Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 7

Chapter 73,819 wordsPublic domain

Juliane schwieg, und ihr Blick hing mit steigender Verwunderung an den Lippen des Sprechenden, der wieder fortfuhr: »Das wäre alles, gnädige Frau, was ich Euch zu sagen habe, wenn nicht noch ein bedeutsamer Wink, der mit dem Schicksal Eurer Tochter in unmittelbarer Verbindung steht, die größte Beachtung verdiente.«

»Und dieser Wink lautet?«

»Gebt Eurer Tochter Richilde zunächst einen Stiefvater und dann erst einen Gatten!«

Die Schloßherrin lächelte: »Nun, Richilde ist noch jung; sie wird es so eilig nicht haben.«

Zachäus aber sprach: »Fräulein Richilde ist Euer ältestes Kind; zwei später gebotene Söhne sind Euch jung wieder gestorben, --«

»Auch das haben Euch die Sterne gesagt?« unterbrach ihn Juliane erstaunt.

Der Jude nickte würdevoll und sprach weiter: »Eurer Tochter droht außerhalb dieser Burg eine Gefahr, die ihr zwar nicht ans Leben geht, die aber nur ihr Stiefvater von ihr abwenden kann.«

»Sagt mir noch mehr von meiner Tochter,« verlangte Juliane nach einigem Besinnen.

»Wohl, so hört! Fräulein Richilde liebt und wird wieder geliebt --«

»Das ist nicht wahr, das ist unmöglich!« fuhr Juliane heftig auf.

»Gnädige Frau, in der Schrift der Sterne kann ich mich nicht täuschen,« erwiderte Zachäus mit einem überlegenen Lächeln. »Eure Tochter liebt einen ritterlichen Mann, der sie auch heimführen und für ihr langes Leben glücklich machen wird, wenn Ihr selber vorher eines zweiten Mannes Frau geworden seid.«

Juliane erhob sich und ging mit raschen Schritten auf und ab im Gemache. »Richilde liebt, und ich weiß nichts davon?« sprach sie erregt, »wen? wen, Zachäus?«

Der Jude zuckte die Achseln und schwieg.

»Und wird das alles so bald geschehen? ich meine, daß er sie heimführt, und ich vorher --«

»Bald ja! doch _wie_ bald, haben mir die Sterne nicht gesagt,« erwiderte Zachäus.

In Julianens Hirn wogten die Gedanken wild durcheinander, sie wurde abwechselnd bald bleich, bald rot und schien während des Auf- und Abschreitens die Gegenwart des Sterndeuters ganz vergessen zu haben, bis dieser von selber anhub: »Wollt Ihr nun auch die Horoskope der beiden anderen jungen Fräulein wissen, gnädige Frau?«

»Ja so! freilich! sprecht, aber macht es kurz!« erwiderte sie hastig.

»Fräulein Sidonie von Hirschhorn ist ein Sonntagskind,« sagte Zachäus; »die Konstellation bei ihrer Geburt war höchst günstig. Alles, was sie beginnt, wird ihr geraten, denn sie hat eine glückliche Hand. Ihr Übermut und ihr leichter Sinn werden sie zuweilen in wunderliche Lagen bringen, aber das Schicksal oder ein unverhoffter Zufall werden alles stets zum besten lenken. Sie wird manchen Freier abweisen, mit dem Manne ihrer Wahl aber einst glücklich werden.«

»Wohl ihr!« sprach Juliane zerstreut, »weiter!«

»Fräulein Hiltruds Gestirne weisen in die Ferne,« fuhr Zachäus fort; »sie wird mit ihrem einstigen Gatten fern von ihrer Heimat hausen, ihm Kinder schenken und lange Jahre mit ihm in Glück und Freuden leben.«

Geraume Zeit erfolgte keine Antwort von Juliane, kein Zeichen, daß sie verstanden, was Zachäus gesagt hatte, bis dieser sie erinnerte: »Gnädige Frau, ich bin fertig.«

»Ich danke Euch!« sprach Juliane wie weit abwesend mit ihren Gedanken, »Ihr seid entlassen; das heißt,« verbesserte sie sich, »Ihr bleibt hier auf der Burg; vielleicht bedarf ich Eurer noch; dann werde ich Euch rufen lassen. Noch eins, Zachäus --!« und sie legte mit einer entschiedenen Bewegung und einem durchdringenden Blick den Finger auf die geschlossenen Lippen.

