Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal
Part 15
Hans war vollkommen sprachlos, und es war nicht das klügste Gesicht, das er bei diesem unvermuteten Angriff machte, denn es wirbelte ihm wie närrisch im Kopfe herum, und wie von einer Wespe gestochen, fuhr seine Hand unwillkürlich von der Tasche zurück. Wo blieb nun die ganze schöne Einleitung und Überraschung, die sich nach der sorgfältigen Vorbereitung im Walde von Wort zu Wort steigern sollte, um in dem glänzendsten Erfolge zu gipfeln? Damit war es nun nichts. Auf das, wie es nun gekommen, war er nicht im mindesten vorbereitet; jetzt war er selber der Überzuckte und hatte weder den Mut noch die Geistesgegenwart, Julianens merkwürdigen Treffer durch einen geschickten Gegenstoß zu überbieten und sie mit erkünstelten Hindernissen und Schwierigkeiten zu necken und hinzuhalten, um zuletzt mit einem desto stolzeren und glücklicheren Siege über sie zu triumphieren.
»Frau Juliane,« sagte er, nachdem er sich einigermaßen gesammelt hatte, »ich bin schier fassungslos vor Staunen über Euren wunderbaren Scharfblick. Ihr habt es erraten: hier in der Tasche steckt der Pfandbrief, und ich freue mich ganz ungemein darüber, daß Ihr nicht einen Augenblick angenommen habt, ich hätte wieder herkommen können, ohne Euch die Erfüllung Eures Wunsches zu überbringen.« Und in die Tasche greifend und ihr die Urkunde darbietend, fuhr er fort: »Hier, edle Frau, nehmt Euren Wald von uns zurück!«
Mit einem rührend innigen Blick und in einer überaus holdseligen Verwirrung, die ihr Antlitz mädchenhaft verjüngte und noch verschönte, nahm sie das Schriftstück hin und reichte dem wiedergewonnenen Freunde die Hand mit den wenigen, aber herzlich warm gesprochenen Worten: »Ich danke Euch, Junker Hans!«
Er sah sie mit seinem strahlendsten Lächeln an, während ihm das Herz in Erwartung des nun Kommenden heftig klopfte. Aber das Lächeln schwand mehr und mehr aus seinem Gesicht, als nichts weiter erfolgte. Sie fiel ihm nicht um den Hals, wie es doch Sidonie für das Nächstliegende und einzig richtige in diesem feierlichen Augenblick halten mußte. Statt dessen erhob sie sich, zog einen Schlüssel aus ihrem Kleide und sprach: »Laßt uns nun auch gleich alles in Ordnung bringen, damit die Sache gänzlich abgetan und vergessen ist.« Sie hatte den Pfandbrief auf den Tisch gelegt, der neben ihrem Sessel stand, und ging nun zu einem Schrein und erschloß ihn.
»Was meint Ihr, Frau Juliane?« frug er.
Sie lächelte verlegen und sagte: »Nun, -- Ihr habt wohl die Güte, es mitzunehmen, -- es liegt schon bereit, -- die zweihundert Gulden --«
Schnell sprang er auf. »Ihr habt mich mißverstanden,« sprach er freundlich; »von dem Lösegeld ist keine Rede mehr.«
Sie sah ihn erstaunt an, als begriffe sie noch immer nicht. »Wie sagt Ihr?«
»Der Wald ist Euer und bleibt Euer, und nicht einen Pfennig nehmen wir dafür von Euch an,« erwiderte er bestimmt.
Sie wurde sehr bleich und starrte vor sich hin ohne eine Antwort zu geben.
Jetzt aufgepaßt! dachte Hans; es glückt doch noch, und dann festhalten, ganz festhalten! hatte Sidonie gesagt.
