Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 21

Chapter 213,643 wordsPublic domain

Er war wieder hergestellt, trug zwar den Kopf noch verbunden, ging aber umher und war auch schon zu Pferde gestiegen und ausgeritten, was ihm vortrefflich bekommen war. Einmal frug er schüchtern seine Schwägerin Katharina, ob denn Juliane noch nicht bei ihr gewesen wäre, und es wurde der gradsinnigen Frau sehr schwer, darauf mit einem unbefangenen Nein zu antworten und den, wie Bligger stets behauptete, zu seinem eigenen Besten Getäuschten in dem Wahne zu lassen, daß zwischen der Minneburg und Neckarsteinach nun wieder der reinste blaue Himmel des Friedens und der Freundschaft lächelte. Der schnell Erstarkende dachte schon daran, Juliane bald wieder einmal zu besuchen, denn in der ihm aufgezwungenen Untätigkeit und Einsamkeit war ihm die Sehnsucht nach ihr mächtig gewachsen, und er war überzeugt, daß sie ihn längst erwartete. Hatte sie ihm doch, als er zuletzt bei ihr war, beim Abschied mit liebeverheißendem Blick und lockendem Munde zugeflüstert: »Auf baldig Wiedersehen, lieber Freund!« Ihm wollte scheinen, als wenn das schon lange her wäre, jedenfalls viel zu lange für die Wünsche seines Herzens.

Isaak Zachäus aber drang ihm -- auf einen Wink Bliggers -- den ärztlichen Rat auf, von einem längeren Ritte vorläufig noch abzustehen. Der Jude war von Burg Dauchstein zurückgekehrt, denn Bödigheim hatte sich einen heilkundigen Pfleger aus Wimpfen kommen lassen, weil er einem im Solde der Landschaden stehenden Arzte nicht traute. Isaak war nicht wenig erstaunt, seine Tochter in Frauenkleidern wiederzufinden, gab sich aber mit ihren Erklärungen darüber zufrieden, zumal er zu bemerken glaubte, daß Josephine, nachdem sie sich als Mädchen zu erkennen gegeben hatte, von den Bewohnern der Mittelburg mit größerer Rücksicht und Freundlichkeit behandelt wurde, als bisher. Besonders begegnete ihr Frau Katharina mit augenscheinlichem Wohlwollen, und da sie wußte, daß ihres Sohnes Herz in treuer Liebe an Richilde hing, so hatte sie auch nichts gegen dessen beständigen Umgang mit der schönen Jüdin einzuwenden, die in ihrem Benehmen die größte Zurückhaltung und Sittsamkeit zeigte.

Diese Zurückhaltung war freilich nichts weiter, als eine mit äußerster Anstrengung festgehaltene Maske vor der ruhelosen Leidenschaft, die Leib und Seele des Mädchens durchglühte, unzertrennlich verbunden mit dem eifersüchtigen Trachten, die Vereinigung der beiden Liebenden zu hintertreiben, und verblendet genug, um sich in dem Traume zu wiegen, dann mit einer, wenn auch vor der Welt verheimlichten, Erwiderung ihrer verlangenden Neigung von seiten Ernsts beglückt zu werden. Aus seinem zerstreuten, nachdenklichen und bekümmerten Wesen hatte sie die Vermutung geschöpft, daß irgend etwas im Wege sein müßte, was mit seinem Wünschen und Hoffen nicht im Einklang stand; aber in den letzten Tagen war er plötzlich wieder sehr heiter geworden, ja, sie hatte eine gewissermaßen übermütige Erregtheit an ihm wahrgenommen, die zweifellos eine für ihn hoch erfreuliche Ursache hatte. Weder des einen noch des anderen wegen hatte sie ihn befragt, weil sie ziemlich sicher sein konnte, daß er ihr über kurz oder lang beides von selber offenbaren würde. Und als er sich aus seinen Herzensnöten zu der Willenskraft aufgeschwungen hatte, sein Schicksal durch eine entschiedene Tat in die rechte Bahn zu lenken, gestand er ihr alles, was er in der letzten Zeit durchlebt und was er nun zu tun beschlossen hatte.

