Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 22

Chapter 223,692 wordsPublic domain

Herr Meinhard von Angeloch begrüßte beide mit einer würdevollen Höflichkeit, denn auch Sidoniens Namen hatte ihm Ernst schon in der ersten Unterredung genannt. Dann aber, als alle Platz genommen, richtete er seine Worte zunächst an Richilde, setzte ihr väterlich wohlmeinend auseinander, warum er dem von Ernst ausgesprochenen Wunsche nicht willfahren könnte, und hielt darauf ihr, noch mehr aber ihrem Entführer klar vor Augen, einer wie unbedachten und rücksichtslosen Handlung sie sich beide schuldig gemacht, indem sie Richildens Mutter so schmählich hintergangen, sich gegen deren ausdrückliches Verbot trotzig aufgelehnt hätten und wider alle Zucht und Sitte heimlich miteinander geflohen wären.

Die also Getadelten nahmen ihre wohlverdiente Rüge schweigend hin. Als aber der Abt in seiner Rede eine Pause machte, um der Reue Zeit zu lassen möglichst tief in die erweichten Herzen seiner Zuhörer einzudringen, ergriff Sidonie das Wort und sagte: »Hochwürdigster Herr! wenn Ihr mit den beiden armen Sündern da fertig seid, so bitte auch ich mir meine gebührende Strafpredigt aus, denn ich bin wie die Schlange im Paradiese die eigentliche Anstifterin ihres Vergehens. Ich habe den beiden die verbotene Frucht gezeigt und ihnen zuerst den Vorschlag gemacht, zu entführen und sich entführen zu lassen.«

Der geistliche Herr war so liebenswürdig, auf den scherzhaften Ton der Mutwilligen einzugehen und ihr lächelnd zu erwidern: »Dann, mein edles Fräulein, hätte ich nicht übel Lust, Euch kraft meines Amtes für diesen Frevel eine recht empfindliche Buße aufzulegen.«

»Der ich mich zerknirscht unterziehen will, hochwürdigster Herr,« versetzte der Schalk, »wenn Ihr kraft Eures Amtes meinen Frevel dadurch sühnen wollt, daß Ihr Böses mit Gutem vergeltet und die Hände dieser beiden mit Eurem Segen zusammenbindet.«

»Das wäre nicht Sühne, sondern Billigung und obenein Belohnung ihres Fehltrittes,« sprach der Abt.

»Ihnen der Lohn und mir die Strafe, hochwürdigster Herr! dann gleicht sich's aus,« sagte Sidonie. »Was meint Ihr, wenn Ihr mir aufgäbet, von hier zu Fuße, meinetwegen barfuß, nach der Minneburg zu wallfahrten, Frau Juliane die vollzogene eheliche Verbindung ihrer Tochter mit Junker Ernst Landschad zu verkünden und mich als einzig Schuldige ihrem Strafgericht zu stellen? Das wäre eine Buße, hochwürdiger Herr, deren ganze Höhe Ihr nur zu ermessen vermöchtet, wenn Ihr Frau Juliane kenntet, wie ich sie kenne.«

»Darüber ließe sich reden, mein Fräulein!« lächelte der Abt. »Nur müßte Eure Wallfahrt _vor_ vollzogener Verbindung geschehen, und Ihr müßtet Frau Juliane bewegen, sich hierher zu bemühen und ihre Tochter selber zum Altar zu führen. Glaubt Ihr das vollbringen zu können, so gebt mir Eure Schuh und Strümpfe in Verwahrung und macht Euch flugs auf die Sohlen. Die beiden Widerspenstigen würden wir hier, voneinander getrennt, so lange hinter Schloß und Riegel halten, bis Ihr --«

Es klopfte, und gleich darauf steckte derselbe junge Mönch, der Ernst und Richilde zum Abt gerufen hatte, sein geschorenes Haupt zur Tür herein, um eine Meldung zu machen. Aber ehe er noch sprechen konnte, flog die Tür weit auf, der Mönch von einem kräftigen Stoß beiseite, und auf der Schwelle stand -- Junker Hans Landschad.

»Ohm Hans!« -- »Endlich! da ist er!« riefen in Freuden aufspringend Sidonie und Ernst gleichzeitig. Ernst hatte Richildens Hand ergriffen, die heftig zitterte und flüsterte ihr zu: »Jetzt entscheidet's sich's!« Richilde wagte kaum zu atmen.

