Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 16

Chapter 163,847 wordsPublic domain

Hans schwankte einen Augenblick, ob er die Wahrheit gestehen sollte, warum er so geschmückt war. Aber statt seiner war wieder Engelhard rasch mit einer Antwort bereit und sprach: »Nein, Frau Schwieger, er kommt von einem Feste. Die Landschaden haben sich endlich mit Frau Rüdt von Kollenberg versöhnt, und Hans kommt jetzt eben von der Minneburg, wo er Frau Juliane den verpfändeten Wald zurückgegeben hat und --, nun, wie geht es weiter, Hans?«

»Was weiter!« sagte Hans ärgerlich, »sie hat den Wald, und der Zwist ist aus.«

»Wart Ihr allein dort?« frug Margarethe lauernd. »War wohl eine recht zärtliche Versöhnung mit der schönen Juliane?«

»Schade, daß Ihr nicht dabei gewesen seid, Frau von Handschuchsheim!« erwiderte Hans gereizt. »Sonst wüßtet Ihr's und wäret nicht in Unruhe darüber.«

»Warum in Unruhe?« lachte Margarethe. »Ich gönne Euch alles, was Euer Herz begehrt, und Frau Juliane ist eine freigebige Seele; sie wird Euch den verschwenderischsten Dank nicht schuldig geblieben sein.«

»Frau Juliane ist eine Dame, der ich in meiner Gegenwart nichts Übles nachsagen lasse, gnädige Frau!« versetzte Hans mit einiger Heftigkeit.

»O davon bin ich weit entfernt, Junker Hans! Und wenn das geschähe, so hättet Ihr gewiß das beste Recht, die einsame junge Witwe in Schutz zu nehmen,« erwiderte Margarethe spöttisch.

»Unter allen Umständen würde ich das tun, gnädige Frau!« sagte Hans mit zornbebender Stimme und hochrot im Gesicht.

»Wenn sie es doch hören könnte, wie warm und liebevoll Ihr Euch ihrer annehmt!«

»Sie weiß es, auch ohne daß sie es hört!«

»Bin ich fest überzeugt, Junker Hans!«

Hansens Augen schossen Blitze auf seine streitsüchtige Gegnerin; doch er tat, was vorher Engelhard in dem gleichen Falle getan hatte. Er schwieg, leerte schnell seinen Becher und stieß ihn, ebenso wie jener, hart auf den Tisch, gleichsam als wollte er damit einen Punkt hinter diese ihm sehr peinliche Unterhaltung setzen.

Diesmal zuckte Frau Margarethe nicht, aber sie machte eine sehr höhnische Miene.

Engelhard saß und hielt sich die Hand vor den Mund, um sich so das Lachen besser verbeißen zu können, denn Hansens Zank mit seiner Schwiegermutter belustigte ihn aufs höchste. Aber er mußte noch ein bißchen hetzen. »Nimm dich in acht, Hans!« sagte er, »mit meiner Frau Schwieger ziehst du den kürzeren. Und du kannst noch von Glück sagen, daß sie heut ihr entsetzliches Gliederreißen hat, -- nein, Kopfweh, wollt' ich sagen, ihr unerträgliches Kopfweh hat; sonst würdest du noch ganz anders zugedeckt. Nicht wahr, Frau Schwieger?«

»Herr Sohn!« fuhr Margarethe heftig auf, »wie könnt Ihr nur so herzlos sprechen! das soll ein Glück für den einen sein, wenn der andere leidend und elend ist? aber das sieht Euch ähnlich, Euch, der Ihr kein Mitgefühl kennt! -- O Gott! es fängt schon wieder an,« unterbrach sie sich plötzlich mit kläglicher Stimme und hielt sich den Kopf. »Wie mich ein solcher Wortwechsel aufregt! und ich lebe doch so gern in Frieden mit aller Welt. Aber diese ewigen Streitigkeiten machen mich immer mürber, immer kränker und siecher, bis es einmal ganz mit mir vorbei ist.«

»Na ja, da haben wir's!« sagte Engelhard. »Siehst du, Hans, so weit hast du's nun mit deiner Zänkerei und Rechthaberei gebracht! Wenn meiner lieben Schwiegermutter nun etwas zustößt, so bist du schuld!«

»Wird wohl so schlimm nicht werden,« brummte Hans.

