Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal
Part 12
»Lieber Gott!« erwiderte Sidonie, »sie ist manchmal etwas verstimmt, und dann kriegen wir alle etwas ab von ihr, du nicht allein. Aber zum Davonlaufen ist es noch lange nicht und wird sich noch ganz anders zeigen, wenn sie erst einmal dahinterkommt, daß du einen Landschaden liebst und ein Landschaden dich zur Frau begehrt. So leicht gibt sie das nicht zu.«
»O niemals! niemals!« jammerte Richilde und seufzte zum Steinerweichen.
»Das nächste, nötigste, einzigste ist, daß deine Mutter ihren Frieden mit den Landschaden macht,« erklärte Sidonie nun. »Ist das geschehen, so ist alles andere Kinderspiel, und es gibt eine Hochzeit im Neckartale, wie wir so lustig noch keine gehabt haben. Hie Landschad! hie Kollenberg! und alles ein Herz und eine Seele!« jubelte sie.
Richilde schlug die Hände vor's Gesicht und schüttelte sich.
»Leuchtet dir das ein?« frug Sidonie.
»Ach Gott, ja! aber das wird nie geschehen,« klang es schüchtern hinter den Händen hervor.
»Es wird wohl geschehen,« behauptete Sidonie, »und das müssen _wir_ machen! wir, das heißt -- ich.«
Im Nu waren die Händchen von dem Antlitz fort, und Sidonie mit groß und froh erstaunten Augen ansehend rief Richilde: »Du?!«
»Wer sonst? etwa du und Ernst? Ihr wäret mir die Rechten dazu!« lachte Sidonie.
»Was Junker Hans bei meiner Mutter nicht erreicht, das wird dir auch nicht gelingen,« sprach Richilde wieder mit verzagterem Tone.
»Es wird, sage ich dir; nur verlange ich, daß du dich allen meinen Anstalten fügst und mir blind gehorchend tust, was ich dir befehle, es sei, was es sei. Versprichst du mir das, Richilde?«
»Alles, was du willst!«
»Schön! so verhilf mir heut oder morgen zu einer Gelegenheit, deine Mutter unter vier Augen allein sprechen zu können. Sieh zu, wie du Hiltrud entfernst, nimm sie mit dir, sinne auf eine Ausrede --«
»Ist gar nicht nötig,« kam es von dem Platze her, wo Hiltrud lag.
»Himmel! sie ist wach!« rief Richilde.
»Hast du alles gehört?« frug Sidonie.
»Natürlich!« lachte Hiltrud. »Wenn ihr so schreit, soll man wohl wach werden und die Ohren spitzen.«
»Willst du uns helfen?«
»Mit allem, was ich kann und vermag!«
»So komm her!«
Hiltrud kroch auf allen Vieren heran. »Etwas Neues war es mir auch nicht, Richilde, daß du Ernst gern hast,« sagte sie, »und er dich auch, und daß ihr beiden --«
»Still jetzt!« unterbrach sie Sidonie. »Wir sind also drei geschworene Verbündete in der großen Sache, nicht wahr?«
»Ja!« sagte Hiltrud. Richilde lächelte und schwieg.
»Hände her!«
Die Hände der drei Mädchen legten sich mit festem Druck zusammen. »Wir schwören also,« sprach Sidonie feierlich: »Frieden mit den Landschaden!«
»Frieden mit den Landschaden!« wiederholten die anderen beiden.
»Heil und Hilfe der hoffenden Liebe!«
»Heil und Hilfe der hoffenden Liebe!«
»Und unverbrüchliches Schweigen!«
»Und unverbrüchliches Schweigen!«
Noch ein den Bund besiegelndes, herzliches Schütteln, dann sprang Sidonie auf, streckte erst Richilden, dann Hiltrud die Hand hin, riß sie mit einem kräftigen Ruck empor und rief: »Kommt! und jede tue, was sie kann, daß wir Frau Juliane wieder lächeln sehen!«
Die drei schönen Verschworenen verließen ihren Waldversteck und gingen den Burgweg viel vergnügter hinauf, als sie ihn heute morgen hinabgegangen waren. --
»Habt ihr es wirklich der Mühe wert gehalten, euch wieder einzufinden?« empfing Juliane die Heimkehrenden unsanft. »Der Tisch ist gedeckt, und ihr laßt mich warten und warten. Wo habt ihr euch wieder so lange umhergetrieben?«
»Wir waren in Neckargerach, Mutter! bei Konz Hornschuh,« sagte Richilde.