Der Jude machte das Zeichen des Schweigens nach, verbeugte sich und verließ das Gemach.

Juliane war allein. Sie setzte sich wieder auf die Bank im Erker, stützte den Kopf in die Hand und wiederholte sich die Aussagen des Schicksalskündigers. »Wieder eines Mannes Weib werden soll ich? und bald?« sprach sie zu sich selbst. »Aus alter Liebe und jungem Haß soll mir neues Glück erblühen. Ach! wenn es wahr würde! wenn ich noch glücklich werden sollte! -- Aber ohne Wahl und Willen wär' ich dabei? Die Sterne bestimmen mir einen Mann, dem ich meine Freiheit und Leib und Seele geben soll, und nach meiner Liebe wird nicht gefragt? Wen liebe ich denn? Keinen, keinen! und wenn ihr winzigen, glimmenden Funken dort oben in eurer unermeßlichen Ferne mein Herz nicht zu lodernder Liebe in Flammen setzen könnt, so spart euch eure Sprüche von der Liebe Verkündigung, der ich mich nicht beugen werde gegen meinen Wunsch und Willen! -- Könnt' ich nur raten, wen die dunklen Mächte mir schicken, wen sie mir aufdrängen wollen! Keinen Witwer, hieß es. Also fahre wohl, Bruno von Bödigheim! Du gewinnst mich nie. Aber wer sonst? -- Aus alter Liebe und jungem Haß, -- das träfe nur auf einen zu; doch das ist vorbei, der ist es nicht, der kann es nicht sein! Er liebt mich nicht, und ich -- ich will ihn niemals wiedersehen!«

Sie erhob sich, um selber zu den ungeduldig Wartenden in den Zwinger zu gehen, denn sie brauchte frische Luft. Ihr klopfte das Herz im Busen mit stürmender Gewalt, und wie froh war sie, die Prophezeiungen des Sterndeuters allein, ohne Zeugen vernommen zu haben!

Im Zwinger sprangen ihr die Mädchen entgegen, suchten mit forschenden Blicken in ihren Zügen zu lesen und überschütteten sie mit einer Flut von Fragen.

»Beruhigt euch,« lachte Juliane, »es war kaum der Mühe wert, die verschwiegenen Sterne unsertwegen auf die Probe zu stellen, denn sie haben uns wenig verraten. Ihr bekommt jede dereinst einen Mann und werdet ein langes und glückliches Leben genießen. Du, Sidonie, bist ein Sonntagskind; darum wird dir vieles gelingen von dem, was du beginnst; wirst aber auch manchen Freier abweisen, ehe der rechte kommt. Du, Hiltrud, wirst mit deinem Zukünftigen in die Ferne ziehen, und Richilde, du sollst dich vor Gefahren hüten, die dich außerhalb der Burg bedrohen könnten. Das ist alles, was mir der weise Mann zu sagen wußte.«

»Wenig genug!« sprach Sidonie, »aber ich wußt' es im Voraus.«

»Aber du selber, Mutter! was verkündigte er dir?« fragte Richilde.

»Auch nichts Besonderes, aber nur Gutes,« erwiderte Juliane mit abgewandtem Gesicht.

»Und darum die Aufregung und Angst!« sprach Hiltrud.

»Wir wollen zufrieden sein, wenn alles eintrifft,« sagte Richilde. »Vor den Gefahren außerhalb der Burg fürchte ich mich nicht. Was kann mir begegnen? vielleicht, daß mich beim Blumenpflücken einmal ein Dorn sticht oder eine Nessel brennt.«

Das Ansehen des Mannes, der sich für einen Sternkundigen ausgab und nur mit einer so dürftigen Auskunft dienen konnte, war in den Augen der Fräulein nicht gerade gestiegen. Nur Sidonie, die Julianen mehrmals verstohlen beobachtete und deren mühsam verhehlte Erregung sehr wohl bemerkte, hatte über die Geringfügigkeit der ihnen gewordenen Mitteilungen ihre eigenen Gedanken, behielt dieselben jedoch für sich.