»Ja, da bin ich!« sprach Hans. Doch es klang nicht hoffnunggebend; Ton und Blick waren drohend.

»Tritt ein, lieber Freund, und sei willkommen!« sagte der Abt.

»Sind sie schon Mann und Frau?« frug Hans erregt, schnell auf den Abt zugehend und ihm die Hand reichend.

»Noch nicht,« entgegnete dieser heiter; »aber sie möchten's gern werden.«

»Und werden's auch, wenn du uns helfen willst, Ohm Hans!« fügte Ernst mutig hinzu.

»Den Teufel will ich!! -- oh! verzeihe, Gesalbter des Herrn!« wandte er sich wieder zum Abt, »es entfuhr mir nur so; ich wollte sagen: Nein, lieber Neffe, das will ich wohl bleiben lassen.«

»Ohm Hans!!« kam es tief erschrocken von Ernsts Lippen.

»Und Sidonie auch hier?« sprach Hans.

»Wie du siehst, Ohm Hans!« lächelte diese. »Wir beide, du und ich, werden Brautführer und Brautjungfer sein.«

»Hat sich was!« grollte Hans. »Fräulein Richilde, wo ist Eure Mutter?«

»Ich soll sie holen, befiehlt der Herr Abt,« antwortete Sidonie wieder.

»Ihr seid entflohen, Ernst hat das Fräulein entführt, Frau Juliane weiß nichts davon; nicht wahr?«

»Geraten!« nickte Sidonie, »sie wähnt uns bei meinen Eltern auf Zwingenberg.«

»Unglaublich! unerhört! unverzeihlich!« wetterte Hans, »sich heimlich trauen lassen zu wollen! Welcher Eulenspiegel hat euch diese Raupen in den Kopf gesetzt?«

Sidonie tippte in schwungvoller Bewegung und stolz erhobenen Hauptes mit dem Zeigefinger auf ihre Brust.

»Du! natürlich! wie konnte ich noch fragen!«

»Nein, Ohm Hans!« sprach Ernst, »Plan und Ausführung sind mein Werk, das du begreifen und billigen würdest, wenn du wüßtest, was du nicht weißt.«

»Ich will gar nichts wissen,« eiferte Hans, »und wenn ihr euch einbildet, ich sollte meinem hochwürdigen und weisen Freunde auch nur mit einem Worte zureden, euch unvernünftige Kinder zusammenzugeben, so irrt ihr euch ganz gewaltig!«

»Ohm Hans! Du willst mich im Stich lassen?!« frug Ernst vorwurfsvoll.

»Erwartest du etwa, daß ich mich zu deinem Mitschuldigen mache?« entgegnete Hans im Tone strenger Zurechtweisung. -- »Was sagst du dazu, Meinhard?«

»Ich habe bereits erklärt, daß ohne Einwilligung von Fräulein Richildens Mutter nicht daran zu denken ist,« erwiderte der Abt.

»Recht so!« bestätigte Hans, »das ist auch meine Meinung. Und nun? was wird nun, Junker Tollkopf?«

»Was nun wird? das will ich dir sagen, Ohm Hans!« rief Ernst schnell dem Ausgange zuschreitend und Richilde an der Hand mit sich ziehend. »Ich erkläre Richilde hiermit für meine Gefangene, reite spornstreichs mit ihr nach Neckarsteinach und halte sie dort mit Genehmigung meines Vaters so lange fest, bis man uns erlaubt, zu heiraten!«

»Nicht von der Stelle!« schrie Hans und pflanzte sich groß und breit vor der Tür auf, um den abermals Fluchtbereiten den Weg zu vertreten. »Ich reite mit und werde euch die Wege schon weisen, die ihr zu nehmen habt, werde euch auf die Minneburg bringen und mit Frau Juliane sprechen, zu euren Gunsten sprechen, wenn ihr es nun einmal nicht anders haben wollt. Aber mehr kann ich nicht tun.«

»Das wird hübsch werden!« kicherte Sidonie, »auf den Empfang dort --«

»So laß uns aufbrechen! -- kommt!« rief Ernst.

