Das rasende Leben: Zwei Novellen
Chapter 2
»Auch dies war in Marseille. Viele Städte haben mich geschlagen. Doch mein bestes hellstes Blut ließ ich in dieser. Wenn ich im Traum Schiff fahre und strande: es ist die Mole von Marseille. Wenn man im Traum (herrlicher Rimbaud!) mich amputiert: es ist das gelbe Spital dort im östlichen Viertel. Und auch dies, man krönt mich mit allen Insignien meines Ehrgeizes: es ist das Stadthaus von Marseille, aus dem ich in das Hohngelächter des Erwachens fahre.
So hasse ich diese Stadt . . . Die Pest . . .
Ich fuhr viel damals nach Aix. Es ist nicht weit. An der Universität hatte ich einen Bekannten, der über Bakteriologie las. Abends spielten wir zur Besänftigung Ecarté zu viert, ein jüdisch-russischer Flieger und ein japanischer Schüler meines Freundes, der noch kleiner war, als Japaner gewöhnlich scheinen. Er hatte eine sympathische Weichheit der Bewegungen und hinter den Augen: Energie. Er besuchte mich oft in Marseille und verstand es, was Ecarté allein ermöglicht, beim Kartenspiel entzückend zu plaudern. Einmal traf ich ihn mit einer Dame. Doch grüßte er mich nicht.
Auf Karneval waren wir alle zusammen in eines der großen mehrstöckigen Cafés gezogen, mußten uns aber bald zerstreuen. Nach einer Weile bekam ich Streit mit einem kleinen Kolonialoffizier, dem ich seine Jungfrau abnehmen wollte, die ich als Modell des roten Malers Hessemer von Lausanne erkannte -- es ist ja nur ein Sprung --, die Kleine hatte ein Kostüm als Nymphe, loses Haar mit einem Reif, kurzes Kleid und nackte Beine. Ich faßte sie um die Taille, doch sie wollte, halbbetrunken, zu ihrem Leutnant. Sie wollte sich losreißen. Da legte der Flieger Blumenthal seine Pranke um ihr Gelenk. Jetzt gab es kein Loskommen mehr. Sie riß, warf sich mir schäumend um die Brust und biß mich durch den Frack tief in die Schulter,
Blumenthal sah es, ließ sie los, sie riß sich frei. Lief davon, ich folgte. Der Leutnant nahm den Flieger auf sich. Ich glaube, er wollte ihn in die Tasche stecken. Doch ich verlor die Nymphe.
Auf der Treppe zum dritten Stock sah ich aber eine junge Frau, die ein gelbes Kleid trug, das schönste an diesem Abend. Ich griff nach ihr. Sie lachte und stieß mir, rückwärts steigend, stets über mir, immer mit dem Knie an die Brust. Ich lachte. Plötzlich entlief sie mir.
Ich folgte ihr über ein paar Treppen, und da ich sie küssen wollte, führte ich sie in eine Nische gerade unter einen Streif Sternhimmel, der zwischen zwei Firsten lag. Sie legte mit Grazie und Wissen zwei halbvolle, leicht nach Wein duftende Lippen, die sehr warm waren, auf meinen Mund und flüsterte jedesmal -- denn ich tat es öfters -- dazwischen: maman . . . Dann lief sie wieder. Ich hinter ihr.
Sie rannte in einen Schminkraum. Ich wartete und sah auf dem Milchglas der Tür ihre Silhouette. Sie legte Rot auf. Ich lugte hinter einer Säule. Als sie herauskam, trat ich vor, und sie lief wie sehr erschreckt im Spiel davon. Wir rannten durch einen Saal, durch Lauben und Séparés, und kamen auf einen Korridor, ich wollte sie greifen -- da sah ich an einem hohen Fenster gleich einem überraschend aufgestellten Marionettenspiel die Szene: Der kleine Japaner gestikulierend . . . ihm gegenüber ein Mann mit stark südlichem, fast spanischem Aussehen, in tückischer Haltung. Daneben an die Draperie des Fensterbogens gelehnt, bleich, halb leblos, sehr gerade, eine Dame.
