Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 11

Chapter 113,706 wordsPublic domain

Die Tage vergingen, ohne daß eine Botschaft von Julianen eintraf, worüber Bligger sehr ungeduldig wurde. Um über alle Abmachungen wohl unterrichtet und auf jeden Anschlag der pfalzgräflichen Hofkammer oder des Gaugrafen in Angelegenheit des Hagestolzenrechtes vorbereitet und dagegen gewappnet zu sein, ließ er sämtliche Verschreibungen und Briefe der Mittelburg von Isaak Zachäus genau durchsehen und sich von ihm Auszüge daraus anfertigen. Der Vertrag über die Verpfändung des zur Minneburg gehörigen Waldes war einfach und bestimmt in seinem Wortlaut und konnte zu einer verschiedenartigen Auslegung keinen Anlaß geben. Aber Bligger wollte sich auch endlich einmal darüber klar werden, was von dem Grund und Boden unter dem Banne der Steinachs eigentlich Wormsisches und Speierisches Lehen und was ihr freies Erbgut wäre. Das Geschlecht der Landschaden saß schon so lange im ungestörten Besitz, und eine Erledigung der Lehen durch Aussterben des Mannesstammes war in Ansehung der in der Familie aufwachsenden Nachkommenschaft so wenig zu befürchten, daß sich keiner von ihnen um diese Rechts- und Lehensverhältnisse gekümmert hatte und die Grenzen der einzelnen, zu einem großen Ganzen vereinigten Gebietsteile recht kannte. Ferner wollte Bligger über die Einsetzung des Neckarzolles am Dilsberge, wo die Kette über den Fluß gespannt war, und über seine Verpflichtungen gegenüber den pfalzgräflichen Ansprüchen Genaueres wissen. Das alles sollte ihm Isaak Zachäus aus den Urkunden ausziehen und übersichtlich zusammenstellen.

Ernst wußte, daß der dienstbeflissene Gast seines Vaters mit dieser langwierigen Arbeit beschäftigt war und leistete ihm eines Tages dabei Gesellschaft, um sich von ihm über den Inhalt und Wert der vorhandenen Urkunden unterrichten zu lassen. Mit anerkennenswerter Ausdauer hielt der künftige Erbe dieser zahlreichen Besitztitel bei der trockenen Erklärung derselben aus; aber endlich ward er dessen überdrüssig. Er ging daher gegen Abend nach Burg Schadeck hinauf, um sich mit Ohm Hans die Zeit auf angenehmere Weise zu vertreiben. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er beim Eintritt in das Zimmer des Oheims diesen mit Josephinen am Schachbrett sitzen sah.

»Kommst eben recht!« rief ihm Hans entgegen, »hier kannst du einen Schachspieler sehen, der seinen Meister sucht.«

»Ich wußte nicht, daß Joseph sich darauf versteht,« erwiderte Ernst.

»Laß dir von Williswinde einen Becher bringen und setze dich zu uns,« sagte Hans. »Kannst mir auch ein wenig helfen, denn allein werde ich mit diesem jungen Hebräer kaum fertig. Sieh nur, wie er mich schon in die Enge getrieben hat!«

Die sehr hübsche junge Zofe, die sich Hans zu seiner Aufwartung erkoren hatte, brachte einen Becher, und Ernst nahm als Dritter Platz an dem Tische, auf welchem schon ein Krug und zwei Becher standen. Um die Spielenden nicht zu stören, unterdrückte er die Frage, wie sich die beiden zusammengefunden hatten, und betrachtete sich das Spiel. Dieses stand nicht gut für Hans, denn er hatte schon mehr Figuren eingebüßt, als sein Gegner. Tiefe Stille herrschte im Gemach, niemand sprach. Als sich aber Josephine einmal sehr lange besann, ehe sie zog, sagte Hans, der sein Wams abgestreift hatte: »Uff! mir wird es immer heißer, und diesem Jüngling da scheint es noch so kühl zu sein, daß er nicht einmal seinen langen Rock ausziehen will, hier unter uns Männern.«

Josephine wagte nicht, Ernst anzusehen, der allein den Grund ihrer Weigerung kannte. Er erwiderte dem Oheim: »Es ist ein Gewitter im Anzuge, daher die Schwüle, aber Joseph geht immer in dieser Tracht.«

Jetzt tat Josephine ihren Zug mit einem Läufer; doch es war kein glücklicher.