»Heute wird hier geblieben!« gebot Hans. »Denkt ihr, ich will den weiten Ritt umsonst gemacht haben? Ich und mein Roß haben Hunger und Durst, und im Kloster Sinsheim hat noch keiner Not gelitten, der zur rechten Stunde gekommen ist; mir gefällt es gut hier.«

»Das scheint so,« spottete Ernst; »darum sollst du auch einmal dein Glück im Kloster finden.«

»Warum nicht?« lachte Hans. »Aber dazu ist immer noch Zeit. Ihr nehmt mich auch noch, wenn mir Schwert, Speer und Sporn dereinst stumpf geworden sind; nicht wahr, Alter?«

»Gewiß Hans!« versetzte der Abt, »wenn du dich einmal aller deiner Sünden entledigen willst.«

»Die mußt du mir herunter beten,« sagte Hans. -- »Horch!« fuhr er fort, »die Mittagsglocke! ~pax nobiscum, amici!~ Seid getrost, ihr beiden! heute wollen wir alles vergessen und fröhlich sein, und morgen helf' ich euch, soviel ich vermag! -- Wo speisen wir, Meinhard?«

»Im kleinen Refektorium; ich hörte ja von Junker Ernst, daß du kommen würdest, und wir haben auf dich gewartet. Rucho weiß Bescheid.«

»Trotto auch?«

»Trotto auch,« lächelte der Abt.

»Dann vorwärts! Wandle voran, hochwürdigster Seelenhirt! die verirrten Schäflein folgen dir. Komm, du Teufelsmädchen! Du sollst auch einmal die Seligkeit kosten, die dieses gebenedeite Haus des Herrn aus seinem tiefuntersten Keller bezieht!« Damit bot er Sidonien ritterlich den Arm, und so schritten sie allesamt aus dem Zimmer des wirtlichen Abtes.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Um den schweren Eichentisch im kleinen Refektorium saßen am Nachmittage -- denn es war durch das Warten auf Hans sehr spät geworden -- Herr Meinhard, der Abt, Paraeus, der Prior, Rucho, der Küchenmeister, und Trotto, der Kellermeister, mit ihren Gästen, den beiden Junkern und den beiden Fräulein, und es war ein vorzügliches Mahl, das Bruder Rucho hatte bereiten lassen, und das Bruder Trotto mit ausgewählten Jahrgängen des Klosterkellers bedachte.

Man ließ es sich wohl sein und war guter Dinge. Selbst Ernst und Richilde, zum ersten Male wie ein Brautpaar bei Tische nebeneinander sitzend, vergaßen ihre nächsten Sorgen, sahen sich hier wenigstens, in diesem kleinen Kreise als Verlobte anerkannt und gaben sich in zunehmender Fröhlichkeit der schmeichelnden Vorstellung hin, daß dieses festliche Mahl ihnen zu Ehren stattfände. Hans, der seinen Platz zwischen dem Abt und dem Prior hatte, fühlte sich hier wie zu Hause, ließ seiner Lebenslust die Zügel schießen und trank sich und seinen klösterlichen Freunden einen Becher nach dem andern zu. Sidonie, zwischen Rucho und Trotto, sprudelte erst recht von Übermut und führte mit allen eine so lebhafte, hinreißend neckische Unterhaltung, daß es die Mönche von dem hübschen Mädchen aufs höchste ergötzte.

Die Tafel nahte sich allmählich ihrem Ende, und der Kellermeister klirrte mit den Schlüsseln und warf einen fragenden Blick auf den Abt, ob er vielleicht noch einen besseren herauf holen lassen sollte, denn man war seit langer Zeit nicht so vergnügt im Kloster gewesen.

Da wurde das heitere Mahl in einer jähen, von keinem der acht Teilnehmer für möglich gehaltenen Weise abgebrochen.