»Kommt, Mädchen!« sagte Juliane, »wir wollen satteln lassen zu einem wild fröhlichen Ritt in den Wald; mich verlangt nach Bewegung!«

Hiltrud und Sidonie hatten von den väterlichen Burgen ihre Reitpferde mitgebracht, die im Stalle der Minneburg Platz genug fanden, und bald waren vier Rosse gesattelt und am Palas vorgeführt. Die Damen schwangen sich mit Hilfe des Burgvogts in die Sättel und ritten über die Zugbrücke des breiten Grabens und den Burgweg hinab. Unten auf der Landstraße am Neckar sprengten sie freudig dahin, allen voran Juliane, als wollte sie den in den Ringmauern ihrer Burg sie umspinnenden Gedanken entfliehen und noch einmal in vollen Zügen die mit den Fesseln der Liebe bedrohte Freiheit ihres Herzens genießen.

Siebentes Kapitel.

Als Junker Hans auch während der zwei nächsten Tage von seinem Ausfluge nach Sinsheim nicht zurückkehrte, stieg in Ernst die Sorge auf, das von Zachäus dem Oheim gestellte Horoskop möchte sich jetzt schon bewahrheiten und dieser aus irgendeinem, Ernst unbekannten Grunde den Entschluß gefaßt haben, Mönch zu werden und fortan Zeit seines Lebens im Kloster zu bleiben. Seinen geliebten Ohm, den besten und einzigen Vertrauten seines Herzens von Kindheit an, für immer verlieren zu sollen, war ihm ein unerträglicher Gedanke. Und nie hatte ihm der ältere Freund und Berater so gefehlt wie eben jetzt, wo es sich für ihn darum handelte, sich den Zugang zur Minneburg und zu Richilde von Kollenberg zu bahnen, eine Schwierigkeit, zu deren Überwindung ihm der Beistand des Oheims von der größten Wichtigkeit war. Vormittags und nachmittags ging er in den Wald und hielt sich stets in der Nähe des Weges, den Hans mutmaßlich zurückkommen mußte. Doch umsonst; kein Hufschlag durchschallte den stillen Forst, nicht Roß noch Reiter ließ sich blicken. Hans war wie verschwunden und verschollen.

Ernst frug Josephine, die sich wie von ungefähr zu ihm gesellte, ob ihr Vater, der auch noch nicht wieder von Mosbach zurück war, ihr nichts Bestimmteres über das Horoskop des Oheims mitgeteilt hätte, namentlich in wie naher oder ferner Zeit dieser das ihm prophezeite Glück im Kloster finden sollte. Aber Josephine konnte ihm darüber keine Auskunft geben und bemühte sich, ihn über das Ausbleiben des von ihm so schwer Vermißten zu trösten und aufzuheitern. Daß der Blick des Mädchens oft mit einem wehmütig schwärmerischen Ausdruck an seinem Angesicht hing und sich zuweilen ein leiser Seufzer ihren Lippen entwand, blieb unbemerkt von ihm. Endlich fragte sie: »Ist es weit von hier zu den Benediktinern in Sinsheim? Wenn Ihr mir den Weg beschreiben könnt, so will ich hingehen und nach Eurem Oheim fragen.«

»Allen Dank für dein freundliches Erbieten!« erwiderte Ernst, »aber das ist zu weit für dich. Wenn er bis morgen früh nicht zurück ist, so reite ich selber hin, und es müßte mit Kräutern zugehen, wenn ich ihn dann nicht mit heimbrächte.«

Dieser Entschluß schien ihn froh zu stimmen, und lachend sprach er: »Was sie wohl im Kloster zu dem Boten sagen würden, den ich ihnen da als Befreier ihres biderben Zechbruders ins Gehege schickte! Siehst freilich in deinem langen Talar fast wie ein Klosterschüler aus. Tu' mir den Gefallen, streife das entstellende Puppengehäuse ab und laß den Schmetterling auskriechen! Wir sind allein hier, und ich seh dich viel lieber in deiner unverhüllten Gestalt, als in der Vermummung, in der du weder Mann noch Mädchen bist.«