Mit seinem Springer schlug Hans den Läufer und sprach dabei:

»Der Bischof komme nie dem Ritter ins Gehege, Weltliches Schwert weist geistlichem die Wege.

Das war während des ganzen Spiels der erste falsche Zug, den du getan hast,« setzte er hinzu.

Es schien in der Tat, als ob Josephine dem Spiele nicht mehr ihre ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit zuwendete, seit Ernst hinzugekommen war. Sie sah öfter zu ihm auf, statt das Brett im Auge zu behalten. Ernst ermahnte sie: »Gib acht, Joseph! merkst du nicht, wie Junker Hans deiner Königin immer schärfer zu Leibe geht?«

»Laßt ihn nur!« sagte Hans, »er spielt besser als du.«

Josephine nahm sich nun wieder mehr zusammen, und Zug um Zug wurde von den beiden mit der bedächtigsten Vorsicht ausgeführt. So wie das Spiel stand und sich unter den geübten Händen wenig veränderte, war ihm kein Ende abzusehen, und es wurde schon dämmerig im Gemache.

»Wollt ihr das Spiel nicht heut abbrechen und morgen fortsetzen?« frug Ernst.

»Nein!« rief Hans, die Hand am Rochen, den er bewegen wollte, »ehe nicht einer von uns matt ist, hören wir nicht auf.«

»Aber es dunkelt schon, und wenn das Gewitter losbricht, so wird es ein übel Ding um den Heimweg für Joseph und mich,« bemerkte Ernst.

»Dann bleibt ihr die Nacht hier.«

»Das geht nicht, Ohm!«

»Warum nicht?« erwiderte Hans, immer noch in die Berechnung seines beabsichtigten Zuges vertieft, »das Bett in meinem Gastzimmer ist groß genug für euch beide, werdet euch hoffentlich darin vertragen.«

Ernst sah, wie Josephine erbebte, und konnte auch noch ihr tiefes Erröten bemerken. Dann traf ihn ein Blick aus ihren Augen, aus dem Schreck und Angst und doch auch volle, hingebende Liebe sprachen.

Es durchschauerte ihn, aber nach kurzem Besinnen sagte er: »Wir können nicht hierbleiben, Ohm. Isaak Zachäus würde um Joseph in große Sorge geraten; ich muß ihm seinen Sohn heimbringen.«

»Ei, bist du ein so verzärtelt Muttersöhnchen, daß dich der Alte nicht von sich lassen darf?« lachte Hans.

»Junker Ernst hat recht, Herr,« erwiderte Josephine schüchtern; »laßt uns das Spiel aufgeben.«

»Nichts da!« sprach Hans, »hier paß auf! -- Schach!« Dann rief er mit dröhnender Stimme: »Williswinde! Wein her! aber anderen, besseren, der den jungen Herren ein wenig ins Blut geht, damit sie gut schlafen! Sie bleiben die Nacht hier; rüste das Gastzimmer für sie!«

Williswinde gehorchte flink dem Befehle ihres Herrn und brachte Wein und brennende Kerzen nebst einem Imbiß von Brod und kaltem Fleisch, was sie alles schon in Bereitschaft gehalten hatte. Ernst prüfte mit Sorge den schwereren Wein, denn er wußte von dem Tage bei der Schmiedeschenke, welche Herzenswallungen der Wein in Josephine hervorbrachte. Diese zitterte am ganzen Körper; ihr Antlitz glühte, schon ehe sie an dem neuen Tranke genippt hatte, und fortan spielte sie in großer Zerstreutheit.

Lange Zeit wurde kein Wort gesprochen, und aller Augen waren auf das Schachbrett gerichtet. Josephine trank öfter und ward immer unruhiger und erregter. Ihre Gedanken waren ganz wo anders, als hier bei dem langsamen Spiel, das sie doch mit wenigen Zügen sei es auch zu ihren Ungunsten, beenden konnte, wenn sie gewollt hätte.

