Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal
Part 20
Sie fand alles im besten Zustande unter der Leitung des tüchtigen und ehrlichen Mannes, und als sie ihm nach beendetem Umgang ihre Zufriedenheit mit dem, was sie gesehen, zu erkennen gab, bat er, daß sie ihm und seiner Frau die Ehre erweisen möchte, einen Imbiß von ihnen anzunehmen. Juliane willigte ein, und bald saßen die drei in der Gartenlaube bei einem Gericht frisch gefangener und vorzüglich gekochter Forellen mit goldgelber Butter und einem kühlen Trunk selbstgekelterten Weines. Die gekrümmten und aufgeplatzten Fische lagen auf einer sauberen Schüssel, von krauser Petersilie zierlich umkränzt und obenauf mit roten Rosenblättern bestreut, daß es gar lieblich und appetitlich aussah und etwas Festliches hatte. Das Gespräch drehte sich um wirtschaftliche Angelegenheiten und um die häuslichen Verhältnisse des Ehepaares, namentlich um dessen Kinder und alle die bescheidenen Freuden und großen und kleinen Sorgen seines arbeitsamen und einfachen Lebens. Das Paar war noch jung, und des Meiers Augen ruhten oft mit einem behaglichen Lächeln auf seiner blühenden Gattin, die ihrerseits liebevoll zu ihm aufblickte und seinen Worten mit einer gewissen Andacht lauschte. Einmal war es Juliane sogar so vorgekommen, als hätten sie sich unter dem Tische verstohlen die Hände gedrückt. Das war auch wirklich geschehen, denn Konz und seine Frau waren von der leutseligen Herablassung ihrer gnädigen Herrin ganz entzückt, und Juliane selbst vergaß als Gast ihrer Untergebenen ihren Kummer und wurde immer teilnehmender und heiterer. Von beiden zur Anlegestelle des Nachens geleitet, schied sie von ihnen mit freundlichem Dank und nahm beinah' fröhlich in dem kleinen Fahrzeuge Platz. Als sie aber mit dem Schifferknaben allein war und schweigend über das Wasser fuhr, überkam sie in der milden Abendruhe, die sie weit und breit umgab und zu welcher der Grundton ihrer Seelenstimmung immer noch in einem scharfen Gegensatze stand, bald wieder eine unaussprechliche Schwermut, und sie seufzte vor sich hin: »Die beiden dort sind glücklicher, als du!«
Das Tal lag im Schatten, aber die Kuppen der Berge glänzten noch in der Abendsonne, und die rundlichen Wipfel der Bäume standen leuchtend gegen den blauen Himmel, an dem fast ohne Bewegung ein paar leichte, rosig angehauchte Wolken schwebten. In dem herrlich grünen Neckar spiegelten sich die waldigen Uferhänge, so daß seine schillernde Farbe noch gesättigter und dunkler erschien, und er zog im Gleichmaß spielender Wellen so breit und ruhig durch sein geschmücktes Bett, als trüge er in der Tiefe seines Stromes an der ragenden Burg und dem freundlichen Dorf vorüber den Frieden selber ins Land hinein. Nur leise schaukelte der Kahn; das Gurgeln des Wassers an seinem Bug, das Knarren und Plätschern der Ruder tönte als einziges Geräusch fast einschläfernd in der feierlichen Stille.
Juliane atmete unbewußt die köstliche Luft, die mit sanftem, kühlem Hauch über die Fläche strich; ihre linke Hand hing lässig über den Bord hinab, daß die Flut ihre schlanken Finger bespülte, und traumverloren ruhten ihre Augen auf dem smaragdgrünen Gewoge neben ihr.