Vom Gange draußen hereinkommend näherte einer der beiden die Tafel bedienenden Laienbrüder seinen Mund dem Ohre des Abtes und flüsterte diesem etwas zu. Herr Meinhard machte eine Bewegung des Überraschtseins und erwiderte mit gedämpfter Stimme, doch so, daß es alle hörten, weil sie alle lauschten: »Führt die gnädige Frau ins Sprechzimmer; ich komme sogleich.«

Eine lautlose Stille trat ein. Aller Augen waren auf den Abt gerichtet, einige mit nur neugierigen, andere zugleich mit ahnungsvoll bangem Ausdruck. Der Abt aber sprach mit Bedeutung die schwerwiegende Nachricht aus: »Frau Rüdt von Kollenberg ist angekommen.«

Richilde erschrak so heftig, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Auch Sidoniens Gesicht wurde etwas lang bei dieser Kunde. Sie blickte auf Ernst; »Josephine!« murmelte dieser und erhob sich. Aber schnell sprang auch Hans auf und rief ihm zu: »Du bleibst! ihr beiden verschwindet und laßt euch nicht sehen, bis ich euch rufen lasse! Komm, Sidonie! wir zwei wollen es mit ihr aufnehmen.«

»Nun, Ohm Hans, dann wappne dich!« erwiderte Sidonie, »und alle lieben Heiligen mögen uns beistehen!«

»Wohl gesprochen!« sagte der Abt. »Aber zuerst will ich die edle Frau in unseren Mauern begrüßen; darum laßt mich vorangehen und folgt mir nach einem Weilchen.« Und sich zu den Laienbrüdern wendend fuhr er fort: »Ihr räumt hier schnell auf und öffnet die Fenster, damit ich die gnädige Frau aus dem ungastlichen Sprechzimmer bald hierher führen kann.«

Sidonie umarmte ihre zitternde Freundin und raunte: »Mut, Richilde! wir müssen uns durchkämpfen!«

Hans hatte sich das heißersehnte Wiedersehen mit Juliane allerdings anders gedacht, als es jetzt hier, in dieser Umgebung, unter den obwaltenden Umständen und in der bei Juliane vorauszusetzenden Stimmung stattfinden konnte. Dennoch ging er demselben mit seinem guten Gewissen fröhlich und in der Hoffnung entgegen, daß auch sie das unvermutete Zusammentreffen mit ihm trotz der leidigen Veranlassung erfreuen und trösten, und daß seine Gegenwart beruhigend und versöhnlich auf sie wirken würde.

Der Abt und Juliane kannten sich bereits oberflächlich von früher her. Seine achtungsvolle Begrüßung beim Eintritt in das Sprechzimmer unterbrach sie mit der hastigen Frage: »Ist meine Tochter hier?«

»Ja, gnädige Frau!« erwiderte der Abt. »Gestern spät abends sind sie gekommen; aber seid unbesorgt! es ist nichts geschehen und wird nichts geschehen, was gegen Euren Wunsch und Willen wäre.«

»Gott sei gedankt!« atmete sie erleichtert auf, »und auch Euch, hochwürdigster Herr! Ich fürchtete schon das Schlimmste.«

»Wäre es denn etwas gar so Schlimmes, wenn sie des ritterlichen Junkers Frau würde?« frug er mit einem milden Lächeln.

»Es ist ein Landschad!« stieß sie grollend hervor.

Herr Meinhard führte sie zu einer längs der Wand hinlaufenden Bank und sagte: »Es wird sogleich ein würdigerer Raum zu Eurem Empfange bereit sein; nehmt einstweilen hier fürlieb. Eure Tochter ist in guter Obhut.«

»Gebt sie mir heraus, daß ich sie mitnehme, wohin sie gehört!« entgegnete sie finster, nahm aber doch Platz, denn sie war von dem anstrengenden Ritt und der marternden Angst, zu spät zu kommen, sichtlich erschöpft.

»Nicht so schnell, gnädige Frau!« sprach der Abt, »laßt uns erst ruhig miteinander reden.«

Aber kaum hatte auch er sich gesetzt, als sich die Tür auftat und Hans und Sidonie herein traten.

Juliane sprang auf. -- »Was?! -- ihr hier?! Wollt ihr beiden euch vielleicht auch hier -- Ah nein! das tut der Ehehasser nicht!« lachte sie höhnisch. »Zwei Landschaden entführen ein Mädchen! welch Meisterstück! Und du, du bist die Helferin!« rief sie, mit der ausgestreckten Hand auf Sidonie weisend.