Er sagte ihr das erst an dem zur Flucht festgesetzten Tage, wenige Stunden vor seinem Aufbruch zu dem mit Richilde und Sidonie verabredeten Stelldichein.

»Nun, ich wünsche Euch alles Glück dazu!« war das einzige, was sie mit größter Selbstbeherrschung darauf hervorzubringen vermochte, und Ernst war in seinen Gedanken so sehr mit den Einzelheiten seines Unternehmens beschäftigt, daß er Josephinens Verwirrung und Bestürzung ganz übersah und ihm kein Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Glückwunsches aufstieg. In ihr erregten seine Mitteilungen einen Sturm feindseliger Gefühle. Sie suchte schnell von ihm weg zu kommen, um in ungestörter Einsamkeit über Mittel nachzusinnen, wie sie wenigstens den Zweck der Entführung, die aufzuhalten sie nicht mehr die Zeit hatte, vor Erreichung desselben noch vereiteln könnte, und jede List und jede Untat sollte ihr dazu recht und genehm sein.

Ernst aber ging nach Burg Schadeck und übergab dort dem Waffenmeister Marx Drutmann einen versiegelten Brief an Hans mit der Weisung, denselben nicht früher, als am nächsten Morgen, seinem Herrn zu behändigen. Der Alte versprach, dem Auftrage pünktlich nachzukommen.

Bei Tische kündigte er seinen Eltern an, daß er am Nachmittag wegreiten und wahrscheinlich die Nacht über ausbleiben würde; sie möchten sich seinetwegen nicht sorgen. Bligger horchte hoch auf und warf seiner Frau, die schon eine Frage auf den Lippen hatte, einen schnellen Blick zu, so daß Katharina schwieg. Er war überzeugt, daß Ernsts Ritt zu Richilde ging und wollte den Sohn nicht durch Fragen in Verlegenheit gesetzt sehen, die dieser nur ungern und ausweichend beantworten würde.

Bald nach Mittag saß Ernst in den Bügeln. Ihm war zumute, als ritte er in seine erste Schlacht, in der er entweder fallen, oder aus der er als ruhmgekrönter Sieger heimkehren müßte.

An der Schmiedeschenke traf er die beiden Fräulein bereits vor und zog nun mit ihnen in der Richtung nach Sinsheim weiter. Richilde hatte beim Abschied von der Minneburg noch einmal geschwankt, ob sie wirklich den wichtigsten Schritt ihres Lebens ohne Wissen, ja gegen den bestimmt ausgesprochenen Willen ihrer Mutter tun und diese, mit Hintansetzung aller kindlichen Gefühle, in heimlicher Flucht verlassen sollte. Aber Sidonie wußte die Gewissensmahnungen mit beredt anfeuernden Worten zu verscheuchen und bemühte sich auch ferner, ihr mit einem nicht verstummenden Frohsinn über alle Zweifel hinwegzuhelfen. An Ernsts Seite und unter seiner Führung gewann sie auch ihre Sicherheit allmählich wieder, und bald hingen ihre Augen mit dem Ausdruck innigster Glückseligkeit an dem ihr Mut und Zuversicht einflößenden Antlitz des Geliebten.

Nur einmal noch schweiften ihre Gedanken zu dem hinter ihr liegenden zurück, und sie begann: »Weißt du, Ernst, es wäre doch vielleicht besser gewesen, wenn du selber bei meiner Mutter um mich geworben hättest.«

»Das war ja meine Meinung auch,« erwiderte er; »ich versprach euch ja, in den nächsten Tagen dieserhalb zu kommen. Warum habt ihr denn nicht so lange gewartet?«

»So war es beschlossen,« sagte Sidonie. »Aber du schicktest ja deinen ›Freund Joseph‹ noch einmal zu uns, mit der Bestellung, daß wir Frau Juliane das Geschehene mitteilen möchten.«

»Im Gegenteil; daß ihr es ihr nicht mitteilen möchtet,« versetzte Ernst.

»Bitte! daß wir es ihr mitteilen möchten, sagte das verkleidete Mädchen,« erwiderte Sidonie.

