. Dann aber, mochte sie nun Botschaft schicken oder nicht, sollte Hans mit neuen Vermittlungsvorschlägen nach der Minneburg reiten. Er sträubte sich zwar wiederum dagegen, allein Bligger irrte sich nicht, als er wahrzunehmen glaubte, daß die Weigerung seines Bruders diesmal lange nicht so hartnäckig war wie das erstemal.

Seinen Sohn Ernst durchschaute der welterfahrene Mann nach wenigen Fragen, die er ihm stellte, und aus deren Beantwortung er die Überzeugung gewann, daß sich die Liebe zu Richilden in Ernst festgeankert hatte und dieser der frohen Hoffnung lebte, Herz und Hand der Erbin der Minneburg zu gewinnen, was ja Bliggers Plänen mit Hans nur förderlich sein könnte.

Ernst war völlig der Laune der Verliebten unterworfen. Hochfliegende Hoffnung und nagender Zweifel, ausgelassene Lustigkeit und brütende Schwermut wechselten in seiner Stimmung einander ab, aber schwärmerische Zuversicht zu einem guten Ausgang seiner Herzenssache war doch das vorherrschende Gefühl dabei. Denn die kleinen Zeichen erwiderter Neigung, die ihm Richilde, vielleicht unwillkürlich und absichtslos, gegeben hatte, waren von ihm nicht unbemerkt geblieben und mußten ihm, in ihren Einzelheiten wie in ihrer Zusammenstellung aufs günstigste gedeutet, zur tröstlichen Beweisführung der Erfüllbarkeit seiner Wünsche und zum Unterpfande künftigen Glückes dienen.

Bei seinem fast beständigen Zusammensein mit Ohm Hans sprachen die beiden weniger als sonst, hingen vielmehr jeder seinen eigenen Gedanken nach. Ergriff aber nach längerem Schweigen einer von ihnen das Wort zum Meinungsaustausch über einen Gegenstand, der von den eben erst im stillen verarbeiteten Gedanken noch so weit ablag, so dauerte es gar nicht lange, und beide waren mit ihrer Unterhaltung glücklich wieder auf der Minneburg angekommen, sich an diesen und jenen Augenblick, an dieses und jenes kleine Begebnis bei ihrem Besuche daselbst erinnernd, es sich wieder versinnlichend und nach Wunsch und Gefallen auslegend. Und das Merkwürdigste dabei war, daß keinem von beiden dieses sonderbare Spiel des Zufalles, so oft es sich auch innerhalb weniger Stunden wiederholte, zum Bewußtsein kam und daher auch keiner desselben überdrüssig wurde.

Josephine wurde jetzt von Ernst sehr vernachlässigt; nur selten traf er mit ihr zusammen und war dann zurückhaltender gegen sie, als er es vor dem Ritt zur Minneburg gewesen war. Sie brachte die meiste Zeit einsam in dem wenig besuchten Garten der Vorderburg zu, und dort suchte er sie eines Tages auf, um doch einmal wieder ein freundliches Wort mit ihr zu reden. Er sah sie regungslos an der niedrigen inneren Ringmauer stehen und, den Kopf auf die Hand gestützt, träumerisch über das Tal hinweg in die Ferne schauen. Sie hörte seine nahenden Schritte nicht, bis er, dicht hinter ihr, sie anrief. Da fuhr sie erschrocken herum und war in einer unsäglichen Verwirrung.

»Verzeihe den Schrecken,« sprach er, ihr die Hand bietend, »und erzähle mir den süßen Traum, aus dem ich dich geweckt habe.«

Sie lächelte wehmütig. »Ich sah einen edlen Falken fliegen, der stieß auf ein Rebhuhn und hielt es in seinen Fängen. Aber es war ihm zu gering; er ließ es wieder fahren, schwang sich in stolzem Fluge über Tal und Berg und umkreiste ein ragendes Schloß, nach einer köstlicheren Beute spähend. Das arme Rebhuhn aber verblutet sich an den Wunden, die ihm der Falke geschlagen, und kann nicht leben und nicht sterben.« Sie sprach es leise wie im Traum und blickte ihn mit verschleierten Augen sehnsüchtig an.

»Josephine!« sagte er nur, bestürzt und ergriffen von des Mädchens kaum verhüllten Liebesgeständnis.

