Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal
Part 24
Mit der größten Freude jedoch erfüllte sie die ihr gewordene Erkenntnis von Hansens Unschuld. Er wußte nichts vom Recht der Hagestolze und nichts von der Absicht seines Bruders, ihn deshalb zu verheiraten. Nicht Berechnung, nicht die Sorge um die Erbfolge in seinem Eigen, sondern seine wiedererwachte Liebe nur hatte ihn zu ihr geführt, seine tief eingewurzelte Abneigung gegen die Ehe besiegt und ihr sein Herz geschenkt. Wie von Bergeslast befreit, war ihre Seele heiter und hell in dem Gefühl, daß keines Zweifels Schatten mehr an dem Geliebten haftete. Der Plan ihres künftigen Schwagers war allerdings gelungen; Bligger bekam seinen Willen, aber sie -- sie bekam den Mann ihrer Sehnsucht. Und vielleicht war auch Bligger nicht so schwer zu verdammen. Er, Engelhard, Erlickheim, und wer sonst noch an dem Anschlag beteiligt sein mochte, hatten vielleicht des hagestolzen Freundes heimliche Liebe zu ihr entdeckt und seine Werbung um sie mit allen Mitteln herbeizuführen gesucht, um zwei Ziele auf einem Wege zu erreichen. So wollte sie denn auch denen nicht länger zürnen, die -- ob mit oder ohne Wissen und Wollen -- ihr zum höchsten Glück ihres Lebens verholfen hatten. -- Ob wohl Sidonie mit ihnen im Bunde war? Die Übermütige hatte ihr arg mitgespielt, hatte viel dabei gewagt; aber da sie ihr gewagtes Spiel gewonnen hatte, sollte auch ihr alle List und aller Trug vergeben sein. -- »Hans! Hans! und das alles um dich!« flüsterte sie, »ehe zwölf Stunden vergangen sind, bin ich dein Weib, und --«
Es klopfte schüchtern und leise. Julianen überfiel ein Zittern; sie konnte nicht sprechen. Wer kam? jetzt mitten in der Nacht! -- Sie öffnete ein wenig die Tür, -- ein Mönch! -- An allen Gliedern bebend, mit hochklopfendem Herzen wich sie zurück; -- der Mönch trat ein, schlug die Kapuze zurück, -- Richilde stand vor ihr.
Sidonie, die Unermüdliche, hatte so lange gewartet und gespäht, bis sie Julianen wieder in ihre Zelle schlüpfen sah, war dann zu Richilde geschlichen und hatte die Tochter zur Mutter geschickt.
»Mutter! -- Verzeihung! -- ich kann nicht schlafen --« schluchzte Richilde und wollte Julianen zu Füßen sinken.
Diese schloß ihre Tochter in die Arme, küßte sie auf das Haar und sagte: »Alles, du Böse, du Liebe! Wie ein glücklicher Traum hat sich alles gelöst und erfüllt; du sollst ihn morgen erfahren; jetzt aber geh! jetzt ist mir das Herz zum Reden zu voll.«
Richilde umfing ihre Mutter mit stürmischer Zärtlichkeit, aber Juliane wehrte sie sanft von sich ab und wiederholte, sie noch einmal an ihre Brust drückend: »Geh! laß mich allein; warte bis morgen und schlafe ruhig!«
Fröhlichen Herzens gehorchte Richilde. --
Am Morgen, noch vor dem Frühmahl, ließ Juliane den Abt fragen, ob er sie in seinem Gemache zu der gewünschten Unterredung empfangen wolle, wozu jener sofort bereit war.
Auf dem Gange dahin traf sie Hans, der ihrer dort schon harrte. Zusammen betraten sie das Zimmer des Abtes.