Ernst war erstaunt. »Dann muß sich Josephine verhört haben,« sprach er.

»Hat sie sich wirklich verhört?« frug Richilde. »Wisse, Ernst! ich traue der Jüdin nicht. Sie benahm sich sehr auffallend gegen uns und rühmte sich deines Schutzes und deiner Freundschaft in einer etwas verdächtigen Weise. Mich traf ein Blick aus ihren schwarzen Augen, der mir nichts Gutes verhieß.«

»So?!« erwiderte Ernst gedehnt und mit finsteren Brauen. Weiter sagte er nichts, aber sein bisher unbedingtes Vertrauen zu Josephine war auf einmal dahin, und er bereute nun seine Offenherzigkeit gegen sie, namentlich in bezug auf den ihr enthüllten Plan der Entführung.

Langsam ritten die drei ihres Weges, denn da sie erst spät abends ihr Ziel erreichen wollten, hatten sie Zeit genug vor sich. In Waibstadt hielten sie bis tief in die Dämmerung hinein Rast und stärkten sich mit Speise und Trank. Dann ging es weiter, und endlich, nach Einbruch der Nacht, die von dem erst später aufsteigenden Mond noch nicht erhellt war, langten sie bei der Benediktinerabtei glücklich an.

Schweigsam und düster standen die weitläufigen Klostergebäude mit der Kirche und dem hohen Glockenturm vor den Ankömmlingen da. Über die Mauer ragten die dunklen Kronen alter Bäume, in denen es geheimnisvoll wisperte, und vom Kirchendache her schrie ein einsames Käuzchen. Richilden durchschauerte es, und ihr Herz schlug in Bangigkeit, welches Schicksal wohl hinter diesen absperrenden Mauern ihrer wartete.

Ernst klopfte den Bruder Pförtner heraus und begehrte Einlaß.

Aber der Vorsichtige, der in solchen Fällen wohl schon böse Erfahrungen gemacht haben mußte, war durchaus nicht geneigt, dem Begehren zu willfahren, denn er vermutete in den Störern seiner Ruhe schweifendes Gesindel, von dem er sich nichts Gutes für das Kloster versah. »Bei Nacht wird nicht geöffnet!« rief er aus der kleinen vergitterten Fensterluke neben der Pforte und schlug den Laden wieder zu.

Die Mädchen wurden von der entschiedenen Abweisung äußerst peinlich berührt. Richilde wünschte sich in diesem Augenblick auf die hochumwallte Minneburg zurück, und selbst Sidonien ward es nicht recht geheuer, bei der Aussicht, die Nacht im Freien, in dem unsicheren Walde zubringen zu sollen. Die Rosse scharrten mit den Hufen; auch sie sehnten sich unter Dach und Fach.

Ernst jedoch pochte und rasselte mit dem Griffe seines Schwertes wieder so lange an dem Eisengitter, bis sich der Pförtner noch einmal heran bequemte. »Laßt uns ein, Bruder Pförtner!« sprach er ungeduldig; »wir sind Verirrte, denen Ihr doch ein Obdach für die Nacht nicht verweigern werdet.«

»Jawohl! so heißt es immer,« entgegnete der andere mißtrauisch, »das kennt man schon. Bleibt nur draußen und legt euch wieder in das Bett, in dem ihr die vorige und vielleicht schon manche Nacht geschlafen habt. Auf Laub und Nadelstreu, Sattel unterm Kopf, ruht sich's gar wonnesam.«

»Behaltet Eure Weisheit und öffnet! oder es soll Euch übel ergehen,« drohte Ernst nun zornig. »Ich bin ein Landschad!«

»Die Landschaden verirren sich nicht,« lachte der Schließer. »Denen sind die Wege und Stege so gut bekannt, wie sie selber im Lande bekannt sind.«

»Du störrischer Pfaff!« rief Ernst, »wenn ich dich --«

»Ruhig, Ernst!« mischte sich Sidonie jetzt ein, »mit Gewalt richten wir nichts aus; wir müssen uns auf's Bitten legen.«

»Was? auch Frauenzimmer dabei?« brummte der innen.