Nun knirschte der Kiel auf dem Sande. Juliane stieg aus und schritt durch den dämmrigen Buchenwald zu ihrem stolzen Schlosse langsam hinan. Ein bewegliches Schauern und Flüstern ging durch die Zweige, hie und da schlich noch ein Sonnenstrahl um die weißlichen Stämme, und ein aufgescheuchter Vogel flatterte durch das Gebüsch. Die Einsame achtete nicht auf das geheimnisvolle Weben des Waldes; nur der eine Gedanke hielt sie gefesselt: hier bis an ihr Lebensende stets so einsam, vielleicht noch einsamer als heute bleiben zu sollen, von Jahr zu Jahr den Wald knospen und grünen und wieder sich färben und entblättern zu sehen, ihr blondes Haar erbleichen, ihr Antlitz verblühen, ihr Herz erkalten zu lassen, von dem markaussaugenden Gram um unerwiderte Liebe fester umsponnen, als ihre mächtigen Türme von den wuchernden Epheuranken. Lastete denn ein Fluch auf der Minneburg, von jenem Kreuzfahrer ihr auferlegt, der sie in Schmerz und Verzweiflung um sein auch verlorenes Liebesglück vor Jahrhunderten erbaut hatte?
Sie gedachte des Horoskops, das ihr ein neues, baldiges Eheglück verheißen hatte. Wo blieb nun die Erfüllung dieser tröstlichen Weissagung? Ließen auch die Sterne sie im Stich?
Gegen den Gedanken an eine Verbindung Richildens mit einem der verhaßten Landschaden hatte sich ihr ganzes Innere empört, und ihr Widerstand dagegen dünkte sie selber unbesiegbar. Hatte sie der eine betrogen, sollte auch der andere nicht selig werden; und noch glaubte sie an die Schicksalsdrohung, daß die Tochter, vor der Mutter vermählt, in ihr Unglück rennen würde. So riß sie ihr einziges Kind mit in ihr trübseliges Geschick hinein und bereitete dem jungen, lebensfrohen Wesen, das ein angeborenes Recht auf alle Freuden des Daseins hatte, das gleiche, traurige Los, dem sie selber vorzeitig verfiel, dem Zuge des Herzens und dem Verlangen der Sehnsucht nicht folgen zu dürfen, sondern hoffnungslos zu verschmachten und zu verkümmern. Und das Ende war, daß auf der Burg der Minne nach einer einsamen, freudlosen Witwe eine einsame, alternde Jungfer hausen und herrschen und kein Nachkomme des aussterbenden Geschlechts sein ritterliches Banner von der Zinne wehen lassen würde.
Unter so düsteren Betrachtungen erreichte sie die Umwallung der Burg, und ihr Mund verzog sich zu einem bitter schmerzlichen Lächeln, als ihr beim Überschreiten der Brücke von Türmer und Wächtern alle der Burgherrin gebührende Ehren erwiesen wurden.
Weiprecht Kleesattel meldete ihr, daß Herr Engelhard von Hirschhorn angekommen wäre und im Palasgemach ihrer harre; die Fräulein wären noch nicht zu Hause.
Engelhard von Hirschhorn? was wollte der hier?
Die Meldung gab Julianens Gedanken sofort eine andere Richtung. Sie hatte zu Lebzeiten ihres Gatten in einem sehr freundschaftlichen Verkehr mit den Hirschhorns gestanden. Einmal, im Baumgarten zu Zwingenberg, hatten sie bei dem beliebten Gesellschaftsspiel des Tragens, wobei die Ritter die Damen und die Damen die Ritter tragen mußten, miteinander gewettet, ob er mit ihr, indem er sie trüge, über einen ihm in gewisser Höhe vorgehaltenen Speer springen könnte, was er behauptete, sie jedoch bestritt. Und als Engelhard die Wette gewonnen, hatte er sich von der schönen Frau die Gunst ausgebeten, sich mit ihr du nennen zu dürfen, was ihm Juliane gerne bewilligt und dem ritterlichen Freunde gegenüber auch niemals zu bereuen hatte.
Juliane wußte, daß Engelhard es war, durch den Elisabeth von Erlickheim die Geschichte mit dem Hagestolzenrecht erfahren hatte, und freute sich nun über die sich ihr darbietende Gelegenheit, ihn dieserhalb einmal zur Rede stellen zu können.
