Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 13

Chapter 133,678 wordsPublic domain

Sie streckte ihm die Hand entgegen und sah ihn mit bittenden Augen an.

»Schlag' ein, Bligger!« sagte Hans.

Konrad und Katharina schwiegen, so sehr sie auch des lieben Friedens wegen wünschten, daß Bligger nachgeben möchte. Aber sie sahen ebensogut wie dieser ein, daß, wenn er zustimmte, der Vergleich geschlossen war, und Hans dann keine Gelegenheit mehr hatte, mit Julianen noch länger zu unterhandeln. Das war es aber gerade, worauf es dem Zögernden ankam.

Ernst, der von Bliggers versteckten Zielen so wenig etwas ahnte wie Hans, hielt den Atem an vor Erwartung, was sein Vater jetzt tun würde.

Und Bligger schlug nicht in Sidoniens Hand. »Nein!« sprach er, »so Knall und Fall kann ich mich nicht entscheiden; ich muß mir's eine Nacht beschlafen.«

»Dann bleibe ich die Nacht hier und frage dich morgen früh, wenn du ausgeschlafen hast, noch einmal,« erklärte Sidonie kurz entschlossen. »Willst du mich hausen und herbergen, Base Käthe?«

»Gern, liebe Niftel!« sagte die Burgfrau, »aber Juliane wird sich um dich sorgen, wenn du nicht heimkehrst«

»Ich schicke ihr den Eberle zurück mit der Nachricht, daß ich erst morgen wiederkomme, und Ohm Bligger gibt mir morgen einen Knecht als Geleit mit,« erwiderte sie.

»Recht so! das soll geschehen,« sagte Bligger.

»Und ich weiß auch, was Juliane denkt, wenn ich ausbleibe,« sprach Sidonie mit einem geheimnisvollen Lächeln.

»Nun?« frugen mehrere zugleich.

»Sie denkt, ich bin in dich verliebt, Ernst, und kann mich hier nicht von dir losreißen.«

Der ganze Kreis brach in ein herzliches Lachen aus, und damit war die feierliche Sitzung heiter geschlossen und aufgehoben.

»Komm, Sidonie, daß ich dir dein Losament zeige!« sprach Katharina, »und nachher setzen wir uns in die Laube.«

Sidonie folgte ihr, und die Männer blieben allein im Gemach, was Katharinas Absicht bei dem ihrer Nichte gemachten Vorschlage gewesen war, denn sie glaubte, daß jene unter sich, ohne Sidoniens Gegenwart, die weiteren Schritte in der Angelegenheit zu beraten wünschten.

Bligger war auf seinem Stuhle sitzengeblieben und starrte, die Arme über der Brust verschränkt, in tiefen Gedanken vor sich hin. Konrad stand am Fenster und schaute in das Tal hinab, während Hans und Ernst sich stets begegnend im Zimmer auf und ab gingen, beide, wie es schien, in erregter und verdrossener Stimmung. Niemand sprach ein Wort.

Endlich fing Hans an: »Ich verstehe nicht, Bligger, warum du noch zauderst. Du brauchst nur ja! zu sagen, und die Sache wäre abgemacht. Sidonie hat recht; wir können von Juliane wahrhaftig nicht mehr verlangen als sie uns bietet.«

Bligger schüttelte den Kopf und antwortete nicht.

Hans murrte: »Könnt' ich nur diesen unglücklichen Wald aus der Welt schaffen! ich wollte, er läge am Ebro statt am Neckar!«

»Dann hättest du nur einen um so weiteren Weg,« sagte Bligger ruhig, »denn hin mußt du doch wieder, und zwar morgen!«

Über Ernsts Gesicht glitt ein Strahl der Freude. Hans aber fuhr ärgerlich auf: »Was? ich? wozu ist denn Sidonie da?«

»Dazu, daß du sie begleitest, lieber Bruder,« erwiderte Bligger. »Sie kann nicht in unserem Namen mit Juliane verhandeln. Ich wünsche auch, daß du diesmal allein reitest, das heißt ohne Ernst.«

»Auch das noch!« rief Hans erschrocken.