Sie wandelte mit ihm einen schattigen Laubgang, und da er schwieg, weil er ihr auf das eben Vernommene nichts zu erwidern wußte, so wollte er, ihrer Unbedachtsamkeit inne werdend, die Bedeutung des ihm Kundgetanen nach Möglichkeit abschwächen, indem sie unvermittelt in einem heiteren Tone begann: »Gebt Ihr etwas auf Träume, Junker Ernst?«

»Nicht viel,« entgegnete er.

»Desto besser!« sprach sie und versuchte zu lachen. »Ich tue es auch nicht, denn mir ist noch nie ein Traum in Erfüllung gegangen. Man sagt, die Hasen schliefen mit offenen Augen. So habe ich es wahrscheinlich eben auch gemacht; ich habe mit offenen Augen geträumt und ein vorüberschwirrendes Mücklein für einen Falken angesehen, oder ich war im Stehen eingeschlafen, weil mir die Augenlider vor den blendenden Sonnenstrahlen zufielen. Darum vergeßt, was ich geträumt und gesagt habe; es ist nicht der Mühe wert, darüber nachzudenken.«

»Wenn du es nur vergessen kannst, Josephine!« erwiderte er teilnahmsvoll.

»Ich? o darum macht Euch keine Sorgen!« lachte sie nun freier heraus, obschon es ihr wahrlich nicht zum Lachen ums Herz war. »Was ich nicht in mir dulden will, das werfe ich weit von mir weg, so weit, wie ich diesen Stein hier werfe.« Sie griff einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn in weitem Bogen vom Berg ins Tal hinab. »Seht Ihr? fort ist er, und nie finden wir ihn wieder. So macht man's mit närrischen Träumen. Und nun gehabt Euch wohl für heute! mein Vater wartet auf mich; wir wollen Heilkräuter suchen.«

Damit enteilte sie, und es war die höchste Zeit; denn die Kraft ihrer Selbstbeherrschung und Verstellung, mit der sie den ihr erstaunt Zuhörenden durch eine langatmige Gesprächigkeit über ihre wahren Empfindungen zu täuschen suchte, ging zu Ende.

Ernst wandte sich noch einmal nach ihr um und murmelte: »Armes Mädchen! ob sie wohl so rasch wie den Stein aus der Hand den Traum aus ihrem Herzen los wird?« --

Isaak Zachäus und seine verkleidete Tochter, deren Geheimnis vor allen anderen außer Ernst vollständig gewahrt blieb, wurden schon als zur Burg gehörig betrachtet, und von einem Aufbruch des vielgewandten, zu mancherlei Diensten brauchbaren Mannes war keine Rede, auch als er längst von Heidelberg wieder zurück war.

Von dort hatte er dem Ritter schlimme Kunde heimgebracht.

Bligger war, wie er selber wußte, in jener Nacht vom Torwart erkannt worden, und wenn man auch von seiner augenblicklichen Verfolgung Abstand genommen, so hatte doch der Wächter von der vorübergehenden Anwesenheit des als Mönch Vermummten in der Stadt dem Rate Anzeige gemacht, der das Verdacht erregende Begebnis auch dem pfalzgräflichen Hofe mitteilte. Man hatte weiter nachgeforscht und durch die Frau, die der fremde Mönch auf der Gasse angeredet hatte, von seinem Besuche beim Doktor Christoph Wiederhold erfahren. Zu diesem war nun der kurfürstliche Rat Doktor Uffsteiner gekommen, hatte den Rechtsgelehrten über den Anlaß des Besuches ins Verhör genommen und ihm mit peinlicher Befragung gedroht, falls er sich nicht zu erschöpfender Aussage herbeiließe. Infolgedessen hatte Wiederhold eingestanden, daß der Unbekannte seinen Rat wegen des Rechtes der Hagestolze begehrt habe, und hatte die ganze Unterredung mit ihm dem Doktor Uffsteiner zu schriftlicher Aufzeichnung überantwortet mit dem Hinzufügen, daß derjenige, um dessen dereinstige Hinterlassenschaft es sich dabei handelte, durchaus keine Kenntnis von dem Bestehen des genannten Rechtes hätte.

So war denn also dem Pfalzgrafen, dem Erbschleicher der Hagestolze, wie Bligger seinen gnädigen Landesherrn nunmehr nannte, die gute Gelegenheit, sich zu bereichern, verraten worden, und der Ritter mußte sich darauf gefaßt machen, daß jener alles aufbieten würde, das ~jus misogamorum~ zu seinen Gunsten auszunutzen.