Ich sah, wie der Japaner den Arm leise hob, wie das Gesicht seines Partners zu bluten anfing, und wie der Japaner dessen Arm über den Rücken hochriß . . .«
Da geschah etwas Seltsames.
Der Freund stockte, er keuchte. Sein Atem pfiff über die Stimmbänder mit einem Ton, als geige jemand über gebrochenes Glas. Ich fuhr auf. Er hob befehlend die Hand, ein wenig gebückt. Ich setzte mich wieder.
Er schellte rasch: »Wasser . . .!«
»Verzeihen Sie!« rief er. »Ich habe Sie geblufft . . . es hat mich überwältigt . . . ich wollte zuerst nicht erzählen . . . dann mußte ich doch. Aber ich travestierte, tauschte alles um . . . Alle Personen sind unwahr. Keine ist echt . . . keine Kontur. Glauben Sie es! . . .«
Ich sah ihn kalt an.
»Diese Geschichte ist ganz anders,« sagte er nun. »Ich habe geglaubt, sie von mir abtun zu können, wenn ich sie erzählte, aber ich konnte sie nicht erzählen. Da phantasierte ich sie. Aber das war noch schlimmer, zu sehen, wie etwas hätte werden können . . .«
Er sah starr nach dem Fenster.
Dann brach er in ein häßliches Gelächter aus. Sein Mund zog sich nach dem Kinn hinunter wie im Zwang von zwei Fäusten.
Dann drehte er stumm den Schnitt gegen die Wand, verbeugte sich und bat, nachdem er die Lichter gelöscht hatte und indem sein Gesicht wieder langsam in die alte Form zurückkehrte, ihn hinüber zu begleiten.
Allein ich blieb in der Türe stehen.
Alles stürzte mit verdoppelter Wut, mit erneuter Wucht über mich hin.
Ich fühlte: Abenteuerlichkeit fraß sich in die Wände. Schicksal brannte in den Rahmen und wollte heraus. Sehnsüchte ohne Maß, gelebte, nur gestreifte, schwellten den Raum, daß er fast barst, und Jahre rasten auf dem Sekundenblatt der Pendüle herunter.
Ich sah in diesem Zimmer alles wie in einem glänzenden Kaleidoskop verwirrt.
Und als ich über die Schwelle zurücktrat und das Gebeugte im Gang meines Freundes sah, ward mir plötzlich das Straffe meiner Brust bewußt und das Brutale meiner Haltung, und da wußte ich, daß ich mein Leben gut gelebt hatte. Denn dies ist nicht die Frage, ob wir aufleuchtende Dinge erleben und in heiß aufklaffenden Abenteuern stehen (wie wäre das klein und subaltern), sondern es ist dieses, was dem Geschehenen erst Form gibt und Würde: was wir mit den Erlebnissen tun . . . Und ich wußte bei diesem Zusammenbruch, was mir immer klar war, das war recht:
Man soll keine Erinnerungen haben. Niemals. Nein! Und am wenigsten noch armselig Fetische bilden und seine Erlebnisse in Dinge tun. Man soll keine Beichtstühle in seine Wohnungen tun. Sie zwingen in die Knie. Dann oder wann.
Man soll die Dinge von sich werfen. Weit. Und die Erlebnisse abstreifen wie einen Seifenschaum mit nachlässiger Hand von der Brust am Morgen und am Abend und jeden Tag, damit sie uns nicht demütigen einmal früher oder später so und so.
Denn der Genuß des Abenteuers ist das ungewiß Beschwebende: Wissen, vieles Bunte getan zu haben, aber eine Luft hinter sich zu fühlen ohne Halt und ohne Farbe. _Tosendes_ . . . _rasendes Leben_ . . . --
_So ist es._
Aber auch ohne dies war das Zimmer eine Sünde gegen die Kraft: Sein Rausch war ein Anreiz im einen, und ein Opiat im andern, und eine Hemmung im Ganzen. Denn es lagen in ihm (wie ein Hohn) zusammen das Große und Schwache, und das Ungeheure wie das Süße . . . die Erhebungen, zwischen deren Polen sich die Skala unserer Erlebnisse bewegt und beglänzt, und die in dieser Spaltung, das Eine oder das Andere, maßlos entfernt und fremd voneinander und niemals zu packen in einem Griff, unser Leben ausmachen und erfüllen und so sind (im täglichen Leben) wie diese beiden Beispiele:
Die Sensation eines Expreß, der eine kleine abendliche Station durchrast -- und das Erleben eines Ladens mit ausgebreiteten Seiden an einem allzuschnellen Frühlingstag auf der Meisengasse zu Straßburg.