Aber kalt und hart kam es von Julianens Lippen: »Ich nehme nichts geschenkt von euch!«
Da wallte es heiß in ihm auf. Die Stirnader schwoll ihm; hastig ergriff er den Brief, und ihn mit beiden Fäusten vor sich haltend rief er, dunkelrot im Gesicht, mit lauter Stimme: »Frau Juliane! in tausend Fetzen zerreiße ich den Brief und werfe sie Euch vor die Füße, wenn Ihr noch ein Wort von Zahlen oder Schenken sprecht! Ich bin hergekommen in der Freude meines Herzens, Euch den Wald wiederzubringen, wonach ich lange getrachtet habe, und mein Arm, mein Schwert und mein Blut stehen Euch zu Diensten in jedem Augenblick, da Ihr sie fordert, aber verflucht der Pfennig, der aus Eurer Hand in meine geht! Da!« -- er donnerte den Brief auf den Tisch -- »da liegt das Gekritzel! ich nehme nichts mit; schickt's, wenn Ihr's nicht lassen könnt, aber einen Landschaden seht Ihr auf Eurer Burg dann niemals wieder!« Er bebte am ganzen Leibe und stand wie ein gereizter Löwe, die blonde Mähne schüttelnd und mit zornsprühenden Augen.
So hatte ihn Juliane nie gesehen. Während es in ihr wogte und stürmte, schaute sie ihn gedankenvoll prüfend an, als wollte sie bis auf den Grund seiner Seele blicken. Dann sprach sie: »Junker Hans, vor einiger Zeit war ein Jude hier, der mir aus den Sternen wahrsagte, daß mir binnen kurzem ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gehen würde. Die Prophezeiung trifft nun ein. Ihr bringt mir den Wald zurück, und --«
»Und Ihr nehmt ihn, wie ich ihn biete?« frug er freudig bewegt, ihr beide Hände entgegenstreckend.
»Ja!« sagte sie fest.
Sie hielten sich an beiden Händen erfaßt und sahen einander tief in die Augen. Auf seiner wie auf ihrer Lippe schwebte ein Wort, vielleicht ein Schrei, der sich aus ihren Herzen emporrang, aber -- die Lippen blieben stumm. Hätte einer von ihnen einen Laut nur von sich gegeben, sie wären sich Brust an Brust gesunken. Jeder erwartete vom andern etwas, das nicht geschah, und der entscheidende Augenblick ging ohne Schicksalsspruch vorüber.
Die Hände lösten sich. Juliane wandte sich mit einem unterdrückten Seufzer ab und verschloß den Schrein wieder. Ihr war, als schlösse sie ihr Herz zu.
»Lebt wohl!« sprach er dumpf und ging zur Tür.
Sie nickte stumm aber rührte sich nicht.
An der Tür kehrte er sich noch einmal nach ihr um, sah sie mit einem hoffnungslos traurigen Blick an, und wie ein Scheidegruß auf ewig kam es ihm aus eingeschnürter Kehle: »Lebt wohl, Juliane!«
Da hielt sie sich nicht länger; sie lief fast auf ihn zu, packte ihn an der Hand und rief: »Bleibt! -- ich habe mit Euch zu reden.«
Sie führte ihn zum Erker, deutete auf die eine Bank darin und setzte sich selber auf die andere ihm gegenüber. Als sie beide so saßen und sich anblickten, zeichnete sich in Hansens Gesicht die gespannteste Erwartung, während Juliane vor innerer Erregung kaum Worte fand, um das auszusprechen, was ihr endlich einmal von der Seele herunter mußte.
»Hans Landschad,« begann sie endlich, »wißt Ihr noch, was vor drei Jahren einmal hier im Gemache -- dort an dem Kredenztische war es -- zwischen zwei Menschen geschah, die, wie es damals schien, einander lieb hatten?«
»Ich weiß es noch, Juliane,« erwiderte er höchst betroffen von dieser Einleitung des Gespräches. »In den Armen lagen sich zwei, die in dem Augenblick vergessen hatten, was sie einem Dritten schuldig waren.«
»Ja, so war es,« sagte sie; »doch sie besannen sich noch zur rechten Zeit darauf und trennten sich. Ihr stürmtet hinaus, und als ich zur Besinnung kam, dankte ich es Euch im stillen. Aber jetzt frage ich Euch: warum kamt Ihr niemals wieder?«
»Ich wollte nicht zum Verräter werden an jenem Dritten.«
»Ihr beschämt mich mit dieser Antwort,« sprach sie errötend. »Aber warum kamt Ihr auch dann nicht wieder, als Ihr jenen Dritten nicht mehr verraten konntet?«
»Weil ich glaubte, Ihr haßtet mich wie uns alle.«
»Euch hab' ich nie gehaßt!« erwiderte sie mit bewegter Stimme und einem innigen Blick.
