Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal
Part 23
»So ist es, edle Frau!« erwiderte Josephine. »Aber ehe ich die Botschaft ausrichte, müßt Ihr mir fest und sicher geloben, jedermann zu verschweigen, von wem Ihr sie habt.«
»Ich gelobe dir's, mein Wort darauf!« sagte Juliane.
»Wohlan, gnädige Frau, so hört, was ich Euch zu verkünden habe,« begann die Falsche. »Die Sterne haben in dieser Nacht meinem Vater vertraut, daß die Gefahr, die Eurer Tochter außerhalb der Burg drohte, nun eingetreten ist.«
Juliane schrak auf. »Barmherziger Gott! was ist geschehen? sprich! verhehle mir nichts!«
»Junker Ernst Landschad hat Eure Tochter entführt.«
»Entführt?! geflohen mit ihr? -- nicht nach Zwingenberg? -- oh! -- oh! -- was hab' ich getan, daß ich sie aus der Burg hinausließ!« stöhnte Juliane ihr Antlitz verhüllend. -- »Wann? wohin?« frug sie dann in schnell aufflammendem Zorn.
»Gestern Nachmittag, nach Kloster Sinsheim, um sich dort mit ihr trauen zu lassen,« sprach ohne Zögern die Verräterin.
»Und das weiß dein Vater alles aus den Sternen?«
»Fragt nicht, woher, laßt Euch genug sein, daß er es weiß,« erwiderte Josephine.
»Und trauen wollen sie sich lassen? ohne mich? gegen meinen Willen? oho! ich will ihnen die Kerzen dazu anzünden!« rief Juliane drohend und eilte zur Tür. Doch auf halbem Wege stehen bleibend frug sie: »Hast du noch mehr zu melden?«
»Nein, gnädige Frau!«
»So geh! -- nein! komme her und nimm! -- für deinen Vater --«
Josephine trat einen Schritt zurück. »Nein, nein! keinen Lohn nehm' ich von Euch, nicht um Geld und Gut bracht' ich Euch die Kunde,« sagte sie erregt. Ein kalter Schauer überlief sie; sie wandte sich, verließ das Gemach, eilte mit klopfendem Herzen und zitternden Knien die Treppe hinunter und floh aus der Burg, den Berg hinab, in den Wald hinein und schaute nicht rückwärts.
Juliane rief mit lauter, gellender Stimme zur Tür hinaus: »Petrissa! schnell den Burgvogt! auf der Stelle soll er kommen!«
»Weiprecht,« befahl sie dem bald darauf Eintretenden, »laß satteln für mich und dich und drei Knechte im Harnisch! Wohin wir reiten, sag' ich dir, wenn wir unten sind; aber schnell wie der Wind müssen wir in den Bügeln sein!«
Ehe der Schatten der Fenstersäulen im Erker um eine Hand breit gerückt war, ritt Juliane an der Spitze von vier Bewaffneten aus dem Tore der Burg zur Verfolgung ihrer entflohenen Tochter. --
Nun befand sie sich hier in dieser engen Klosterzelle, mit der Ungehorsamen, die sie noch nicht wiedergesehen hatte und noch nicht wiedersehen wollte, unter einem Dache. Sie hatte die Tür hinter sich verriegelt und sich, den Kopf in die Hand gestützt, auf einen Schemel an das mit einer Decke verhangene Fenster gesetzt. Zum Schlafen war sie noch zu überreizt; sie hatte nur allein sein wollen, um das in sich zu verarbeiten, was ihr der heutige Tag an Aufregendem und Unbegreiflichem gebracht hatte.
Die Gefahr einer Verbindung Richildens mit einem Landschaden war dank der Gewissenhaftigkeit des würdigen Abtes für dieses Mal glücklich überstanden, und Juliane glaubte ihrer Tochter auch für die nächste Zukunft sicher zu sein, indem sie die Aufsässige morgen mit sich zurücknehmen und unter keinem Vorwande ohne ihre Begleitung wieder aus der Burg herauslassen wollte. Dieses ihr erst so bedrohlich scheinende, nun so kindisch und lächerlich vorkommende Possenspiel von einer Entführung war also für Juliane so gut wie abgetan und trat in ihren Gedanken schon weit zurück gegen das ihr noch gar nicht zu Sinne wollende Ereignis, daß sich Hans für sie geschlagen hatte.
