Das Recht der Hagestolze: Eine Heiratsgeschichte aus dem Neckartal

Part 10

Chapter 103,517 wordsPublic domain

»Danke! danke, lieber Lauffen! lebt wohl!«

»Behüt' Euch Gott, Bligger!«

Und die beiden schüttelten sich so bieder die Hände, als hätten sie sich Blutsbrüderschaft geschworen.

»Ob er wohl aufrichtig an den Köder angebissen hat und in der Falle drinsitzt?« dachte Bligger, als er zum Burghof hinabging.

»Alter Schelm! Du willst mich hinters Licht führen? Warte! die Heirat wollen wir dir anstreichen!« sagte der Graf, als er Bligger aufs Pferd steigen sah.

Dann rief er seinem Schildknecht und befahl ihm: »Fassold, morgen in aller Frühe satteln! wir reiten nach Burg Dauchstein.«

Graf Philipp von Lauffen hatte doppelten Grund, dem Plan einer Verheiratung des Junkers Hans Landschad entgegenzuarbeiten. Denn daß dieser Plan wirklich bestand und mit oder ohne Wissen des Hagestolzen eifrig gefördert wurde, davon war der Graf nach Bliggers überraschendem Besuch und trotz der dabei gefallenen Äußerungen über Juliane nun erst recht überzeugt. Er mußte nach den Unterweisungen des kurfürstlichen Rates Uffsteiner dem Befehle seines Fürsten gehorchen, und seiner Pflicht, dessen Vorteil überall wahrzunehmen und sein Gut nach Kräften und mit allen Mitteln zu mehren, stand ein geschriebenes Recht zur Seite. Aber in dem vorliegenden Falle tat er es noch besonders gern, denn er war den Landschaden, mit denen ihn sein Amt als Verwalter des Gaues in manche kleine Zwistigkeiten brachte, nicht hold gesinnt und benutzte nun gern die Gelegenheit, sich an den oft widerspenstigen Nachbarn für manche ihm zugefügte Kränkung und hochfahrende Aufsässigkeit einmal empfindlich zu rächen.

Als er am nächsten Vormittag auf dem Dauchstein anlangte, wurde er vom Ritter Bruno von Bödigheim sehr freundlich aufgenommen. Bald standen die Becher auf dem Tische, und bei der Unterhaltung über minder wichtige Dinge, die Erwähnung von Jagdabenteuern und Fehdegeschichten brachte Graf Philipp geschickt das Gespräch wie von ungefähr auf die Minneburg und sagte: »Frau Rüdt von Kollenberg will nun auch ihren verpfändeten Wald von den Landschaden wieder einlösen.«

»Also endlich!« erwiderte Bruno von Bödigheim, »ich habe es ihr schon lange geraten, denn der Wald ist viel mehr wert, als die zweihundert Gulden, die sie den Landschaden darauf schuldet.«

»Hm! mag sein,« meinte der Graf, »Ihr habt ja wohl ein Wort dabei mitzureden. Seid Ihr nicht der Vormund von Fräulein Richilde?«

»Nein, sie hat keinen anderen Vormund, als ihre Mutter,« versetzte Bödigheim. »Rüdt hatte vor seinem jähen Ende nicht mehr Zeit, ihr einen besonderen Vormund zu bestellen.«

»So, so! dann ist Euch wohl auch noch nicht bekannt, daß sich der junge Landschad, Junker Ernst, Bliggers Sohn, um Richildens Hand bewirbt?«

»Nicht das geringste,« versicherte Bödigheim höchst verwundert. »Wißt Ihr das sicher und gewiß?«

»Das und noch mehr!« erwiderte der Graf. »Bödigheim! Euer Ritterwort, daß Ihr gegen jedermann, sei es Mann oder Weib, verschweigen wollt, was ich Euch heute sagen werde?«

»Mein Wort darauf!« und er schlug in des Grafen Hand.