»Meinhard,« begann Hans ziemlich befangen, »du hast recht und wohl getan, daß du die beiden törichten Kinder ohne die Zustimmung ihrer Eltern nicht trauen wolltest. Aber wenn nun zwei Menschen zu dir kämen, die nicht Vater und Mutter mehr haben und mündig sind und zu dir sprächen: Hochwürdigster Abt, habt die Gnade und legt unsere Hände mit dem Segen des Himmels ineinander, daß wir Mann und Frau werden, -- was würdest du dann tun?«
Der Abt blickte verwundert von Hans auf die errötende Juliane und von Juliane auf den glückstrahlenden Hans und sagte lächelnd: »Dann würde ich mir den Bruder Sakristan kommen lassen und ihm befehlen: Heute nach dem Hochamt sollen alle Glocken läuten und alle Kerzen brennen, denn ich will meinen Freund Junker Hans Landschad von Steinach und Frau Juliane Rüdt von Kollenberg am Altar des Herrn für Zeit und Ewigkeit zusammengeben.« Und den beiden die Hände reichend fügte er freudig bewegt hinzu: »Glück und Segen eurem Bunde! Das ist das Klügste, Hans, was du je in deinem Leben getan hast, und Ihr, gnädige Frau, werdet es sicher nie bereuen, diesen verstockten Junggesellen, dem ich lange genug das Evangelium der Liebe gepredigt habe, endlich zu seinem Heile bekehrt zu haben.«
»Ich will es hoffen, hochwürdiger Herr!« erwiderte sie schalkhaft mit einem vollen Blick auf den Geliebten.
»Also der Bruder Sakristan soll kommen,« sprach Hans; »aber die würdigen Brüder Rucho und Trotto doch auch, nicht wahr?«
»Die auch,« lächelte der Abt, »aber vorher wohl noch zwei andere. Frau Juliane, was habt Ihr über Eure Tochter und Junker Ernst beschlossen?«
»Ich werde hier in Eurer Gegenwart meine Zustimmung zu ihrem Verlöbnis geben,« sagte Juliane, »und noch ehe der erste Schnee auf den Dächern liegt, bitte ich Euch, hochwürdiger Herr, mein Gast zu sein und in der Kapelle der Minneburg die beiden zu trauen.«
»Seid gelobt und gedankt für diesen Entschluß!« sprach der Abt. »Wissen sie es schon?«
»Nein.«
»So will ich sie rufen lassen.« Er zog an einem Glockenstrange und befahl dem eintretenden jungen Mönch, Junker Ernst und Fräulein Richilde freundlichst hierher zu entbieten.
Natürlich kam Sidonie mit. Sie hielt sich hinter den beiden anderen, die selber noch voll Bangen über die Entscheidung ihres Schicksals waren, möglichst versteckt und lugte halb listig, halb ängstlich hinter ihnen hervor. Von Hans sowohl wie von Juliane streifte sie ein rascher Blick, der drohend sein sollte, aber sehr heiter und zugleich etwas schüchtern ausfiel. In den blitzenden Augen des durchtriebenen Mädchens lauerte schon wieder irgendeine neue Schelmerei.
»Junker Ernst und Fräulein Richilde,« nahm der Abt das Wort, »ich habe Euch eine große Freude zu verkünden. Die edle Frau hier willigt in Euren Herzensbund, und vor dem Winter noch --«
Ein Aufschrei aus beider Mund und Herzen unterbrach ihn, und beide wollten sich Julianen an den Hals werfen. Diese aber fing mit einer geschickten Bewegung Richilde auf und schob sie rasch in die ausgebreiteten Arme Ernsts. Der eine lachte, die andere weinte vor Freuden, und die übrigen weideten sich an dem Anblick beglückter Liebe.
Da trat Sidonie vor und sprach so ernsthaft, wie sie es vor innerlich prickelndem Mutwillen fertigbringen konnte: »So hat Euch der hochwürdige Abt wohl von dem Schwur entbunden, Frau Juliane, den Ihr mir, dem Neckar und dem Walde der Minneburg geleistet habt? Ihr schwuret: Juliane Rüdt von Kollenberg wird niemals, niemals zugeben, daß ihre Tochter eines Landschaden Frau wird!«
»O du frömmstes und strengstes aller Mädchengewissen, das nie um eines Haares Breite vom Pfade der Tugend weicht, und dessen Mund nichts, als lautere Wahrheit spricht!« erwiderte Juliane lachend, »mit dir rechne ich noch besonders ab. Jetzt aber will ich dir sagen: Juliane Rüdt von Kollenberg verbietet, aber Juliane Landschad von Steinach wird gestatten, daß auch ihre Tochter eines Landschaden Frau wird.« Dabei hatte sie stolz Hansens Hand ergriffen und an ihr Herz gedrückt.