»Ich soll nicht mitreiten, Vater?« frug Ernst.

»Nein! und Sidonie soll auch durch niemand anders, als durch mich erfahren, daß Hans sie begleiten wird,« sagte Bligger mit entschiedenem Tone. »Verstanden, Ernst?«

»Ja!« versetzte dieser mürrisch und verließ das Gemach mit einer getäuschten Hoffnung.

Auch Hans war unangenehm berührt von dieser Maßregel seines Bruders, deren Zweck er nicht einsah. »Was soll die Geheimnistuerei gegen Ernst?« sprach er unwirsch. »Er ist Manns genug, sich auch in solchen Dingen die Sporen zu verdienen.«

»Ich aber bin nicht sicher, ob er durch sein rasches Wesen nicht mehr verderben würde als gutmachen. Schon um dich trag' ich Sorge, daß du ganz in meinem Sinne handelst,« sagte Bligger.

»So reite doch selber nach der Minneburg oder Konrad, und verschont mich mit solchem Botendienst!« entgegnete Hans erregt.

»Hans!« lächelte Bligger verschmitzt, »wer ritte nicht gern zu einer schönen Frau! wenn man nur wüßte, wie man aufgenommen wird.«

»Nun, ich weiß es, wie ich aufgenommen bin, und habe an dem einen Male gerade genug,« erwiderte Hans.

»Das wird mit jedem Male besser werden,« meinte Bligger, »und früher, als Zeisolf noch lebte, machtest du sehr gern diesen Weg.«

»Das war auch --«

»Doch nicht etwa Zeisolfs wegen?« lachte Bligger.

Hans wandte sich ab und schwieg. Bligger aber fuhr fort: »Du hast es einmal angefangen, Hans, nun mußt du es auch durchführen und die Sache zu Ende bringen.«

»Angefangen!« knurrte Hans, »ich habe nichts angefangen. Ihr habt mir das hinter meinem Rücken eingebrockt und mich hineingehetzt, als hinge Leben und Seligkeit an diesem verdammten Walde! Er hat uns Geld genug eingebracht, und wenn es auf mich ankäme, so gäbe ich ihn Julianen zurück ohne dafür noch einen Pfennig von ihr anzunehmen.«

Bligger sah seinen Bruder groß an, und sein Blick wurde immer klarer und heiterer. Dann stand er auf, schlug Hans derb auf die Schulter und sagte: »Hans, das war ein verständiges Wort! morgen bringst du Julianen den Pfandbrief zurück.«

»Und wirfst ihn ihr zerrissen vor die Füße! nicht wahr? das wäre so deine Art, Frieden zu schließen,« höhnte Hans.

»Oder bietest ihn ihr kniend auf einem Samtkissen dar. Wie du willst, ganz wie du willst, Hans!« lächelte Bligger.

»Ist das Ernst oder Spott?« frug Hans stirnrunzelnd.

»Mein voller Ernst!« erwiderte Bligger.

Konrad wandte sich überrascht seinem älteren Bruder zu. Auch er hatte geglaubt, Bligger triebe nur seinen Spott mit Hans, und dieses etwas weitgehende Spiel dem Gutmütigen gegenüber im Herzen gemißbilligt. Um so erstaunter war er nun über Bliggers unzweideutige Versicherung, der das folgende mehr an ihn, als an Hans richtete, als er sprach: »Hans hat das richtige getroffen. Mit einer Frau streiten ist nicht rühmlich und führt zu keinem guten Ende. Wenn wir Juliane gegenüber großmütig sind und ihr den Wunsch über ihre Erwartung hinaus erfüllen, so ist sie entwaffnet, und ich hoffe, ihr Groll wird sich in Freundschaft verwandeln.«

»Wenn sie nicht zu stolz ist, diese Großmut von uns anzunehmen,« wandte Hans dagegen ein.