»Was? so schlimm nicht werden?« eiferte Margarethe. »Man sieht's, Junker Landschad, daß Ihr keine Frau und besonders keine Schwiegermutter habt --«

»Gott in allen Himmeln sei gedankt! nein!!« rief Hans mit einem Blick nach oben die Hände faltend und wie zu einem Dankgebet erhebend.

»-- darum habt Ihr auch keine Ahnung von der feinfühligen, zartbesaiteten, empfindsamen und erregbaren Natur eines edlen weiblichen Wesens, --«

»-- wie eine Schwiegermutter ist,« schaltete Engelhard lachend ein.

»-- das ihr Männer auf Rosen betten und auf den Händen tragen, dem ihr jeden Wunsch von dem Augen ablesen, unter dessen kluge Leitung ihr euch fügen und schmiegen solltet, statt es unter einem unwürdigen Drucke zu halten, mit Widerspruch zu reizen und mit euren herrischen Launen zu quälen und zu martern. O mein Kopf! mein Kopf!«

Hans und Engelhard sahen einander an.

»Ja, ja!« sagte Engelhard, »nun hast du's auch einmal gehört; ich kann's auswendig.«

»Und ich vergeß' es in meinem Leben nicht wieder,« sprach Hans.

Frau Anna, die in der tödlichsten Verlegenheit gesessen und stumm auf ihren Teller geblickt hatte, gab jetzt ihrer Mutter einen leisen Wink.

»Was willst du?« frug diese laut. »Meinst wohl, ich soll klein beigeben und das Feld räumen? fällt mir nicht ein! Schenkt mir ein, Herr Sohn! Der Wein ist gut und stärkt und hebt mir die Kräfte und alle Lebensgeister --«

Und dann geht es wieder los mit noch verstärkten Kräften, dachte Hans.

»-- und wir können uns ja auch wieder versöhnen, wie wir es schon so manches Mal getan haben, lieber Herr Sohn.«

»Jawohl, liebe Frau Schwieger!« rief Engelhard lustig, füllte ihren Becher und stieß mit ihr an, und die anderen folgten dem Beispiel der beiden.

Als Margarethe dem Junker Hans ihren Becher entgegenhielt, sagte sie: »Jetzt trinke ich auf das Wohl der schönen Frau Juliane Rüdt von Kollenberg, und wer es gut mit ihr meint, der trinkt mit.«

»Da bin ich allemal dabei,« sprach Hans und stürzte seinen Becher voll Wein in einem Zuge hinunter.

»Aha!« machte Engelhard, »Hans, das war gründlich!«

Hans nickte ihm mit einem flammenden Blicke zu, und es kam ihm vom Herzen, als er sprach: »Ja, das sollt' es auch!«

Allmählich, während eines harmloseren Gesprächs, an dem sich nun auch Frau Anna beteiligte, wurde Frau Margarethe von Handschuchsheim immer stiller und stiller; die Augenlider wurden ihr schwer, und sie fing an, mit dem Kopfe zu nicken. Als sie sich ihrer Schläfrigkeit bewußt wurde, stand sie auf und sagte: »Ich muß ein wenig der Ruhe pflegen; die Notwehr gegen euch zänkische Männer hat mich etwas angegriffen; kein Wunder, wenn man mit einem Landschaden streiten muß, einem Meister im Schachspiel, bei welchem der Ritter auch die Dame auf jedem Felde schlagen darf wider alle Sitte und Höflichkeit im Leben.« Diesen kleinen Hieb mußte sie dem Gaste doch noch versetzen. Dann aber bot sie ihm die Hand und fuhr fort: »Lebt wohl, Junker Hans: Werden wir uns bald einmal wiedersehen?«

Wenn's auf mich ankäme, in diesem Leben nicht mehr! dachte Hans, sagte jedoch: »Gewiß, gnädige Frau! sobald wie irgend möglich werde ich mir diese große Freude wieder zu verschaffen suchen.«

Darauf verließ Margarethe das Gemach, begleitet von ihrer Tochter und deren Kindern. Die Männer blieben allein und tranken weiter.

Kaum hatte sich die Tür hinter jenen geschlossen, als Hans seinen vollen Becher wiederum auf einen Zug leerte und dem Trunke ein langgedehntes, befreiendes Ah! folgen ließ.