Ein freudiger Glanz und ein schnelles Erröten glitt über ihr Antlitz; sofort kam sie seinem Wunsche nach und stand nun wieder in der kurzen, enganschließenden Jünglingstracht vor seinen zufriedenen Blicken. Sie gingen immer tiefer in den Wald und streckten sich, wie neulich auf ihrem Rückweg von der Schmiedeschenke, wieder in den Schatten auf das Moos, miteinander plaudernd und scherzend. Josephine wußte sich vollkommen sicher an der Seite des ritterlichen Junkers, denn -- sagte sie sich selbst -- du bist eine Jüdin, und er liebt eine andere. Ein bitteres Gefühl beschlich sie dabei; sie beklagte im stillen ihr Schicksal, das sie in einem verachteten Stande geboren werden ließ und ihr damit schon, nach dem Vorurteil der Mitlebenden, jede Hoffnung auf ein Glück verriegelt hatte, nach welchem die Sehnsucht in ihrem Herzen erwacht war und sich stärker und stärker zu regen begann. Fast schien es ihr jedoch, als wenn Ernst von jenem Vorurteil frei wäre, weil er sie mit so großer Freundlichkeit behandelte, wie sie ihr noch nie von einem anderen Menschen zuteil geworden war.

Auf der Mittelburg wunderte sich mancher über das häufige Beisammensein des Junkers mit dem schüchternen Judensohn; aber Ernst antwortete auf eine gelegentliche Frage nach dem Grunde dieser auffälligen Zuneigung ausweichend: »Er lehrt mich im Walde Kräuter und Schmetterlinge kennen und weiß von seinem Vater allerlei Heimlichkeiten von natürlichen Dingen.« --

Am anderen Morgen ritt Ernst fort, um Hans aus dem Kloster zu holen; und weil er wußte, wie gern sein Oheim bei Laux Rapp einkehrte, so nahm er den Weg über die Schmiedeschenke, obwohl es nicht der nächste war. Seine Hoffnung, Hans vielleicht schon dort zu finden, trog ihn auch nicht. Von weitem schon, sobald die Biegung des Weges dem Blicke freie Aussicht gewährte, sah er ihn an dem Tische unter der Eiche sitzen, und neben ihm saß Laux Rapp, ein kleiner, derbknochiger Gesell mit einem verwegen dreinschauenden Gesicht und einer gegen die andere etwas erhöhten Schulter. Beiden Männern gegenüber am Tische, auf dem selbstverständlich Krug und Becher nicht fehlten, stand Susanne, und alle drei schienen in einem heiteren Gespräch begriffen zu sein. Einen Augenblick durchfuhr Ernst der Gedanke: ob sie ihm wohl von Josephinen erzählt hat? Doch wenn sie es getan hatte, so war jetzt nichts mehr daran zu ändern, und er mußte sehen, ob und wie sich das Geheimnis des Mädchens dem Oheim gegenüber noch retten ließ. Mit einem lauten, freudig jauchzenden: »Hallo! Ohm Hans!« sprengte er dem Platz unter der Eiche zu, war schnell aus den Bügeln und drückte erst dem Junker und dann auch Laux und Susanne die Hand. Das Mädchen schüttelte auf seinen fragenden Blick leise mit dem Kopf, um ihm zu bedeuten: ich habe nichts gesagt! worüber Ernst sehr erfreut war.

»Hast auch wohl Durst auf Laux seinen abgelagerten Rothen?« begrüßte Hans den Neffen, während Susanne ins Haus sprang, einen Becher zu holen.

»Nein, Ohm,« erwiderte Ernst, »ich wollte nach Sinsheim, einen Weltflüchtigen der Klause zu entreißen.«

»Hoho!« lachte Hans, »meinst wohl, sie hätten mich schon unter der Schere? Weit gefehlt, mein Junge! so lange ich einen Harnisch tragen kann, schlüpfe ich in keine Kutte.«

»Ist's wahr, Ohm Hans? kann man sich darauf verlassen?« frug Ernst, dem Wiedergefundenen scharf prüfend in sein offenes Gesicht schauend.

»Dumme Frage!« sagte Hans, »als ob ich von Kopf zu Fuß ein Lot Pfaffenfleisch an mir hätte!«

»Nein, nein, Ohm!« erwiderte Ernst, »aber du bliebst gar zu lange aus, und da -- bekam ich Sehnsucht nach dir.«

»Unterm Krummstab lebt sich's lustig,« lachte Hans, »und was habe ich denn zu Hause versäumt?«

»Nicht viel, aber ich bin heilfroh, daß du den Sinsheimern entronnen bist und wiederkommst,« sprach Ernst sich neben seinen Oheim niederlassend, und frei aufatmend stieß er mit dem vollen Becher an den ihm von Hans entgegengehaltenen.