»Siehst du, Hans,« versetzte Bligger, »darum mußt du hin! Weder von mir noch von Konrad würde sie sich's gefallen lassen; und wenn wir ihr den Brief durch Sidonien schickten, so sähe das einer Beleidigung ähnlicher als einem Entgegenkommen. Du bist der einzige, von dem sie es annimmt, wenn du es auf die richtige Weise anfängst. Du kannst ihr damit eine Freude machen, überschüttest sie, überzuckst sie damit, bist der Vermittler, der Freund und Versöhner, mußt ihr nur sagen, daß der Vorschlag von dir ausgeht, und kannst dann von ihr verlangen, was du willst.«

Einen Augenblick noch bedachte sich Hans und sah seine Brüder zweifelhaft an, ob sie dabei nicht noch mit etwas anderem hinter dem Berge hielten. Da sie aber beide durchaus ernsthaft blieben, wurde er plötzlich sehr vergnügt und sagte: »Nun, dann reite ich mit Freuden nach der Minneburg! also morgen früh! suche den Pfandbrief hervor! der Krieg ist aus. Sela, lieben Brüder! Alles hat ein Ende, sagt Trotto, der Kellermeister.« Und ein lustiges Halali pfeifend schritt er zur Tür hinaus, als wollte er gleich aufsitzen und schnurstracks nach der Minneburg traben.

»Was wettest du?« sprach Bligger zu seinem jüngsten Bruder, indem er lächelnd nach der Tür wies, durch welche Hans verschwunden war. »Jetzt läuft er nach Hause, kramt in seiner Kleidertruhe und läßt sich von Drutmann sein bestes Zaumzeug für morgen instand setzen. Das ist ein guter Schritt vorwärts, Konrad!«

»Wenn aber Juliane nun doch unsere Großmut kühl zurückweist?« gab ihm Konrad zu bedenken.

»Nun, was ist dann verdorben?« entgegnete der ältere. »Dann gehen die Verhandlungen, immer durch Hans geführt, munter weiter. Aber sie wird sich hüten. Hätte sie sonst Sidonien zu uns geschickt? Das ist mir das sicherste Zeichen, daß Juliane selber die Anknüpfung mit uns sucht, und vor allem, daß sie Hans wieder bei sich sehen will. Hast du denn nicht gehört, wie Sidonie sagte, Juliane wünschte im Grunde ihres Herzens den Frieden mehr als den Wald? Den Frieden, das heißt: sie wünscht sich Hans, und ich bin überzeugt, die schlaue Sidonie weiß mehr, als sie sagen will. Jetzt muß Juliane kommen und sich bedanken, muß unsere Frauen besuchen, und Hans muß dabei sein. Dann reiten wir wieder nach der Minneburg, Hans natürlich mit, und wenn wir Juliane zu uns einladen, muß Hans ihr die Einladung überbringen. Engelhard und Albrecht müssen uns helfen, daß wir auch bei ihnen mit ihr zusammentreffen, und Hans alldazu. Dann sind wir stets dabei und lassen die beiden nicht aus den Augen und nicht aus den Scheren; und was die Hauptsache ist, die uns alles erleichtert: Juliane verlangt nach Hans, meinen Kopf zum Pfande, daß ich mich nicht irre! Sie ist aber kein gewöhnliches Weib; wen sie gewinnen will, den bannt sie wie mit Zaubergewalt, und ich bin fast neugierig, wie lange es Hans gelingen wird, ihr zu widerstehen.«

»Bligger, du bist ein geschwinder Rechner,« lächelte Konrad, »und ich will nur wünschen, daß dich dein Einmaleins dabei nicht im Stiche läßt.«

»O in dem Exempel sind noch hohe Zahlen, die ich noch gar nicht aufgeführt habe,« erwiderte Bligger. »Da haben wir noch Ernst und Richilde als Hilfstruppen, und was meinst du, wie schwer Julianens Horoskop nach ihrer eigenen Schätzung wiegt? Nein, nein, glaube mir! unser schwierigster Gegner ist Hans, unser Hagestolz selber, zwar mächtig verschanzt hinter dem Bollwerk seines Ehehasses, das aber Julianens Leidenschaft und Liebreiz stürmen wird, wenn wir im Bunde, in Frieden und Freundschaft mit ihr sind, und die Brücke dazu ist der Pfandbrief über den Wald. Ich werde ihn gleich hervorsuchen.«