»Hm! für mich geschlagen!« sprach sie nach längerem Nachsinnen mit gekräuselter Lippe. »Bödigheim -- der einzig Ehrliche -- der Treue, den ich abwies -- hat von dem Recht der Hagestolze und dem Plan der Landschaden gehört, dessen Opfer ich werden sollte. Seiner Schwester Elisabeth, die mich warnte, wollte ich nicht glauben. Da hat er selber dem Übermütigen seine Schändlichkeit vorgehalten, hat ihn, um mich zu rächen und zu retten, zum Zweikampf herausgefordert; der Junker Hagestolz hat einen wohlverdienten Hieb davongetragen, -- und nun heißt es: er hat sich für mich geschlagen! er! für mich!«
So saß sie und grübelte in ihrer Verbitterung, und kein Schlaf kam in ihre Augen. Da klopfte es leise an die Tür. Sie fuhr erschrocken auf. Wer konnte sie jetzt noch stören wollen? Sie hatte sich wohl getäuscht; aber da klopfte es noch einmal. Sie eilte an die Tür und frug: »Wer ist da?«
»Ich bin es, Sidonie,« erhielt sie zur Antwort.
»Was willst du?« erwiderte sie barsch.
»Bitte, öffnet! ich muß Euch dringend sprechen,« flüsterte es draußen.
Juliane schob den Riegel zurück und ließ Sidonien eintreten, sie mit einem strengen und erstaunten Blicke messend.
»Frau Juliane,« begann das Mädchen, »ich finde nicht Ruhe, ehe ich nicht mein Gewissen erleichtert und mich Euch gegenüber als Hauptschuldige an dem unbesonnenen Streiche bekannt habe, der Euch, wie ich nun wohl einsehe, aufs schwerste beleidigen mußte. Worin meine Schuld besteht, sag' ich Euch ein andermal; denn soviel mir auch an Eurer Verzeihung gelegen ist, und so rastlos und eifrig ich mich auch bemühen werde, mir dieselbe zu verdienen, so mute ich Euch doch keineswegs zu, sie mir heute schon jetzt, hier auf der Stelle zu gewähren.«
»Wäre auch eine starke Zumutung!« sagte Juliane.
»Ich habe eine andere Bitte,« fuhr Sidonie fort, »die große, herzliche Bitte, daß Ihr Richilden verzeihen möchtet, in deren Auftrag ich komme.«
»Warum du? warum kommt sie nicht selber?« frug Juliane.
»Ihr wolltet sie ja vor morgen nicht sehen, hattet Ihr gesagt,« erwiderte Sidonie. »Aber sie läßt nun fragen, ob sie sich nicht heute noch Euch zu Füßen werfen und Euch um Eure Verzeihung anflehen dürfte.«
Juliane schwieg.
»Richilde bereut, was sie getan hat,« fuhr Sidonie fort, »und kein Auge würde sie schließen können, solange sie Euch im Zorn wüßte. Darum bittet sie und bitte ich Euch, sie anzuhören, was sie Euch zu sagen hat, und nicht die Nacht vergehen zu lassen, ohne ihr von Herzen verziehen zu haben.«
»So laß sie kommen und hinnehmen, was ihr gebührt!« sprach Juliane mit einem Tone, der nichts Versöhnliches hatte.
»O nicht hier kann das geschehen,« erwiderte Sidonie; »in einem Kloster haben alle Wände Ohren.«
»Wenn sie nicht zu mir kommt, -- ich gehe ihr keinen Schritt entgegen,« versetzte Juliane.