»Laßt uns um Gotteswillen ein, ehrwürdiger Bruder!« fuhr Sidonie mit bittendem Tone fort. »Wir sind nur unserer drei, zwei wohlgeborene Fräulein und ein junger Edeling, Verwandte des hochachtbaren Junkers Hans Landschad von Steinach, den Ihr wohl kennen werdet.«

»Des Junkers Hans? ist das auch wahr?« kam es aus dem Dunkel zurück.

»Auf Ehr' und Seligkeit!« erwiderte Sidonie.

»Und morgen kommt er selber,« fügte Ernst nachdrücklich hinzu.

»Etwa auch verirrt?« frug der Mönch spöttisch. »Aber das ist ein ander Ding; das hättet ihr gleich sagen sollen; für Junker Hans tun wir alles. Wartet! ich komme.«

Die drei außerhalb der Mauern atmeten erlöst auf. Also der Name des allbeliebten Junkers allein bewirkte, daß sich das Tor ihnen nun bereitwillig öffnete, was sie als einen erfreulichen Beweis von Hansens großem Ansehen und bedeutendem Einfluß im Kloster auffaßten.

»Gott segne euren Eingang!« sprach der Pförtner, als sie über die Schwelle ritten. Darauf weckte er erst einen dienenden Laienbruder, der ihnen die Pferde abnahm und in den geräumigen Klosterstall brachte, und dann den Bruder Schaffner, dem er mit Nennung von Ernsts Namen die Ankunft Verirrter meldete.

Der Schaffner machte auch mit Unterbringung derselben keine langen Umstände, sondern wies ihnen drei gastbereite Zellen an, in deren jeder ein Bett nebst Tisch und Schemel stand und eine neue schwarze Mönchskutte hing. Dann wünschte er ihnen mit dem Zeichen des Kreuzes eine geruhsame Nacht und verschwand. Der Schlaf des Abtes und der übrigen Mönche war durch die Aufnahme der Gäste nicht gestört worden.

So waren die Flüchtlinge nun endlich sicher geborgen. Als sie aber in den Betten lagen, von fremden, schmucklos kahlen Wänden umgeben, die in dem matten Dämmerschein des sich allmählich verbreitenden Mondlichtes mehr und mehr aus dem Dunkel hervortraten, da tauchte ihnen gleichsam mit der wachsenden Helle auch das immer deutlicher werdende Bewußtsein dessen auf, was sie getan hatten.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Hans saß schon in früher Morgenstunde bei einer sehr kräftigen Mahlzeit, die er noch nicht ganz beendet hatte, als Drutmann eintrat und ihm Ernsts Brief überreichte, dann aber im Gemach stehen blieb, voll Neugier, was das ganz ungewöhnliche Vorkommnis, daß Junker Ernst an Junker Hans einen Brief schrieb, den dieser erst am nächsten Morgen lesen sollte, wohl auf sich haben könnte. Auch Hans war nicht wenig verwundert, und auf den Inhalt gespannt erbrach er das Schreiben. Kaum aber hatte er die anderthalb Zeilen mit den Augen überflogen, als er wie von einer Nadel gestochen aufsprang und einen so gewaltigen Fluch ausstieß, daß sich der Waffenmeister gleich dreimal hinteinander davor bekreuzte. »Drutmann! satteln!« schnob er dann, »den Rappen! ich muß fort, mach' schnell!«

Als der Alte zur Tür hinaus war, nahm Hans das seinen Zorn verschuldende Blatt noch einmal in die Hand, blickte kopfschüttelnd hinein und warf es erbost wieder auf den Tisch. »In Sinsheim sind sie! und helfen soll ich!« lachte er laut zu sich selber; »na wartet! ich werde euch helfen!«

Bald darauf hielt ihm Drutmann im Burghof den Bügel und frug ihn, ob er Mittag wieder zurück sein würde. »Sicher nicht,« antwortete Hans sich in den Sattel schwingend. »Wenn sie von drüben nach mir fragen, so sagst du, ich wäre da, wo Junker Ernst wäre.« Damit ritt er ab. --

Gegen Mittag von einem Gang ins Tal heimkehrend trat Bligger zu seiner Frau ins Zimmer und sagte: »Ich habe dir etwas höchst Merkwürdiges zu berichten, Käthe! Denke dir! begegne ich eben Drutmann und höre von ihm, daß Hans heute früh einen Brief von Ernst erhalten hat und gleich darauf fortgeritten ist, den Bescheid zurücklassend, er wäre da, wo Ernst wäre.«

»Das ist ja sonderbar,« versetzte Katharina.