»Was? -- was ist das?« frug Ernst wie aus den Wolken fallend, »Ohm Hans! -- hab' ich recht gehört? Du willst -- heiraten?! Aber Ohm Hans! sage mir: Liebst du die Freiheit, die Ungebundenheit, das wohlige, sichere Bewußtsein, tun und lassen zu können, was du willst, gehen, wohin --«
»Schweig, du Gelbschnabel!« unterbrach ihn Hans. »Weißt du denn, warum ich meine Freiheit opfere? warum ich es aufgebe, ganz nach meinen Wünschen, nach meinem Belieben und Geschmack zu leben? -- nur um dich leichtsinnigen, undankbaren Menschen von einer Schwiegermutter zu befreien!«
»Junker Hans!« fuhr Juliane auf ihn los, mußte aber doch in das schallende Gelächter der übrigen einstimmen.
»Das Gespenst der Schwiegermutter!« rief Ernst in der überschwenglichen Freude seines Herzens, indem er sich vor Juliane verneigte und ihr ritterlich die Hand küßte.
»Nun ja,« sagte Hans; »es bleibt mir ja nichts anderes übrig, als es durch Heiraten zu bannen, damit es wenigstens nicht unter einem Dache mit euch haust.«
»Schwiegermuttergespenst und gebannt werden! echt hagestolz!« lacht Juliane.
»Als dein Mann, Juliane, werde ich mich bessern,« gelobte Hans.
»Wann macht ihr Hochzeit?« frug Sidonie.
»Heute nach dem Hochamt werden Junker Hans und Frau Juliane Mann und Frau,« sprach der Abt, da die beiden Beteiligten plötzlich schwiegen.
»Heute hier? im Kloster? O bewahre! das geht nicht, da wird nichts draus!« sagte Sidonie. »Wir wollen eine große, feierliche Hochzeit auf der Minneburg haben voll Pracht und Prunk, mit Spiel und Tanz und festlicher Kurzweil. Alle Landschaden müssen dabei sein, alle Hirschhorns, Erbachs, Erlickheims und alles, was auf den Neckarburgen sitzt. Wenn Juliane von der Minneburg und Ohm Hans Hagestolz heiraten, so muß das mit allem erdenklichen Glanz geschehen, und dazu gebrauchen wir Vorbereitungen, die Wochen und Monde in Anspruch nehmen.«
Hans und Juliane sahen sich betreten an. Hans wußte nicht, was er darauf erwidern sollte; Juliane jedoch, Purpurglut im Antlitz, entschied: »Wir wollen das später bei Richildens Hochzeit nachholen; ich aber werde heute hier im Kloster Frau Landschad von Steinach. Wie dürfte ich sonst, meinem Eide treu, in Ernsts und Richildens Verlöbnis willigen?!«
»Ja so!« lachte Sidonie mit einem verständnisvollen Blick in Julianens leuchtende Augen. »Ja freilich, dieser einzige Grund ist schlagend; daran dachte ich nicht. Hochwürdiger Herr,« wandte sie wichtigtuend sich an den Abt, »dann laßt das Hochamt nur recht bald seinen Anfang nehmen, Ernst und Richildens wegen! Aber da wir beide die einzigen nicht Verliebten hier sind, so dürfen wir auch Hunger haben; ich glaube, im Refektorium wartet das Frühmahl auf uns. Und nachher, Richilde, winden wir Blumenkränze für das Brautpaar Hans und Juliane. Himmel! was wird Ohm Bligger dazu sagen!«
»Kommt Freunde!« sprach der Abt sogleich, »Fräulein Sidonie hat Hunger.«
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Am Abend desselben Tages, an welchem Hans in der Morgenfrühe von Hause weggeritten war, traf in Neckarsteinach endlich Engelhard von Hirschhorn ein, dessen Besuch Bligger bereits seit einigen Tagen erwartete. Er kam mit seltsam lautenden Nachrichten und erzählte folgendes.