»Von da konntet ihr längst zurück sein,« hielt ihr die Mutter entgegen.
»Verzeiht, Frau Juliane! wir ruhten uns ein wenig im Walde, und da war ich unversehens eingeschlafen,« entschuldigte Hiltrud sich und ihre Freundinnen.
»Und dein Tüchlein im Rahmen lauert unterdessen vergeblich auf die Nadel der fleißigen Stickerin. Das gnädige Fräulein zieht es vor, im Walde zu liegen und zu schlafen,« versetzte Juliane mit scharfem Tadel. »Übrigens, was sagte Konz?« wandte sie sich wieder zu ihrer Tochter. »Wird er die Eier schicken?«
»Ja, morgen wird er sie schicken,« erwiderte Richilde.
»Morgen! ich habe sie heute verlangt!«
»Morgen, hattest du gesagt, Mutter!« versicherte Richilde.
»Du hast in deiner beliebten Zerstreutheit wie gewöhnlich wieder nur mit halbem Ohre gehört, was ich dir aufgetragen hatte; bist zu nichts zu gebrauchen!« schalt Juliane.
»Wenn wir Nachmittag reiten, können wir noch einmal hinüber und die Eier zu heute bestellen,« meinte Sidonie.
»Heute wird nicht geritten!« entschied die Zürnende kurz und bündig.
»Das ist mir lieb! Ich wollte Euch schon bitten, mich heute damit zu verschonen,« sprach Sidonie, von allen die leidenschaftlichste, unermüdlichste Reiterin.
»Warum?« frug Juliane.
»Um bei Euch zu bleiben und mich ein paar Stunden lang tüchtig auszanken zu lassen,« lächelte Sidonie. »Ihr versteht das wunderbar schön, Frau Juliane! Dann gehe ich zerknirscht in mich und tue Buße und bessere mich, und dann fühl' ich mich frei und froh, als wär' ich zur Beichte gewesen und aller meiner Sünden ledig.«
»Um wieder neue zu begehen,« mußte nun auch Juliane lachen. »O du nichtsnutziger Schalk von einem Mädchen! wenn du nicht hier wärst, wäre die Minneburg von oben bis unten mit aschgrauen Spinnweben überzogen.«
»Ich fege sie nicht aus, Frau Juliane!« rief Sidonie frohlockend.
»Die in den Mauerecken nicht; aber die einem in Kopf und Herzen nisten, die bläst dein loses Spottmäulchen hinaus wie der Morgenwind die Nebel aus dem Tale.« Sie reichte der Besiegerin ihres Unmuts mit einem fröhlichen Blicke die Hand, und im Palas war wieder einmal heller Sonnenschein. --
Am Nachmittage saß Juliane mit der nur langsam fortschreitenden Stickerei wieder einsam in ihrem Erker, weil es innerhalb der dicken Steinwände kühler war als draußen im Freien.
Da trat Sidonie zu ihr ins Gemach und sagte: »Darf ich Euch Gesellschaft leisten, Frau Juliane? ich bin so allein wie Ihr.«
»Wo sind die beiden andern?« frug Juliane.
»Sie sind wieder zu Konz Hornschuh gegangen und wollen die Eier selber holen,« erwiderte Sidonie.
»Und warum bist du nicht mitgegangen?«
»Mir war es zu heiß, darum ließ ich sie ohne mich gehen.«
»Du hast etwas auf dem Herzen, Sidonie!« sagte Juliane mit einem forschenden Blick, »komm her, sprich dich aus! und was es auch sei, dein Vertrauen soll dich nicht gereuen.«
»Das weiß ich im Voraus,« erwiderte Sidonie, indem sie die Stufen zum Erker hinaufstieg und sich auf dieselbe Bank neben der etwas zur Seite Rückenden niederließ. »Ja, ich habe etwas auf dem Herzen und bitte Euch, mich geduldig anzuhören.«
»Ich bin ganz Ohr, liebe Sidonie; fange nur an,« sprach Juliane, ihre Nadel emsig weiterführend.