Laux Rapp, der sich wie einer auf die Gesichter und die Herzen der Menschen verstand, hatte dem Gespräch mit beiden Ohren gelauscht und hinter dem Frageton und dem ängstlich prüfenden Blick des Jüngeren eine geheime Sorge gewittert, der auf den Grund zu kommen ihn seine Neugier unwiderstehlich reizte.

»Junker Ernst,« hub er an, »ich kann nicht glauben, daß Euer Ohm ein so böses Stücklein auf der Seele hat, um sich hinter Klostermauern in Gewahrsam zu bringen.«

»Das hatt' ich auch nicht im Sinn,« erwiderte Ernst; »keinem Hühnlein kann er etwas zu Leide tun.«

»Nun, ich habe schon manchen Biedermann vom Gaule gestochen,« sagte Hans.

»Ja, in ehrlicher Fehde,« sprach Ernst, »da ist's weiter nichts, als ein gutes Ritterstück.«

»Gewiß! das macht der Katze keinen Buckel,« nahm der Schmied wieder das Wort. »Also aus gedrungener Not braucht Ihr nicht ins Kloster zu gehen; solltet Ihr es nun aus eigener Bewegnis tun? Ich meine, Gott hat Euch nicht mit so viel Kreuz und Beschwerung heimgesucht, daß Ihr mit Eurem Leben nicht begnügig und zufrieden sein könntet, Junker Hans. Oder seid Ihr im Glauben etwas baufällig geworden, daß Euch der hochwürdige Abt von Sinsheim die Bände angetrieben hat?«

»Du wirfst das Beil zu weit, Laux!« entgegnete Hans. »Der hochwürdige Abt von Sinsheim ist mein trauter Freund; der tut mir alles zuliebe.«

»Alles?« frug Ernst.

»Alles, was ein christgläubig Gemüt sonder Arglist und Gefährde von ihm verlangen kann; ich glaube, noch viel mehr.«

»Merkt Euch das, Junker Ernst!« lächelte jetzt Susanne. »Er spricht Euch von großen und kleinen Sünden los, Ihr mögt sie an Christen oder Juden begangen haben.«

»So du noch ein Wort sagst!« drohte ihr Ernst.

Aber der Schmied ließ in seiner stachelnden Neugier, welcher besondere Vorfall den weltfrohen Junker in ein Kloster treiben könnte, nicht nach und sagte: »Ihr wäret nicht der erste Ritter, Junker Hans, der das Tor der Welt hinter sich zuschlug und die Brücke abwarf, um sein Leben im Kloster seliglich zu vollenden. Also heraus damit, sonst gibt's 'nen Kropf! Warum wollt Ihr ins Kloster, Junker Hans?«

»Bei allen Heiligen und Verdammten, laßt mich endlich mit Eurem Kloster in Ruhe!« fuhr Hans auf. »Ich will ja gar nicht ins Kloster, als mit den lobesamen Brüdern unter beiwohnender Weinfeuchte einen fröhlichen Kantus zu singen, in ihren Forsten zu pirschen und in ihren Teichen zu fischen. Wenn du das nächstemal mit willst, Ernst, so sag' es!«

»Soll ein Wort sein, Ohm!« sprach Ernst.

»Frage nicht, so lüg' ich nicht,« brummte der Schmied.

Nach einer guten halben Stunde, die bei fleißiger Handhabung des Bechers unter anderweitem Gespräch vergangen war, nahm Hans den dickbäuchigen Weinkrug, schaute hinein und verkündete: »Sela, lieben Brüder! Alles hat ein Ende, sagt Trotto, der Kellermeister, wenn er die Treppe nicht mehr hinunter will.«

»Ei so verreck! bei Laux Rapp heißt es nicht so. Noch einen!« rief der Schmied, Susannen den Krug reichend und in der Hoffnung, durch mehreren Wein die Zungen seiner Gäste besser zu lösen.

Aber Hans schüttelte: »Nein! ihr sollt jetzt von unseren Rossen die Schweife sehen. Komm, Ernst! in den Sattel!«

Sie saßen auf und ritten nach freundlichem Abschied davon.