Ernst war in einer Lage von der abenteuerlichsten Art. Es trat da mit sinnberückendem Locken eine Versuchung an ihn heran, der zu widerstehen dem Dreiundzwanzigjährigen nicht leicht wurde. Er ahnte, nein, er wußte, was in Josephine vorging. Sollte er in herber Entsagung das schöne Mädchen von sich stoßen? Wer konnte soviel Tugend von ihm verlangen? -- Richilde! antwortete ihm die Stimme seines Herzens, und entschlossen war er, der Versuchung, so weit er es vermochte, aus dem Wege, zu gehen. Hans verlangte, daß seine beiden Gäste die Nacht in seinem Gastzimmer bleiben sollten, was Ernst schon unzählige Male getan hatte und wogegen er dem Oheim keinen stichhaltigen Hinderungsgrund anführen konnte, wenn er ihm nicht Josephinens wahres Geschlecht verraten wollte. Das wollte er jedoch nur im äußersten Notfall, und der leichtlebige Junker würde ihn mit seiner Gewissensstrenge einem hübschen Judenmädchen gegenüber wahrscheinlich gründlich ausgelacht haben. Er mußte auf andere Mittel sinnen, wie er sich und die mit ihm darin Verstrickte aus dieser verführerischen Gefangenschaft befreien könnte.

Nach einem Zuge Josephinens mit ihrer Königin sagte Hans fast unwillig zu seinem Partner: »Du scheinst nur unter vier Augen gut Schach spielen zu können. Wenn ein Dritter zusieht, so ist es mit deiner Kunst zu Ende. Oder willst du mich mit Absicht das Spiel gewinnen lassen? Das wäre kein ehrlicher Kampf. Nimm den Zug zurück, oder deine Königin ist verloren.«

Josephine hatte nur in ihrer großen Erregung und Zerstreutheit den fehlerhaften Zug getan, den sie nun schnell verbesserte. Aber sie war so überwältigt von dem, was ihr den Busen durchstürmte, daß sie alle Ruhe und Besonnenheit verloren hatte, und nach einiger Zeit bot ihr Hans Schach und wieder Schach und setzte sie endlich matt.

Darüber war es beinahe Nacht geworden. Das Gewitter entlud sich nicht über dem Tale, sondern in einiger Entfernung, aber die Donner hallten über die Berge herüber, und die Blitze durchleuchteten die Dunkelheit.

»Nun wollen wir noch einen Krug alten Roten trinken und dann zur Ruhe gehen,« sagte Hans. »Euer Schlafgemach wird bereit sein.«

»Nein, Ohm! wir müssen aufbrechen,« sprach Ernst entschieden, »wir können nicht hierbleiben. Joseph, bist du nicht auch der Meinung?«

Josephine bewegte die Lippen, aber die Stimme versagte ihr. Nur ein heißer Blick aus ihren Augen gab dem Frager eine stumme Antwort, über deren Sinn ihm kein Zweifel blieb.

»Was soll denn das heißen?« frug Hans, über Ernsts hartnäckige Weigerung aufgebracht. »Du bist ja um diesen kraftvollen Jüngling ungemein besorgt. Ist er denn nicht sicher genug in meiner Burg, zumal unter deiner Obhut? was kann ihm denn hier geschehen?«

Da trat Ernst dicht an seinen Oheim heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Dränge mich nicht weiter; ich schlafe mit einem Juden nicht in einem Bette!«

Josephine fuhr zusammen; ihr scharfes Gehör hatte Ernsts Worte vernommen und verstanden.

»Ja so!« sagte Hans. »Das ist etwas anderes; daran hatte ich freilich nicht gedacht,« fügte er mit einem mißbilligenden Blick hinzu. »Seit wann bist du denn so bedenklich?«

Ernst schwieg. Er hatte in einem harten Kampfe sich selbst besiegt und war doch seines Sieges wenig froh.

Josephine stand tief atmend mit niedergeschlagenen Wimpern. In ihrem bleich gewordenen Gesicht zuckte es wie von einem schwer verbissenen Schmerz.