»So will ich es auch ohne Umschweife tun,« setzte Sidonie mutig ein. »Juliane, macht Euren Frieden mit den Landschaden!«
Juliane fuhr unwillig auf. »Sidonie! worein mischest du dich?« sprach sie, ihre Arbeit schnell in den Schoß sinken lassend, mit gefurchten Brauen.
»Ruhig, liebe Freundin!« suchte Sidonie sie zu besänftigen, ihre Hand auf die Hand Julianens legend. »Es ist zu Eurem Besten, was ich Euch rate. Ich sehe es mit offenen Augen, wie Euch diese Zwietracht erregt und das Leben verbittert. Ihr sitzt hier abgeschlossen und einsam auf Eurer Burg und wagt nicht einmal, Eure Nachbarn und guten Freunde zu besuchen, aus Furcht, Ihr könntet bei ihnen einem der Landschaden begegnen. Das muß anders werden, und jetzt habt Ihr die beste Gelegenheit, dem alten Streit ein Ende zu machen, ohne daß Ihr Euch das geringste dabei vergebt.«
»Ich vergebe mir schon etwas, wenn ich auch nur die kleinste Gefälligkeit von den Landschaden annehme und mich ihnen dadurch zu Dank verpflichte,« entgegnete Juliane.
»So müßt Ihr es nicht ansehen,« sprach Sidonie. »Sie sind es doch, die Euch die Hand zur Versöhnung bieten. Ihr braucht nur einzuschlagen, braucht ihnen nur einen Finger zu reichen, und alles wird sich leicht und glücklich lösen.«
»Wenn es ihnen Ernst damit wäre, so wären sie wiedergekommen und hätten mir andere Bedingungen gestellt,« antwortete Juliane.
»Sie warten auf eine Botschaft von Euch.«
»Da können sie lange warten!«
»Laßt Euch erweichen, Juliane!« redete ihr Sidonie zu. »Ihr habt ein Recht auf die Entpfändung des Waldes; bietet ihnen die volle Summe der Schuld und verlangt den Wald zurück, ohne Einschränkung, mitsamt dem Wildbann.«
»Damit wäre ich einverstanden, aber das wollen sie ja nicht.«
»Ihr habt das noch nicht versucht,« sagte Sidonie.
»Du kannst dich nicht in meine Lage hineindenken,« erwiderte Juliane. »Sie würden glauben, es wäre mir wundergroß um ihre Freundschaft zu tun.«
»Nach dem Empfange, den die beiden Junker neulich hier gefunden haben, werden sie schwerlich auf den Gedanken kommen,« versetzte Sidonie.
»Habe ich sie denn etwa unfreundlich behandelt?«
»Man sollt' es meinen!« lachte Sidonie. »Mir lief es manchmal heiß und kalt über bei dem, was Ihr ihnen anzuhören gabt. Wie herb und abstoßend wart Ihr auch gegen Ernst, der doch an dem Zerwürfnis so unschuldig ist wie ich!«
»Er ist auch ein Landschad!«
»Aber ein echt ritterlicher, höfisch erzogener Junker von gar feinem Benehmen und adligem Sinn, immer heiter, immer liebenswürdig und gefällig.«
»Du sprichst ja sehr warm für deinen Vetter Ernst!«
»Und das mit allem Fug!« bekräftigte Sidonie. »Jeder Mensch kann verlangen, daß man seine Vorzüge anerkennt und seine Tugenden rühmt, und an Ernst Landschad ist vieles zu rühmen.«
»Sidonie!« rief Juliane, und ihr Gesicht klärte sich plötzlich hell auf, »jetzt weiß ich, warum ich mit den Landschaden Frieden machen soll.«
»Wirklich? hab' ich Euch überzeugt?« frohlockte Sidonie.
»Ja, du hast mich überzeugt,« lachte Juliane. »Sidonie, du liebst Ernst! Ich soll ihnen Botschaft senden, damit sie wiederkommen und du ihn wiedersiehst. Und während ich mit Junker Hans um den Wildbann im Walde handle und feilsche, willst du Ernst in den Bann deines Herzens locken, falls er nicht schon darin ist, wie du in dem seinen.«
Sidonie war starr und zugleich innerlich auf's höchste belustigt über diesen köstlichen Mißgriff der älteren Freundin, den sie sofort zugunsten ihres Zweckes auszubeuten beschloß. Sie suchte deshalb ihre Antwort so einzurichten, daß sie nichts leugnete und nichts eingestand. Wer doch jetzt ein wenig erröten könnte! dachte sie, hatte aber den Farbenwechsel leider nicht in ihrer Gewalt.