»Also hört! Auf der Minneburg wird, -- wenn nichts dazwischen kommt -- bald Doppelhochzeit sein. Ernst freit um die Tochter, und Hans Landschad um die Mutter, Frau Juliane.«

»Lauffen! seid Ihr bei Sinnen?« fuhr Bödigheim auf und rückte mit dem Stuhle vom Tische zurück. »Ach, das sind ja Mären und Schnurren!« rief er dann und brach in ein lautes Gelächter aus, das aber viel zu gezwungen klang, um nicht die innere Unruhe des Lachers zu verraten.

»Lacht nur!« sagte der Graf ruhig, »wahr ist es doch.«

»Nein! nein, sag' ich! Hans Landschad, der Ehehasser, der eingefleischte Hagestolz! bedenkt doch --«

»Eben! der Hagestolz!« unterbrach ihn der Graf. »Bödigheim, habt Ihr schon einmal von einem Recht der Hagestolze gehört?«

Der Ritter rieb sich die Stirn. »Von einem Recht der Hagestolze; wartet mal --«

»Ich will Eurem Gedächtnis zu Hilfe kommen,« sagte der Graf. »Wenn ein einläufiger Mann fünfzig Jahr, drei Monat und zwei Tage alt wird und stirbt, so fällt seine Hinterlassenschaft nicht an seine Blutsfreunde, sondern an den Landesfürsten. Erinnert Ihr Euch nun vielleicht?«

»Ja, ja! so war's; jetzt dämmert es in mir auf; vor langen Jahren hab' ich einmal so etwas gehört.«

»Besinnt Ihr Euch?« lächelte der Graf. »Nun, Hans Landschad ist neunundvierzig Jahr alt und soll, um dem Recht der Hagestolze zu entgehen, Frau Rüdt von Kollenberg heiraten. Bligger will es so.«

»Bligger? Das sieht ihm ähnlich! Nun glaub' ich Euch; der bringt alles fertig; das Wetter schlage drein!« knirschte der Burgherr.

»Ruhig Blut, Bödigheim!« ermahnte der Graf. »Ich sagte: wenn nichts dazwischen kommt!«

Bödigheim war aufgesprungen und schritt im Zimmer auf und ab.

»Ihr hört nicht,« fuhr der Graf fort. »Mich dünkt, ich weiß noch einen, der auf die Hand der schönen Witwe hofft.«

»Noch einen?« schrie der tief Erregte. »Wer, wer noch?«

»Wenn ich nicht irre,« lachte Philipp, »so war es mein edler Freund Bruno von Bödigheim.«

Der Ritter blieb mit offenem Munde und weit offenen Augen vor seinem Gaste stehen. »Wer hat Euch das gesagt?« frug er verblüfft.

»Ein kohlschwarzer Rabe raunte es mir im Walde von einer alten Eiche zu,« erwiderte der Graf. »Hat er gelogen?«

»Nein!« sagte Bödigheim kurz und fest.

»Nun, so geht hin und nehmt den Landschaden die schöne Beute vor der Nase weg,« sprach der Graf.

»Ist bald gesagt,« brummte der andere, »meine Hoffnung ist gering.«

»Ihr werdet doch einem alten Junggesellen und Ehehasser die Spitze bieten können?«

Bödigheim zuckte die Achseln. »Wer weiß, ob Frau Juliane einen Witwer mag!«

»Warum nicht?« sagte der Graf, »ist sie doch selber Witwe, und Ihr seid jünger, als Hans. Und dann noch eins. Wenn Ihr einigen Einfluß auf sie habt, so ratet ihr, den Wald nicht einzulösen. Ich will Euch auch sagen, warum. Nicht Juliane, sondern ihre Tochter Richilde ist die Erbin der Minneburg nebst allem Zubehör, und wenn Ihr auch die Witwe heiratet, so bekommt Ihr den Wald doch nicht, sondern der bekommt ihn, der die Tochter freit. Behalten ihn aber die Landschaden und Hans stirbt als Hagestolz, so erbt ihn, zu einem Drittel wenigstens, der Pfalzgraf, und dann will ich schon dafür sorgen, daß er ihn Euch, als dem nächsten Grenznachbar, für ein billiges zu Lehen gibt.«