»Und ich werde Sidoniens Knecht jetzt nach der Minneburg zurückschicken mit der Meldung, daß sie die Nacht hierbleibt,« sagte Konrad. --

Ernst hatte sich, als er das Gemach, in welchem der Familienrat stattfand, voll Unmut verlassen hatte, zu Katharina und Sidonie in die Laube begeben, und dort hatten sie zu dreien gesessen und geplaudert. Als dann nach einer Weile die Burgfrau sich entfernte, um einen Blick in die Küche zu werfen, wie sie sagte, und Ernst mit Sidonie allein ließ, sprach diese: »Ich habe dir auch Grüße von der Minneburg zu bestellen, Ernst! einen von Hiltrud und tausend --«

»Von Richilde?!« rief er freudig erregt.

»Ja von Richilde,« bestätigte Sidonie.

Von diesen tausend Grüßen waren freilich mindestens neunhundertundneunundneunzig gelogen. Als Sidonie gestern abend ihren beiden Freundinnen mitgeteilt hatte, daß sie im Auftrage Julianens nach Neckarsteinach reiten würde, hatte sie sich Richilden zu jeder Liebesbotschaft an Ernst bereit erklärt; diese hatte es jedoch in jungfräulichem Zartgefühl abgelehnt, ihm irgendein Wort oder Zeichen der Liebe zu senden, ehe er ihr nicht selber seine Neigung gestanden hätte. Als aber Sidonie heute früh in Gegenwart Julianens, Hiltruds und Richildens zu Pferde gestiegen war, hatte Hiltrud ihr zugerufen: »Bestelle Ernst einen Gruß von mir!« Darauf hatte Sidonie Richilden mit einem nicht mißzuverstehenden, fragenden Blick angesehen, und diese hatte zustimmend ein ganz klein wenig mit dem Kopfe genickt. Aus diesem stummen Kopfnicken hatte Sidonie die tausend Grüße gemacht, die Ernst nun glücklich einheimste.

»Wie dank' ich dir und ihr!« rief er, »und wenn du morgen zurückreitest, so wollt' ich, ich könnte mit.«

»Komm doch mit!« sagte sie, »ich bürge dir für einen guten Empfang, besonders bei Richilde; sie wäre glücklich.«

Ernst schüttelte traurig den Kopf. »Der Vater will es nicht. Aber morgen früh breche ich die schönste Rosenknospe, die sich über Nacht erschließt, daß du sie Richilden überbringst. Könnt' ich sie nur bald einmal wiedersehen!«

»Hast du sie denn wirklich lieb, Ernst?«

»Ach, Sidonie! mehr als mein Leben!«

»Darf ich ihr das sagen?«

»Ja, ja! sag' es ihr! ich vergehe vor Sehnsucht, es ihr selber zu sagen.«

»Nun, dazu kann ja wohl Rat werden.«

»Wie? wie meinst du das?«

»Würdest du wohl die Buche wiederfinden, aus der du mich damals so ritterlich heruntergeholt hast?« frug Sidonie.

»In stockfinsterer Nacht finde ich sie wieder,« beteuerte Ernst.

»Bei Nacht würdest du uns dort vergeblich suchen,« erwiderte sie; »aber eines Nachmittags, wollen sagen: in drei Tagen von heute. Wirst du kommen?«

»Wie kannst du fragen!« jubelte er. »Aber wenn Frau Juliane etwas davon merkte --«

»Sie soll schon nichts merken; dafür laß mich sorgen!« lachte Sidonie. »Verrät es ihr ein Zufall, so bin ich es, die sich mit dir ein Stelldichein gibt. Das ist ja das bequeme für euch, daß Juliane wirklich glaubt, wir beide, du und ich, wären verliebt ineinander, und in dem Glauben müssen wir sie auch vorläufig lassen. Das ist auch nicht schwer, denn daß ein Landschad ihre Tochter lieben, um ihre Tochter werben könnte, ist ihr undenkbar.«

Ernst seufzte: »Einmal muß sie es doch erfahren, und was dann?«

»Nur immer den Kopf oben, Ernst! Kommt Zeit, kommt Rat,« tröstete ihn Sidonie.