»Juliane!!« rief er aufspringend.
»Bleibt sitzen!« sagte sie schnell und streckte wie abwehrend die Hand gegen ihn vor, »ich habe noch eine dritte Frage. Warum kommt Ihr jetzt wieder? warum bringt Ihr mir meinen Wald ohne Lösegeld zurück? warum sucht Ihr jetzt Frieden und Freundschaft mit mir, die Ihr doch drei Jahre lang entbehren konntet?«
»Wenn ich es ehrlich sagen soll,« erwiderte er zögernd, »auf Antrieb meines Bruders Bligger.«
»Auf Antrieb Eures Bruders!« wiederholte sie bitter enttäuscht; »also nicht aus eigenem. Ich danke Euch für Eure Ehrlichkeit, Junker Hans!«
Er wurde sehr verlegen und sah ein, welche ungeschickte, fast kränkende Antwort er ihr gegeben hatte. »Ich wollte nur sagen,« stotterte er, »daß von Bligger der Vorschlag ausging wegen des Waldes, aber ich bin gern gekommen, freilich das erstemal nicht, weil ich mich vor Euch fürchtete, aber heute, heute bin ich gern gekommen, weil ich dachte, Euch eine Freude zu machen mit dem Walde. Seht doch! mein bestes Zaumzeug hab' ich aufgelegt, das beste Wams meinem Rosse -- nein, nein! umgekehrt!«
»Euer bestes Zaumzeug! wie gut Ihr seid!« lächelte sie. »Aber wenn Ihr es nicht sagtet,« fuhr sie fort, »so glaubt' ich es nicht, daß Eurem Bruder Bligger an dem Frieden mit mir etwas gelegen wäre; oder hat er seine besonderen Gründe, sich der Feindschaft gegen mich zu begeben? sagt mir auch das noch!«
»Ich wüßte keinen,« erwiderte Hans. »Ihr verkennt Bligger; er ist Euch nicht feindlich gesinnt und wünscht aufrichtig wie wir alle, mit Euch in Frieden zu leben.«
Sie dachte ein paar Sekunden lang nach und sah ihn prüfend an, ob er wohl in diesem Augenblick die volle Wahrheit spräche.
Dann sagte sie: »Gut! so werde ich kommen und den Frauen, Euren Schwägerinnen Katharina und Agnes, die Hand zur Versöhnung bieten.«
»Ihr werdet hochwillkommen sein,« erwiderte er. »Aber, Juliane, -- wie stehen fortan wir beide miteinander? ist auch zwischen uns nun wieder Friede und Freundschaft?«
»Friede? Freundschaft?« sprach sie ihm langsam nach. »War denn Unfriede zwischen uns? wart Ihr mein Feind?«
»Niemals! niemals, Juliane!« beteuerte er. »Aber als ich neulich nach langer Zeit zum ersten Male wieder hier war, da schien es mir, als wären wir uns sehr -- sehr fremd geworden.«
»Ist's meine Schuld?«
»Nein, nein! ich weiß, ich hab's verdient, was Ihr mich fühlen ließet. Aber nun, -- wollt Ihr mir verzeihen, Juliane? wollt Ihr mich wieder aufnehmen in Huld und Gnaden?« frug er, sich vom Sitze erhebend mit bittendem Blick und ihr die Hand entgegenhaltend.
»Von Herzen gern, lieber Freund!« gab sie ihm mit vollem, warmem Tone zur Antwort und reichte ihm ihre Hand, die er nicht wieder losließ.
»Ihr macht mich sehr glücklich, Juliane! sehr glücklich!« flüsterte er.
Sie schritten langsam Hand in Hand durch das große Gemach, aber nicht nach dem Ausgange, sondern er führte sie auf den Kredenztisch zu. Sie erriet seine Absicht, blieb auf halbem Wege stehen und sah ihn schalkhaft listig an. Da begegnete sie einem heißen, ihre ganze Gestalt umlohenden Blick und sah, wie seine breite Brust sich hob und senkte. Wie schön, wie heldenkühn erschien er ihr in diesem Augenblick! sie erglühte und zitterte vor dem starken Manne und wollte unwillkürlich einen Schritt vor ihm zurückweichen. Er aber umfaßte nun mit beiden Händen ihre Hand, drückte sie erst an seine Brust und dann an die Lippen und preßte sie so gewaltig, daß sie Juliane fast schmerzte. »Darf ich wiederkommen, Juliane?« frug er leise.