»Und darauf soll ich warten?« entgegnete Bödigheim, »Ihr tut gerade so, als wenn Hans schon in den letzten Zügen läge.«

»Wir sind alle sterblich; denkt an Zeisolf! wer konnte voraussehen, daß der so früh ins Gras beißen müßte?« sprach der Graf. »Oder seid Ihr mit den Landschaden so befreundet, daß Ihr ihnen von Herzen das Beste gönnt, die schöne, liebreizende Frau, die hübsche Tochter mit dem ganzen reichen Erbe, der großen, herrlichen Burg, den Wäldern und Feldern und allem, was weit und breit dazu gehört? wie? gönnt Ihr das alles den hochmütigen Landschaden?«

»Schockschwerenot, nein! und nochmals nein!« fluchte Bödigheim und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte. »Niemand weniger, als denen! hol' sie alle der Teufel!«

»Nun also!« lachte Graf Philipp. »Dann rat' ich Euch, laßt Euer Rößlein traben, daß Ihr nicht zu spät kommt und das Nachsehen habt.«

»Euer Rat ist gut, Lauffen!« erwiderte der Heißgemachte, »ich werde ihn mir durch den Kopf gehen lassen.«

»Nicht zu lange, Bödigheim! ich hoffe, bald gute Kunde von Euch zu vernehmen, und wenn Ihr mich brauchen könnt, so zählt auf mich! Wir zwei wollen zusammenhalten,« sprach der Graf beim Abschied.

»Das wollen wir, Lauffen! habt Dank und auf Wiedersehen!« sagte Bödigheim. »Dilsberg und Dauchstein, allweg in Eintracht!«

»Dilsberg und Dauchstein! die Losung gelte!«

Zehntes Kapitel.

Engelhard von Hirschhorn hatte sich bei der Beratung der befreundeten Ritter auf der Mittelburg dazu erboten, den damals abwesenden Albrecht von Erlickheim in den gefaßten Beschluß, daß Hans Landschad Frau Juliane Rüdt von Kollenberg heiraten sollte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit einzuweihen und zur gelegentlichen Unterstützung dieses Vorhabens aufzufordern, hatte sich aber des freiwillig übernommenen Auftrages noch immer nicht entledigt. Endlich schritt er zur Ausführung desselben und ritt eines Nachmittags von Zwingenberg nach Burg Stolzeneck hinüber.

Dort begehrte er den Burgherrn allein zu sprechen zur großen Verwunderung von dessen Gattin Elisabeth, einer hübschen, lebhaften und klugen Frau, die in ihrer glücklichen Ehe nicht daran gewöhnt war, daß ihr Gemahl Geheimnisse vor ihr hatte. Sie machte daher ihr Recht, alles zu wissen, was Albrecht anginge, den Männern gegenüber auch heute geltend, kam aber nicht damit durch. Engelhard behauptete mit höflich scherzender Wichtigkeit, daß es sich um Dinge handelte, die durchaus nicht für zarte Frauenohren taugten und unter Männern allein abgemacht werden müßten.

Diese höchst verdächtigen Andeutungen, die den gewagtesten Vermutungen freies Spiel ließen, reizten Elisabeths Neugier noch mehr. Sie faßte sofort Mißtrauen gegen Engelhard, der sich zwischen sie und ihren Gatten drängte und Albrecht am Ende zu Dingen verführen wollte, die man ihr nicht mitzuteilen wagte.

Nachdem sich die beiden Männer in ein anderes Gemach begeben hatten, nahte sich der einem vergeblichen Raten Überlassenen der böse Feind und flüsterte ihr die Versuchung ins Ohr, ein wenig zu horchen, eine Versuchung, der Frau Elisabeth nach nicht allzulangem Widerstande auch richtig unterlag.

Auf den Zehen schlich sie über den Estrich des Ganges zu dem verschlossenen Zimmer, schmiegte behutsam den Kopf an die Tür und lauschte.