Der Schmied hatte nichts herausbekommen von dem, was ihn zu wissen verlangte. Er blickte den Reitern, so lange sie in Sicht blieben, gedankenvoll nach; dann ging er verdrießlich mit dem Kopfe schüttelnd in die Schmiede, trat an den Herd und zog den Blasebalg, um das eingesunkene Feuer wieder anzumachen.

Unterwegs frug Hans seinen Neffen: »Was waren denn das für sonderbare Reden von dir und Laux über das Kloster?«

»Dir will ich es nicht verschweigen, Ohm,« erwiderte Ernst. »Es war ein Jude bei uns, der uns allen das Horoskop gestellt hat, und das deine lautete, du würdest dein Glück einmal in einem Kloster finden.«

Hans lachte laut auf. »Aber der Mann hat recht,« sagte er dann. »Nirgends bin ich vergnügter, als bei den Benediktinern in Sinsheim, und so finde ich jetzt schon oft mein Glück in einem Kloster. Dazu brauchte kein Jude zu kommen, Euch das zu sagen.«

»Ja dann, wenn du es so deutest!« sprach Ernst in Freuden.

»Was dachtest denn du?«

»Ich dachte, ich würde dich verlieren, lieber Ohm, wenn du dich entschlössest, für immer dort zu bleiben.«

»Nein, mein braver Junge! wir zwei bleiben zusammen bis an mein selig Ende,« sagte Hans, seinem jugendlichen Genossen die Hand hinüberreichend. »Nimm dich nur vor den Weibern in acht, daß ich dich nicht verliere!«

Ernst beugte sich auf den Hals seines Pferdes und blickte zur Seite ins Gebüsch, als ob er dort ein Wild suchte.

»Was hat es sonst noch gegeben daheim?« frug Hans.

»Die Hirschhorns und Schenk von Erbach sind beim Vater zu einer geheimen Beratung gewesen,« erwiderte Ernst. »Mich haben sie weggeschickt; ich sollte nichts davon erfahren,« setzte er unmutig hinzu.

»Dich haben sie weggeschickt? ja, was geht denn da vor?«

Ernst zuckte die Achseln. »Ich weiß nur, daß Frau Rüdt von Kollenberg ihren verpfändeten Wald einzulösen gedenkt.«

»Also doch endlich!« sagte Hans.

»Bist du's zufrieden, Ohm?«

»Von ganzem Herzen!« erwiderte Hans.

»Das freut mich, Ohm! das freut mich ausnehmend,« rief Ernst vergnügt. »Sorge nur, daß der Friede bald zustande kommt!«

»Den Wunsch hab' ich lange,« sprach Hans; »aber woher wißt Ihr denn, daß Frau Juliane den Wald wieder haben will?«

Darauf erzählte ihm Ernst seine Begegnung mit den drei Fräulein und von dem geschossenen Reiher.

Hans lachte über den Jagdfrevel im verpfändeten Wald und gönnte den jungen Damen ihre Freude am edlen Waidwerk, wenn sie es zur rechten Zeit ausüben wollten. Er wenigstens würde sie nicht darin stören und hoffte auch nicht, der Minneburg so nahe zu kommen, um der Gebieterin derselben oder ihrer Tochter und deren Freundinnen in die Arme zu laufen.

»Aber wenn wir nun mit ihr Frieden machen?« bemerkte ihm Ernst.

»Das ist deines Vaters Sache, des ältesten von uns,« erwiderte Hans; »ich bin dazu nicht nötig und will auch nichts damit zu tun haben.«

Da hatte Ernst nicht den Mut, dem Oheim jetzt die stillen Hoffnungen und Wünsche seines Herzens zu entdecken, sondern verschob dies auf eine günstigere Gelegenheit, wenn der Weg zur Versöhnung auf beiden Seiten angetreten wäre.

Bald nach seiner Heimkehr begab sich Hans zu seinem Bruder Bligger, der ihn freudig willkommen hieß, und seine erste Frage war: »Was ist hier vorgegangen, daß ihr eine, wie es scheint, wichtige Beratung gepflogen habt, an welcher Ernst nicht teilnehmen durfte?«

»Also hat er schon alles ausgeplaudert?« sagte Bligger.