»So oft Ihr wollt!« hauchte sie mit schimmernden Augen zu ihm aufblickend.
»Dank! Dank! lebt wohl! auf Wiedersehen!«
»Auf baldig Wiedersehen, lieber Freund!«
Aber während des Scheidens noch hielten sie sich mit weit ausgestreckten Armen bei den Händen, als könnten sich diese so wenig voneinander trennen wie die strahlenden Augen, mit denen sie sich fröhlich zunickten. Dann riß er sich los und eilte schnell hinaus, beinahe so schnell wie damals vor drei Jahren.
Ein Atemzug, bis in die Seele hinein und heraus voll Glück und Wonnegefühl, weitete Julianens Brust, als sie allein war. Ihr wankten die Knie, sie mußte sich stützen und schritt nun zu dem Kredenztisch, um sich daran zu lehnen. »Aus alter Liebe und jungem Haß wird neues Glück erblühen,« sprach sie vor sich hin. »Wenn es wahr würde, was die Sterne prophezeiten! -- Kann er denn wirklich lieben, der Ritter Hagestolz, der Ehehasser?« Regungslos, gedankenvoll stand die schöne, tief erregte Frau, wie in Träumen lächelnd, in Hoffnungen sich wiegend. Da hörte sie draußen auf der Treppe wohlbekannte Stimmen, und schnell gefaßt sprang sie zu ihrem Erker und machte sich dort zu schaffen.
Die drei jungen Mädchen kamen herein, und siehe da! -- die Rose, die vorher an Sidoniens Mieder gesteckt hatte, schmückte jetzt Richildens Brust. Juliane bemerkte das sofort, war aber zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um dem Grunde, warum die mitgebrachte Rose von einer Mädchenbrust zur anderen gewandert war, jetzt nachzuforschen. Auf ihrem Antlitz lag noch der Abglanz der Freude, die ihr die eben vergangene Stunde gebracht hatte, und sie war in der glücklichsten Stimmung. Sidonie erkannte das auf den ersten Blick. Ohm Hans hat seine Sache gut gemacht; sie sind einig, dachte die Schlaue.
»Nun wie ist's abgelaufen, Mutter?« frug Richilde.
»Gut! wir haben unsern Wald wieder, und ihr könnt nun darin jagen und pirschen, so viel ihr wollt,« gab Juliane fröhlich zur Antwort.
»O wie herrlich! o wie freue ich mich, daß dir dieser Wunsch endlich erfüllt ist!« rief Richilde.
»Ich auch,« sagte Juliane, »und nun will ich euch auch gestehen, daß mir der Sterndeuter dies schon aus meinem Horoskop prophezeit hatte. Von dem Walde wußte er nichts, aber er sagte, es würde mir bald ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gehen.«
»Siehst du, Sidonie!« frohlockte nun Hiltrud, »du wolltest den Prophezeiungen des weisen Juden keinen Glauben schenken, und nun ist es doch richtig eingetroffen, was er Frau Juliane vorausgesagt hat. Junker Hans hat es wahr gemacht.«
»Drum war er auch so lustig, als er abritt,« sagte Richilde.
»Hm!« machte Sidonie nachdenklich und mit einem aufmerksamen Blick auf Juliane, »dann soll mich doch wundern, ob auch das in Erfüllung gehen wird, was Isaak Zachäus dem Ohm Hans aus seinem Horoskop prophezeit hat.«
»Zachäus hat Junker Hans das Horoskop gestellt?« frug Juliane schnell.
»Freilich,« lachte Sidonie, »aber ich glaube doch nicht daran! Denkt euch! er hat prophezeit, Ohm Hans würde sein Glück einmal in einem Kloster finden! Ist das nicht zum Lachen?«
Aber Juliane lachte nicht; ihr stockte das Blut vor Schreck über diese Kunde, und alle Farbe wich aus ihrem Antlitz. Sie sprach kein Wort.