»Ich habe mit Richilde verabredet,« sprach Sidonie immer dringlicher, »daß sie Euch, sobald die Nachtglocke geläutet hat, die jeden Mönch in seine Zelle bannt, unten im Kreuzgang erwarten soll, wo euch niemand belauschen kann.«
»Im Kreuzgange? sind wir dort sicher, nicht gehört zu werden?«
»Ganz sicher!« erwiderte schnell Sidonie mit funkelnden Augen.
»Aber wenn man uns sähe?«
»Auch das hab' ich bedacht,« sprach Sidonie in freudigem Eifer. »Das Mönchsgewand dort, wie in jeder Zelle sich eines findet, schützt Euch und macht Euch unkenntlich. Ihr hüllt Euch hinein, zieht die Kapuze über das Haupt; Richilde wird das Gleiche tun und sollte euch dann doch ein einsamer Zellenbewohner von seinem Fenster aus bemerken, so wird er euch für zwei vertraute fromme Brüder halten, die sich noch ein wenig im Mondschein ergehen, und wird die kleine Übertretung der Klosterregel nicht gleich dem Abte melden. Seid Ihr bereit, Juliane?«
»Ich weiß nicht, ob ich soll oder nicht soll,« erwiderte Juliane mit einem argwöhnischen Blick. »Ich traue dir nicht mehr.«
»Hab' ich Euch nicht immer gut geraten? Hattet Ihr's schon jemals zu bereuen, mir gefolgt zu haben?« sagte Sidonie schmeichelnd. »Juliane! wenn Ihr mir heute nachgebt, -- morgen werdet Ihr es mir Dank wissen!«
»Nun, so mag es sein!« sprach Juliane. »Du hast eine Art, zu überreden, der man nicht widerstehen kann; ich glaube dir, daß du die Verführerin meiner Tochter bist, denn du bringst einen zu jeder Torheit.«
»Ich will ja nichts, als Euer Glück,« sagte Sidonie, innerlich frohlockend.
»Aber wie komm' ich hinab?« frug Juliane noch.
»Ihr wendet Euch auf dem Gange draußen nach links; dort gelangt Ihr an eine Treppe, die zum Kreuzgang führt. Es ist noch nicht voller Mondschein, aber hell genug, daß Ihr nicht fehlen könnt. Im Kreuzgang an der Kirchenseite ist eine steinerne Bank; da wird Euch Richilde erwarten. Öffnet der schwarzen Gestalt dort die Arme, kommt der tief Verzagten rasch und liebevoll entgegen; Ihr werdet ein treues, liebendes, sehnendes Herz an das Eure drücken. Gute Nacht! und gut Heil auf den Weg!«
Sidonie huschte hinaus. »Ah!« machte sie draußen, »das war kein leichtes Stück. Nun gebe der Himmel, daß es glückt!«
Juliane nickte, als sie wieder allein war, still vor sich hin: »Sie hat Recht. Richilde ist die Verführte, ist mein einziges Kind, -- niemand hab' ich, als sie. Mit rasch verzeihender Liebe will ich sie an mein Herz ziehen, schnell, heiß, ohne Worte.«
Sidonie ging wieder in das Refektorium, wo Hans mit dem Prior beim Schachspiel saß. Der Abt hatte sich zurückgezogen. »Ohm Hans, auf ein Wort! Verzeiht, hochwürdiger Prior!«
Sie nahm Hans mit sich in einen Winkel der geräumigen Halle und flüsterte: »Ohm Hans, Richilde möchte dich gern heut abend noch sprechen. Sie will dich bitten, bei ihrer Mutter ein gut Wort für sie einzulegen, und hat dir besondere Aufschlüsse zu geben.«
»Besondere Aufschlüsse?«
»Ja, die sie nur dir vertrauen will.«
»Hm! muß es denn gleich sein? Hat es nicht Zeit bis morgen?«
»Gleich muß es nicht sein, aber bis morgen hat es auch nicht Zeit. Sobald die Nachtglocke geläutet hat, will Richilde dich im Kreuzgang erwarten; sie bittet dich dringend, daß du kommst.«
»Wenn's sein muß,« brummte Hans.