Jetzt kehrte Frau Katharina zu den beiden zurück, und sie mußten das Gespräch abbrechen. Bald erschien auch Bligger in der Laube und setzte sich zu ihnen. Sidonie erzählte nun von dem Leben auf der Minneburg, hatte manche Frage Bliggers und Katharinas zu beantworten und war stets bemüht, Julianens Wesen und Tun und Treiben in das hellste Licht zu stellen, und die Landschaden für sie einzunehmen und immer günstiger zu stimmen. Sie gab ihnen zu verstehen, Juliane sehnte sich förmlich nach ihnen und dem freundschaftlichen Umgang, wie sie ihn in früheren Jahren miteinander gepflogen hatten, und wenn sie nicht gefürchtet hätte, abgewiesen zu werden, wie sie es nach ihrem unverzeihlichen Benehmen freilich nicht besser verdiente, so hätte sie sicher schon selber Schritte getan, das alte, gute Verhältnis wiederherzustellen.

Das ging nun wieder weit über das hinaus, was Sidonie zu sagen einen Auftrag und was sie zu behaupten ein Recht oder auch nur einen stichhaltigen Grund hatte; doch es war gut gemeint und verfehlte auch seine von ihr beabsichtigte Wirkung nicht. Katharinas Augen blickten sehr freundlich dabei, und Bligger strich sich in seiner Genugtuung darüber schmeichelnd den Bart.

Der Tag verging allen schnell mit kurzweiliger Unterhaltung, zu der Sidoniens sprudelnde Laune das meiste beitrug. Der eigentliche Zweck ihres Besuches wurde mit keinem Worte mehr erwähnt.

Später kam Hans und ebenso Konrad mit seiner Gattin, Frau Agnes, zur Mittelburg hinüber, und die ganze Familie saß nun vereint in der hohen Gartenlaube bei Imbiß und Wein. Sidonie, die schöne und kluge Gesandtin der Minneburg, war der gefeierte Mittelpunkt des fröhlichen Kreises. Alle huldigten ihr, als hätten sie nur ihrer Freundschaft und ihrer Gewandtheit und Staatskunst im kleinen den glücklichen Erfolg oder wenigstens die gesicherte Aussicht darauf zu verdanken. Sie ließ sich das wohl gefallen, hatte aber auch ihrerseits für jeden ein verbindliches Wort oder einen neckischen Scherz auf den beredten Lippen.

Es war ein köstlicher Juniabend. Die Rosen blühten, und die Drossel schlug. Die Gebäude und Türme der Burg mit ihren Vorsprüngen, Dächern und Zinnen hoben sich scharf von dem klaren Himmel ab, und oben im Blauen hing die schmale Mondsichel und fing an, sich mehr und mehr zu vergolden. Unten im Tal, aus dem die Wellen des Neckars im Abendlicht heraufblinkten, und drüben auf den Bergen, zu denen der Blick von der Laube frei hinüber schweifte, lag ein wonnesamer Friede, der wie Duft und Tau der herandämmernden Nacht nicht nur die Blumen und Bäume, sondern auch die Menschen umwob und ihnen erquickliche Ruhe in die Seele goß.

Alle, die hier saßen, gaben sich der süßen Labung empfänglich hin. Nur zwei waren mit ihren Gedanken anderswo, als hier in der Laube; das waren Vater und Sohn. Ernsts Sehnsucht strebte über die dunkelnden Berge hinweg gen Osten der Minneburg zu, und die nie rastende Geschäftigkeit Bliggers, der als gebietender Häuptling seiner Sippe für alle denken und für alle handeln zu müssen glaubte, wob unablässig an dem Netze, mit dem er das arglose Herz seines vergnügt neben ihm sitzenden Bruders zu umgarnen gedachte.