»So macht, daß ihr fortkommt!« sprach Hans verstimmt. »Den Weg wirst du ja finden, oder willst du eine Fackel, daß sich dein Schützling, den du so zärtlich bemutterst, mit dem Fuß an kein Steinchen stößt?«

»Ich kenne den Weg gut genug,« entgegnete Ernst. »Gute Nacht, Ohm!«

»Gute Nacht! -- Gute Nacht auch du, mein Junge!« sagte Hans, »komm wieder, wann du willst; sollst mir stets willkommen sein.«

Die beiden gingen heim. Als sie über die Zugbrücke hinaus waren, legte Ernst Josephinens Arm in den seinen und führte sie behutsam durch die finstere Nacht den Burgweg hinab. Mit Mühe nur bekam er aus der Schweigsamen heraus, wie sie zu seinem Oheim auf die Burg gelangt war. Hans war ihr im Tale begegnet; sie hatte ihm auf seine Frage gesagt, daß sie der Sohn Isaak Zachäus' wäre, der jetzt in Herrn Bliggers Diensten auf der Mittelburg wohnte. Hans hatte sie weit gefragt, ob sie auch das Horoskop stellen könnte, was sie verneint, ob sie Schach spielen könne, was sie bejaht hatte. Darüber erfreut, hatte er sie aufgefordert, ihn auf seine Burg zu begleiten, um mit ihm zu spielen, und sie war ihm gefolgt.

Als Ernst und Josephine sich oben in der Mittelburg trennten, blickte sie ihn nicht an und erwiderte nicht den Druck seiner Hand.

Still suchte sie ihr Lager auf, doch es dauerte lange, ehe die mächtig Erregte den ruhigen Schlummer fand. Ihr Blut wallte, und weit heftiger, als die Erbitterung über die ihr durch Ernsts geflüsterte Worte zugefügte Kränkung, gärte in ihrem Herzen das tief empörte Gefühl verschmähter Liebe.

Elftes Kapitel.

Auf der Minneburg war schon seit einer Reihe von Tagen kein gutes Wetter. Zwar die Sonne schien, die Blumen blühten, und die Vögel sangen hier wie überall im schönen Neckartal; aber die Menschen schienen ihre frühere Munterkeit verloren zu haben, und wenn einmal ein fröhliches Lachen im Zwinger oder im Palas erschallte, so kam es nur von Sidoniens übermütigen Lippen, denn auch die empfindsame Hiltrud war mehr oder weniger von den Wolken beschattet, die jetzt auf Julianens und Richildens sonst so heiteren Stirnen lagerten.

Juliane nahm weniger als bisher an den Vergnügungen der jungen Mädchen teil, hielt sich meist abgeschlossen von ihnen und war bei Tisch, oder wenn sie abends mit ihnen auf der großen Terrasse saß, von der man in den Zwinger hinabsah, mißmutig, wortkarg und von einer auffallenden Gereiztheit, die selbst beim unschuldigsten Anlaß hervorbrach, und unter der die Mädchen, besonders Richilde, viel zu leiden hatten.

Die in Ungnade Gefallenen suchten den Grund von Julianens verändertem Wesen in einem nachhaltigen Verdruß über das plötzliche Erscheinen der beiden Junker Landschad auf der Minneburg. Der ungebetene Besuch von zwei Mitgliedern der ihr verfeindeten Familie mußte ihr im höchsten Grade lästig gewesen sein, und sie mußte sich darüber geärgert haben, daß jenen ihr Wunsch, den verpfändeten Wald einzulösen, durch Richildens Schwatzhaftigkeit verraten und der Vergleich infolge des unbilligen Verlangens der Landschaden, den Wildbann behalten zu wollen, dann doch nicht zustande gekommen war.