»Ja, es muß sein,« sagte Sidonie. »Sie wird sich in eine Mönchskutte hüllen und die Kapuze überziehen, daß sie niemand erkennt. Und ganz ebenso mußt du es auch machen, Ohm Hans!«
»Dummes Zeug! wozu denn?«
»Anders geht es nicht. Bedenke doch! ein Mädchen darf sich nachts nicht im Kreuzgang blicken lassen,« redete Sidonie listig auf ihn ein.
»Freilich! da hat sie Recht,« sagte Hans treuherzig, ohne zu überlegen, ob deshalb auch _seine_ Vermummung nötig wäre. »Also nach der Nachtglocke?«
»Gleich nach der Nachtglocke, im Kreuzgang an der Steinbank bei der Kirche. Wirst du da sein? im Mönchsgewand?«
»Ja, ja! sag' ihr nur, ich käme!« versprach Hans, ungeduldig, sein Spiel mit dem Prior fortsetzen zu können.
»Gut, Ohm Hans! habe Dank und sei recht freundlich und liebevoll gegen Richilde! Schließ sie nur gleich kräftig in die Arme, als wäre es eine Tochter, die ihr Herz vertrauensvoll an das deine legen will.«
»O, das will ich schon tun,« sprach Hans.
»Dann gute Nacht, Ohm Hans! Und mache deine Sache gut! Gute Nacht, hochwürdiger Prior!« -- und fort war sie.
»Da bin ich doch neugierig,« sagte Hans, als er sich wieder zum Prior an das Schachbrett setzte.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
In den Klostergarten schien der Mond und sandte sein bläulich silbernes Licht auch in die eine Hälfte des Kreuzganges hinein, daß sich die Schatten der Rundbögen mit den kleinen Säulen und zierlichen Kapitälen auf den hellen Steinplatten des Fußbodens zeichneten, indessen die andere Hälfte eine traumhafte Dämmerung umfing.
Jetzt tönte das Läuten einer Glocke durch die Stille der Nacht, schallte eine Zeitlang in gleichmäßigen Schwingungen von der Höhe des Turmes herab und verstummte wieder. Gleich darauf vernahm man im Kloster ein gedämpftes Stimmengemurmel und ein zögerndes Gehen, das beides allmählich verhallte und sich in der Ferne verlor; hier und da klappte eine Tür, schloß sich ein Fenster, und die letzten Lichter verlöschten. Dann war ringsumher so tiefe Ruhe, als würden diese weitläufigen Gebäude von keinem lebenden Wesen bewohnt.
Geraume Weile wurde diese vollkommene Stille durch nichts unterbrochen. Das Mondlicht lag auf den Dächern und hing an den grauen Steinwänden mit einer schweigsamen Feierlichkeit, die keine Störung vertrug und keine andere Wirkung, als die von Licht und Schatten neben sich aufkommen ließ.
Aber nicht lange sollte es so bleiben. Bald schien es, als ob sich im Kreuzgang etwas Dunkles bewegte, an der Mauer entlang gespenstisch dahin schwebte und auf dem Wege zur Kirche in der Dämmerung verschwand. Dann kam etwas mit leichten, leisen Tritten eine Treppe herab, und in dem der Stelle der ersten Erscheinung gegenüberliegenden Teile des Kreuzganges zeigte sich eine schwarze Mönchsgestalt. Der ganz Vermummte blickte nach rechts und nach links, scheu und unschlüssig, nach welcher Seite er sich wenden sollte. Auch er wandelte endlich langsam, schleichenden Fußes der Kirche zu, blieb manchmal stehen, lauschte und spähte umher, schritt dann weiter bis zur Biegung des Kreuzganges, wo er plötzlich wie gebannt anhielt. Dort auf der Bank in der Mitte dieses Ganges sah er eine andere schwarze Gestalt sitzen, gleichfalls bis über das Haupt verhüllt, die sich nicht regte, aber dem zuletzt Gekommenen das Antlitz zukehrte und ihn zu erwarten schien. So blickte jeder den anderen schweigend an, ohne dessen Gesicht und Augen sehen zu können. Dann näherte sich der stehende Mönch dem sitzenden; dieser breitete die Arme aus, und sich erhebend umfing er jenen, der sich selber rasch an seine Brust warf. Ein Aufschrei, -- und schnell suchte sich der Umschlungene aus den Armen des ihn Haltenden zu befreien. »Das ist Richilde nicht!« sprach der letztere betroffen.