Sie trat dem Gaste mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: »Sei mir willkommen, lieber Freund, und verzeihe, daß du warten mußtest! ich war auf meinem Hof in Neckargerach.«
»Ich habe nichts zu verzeihen, Juliane,« sprach er verbindlich, »du konntest ja nicht wissen, daß ich dich heute besuchen würde.«
»Leider nicht; sonst wäre ich zu Hause geblieben,« erwiderte sie mit einladendem Winke, daß er Platz nehmen möchte. Und ohne ihm in ihrer brennenden Neugier Zeit zu lassen, ihr den Zweck seines Besuches mitzuteilen, steuerte sie unmittelbar auf ihr Ziel los und sagte, ihn freundlich, aber fest anblickend: »Du kommst mir übrigens sehr gelegen; ich habe eine Frage an dich. Sage mir, Engelhard: hast du schon einmal etwas von einem Recht der Hagestolze gehört?«
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr die Frage vor ihm nieder, und es bedurfte der vollen Geistesgegenwart des an Überfälle jeglicher Art gewöhnten Ritters, um seinen Schrecken vor der ihn Auskundschaftenden zu verbergen. Wer, zum Teufel! hat ihr das Licht aufgesteckt? dachte er, gab ihr aber gelassen zur Antwort: »Recht der Hagestolze? jawohl! das ist ein althergebrachtes pfälzisches Erbrecht, laut dessen die Lehen eines unverheirateten Mannes nach seinem Tode an den Lehensherrn zurückfallen.«
»Und das ist alles? weiter ist dabei nichts zu bemerken?« frug sie mit dem Ton einer harmlos heiteren Neugier, als hätte die Sache durchaus keine besondere Wichtigkeit für sie.
»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte er trocken und schon in der Hoffnung, die in Rechtssachen gänzlich unerfahrene Frau mit dieser dürftigen Auskunft über den äußerst heiklen Gegenstand endgültig abgefunden zu haben.
Aber da hatte er sich getäuscht. In ihrem Verdruß darüber, daß er mit dem, was sie zunächst anging, zurückhielt und den Unschuldigen spielte, wollte auch sie ihn nicht merken lassen, was sie davon schon wußte. Darum lachte sie: »Eine drollige Bestimmung! Gibt es denn kein Mittel für die armen Hagestolze, den Folgen dieses sonderbaren Erbrechtes vorzubeugen?«
O doch, eine Heirat! wollte er schon herausplatzen, besann sich aber: Warte Liebchen! so rasch fängst du mich nicht. »Nein,« sagte er kurz angebunden, »dagegen ist nichts zu machen.«
»Und wenn sie tot sind, brauchen sie auch keine Lehen mehr,« lachte Juliane wieder. »Aber für die Verwandten und Blutsfreunde des Verstorbenen ist das doch ein schlimmes Ding,« meinte sie dann; »nicht wahr, Engelhard?«
»Ja, das ist es freilich,« sprach er, halb beunruhigt, halb belustigt durch dieses fortgesetzte Verhör, das einen immer drohenderen Verlauf nahm.
»Da sollte doch wirklich jeder heiratsfähige und noch ledige Mann ein billiges Einsehen haben,« bemerkte sie mit der unbefangensten Miene.
»Das sag' ich auch!« lachte nun Engelhard. »Wenn man das so einem nur klarmachen könnte!«
»Das zu tun wäre die Pflicht seiner Freunde,« sagte Juliane mit einem herausfordernden Blick.
»Oder auch vielleicht einer guten Freundin,« erwiderte Engelhard ebenso anzüglich.