Mit dieser Auslegung trafen die jungen Sibyllen nur in dem einen Punkte das Richtige, daß Julianen das Bekanntwerden ihres Wunsches den Landschaden gegenüber allerdings sehr unangenehm war. Ja, hätten diese die erste Anregung dazu gegeben und ihr durch einen unbeteiligten Dritten übermitteln lassen, so nähme sie eine ganz andere Stellung dabei ein und könnte die Bedingungen ihres Gewährens vorschreiben. Diesen Vorteil hatten jetzt ihre Gegner, die nun die Großmütigen spielten und so taten, als wenn sie ihr mit dem Anerbieten eines für Juliane so ungünstigen Vergleichs noch eine besondere Gefälligkeit erwiesen, die sie überhaupt, auch bei lockenderen Vorschlägen, von jenen anzunehmen nicht gewillt war. Das verdankte sie der unberufenen Einmischung Richildens, und damit erklärte sich ihr Groll auf diese.

Richilde selbst glaubte für die Unfreundlichkeit ihrer Mutter gegen sie noch einen anderen Grund zu wissen, den sie aber ihren Freundinnen vorläufig noch nicht zu offenbaren gedachte.

Als Isaak Zachäus gekommen war, um den Damen das Horoskop zu stellen, hatte Juliane den Mädchen gesagt, daß der Sterndeuter dabei auch die verborgensten Gedanken und Wünsche eines Menschen erführe. Er hatte also auch Richildens Herzensgeheimnis in den Sternen gelesen, es zugleich mit dem Befunde des Horoskops ihrer Mutter enthüllt, und diese wußte nun, daß sie den Junker Ernst -- einen Landschaden -- im stillen liebte. Das war es, was ihr die Mutter nicht verzieh. Wie das Bewußtsein einer schweren Schuld lag diese Erkenntnis auf ihrer jungfräulichen Seele und erfüllte sie mit banger Sorge, denn sie mußte sich sagen, daß Juliane nun und nimmer ihre Einwilligung zu einer Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohne ihres verhaßtesten Feindes geben würde, falls nicht vorher eine vollständige Aussöhnung zwischen ihr und den Landschaden stattgefunden hatte. Auf eine solche war aber bei dem unbeugsamen Sinne Julianens nicht die geringste Aussicht.

So dachte Richilde und ahnte nicht, in welch großem Irrtum sie durch die Angst ihres Herzens befangen war. Ihre Mutter wußte nichts von ihrer Liebe zu Ernst, und Julianens übellaunige Stimmung hatte ganz andere Gründe.

Die sehr selbständige Frau war keineswegs unzufrieden mit sich, daß sie den ihr von gegnerischer Seite gemachten Vorschlag zunächst abgelehnt hatte; aber sie hatte gehofft, daß man in Neckarsteinach größeren Wert auf eine Versöhnung mit ihr legen, ihr neue Vorschläge machen und vor allem, daß Hans damit wiederkommen würde. In dieser Hoffnung sah sie sich getäuscht. Schon zehn Tage waren seit dem Besuch des ehemaligen Freundes vergangen, und noch immer nicht warf die Sonne seinen Schatten wieder auf den Weg zur Minneburg. Hatte sie ihn wirklich so schnöde behandelt, daß er nicht zu ihr zurückzukehren wagte, mindestens die Lust dazu verloren hatte? Sie rief sich jeden Augenblick des kurzen Zusammenseins mit ihm in das Gedächtnis zurück, sein Auftreten und Benehmen ihr gegenüber, seine Worte und den Ton, mit dem er sie gesprochen, jeden Blick, mit dem er sie angesehen hatte, und endlich seinen raschen, fast ungestümen Aufbruch.