»Nicht wahr? Wo meinst du nun wohl, daß die beiden stecken?«

»Wie kann ich das wissen oder raten?« erwiderte die Frau.

»Nun, auf der Minneburg! wo denn sonst?« frohlockte der Ritter. »Und was wir mit aller List und Schlauheit nicht zuwege bringen konnten, das machen die, eh wir's uns versehen, in aller Heimlichkeit hinter unserm Rücken ab, Versöhnung, Frieden, Freundschaft und Verspruch.«

»Aber Bligger!«

»Es ist so, Käthe! Verlaß dich drauf!« behauptete der Ritter. »Sie haben ihr Spiel mit uns getrieben, um uns nachher gründlich auszulachen. Wer hätte das den beiden Duckmäusern zugetraut!«

»Lieber Alter!« sagte Katharina, »ich fürchte, du täuschest dich.«

Er wurde beinah' ärgerlich. »Aber das ist doch klar wie der Tag!« rief er. »Sie sind sich alle vier einig; Ernst ist gestern vorausgeritten und hat Hans von der Minneburg aus geschrieben, daß sie ihn erwarteten. Gib acht! sie kommen heute noch mit zwei Bräuten zugleich angerückt, von denen die eine Richilde und die andere Juliane heißt.«

»Wenn ich's sehe, will ich's glauben,« lachte Katharina.

Auf den Gedanken freilich konnten sie beide nicht kommen, daß Ernst die Geliebte nach Sinsheim entführt und Hans als seinen Nothelfer dahin bestellt hatte. --

Als die Flüchtlinge im Kloster beim grauenden Morgen die Glocke zur Hora läuten hörten, klang sie Richilden wie das Armesünderglöcklein, das sie für schweren Fehltritt zur Rechenschaft rief. Ernst, dem ein stärkender Schlummer den gestern etwas gesunkenen Mut wieder gehoben hatte, deuchte ihr hallender Ton wie fröhliches Brautgeläut. Sidonie aber dachte weiter nichts dabei, als: die armen Mönche! so früh schon heraus zu müssen! ist ihnen aber ganz recht, sind auch Hagestolze und Ehehasser; hätten sie sich eine Frau genommen, könnten sie länger schlafen und vergnügter erwachen. Und mit dem ihr durchaus nicht neuen Vorsatz, keine Nonne werden zu wollen, warf sie sich in dem harten Mönchsbett von der einen Seite auf die andere und schlief wieder ein.

Nachdem sich die Ausgeruhten dann vom Lager erhoben hatten, ließ man es auch zu ihrer ferneren Verpflegung an nichts fehlen. Im kleinen Refektorium, wo sonst nur der Abt mit den ihm zunächst stehenden Würdenträgern seines Klosters zu speisen pflegte, wenn er vornehme Gäste hatte, wurde ihnen ein ausgezeichnetes Frühmahl aufgetragen, das sich besonders Sidonie trefflich munden ließ, dem aber Ernst und Richilde aus begreiflichen Gründen nur sehr mäßig zusprachen.

Nach der Terz ließ Ernst den Abt um eine Unterredung bitten, die ihm auch sofort gewährt wurde.

Herr Meinhard von Angeloch war ein würdiger Prälat, gewissenhaft und pflichttreu in Sachen des Glaubens und der Kirche, daneben aber erlaubten weltlichen Freuden durchaus nicht abhold. Er war von untersetzter Gestalt, noch kaum an der Schwelle des Greisenalters und bei entsprechender körperlicher Rüstigkeit von ungemeiner Klarheit und Frische des Geistes, die sich in einer fesselnden Unterhaltung und einer zwanglosen Heiterkeit offenbarte.