»Alles,« erwiderte Hans, »nur das nicht, was er selber nicht wußte.«

»So höre denn!« begann der ältere. »Ich habe sichere Kundschaft, daß der Pfalzgraf etwas gegen uns im Schilde führt. Um seinen Anschlägen mit Nachdruck zu begegnen, ist es nötig, daß wir alle fest zusammenhalten gegen ihn, auch der Dauchsteiner und die von der Minneburg.«

»Der Dauchsteiner?« sagte Hans mit Stirnrunzeln, »den laß nur aus dem Spiel, auf den ist kein Verlaß, und er ist uns so wenig Freund wie wir ihm.«

»Magst recht haben,« gab ihm Bligger zu, »aber die Minneburg. Wir müssen mit Julianen unseren Frieden machen, damit sie uns mit ihrem Gesinde zu Roß und zu Fuß Beistand leistet.«

»Hab' ich ja schon immer gewollt,« schaltete Hans ein.

»Und da sie den Wunsch geäußert hat,« fuhr Bligger fort, --

»-- ihren verpfändeten Wald einzulösen, -- weiß ich, weiß ich!« unterbrach ihn Hans.

»-- so ist das die beste Gelegenheit, ihr die Hand zur Versöhnung zu bieten. Und das mußt du machen!« sagte Bligger, seinen Bruder fest ansehend.

»Ich? ich?« frug Hans höchst verwundert.

»Ja, du! Du mußt nach der Minneburg reiten und mit Julianen alles in Ordnung bringen,« erwiderte Bligger.

»Gott soll mich in Gnaden bewahren! warum just ich?«

»Wir haben es samt und sonders so beschlossen.«

»Ihr habt gut beschließen über mich, wenn ich nicht dabei bin,« sprach Hans.

»Wärst du dabei gewesen, so hättest du es gewiß freiwillig übernommen.«

»Niemals! Wählt einen anderen Boten; ich kann es nicht.«

»Du mußt, Hans! es geht nicht anders, und es hängt zuviel davon ab.«

»Aber warum ich gerade? warum nicht du selbst oder Engelhard?« frug Hans in wachsender Erregung.

»Du wirst einsehen, daß du der einzige bist, der es vermag,« redete Bligger auf seinen Bruder ein. »Engelhard wollte es nicht übernehmen und kann es auch füglich nicht. Einer von uns Brüdern muß es tun. Mich läßt Juliane gar nicht ein, weil sie mich für ihren schlimmsten Feind hält. Konrad würde es auch nicht besser ergehen, und er taugt auch nicht recht dazu. Also mußt du dich wohl oder übel dazu bequemen, Hans, denn du hast dich mit den Rüdts immer am besten von uns gestanden.«

»Gib mir Bedenkzeit, ich will es mir überlegen,« erklärte Hans nach einigem Kampfe; »ich kann sie ja doch nicht ohne vorherige Ansage in ihrer Burg überzucken.«

»Was ist da noch zu überlegen?« sagte Bligger. »Freilich mußt du sie überzucken; das ist das Rechte. Du forderst zweihundert Gulden Lösegeld, und sie erhält Dorf und Wald zurück mit allem, was dazu gehört; aber den Wildbann behalten wir.«

»Unbilliges Verlangen!« versetzte Hans.

»Höre, was sie sagt,« erwiderte Bligger. »Danach reden wir weiter.«

Hans schüttelte den Kopf. »Darauf kann sie nicht eingehen.«

»Mir ist es auch weniger um den Wald zu tun, als um Frieden und Freundschaft mit Frau Juliane.«

»Und die glaubst du mit so schweren Bedingungen zu gewinnen?«

»Wir lassen allmählich mehr und mehr davon nach und kommen endlich allen ihren Wünschen entgegen,« versetzte Bligger. »Du mußt nur dafür sorgen, daß sich die Verhandlungen etwas in die Länge ziehen, damit wir Zeit und Gelegenheit haben, mit Juliane wieder auf guten Fuß zu kommen. Rücke und räume dich nur erst selbst wieder warm bei ihr ein, und dann vermittelst du die Versöhnung deiner wiedergewonnenen Freundin mit uns.«

»Kann ich Ernst dazu mitnehmen?« frug Hans.