Damit war die Unterhaltung bis zu der Spitze getrieben, auf der das eine nur noch fehlende Wort schwebte, vor dem sie beide haltmachten wie vor einem Rührmichnichtan. Aber Engelhard wollte der sich immer mehr Nähernden nicht weiter entgegenkommen, sondern sie durch sein beständiges Ausweichen zwingen, den Namen Hans zuerst auszusprechen. Ihm, der ja von Julianens erneutem Zorn auf die Landschaden nichts ahnte, war es im Laufe des Gesprächs immer zweifelloser geworden, daß sie das Recht der Hagestolze als etwas ihr Günstiges und Hilfreiches ansah, weil es ein Hebel mehr war, Hans aus seinem Zögern und Zaudern herauszubringen und seine Werbung um sie, auf die sie sehnsüchtig wartete, endlich herbeizuführen. Umsomehr freute er sich nun auf die gewiß großartige Wirkung seiner ihr noch zu machenden Mitteilung, daß Hans sich für sie geschlagen hatte.
Düster sah es während dieses Versteckenspiels in Julianen aus. Sie ärgerte sich über Engelhards Verstocktheit, gegen die ihre List, ihn aus seinem Hinterhalt hervorzulocken, nicht verfangen wollte, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie es nicht fertig brachte, den Stier bei den Hörnern zu packen und dem Verbündeten der Landschaden die Verruchtheit des gegen sie angezettelten Handels mit den schärfsten Worten vorzuhalten. Übellaunisch entgegnete sie auf seine letzte Äußerung: »Ich hasse die Hagestolze und wundere mich nur, daß es überhaupt noch welche gibt.«
»Da hast du ganz recht, liebe Juliane,« erwiderte er lächelnd; »ich wundere mich auch darüber.« Und um sie zu necken und zu reizen, fügte er boshaft hinzu: »Sie werden ja auch glücklicherweise immer seltener, und wenn ein Mann unseres Standes heutzutage unverheiratet bleibt, so ist wohl nur anzunehmen, daß er trotz allen Suchens keine Frau nach seinem Herzen gefunden hat.«
»Anders kann ich es mir auch nicht erklären,« versetzte sie, die Pille hinunterschluckend, »und das wäre noch ein Grund, den man achten müßte. Denn ehrlos wär' es, wenn ein Mann nur darum heiraten wollte, damit seinen Blutsverwandten sein Hab und Gut nicht verloren geht.«
»O das kommt nicht vor,« sprach er dreist. »Kein ritterlicher Mann würde es wagen, aus einem solchen Grunde nur um eine Frau zu werben, denn sie würde seine wahre Absicht bald durchschauen. Meinst du nicht auch, Juliane?«
»Ja, das meine ich auch, Engelhard!« sagte sie vor Erregung zitternd, »und sollte er es dennoch wagen, so würde ihn die Frau mit Spott und Hohn, mit Schimpf und Schande von ihrer Schwelle weisen.«
»Und täte recht daran!« stimmte er unverfroren zu.
»Und doch gibt es Menschen,« fuhr sie immer heftiger werdend fort, »falsche, herzlose Menschen, die sich nicht entblöden, Liebe zu heucheln, wo an Stelle warmer Gefühle nur schnöde Zwecke walten, und andere, habgierige, ränkesüchtige Menschen, die solchen Verrat am Allerheiligsten ausdenken und dazu schüren und hetzen, und noch andere gibt es, die sich kein Gewissen daraus machen, zur Schließung eines aus so nichtswürdigem Grunde zusammengekuppelten Ehebundes hilfreiche Hand zu leisten.«
»Ist nicht möglich!« rief Engelhard verabscheuend aus. Als er aber aus diesen Anspielungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, merkte, daß ihr Bliggers Plan vollständig bekannt war, und wie sie in Wahrheit darüber dachte, ward ihm doch etwas schwül zumute, und es dünkte ihm hohe Zeit, nun gleichfalls andere Saiten aufzuziehen und den Pfeil abzudrücken, den er im Köcher hatte.