DER TÖDLICHE MAI
ALS es nun um Ende der Woche kam, daß der Tod ihm (dem Maler und Offizier) die Eingeweide zerriß und er brüllend lag zwei Stunden lang, geschah es, daß die Pflegende erstaunte, denn das Geschrei bog sich langsam um in eine Stille, und aus der plötzlich sanften Ruhe seines Mundes stiegen jauchzende Rufe wie bunte Kugeln mählich in die Höhe und ketteten sich ineinander zu Jodlern, wie sie im Sommer der Schweiz tagelang von Berg zu Berg hinüberschweben.
Sie trat dicht an ihn heran und wusch ihm mit einem getränkten Lappen den Schweiß, der um den Mund herum austrat, aber er sang durch ihre kreisenden Handbewegungen weiter, verdrehte die Augen, streckte sich scharf in die Länge, legte sich auf die Seite und schwieg.
Nach einer halben Stunde rief er die Pflegende.
Seine Augen lagen tief in den Deckeln der Lider begraben, ein rötliches Weiß schimmerte heraus und der halbe Abschnitt der Pupille. Der Mund und das Kinn glänzten in leiser Seligkeit, die Stirn war rein und hell trotz der Bräune. Die Schläfen waren eingefallen, die Nase angespannt und an den Nüstern unbewegt wie über eine Pauke gezogenes Pergament.
»Die Bäume . . .« sagte er. »Die Bäume . . .« und jubelte mit der Hand.
Die Pflegende schauderte. Sie sah, wie der Tod seinen Leib aufwirbelte und blähte und empfand zugleich, wie der Raum sich furchtbar unter seiner Heiterkeit anfüllte.
Er sang das Wort »Diebäume« im wechselnden Umschwung aller Melodien. Er hielt mitten in den Buchstaben ein, ließ den Ton verrollen und schob zwischen den bläulichen Lippen rasch und lachend den Rest nach. Er knickte die Silben wie Weidengerten, warf die schwachen Vokale glitzernd hoch und duckte die saftigen. Manchmal schien das Wort ein explosiver Ton, andermal eine verwirrende Skala. Oft bog und verengte er die Laute, ließ sie wie Brandblasen aufglühn und zerplatzen und schrie sie plötzlich in gleicher Folge wütend hinaus. Er spielte mit dem Wort wie mit einer Beute, katzenhaft, tückisch, selig, feig, lind und grenzenlos erbost.
Er klomm die letzte Krise der Krankheit hinauf, das Wort wie einen Säbel zwischen den Lippen.
Manchmal warf sich ein Lächeln über sein Gesicht. Trunken spannte er die Nasenflügel und sog. Die letzten Stunden der Nacht waren höllisch.
Das Fieber kurbelte an die äußerste Grenze. Der Bauch sackte ein und wand sich in Zuckungen. Das Weiß des Auges war über Gelb zu dickem Grün geworden.
Er brach blutigen Kot, schüttelte die Hand und sang das Wort
Das Herz war im Brechen. Der Puls lief lächerlich dünn. Seine Zähne stießen kleinen Schaum auf den Lippenrand, der sich unmerklich rundete: es war das Wort.
Er hing an ihm zäh wie ein Affe, verbissen an einem Trapez. Und es riß ihn heraus.
Schlank wie ein Tänzer lief er auf ihm durch die Nacht, das Fieber und den blutigen Auswurf.
Segelte dumpf genesend durch das Aufundabgehen der Gestirne, der tödlichen schweren Sonne und den leichteren Aufflug des glänzenderen Mondes wie durch ein Spiel mit wechselnden bunten Ballonen hin mit unsäglicher und berauschend linder Bewegung.
