Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 25

Chapter 251,223 wordsPublic domain

»Hans!« rief Engelhard, »das ist eine edle Tat, die Ernst dir nie vergessen darf.«

»Also darum!« lachte Bligger, durch Julianens geschicktes Ablenken von dem gefährlichen Gegenstande sehr angenehm berührt, »ja, die Furcht vor Schwiegermüttern lag von Jugend auf wie ein Alp auf seiner Junggesellenseele.«

»Jetzt sollt ihr aber auch erfahren, warum ich ihn geheiratet habe,« fuhr Juliane fort. »Ein Jude hat mir das Horoskop gestellt und mir aus den Sternen geweissagt: ich müßte meiner Tochter zuvörderst einen Stiefvater und dann erst einen Gatten geben; sonst geschähe ein Unglück. Was sollte ich nun machen? ich mußte Hals über Kopf heiraten, nur damit auch meine Tochter heiraten kann. Und weil gerade kein besserer da war, nahm ich diesen hier,« schloß sie, Hansens Arm zärtlich an sich drückend, unter allgemeiner Heiterkeit.

»Weil kein besserer da war! -- vielen Dank, Juliane!« lachte Hans und schmunzelte vergnügt dabei.

»Das für die Schwiegermutter, Hans!« neckte Juliane.

»Und was hat Euch der Sterndeuter sonst noch prophezeit?« frug Bligger.

»Das wißt Ihr, glaub' ich, besser als ich, Schwager Bligger!« erwiderte sie mit einem durchdringenden Blick.

»Meint Ihr?« lächelte er verschmitzt.

»Schickt mir den Juden noch einmal,« sagte sie, »daß ich ihn hängen lasse!«

»Das hätt' ich schon selber getan,« lachte Bligger, »wenn er Euch das Horoskop nicht richtig gestellt hätte.«

»Aber nach Ohm Hansens Horoskop sollte er ja sein Glück einmal im Kloster finden,« sprach Ernst.

»Nun, hat er es etwa nicht im Kloster gefunden?« sagte Sidonie. »Da sitzt es ja leibhaftig neben ihm und lächelt ihn an wie lauter Sonnenschein.«

Unter so heiteren Gesprächen verlief das üppige Mahl und dauerte stundenlang. Am Schlusse ward dem Kellermeister eine mächtige Silberkanne samt zwölf vergoldeten Pokalen gebracht. Es war ein hochedler, alter Firnewein, den Trotto eigenhändig mit andachtsvoller Feierlichkeit einschenkte und den an der Ehrentafel Sitzenden darreichte, indem er sprach: »Junker Hans und gnädige Frau, hier das Allerbeste, was wir im Keller haben! wohl bekomm's!«

Man roch, man kostete, man schlürfte und schmeckte. »Köstlich! -- herrlich! -- wunderbar! -- Gott segne den Berg, auf dem er gewachsen! -- und den Küfer im Grabe! -- und das Faß im Keller! -- und jeden Trinker, der ihn zu würdigen weiß!« So kam es rechts und links von den Lippen der Schwelgenden.

»Schwägerin Juliane!« sagte Bligger, »diesen Minnesegen dir zum Heile! Aus alter Liebe und jungem Haß möge neues Glück erblühen!«

»Dein Wohl, Bligger!« erwiderte sie, »und meinen Dank! Du weißt, wofür!«

Sie nickten sich lächelnd zu und tranken und reichten sich die Hände.

Bald darauf hob der Abt die Tafel mit einem Dankgebet auf, und Bligger drängte zur Heimkehr. »Fliegt zu Neste, ihr Glücklichen!« sprach er zu Hans und Juliane. »Bis zur Schmiedeschenke geleiten wir euch; dann scheiden wir und ihr beiden reitet allein zur Minneburg.«

»Du kommst mit uns nach Zwingenberg, Richilde!« sagte Sidonie.

»Ja, gern!« rief Richilde.

»Und ich?« frug Ernst.

»Du kannst sie da besuchen, sooft du willst,« tröstete ihn Sidonie.

Ehe sie aufbrachen, machten Hans und Juliane dem Kloster eine ansehnliche Schenkung, die Bligger noch um ein beträchtliches vermehrte. »Es ist wegen des ~jus misogamorum~, hochwürdiger Herr!« flüsterte er bei der Verschreibung dem Abte mit feinem Spotte zu. »Seht es als ein lindes Wundpflaster, als ein dürftig Bruchteil eines Euch leider entschlüpften Junggesellenerbes an.«

Dann nahmen die Gäste herzlichen Abschied von ihren Wirten, stiegen sämtlich zu Pferde und ritten mit Weiprecht Kleesattel und den Knechten davon. Ein Knecht aber wurde nach der Minneburg vorausgeschickt, damit man dort auf die Ankunft der Vermählten vorbereitet war. »Und niemand soll den Herrn noch Junker Hans nennen, sondern Herr Ritter!« schärfte Juliane dem Boten ein. --

An der Schmiedeschenke machte Laux Rapp mit Frau und Tochter große Augen, als sie den fröhlichen Reiterzug erblickten, der zu kurzer Rast vor ihrer Tür anhielt.