»Juliane,« sprach er, »du denkst doch nicht an unseren lieben, braven Hans Landschad, als ob er irgendeiner Falschheit --«
»Sprich mir nicht von den Landschaden!« unterbrach sie ihn jäh und schnellte gleich einer getretenen Schlange vom Sitz empor, »die sind für mich tot!«
»Viel hätte freilich nicht gefehlt, daß Hans --«
»Ich will nichts wissen von ihnen! nichts, als Haß, Haß allem, was Landschaden heißt!«
»Aber Hans hat sich ja --«
Sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Schweig mir vor allem von dem!« unterbrach sie ihn noch aufgebrachter als vorher. »Ich kenne den niederträchtigen Plan, den ihr gegen mich geschmiedet habt. Ich soll den Hagestolz heiraten, nur damit den Landschaden sein Erbe nicht verloren geht. O es ist schändlich! schändlich!« rief sie, die geballte Faust vor die Stirn drückend. »Ich wollte dich ausforschen, Engelhard,« fuhr sie erbittert fort, »ob nicht doch noch ein Irrtum möglich wäre. Aber ich bin durch dich nur noch sicherer geworden, sicher auch darüber, daß du der Gesell und Helfer bei dem schimpflichen Treiben der hinterlistigen Schelme bist. Das ist erbärmlich, Engelhard!«
»Willst du mich hören oder nicht?« fuhr er sie an, mit dem Fuß auf den Boden stampfend.
»Nichts von den Landschaden!« rief sie, von ihm abgekehrt. »Ich hasse sie und will ihr Feind sein, solang ich das Leben habe!«
»Ist das dein letztes Wort, Juliane?« frug er drohend.
»Ja!« sagte sie trotzig und ohne sich umzuwenden.
»Dann lebewohl!« -- Und klirrenden Schrittes ging er hinaus.
Einundzwanzigstes Kapitel.
An der Schmiedeschenke um den Tisch unter der Eiche saßen Ernst und die drei Fräulein von der Minneburg. Unter der Eiche saßen sie wie damals unter der Reiherbuche in eingehender Beratung, was nun, nach den Vorgängen der letzten Tage und dem Schwinden jeder Hoffnung auf Julianens Nachgiebigkeit, geschehen sollte, um die beiden Liebenden zu ihrem Glücke zu vereinigen.
Sidonie hatte gestern abend noch ihren Vater gesprochen. Dieser hatte ihr das Wesentlichste von seiner Unterredung mit Julianen anvertraut und sie genügend darüber aufgeklärt, weil sie ihm sagte, daß sie am nächsten Nachmittag Ernst sehen würde, der ja seinem Vater die nötigen Mitteilungen machen könnte, ohne daß Ohm Hans davon erführe. Auch die Veranlassung zu Hansens Zweikampf hatte Engelhard seiner Tochter nicht verschwiegen und ihr endlich geboten, nach Zwingenberg auf die väterliche Burg zurückzukehren, zugleich aber Sidoniens Bitte, ihre beiden Freundinnen Hiltrud und Richilde mitbringen zu dürfen, gern gewährt. Alle drei waren mit einem Wechsel ihres Aufenthalts sehr einverstanden, denn auf der Minneburg war ihnen unter der Herrschaft von Julianens gegenwärtiger Stimmung das Leben verleidet, soviel sie auch von der sich immer mehr Abschließenden sich selber überlassen waren. Als ihr Sidonie heute morgen den Befehl ihres Vaters, nach Hause zu kommen, und ihren Wunsch, die beiden Freundinnen mitzunehmen, vorgetragen, hatte Juliane mit einem schroffen »Meinetwegen!« sofort zugestimmt, froh, mit ihrem Groll und ihrem Schmerz eine Zeitlang allein bleiben zu können.
Dieser Umstand kam dem Plane sehr zu statten, den sich Ernst ausgesonnen hatte und der nichts Geringeres besagte, als Richildens Entführung.
Er hatte sich des Wortes erinnert, das Ohm Hans hier an dieser Stelle zu ihm und Laux Rapp einmal gesprochen hatte, des Inhaltes, daß sein guter Freund, der Abt von Sinsheim, ihm alles zu Liebe täte, was er von ihm verlangte.