Nach seinem heftigen Auftritt mit Juliane, von dem er des näheren berichtete, hätte er seiner Tochter Sidonie geboten, nach Zwingenberg zurückzukehren, und ihr erlaubt, ihre beiden Freundinnen Hiltrud und Richilde mitzubringen. Da die Mädchen aber bis gestern abend nicht eingetroffen wären, hätte er heute morgen einen reitenden Boten nach der Minneburg geschickt, um nach dem Grunde ihres Ausbleibens zu forschen. Der Bote wäre jedoch mit der Meldung wiedergekommen, die drei Fräulein hätten die Burg gestern nach Mittag verlassen, und Frau Juliane wäre ihnen heute morgen, gleich nachdem der Sohn des Juden Isaak Zachäus bei ihr gewesen wäre, eiligst und mit allen Zeichen großer Erregung gefolgt und hätte den Burgvogt und drei Mann im Harnisch mitgenommen. Wohin die Damen geritten wären, hätte niemand sagen können. Da hätte sich Engelhard sofort aufgemacht, um zu versuchen, ob er vielleicht hier etwas über den Verbleib seiner Tochter erfahren könnte.
Bligger und seine Frau waren starr vor Staunen, und ersterer teilte nun dem Freunde mit, daß zu derselben Zeit wie die Fräulein und Juliane von der Minneburg auch Ernst und Hans von hier weggeritten wären, ohne zu sagen wohin, Hans mit Zurücklassung des Bescheides, er wäre da, wo Ernst wäre. Bligger hätte nun nicht anders geglaubt, als daß sie beide auf der Minneburg wären, und hätte an den Zweck und Erfolg dieses geheimnisvollen Rittes schon die erfreulichsten Hoffnungen geknüpft. Daß sie bis jetzt noch nicht zurück wären, hätte auch ihn schon beunruhigt, nun aber wüßte er vollends nicht, was er davon denken sollte.
»Daß sie alle sechs beieinander sind, die vier Frauenzimmer von der Minneburg und eure beiden Ausreißer von hier, ist höchst wahrscheinlich; aber wo?« sprach Engelhard.
»Wir wollen Josephine einmal ins Verhör nehmen,« sagte Bligger. »Käthe, laß sie rufen; sie soll sofort erscheinen.«
»Josephine? wer ist das?« frug Engelhard.
»Das ist der Sohn des Juden Isaak Zachäus,« lachte Bligger; »wirst ihn gleich sehen.«
Engelhard stutzte nicht wenig, als er bald darauf ein blühendes Mädchen eintreten sah. Bligger aber stellte sie sofort mit der Frage: »Josephine, wo ist Junker Ernst?« Die Angeredete schlug die Augen nieder und schwieg. »Du weißt es, Josephine! denn du warst heute morgen bei Frau Rüdt von Kollenberg auf der Minneburg. Was du ihr verraten hast, kannst du auch uns mitteilen, und ich verlange die Wahrheit!«
Josephine, in ihrem Schrecken, sich als Verräterin entlarvt zu sehen, versuchte nicht zu leugnen, sondern gestand unumwunden: »Junker Ernst hat mir anvertraut, daß er Fräulein Richilde nach dem Kloster Sinsheim entführen und sich dort mit ihr trauen lassen wollte.«
»Kreuzhageldonnerschlag!« platzte Bligger los. -- »Es ist gut, wir wissen genug,« wandte er sich dann zu Josephine, die froh war, so schnell wieder loszukommen, und flugs aus dem Zimmer verschwand.
»Engelhard! Käthe! was sagt ihr dazu?« fuhr Bligger fort. »Nun ist's aus, alles aus. Jetzt macht euch, wenn ihr könnt, eine Vorstellung von Julianens Wut auf uns Landschaden! Erst werfen wir ihren Gatten nieder, legen ihn ein und nehmen ihm einen Wald ab. Dann schlägt Hans ihren Freier Bödigheim dreiviertel tot --«
»Das weiß sie ja noch gar nicht,« fiel Engelhard ein.
»Desto schlimmer! -- Dann erfährt sie, daß wir sie mit Hans verheiraten wollen, damit sein Erbe nicht dem Hagestolzenrecht verfalle, und endlich entführt Ernst ihre einzige Tochter. Wenn da nicht die Schale ihres Zornes überläuft, so trägt sie ein Taubenherz in der Brust. Glaubt ihr, daß sie jetzt noch Lust hat, eines Landschaden Frau zu werden?«
»Ach nein,« lächelte Katharina. »Ich hätte an weniger als der Hälfte davon genug, um diese Lust zu verlieren. Ob sie nun wohl in Sinsheim ist?«
»Sicher! und Hans auch!« sagte Bligger.