Bligger geriet darüber in eine grenzenlose Wut, und wenn er nach Anhörung von Isaaks Bericht den Wächter des Brückentores zu Heidelberg, den eigentlichen Anstifter des Verrates, gleich zur Stelle gehabt hätte, so wäre dieser kaum mit dem Leben davongekommen.

Das Eingreifen des pfalzgräflichen Hofes in die Angelegenheit ließ auch nicht im mindesten auf sich warten, wenngleich die Schritte, die den Zweck hatten, die Verheiratung des hagestolzen Junker Hans zu hintertreiben, Herrn Bligger nur teilweise bekannt wurden.

Die Handhabung des heimlichen Widerspiels gegen die Landschaden wurde unter genauer Darlegung des Tatsächlichen dem kurfürstlichen Gaugrafen auf dem Dilsberge, Grafen Philipp von Lauffen, anvertraut, und dieser wußte zunächst nichts Besseres zu tun, als einen Kundschafterritt nach der Schmiedeschenke zu unternehmen, um den ihm wohlbekannten und ergebenen Laux Rapp, der alles und noch ein wenig mehr wußte, über Wege und Stege der Landschaden auszuhorchen.

Es hätte so viel einschmeichelnder Herablassung, wie Graf Philipp ihm angedeihen ließ, gar nicht bedurft, um Laux zum Reden zu bringen. Bald wußte der Graf von dem Ritt der festlich gekleideten Junker Hans und Ernst nach der Minneburg und war ganz der Meinung des klugen Schmiedes, daß es sich dabei wohl noch um ganz andere Dinge handeln müßte, als um die plötzliche, mit einem Male nötig gewordene Versöhnung zweier schon so lange getrennter Familien und um die Auslösung eines verpfändeten Waldes. Auf der Minneburg saß eine noch immer jugendliche, schöne und reiche Witwe und wartete auf ihren zweiten Mann, und Junker Hans Landschad war neunundvierzig Jahre alt und konnte sich auch noch als Freier sehen lassen. Hier also war das Ende eines Fadens, an das ein anderer angeknüpft werden mußte. Dieser andere leitete den Suchenden nach der Burg Dauchstein, wo ein ebenfalls noch heiratsfähiger und heiratslustiger Witwer saß, Ritter Bruno von Bödigheim, der, wie der Schmied erzählte, und der Graf auch bereits gehört zu haben sich nun erinnerte, sich um die Hand der Herrin der Minneburg schon bemüht haben sollte.

Mit diesen Nachrichten war der Graf vorläufig zufrieden und ritt heim.

Nun aber belohnte sich die Gastfreundschaft, die Bligger dem alles beobachtenden Juden erwies.

Als Isaak Zachäus mit seinem Sohn im Walde gewesen war, um Heilkräuter zu suchen, hatten sie einen Reiter in ritterlicher Tracht gesehen und von ein paar Kindern, die Beeren sammelten, auf ihre Frage herausgebracht, daß es der Graf vom Dilsberge war, der den Weg von der Schmiedeschenke dahergeritten kam.

Am Abend erfuhr Bligger, daß Graf Philipp von Lauffen bei Laux Rapp gewesen war, und der selber in allen Satteln Gewiegte kannte den doppelzüngigen Schmied gut genug, um sich sagen zu können, daß der Graf nun auch von Hansens und Ernsts Ritt nach der Minneburg wußte. Er sann darüber nach, wie er es anfangen sollte, den Gaugrafen von der richtigen Fährte ab und zu der Überzeugung zu bringen, daß es sich dabei nicht um Hans und Juliane, sondern lediglich um die Einleitung einer Verbindung Ernsts und Richildens gehandelt hätte. Das war nicht leicht, denn sie trauten sich beide nicht recht, und Graf Philipp war daher nicht wenig erstaunt, als er eines Tages seinen Burgnachbarn im Tale, Herrn Bligger Landschad, oben auf der Veste Dilsberg bei sich einreiten sah. Der Ritter fiel jedoch keineswegs mit der Tür ins Haus, sondern bediente sich eines glaubwürdigen Vorwandes für seinen unvermuteten Besuch.