»Seid mir gegrüßt, Frau Juliane!« sprach Hans erregt, »und laßt Euch sagen, daß ich Eure Tochter nicht entführt habe. Im Gegenteil, ich verdamme die verwegene Tat meines Neffen ebenso entschieden wie Ihr und mein hochwürdiger Freund hier und bin den Flüchtigen nur nachgesetzt, um sie mit Gewalt zurückzuholen.«

»Wer Euch das glauben soll!« erwiderte sie spöttisch.

»Es ist so, gnädige Frau!« bestätigte der Abt.

»Ihr hättet Euch den Weg sparen können,« fuhr Hans fort; »denn morgen hätte ich Euch Eure Tochter nach der Minneburg zurückgebracht.«

»Ihr habt nichts davon gewußt?« frug sie noch einmal zweifelhaft.

»Nicht das geringste!« versicherte er. »Erst heute Morgen erfuhr ich's durch einen Brief von Ernst. Sie haben sich wohl gehütet, mich vorher einzuweihen.«

»Ich kann's bezeugen,« sagte Sidonie nun. »So dumm sind wir nicht,« setzte sie leiser hinzu.

Juliane überhörte das. Sie stand und blickte unwillig auf Hans, daß sie nicht ihren Zorn an ihm auslassen konnte, weil er schuldlos war. Er sah bleich aus, und jetzt erst bemerkte sie eine große, kaum verharschte Wunde an seiner Stirn. Natürlich dachte sie, der Raufbold kann nicht Frieden halten. Wen mögen sie wieder auf der Landstraße niedergeworfen haben, daß er den Denkzettel davon hat?

Ein Laienbruder war erschienen, hatte dem Abt einen Wink gegeben und einen leisen Auftrag von ihm erhalten.

»Wenn es Euch nun gefällig ist, gnädige Frau,« sprach der Abt --

»Zu Richilde? nein! jetzt mag ich sie nicht sehen,« wehrte sie ab, »und noch weniger den Junker -- den Entführer!«

»Braucht Ihr auch nicht,« sagte Hans. »Sie werden Euch nicht eher vor die Augen kommen, als bis Ihr sie rufen laßt.«

»Ich wollte Euch nur in unser Speisegemach führen,« ergänzte der Abt; »ein leichter Imbiß wird Euch wohltun.«

»Ach ja! das wird er,« hauchte sie. »Ich bedarf einer Stärkung; meine Kraft geht zu Ende.«

»Gerettet, Ohm Hans!« flüsterte Sidonie. »Wer essen kann, mit dem läßt sich fertig werden.«

Hans nickte ihr lächelnd zu.

»Und nicht wahr, gnädige Frau?« fuhr der Abt fort, indem sie sich anschickten, das Sprechzimmer zu verlassen, »Ihr bleibt heute bei uns und ruht Euch aus, und morgen macht Ihr Euren Frieden mit Eurer Tochter; aber vorher bitte ich noch um eine Unterredung mit Euch.«

»Ich nehme Eure Gastfreundschaft mit allem Dank an, hochwürdiger Herr!« erwiderte sie. »Aber dürft Ihr denn Frauen im Kloster beherbergen?«

»Eigentlich nicht,« sprach der Abt; »aber in Fällen der Not ist es uns gestattet. Kranken oder Verwundeten, Verirrten und Wegmüden öffnen wir aus christlicher Barmherzigkeit unsere Tür Tag und Nacht. Euch rechne ich zu den Wegmüden,« fügte er lächelnd hinzu; »oder seid Ihr das nicht?«

»Doch! doch! ich wäre wirklich nicht imstande, heute wieder zurückzureiten,« sagte sie.

»Es ist auch schon zu spät dazu; die Nacht würde Euch überfallen.«

»Morgen reiten wir zusammen, Frau Juliane!« sprach Hans. »Ich geleite Euch nach der Minneburg.«

»Bemüht Euch nicht! ich habe Geleit genug bei mir,« gab sie ihm kühl abweisend zur Antwort.

»Habe schon gehört, -- vier Mann im Harnisch!« lachte Hans. »Meinhard, Mann des Friedens, wird dir nicht bange vor solcher Kriegsmacht?«

»Ich habe es mit Landschaden zu tun!« versetzte sie scharf.

»Die Landschaden schlagen sich wohl für Euch, aber nicht gegen Euch, Frau Juliane!« erwiderte Hans beleidigt.

»Was wollt Ihr damit sagen?« warf Juliane hochmütig über die Schulter.