»Nicht an mich habe ich dabei gedacht, sondern nur an Euch,« erwiderte sie ausweichend und mit einem gut gespielten verschämten Lächeln die Augen niederschlagend. »Wenn ich Euch aber zu einer Einigung mit den Landschaden von Nutzen sein kann, so bin ich gern bereit, meinen Einfluß, soweit er reicht, dabei geltend zu machen.«
»Du tätest wohl gar eine Fürbitte für mich bei Junker Ernst, daß er seinen Ohm Hans für mich gütig stimmt?« spöttelte Juliane.
»Wenn's nötig wäre, warum nicht?« lachte Sidonie; »aber dessen bedarf es nicht; Euer Wort wiegt schwerer als meines.«
Juliane sann einen Augenblick nach. Die Entdeckung, die sie soeben gemacht zu haben glaubte, und noch mehr Sidoniens Angriff auf ihre bisher den Landschaden gegenüber angenommene Haltung waren ihr durchaus nicht unwillkommen. Wenn sie jetzt nachgab und den sich um ihre Gunst Bemühenden die Wege glättete, so tat sie es nicht aus eigenem Antrieb und in einer sie bloßstellenden Weise, als bereute sie ihre frühere Ablehnung und strebte nun selber nach einer Aussöhnung, sondern dann geschah es aus Mitleid mit einem verliebten Mädchen, und weil sie zu einem Schritte überredet worden war, welchen zu tun ihr im Grunde willfähriges Herz nur auf einen Anstoß von außen gewartet hatte.
»Sidonie,« sagte sie, »ich möchte dir alles zuliebe tun, was ich vermag; aber daß ich die Verhandlung, die Junker Hans so kurzer Hand abbrach, nun meinerseits wieder anknüpfen soll, das ist ein Verlangen --«
»Er ersuchte Euch ja so freundlich darum, ihm Eure Entscheidung mitteilen zu lassen,« fiel ihr Sidonie schnell ins Wort, »und Ernst erbot sich so zuvorkommend, sie hier von Euch selber in Empfang nehmen zu wollen, daß Ihr schon aus Rücksichten der Höflichkeit gar nicht anders könnt, als die Junker zu einem zweiten Besuche hierher einzuladen.«
»Ich wüßte noch ein anderes Mittel, wie du dich mit Ernst bald wiedersehen könntest,« lächelte Juliane.
»Und das wäre?« frug Sidonie.
»Wenn du die Botschaft übernähmest, nach Neckarsteinach zu Herrn Bligger rittest und ihm meine Bedingungen überbrächtest. Willst du das tun?«
»Mit tausend Freuden!« jubelte Sidonie. »Morgen früh reite ich, und Richilde darf mich begleiten, nicht wahr?«
»Unter keinen Umständen!« erwiderte Juliane, »wo denkst du hin?! meine Tochter ungeladen in die Burg unserer Feinde? nimmermehr!«
»Es machte doch gleich einen viel besseren Eindruck,« sagte Sidonie, »und zeigte von einer besonderen Freundlichkeit gegen die beiden Frauen, wenn Richilde mitkäme als holde Vermittlerin im Ausgleich eines Zwistes, an dem sie selber keine Schuld und keinen Anteil hat. Sie würde dort sicher mit offenen Armen aufgenommen werden, und damit wäre die Versöhnung von euch allen samt und sonders so gut wie besiegelt.«
»Nein, das geschieht nicht,« erklärte Juliane. »Das wäre des Entgegenkommens doch zuviel; es ist schon alles mögliche, daß du als Botin von der Minneburg hinüberreitest, was ich auch mehr dir zuliebe vorschlug, als -- als aus irgendeinem anderen Grunde.«
»Nun, ich hoffe, das überlegt Ihr Euch noch bis morgen,« sprach Sidonie.
»Nein, darin machst du mich nicht wankend,« erwiderte Juliane. »Richilde mitten unter den Landschaden --«
»-- wäre ihres Lebens keinen Augenblick sicher,« lachte Sidonie. »Nun, ich hafte für sie mit meinem Kopfe!«
»Siehe du zu, wie du den eigenen oben behältst; das Herz ist dir schon entwendet,« sagte Juliane.