»Ist sie runter?« lächelte Engelhard; er meinte die Schwiegermutter.

»Noch nicht ganz,« lachte Hans, »aber sie rutscht schon.«

»Sie hat nur eine böse Zunge, nicht eigentlich ein böses Herz,« erklärte nun Engelhard. »Wenn man sich an ihre Art gewöhnt hat und auch gegen sie kein Blatt vor den Mund nimmt, so ist zur Not schon mit ihr auszukommen.«

»Der Teufel mag sich an eine Schwiegermutter gewöhnen!« fuhr Hans heraus, »ich käme mit der Frau nicht aus.«

»Weg damit!« sprach Engelhard, »trink! und laß uns von etwas anderem reden. Erzähle mir von der Minneburg.«

»Da ist nichts zu erzählen,« gab Hans kurz zur Antwort.

»Höre, Hans,« begann nun Engelhard, »wir waren immer treue Kumpane, haben manchen Ritt zusammen gemacht und manchen Trunk miteinander getan; jetzt sage mir einmal offen und ehrlich: wie stehst du mit Juliane?«

Hans wurde wieder rot wie ein Schulknabe, rückte auf seinem Stuhle hin und her, und es wurde ihm sichtlich schwer, dem Freunde darauf eine Antwort zu geben. Endlich sagte er: »Wie soll ich mit ihr stehen? erst waren wir gute Freunde, dann haben wir uns drei Jahre lang nicht gesehen, und jetzt sind wir auf dem besten Wege, wieder gute Freunde zu werden.«

»Du solltest sie heiraten, Hans,« sprach Engelhard nun rund heraus.

»Fängst du schon wieder damit an?!« brauste Hans auf. »Das tue ich nicht!«

»Von der Freundschaft zur Liebe ist zwischen Leuten, wie ihr seid, nur ein Schritt.«

»Den zu tun ich mich wohl hüten werde!« knurrte Hans.

»Aber du kriegst ja doch bei ihr keine Schwiegermutter mit.«

»Wenn auch. Ich will nicht heiraten, niemals, niemals, will keine Ketten tragen, will mich nicht ducken und bücken, nicht leiten und lenken lassen, will bleiben, was ich bin, einsam und allein, frei und ungebunden! Nun weißt du's, hättest es schon längst wissen können, und wenn du mich damit nicht in Ruhe läßt, so reiße ich das Fenster auf und schreie in den Hof hinab, daß sie mir meinen Rappen satteln, weil ich hier oben zu schlecht behandelt würde. Sela!«

Engelhard schüttelte den Kopf und schwieg; er dachte an Bliggers Heiratsplan und an das Recht der Hagestolze.

Sie leerten noch gemächlich und in guter Freundschaft den erst vor kurzem gefüllten Krug; dann verabschiedete sich Hans, wobei ihm Engelhard noch einmal versprach, übermorgen pünktlich zur Stelle zu sein. --

Zu derselben Zeit, da Hans auf der Burg Zwingenberg saß, ritt sein Gegner von der Minneburg aus nach dem Dilsberge zum Grafen Philipp von Lauffen mit der Absicht, diesen um den gleichen Dienst zu ersuchen wie Hans Landschad seinen Freund Engelhard von Hirschhorn.

»Etwas Gutes weissagt dies Gesicht nicht,« sprach Graf Philipp, als Bödigheim bei ihm eintrat.

»Wie man's nimmt,« erwiderte der so Begrüßte. »Schlagt Ihr nicht auch gern Euren besten Feind tot?«

»Bödigheim! wen habt Ihr erschlagen?« frug der Graf erschrocken.

»Noch ist's nicht soweit, aber übermorgen hoffe ich so glücklich zu sein,« gab Bödigheim bissig zur Antwort.

»Wen?« frug Lauffen noch einmal, »doch nicht Hans Landschad?«

»Keinen anderen!«

»Das wäre ein recht dummer Streich,« versetzte der Graf. »Wenn Ihr ihm jetzt den Hals brecht,« fuhr er fort, als Bödigheim ihn finster und verwundert anblickte, »so beerben ihn seine Brüder. Wartet, bis er fünfzig Jahr, drei Monat und zwei Tage alt ist, dann beerben wir ihn, das heißt der Pfalzgraf, und Ihr bekommt das Lehen.«

»Bis dahin hat er Weib und Kind,« knirschte der andere.