Es war ihr so vorgekommen, als wenn er nur auf einen schicklichen Anlaß gewartet hätte, sich so schnell wie möglich wieder aus dem Staube machen zu können, froh, des widerwillig übernommenen Auftrages, mit oder ohne Erfolg, entledigt zu sein. Wozu aber war er dann überhaupt gekommen? Allerdings, war es den Landschaden wirklich um eine Versöhnung mit ihr zu tun, so war Hans der erste von ihnen, in dessen ausgestreckte Hand auch sie wieder die ihrige legen konnte, und der einzige, der imstande war, eine Anknüpfung zwischen ihr und den anderen einzuleiten, nachdem sie selber das freundliche Entgegenkommen der beiden Frauen so entschieden zurückgewiesen hatte, daß sie von diesen keinen weiteren Schritt zur Annäherung erwarten durfte. Diesen groben Verstoß gegen die Formen der Höflichkeit hatte sie bald danach bereut, war aber zu stolz gewesen, ihn einzugestehen und gutzumachen. Bligger hatte die Beleidigung seiner Frau der Hochmütigen tief ins Kerbholz geschnitten und sich dafür mit höhnischen Bemerkungen und mancherlei kleinen Feindseligkeiten an ihr gerächt, so daß die gegenseitige Erbitterung eine immer schärfere, die Kluft zwischen ihnen eine immer weitere geworden war und man den ersten, so geringfügigen Anstoß, wie im Leben der Ritter eine rasch ausgekämpfte Fehde und eine kurze Gefangenschaft war, darüber längst vergessen hatte.

Wer war es nun, der den Frieden mit ihr suchte? frug sich Juliane. Wenn der Gedanke, ihr den Wunsch nach Wiedererlangung des Waldes zu erfüllen, von Hans ausgegangen wäre, so hätte dieser ihr wohl bessere Bedingungen gestellt oder wenigstens die Verhandlungen darüber bereitwillig mit ihr weitergeführt und womöglich zum Abschluß gebracht. Und Bligger? der tat ihr nichts zuliebe. Wenn er es war, der sich durch Hansens Vermittelung scheinbar um ihre Gunst bemühte, so hatte der verschlagene Mann auch irgendeinen Hintergedanken dabei, eine Nebenabsicht, die ihm die Hauptsache war, und mit der er sicher nichts Gutes für sie im Sinn hatte. Ein vorteilhaftes Geschäft war die Entpfändung des Waldes für die Landschaden nicht; Juliane wußte sehr wohl, daß derselbe weit mehr wert war, als die darauf lastende Schuld betrug. Sollte sich aber Hans von seinem Bruder zu irgendeiner Tücke gegen sie gebrauchen lassen? Das konnte sie dem alten Freunde nimmermehr zutrauen.

Was hatte ihn aber so lange von ihr ferngehalten? Wäre er nach Zeisolfs Tode zu ihr gekommen, -- vor ihm hätte sie die Brücke nicht aufziehen lassen, er hätte keine Tür in ihrer Burg verriegelt gefunden. Und warum kam er auch jetzt nicht wieder? War in ihm alles erkaltet und erstorben, was einst heiß und stark genug gewesen war, sie beide wider Pflicht und Gewissen zueinander zu treiben? War die ganze, erinnerungsvolle Zeit, in der sie, jeder der eigenen und der Liebe des andern bewußt werdend, sich sehnsüchtig gesucht, sich langsam genähert und endlich in einem Augenblick des Hingerissenseins sich glückberauscht gefunden hatten, aus seinem und ihrem Lebensbuche wie eine falsche Rechnung gestrichen? Oder -- sollte es möglich sein? -- wie ein Blitz durchfuhr sie der Gedanke -- war die schlummernde Liebe doch wieder erwacht in ihm und er, die Verhandlungen über den Wald zum Vorwand nehmend, nur gekommen, um zu sehen und zu hören, wie sie jetzt gegen ihn gesonnen, ob sie, wie damals, noch heute bereit wäre, sein eigen zu werden? War er darum gekommen, dann mußte er mit der Überzeugung wieder gegangen sein: es ist alles vorbei! Sie selber hatte ihn zurückgewiesen und mit der Antwort heimgeschickt, daß sie keinen Frieden mit ihm wolle. Damit wußte er, was er wissen wollte, und kam nicht zum zweiten Male wieder. Sie aber konnte ihn nicht zurückrufen und ihm sagen: Behaltet den Wald und nimm mein Herz noch dazu, Hans Landschad!