Schwamm mit beruhigendem Opium in den Adern durch die breite Schwermut der ersten Abende und sehr frühen Morgen und das harte massive Dunkel der Wolkendämmerungen mit einem Weiß auf der Stirn, das alle erstaunte, und einem unmerklichen Flüstern auf den Lippen, die stets bewegt waren gleich der Brust einer weich Schlafenden.
Eines Morgens stieß die Sonne in einem langen und schönen Streifen durch sein Fenster und fiel hart unter sein Kinn. Da lief eine schwache Erregung über ihn, er verdrehte die Augen nach links, warf sie dann nach rechts hinüber, starr, daß die Pupillen, nach oben gestemmt und aus den Höhlen getreten, in das Innere des Kopfes hinein zu bohren drohten, ließ sie dann sanft zurücksinken, schüttelte sich, machte den Mund auf, groß und weit und schloß ihn wieder.
Schloß ihn hart und fest, lag nach diesem Signal noch zwei Tage und war darauf völlig durch die Gefahr hindurch. Er war mimosenhaft zart und sehr scheu in den Stunden des genesenden Körpers und des kommenden Bewußtseins. Seine Soldaten kamen zu ihm und gratulierten ihm zu dem Sieg gegen den Tod. Er winkte mit der Hand hinauszugehen, erkannte sie kaum. Die Pflegende sagte ihm, sie seien traurig, wo sie unter ihm in tausend überschwemmenden tödlichen Minuten gestanden hätten, nun, wie er krank, nicht von ihm geliebt zu sein. »So . . .« sagte er. Assistenten, Ärzte kamen. Sie versicherten ihm alle, daß er ihr Kopfschütteln ignoriert und stramm und siegreich über ihren Unglauben in die Gesundung hineingesprungen sei, zweibeinig und massiv. Er sah sie verwirrt an.
Apathische Wochen folgten. Der Vorsteher des Genesungsheims erzählte ihm. Krieg . . . ja . . . gewiß . . . er freue sich. Er legte den Kopf herum.
»Bücher?«
»Danke . . . nein.«
»Palette . . . Wollen Sie wieder malen? . . . Bedenken der Überanstrengung zwar. Allein . . . ich wäre stolz --«
Er schüttelte langsam den Kopf.
Das Gewicht des Körpers nahm geringfügig nur zu. Wenig Interesse füllte ihn für den Umkreis der Dinge, noch weniger für sich selbst. Lag eine Schwebe zwischen Lebenwollen und Lebenmüssen, der Funktion aller Physis fähig, ein Fragezeichen der Bejahung, allen Möglichkeiten neuen Lebens ausgesetzt . . . aber ohne Schwung.
Oft trat er abends auf den Balkon des Hauses, der verwachsen und kühl war. Die Ebene betäubte ihn anfangs mit ihrer Grenzenlosigkeit, langsam empfand er sie aber -- um ein an das Endliche stoßendes Bild zu haben -- als eine riesige Kreisbewegung, die um ihn herum, zuerst stark, dann sich im Silber der Ferne verzehrend, gegen den Horizont schwinge. An einer Seite hingen ein paar Wellenschläge ferner Gebirge, runde Hügel, gleich nach unten gekehrten Wolken, zittrig in der Luft. Diese Gegend aus Fläche, Gras und Steppe, von brüchiger Luft überstanden, gab ihm das Gefühl, Mittelpunkt einer gläsernen Glocke zu sein. Sonne schlief reglos auf Bach und Moos und kleinem Gestrüpp. Die Tage hatten katzenhaften Ablauf, stumpf und aufreizend in dem währenden Gespanntsein dieser Leblosigkeit.
Da warf ihn eine Wagenfahrt, zu der der Arzt ihn zwang, in die unmittelbare Nähe einer wenig entfernten Königsstadt in eine Schloßanlage. Der große Dogcart mit den polierten roten Rädern schaukelte einen Nachmittag lang über geschwungene Wege und über Brücken. Er erlebte dichtes Dunkel des Parks, unendliche Stille um pagodenhafte Pavillons, den raschen Vorbeischwung weißer Nebenschlösser. Dann befanden sie sich mitten im Gewühl weiter Auffahrten, auf die ganz am Ende der Alleen die Kaskaden fesselloser Terrassen herabstürzten. Hier empfand er Weite und Herrlichkeit der Welt an sich vorbeiziehn. Der Wagen schwamm an dem langen Wasserspielwerk, das von der Fassade bis in den blauen Horizont hinunterlief, entlang zwischen Hunderten spazierender Menschen, zwischen farbigen Jacken, weichgelben Handschuhen und der Orgie aufgeblasen roter Sonnenschirme.