Sie hörte sprechen und erkannte Engelhards Stimme, der ohne von Albrecht unterbrochen zu werden, diesem etwas auseinanderzusetzen schien, das wohl nicht leicht zu begreifen sein mochte, und von dem sie leider nur einzelne, abgerissene Worte verstehen konnte.

»... drei Monate und zwei Tage alt ...«

Mein Gott! ein Kind! dachte Elisabeth, aber wessen? doch nicht --?

»... stirbt ... Erbe verloren ...«

Wer stirbt? wessen Erbe ist verloren?

Nun kamen ein paar Worte Lateinisch, darauf wieder Deutsch: »... einzige Mittel ... Hagestolzenrecht ... heiraten ...« Dann lachten beide Männer und sprachen durcheinander, dann Engelhard wieder allein: »... die höchste Zeit ... verschwiegen bleibt ...«

Nach einer längeren und leiser gesprochenen Rede Engelhards, an deren Schluß die Lauschende das Wort »Minneburg« zu verstehen glaubte, brach plötzlich Albrecht in ein schallendes Gelächter aus und rief unvorsichtig laut: »Hans Landschad und Juliane Rüdt von Kollenberg!« und wieder lachten beide Männer unbändig.

Das war zuviel. Elisabeth hielt sich beide Ohren zu und schlüpfte eilends in ihr Gemach. Sie hatte es deutlich gehört: »Hans Landschad und Juliane Rüdt von Kollenberg!« Barmherziger Himmel! was hatten diese beiden getan, das verschwiegen bleiben mußte? Juliane war ihre beste Freundin. Sie hatte sie freilich lange nicht gesehen; aber das -- das war ja ganz undenkbar. Sie wollte hin zu ihr, mußte sie sehen, sie fragen --

Da traten die Herren zu ihr ins Gemach und waren beide sehr aufgeräumt und lustig. Besonders Albrecht schüttelte zuweilen mit dem Kopf und lächelte still in sich hinein. Elisabeth aber brannte vor Neugier und mußte sich den äußersten Zwang antun, um unbefangen zu erscheinen und ein harmloses Gespräch mit den beiden führen zu können. Sie war froh, daß Engelhard bald darauf Urlaub nahm.

Als Albrecht, der den Freund in den Burghof hinabbegleitet hatte, zurückkam, wartete Elisabeth ein Weilchen, ob er den Mund öffnen und beichten würde. Da dies aber nicht geschah, begann sie: »Nun, Albrecht? Du schweigst? willst du mir nicht sagen, was Engelhard hergeführt hat?«

»Nein, Liebchen!« erwiderte er, »ich darf es nicht, so gern ich's auch täte.«

»Nun, du weißt doch wohl, daß ich schweigen kann.«

»Gewiß; aber ich kann es auch.«

»Deiner Frau darfst du nichts verschweigen.«

»Ausgenommen, wenn ich es einem anderen versprochen habe.«

»Das wäre ein höchst törichtes Versprechen, ein mich im höchsten Grade beleidigendes Versprechen. Mann und Frau sind eins, und keiner darf vor dem anderen ein Geheimnis haben,« sagte Elisabeth schon etwas erregt.

»Kein eigenes,« erwiderte Albrecht, »aber ein fremdes?«

»Auch kein fremdes. Ich muß es wissen, und ich will es wissen! da gilt keine Ausrede. Du mußt es mir sagen! unter allen Umständen. Ich verlange es, Albrecht, und ich habe ein Recht, es zu verlangen!« rief sie unwillig und stampfte mit den Füßen auf den Boden.

»Kleiner Trotzkopf!« lächelte er, »wie willst du mich denn zwingen?«

»Albrecht, du bist abscheulich!« sprach sie und fing an zu schluchzen. »Du hast kein Vertrauen zu mir, du hast mich nicht mehr lieb; sonst könntest du nicht so hartherzig sein und mich vergeblich bitten lassen. O ich arme, unglückliche Frau!« Sie wandte sich von ihm weg, verhüllte das Gesicht und weinte wirkliche Tränen.