»Na,« lachte Engelhard, »wenn die beiden da zusammentreffen, dann kann es gut hergehen! Da müssen wir hin, Bligger!«
»Das versteht sich!« erwiderte dieser. »Du bleibst die Nacht hier, und morgen in aller Frühe reiten wir.« --
Josephine begab sich stehenden Fußes von dem Gemach des Burgherrn zu ihrem Vater und erklärte ihm mit einem heiligen Schwur: wenn er nicht auf der Stelle mit ihr aufbräche und von hinnen zöge, so würde sie allein gehen, und er würde sie niemals wiedersehen.
Eine Stunde später schritten Isaak Zachäus und sein Sohn Joseph aus dem Tore der Mittelburg, und der Torwart, der nicht annehmen konnte, daß es ohne Wissen und Willen seines Herrn geschehe, versperrte ihnen den Weg nicht. Schweigend und kummervoll wanderten und wanderten sie ohne Rast durch die stille Mondnacht dahin, und im Neckartal sah man sie niemals wieder. --
Am nächsten Vormittag langten Bligger und Engelhard bei der Abtei Sinsheim an. Die Glocken läuteten, und Bligger erhielt auf seine Frage nach der Bedeutung der feierlichen Klänge vom Bruder Pförtner, der keinen der beiden Ritter kannte, den Bescheid: »Ein Landschad von Steinach wird mit einer Rüdt von Kollenberg getraut; sie sind schon in der Kirche.«
Die Freunde blickten sich kopfschüttelnd an. »Engelhard,« sagte Bligger, »das Raten und Prophezeien geb' ich auf. Jetzt kann kommen, was will; ich bin auf alles gefaßt.«
»So geht's mir auch,« erwiderte Engelhard, »und du kannst noch von Glück sagen, daß du, wenn auch als ungebetener Gast, zur Hochzeit deines Sohnes noch eben zurechtkommst.«
Mit leisen Schritten betraten sie die Kirche; aber auf den Anblick, der sich ihnen hier darbot, war Bligger doch nicht gefaßt gewesen.
Die Mönche waren versammelt und sangen einen lateinischen Hymnus. Am Altar, auf dem alle Kerzen brannten, im großen Ornat, angetan mit den Zeichen seiner Würde, stand der Abt, Herr Meinhard von Angeloch, und vor ihm das zum Empfange des Segens bereite Brautpaar. Aber dieses Brautpaar waren nicht Ernst und Richilde, sondern Hans und Juliane.
Beide hatten Kränze auf den Häuptern, und von Julianens Schultern wallte lang herab ein prächtiger Mantel von hellblauer Seide, mit Zobel besetzt und reich mit Gold bestickt, den Sidonie heimlich für Richildens Trauung mitgenommen hatte.
Engelhard rieb sich die Augen und Bligger sagte: »Engelhard, tu mir die Liebe und wecke mich! ich träume zu verrücktes Zeug.«
»Ich bin verhext,« erwiderte Engelhard.
»Sind das da Hans und Juliane, oder sind sie's nicht?«
»Gott sei mir gnädig! sie sind's!«
»Begreifst du das, Engelhard?«
»Nein, Bligger!«
»Ich auch nicht.«
Sich im Hintergrunde haltend sahen sie auch Ernst, Richilde und Sidonie in der Nähe des Altars und weiter zurück als aufmerksame Zeugen der heiligen Handlung Julianens Burgvogt Weiprecht Kleesattel mit drei Reisigen stehen. Wie einem vor ihren Augen geschehenden Wunder wohnten sie, von den Ihrigen da vorn unbemerkt und unvermutet, der Trauung bei, hörten die Rede des Abtes, seine Fragen und seinen Segen, mit dem er die Ehe des Paares schloß und weihte, und als er Amen sagte und der Gesang der Mönche wieder einsetzte, da waren Hans und Juliane vor Gott und Menschen Mann und Frau.