»Laßt mich los, oder ich rufe um Hilfe!« drohte der andere in seiner Angst.
»Juliane!!« -- eine ganze Stufenleiter von Tönen drückte beim Nennen dieses Namens das höchste, überraschteste Staunen des Sprechers aus.
»O abscheulich! eine Falle!« rief Juliane voller Entrüstung.
»In die ich auch gegangen bin,« sagte Hans ebenso bestürzt. »Ich erwartete hier Eure Tochter Richilde.«
»Ich auch,« erwiderte Juliane, fast noch atemlos vor Schreck.
»Ihr auch?« frug Hans.
»Wollt Ihr noch unschuldig und verwundert tun?« zischte sie. »Ihr habt mich durch Sidonie hierher locken lassen unter der Vorspiegelung, Richilde wollte mich um Verzeihung bitten. Gesteht es!«
»Ich Euch hergelockt?« sprach Hans. »Nein, bei Gott nicht! Auch mich hat Sidonie herbestellt mit dem Vorgeben, Fräulein Richilde wünschte mich hier zu sprechen.«
»Sidonie! und immer Sidonie! -- O sie soll es büßen, die über alle Maßen Kecke!« zürnte Juliane, eine Bewegung zum Rückzug machend.
»Bleibt hier, Juliane!« bat Hans und streifte die Kapuze zurück, daß sein Kopf frei wurde. »Wir haben uns lange nicht gesprochen; kommt! setzt Euch zu mir; ich muß Euch fragen, was Ihr gegen mich habt. Wir schieden zuletzt auf der Minneburg als gute Freunde, und nun seid Ihr gegen mich kalt, abweisend, schnöde, als hätte ich Euch schwer beleidigt. An der Entführung Eurer Tochter bin ich so unschuldig wie Ihr. Sagt mir: was ist vorgefallen? was habe ich Euch getan?«
»Das wagt Ihr noch zu fragen?« herrschte sie ihn an, doch immer im Flüsterton sprechend. »Nun, so vernehmt und sinkt vor Scham in den Boden: ich kenne das Recht der Hagestolze und weiß, was Ihr damit gegen mich im Sinn habt!«
»Das Recht der Hagestolze?« wiederholte Hans befremdet und langsam, »was ist das? Ich bin freilich ein armer Hagestolz und habe, Gott sei Dank! wenig Pflichten; aber daß ich als solcher auch ein Recht hätte, hab' ich bislang noch nicht gewußt. Klärt mich darüber auf, liebste Freundin, damit ich imstande bin, mein Recht wahrzunehmen.« Er setzte sich auf die Bank und lud sie noch einmal mit einer Handbewegung ein, neben ihm Platz zu nehmen.
Sie blieb jedoch vor ihm stehen und sagte gereizt: »Junker Hans Landschad, glaubt nicht, Euren Spott mit mit treiben zu können! Ich frage Euch jetzt auf Euer Ritterwort: Wißt Ihr nichts vom Recht der Hagestolze? wißt Ihr nicht, welchen Plan man gegen mich geschmiedet hat, um mich -- oh, ich bringe es nicht über die Lippen.«
»Auf mein Ritterwort, Juliane! ich weiß nichts von alledem; ich verstehe nicht, ich ahne nicht einmal, was Ihr meint und wo Ihr damit hinaus wollt,« entgegnete er tief erregt.
Ehe er ausgeredet hatte, saß sie neben ihm und starrte ihn regungslos, wortlos an.