»Was sagt Ihr?« fuhr Graf Philipp auf.

»Ich komme von der Minneburg,« ließ sich Bödigheim erregt aus, »habe in aller ritterlicher Form und Höflichkeit um die Rüdt geworben und bin abgewiesen, abgewiesen wie ein Bettler oder wie ein Feind vor aufgezogener Brücke.«

»Weil sie den Landschaden nimmt?«

»Mir ist's kein Zweifel,« erwiderte der Verschmähte. »Als ich in der Bitterkeit meines Mißgeschicks seiner erwähnte, fuhr sie auf mich los, als hätte ich ihr an die Krone gestoßen, als wäre sie schon seine Verlobte und in Liebe zu ihm entbrannt.«

»Und da habt Ihr ihn gefordert?«

»Das hatte ich schon vorher getan.«

»Schon vorher? sehr fürsorglich, Bödigheim!« lachte der Graf.

»Als ich zur Minneburg hinaufritt, kam der Landschad gerade herunter und prahlte mit seinem Glück und höhnte mich.«

»Und übermorgen wollt Ihr Euch mit ihm raufen?«

»Ja, übermorgen vormittag bei der Schmiedeschenke, und ich bitte Euch, Lauffen, daß Ihr dabei mein Zeuge seid. Ihr habt mir's versprochen, mir zu Diensten zu sein, wenn ich Eurer bedürfte.«

»Hm!« machte der Graf, »ich will mich Euch nicht versagen, Bödigheim; aber lieb ist mir's nicht, meinen Nachbarn, den Landschaden gegenüber. Tut mir wenigstens den Gefallen und schlagt ihn nicht ganz tot, wischt ihm eins aus, daß er auf ein paar Wochen genug hat, damit wir Zeit gewinnen. Kommt Zeit, kommt Rat.«

»Doch! ganz tot, mausetot schlage ich ihn, den Tölpel, den Bären!« schnob der Ergrimmte.

Der Graf schwieg ein Weilchen; dann sagte er: »Bödigheim, weiß Frau Rüdt etwas vom Hagestolzenrecht?«

Der Ritter zuckte die Achseln. »Ich war drauf und dran, sie danach zu fragen und sie darüber aufzuklären; aber Ihr hattet mir ja die Zunge gebunden.«

»Ich weiß, ich weiß,« erwiderte der Graf. »Aber unter diesen Umständen wäre es doch gut, wenn sie erführe, warum Hans Landschad sie eigentlich heiraten will oder heiraten soll.«

»Ich kann es ihr jetzt nicht mehr sagen.«

»Ihr nicht; aber ist nicht Eure Schwester, Frau von Erlickheim, mit der Rüdt befreundet?«

»Ich glaube wohl,« sprach Bödigheim; »ich überschreite die Schwelle meines Schwagers nicht.«

»Das wäre ja auch nicht nötig; Ihr könnt ja Eurer Schwester schreiben.«

»Meint Ihr?« erwiderte der andere. »Übrigens habe ich Grund zu vermuten, daß Elisabeth von der Sache weiß. Sie sandte mir kürzlich einen Wink, ich sollte mich sputen, mit Julianen ins reine zu kommen; ein anderer würbe um sie.«

»Und doch habt Ihr, von Eurer Schwester und mir zur Eile getrieben, so lange gezögert und gezaudert, bis Euch nun der andere zuvorgekommen ist? Unbegreiflich, unverantwortlich, Bödigheim!«

»Ich sehe es ein und bereue es, aber jetzt ist es zu spät.«

»Vielleicht noch nicht. Gleich setzt Euch und schreibt! Dort ist alles, was Ihr braucht; ich bestelle inzwischen einen Boten.«

So geschah es. Bödigheim schrieb einen Brief an seine Schwester, sie möchte Frau Rüdt von Kollenberg über das Recht der Hagestolze aufklären, und daß Hans Landschad sie nur darum heiraten wollte. Auch daß er mit seiner Werbung von Juliane rund abgewiesen war, teilte er der Schwester mit. Graf Philipp aber befahl einem Knechte, sich zu einem Botenritt nach Burg Stolzeneck bereitzumachen. --

Als Hans gegen Abend heimkehrte und seinem Bruder Bligger meldete, daß Juliane den Wald mit allem Dank angenommen hätte und bald selber zur Versöhnungsfeier nach Neckarsteinach kommen wollte, war Bligger hocherfreut, nahm jedoch den arglosen Friedensvermittler noch in ein scharfes Verhör über seine heutige Unterhaltung mit Juliane und der letzteren Benehmen gegen ihn. Er erfuhr zwar nicht alles, doch immerhin genug von dem, was er zu hören wünschte.