»Engelhard,« raunte Bligger während des Gesanges, »nun ist es wirklich erreicht, was wir gewünscht und geplant hatten, und als wir unser Spiel verloren gaben, da war es gewonnen.«
»Weißt du noch,« sprach Engelhard, »wie wir bei dir zusammen waren und uns berieten?«
»Und Ihr mich alle auslachtet? gewiß weiß ich's noch,« erwiderte Bligger. »Und wie gut war gleich mein erster Vorschlag! Hätten wir Hans nicht mit dem Angebot des Waldes zu Juliane geschickt, so hätten sie sich vielleicht im Leben nicht wiedergesehen.«
»Es ist dein Werk, Bligger! und heute wird es gekrönt. Wie wird Lauffen sich bosen, wenn er's erfährt!« flüsterte Engelhard.
»Ja, darauf freue ich mich,« hohnlachte Bligger. »Morgen reite ich auf den Dilsberg, und Lauffen soll an meinem Spott zu schlucken haben.«
»Still! sie kommen!«
Die gottesdienstliche Feier war zu Ende. Die beiden Ritter verließen die Kirche schnell und geräuschlos, um sich noch nicht sehen zu lassen, und erfuhren von den Laienbrüdern, daß sie den Abt mit seinen vornehmen Gästen bis zum Beginn des Mahles im kleinen Refektorium finden würden.
Ein seltsamer Hochzeitszug bewegte sich nun durch den Kreuzgang. Unter Vorantritt rauchfaßschwingender Chorknaben und junger Mönche mit Kreuz und Kirchenbanner kam, den Krummstab in der Hand, der Abt dahergeschritten und hinter ihm das eben verbundene Paar, gefolgt von Ernst, Richilde und Sidonie. Dann kam der Prior mit den Würdenträgern des Klosters und endlich die lange Reihe der psalmodierenden Mönche, denen sich Weiprecht Kleesattel mit seinen drei Geharnischten anschloß.
Die wenigen Bevorzugten begaben sich in das kleine Refektorium, wo das Paar ihre Glückwünsche entgegennahm. Darauf entfernte sich der Abt, um sich seiner Pontifikalkleider zu entledigen.
Jetzt traten Bligger und Engelhard herein, und wenn die beiden größten Glocken des Klosterkirchturms hereingewandelt gekommen wären, so hätte die Überraschung kaum gewaltiger sein können, als sie beim Erscheinen der beiden Ritter war.
»Bligger! Engelhard! Gottwillkommen!« rief Hans in lauter Freude und stürmte auf die beiden los. »Seht her, ich hab' eine Frau! Juliane, Juliane ist mein!«
»Glück zu, lieber Bruder!« erwiderte Bligger, »wir sahen, wie ihr getraut wurdet.«
»Aber unseren Augen wollten wir nicht trauen,« setzte Engelhard hinzu.
»Das glaub' ich euch!« lachte Hans. »Auf den Gedanken bist du _nie_ gekommen, Bligger!«
»Nein, niemals!« sagte Bligger, sich auf die Lippen beißend. »Liebe Frau Schwägerin,« wandte er sich nun zu Juliane, »nehmt in Huld und Gnade den herzlichen Glückwunsch dessen, den Ihr irriger Weise so lange für Euren schlimmsten Feind gehalten habt! Niemand außer euch beiden kann sich mehr über eure Heirat freuen, als der, der jetzt in tiefster Ergebenheit diese schöne Hand an seine Lippen führt.«
»Wohlan, Herr Schwager! so wollen wir denn um Hansens willen hiermit unsern Frieden machen und fürder gute Freundschaft miteinander halten,« gab sie ihm froh und versöhnlich zur Antwort und drückte ihm die Hand dabei.
»Wir auch, Juliane?« frug Engelhard hinzutretend.