»Sollte sich aber irgend jemand unterstehen,« fuhr er immer heftiger werdend fort, »es sei, wer es sei, Euch mit Plänen und Absichten zu nahe zu treten, die Euch im mindesten unangenehm wären, so soll er meinen Arm zu fühlen bekommen, so wahr ich Hans Landschad heiße! Genügt Euch das?«
»Ja! ja!« sagte sie bloß, aber ihre Stimme bebte, als würde sie von Tränen erstickt. Sie ergriff seine Hand und drückte sie mit aller Kraft und hielt sie fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen. Die Kapuze war ihr vom Haupte gefallen; in ihrem Busen stürmte und wogte es, und es gelang ihr nicht, ihre gewaltige Bewegung vor ihm zu verbergen.
»Juliane, was ist Euch?« frug er erschrocken. »Ihr zittert; was ist geschehen? ich bitte Euch, erklärt mir --«
»Man hat Euch verleumdet,« stieß sie heraus, »und ich -- ich habe Euch viel abzubitten, Hans Landschad! jetzt könnte ich selber vor Scham in den Boden sinken, aber sagen -- kann ich Euch nichts.« Ihr Atem ging hörbar, und es klang wie unterdrücktes Schluchzen. Unwillkürlich lehnte sie ihr Haupt an seine Schulter, als müßte sie Halt und Stütze an ihm suchen.
Da schlang er den Arm um sie und zog sie näher und näher; sie ließ es geschehen, schmiegte sich, preßte sich an ihn, hob ihr Antlitz zu ihm empor, und lange, lange ruhte sein Mund auf ihrem Munde. Dann flüsterte er: »Juliane! Juliane! -- und wenn diese Mauern über uns zusammenbrächen und uns unter ihrem Schutte begrüben, ich muß es sagen, ich kann nicht anders. Juliane, -- ich liebe dich! ich liebe dich vieltausendmal mehr, als mein Leben, und wenn du nicht mein wirst --« Er konnte nicht weiter sprechen.
»Dein! -- dein!« stammelte sie, umhalste und küßte ihn, als wollte sie seine Seele bis auf den letzten Hauch in ihre Seele ziehen. Dann blickte sie ihm nahe, tief in die Augen, und das blühende, lächelnde Frauengesicht mit dem aschblonden Haar schaute gar anmutig und lieblich aus der dunklen Mönchskutte heraus. Schwärmerisch sagte sie: »Hans, so kannst du mich doch nicht lieben, wie ich dich liebe!«
An der Brust des in seinem Glücke schwelgenden Mannes ruhte das wonnedurchschauerte Weib, und in ihrem Liebesrausche merkten sie nichts davon, daß in diesem Augenblick eine dritte Mönchsgestalt den Kopf um die Ecke des Kreuzganges bog und sie belauschte. Sidonie war es. Sie sah in der Dämmerung noch deutlich genug, daß da zwei sich innig umschlungen hielten. »Alles in Ordnung; sie haben sich!« jubelte sie still und verschwand wieder.
»Hans,« frohlockte Juliane, »was werden sie im Neckartal sagen, wenn sie hören, daß wir uns heiraten?«
»Hei -- heiraten?« frug Hans.
»Nun, was hindert uns denn noch? -- wir sind ja einig -- haben uns von Herzen lieb --«
»Ja, ja, -- aber -- -- heiraten? -- hm!«
»Hans!« rief Juliane und rückte ein Stück von ihm weg. »Was denkst du denn? -- meinst du etwa --? Ach, ich vergaß, du närrischer Kauz! Deine Furcht vor der Ehe; die mußt du nun bezwingen.« Sie hatte den Arm wieder um seinen Nacken gelegt und lächelte ihm schelmisch zu.
Verlegen, schier ängstlich sah er sie an, und fast wie ein entsagungsvoller Seufzer klang es: »Muß ich? -- geht es nicht anders, Juliane?«
»Nein! anders geht es nicht, Hans!« lachte sie.