Er kehrte nachdenklich nach Hause zurück.
Am Morgen erwartete er den Aufgang der Sonne von seinem Balkon. Er sah den Aufstieg über die schmalen Hügel und die langsame Belichtung der Ebene, die sich sinnlos und schwer mit dem Rot anfüllte. Da ging eine unfaßbare Sehnsucht nach Glühendem, Rasendem in ihm auf, er bog sich vor Gier nach der Stadt. Der Arzt war dafür, er brach auf, durchstreifte Straßen, die voll Anmut, Gärten, die voll Jugend waren. Am Abend landete er in einem Lokal, das mit jubelnden Tapeten überzogen war. Es war gefüllt mit schönen weißen Tischen und Stühlen. Viele bunte Laternen glühten darüber. Der Wind bewegte sie leicht. Alle Gesichter waren von schwankendem Rot überströmt. Feine Frauen saßen in den Sesseln, zurückgelehnt, lässig und mit Herren plaudernd. Es gab Musik. Manchmal lief der Wind heftig durch die ausgehängten Fenster und es gab ein Gewoge von Licht, das alle überstürmte. Dann hoben sich die Geigen aus der Musik in die Höhe und übergitterten mit namenlosen Spitzen den Raum.
Da ergriff ihn das Gewühl des Daseins mit einer tobenden Berauschtheit. Er fühlte sich von heißester Erregung in starre Kälte geschleudert und dann von neuem beißender Hitze entgegengeworfen. In seiner Brust wütete ein Orchester, Orgeln brannten auf, und in langen, grausamen Voluten hoben sich die Bläser zu einem furchtbaren Stoß.
Es war zuviel: Man sah einen Offizier die Arme dehnen, die Brust herauspressen, einen seltsamen Jodler über das Lokal hinfeuern und die Hände auf den Tisch zurückhauen.
Er zerschlug die Lampe und einiges Geschirr.
Der Kellner tat sehr ruhig. Fernersitzende dachten an Zufall und Mißgeschick. Er gab dem Kellner märchenhaftes Trinkgeld, nahm die Mütze und ging breitspurig, säbelschleifend hinaus.
Draußen begann er sofort zu weinen. Toll tanzten die wunderbaren Frauen, die er wie zum erstenmal wieder sah (wieviele er gemalt hatte, wußte er nicht mehr, denn Dasein dünkte ihm noch neues Leben nach halbem Tod) vor seinen Augen, die Seiden, die Funken der Lichter. Unbegreiflich schluchzend empfand er die Wärme der Nacht, flüsternd . . . »le . . . ben . . .« --
Dann ballte er die Fäuste, und als er von der kleinen Station nach dem Landhaus fuhr, stand sein Kopf scharf und sehr entschlossen auf seinem Körper.
Es kamen rasche Tage. Er rieb sich den Buckel an der blitzenden Scheibe der Stadt. Freude umgab ihn lind. Trieb und Wonne füllten golden seine Adern. Säfte rannen über seine Haut. Leben umspielte ihn reich. Es war die Rede, daß er zur Front zurückkehre. Er nickte.
Er nickte. Es war gut.
Der Mond kam abends aus der Ebene durchsichtig und schön wie aus dem weichen Munde eines Glasbläsers gebildet, und gleichsam von seinem Atem gehoben, so schlank und zart überflog er die stumme und dunkle Festlichkeit des Himmels.
Bald gab es tagelangen Sturm. Böen überschütteten die Steppe. Wolken schlugen übereinander mit Geheul. Schwere Regen knallten an den Fenstern. Geduckt sprang brüllender Wind in jede Spalte und zersprang dort in Fetzen von niederreißendem Radau. Nachts, wenn die Regenschwaden vom Sturm schräg herabgehauen auf die Ebene knatterten, schien es, Tausende von Eskadronen überritten die Steppe und die Bäuche aller Pferde schlügen langgestreckt zwischen den rasenden Sprüngen in einem Takt gegen die Erde.