Er empfing Ernst in seinem behaglich eingerichteten Wohngemach und lud den sich ehrfurchtsvoll Verneigenden zum Sitzen ein mit den Worten: »Ihr kommt, achtbarer Junker, um mir für die geringe Gastfreundschaft zu danken, die unser Kloster Euch und den beiden unter Eurem Schutze stehenden edlen Fräulein gewähren zu können so glücklich war.«

»Ja, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst beklommen.

»Das ist brav von Euch,« sprach der Abt. »Dankbarkeit, auch für die kleinste Wohltat, ist ein schöner Zug des Herzens. Mir gereicht es zu besonderer Freude, den Neffen meines ritterlichen Freundes, Junker Hans Landschad, in unserer stillen Klause haben beherbergen zu können, und wenn Ihr Euch mit Euren Damen etwas früher zu unserer Pforte gefunden hättet, wäre Euch sicher eine angenehmere Aufnahme bereitet worden. So mußtet Ihr als arme Verirrte mit dem fürliebnehmen, was in der Nacht nicht besser zu beschaffen war. Nun sagt mir aber, Junker Ernst, wohin geht Euer Weg?«

»Hochwürdiger Herr,« hub Ernst nun tief atemholend an, »schenkt dem, was ich Euch zu bekennen habe, ein gnädig Gehör! Die Wahrheit ist, daß wir nicht als Verirrte gekommen sind. Unser Weg führte von Anfang an nirgend anders hin, als hierher in Euer Kloster und zu Euch, an den ich eine große Bitte auf dem Herzen habe.«

»Sprecht, lieber Sohn!« sagte der Abt mit einer leisen Spannung in seinen freundlichen und klugen Zügen, »sprecht mit voller Offenheit und befreit Euch von dem, was Euer Herz beschwert.«

»Das will ich, hochwürdiger Herr!« erwiderte Ernst. Und nun erzählte er dem Abte die Geschichte und das Schicksal seiner Liebe, mit der jahrelangen Feindschaft zwischen seiner Familie und der Herrin der Minneburg beginnend, die fast erreichte Versöhnung, die wieder ausgebrochene Zwietracht, das Steigen und Sinken seiner Hoffnung, sein Liebesleid und seinen Kampf bis zu dem Entschlusse zu Richildens Entführung in lebendiger und ergreifender Darstellung schildernd und mit der beweglichen Bitte schließend, daß der Abt seinem Bunde mit der Geliebten an geweihter Stätte den Segen der Kirche erteilen möchte.

Der Abt folgte dem weit ausgesponnenen Vortrage mit großer Aufmerksamkeit und ohne Unterbrechung bis zum Ende. Dann aber schüttelte er sanft sein graues Haupt und sagte ruhig: »Ihr habt mit dem, was Ihr mir anvertrautet, meine aufrichtige Teilnahme an Eurem Geschick erregt, Junker Ernst; aber was Ihr von mir verlangt, kann ich nimmer gewähren, denn es ist wider Gottes Gebot und die Satzungen unserer heiligen Kirche.«

Ernst war von dem Bescheid des Abtes wie zu Boden geschlagen, und erst nach einer Weile trübseligen Vorsichhinstarrens sprach er: »Kann Euch nicht das Flehen zweier Herzen rühren, die auf Euch ihre letzte Hoffnung setzten?«

»Rühren wohl,« erwiderte der Abt, »aber nicht bewegen, etwas zu tun, was gegen die Pflichten meines göttlichen Amtes verstieße.«

»Hochwürdiger Herr,« sagte Ernst wieder mit etwas größerer Zuversicht, »ich habe meinen lieben Ohm Hans von unserer Flucht in Kenntnis gesetzt und ihn gebeten, heute hierherzukommen, um seine Bitte mit der unseren zu vereinen. Darf ich hoffen, daß seine Fürsprache Euch unseren Wünschen geneigter machen wird?«

»Mein vielwerter Freund Hans soll mir willkommen sein,« entgegnete der Abt. »Wenn er mir aber nicht die Einwilligung der Frau Juliane Rüdt von Kollenberg zu eurem Bunde mitbringt, so wird er nicht Zeuge eurer Trauung werden.«

