Part 7
Nachdem wir jetzt die historischen Angaben über den Bathybius zusammengetragen und die wichtigsten wörtlich angeführt haben, wenden wir uns zur Kritik desselben. Versuchen wir, aus einer unpartheiischen Würdigung jener Angaben uns ein selbständiges unbefangenes Urtheil über den vielverschrieenen und jetzt fast aufgegebenen Urschleim der grössten Meerestiefen zu bilden!
Bezüglich des ~todten Bathybius~, des in Weingeist conservirten Tiefseeschlammes aus dem nord-atlantischen Ocean, sind alle Beobachter, die denselben genau untersucht haben, einig, dass derselbe mehr oder minder ansehnliche Mengen von geronnenem ~Protoplasma~ enthält, welches im morphologischen und chemisch-physikalischen Verhalten die grösste Aehnlichkeit mit gewissen Moneren besitzt. Die Resultate, welche ~Huxley~ an seinem »Porcupine«-Material erhielt, und die ich selbst bestätigen und ergänzen konnte, sind von allen anderen Beobachtern, die denselben Schlamm untersuchten, als richtig anerkannt worden.
Bezüglich des ~lebenden Bathybius~ liegen ~positive~ Angaben über die characteristischen rhizopodenartigen Bewegungen desselben von drei bewährten Beobachtern vor, von ~Sir Wyville Thomson~, Professor ~William Carpenter~ und Dr. ~Emil Bessels~. Alle drei stellten diese Beobachtungen an Tiefseeschlamm aus dem nord-atlantischen Ocean an. Dagegen lieferten die Bemühungen der Challenger-Forscher, in verschiedenen Meeren jene älteren Beobachtungen über Bewegungs-Erscheinungen zu wiederholen und zu bestätigen, nur ~negative~ Resultate.
Was folgt nun aus allen diesen Angaben, denen wir sämmtlich dieselbe Glaubwürdigkeit zuerkennen müssen, und die sich doch theilweise zu widersprechen scheinen? Angenommen, dass alle diese Angaben richtig sind, so folgt daraus einfach weiter gar nichts, als dass der ~Bathybius-Schlamm eine beschränkte geographische Verbreitung besitzt~, und dass es eine voreilige Verallgemeinerung war, alle tiefen Meeres-Abgründe mit demselben zu bevölkern. Daraus aber, dass die Challenger-Expedition den lebenden Bathybius nicht wiederfinden konnte, ist doch wahrlich nicht zu folgern, dass die ~an anderen Orten~ angestellten Beobachtungen der Porcupine-Expedition über lebenden Bathybius unrichtig waren! Oder sollen wir daraus, dass die Challenger-Expedition den merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« nur auf einen verhältnissmässig engen Verbreitungsbezirk des pacifischen Oceans beschränkt fand, und sonst nirgends wiederfinden konnte, den Schluss ziehen, dass derselbe überhaupt nicht existire? Wir wissen, dass die allermeisten Organismen-Arten einen beschränkten Verbreitungs-Bezirk haben. Warum soll denn nicht auch die Verbreitung des Bathybius beschränkt sein?
Ich bekenne daher, nicht zu begreifen, wie ~Huxley~ seine Ansicht über den Bathybius so rasch und so vollständig ändern konnte. Noch viel weniger freilich begreife ich die Art und Weise, wie auf der deutschen Naturforscher-Versammlung in Hamburg (im September 1876) der Bathybius öffentlich zu Grabe getragen werden konnte. Ich finde darüber in der Berliner Nationalzeitung folgende merkwürdige Mittheilung (datirt Hamburg 21. September), betreffend einen von Professor ~Möbius~ aus Kiel gehaltenen trefflichen Vortrag über die marine Fauna und die Challenger-Expedition: »Ueber diese Ebenen — Tiefsee-Ebenen von 3700 bis 4000 Meter Tiefe — sollte sich der geheimnissvolle Urschleim, der Bathybius ausbreiten, den der berühmte ~Huxley~ zu Ehren seines genialen Freundes in Jena ~Bathybius Haeckelii~ genannt hat. Leider aber passirte der Naturforschung ein böses Missgeschick. Der Bathybius, der so gut zu den modernen Anschauungen von dem Beginne des organischen Lebens passte, erwies sich als ein Kunstproduct, als Niederschlag von im Meere gelöstem Gyps, in Folge des den Proben zugesetzten Alkohols. Ueberall wo man die frischen Proben an Bord untersuchte, war keine Spur von ihm zu entdecken. Es machte einen geradezu erschütternden Eindruck auf die Zuhörer, als Herr ~Möbius~ den Bathybius nach einem so einfachen Recepte vor ihren Augen in einem mit Meerwasser gefüllten Glase durch Alkohol-Zusatz erscheinen liess!«
In der That eine merkwürdige Logik! Weil Weingeist in Seewasser einen Gyps-Niederschlag erzeugt, deshalb ist der in Weingeist conservirte Bathybius-Schlamm nur ein Gyps-Niederschlag! Und diese Beweisführung machte auf alle Mitglieder einer deutschen Naturforscher-Versammlung »einen geradezu erschütternden Eindruck!« Dass starker Weingeist in Seewasser einen dünnen flockigen Gyps-Niederschlag erzeugt, weiss Jeder, der Seethiere in Weingeist gesammelt hat. Ebenso weiss aber auch Jeder, der den Bathybius-Schlamm der Porcupine-Expedition gleich ~Huxley~ und mir genau untersucht hat, dass die darin massenhaft enthaltenen moneren-artigen Eiweisskörper wirklich aus einem ~eiweissartigen~ Körper und ~nicht aus Gyps~ bestehen. Sie färben sich in Carmin roth, in Salpetersäure und in Jod gelb, werden durch concentrirte Schwefelsäure zerstört und geben alle übrigen Reactionen des ~Protoplasma~, was bekanntlich beim Gyps nicht der Fall ist.