»Seid ohne Sorge,« sprach Sidonie; »mit klarem Kopf und festem Herzen werde ich Ohm Bligger Eure Bedingungen kundgeben, das heißt, daß Ihr ihm das volle Lösegeld bietet und dafür den Wald von ihm zurückverlangt, ohne ihm auch nur einen Reiherschwanz, geschweige den ganzen Wildbann darin zu lassen. Ist's recht so?«
»Ja! Du mußt aber deinen Verwandten auch nicht verhehlen, daß ich mich nur auf dein dringendes, unablässiges Zureden entschlossen habe, ihnen Botschaft zu senden.«
»Nur auf mein kniefälliges Bitten und Flehen, das versteht sich!« lächelte Sidonie. »Aber wenn sie nun erklären, daß sie das mit Euch selber in Rück und Schick bringen und darum doch wieder herkommen müßten -- ich meine die Junker Hans und Ernst, -- dann darf ich sie doch in Eurem Namen willkommen heißen?«
»Willkommen heißen ist nicht gerade nötig,« erwiderte Juliane nicht ohne sichtliche Verlegenheit; »aber das Tor sollen sie offen finden, -- deinetwegen, Sidonie! nur deinetwegen.«
»O ich kann Euch nicht sagen, wie dankbar ich Euch bin, liebste, beste Juliane!« frohlockte die Schelmin. »Morgen fliege ich als Friedensengel in die Burg Eurer Feinde, und wenn ich wiederkomme, lege ich Euch ein halbes Dutzend eroberter, in Liebe zu Euch brennender Herzen zu Füßen.« Übermütig umschlang und küßte sie Julianen und war wie der Wind zur Tür hinaus, um den Freundinnen entgegenzueilen und diesen ihren glänzenden Sieg zu verkünden.
Zwölftes Kapitel.
Sidonie ritt heiter und wohlgemut durch den Wald nach Neckarsteinach. Als sie ungefähr noch eine Viertelstunde davon entfernt war, winkte sie den hinter ihr reitenden Knecht zu sich heran und befahl ihm: »Eberle, trabe voraus nach Burg Schadeck zu Junker Hans Landschad, melde ihm meine Ankunft und ersuche ihn in meinem Namen, sofort nach der Mittelburg zu Herrn Bligger zu kommen; ich brächte den Herren eine wichtige Botschaft.« Der Knecht trabte voraus, und Sidonie folgte ihm im Schritt, mit dem breitkrämpigen, federgeschmückten Reisehut, der ihr Gesicht vor der Sonne schützte, und in dem eng anliegenden Reitkleid, das ihre schönen Formen reizvoll hervorhob, eine anmutige und stattliche Reiterin. Unterwegs hatte sie sich überlegt, wie sie nicht allein das ihr Aufgetragene gut ausführen, sondern auch noch ein wenig darüber hinaus durch eigenes Dazutun alles in die rechten Gleise bringen wollte, und hatte nur noch die eine Sorge, ob sie auch wohl ihre Verwandten alle zu Hause antreffen würde. Aber das fröhliche Sonntagskind baute auf sein Glück und lächelte hoffnungsvoll den vier stolzen Burgen der Landschaden zu, deren sie auf den jenseitigen Höhen nun ansichtig wurde.
Als sie mit der Fähre über den Neckar gesetzt war, kam ihr, eben um die Ecke biegend, wo der Weg von der Mittelburg herunter in die Landstraße mündete, Ernst mit einem jungen Menschen in einem langen Rock entgegen. Sobald er die Reiterin erkannte, rief er ihr ein freudiges »Willkommen, Sidonie!« zu und war schnell an ihrer Seite.
»Alle zu Hause?« frug sie, ihm die Hand vom Pferde herab reichend.
»Jawohl!« erwiderte er. »Bringst du Botschaft von Frau Juliane?«
»Ja!« nickte sie, »gute Botschaft!«
Er schritt neben ihr her, und als sie zu der Stelle kamen, wo Ernsts Begleiter stehengeblieben war, grüßte dieser höflich, Sidonien ebenso aufmerksam betrachtend wie diese ihn, und ging dann allein weiter, während Ernst die Freundin zur Mittelburg hinaufbegleitete.