»Ein rechtes Närrchen bist du!« lachte Albrecht, »komm mal her!«

»Nein! ich komme nicht, ehe du nicht versprichst, mir alles zu gestehen,« schmollte sie. »Laß mich!« wehrte sie ihn ab, als er sie umfangen wollte.

»Dann kann ich dir nicht helfen,« versetzte er ruhig und tat so, als ob er das Zimmer verlassen wollte.

Da sprang sie schnell herum, hatte im Nu die Arme um seinen Nacken geschlungen, blickte mit ihren sammetweichen, feuchtschimmernden Augen tief innig in die seinen und bat und flehte: »Albrecht, lieber, guter Herzensmann! sage mir's doch! Sieh', du kennst mein Herz bis in seine kleinsten Falten, nie habe ich dir das geringste verschwiegen und verhohlen; wie kannst du nun so grausam sein, vor mir etwas zu verbergen? Wie hoch soll ich schwören, daß ich's keiner, keiner Menschenseele wiedersagen will?«

Er drückte sie zärtlich an sich, küßte sie auf ihr duftiges, braunes Haar und sagte »Liebes Herzenskind! ich kann es doch nun einmal nicht; finde dich darein!«

Rasch machte sie sich von ihm los. »Du willst nicht? Du willst wirklich nicht?« sprach sie in einem plötzlich ganz veränderten, keck herausfordernden Tone, »gut, so will ich dir nur sagen, daß ich schon alles weiß!«

»So! und woher, wenn ich fragen darf?«

»Ich habe gehorcht.«

»Lisbeth! Du hast gehorcht?!«

»Ja!«

»Schäme dich, Lisbeth!«

»Schäme du dich, daß du mich in die Lage bringst, horchen zu müssen, dadurch, daß du mit Engelhard Geheimnisse vor mir hast! und was für welche! -- Von einem Kinde habt ihr gesprochen! gesteh' es!«

»Von einem Kinde?«

»Ja, das drei Monat und zwei Tage alt ist und sterben oder enterbt werden soll.«

Statt aller Antwort fing Albrecht laut an zu lachen.

»Gelacht habt ihr auch, Du am meisten,« fuhr sie empört fort, »und es ist doch etwas Schreckliches, was ihr da verhandelt habt, eine bitterböse Geschichte, wenn's wahr ist --«

»Was denn?« frug er noch immer lachend.

»Was denn? O -- ich habe auch Namen gehört, ganz deutlich gehört! Und weißt du, welche? -- Hans Landschad und Juliane Rüdt! Albrecht, ich bitte dich um Gotteswillen, was ist geschehen? laß mich nicht raten; sage mir's lieber!«

»Zur Strafe dafür, daß du gehorcht hast, müßte ich dich eigentlich der Qual deiner Neugier überlassen,« erwiderte er. »Aber da du nun einmal die Namen weißt, um die sich alles dreht, so muß ich dir wohl oder übel mehr vertrauen, damit du nicht auf unrechte Gedanken kommst. Also Hans Landschad und Juliane Rüdt --«

»-- sind in einem üblen Gerede und sollen Buße tun.«

»Ach was! dummes Zeug! heiraten sollen sie sich!« platzte Albrecht heraus.

»Das habe ich schon gemerkt. Aber warum sollen sie sich heiraten?«

»Damit Hans eine Frau und Juliane einen Mann kriegt.«

»Aber sie gelten doch als unversöhnliche Feinde.«

»Sie waren bisher Feinde und haben sich seit drei Jahren nicht gesehen.«

»Seit drei Jahren nicht gesehen?« wiederholte Elisabeth mißtrauisch; »auch nicht ein einziges Mal?«

»Auch nicht ein einziges Mal; verlaß dich darauf!«

»Und was ist das mit dem Hagestolzenrecht?«

»Auch das hast du aufgeschnappt?« frug Albrecht erschrocken.