Hans erzählte ihm dann auch, daß er bei Engelhard von Hirschhorn gewesen wäre, damit Bligger nicht denken sollte, er hätte den ganzen Tag bei Juliane auf der Minneburg gesessen.

Den Anlaß aber seines Besuches auf Zwingenberg, die Begegnung mit Bruno von Bödigheim und die Herausforderung zum Zweikampf, verschwieg er dem Bruder.

Nachdem ihn Hans verlassen hatte, suchte Bligger gleich seine Gattin auf, traf sie jedoch nicht allein und raunte ihr deshalb nur vergnügt und voller Hoffnung zu: »Käthe! Hans ist zurück; es geht alles nach Wunsch!«

Sechzehntes Kapitel.

Ernst verbrachte den Tag, an welchen Hans mit Sidonie nach der Minneburg geritten war, in großer Unruhe. Er wäre so gerne mitgeritten und grollte seinem Vater, der es ihm verboten hatte. Mit seiner ganzen Sehnsucht begleitete er die beiden auf ihrem Ritte, berechnete die Zeit, wann sie dort ankommen mußten, und beneidete Hans, daß dieser, dem wenig daran gelegen sein konnte, Richilde heute wiedersah, während er selber, den es heiß danach verlangte, dieses Glückes nicht teilhaftig wurde. Jetzt sind sie da, sagte er sich, setzt sieht Ohm Hans das holde Mädchen, drückt ihr die Hand und blickt ihr in die lieben süßen Augen; sie spricht mit ihm und lächelt ihn an und wundert sich im stillen, daß du nicht mitgekommen bist. Was wird sie davon denken, wenn es ihr Sidonie nicht sagt, warum du zurückgeblieben bist! aber sie wird es ihr sagen; Sidonie ist klug und euch wohlgesinnt. Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Vormittag und wurden dann von der Ungeduld abgelöst, mit der er Hans zurückerwartete, um ihn über Richilde ausfragen zu können.

In dem Drange, sein übervolles Herz durch offenes Aussprechen zu erleichtern, vertraute er sein Hoffen und Sehnen der ihn auf stillen Waldwegen wieder begleitenden Josephine an, die auch seinem ausführlichen Gespräch über die von ihm einzig Geliebte mit großer Aufmerksamkeit folgte. Aber seit jenem Abend auf Burg Schadeck, der ihr in einer tief demütigenden Erinnerung stand, war mit ihr eine Wandlung vorgegangen. In dem heißblütigem leidenschaftlichen Mädchen war das Weib erwacht, das seine Liebe nicht zurückgewiesen, seine Hingebung nicht um einer anderen willen verschmäht wissen wollte, und das voll Eifersucht und Haß auf die Bevorzugte den Wunsch hatte, sich an dieser rächen zu können. Darum lauschte sie seinen Plänen und vorhabenden Schritten nur mit der Absicht, sie zu hemmen und zu durchkreuzen, und gab die Hoffnung, Ernsts Liebe zu gewinnen, noch immer nicht auf, welcher Mittel auch sie sich dazu bedienen müßte.

Um über alles zu ihren Zwecken Brauchbare genau unterrichtet zu sein, ging sie ihren Vater an, ihr nicht nur Richildens, sondern auch Julianens Horoskop vollständig mitzuteilen, und es gelang ihr auch, ihm Wort für Wort zu entlocken, was er der Herrin der Minneburg damals in dem Erker ihres Palasgemaches gesagt hatte. --

Der Abend kam heran, ehe Hans zurückkehrte; doch Ernst konnte den Oheim nicht mehr sprechen und erfuhr nur von seinem Vater, daß die Angelegenheit mit dem Walde zu allseitiger Zufriedenheit erledigt und die völlige Versöhnung mit Frau Rüdt von Kollenberg auf dem besten Wege wäre; er könnte nun nach der Minneburg reiten, so oft es ihm beliebte. Die Worte waren seinen Ohren eine Musik, die ihm bis ins Herz hinein klang und sein Verlangen aufs äußerste steigerte, sich von Ohm Hans erzählen zu lassen, wie sich alles zugetragen hatte.