Hans schwieg; aber statt seiner antwortete Sidonie: »Seht Ihr nicht die breite Wunde an Ohm Hansens Stirn? Die hat er für Euch davongetragen.«

»Für mich?!« frug sie im höchsten Erstaunen und sich schnell zu Sidonien umwendend.

»Ja, für Euch! Euretwegen hat er sich mit Bruno von Bödigheim auf Leben und Tod geschlagen, hat den Streich empfangen, der ihn niederstreckte, und hat in Fieber und Schmerzen lange daran festgelegen. Dies ist heute sein erster Ritt wieder.«

»Schweig, Sidonie!« sagte Hans, »von solchen Kleinigkeiten macht man nicht groß Aufhebens.« Es tat ihm schon leid, daß er sich zu einer Entgegnung auf Julianens scharfe Bemerkung hatte hinreißen lassen und dadurch Sidonien zur Erwähnung seines Zweikampfes angeregt hatte.

Juliane aber war sprachlos. Wie gehässig hatte sie eben noch von dieser Wunde gedacht! Zu ihrem Glück herrschte in dem Gange, den sie jetzt dahinschritten, ziemliche Dämmerung, so daß Niemand die Verwirrung und Erschütterung gewahr wurde, die sich ihrer bei dieser äußerst überraschenden Kunde bemächtigt hatte. Sie ging sehr langsam, nur um Zeit zu gewinnen, sich fassen und sammeln zu können.

So kamen sie in das Refektorium und setzten sich mit Juliane um den Tisch, auf dem schon Speise und Trank bereitstand. Der Prior Paraeus gesellte sich wieder zu ihnen und war allen willkommen, denn der kluge Mann wandte das Gespräch von der mißlichen Angelegenheit ab, derentwegen Juliane hier war, und brachte es auf andere Dinge, so daß es einen durchaus unverfänglichen Verlauf nahm.

Juliane genoß von dem reichlich Gebotenen nur wenig. Ihr war nach dem, was sie von Sidonie erfahren hatte, der Hunger vergangen. Sie war von einer tiefen Unruhe erfüllt und mußte immer wieder auf Hans und seine Narbe sehen, als wollte sie ihn bis auf Herzensgrund erforschen, was ihn, an dessen Liebe sie nicht mehr glaubte, bewogen haben konnte, sein Leben für sie einzusetzen. Da nun Hansens Augen unverwandt an Julianens Antlitz hingen, so kam es, daß sich beider Blicke öfter begegneten und wohl gar, fast ohne Wissen und Willen Julianens, einen Atemzug lang ineinander ruhten.

Er hielt ihr auffallend, ja verletzend schroffes Benehmen gegen ihn ihrem Zorn über Richildens Entführung und ihrem vielleicht nicht schnell genug beseitigten Verdacht, daß er seine Hand dabei im Spiele gehabt hätte, zugute und trug es ihr nicht nach. Vielmehr freute es ihn, daß sie nun allmählich anfing, ihm auf die Reden, die er an sie richtete, wieder eine etwas verbindlichere Antwort zu geben, wenn auch darin immer noch ein verhaltener Groll gegen ihn nachzitterte, den er sich nicht erklären konnte.

Sidonie nahm jetzt wenig teil an der Unterhaltung. Bald richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf Juliane, bald saß sie wie geistesabwesend in ihre eigenen Gedanken versunken und schlüpfte endlich hinaus, um Ernst und Richilde aufzusuchen und ihnen den Hergang bei Julianens Einkehr zu berichten.

Sie fand die ihrer schon ungeduldig Harrenden im Klostergarten und erzählte ihnen alles haarklein und der Wahrheit gemäß, damit schließend: »Laßt euch nur heute vor Frau Juliane nicht mehr blicken; morgen will der Abt mit ihr reden, und ich habe noch Hoffnung für euch.«

»Ach, Sidonie!« sprach Richilde, »ich kann nicht schlafen, ehe meine Mutter mir nicht verziehen hat. Kannst du mir nicht heute noch eine Unterredung mit ihr verschaffen? ich will mich ihr zu Füßen werfen --«