Richilde dagegen lachte sorglos: »Junker Hans ein Mönch werden? das ist ja nicht möglich.«
»Nein, nein! das wird wohl ganz anders gemeint sein,« sprach Hiltrud.
Sidonie merkte, welchen niederschlagenden Eindruck auf Julianen ihre Mitteilung gemacht hatte. Das war die kleine Bosheit, die sie sich mittlerweile ausgesonnen hatte, um sich für Julianens Heuchelei ihr gegenüber zu rächen.
Julianen aber kam es in diesem Augenblick zum erschütternden Bewußtsein, daß sie den ritterlichen Junker Hans Landschad liebte.
Fünfzehntes Kapitel.
Hans war seelenfroh, als er den Weg von der Minneburg hinabritt. War auch nicht alles so gekommen, wie er es sich gewünscht und gedacht hatte, so konnte er doch mit diesem ersten Erfolge seiner Bemühungen um die Wiedergewinnung von Julianens Gunst vollauf zufrieden sein und glaubte sich zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Wäre er kühner gewesen, so wäre er vielleicht weiter gekommen, sagte er sich. Allein er hatte wohl gemerkt, wie Juliane vor der erinnerungsvollen Stelle am Kredenztische zurückwich. Sie wollte also nicht im Sturm genommen sein, sie wollte geworben werden, und er durfte ja wiederkommen, so oft er wollte. Das sollte sie ihm nicht zweimal sagen; das nächste Mal würde sie schon zutraulicher, schon hingebender sein. Damit tröstete er sich und freute sich darauf, seinem Bruder Bligger die völlige Versöhnung mit Juliane verkünden und ihren baldigen Besuch in Neckarsteinach anmelden zu können.
In seiner Herzensfreude stimmte er, sein Pferd bergab scharf im Zügel haltend, ein Lied an, daß es unter den Buchenwipfeln schallte und hallte. Als er aber unten im Tale angekommen und in die Landstraße einlenkend um die Ecke bog, brach er mit dem Singen jäh ab, denn er stieß fast Roß gegen Roß auf einen andern daherkommenden Reiter, in welchem er den Ritter Bruno von Bödigheim erkannte.
Beider Blicke verfinsterten sich bei der unvermuteten Begegnung, und jeder hielt sein Pferd an, ohne dem andern auch nur eine Spanne breit Platz zu machen.
»Also Ihr seid der seltene Vogel, der von der Minneburg heruntergezwitschert kommt, Herr Landschad von Steinach!« begann der Ritter höhnisch. »Das Lied hat wohl Frau Rüdt von Kollenberg ihrem Papegan so lange vorgepfiffen, bis er es endlich begriffen hat?«
»Ganz recht, Herr Bruno von Bödigheim,« entgegnete Hans; »habt Ihr auch die Worte verstanden? Sie erzählen von dem Ritter mit der stumpfen Lanze, der in die Schranken kam, als das Stechen vorüber und der Turnierdank von der schönsten Hand grade vergeben war.«
»Wen meint Ihr mit dem Ritter mit der stumpfen Lanze?« frug Bödigheim, fast berstend vor Grimm und Eifersucht.
»Den kennt Ihr nicht?« lachte Hans. »Dann reitet nur schnell hinauf und laßt Euch von Frau Rüdt einen Spiegel geben, wenn Ihr ihn sehen wollt! Den Dank freilich seht Ihr nicht mehr, den hat sich schon ein anderer geholt.«
»Rühmt Ihr Euch des Minnedankes von Frau Rüdt von Kollenberg?«
»Gegen Euch gewiß nicht!« gab ihm Hans zurück. »Aber spart die Mühe! für Euch hängt ihr Kranz viel zu hoch, und wer danach greift, dem schlag' ich den Schädel ein!«
»Landschad, wollt Ihr meine Lanze zwischen den Rippen fühlen?« knirschte Bödigheim.