Jetzt winkte er Sidonien, wandelte mit ihr einen Gartenweg entlang und begann in einiger Entfernung von der Laube zu ihr: »Sidonie, wenn du morgen früh heimreitest, wird dich Hans nach der Minneburg begleiten, um Frau Julianen meinen Bescheid zu überbringen.«

»Die Begleitung ist mir angenehm, lieber Ohm,« sprach Sidonie, »aber der Beschluß, statt meiner den Ohm Hans zum Überbringer deiner Willensmeinung zu wählen, zeugt von geringem Vertrauen zu meiner Vermittelungsgabe.«

»Du brauchst dich dadurch nicht zurückgesetzt zu fühlen,« erwiderte Bligger. »Wenn es darauf ankäme, Frau Juliane mit fein abgewogenen Worten zu bereden und zu gewinnen, so wäre dazu niemand geeigneter, als du mit deinem erfinderischen Kopf und deiner geläufigen Zunge. Aber darum handelt es sich eben nicht. Unsere Antwort ist der Art, daß aus Rücksichten der Höflichkeit sie einer von uns Brüdern überbringen muß. Selbst aus deiner geschickten Hand empfangen, könnte sie leicht einer unerwünschten Mißdeutung bei Juliane begegnen. Daß aber von uns dreien nur Hans der Überbringer sein kann, wirst du einsehen.«

»Das kommt darauf an, wie die Antwort lautet,« versetzte Sidonie.

»Das heißt: du möchtest sie gern wissen,« sagte Bligger. »Du wirst sie erfahren, nachdem sie Hans bestellt hat; früher nicht. Und es liegt mir daran, daß er sie Frau Juliane unter vier Augen mitteilt, also suche es einzurichten, daß die beiden ungestört allein bleiben. Kannst du das machen, ohne daß jemand von diesem meinem eben ausgesprochenen Wunsch etwas erfährt?«

»Auch Ohm Hans und Juliane selber nicht?«

»Die am wenigsten!«

»Hm! machen kann ich das wohl; aber das wird ja immer geheimnisvoller,« lächelte Sidonie. »Schade, daß es hier zu dunkel ist, um dein Gesicht sehen zu können, Ohm Bligger! Hinter dieser Bestellung unter vier Augen scheint mir etwas ganz abgefeimt Pfiffiges zu stecken; ist es nicht so?«

»Ja, ja! es läuft auf eine Überraschung hinaus,« erwiderte er möglichst unbefangen der gefährlichen Fragerin, die auf dem besten Wege war, seine geheimsten Pläne auszukundschaften.

»Es ist gerade so wie bei dem Horoskop, das Juliane auch nur unter vier Augen von deinem sternkundigen Schutzjuden entgegennehmen wollte,« bemerkte Sidonie.

»Von meinem Schutzjuden?«

»Nun, er erfreut sich doch deines besonderen Schutzes hier auf der Burg.«

»Er ordnet mir meine Urkunden und Briefe und dient mir als Schreiber,« sagte Bligger. »Kennst du Julianens Horoskop?« frug er dann.

»Nein, sie wollte es uns nicht offenbaren,« erwiderte Sidonie. »Aber du, Ohm Bligger! Du wirst es wohl kennen, nicht wahr?«

»Ich? wie soll ich dazu kommen? ich weiß ja kaum --«

»Daß Zachäus auf der Minneburg war? -- aber Ohm Bligger!«

Er mußte schweigen. Das kluge Mädchen trieb ihn dermaßen in die Enge, daß es ihn die höchste Zeit dünkte, das Gespräch zu beenden, wenn er nicht noch ganz von ihr durchschaut sein wollte. Einen Augenblick überlegte er, ob er Sidonien nicht in seinen Plan mit Hans und Juliane rückhaltlos einweihen sollte. Denn wenn sie darauf einginge und ihm ihren Beistand zusagte, so hätte er an ihr eine unschätzbare Bundesgenossin gehabt. Aber es schien ihm doch zu bedenklich, der Verschwiegenheit eines jungen Mädchens unbedingt zu trauen und der Freundin Julianens ein diese betreffendes, so wichtiges Geheimnis preiszugeben. Plauderte sie, machte sie auch nur die leiseste Anspielung Julianen gegenüber, so war das Gelingen seines Vorhabens ebenso schwer gefährdet, als wenn Ernst in der Lage gewesen wäre, seinem Ohm Hans einen bedeutsamen Wink zu geben. Daher unterdrückte er die flüchtige Regung und wollte sich mit Sidonie wieder der Laube zuwenden.