»Frau Juliane ahnt nichts von unserer Flucht,« sprach Ernst düster. Dann erhob er sich und seufzte: »Was sage ich nur meiner Richilde?«

»Ich werde selber mit ihr reden und ihr meinen besten Rat erteilen, wie sie die Verzeihung und vielleicht die Zustimmung ihrer schwer beleidigten Mutter erringen kann,« erwiderte der Abt. »Jetzt muß ich zur Messe in die Kirche. Folge mir dahin nicht, lieber Sohn! Denn du würdest nur mit geteiltem Herzen bei der Andacht sein. Aber nachher bringe mir dein Lieb, daß ich ihr Trost zuspreche.«

Ernst beurlaubte sich von dem Abte und ging wieder zu den beiden Mädchen, die er von der vorläufigen Ablehnung seines Gesuches unterrichtete, Richilden jedoch die Hoffnung lassend, daß sich noch alles zum besten fügen würde, wenn nur Ohm Hans erst da wäre.

Darauf begaben sich die drei in den schattigen Klostergarten. Hier wandelten Ernst und Richilde Arm in Arm unter nachdenklichem Schweigen auf und ab, während in der angrenzenden Kirche der Gesang der Mönche erschallte. Sidonie, hinter dem Paare herschreitend, summte leise mit, und in ihrem erfinderischen Kopfe keimten allerlei Anschläge, wie sie den Liebenden helfen und den Abt zur Vornahme der heiligen Handlung verlocken könnte; denn weder traute sie dem vermittelnden Einschreiten des Ohm Hans allein einen günstigen Erfolg zu, noch war sie von dessen Bereitwilligkeit dazu überzeugt.

Dieser Zweifel Sidoniens begegnete sich mit einer ihm gleichgestalteten Sorge Ernsts. Nun sich letzterer einzig auf Hansens Unterstützung angewiesen sah, fiel es ihm plötzlich schwer aufs Herz, ob ihm dieser den erhofften Beistand überhaupt leisten und ob die Fürsprache des ehefeindlichen Oheims, der ihn unlängst wegen seiner Heiratsgedanken so gründlich abgekanzelt hatte, dann auch nachdrücklich und überzeugend genug ausfallen würde, um die Bedenken des Abtes zu besiegen. Er hätte sich das wohl früher sagen können; allein in diesen letzten Tagen immer nur das nahe Ziel seiner Sehnsucht vor Augen, war er zu solchen Erwägungen nicht gekommen und sah nun dem Eintreffen des Oheims mit großer Unruhe entgegen.

Der Gottesdienst in der Kirche dauerte lange. Als er beendet war, kamen die Mönche -- jedoch ohne den Abt, der sich eines besonderen Weges zu seinen Gemächern bediente -- in großer Schar den Kreuzgang daher, silberbärtige Greise, Männer in der Vollkraft des Lebens und jugendlich blühende Gestalten, manches bleiche, verhärmte Gesicht, manche gefurchte Denkerstirn und viele auch von wohlgenährter, einige von übermäßiger Körperfülle.

Ernst und Richilde verschwanden hinter einem Gebüsch des Gartens, um nicht gesehen zu werden. Sidonie dagegen blieb stehen, betrachtete neugierig die schwarzen Kuttenträger und ließ die brennenden Blicke, mit denen jene finster oder lächelnd und untereinander raunend das schöne Mädchen förmlich umspannen, über sich ergehen, als wollte sie den Weltflüchtigen geflissentlich zeigen, um was sie sich durch ihr Gelübde gebracht hatten.

Es verging noch viel Zeit, ehe der Abt durch einen jungen Mönch Ernst mit Richilde zu sich entbieten ließ. »Ich gehe mit!« entschied Sidonie und ging mit.

Welche von den beiden Fräulein Ernsts Verlobte war, erkannte der Abt sofort an der großen Verzagtheit Richildens, die sich ihm zögernden Schrittes und mit gesenkten Wimpern nahte, während Sidonie dem mit dem goldenen Kreuz geschmückten Prälaten in kampflustiger Stimmung entgegentrat und sich mit gewinnender Anmut vor ihm verneigte.