Da zog er rocklos durch das Haus, probte die Muskeln, steckte Lichter an und sang mit jubelnd gesteigerter Stimme.
Er sagte (als der Wind eine Pause einschob) »Sehen Sie die Kassiopeia?« zur Pflegenden, zog sie in die Fensternische, hob die Flügel, deutete nach oben und lachte, als der Staunenden ein Nebelstreifen glitzernden Regen ins Haar schmiß.
Später einmal kam, heiß und verstaubt, ein schmaler Zug die Ebene herunter. Er tauchte grau und wie ein Punkt auf und wurde ein dünnes Gerinnsel durch das vergilbte Gras. Sie defilierten am Haus auf die Entfernung von zwanzig Metern.
Zuerst ging ein großer Mann, braun mit Narben von Hieben durch das Gesicht. Sein Kleid war Polichinell. Enganliegend mit Dreiecken gemustert zitronengelb und weiches Blau. Der Hals war unbedeckt und gefurcht. Seine Beine traten wie ein Pferd einen nach vorne ausbiegenden Trab, der stets Silhouetten vor dem vergrauten Horizont spannte und von trauriger Müdigkeit war. Hinter ihm kam ein Elefant, ein Dromedar und ein Wagen voll von farbigen Kindern.
Er trug zwei Stangen über der Schulter, um deren Spitzen ein Netz geknotet war, in dessen Maschen ein kläffender Hund saß und ein perlweißer Fasan.
Es war so süß langweilig in diesen Tagen, daß die Insassen des Hauses alle staunend und lachend hinausliefen, die Taschen umwandten, Geld über die Menschen warfen und in Eile Stühle aufschlugen. O Rausch eines unerwarteten Zirkus.
Es gab eine glänzende Vorstellung.
Der lange Führer wirbelte in die heiße Luft, mit Fahnen in der Hand, Sprünge und Verrenkungen, strahlend und bunt.
Alle Soldaten suchten auf dem Dromedar zu reiten; Die farbigen Kinder warteten gespannt, bis ein zufälliger Blick auf ihnen zu ruhen begann, sprangen in die Höhe, überschlugen sich grotesk, setzten sich fest auf die Hintern und streckten bettelnd die Hand vor.
Der Elefant rückte verlegen auf seinen Beinen, verengte den Raum unter sich und ließ sich endlich mit seiner Rückseite auf einem Fünfzigliterfaß nieder und zog die Vorderbeine hoch wie ein Pudel.
Der Führer gab ihm eine Mandoline in den Rüssel und band ihm ein rosa Band an die Spitze des Ohrs. Sein Gesicht blieb unbewegt und verächtlich wie bei seinen Sprüngen.
Indem fuhr auf der anderen Seite des Hauses ein Wagen an. Der Maler sprang heraus mit zwei geschossenen Lapins und die Augen voll Träumerei von Frauen, mit denen ihn die Einsamkeit der Heide überfallen hatte. Er trat in das Haus und schaute durch das Fenster.
Da schwoll sein Gesicht hochrot, er blies die Backen auf vor Zorn, und einen dumpfen Laut ausschreiend, sprang er heraus. In seiner Hand lag ein Säbel. Er machte einige Sätze und schlug dann die flache Klinge mit einem sirrenden Ton dem Elefanten ausgestreckten Arms klatschend auf das Blatt.
Das Tier sprang auf. Es stand. Es spreizte langsam die Beine, schob die Ohren zurück und hob den langen Rüssel ganz wagrecht.
Da ließ er, während alle anderen starr gebannt steif zuschauten, den Stahl fallen und strich andächtig und bewundernd den Rüssel mit der Hand entlang und hob ihn hoch, daß das weißliche Rosa des Mauls, das gleich einer fremden von Überreife angefaulten Frucht zwischen der harten Seltsamkeit der elfenbeinenen Hauer lag, aufklaffte. Dahinein legte er die Hand. Der Pulcinell brachte unter Bücklingen Zucker und legte sie in den untersten Rüssel. Der Elefant bog sie mit schlangenhafter Windung in das Maul.