Am andern Morgen früh genug, um sicher zu sein, daß Hans nicht etwa schon wieder Gott weiß wohin entschlüpft war, begab sich Ernst zu ihm auf Burg Schadeck.

»Kommst du, mein Bursch?« tief ihm Hans fröhlich entgegen, »meinst wohl, ich hätte es nicht ohne dich fertig gebracht auf der Minneburg? Oh! was du dir denkst! Oder willst du mich nun auch ausholen wie gestern abend dein Vater schon getan hat? Was ich gesagt hätte, und was sie gesagt hätte, was ich darauf entgegnet, und was sie dann wieder geredet hätte; das ging in einem so fort, als ob ich auf der Streckleiter läge, und er zog immer schärfer an und frug und frug, daß ich gar nicht mehr wußte, was ich antworten sollte.«

»Die Hauptsache weiß ich, Ohm Hans,« erwiderte Ernst; »aber du mußt mir nun ausführlich erzählen, was du auf der Minneburg alles erlebt hast.«

Dazu ließ sich denn der gutmütige Hans auch herbei; aber er machte es seinem Neffen gegenüber ebenso, wie er es gestern seinem Bruder gegenüber gemacht hatte: er sagte ihm soviel, wie er mitzuteilen für gut fand, und behielt das Beste für sich.

»Waren die drei Fräulein bei eurer Verhandlung zugegen?« frug Ernst.

»Nein; Sidonie nahm ihre beiden Freundinnen gleich mit sich aus dem Zimmer; ich habe sie nur flüchtig gesehen,« erwiderte Hans.

»Aber doch auch gesprochen?«

»Nur kurz bei meiner Ankunft und beim Abschied,« sagte Hans; »sie waren munter wie Eichkätzchen.«

»Fräulein Richilde auch?«

»Gewiß!«

»Wird sie mitkommen, wenn ihre Mutter uns nächstens hier besucht?«

»Weiß ich nicht, ist aber wohl möglich.«

»Hat sie nach mir gefragt?«

»Nach dir gefragt? nein! wie sollte sie denn dazu kommen?« entgegnete Hans, immer verwunderter über die seltsamen Fragen seines Neffen.

»Nun, ich dachte, weil ich dich diesmal nicht begleitete.«

»Und da meinst du wohl, sie hätte dich vermißt?«

»Das hoff' ich,« sprach Ernst.

»So? das hoffst du? sieh mal an! Was hast du denn für Gründe zu solcher Hoffnung?« Ernst schlug die Augen nieder und schwieg. Hans aber sah ihn mit einem langen, aufmerksam prüfenden Blick an, denn es stieg ihm der Verdacht auf, den er nicht aussprechen mochte, weil er ihm selber zu unsinnig erschien. Doch frug er: »Wann hast du sie denn zuletzt gesehen?«

»Mit dir, Ohm, bei unserem Besuch auf der Minneburg; seitdem leider nicht.«

»Und die Rinke da an deinem Gürtel, die du jetzt immer trägst, die hast du von ihr?«

»Jawohl; sie gab sie mir, als sie den Reiher geschossen hatte. Das habe ich dir ja erzählt, und solch ein Andenken muß man doch in Ehren halten.«

»Freilich, freilich!« sagte Hans nachdenklich. Er wurde immer mißtrauischer. Sollte es denn wirklich menschenmöglich sein? Er mußte Gewißheit haben. »Ernst!« sprach er beide Fäuste in die Hüften stemmend mit lauter Stimme, »nicht wahr, verliebt bist du doch in Fräulein Richilde nicht?!«

»Ohm Hans, statt der Antwort eine Frage!« erwiderte Ernst errötend. »Hast du die Versöhnung mit Frau Rüdt von Kollenberg so gut, so vollständig zuwege gebracht, daß sie mir, wenn ich sie darum bäte, ihre Tochter zur Frau geben würde?«

Hans setzte sich, er sank förmlich in seinen Elensgeweihsessel und starrte den vor ihm Stehenden mit offenem Munde sprachlos an. »Junge!« rief er endlich, »du willst -- heiraten?!« Er brachte das Wort kaum über die Lippen.