»Warum nicht?« erwiderte Hans; »wenn Ihr sie glücklich hinein bekommt.«
»Wann wollt Ihr, daß ich Euch aufspieße?«
»Übermorgen, drei Stunden vor Mittag, wenn's Euch recht ist.«
»Wo?«
»An der Schmiedeschenke. Laux Rapp kann Euch dann gleich wieder zusammenflicken, wenn's noch der Mühe wert ist.«
»Bei Euch wird er das gar nicht mehr nötig haben.«
»Gewiß nicht, Bödigheim! Ihr macht keinem ein Loch ins Fell.«
Die letzten Reden und Gegenreden schrien sie sich, im Sattel rückwärts gewandt, schon aus einiger Entfernung zu, denn sie hatten sich mit Gewalt aneinander vorbeigedrängt, und jeder ritt seines Weges fürbaß. Bödigheim ritt zur Minneburg hinauf, Hans aber trabte nach Zwingenberg zu Engelhard von Hirschhorn.
»Engelhard,« sprach er, dort angekommen, gleich nach der Begrüßung zu dem Freunde, »du mußt mir einen Gefallen tun, mußt zusehen, wie ich Bödigheim den Schädel einschlage.«
»Mit Vergnügen, Hans!« erwiderte der Ritter. »Was hat es denn gegeben zwischen euch?«
»O nicht viel, aber --,« er stockte.
»Aber, willst du sagen, es ist das einfachste Mittel, einen Nebenbuhler los zu werden. Da hast du recht,« lachte Engelhard. »Ihr traft beide auf der Minneburg zusammen?«
»Wenigstens unterhalb der Burg,« erwiderte Hans; »aber woher weißt du denn --?«
Engelhard zeigte auf des Freundes kostbare Kleidung und sagte: »Ich brauche dich ja nur anzusehen, um zu wissen, wo du herkommst. So geht man nur zum Kaiser oder zur Königin seines Herzens.«
Hans runzelte die Stirn und antwortete nicht.
»Nun, ich will doch nicht hoffen, daß du es bist, der bei Frau Juliane durch den Korb gefallen ist?« fuhr Engelhard fort.
»Nein,« lachte Hans, »wie sollte ich wohl dazu kommen?!«
»Also seid ihr einig?« frug Engelhard wieder. »Wann ist Hochzeit?«
»Mach mich nicht wild!« brauste Hans. »Wer spricht von Hochzeit?«
»Nun, nun, ich dachte nur so; ich kann's abwarten. Wann soll's denn losgehen? ich meine mit Bödigheim.«
»Übermorgen, drei Stunden vor Mittag, bei der Schmiedeschenke.«
»Donnerwetter! mit leerem Magen? aber ich komme!« sprach Engelhard.
»Mit leerem Magen,« wiederholte Hans und strich sich den seinigen. »Sage mal: habt ihr schon gegessen?«
»Er hat Hunger!« lachte Engelhard laut auf; »also sehr verliebt bist du nicht, Hans! Übrigens kommst du zur rechten Zeit; wir gehen gleich zu Tische. Meine Frau Schwiegermutter wird eine unbändige Freude haben, dich zu sehen.«
»Ach du lieber Gott!« stöhnte Hans, »an die hab' ich nicht gedacht; nun hab' ich keinen Hunger mehr.«
»Ja, das hilft nichts, Freund! die Schwiegermutter mußt du als Zukost mit hinunterwürgen; aber sei ruhig, wir spülen nachher mit ein paar guten Tropfen nach,« tröstete ihn Engelhard.
Als die beiden in das Hauptgemach zur Familie gingen, wurde Hans von der Burgfrau freundlich willkommen geheißen, und der Tisch stand gedeckt. Frau Margarethe von Handschuchsheim war nicht zugegen, und es hieß: wir müssen warten bis sie kommt; ohne sie dürfen wir nicht anfangen. Engelhard wechselte mit Hans einen verzweifelten Blick, den Frau Anna, des Ritters Gemahlin, bemerkte. »Sie ist spät aufgestanden und hat wieder ihr leidiges Kopfweh,« entschuldigte sie ihre Mutter.
»Ach ja, heut ist ja Mittwoch, da hat sie Kopfweh,« spottete Engelhard rücksichtslos. »Morgen ist sie gesund, und am Freitag kommt dann der Gliederschmerz an die Reihe.«
Frau Anna schlug die Augen nieder und seufzte leise. Hans mußte seinem knurrenden Magen Gewalt antun, während er sich mit der Schloßherrin unterhielt. Engelhard schritt, die Hände auf dem Rücken, ungeduldig auf und ab und knipste beständig mit den Fingern.