Sie hatte im Erker gesessen, bald mit ihrer Stickerei beschäftigt, bald die Hände müßig im Schoße haltend und ihren quälenden Gedanken hingegeben. Jetzt erhob sie sich und sah auf den Burgweg hinab, auf dem sich nichts Lebendes blicken ließ. »Armes, einsames Weib!« seufzte sie, »Herrin der Minneburg, auf der kein Minneglück blüht!« Die Wangen brannten ihr, sie drückte die Hand auf den wallenden Busen. »O wenn du wiederkämst, Hans Landschad!« flüsterte sie, »du solltest nicht unerhört von dannen gehen!«

Dann eilte sie hinaus und wußte nicht wohin; das Gemach, die Burg, die Welt war ihr zu eng. --

Die drei jungen Mädchen waren auf dem jenseitigen Ufer des Flusses in Neckargerach gewesen, wo Juliane einen Hof besaß, dessen Meier die Minneburg mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen versorgte. Von dort zurückgekehrt, hatten sie sich unterhalb der Burg ein einsames Waldplätzchen aufgesucht, um an dem heißen Tage hier im Schatten ein wenig zu ruhen. Es war eine Stunde vor Mittag und tiefe Stille ringsumher. Die jungen Schönen hatten sich auf das weiche Moos gestreckt und sich einem süßbehaglichen Nichtstun und Nichtsdenken hingegeben. Hiltrud lag etwas abseits von den beiden anderen, und bald verrieten ihre regelmäßigen Atemzüge, daß sie eingeschlafen war. Da hörte Sidonie von Richildens Seite her einen langgedehnten Seufzer, und das Haupt zur neben ihr ruhenden Freundin wendend, frug sie: »Wohin ging denn der schwere Seufzer?«

Richilde gab keine Antwort, und Sidonie fuhr fort: »Nun gesteh' es nur! ich glaube, er hat sein Ziel nicht weit von Neckarsteinach.«

»Wenn du es weißt, warum fragst du noch?« sagte Richilde traurig.

»Das klingt ja so hoffnungslos, als wenn du an Ernst Landschads Liebe noch zweifeln müßtest.«

»Sprich den Namen nicht aus! sonst fallen hier die Blätter von den Bäumen,« erwiderte Richilde, schnell sich halb aufrichtend und auf den Ellenbogen stützend.

»So ist's recht!« lachte Sidonie, ihrem Körper dieselbe Lage gebend wie Richilde, »so ein bißchen Spott und ein bißchen Trotz hab' ich gern; daran sehe ich, daß du Mut hast, und das ist die Hauptsache. Nun laß uns einmal vernünftig miteinander reden; es wird darum kein Blatt vom Baume fallen. Daß du Ernst liebst, hab' ich schon lange gemerkt; nun sage mir: glaubst du, daß er dich wieder liebt?«

»Ich weiß es nicht,« flüsterte Richilde leicht errötend.

»Weißt du nicht. Nun, dann will ich's dir sagen: ja! er liebt dich wieder; hier meine Hand darauf! Glaubst du's nun?«

»Ach Sidonie! wie glücklich wär' ich, wenn du recht hättest!« sprach Richilde leuchtenden Blickes die Hand der Freundin drückend. »Aber --,« sie stockte, schlug die Augen nieder und seufzte.

»Richtig! Aber!« fiel Sidonie ein. »Aber deine Mutter meinst du. Ja freilich, das ist kein Spaß. Wenn sie es erfährt, wird es einen harten Kampf geben.«

»Es erfährt? Sie weiß es längst,« meinte Richilde.

»Wieso? Hast du es ihr gesagt?«

»Ich nicht; aber der abscheuliche Sterngucker, der mit seiner krummen Habichtsnase in allen Geheimnissen herumschnüffelt, der, der wird es ihr verraten haben,« eiferte Richilde.

Sidonie mußte über den drolligen Zornerguß ihrer blonden Freundin lachen, suchte sie aber dann zu beruhigen und sagte: »Mache dir zu den unabweislichen Sorgen nicht noch überflüssige. Deine Mutter weiß noch nichts, sonst hätte sie dich schon darüber zur Rede gestellt. Oder hat sie das getan?«

»Nein; aber siehst du denn nicht, wie unleidlich sie mich seitdem behandelt? Nichts kann ich ihr mehr recht machen, immer hat sie etwas an mir auszusetzen; es ist zum Davonlaufen!«