»War der dunkeläugige Jüngling mit dem Mädchengesicht ein Klosterschüler?« frug Sidonie, als sie außer Hörweite von jenem waren.
»Nein,« erwiderte Ernst; »es ist der Sohn eines Juden, der seit einiger Zeit in Diensten meines Vaters bei uns wohnt. Ich habe Freundschaft mit ihm geschlossen und streife Tag für Tag mit ihm im Walde umher.«
»Isaak Zachäus', des Sterndeuters Sohn?«
»Woher weißt du --? ach, freilich!« verbesserte sich Ernst, »er war ja auf der Minneburg, wie mir Joseph zufällig verraten hat, und was übrigens niemand wissen soll.«
»Sieh mal an!« sprach Sidonie, »und uns sagte der alte Geheimniskrämer, er wollte von der Minneburg ohne Aufenthalt zurück nach Heilbronn. Hat er euch auch das Horoskop gestellt?«
»Hat er, gewiß!«
»Nun? wie lautet's?«
»Wir haben nichts erfahren,« erwiderte Ernst.
»Dann geht es euch gerade so wie uns,« lachte Sidonie.
»Ohm Hans soll einmal sein Glück in einem Kloster finden. Das ist alles, was ich von den Prophezeiungen des Juden weiß,« berichtete Ernst, ebenfalls lachend.
»Narretei!«
»Nicht wahr? Niemand glaubt daran, Ohm Hans am wenigsten.«
Auf der Mittelburg fand Sidonie den herzlichsten Empfang. Sie war Bliggers Nichte im dritten Grade, und alle hatten ihre Freude an dem schönen Mädchen, das mit seinem lustigen Wesen überall, wo es erschien, Licht und Leben um sich her verbreitete. Bligger brannte vor Begier, Sidoniens Botschaft zu vernehmen, aber diese wollte mit ihrer Bestellung warten, bis Hans und Konrad kämen, damit sie dieselbe nicht zwei-, dreimal auszurichten hätte.
»Wie geht es meiner vielwerten Feindin auf der Minneburg?« frug er jedoch.
»Sie ist wohlauf,« erwiderte Sidonie, »und wird jeden Tag einen Tag jünger.«
»Und haßt mich immer noch wie die leibhaftige Sünde, nicht wahr? während ich doch nur ihr Bestes will,« lachte Bligger.
»Ersteres glaube ich nicht, und letzteres glaubt sie nicht,« gab Sidonie zur Antwort.
»Glaubst du letzteres auch nicht?«
»Je nun, Ohm,« lächelte Sidonie, »du kannst es heute beweisen, wenn du die Bedingungen annimmst, die ich dir zu stellen habe.«
»Du sprichst ja, als wärst du ihr ~advocatus~.«
»Bin ich auch.«
»So laß hören!«
»Wenn Ohm Hans kommt. -- Ah, da ist er! Grüß Gott, Ohm Hans!« rief sie und sprang dem Eintretenden freudig entgegen. »Da bin ich als weißes Täubchen mit dem Ölblatt im Schnabel.«
»Und in was für einem Schnäbelchen!« lächelte Hans mit einem schmunzelnden Blick auf die vollen, roten Lippen des Mädchens. Er hielt ihre Hand fest und streichelte und klopfte sie, sehr vergnügt über Sidoniens Ankunft. »Kommst du allein?« frug er noch, »hast du die anderen beiden nicht mitgebracht als Zeugen und Eideshelfer?«
»Nein, Ohm Hans, ich komme allein als vollmächtiger Sendbote; in meiner Hand ruht Krieg und Frieden,« versetzte sie mit wichtiger Miene.
»In so holder Gestalt kann nur der Frieden kommen,« sprach eine Stimme hinter ihr. Es war Konrad, der unbemerkt eingetreten war, und mit dem sie sich nun auch aufs freundlichste begrüßte.
Darauf nahmen sie alle Platz und saßen im Kreise wie bei einem echten Ding der heiligen Fehme, bei dem Bligger der Freigraf, Sidonie der worthabende Freischöffe und die übrigen die Wissenden waren.