Hierauf bauend und fest entschlossen, für seine Liebe das Äußerste zu wagen, machte er der Geliebten nun den Vorschlag, sie nach Sinsheim zu entführen, sich dort vom Abte mit ihr trauen zu lassen, sie dann nach Neckarsteinach zu bringen und auf der jetzt unbewohnten Vorderburg so lange mit ihr zu bleiben, bis Frau Juliane sich herbeiließ, dem geschlossenen Bunde ihren Segen zu erteilen, wie es sein Vater bereits im Voraus getan hatte.
Die drei Mädchen erschraken erst vor der Kühnheit dieses Planes; aber bald fingen sie an, sich mit den Fährlichkeiten desselben mehr und mehr auszusöhnen. Namentlich Sidonie, die schon damals unter der Reiherbuche, allerdings nur im Scherz, eine Entführung als letztes Auskunftsmittel empfohlen hatte, war schnell dafür gewonnen und brach in hellen Jubel darüber aus. Und was Ernst kaum zu hoffen gewagt hatte, Richilde selbst sträubte sich nicht lange dagegen, sondern erklärte sich nach kräftigem Zureden Sidoniens halb mit Bangen, halb mit Freuden bereit, dem Geliebten in unwandelbarer Treue bis an das Ende der Welt und noch darüber hinaus, bis in den Tod zu folgen. Aus dem schüchternen Mädchen war im Laufe von Tagen, in denen sie soviel Leid erfahren und allerhand Demütigungen seitens ihrer Mutter zu ertragen gehabt hatte, ein fast willensstarkes Wesen geworden, ebenso entschlossen wie Ernst, zur Erreichung ihres Zieles alle fesselnden Bande zu zerreißen. Die Liebe hatte sie gereift, für ihre Liebe wurde ihr kein Schritt zu schwer. Nur Hiltrud konnte nicht umhin, mancherlei Bedenken gegen das unbotmäßige Vorhaben zu äußern; aber auch sie fügte sich endlich den Gründen und Vorstellungen der übrigen und billigte den gefaßten Entschluß. In den Adern dieser beherzten Burgfräulein rollte das Blut ihrer Väter, die selber vor keinem noch so kecken Handstreich zurückbebten, wenn es Ritterehre oder ernsten Kampf oder lockende Beute galt. Hier wirkten nun andere Mächte, die Liebe, die Freundschaft, der Reiz des Abenteuerlichen, und gaben den Ausschlag. Was geschehen sollte, war beschlossen; jetzt handelte es sich um das Wie der Ausführung.
Nach manchem Hin und Wider einigte man sich, die Flucht in folgender Weise zu bewerkstelligen.
Kurz nach dem zweiten Mittage, von heute gerechnet, wollten die Mädchen sich zu ihrem Besuch auf Zwingenberg von Frau Juliane verabschieden. Sie konnten dann, ohne daß es auffiel, einiges Gepäck mit sich auf das Pferd hinter den Sattel nehmen. Der Knecht, den ihnen Juliane wahrscheinlich zum Schutze mitgeben würde, sollte Hiltrud nach Eberbach zu ihren Eltern bringen, denen sie ihre unerwartete Rückkehr vorläufig auf irgendeine glaubliche Weise begründen sollte, um ihnen erst nach einigen Tagen die Wahrheit zu sagen. Sidonie aber wollte das fliehende Paar nach Kloster Sinsheim begleiten, teils in der Eigenschaft als Richildens Ehrendame, teils aus eigenem grenzenlosen Vergnügen an dem köstlichen Spaß, bei dem sie doch unmöglich fehlen konnte, wie sie sagte und die anderen auch einsahen, so daß ihre Begleitung Ernst und Richilde hochwillkommen war. Vermißt konnten die Fräulein nirgend werden, denn Juliane mußte glauben, sie wären auf Zwingenberg, und Sidoniens Eltern würden denken, sie befänden sich noch auf der Minneburg. Nachmittags wollte Ernst mit Sidonie und Richilde hier an der Schmiedeschenke zusammentreffen, um sich mit ihnen in gemächlichem Ritt nach Sinsheim zu begeben. Dort wollten sie erst abends bei einbrechender Dunkelheit ankommen und an der Klosterpforte als von ihrem Wege Verirrte um Aufnahme bitten, die das große und reiche Kloster selbst den beiden Fräulein für die Nacht gewiß nicht versagen würde. Waren sie aber erst einmal darin, so hatten sie mindestens schon halb gewonnenes Spiel. Für den Fall, daß der Abt mit der verlangten Trauung ohne Zustimmung der Mutter der Braut Schwierigkeiten machen sollte, wollte Ernst seinem Ohm Hans Botschaft zurücklassen, die dieser aber erst am folgenden Tage erhalten sollte, mit der Aufforderung, sofort nach Sinsheim zu kommen, um bei seinem hochwürdigen Freunde mit gewichtiger Fürsprache für die Liebenden einzutreten. Seine Wunde war schon so gut geheilt, daß sie ihn in drei Tagen an dem Ritte nicht mehr hindern würde.