»Du hörst es; also nur heraus mit der Sprache!«

»Weib! vor dir ist doch kein Geheimnis sicher. Also auch das noch: wenn Hans fünfzig Jahr, drei Monat und zwei Tage alt wird und als lediger Mann stirbt, so fällt seine Hinterlassenschaft als Erbe an den Pfalzgrafen. Das nennt man das Recht der Hagestolze.«

»Und nur um dieses Recht nicht gegen sich in Anwendung kommen zu lassen, will Hans Julianen heiraten?«

»Zum Kuckuck, ja!«

»Ein feiner Grund, das muß ich sagen!« höhnte Elisabeth.

»Nun, ist denn das nicht Grund genug, wenn sie sich außerdem noch lieben?«

»Tun sie das denn?«

»Weiß ich nicht; ist auch ihre Sache.«

»Kennt sie den wahren Grund, warum er sie heiraten will?«

»Ei bei Leibe nicht! das wäre noch schöner!« lachte Albrecht.

»Hat er schon um sie geworben? und hat sie schon eingewilligt?«

»Weiß ich auch nicht, glaube ich aber nicht. Nun weißt du das ganze Geheimnis, und wenn du ein Wörtlein davon verlauten läßt, so -- so sage ich dir in meinem Leben nichts wieder!«

»Du hast mir gar nichts gesagt. Was ich weiß, habe ich alles erraten.«

»Erlauscht, sage nur!«

»Nun ja, meinetwegen, erlauscht!«

»Willst du das auch nie wieder tun?«

»Willst du auch nie wieder ein Geheimnis vor mir haben?«

Und sie sanken sich lachend in die Arme und feierten eine zärtliche Versöhnung.

Am anderen Morgen, als Albrecht auf die Jagd gegangen war, schickte Elisabeth durch einen Knecht ein Brieflein an ihren Bruder Bruno von Bödigheim auf Dauchstein, des Inhalts: »Spute dich, mit Julianen ins reine zu kommen! Ein anderer wirbt um sie. Elisabeth.« --

Während sich Gefreunde und Gegner mit Junker Hans beschäftigten, die einen seine Verbindung mit Juliane möglichst zu fördern, die andern sie nach Kräften zu hintertreiben suchten, saß er selbst still und zufrieden auf seiner Burg, ohne im entferntesten zu ahnen, wie fleißig hinter seinem Rücken an seinem Glücke geschmiedet wurde. Von allen Mitwirkenden ward es sorgsam vor ihm verschwiegen; nie hörte er die leiseste Anspielung darauf, wohin er auch kam und mit wem er auch zusammentreffen mochte. Noch weniger aber drang in sein hochgebautes Felsennest die geringste Kunde von der Möglichkeit, daß in diese halb vernachlässigten Räume eine Herrin einziehen und kraft ehelicher Gewalt mit Ordnungs- und Schönheitssinn hier walten und schalten könnte.

Burg Schadeck war ein rechter Junggesellenhort, denn Hans litt keinen verheirateten Menschen um sich, weder vom männlichen, noch vom weiblichen Geschlecht. Marx Drutmann, der des Junkers Waffenmeister, Marschalk und Schildknecht in einer Person war und die Aufsicht über Tor und Mauern, über den Stall und die Knechte führte, war auch in seinen jüngeren Jahren nie beweibt gewesen, und Ursula, die dem kleinen Hauswesen, der höchst einfachen Küche und dem wohlbestellten Keller als Schaffnerin vorstand, war eine ganz alte Jungfer.