»Daß ich hier bin,« begann Sidonie, »verdankt ihr nur meiner Überredungskunst, denn ohne mich rühmen zu wollen, kann ich euch versichern, daß es mich viel Mühe gekostet hat, Frau Juliane zur Verhandlung mit euch zu bewegen.«
»Die Einleitung klingt nicht sehr friedlich,« warf Bligger dazwischen.
»Doch, Ohm Bligger! Juliane wünscht im Grunde ihres Herzens den Frieden mit euch mehr, als den Wald.«
»So denken wir auch,« sagte Hans, und Konrad nickte dazu.
»Darum liegt es jetzt nur an euch, eine vollkommene Versöhnung mit ihr herbeizuführen,« fuhr Sidonie fort. »Und wenn ihr auf meinen bescheidenen Rat nur ein klein wenig geben wollt, so bitte ich euch, ihr dabei freundlich entgegenzukommen und ihr den Schritt, den wir alle aufs innigste herbeisehnen, nicht durch lästige und demütigende Bedingungen zu erschweren. Bedenkt, sie ist eine zartbesaitete Frau und Witwe, die in Geschäften nicht erfahren ist und sich gegen euch hochmutgepanzerte, ränkevolle, trotzige Männer nur schlecht verteidigen kann.«
»Hoho!« lachte Bligger, »allen dank für die gute Meinung!« und verbeugte sich gegen Sidonie.
»Dafür hat sie an dir einen Fürsprecher, der ein ganzes Fähnlein gepanzerter Männer aufwiegt,« bemerkte Konrad mit dem Tone schmeichelhafter Anerkennung.
»Und ich stehe dir bei, Sidonie!« sagte Hans.
Frau Katharina, die mehr zuhören als mitreden wollte, warf ihrem ältesten Schwager einen dankbaren und aufmunternden Blick zu, und Ernst fühlte sich in seiner Beklemmung schon etwas erleichtert, denn er sah in Hansens Ausspruch den ersten Hoffnungsschimmer für das Zustandekommen eines friedlichen Vergleiches.
Aber Bligger frug ungeduldig: »Was verlangt Frau Juliane?«
»Nichts, als ihr gutes Recht,« erwiderte Sidonie. »Sie bietet euch die volle Pfandsumme, zweihundert Gulden, und verlangt dafür ihren Wald zurück ohne jede Einschränkung.«
»Hm!« machte Bligger, »das ist alles?«
»Ja, könnt ihr denn mehr verlangen, als daß sie euch die volle Schuld bezahlt?« frug Sidonie lebhaft. »Obenein ist es nicht etwa ein ihr geleistetes Darlehen, sondern das Lösegeld für einen Fang, der eurer Übermacht damals wohl nicht allzu schwer geworden ist.«
»Es war in ehrlicher Fehde, und Zeisolf hatte uns abgesagt, nicht wir ihm,« erwiderte Bligger mit einem strafenden Blick, den Sidonie ruhig aushielt. »Frau Juliane stößt sich an dem Wildbann,« fuhr er fort. »Den begehren wir als Entschädigung dafür, daß wir in den drei Jahren keine Zinsen von der Schuld empfangen haben.«
»Keine Zinsen!« wiederholte Sidonie, »Ohm Bligger, für wieviel Gulden habt ihr Holz in den drei Jahren aus dem Walde geschlagen? Ich glaube, ihr habt für dieses Holz allein mehr Neckarzoll unter dem Dilsberge bezahlt, als die Zinsen für die Pfandsumme betragen.«
»Kreuzhagel --«, doch er mußte lachen und sagte: »Mädchen, du könntest Magister in Heidelberg werden! Wenn ich einmal einen Rechtshandel bekomme, werde ich dich zu meinem Sachwalter bestellen.«
»Dann werde ich deine Sache so warm führen, lieber Ohm, wie ich jetzt für Julianen eintrete,« erwiderte Sidonie. »Du kannst ihr doch nicht verdenken, daß sie die freie Herrin auf ihrem Eigen sein will. Wie würde es dir gefallen, wenn du in deinen Forsten nicht pirschen und jagen dürftest, sondern ein anderer hätte das Recht und könnte dich fahen und pfänden, wenn du dich mit der Armbrust darin betreten ließest! Laß diese harte Bedingung fallen, und alles ist klipp und klar; ich selber stifte Frieden und Freundschaft zwischen euch und Juliane. Hier meine Hand! schlag' ein, Ohm Bligger!«