»Wir auch, du heimtückischer Mensch!« erwiderte sie. »Warum hast du mir denn nicht gesagt, daß sich Hans für mich geschlagen hat?«
»Lieber Gott!« entgegnete er, »dir das zu sagen, war ja der Zweck meines Besuches; aber Haß allem, was Landschaden heißt! war deine Losung, und ich kam --«
»Du warst ihr Anwalt,« unterbrach sie ihn, »wolltest die Mohren weiß waschen und spieltest den Unwissenden und Unschuldigen gegen mich.«
»Nein, ich kam nur --«
»Du wandtest dich um meine Fragen herum wie ein Aal,« fuhr sie fort, »und als ich dich immer enger und enger umspann, zogst du den Kopf aus der Schlinge und ranntest davon.«
»Ich komme wieder nicht zu Worte!« rief er händeringend aus und war mit ein paar Schritten neben seiner Tochter. »Du Wildfang mußt natürlich bei allen dummen Streichen dabei sein,« redete er sie an.
»Bloß dabei sein, Vater?« lächelte Sidonie.
Bligger, die Braut seines Sohnes an der Hand, sagte: »Ja, Mädchen, mit dir im Bunde will ich den Teufel mit der Hexe von Endor verheiraten.«
»Dabei würden wir uns die Finger verbrennen, Ohm Bligger, denn wir müßten dazu in die Hölle,« lachte Sidonie.
Jetzt erschien der Abt wieder und begrüßte die neuhinzugekommenen Gäste aufs freundlichste. Gleich darauf meldete der Bruder Schaffner, daß alles bereit sei, und unter Führung der würdigen, wuchtig und gemessen voranschreitenden Brüder Rucho und Trotto wandelte man paarweise in den Speisesaal.
Die Tafel war diesmal im großen Refektorium gedeckt, denn auf Hansens und Julianens Wunsch sollten alle Brüder des Klosters an dem Hochzeitsmahl teilnehmen, und der Abt hatte den Mönchen Dispens gegeben, daß sie essen und trinken, reden und scherzen konnten, soviel sie wollten. Der Abt sprach ein Tischgebet und dann nahm man Platz, Herr Meinhard zwischen dem Ehepaar und dem Brautpaar, ihm gegenüber Sidonie zwischen Bligger und Engelhard, die Küchenmeister und Kellermeister zur Seite hatten.
Es ging sehr fröhlich her. Die sich folgenden Gerichte waren vortrefflich zubereitet, und der große Freudenbringer Wein tat seine Schuldigkeit, entflammte die Herzen und löste die Zungen, so daß in der hohen, weiten Halle ein beständiges Surren und Brausen vieler lustig durcheinanderschwirrender Stimmen ertönte. Bligger bedauerte, daß die Seinigen nicht alle zugegen wären, denn er fühlte sich, als feierte er hier einen ruhmvollen Sieg, dessen Errungenschaft er mit stolzem Behagen genießen wollte.
»Was hat euch denn in aller Welt so schnell zusammengeführt?« frug er herausfordernd das ihm gegenübersitzende Paar.
»Das Recht der Hagestolze nicht, Herr Schwager!« erwiderte Juliane schlagfertig.
»Was wollt ihr nur mit eurem Recht der Hagestolze? davon habe ich in meinem Leben noch nichts gehört,« wandte sich Hans an Bligger und Engelhard.
»Frage die nicht, Schatz!« riet ihm Juliane. »Die sagen dir's doch nicht.«
Bligger ward es in Voraussicht des nun Kommenden gewitterschwül, und er verwünschte im stillen seine unbedachte Frage.
»Das ~jus misogamorum~,« ließ sich der Abt vernehmen, »ist eine so heilsame ~institutio~, daß es verdiente, in das ~corpus juris canonici~ aufgenommen zu werden, denn Kirchen und Klöster verdanken ihm manches wackere Junggesellenerbe.«
»Aha! Bligger, hörst du's?« bemerkte Engelhard. »Was sagte mein Bruder Otto?«
Bligger blinzelte ihm lebhaft zu, daß er doch nur schweigen sollte.
»~Jus misogamorum?~« sprach Hans. »Ihr macht mich immer neugieriger.«
»Ich habe dir's ja schon erklärt, Liebster! daran laß dir genügen,« schnitt Juliane die weiteren Erörterungen darüber ab. Und sich wieder Bligger zukehrend sprach sie lächelnd: »Ich will Euch aber Eure Frage beantworten, lieber Schwager! Hans hat mich, wie er behauptet, nur darum geheiratet, um Ernst vor einer mit ihm zusammenhausenden Schwiegermutter zu bewahren.«