»Hab' ich's nicht gesagt?« sprach der Schmied, als er erfuhr, was sich begeben hatte. »Ich habe es den beiden Herren angesehen was sie vorhatten, als sie in ihren Staatswämsern nach der Minneburg ritten. Es war aber auch Zeit, Junker Hans, --«

»Ritter Hans!« unterbrach ihn Sidonie.

»Also nun Ritter Hans! Ihr wißt doch? Je länger Junggesell', desto länger in der Höll'.«

»Vorläufig bin ich im siebenten Himmel, Laux!« erwiderte Hans.

»Mögt Ihr immer darin bleiben!« wünschte der Schmied, »und Ihr werdet ja, denn Ihr habt ja einen Engel an der Seite.«

»Danke Laux!« lachte Juliane.

»Komm her, Susanne!« rief Bligger, »hier hast du statt des versprochenen einen Goldguldens deren zwei in deinen Mahlschatz! für jedes Paar einen.«

Das Mädchen dankte überfroh und sagte: »Fräulein Sidonie, wie steht's mit Eurem Herzen?«

»Ist noch zu haben,« antwortete Sidonie, »aber es will's keiner. Weißt du was, Susanne? Hier kreuzen sich viele Wege; sage jedem ledigen Mann, der vorüberkommt, auf Zwingenberg am Neckar säße eine verwunschene Jungfrau, die auf einen Freier wartete, und wer sie erlöste, der könnte sieben Tage in der Woche lachen.«

»Vorwärts! weiter!« mahnte Bligger. »Lebt wohl! und besucht uns bald auf der Mittelburg. Soll ich dir etwas schicken, Hans?«

»Ja,« sagte Hans, »die Harfe unseres Ahnherrn.«

»Sollst sie morgen haben,« erwiderte Bligger, »daß du deiner Liebsten klimpern und singen kannst, tandaradei!«

Man nahm Abschied voneinander und trennte sich. Bligger und Ernst schwenkten linksab nach Neckarsteinach, der eine voll hoher Genugtuung über das Erreichte, der andere voll freudiger Hoffnung auf kommende Zeit. Engelhard zog mit Sidonien und Richilden nach Zwingenberg, und Hans und Juliane ritten nach ihrem stolzen Schlosse, der talüberschauenden, waldumrauschten Minneburg.

In tiefer Dämmerung langten sie dort an. Oben im Palasgemach traten sie in den Erker, und Hans umschlang sein Weib und sprach: »Geliebte meiner Jugend, endlich bist du mein!«

»Juliane Landschad von Steinach!« jubelte sie und warf sich freudebebend an ihres Gatten Brust.

»Hans,« sprach sie dann, »ich will kein Geheimnis vor dir haben. Weißt du, was uns zusammengeführt hat? -- das Recht der Hagestolze.«

»Kommst du wieder mit diesem stachligen Rätselwort!« rief er lachend. »Willst du mir nicht endlich sagen, was dahinter steckt?«

»Ja, Liebster! jetzt aus meinem Munde sollst du alles erfahren,« erwiderte sie. »Komm, setze dich, wo du schon manchmal gesessen hast.«

Und nun erklärte sie ihm den Wortlaut und die Bedeutung dieses seltsamen Rechtes, erzählte ihm von dem Plane, den daraufhin seine Brüder und Freunde gegen sie beide geschmiedet hätten, und wie sie nach erhaltener Kunde davon ihn im Verdacht der Mitschuld gehabt und gehaßt hätte, -- »gehaßt,« lächelte sie, »ach! und zugleich so grenzenlos geliebt, wie ich es mir selber nicht eingestehen mochte!«

Hans hatte sie mit steigender Verwunderung angehört. Nun sprach er grollend: »Ein Meisterstreich von Keckheit und Hinterlist meiner Brüder und Freunde! Wehe ihnen, hätt' ich davon Wind bekommen!«

»Nein, Hans!« erwiderte sie, »wir sind ihnen Dank schuldig. Ohne Bliggers kühnen Griff in unser Schicksal wärst du vielleicht nie wieder durch das Tor der Minneburg geritten.«

»Juliane!« rief er, »hätt' ich dich nicht geliebt, -- mit ihrem Recht der Hagestolze hätten sie mich nun und nimmermehr zum Heiraten gebracht!«

Liebeglühend sanken sie sich in die Arme, und vom dunkelnden Himmel herab leuchteten dem seligen Paare glückverheißende Sterne.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Auf dem Buchcover wurde der Titel aus der Titelseite ergänzt, das bearbeitete Cover steht unter der Public-Domain-Lizenz.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Abbildungen wurden dem zugehörigen Absatz zugeordnet und die Seitenreferenzen entfernt.

Korrekturen:

S. 24: den → dem hatte nur {dem} Namen nach, aber nicht

S. 146: mußt → muß so {muß} ich dir wohl oder übel mehr vertrauen

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