Außer dem edlen Weidwerk, einem fröhlichen Fehderitt und einem vollen Becher liebte Hans noch zwei Dinge: das Schachspiel und das Harfenspiel. Er besaß ein sehr kostbares Schachspiel, das in London angefertigt war, und das er einst zu hohem Preise von einem Heilbronner Kaufmann erstanden hatte. Das Brett, dessen goldumrandete Felder teils aus Silber mit zierlich eingegrabenen Blumen und Blattwerk, teils aus zusammengesetzten Stücken von rotem Jaspis bestanden, war so groß, daß es füglich als Schild zur Deckung des Leibes dienen konnte, und hing, wenn es nicht benutzt wurde, mit zwei starken Ringen an in der Wand eingeschlagenen Haken. Die Figuren, aus Walroßzahn geschnitten, die einen weiß, die andern rot gebeizt, waren faustgroß und so schwer, daß sie nicht zu verachtende Wurfgeschosse abgeben konnten. König und Königin saßen zu Pferde, die Rössel oder Springer waren Ritter, die Alten oder Läufer waren Bischöfe, die Rochen turmtragende Elephanten. Hans war ein leidenschaftlicher Schachspieler, jeder Partner war ihm dabei recht, aber wenige waren ihm darin gewachsen. Es gewährte ihm eine kindliche Freude, wenn er Schach und Abschach bieten konnte, und er hatte sich außer den gebräuchlichen Zabelworten kleine, sinnreiche Sprüchlein angewöhnt, die er dem Gegner zum Trost oder zum Spotte vorsagte, wenn er ihm mit einem geschickten Zuge eine Figur nahm.

Wenn er aber, was ja meistens der Fall, allein war, so griff er gern zu dem Gegenstande, der ihm unter allen seinen Habseligkeiten am höchsten im Werte stand und ihm von seinen Brüdern zur Aufbewahrung anvertraut worden war. Das war die kleine Harfe des Minnesängers Bligger von Steinach aus der glanzvollen Zeit der Hohenstaufen. Sie war fast zweihundert Jahr alt und eine sogenannte Schwalbe, ein dreieckiger, mit kunstloser Schnitzerei verzierter Holzrahmen, in dem nur zwölf Saiten gespannt waren; aber die Landschaden hielten wie das Andenken, so auch dieses Erbstück des Ahnherrn gleich einem Heiligtum in Ehren. Sonst besaßen sie nichts mehr von ihm, nichts Handschriftliches und leider auch nicht jenes berühmte, große Gedicht, »Der Umhang«, von dem zeitgenössische Minnesänger, vor allen Gottfried von Straßburg, in Ausdrücken des höchsten Lobes sprechen, daß die Worte darin von den Fittichen der Laute wie Adler emporschwebten und die Reime wie geworfene Messer zum Ziele flogen. Der Umhang bedeutete einen Wandteppich, dessen Stickereien als lebende Bilder und fortschreitende Handlung in dem verlorengegangenen Gedicht geschildert und erzählt waren. Ein paar von einer späteren Hand aufgeschriebene Lieder des Sängers bewahrten die Nachkommen noch, und Hans summte sie leise vor sich hin, wenn er einsam die alten Saiten schlug und sich an dem Spiel erfreute, in dem er es zu einer ziemlichen Fertigkeit gebracht hatte.

Zumeist verdankte er diese Kunst wunderlichen Gästen, die ungeladen bei ihm vorsprachen, aber ihm stets willkommen waren, -- fahrenden Spielleuten. Keiner dieser Unsteten, Heimatlosen ward am Burgtor abgewiesen. Er bewirtete sie und beschenkte sie; sie mußten ihn im Saitenspiel unterweisen, ihm etwas vorspielen und singen, und von ihren Wanderfahrten erzählen. Wenn Hans mit einem Spielmann beim Becher saß, so vergaß er, daß er ein hochangesehener Burgherr und Ritter war und jene nur bettelarmes, vogelfreies Volk, das auf der Landstraße wohnte und hinter dem Zaune schlief. Dann regte sich in ihm das alte fröhliche Sängerblut Bliggers von Steinach, dann stimmte er lustig mit ein und spielte und sang und trank mit seinem Gaste bis in den grauenden Morgen hinein. Das wurde unter dem Vagantentum Schwabens und der Pfalz bald bekannt, und Sommer und Winter kehrte manch einer, der die Fiedel strich oder die Laute schlug und singen konnte, -- trinken konnten sie alle -- bei dem gastfreien Junker Hans Landschad von Steinach auf Burg Schadeck im Neckartal ein, wo keine strenge Hausfrau den Anklopfenden von der Stelle wies oder dem nächtlichen Gelage Einhalt gebot. --