»Heute noch?« erwiderte Sidonie. »Sie ist in böser Stimmung, Richilde! Aber ich will versuchen, sie zu bewegen, daß sie dich zu Nacht noch vor sich läßt. Gelingt es mir, so komm' ich und hole dich. Jetzt aber versteckt euch, verkriecht euch, verschließt euch in eure Zelle, -- das heißt,« fügte sie schelmisch drohend hinzu, »getrennt, jeder allein in die seinige!«

Die Getrösteten versprachen, den Rat zu befolgen, und Ernst erging sich in bitterer Selbstanklage, daß er Josephinen zu viel Vertrauen geschenkt hatte, denn sie allein konnte Frau Juliane die Flucht und das Ziel derselben verraten haben. Hätte er das nicht getan, so hätten Richilde und Sidonie nach der beharrlichen Weigerung des Abtes, der heimlichen Liebe seinen Segen zu geben, ruhig nach Zwingenberg reiten können, und Frau Juliane hätte von der Entführung vielleicht niemals etwas erfahren. Ohm Hans würde wohl geschwiegen haben, und sie hätten ihr den kecken Streich später einmal, wenn sie das Glück ihrer Vereinigung auf andere Weise gefunden hatten, in einer traulichen Stunde gebeichtet. Zu solchen Betrachtungen war es aber nun leider zu spät.

Sidonie überließ die beiden sich selbst und wandelte noch eine Weile sinnend im einsamen Kreuzgang auf und nieder, nur mit dem Schicksale des Paares beschäftigt, das mit Abt und Prior allein geblieben war. Sie hatte die Blicke beobachtet, mit denen sich Hans und Juliane angesehen hatten, zog daraus ihre Schlüsse und baute darauf ihre Hoffnung. »So muß es gehen,« sprach sie zu sich selber, »so muß es gehen, oder die Glut verlangender Sehnsucht ist ein Ammenmärchen und die Macht des Liebesgottes keinen Pfifferling wert!« Sie besah sich die Gelegenheit, die Zugänge zum Kreuzgang, spähte, wohin Türen und Treppen führten, und spürte ringsum. »Die Fenster dort oben sind störend, da sind die Zellen der Mönche; aber diese Glatzköpfe schlafen gewiß wie die Murmeltiere. Freilich, man müßte sich vorsehen; -- hm! ja, ja! das ist gut! so wird's gemacht! punktum! und nun vorwärts!« Ihr Plan war fertig, und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen, kehrte sie in das Refektorium zurück, dort aber mit einem so gleichgültigen und harmlosen Gesicht eintretend, als könnte sie nicht bis fünf zählen.

Mittlerweile war es Abend geworden, und Juliane begehrte nach Ruhe. Sich bei Abt und Prior mit ihrer Abgespanntheit entschuldigend, sagte sie ihnen freundlich gute Nacht, Hans und Sidonie nur mit einem sehr kühlen und knappen Gruß abfindend. Zwei Laienbrüder leuchteten ihr die Treppe hinauf zu der für sie bestimmten, mit möglichster Bequemlichkeit ausgestatteten Zelle, in welcher, ebenso wie in den Zellen der beiden Mädchen, ein schwarzes Mönchsgewand hing. --

Wie aber hatte Juliane die Flucht und den Aufenthaltsort Richildens erfahren?

Das war so gekommen:

Sie war einsam und allein, so allein, wie sie sich in ihrem Leben noch nicht gefühlt hatte, und saß wie gewöhnlich auch an dem Morgen, nachdem tags zuvor die drei jungen Mädchen nach Zwingenberg -- wie sie annahm -- abgeritten waren, wieder in ihrem Erker, den Blick leer und hoffnungslos in die Ferne gerichtet. Da kam Petrissa und meldete: »Gnädige Frau, draußen ist der Sohn des Sterndeuters Isaak Zachäus und begehrt Euch zu sprechen; er hat eine Botschaft an Euch von seinem Vater.«

»Des Sterndeuters Sohn?« frug Juliane erstaunt, »führ' ihn herein!«

Josephine trat ein, in männlicher Kleidung, mit ihrem langen Rock angetan, verbeugte sich und wartete auf Julianens Anrede, um daraus zu entnehmen, ob die Burgherrin ihr wahres Geschlecht kannte oder nicht.

»Du bist der Sohn Meister Isaak Zachäus' und bringst mir Botschaft von deinem Vater?« sprach Juliane.