Nach geraumer Weile erschien Frau Margarethe, ein weißes Tuch um den Kopf gebunden, daß sie wie eine Nonne aussah. »Ich habe schon erfahren, welche Überraschung mir hier bevorstand,« sprach sie mit matter Stimme. »Was führt Euch denn her, Junker Hans?«
Statt des Gastes, der auf diesen seltsamen Willkomm nicht gleich eine Antwort fand, entgegnete Engelhard kurz: »Ein Geschäft, Frau Schwieger! nicht die Sehnsucht --« nach Euch, schluckte er noch glücklich herunter, aber ein Blick Margarethens sagte ihm, daß sie es verstanden hatte, was er meinte.
»Ich höre zu meinem Bedauern, daß Ihr leidend seid, Frau von Handschuchsheim,« bemerkte Hans, um doch auch etwas zu sagen; aber es klang viel mehr ärgerlich, als bedauerlich.
»Entsetzliches Kopfweh, lieber Freund!« hauchte sie, »unerträglich, ganz unerträglich, sag' ich Euch!«
Hans ließ als versuchten Ausdruck des Beileids ein sanftes, unverständliches Gebrumm vernehmen. Darauf setzte man sich, und das Mahl begann. Doch es ging sehr schweigsam her; nur dann und wann zitterte ein Seufzer Margarethens durch die Stille. Des Ritters ältester Sohn, Friedrich, war nicht daheim; zwei andere Söhne und eine Tochter, alle jünger als Sidonie, saßen mäuschenstill, blickten scheu bald auf den Gast, bald auf ihre Großmutter und warteten bescheiden, daß ihnen die Mutter etwas von den Speisen auf die Teller legte. Frau Anna richtete zuweilen ein halblautes Wort an Hans, das dieser jedesmal freundlich, aber auch nur mit gedämpfter Stimme erwiderte.
Mit einem Male, wie um sich Luft zu machen, schrie Engelhard überlaut seinem Freund und Tischnachbar an: »Mensch! du ißt ja nicht!«
Margarethe fuhr zusammen, legte das Messer hin und griff mit der Hand nach dem Kopfe. »Aber Herr Sohn! ich bitte Euch!« sagte sie mit scharfem Tone, »nehmt doch wenigstens heut etwas Rücksicht auf meinen Zustand! sonst verlang' ich's ja nicht.«
Engelhard schwebte eine heftige Entgegnung auf der Zunge; aber er bezwang sich, leerte seinen Becher auf einen Ruck und stieß ihn auf den Tisch, daß es knallte.
Wieder zuckte Frau Margarethe zusammen; aber das Zucken kam etwas spät nach dem Knall, als hätte sie es beinahe vergessen. Dann aß sie hastig, und ihr Appetit war nicht der einer Leidenden.
Hans dachte bei sich: lieber mit einem Nebenbuhler sich schlagen, als mit einer Schwiegermutter zu Mittag essen!
Plötzlich frug Margarethe den Gast sehr lebhaft: »Junker Hans, wo habt Ihr denn den wunderschönen roten Brokat zu Eurem Wams her?«
»Von einem Speyerschen Kaufmann,« sagte Hans.
»Gekauft!?« frug sie nun mit starker Betonung.
»Und bezahlt, gnädige Frau!« erwiderte Hans ebenso nachdrücklich.
»Es ist nur gut, Hans, daß du nicht gesagt hast: genommen!« lachte der Burgherr. »Sonst wäre es mir wieder übel ergangen, denn meine Frau Schwieger ist auch darüber sehr unzufrieden mit mir, daß ich ihr so lange keinen kostbaren Kleiderstoff heimgebracht habe, der -- nicht gekauft wäre.«
»Ihr müßt nicht alles für Ernst nehmen, Junker Hans, was mein Herr Schwiegersohn sagt,« lachte sie nun selber, ihres Kopfwehs gänzlich vergessen, und fuhr dann fort. »Wollt Ihr zu einem Feste, daß Ihr so prächtig gekleidet seid?«