»Warum denn nicht?« lachte Ernst, »groß genug bin ich doch dazu.«

»Verrückt bist du!« schrie Hans.

»Schilt, soviel du willst, Ohm Hans!« sprach Ernst, »aber hilf mir!«

»Daß ich ein Narr wäre!«

»Willst du denn nicht mein Glück?«

»Eine Heirat ist ein Unglück!«

»Dafür hast du keine Beweise.«

»Genug, in Hülle und Fülle« rief Hans. »Glücklich ist nur der ledige Mann. Sieh mich doch an! was fehlt mir denn?«

»Vor allem eine Frau,« lachte Ernst.

»Junge! Gelbschnabel! da setze dich hin und höre mich an!«

Ernst setzte sich dem Oheim gegenüber, und dieser begann: »Sage mir, liebst du die Freiheit, die Ungebundenheit, das wohlige, sichere Bewußtsein, tun und lassen zu können, was du willst, gehen, wohin, wiederkommen zu können, wann es dir gefällt, keinen Menschen etwas fragen, keinem Menschen über etwas Rede stehen zu müssen, kurzum ganz nach deinen Wünschen, nach deinem Belieben und Geschmack leben zu können? He? antworte!«

»Gewiß, Ohm Hans! wer möchte das nicht?« erwiderte Ernst.

»Damit ist es aber aus, ein für allemal rein aus, wenn man eine Frau am Halse hat,« eiferte Hans. »Ich bin hier Herr in meiner Burg, und niemand hat hier zu befehlen, als ich allein. Ich kann aufstehen, wann ich will, und kann so lange schlafen, wie es mir behagt, kann zu Mittag essen, wann ich Lust habe, niemand wartet auf mich; ich komme nie zu spät; ich muß nicht reden, wenn ich lieber schweigen möchte, ich muß nicht mitgehen, wo ich lieber wegbliebe. Ich kann trinken, so lange ich Durst habe, kann mir zu Gaste laden, wen ich bewirten will, kann die Nacht zum Tage machen und kann hier alles zu unterst und zu oberst kehren, wenn es mir Spaß macht. Das alles können die unglücklichen Ehemänner nicht, denn sie sind nichts, als die Vasallen ihrer Weiber.«

»Ohm Hans, so sprichst du, weil du das Glück der Liebe nicht kennst,« hielt ihm Ernst entgegen.

»Ich spreche nicht vom Glück der Liebe, ich spreche vom Unglück, von der unerträglichen Pein und den tausend Schrecken der Ehe,« sagte Hans. »Ernst, laß dich warnen, ehe es zu spät ist! Steckst du erst einmal darin in dem Elend, so ziehen dich keine zehn Pferde wieder heraus. Du darfst nicht mehr nach deinem Willen leben, sondern nach dem Willen deiner Frau und nach Zeit und Stunde, die sie dir bestimmt. Sie sagt es dir, wann du Hunger und Durst haben und wann du schlafen sollst, aber schnarchen darfst du auch nicht, mußt dich überhaupt fügen und in allen Stücken nach ihr richten, wie sie es von dir zu verlangen gerade die Laune hat; und wer kann Weiberlaunen zählen? wer sie berechnen? wer sie befriedigen? Du mußt sinnen, womit du deine Frau freundlich stimmst und versöhnst, wenn sie schmollt, und sie schmollt immer. Glaubst du, daß du ihr jemals etwas recht machst? niemals! sie ist viel klüger als du, tut wenigstens so, weiß alles besser als du, widerspricht dir, tadelt und schilt dich; du wirst deines Lebens nicht froh und hast keine ruhige Stunde mehr. Und dann das Kleinkindergeschrei und was da alles noch so drum und dran hängt! O du mein Saitenspiel! Weiber und kleine Kinder! Ernst, das ist über alle Maßen schauderhaft!«

Ernst mußte ihm ins Gesicht lachen: »Als wenn du jemals mit kleinen Kindern etwas zu tun gehabt hättest!«