Unterhalb des Dilsberges war eine Kette über den Neckar gespannt, und der Gaugraf erhob an dieser Stelle im Namen seines Landesherrn von jedem vorüberkommenden Schiff einen Zoll, nach dessen Erlegung erst die Kette auf den Grund des Flusses hinabgelassen und dem Schiffe die Durchfahrt gestattet wurde. Diese Kette machte den Landschaden großen Verdruß, denn auch sie waren genötigt, für das Holz, das sie aus ihren Waldungen in Schiffen und Flößen den Neckar hinab über Heidelberg und Mannheim dem Rhein zuführen ließen, den Zoll zu entrichten, wodurch die trotzigen kleinen Selbstherrscher des Neckartales stets in unbequemer und ihrer Meinung nach demütigender Weise an die Oberhoheit des Landesherrn erinnert wurden.

Diesen Umstand griff Bligger als die Veranlassung seines Kommens auf und trug dem Grafen den Wunsch vor, den Wasserzoll ein für allemal abzulösen, damit die Landschaden und demnächst auch die übrigen benachbarten Burgherren gegen eine zu vereinbarende Geldsumme künftig und für alle Zeiten das Recht der freien Durchfahrt für ihre Holzfrachten erwürben.

Graf Philipp tat so, als wenn er dem Ritter glaubte, daß er nur deswegen den hohen Dilsberg erritten hätte, und versprach ihm, bei der kurfürstlichen Hofkammer dieserhalb vorstellig werden und ihm den Bescheid ehestens mitteilen zu wollen.

Bligger dankte dem Grafen für seine Bereitwilligkeit, das Anliegen befürworten zu wollen und verabschiedete sich gleich darauf. Fast in der Tür schon warf er leichthin: »Übrigens würdet Ihr auch künftig weniger Zoll von uns zu erheben haben, als in den letzten drei Jahren.«

»So? wollt Ihr Eure Forsten schonen und weniger schlagen lassen?« frug der Graf.

»Das nicht, aber Frau Rüdt von Kollenberg löst ihren großen verpfändeten Wald wieder von uns ein, der uns eine bedeutende Nutzung abwarf,« erwiderte Bligger.

Aha! dachte der Graf, jetzt kommt der Fuchs aus dem Loche heraus. »Nun,« sprach er, »da werdet Ihr Euch ein namhaftes Lösegeld zahlen lassen.«

»Nein,« sagte Bligger, »nicht auf das Lösegeld kommt es uns an --«

»Sondern?« -- der Graf spitzte die Ohren wie ein Spürhund.

»Auf Frieden und Freundschaft mit Frau Juliane.«

»Mit einem Male?«

»Ja, mit einem Male,« sagte Bligger so unbefangen wie möglich. »Allerdings,« fuhr er absichtlich zögernd und mit einem bedächtigen Lächeln fort, »allerdings ist dabei noch etwas anderes im Spiele.«

»Eine Heirat?« fuhr der Graf heraus.

»Wie gut Ihr doch raten könnt, Lauffen!« rief Bligger. »Ja, eine Heirat! Euch kann man's ja wohl anvertrauen: Fräulein Richilde Rüdt von Kollenberg ist siebzehn Jahre alt und mein Sohn Ernst dreiundzwanzig --«

»Macht sechs Jahr Unterschied, -- verstehe, verstehe, Bligger Landschad!« lachte der Graf, »und für die Erbin der Minneburg könnt Ihr den Wald auch ohne Lösegeld hingeben.«

»Zumal ihn Julianens Tochtermann dereinstens wiederbekommt mit ihrem Erbe,« fügte Bligger hinzu, in das Lachen des anderen kräftig einstimmend.

»Freilich, freilich! eine fürtreffliche Heirat! Aber sagt einmal: glaubt Ihr nicht, daß Frau Juliane selber -- ganz gern wieder --«

»Einen Mann hätte, meint Ihr? Ah! -- nein! -- das glaube ich nicht, daß sie daran noch denkt,« wiederholte Bligger treuherzig. »Über die Jahre ist sie doch wohl hinaus, kann ja bald Großmutter sein!«

»Da habt Ihr recht; wer wird denn eine Großmutter heiraten?!« lächelte der Graf wieder.

»Nicht wahr? Darauf kommt kein vernünftiger Mensch,« fiel Bligger frohlockend ein.

»Nein, nein! bewahre! aber die Tochter! das nenn' ich einen guten Fang! wünsch' Euch Glück zu dem Handel, Bligger Landschad!«