Aber sie hielt ihn zurück und sagte: »Noch eins, Ohm! warum soll Ernst morgen nicht mitreiten?«

»Zwei sind zuviel für die kurze Botschaft,« erwiderte Bligger ausweichend. »Er kann euch ein andermal besuchen, meinetwegen so oft er Lust hat und euch willkommen ist.«

»Je öfter, je lieber!«

»Nun, das mache mit ihm aus. Aber jetzt komm wieder zu den andern; sie werden sich wundern, was wir hier im Dunkeln so lange zu tuscheln haben.«

»Herzensgeheimnisse, Ohm Bligger!« lachte Sidonie, »Dinge, denen man im Dunkeln oft besser auf die Spur kommt, als am hellen, lichten Tage. Ich habe in dieser Beziehung eine Fledermausnatur und wittere manches, was man mir verbergen will.«

Hatte sie schon etwas gemerkt? Dann wäre es besser, ihr alles zu sagen und Verschwiegenheit dafür zu verlangen, anstatt sie raten zu lassen, was sie durch kein Gelöbnis des Schweigens gebunden, jedem sagen konnte, wem sie wollte. Noch einmal schwankte Bligger; aber in diesem Augenblick rief Hans: »Ein frischer Krug, Bligger! kühl aus dem Keller! macht ein Ende mit euren Geheimnissen und kommt wieder her!«

Das nahm Bligger als einen Wink des Schicksals, Sidonien nichts zu sagen, kam herzu und setzte sich mit ihr wieder in den Kreis der Seinigen.

Sie hatten in den Ring an einem Pfosten der Laube eine Fackel gesteckt, deren rötliche Flamme die Gesellschaft und den Tisch mit allem, was darauf stand, hell beleuchtete, während durch eine Öffnung im Blättergerank des Laubendaches der Rauch bei der herrschenden Windstille nach oben abzog.

Da saß die Ritterfamilie mit dem gefürchteten Namen einmütig und behaglich zusammen mit ihrem jungfräulichen Gaste. Sie plauderten und lachten; die Frauen hielten die tagsüber fleißigen Hände müßig im Schoß, und die Männer ließen ihre Becher nie lange voll und nie lange leer stehen.

Dort oben aber auf einem kleinen, aus dem Giebel eines Burggebäudes vorspringenden Altan stand, unbemerkt im Dunkel der Nacht, eine schlanke Gestalt und blickte mit brennenden Augen in die helle Laube hinein, aus welcher dann und wann ein lustiges Wort oder ein von Herzen kommender Ausbruch des Frohsinns zu der Lauscherin herüber drang. Sehnsuchtsvoll, schmerzvoll hob und senkte sich ihre Brust; niemand gedachte der Einsamem, niemand begehrte ihrer; was Glück und Freude war, konnte sie nur nach dem ermessen, wie sie es bei anderen Menschen sich äußern sah; ihr selber hatten in der Stunde der Geburt die Sterne nicht günstig, nicht glückverheißend gestanden.

Dreizehntes Kapitel.

Bligger kannte seinen Bruder Hans. Als dieser am andern Morgen im Hofe der Mittelburg erschien, um Sidonien abzuholen, hatte er richtig seinem Rappen das kostbarste Zaumzeug auflegen lassen, als ob er zu einem festlichen Turnier zöge. Der Sattel aus Hagebuchenholz war mit Blumen und Ranken bemalt. Die darunter liegende Satteldecke, deren Zipfel fast bis zur Erde hinab hingen, war aus schwarzem Seidenstoff, goldumsäumt, mit goldenen Harfen bestickt und unterhalb gelb gefüttert. Der Bauchgurt, die Zügel und die Riemen der silbernen, reich verzierten Steigbügel waren bunt gesteppt und mit breiten Borten prächtig geschmückt, und der hirschlederne Brustriemen des Pferdes war dicht mit silbernen Schellen behangen, die bei jeder Bewegung des Tieres lustig klingelten. Der Ritter selber trug ein purpurrotes Brokatwams, ebenfalls mit den goldenen Harfen bestickt, und einen schönen Pfauenhut auf dem langgelockten Haupte.