Dann warf er wie einen Springbrunnen den Rüssel hoch und schoß überraschend und plötzlich einen so ungeheuren dunklen und wilden Schrei gegen die Menschen, daß sie einen Augenblick alle schwiegen.
»So . . . gefällst du«, sagte der Maler und steckte den Säbel ein.
Das Gesicht des Führers blieb über den Verbeugungen unbewegt und verächtlich wie bei seinen Sprüngen.
Es lag den Abend ein gewaltiger Druck auf der Landschaft.
Sie waren, als die Sonne sank, heiß und verstaubt, ein schmaler Zug, die Ebene hinuntergezogen. Sie flossen ein dünnes Gerinnsel durch das vergilbte Gras und verschwanden grau und wie ein Punkt.
Am späten Mittag saß die Pflegende bei dem Maler, der auf einem Schaukelstuhl lang lag und rauchte. Sie schwiegen lange Zeit.
»Können Sie sich den Urwald vorstellen«, fragte er. Sie lächelte: »Nein --«
». . . den Rand des Urwalds, Schwester. Ein Elefant reißt Lianen auseinander, erscheint. Die Sonne schwingt auf, rot. Er schreit ihr entgegen . . . Und hier: o Müdigkeit . . . o Müdigkeit . . .«
Sie sah nachdenklich auf ihn. Dann stach sie eine Nadel durch ein Fliederblatt und sagte langsam: »Es ist Ihre Sehnsucht, Wald, ich weiß es. Ich weiß, daß Sie sich stets daran klammerten, als Ihre Krise war! Sie wissen nichts?«
Er wußte es nicht.
Er schüttelte den Kopf, lächelte und verneinte.
Da sagte sie leis: »Die Bäu . . . me.«
Wieder kam das Lächeln über sein Gesicht Aber ihr war, als ob es Gewalt bekomme über den Inhalt des Gesichts und als ob es sich einforme wie eine fressende Säure. Seine gespannten Muskeln waren einem sekundenhaften Verfall unterworfen. Sie schwanden unter der Haut.
Ganz weiß hob er den Kopf: »Habe ich . . . ha -- -- -- be ich . . .«
Von schwerem Entsetzen geschüttelt wand er die Arme durch die Luft. Seine Augen wurden rund, kugelhaft und fast wie Glas und starrten über die Ebene. Er keuchte und deutete vor sich: »Geben Sie mir diesen Stein.«
Ihm schien die Schwelle eines seltsamen Unterbewußtseins durchstoßen. Er hatte alle die Wochen nur ein Leben gehabt, das seine Wurzeln hatte in seiner letzten Krankheit. Wohl wußte er die Dinge und Vorgänge der Zeit und seines Lebens auch vorher. Aber in diesem Augenblick schien es ihm, daß eine dünne Haut darüber gewesen sei und daß ihm die Erkenntnis nach deren Platzen nun erst neu, groß und unendlich furchtbar wieder zuströme.
Er nahm den Stein, den ihm die Pflegende reichte. Er war sehr schwer und kantig. Er drückte seine Hände hinein, hielt ihn an die Stirn, hob und prüfte ihn und legte ihn fest auf das Knie. Er empfand, wie die Angst vor der plötzlichen Leere um ihn herum schwinde und wie das Gewicht des realen Steins ihn wieder an das natürliche Leben und die geliebte Erde (prometheisch) zurückriß.
Dann warf er den Stein weg und sagte:
»Schwester, Sie kennen das nicht. Sie kennen das nicht, daß der Himmel plötzlich ein Abgrund scheint und entflieht und die Erde unter Ihnen sanft entweicht und am Horizont ein Strudel unermeßlich aufgeht und beginnt Sie aufzusaugen, der Sie sich schon langsam zu drehen scheinen. Schwester, bleiben Sie sitzen. Es könnte mich sehr stören, wenn Sie sich bewegten. Hören Sie: ich war niemals feig . . . nie . . .«
Sie bewegte ihr stilles Gesicht hin und her.