So war denn alles aufs beste vorgesehen und verabredet, und nachdem die zum Wagnis Bereiten sich noch einmal gelobt, an dem Beschlossenen unverbrüchlich festzuhalten, nahmen sie bis auf Wiedersehen zärtlichen Abschied voneinander und trennten sich.
Als Ernst daheim seinem Vater erzählte, was ihm Sidonie an der Schmiedeschenke mitgeteilt hatte, namentlich daß Frau Juliane über ein gewisses Recht der Hagestolze und den darauf fußenden Heiratsplan mit Ohm Hans vollständig unterrichtet und von unsagbarer Entrüstung darüber erfüllt sei, wollte Bligger vor Ärger und Grimm schier aus der Haut fahren. Von Julianens erneuter Feindschaft wußte er nur durch den Brief Sidoniens, die aber die Ursache davon nicht hatte angeben können. So glaubte er, dieser Rückfall in die alte Zwietracht hätte nur darin seinen Grund, daß Hans den, wie es schien, von Juliane bevorzugten Ritter Bödigheim im Zweikampf besiegt hatte, also genau so wie vor Jahren, als er selber ihren Gatten, Herrn Zeisolf, niedergeworfen. Aber was er nun hören mußte, war noch viel unheilvoller und drohte alle seine Hoffnungen zu zertrümmern. Sidonie hatte in ihrem Briefe ausdrücklich erwähnt, daß die Mädchen Frau Juliane nichts von dem Zweikampf gesagt hätten, Elisabeth von Erlickheim aber bei ihr gewesen wäre. Nun erriet Bligger mit der ihm eigentümlichen Spürkraft sofort den Zusammenhang des arglistigen Gewebes, das kein anderer eingefädelt haben konnte, als der Lehensträger des Pfalzgrafen und heimliche Gegner der Landschaden, Graf Philipp von Lauffen.
Er überlegte, ob es nun nicht an der Zeit wäre, auch Hans endlich in alles einzuweihen, besann sich aber eines Besseren. Hans mußte unwissend und unschuldig bleiben; denn nun hatte sich ja herausgestellt, daß Juliane die Landschaden nicht haßte, weil sie Bödigheim liebte, sondern weil sie statt der ersehnten Liebe und erwarteten Werbung Hansens einen mit kühler Berechnung gegen sie angelegten Plan entdeckt hatte. Das war immer noch schlimm genug, aber es ließ doch noch einen Funken von Hoffnung auf das Gelingen dieses Planes, wenn sich Juliane von Hansens Unschuld überzeugte. Daher beschloß er, nichts in der Sache zu tun, bevor er nicht Engelhard gesprochen hatte.
So wurde denn der, um dessentwillen alle diese Umtriebe den ganzen Sommer durch spielten, in vollkommener Unkenntnis davon erhalten, und Hans ahnte nicht, daß die von ihm angebetete Frau, die ihn auch während der Jahre völliger Entfremdung nie gehaßt hatte, die er als seine trauteste Freundin wiedergewonnen zu haben, ja deren Herz er zu besitzen glaubte, nun erst und so rasch, wie Tag und Nacht miteinander wechseln, seine erbitterte Feindin geworden war.