»Du willst den Hagestolz zum Manne, zum angetrauten Manne haben?«
»Freilich will ich! was sonst?«
»Willst mein Weib sein? mein wirkliches Weib? die Frau des Ehehassers?«
»Ja! ja! -- wenn er mich nur nicht haßt!«
»Nun, -- da! da hast du ihn! nimm ihn hin!« rief er, sie heiß umschlingend. »Ich hätt's nimmer gedacht! O Sidonie! Sidonie! -- Was machen wir mit Sidonie?«
»Ach! nichts, -- ich weiß nicht, -- verziehen und vergeben!«
»Und Richilde?«
»Vergeben und verziehen!«
»Und Ernst?«
»Soll sie haben! aber erst, wenn wir uns haben.«
»Morgen früh, Juliane, gehen wir zum Abte; uns wird er ja wohl den Segen nicht verweigern; morgen, morgen am Tage knien wir am Altar, und Juliane Rüdt von Kollenberg wird Hans Landschads Frau! Aber sie -- glauben's uns nicht, Juliane! gib acht, sie glauben's uns nicht!«
»Sie werden es glauben, Geliebter, -- wenn sie es sehen,« hauchte sie und schmiegte sich an ihn und bebte vom Wirbel bis zur Sohle.
Nach einer Weile nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände, küßte ihn auf die Stirn und sprach: »Du hast dich um meinetwillen geschlagen, hast dein Leben für mich gewagt; warum tatest du das? weil du mich liebtest?«
»Weswegen denn sonst?« lachte er. »Ich liebe dich, seit ich dich kenne.«
»Sage das noch einmal!«
»Seit ich dich kenne, liebe ich dich und werde dich lieben, so lange mein Herz schlägt.«
»O du -- du -- wie nenn' ich dich?!« jauchzte sie und umfing ihn mit lodernder Glut. »Meine Liebe sollst du erst kennen lernen! Aber erzähle mir, wie kam das mit Bödigheim?«
»Laß das!« bat er, »mein Hieb traf ihn besser, als seiner mich. Sage mir lieber: was ist das mit dem Recht der Hagestolze?«
Nach kurzem Besinnen erwiderte Juliane: »Wenn ein Hagestolz eine Frau liebt, mit ganzer Seele liebt, so soll er sie zu seinem Weibe machen, und sie soll ihm alles, was sie weiß und kann, zuliebe tun und ihn so grenzenlos glücklich machen, -- wie er es gar nicht verdient. Das ist das Recht der Hagestolze.«
Er merkte wohl, daß sie mit dieser scherzhaften Erklärung etwas umging, was sie ihm in diesem Augenblick nicht offenbaren wollte, und drang deshalb nicht weiter in sie, sondern sagte: »Nun, so wollen wir den grimmen Ehehaß so tief begraben, daß seine Auferstehung unmöglich ist.«
»Wir setzen ihm ein Denkmal, Hans!« lächelte sie.
»So? was denn für eins, Liebchen?« frug er vorwitzig.
»Stille, du Loser!« rief sie errötend und schloß ihm den Mund. »Komm!« sprach sie dann, »laß uns aufbrechen, ehe wir noch hier entdeckt werden; die Nacht ist fast tageshell vom Monde. Jeder gehe in seine Zelle und schlafe, wenn er schlafen kann!«
»Und morgen lassen wir uns beim Abte melden,« sagte Hans, »und Sankt Rucho und Sankt Trotto müssen einen Hochzeitsschmaus zum besten geben, von dem die Chronika des Klosters mit roten und blauen Buchstaben, unsere Namen mit Gold geschrieben, erzählen soll!«
»Morgen, morgen!« flüsterte sie an seiner Brust.
Endlich rissen sie sich los und trennten sich und begaben sich, jeder seines Glückes voll, in ihre Zellen. --
Juliane hatte, während sie sich entkleidete, fast Mühe, ihre Gedanken zu sammeln, und sie hätte das Erlebte für einen holden Traum gehalten, hätte ihr nicht das Mönchsgewand, das nun dort auf dem Bette lag, die Wirklichkeit des Geschehenen bezeugt.