Wenn man gewisse Kreide-Arten oder kreidigen Mergel fein pulverisirt, so erhält man ein feinkörniges, weisses Mehl, welches zum Verwechseln dem merkwürdigen »Radiolarien-Schlamm« ähnlich ist, den die Challenger-Expedition in einem beschränkten Bezirke des Pacifischen Oceans (und ~nur hier~!) in einer Tiefe von 12,000–26,000 Fuss Tiefe gefunden hat. Dieser »Radiolarien-Ooze«, den ich eben jetzt untersuche, besteht fast ausschliesslich aus den zierlichsten und mannigfaltigst geformten Kieselschalen von zahllosen Radiolarien. Mit blossem Auge aber ist dieser getrocknete Schlamm — ein wundervolles, mikroskopisches Radiolarien-Museum — nicht zu unterscheiden von jenem pulverisirten Kreide-Mergel, der nicht eine einzige Radiolarien-Schale enthält. Ich schlage nun vor, auf einer nächsten deutschen Naturforscher-Versammlung den experimentellen Beweis zu führen, dass jene colossalen und höchst merkwürdigen, vom Challenger entdeckten Radiolarien-Lager in den Tiefen des Pacifischen Oceans nicht existiren. »Das Recept ist höchst einfach.« Man zerstösst in einem Mörser vor den Augen der versammelten Naturforscher einen von jenen Kreide-Mergeln, die keine Radiolarien enthalten. Das so erhaltene weisse Pulver enthält kein einziges Radiolar — also auch der pacifische (blos aus Radiolarien bestehende) Tiefsee-Schlamm nicht — denn beide sind mit blossem Auge nicht zu unterscheiden. Quod erat demonstrandum! Wir sind überzeugt, das schlagende Experiment wird auf alle Zuschauer »einen geradezu erschütternden Eindruck machen« — und der Radiolarien-Schlamm existirt nicht mehr!
IV. Zur Kritik der Moneren.
Wir glauben in Vorstehendem gezeigt zu haben, dass die »Nicht-Existenz des Bathybius nicht erwiesen« ist. Vielmehr bleibt es sehr wahrscheinlich, dass die Beobachtungen von ~Wyville Thomson~, ~Carpenter~ und ~Emil Bessels~ über die Bewegungen des lebenden Bathybius richtig sind. Wir wollen nun aber einmal das Gegentheil annehmen und wollen zugeben, dass Bathybius kein Moner und überhaupt kein Organismus sei. Folgt daraus, — wie jetzt sehr oft gefolgert wird, — dass auch die ~Moneren überhaupt nicht existiren~? Oder dürfen wir daraus, dass die bekannte Riesen-Seeschlange der Fabel nicht existirt, den Schluss ziehen, dass es überhaupt keine Seeschlangen giebt? Bekanntlich giebt es deren eine Menge, die Familie der lebendig gebärenden, sehr giftigen Hydrophiden (Hydrophis, Platurus, Aepysurus etc.), welche meistens im indischen Ocean und Sunda-Archipel leben, aber keine beträchtliche Grösse erreichen.
Es würde unnütz sein, hier nochmals darauf hinzuweisen, dass meine eigenen, viele Jahre speciell auf diesen Gegenstand gerichteten und möglichst sorgfältigen Untersuchungen die Existenz von mehr als einem Dutzend verschiedener Moneren-Arten theils im Süsswasser, theils im Meere nachgewiesen haben. Um so mehr will ich aber hervorheben, dass diese Beobachtungen seitdem von einer Anzahl bewährter Forscher wiederholt und bestätigt worden sind. Einige von diesen Moneren scheinen sogar im süssen Wasser sehr verbreitet zu sein, so namentlich die Gattungen Protamoeba und Vampyrella. _P. agilis_ und _V. spirogyrae_ kommen in Jena fast jeden Sommer gelegentlich zur Beobachtung. _P. primitiva_ und _V. vorax_ sind von mehreren verschiedenen Beobachtern in sehr entlegenen Gegenden gesehen worden. Andere neue Moneren-Formen sind erst ganz neuerdings von ~Cienkowski~ und ~Oskar Grimm~ beobachtet. Wenn erst die allgemeine Aufmerksamkeit der Mikroskopiker sich mehr diesen höchst einfachen Organismen zuwendet, steht zu erwarten, dass unsere Kenntniss derselben sich noch beträchtlich erweitern und vertiefen wird.
Ganz abgesehen also davon, ob Bathybius ein echtes Moner ist oder nicht, kennen wir jetzt bereits mit Sicherheit eine Anzahl ~echter Moneren~, deren fundamentale Bedeutung von ersteren ganz unabhängig ist. Wir wissen, dass noch heute eine Anzahl von niedrigsten Lebensformen in den Gewässern unseres Planeten existiren, welche nicht nur die einfachsten unter allen wirklich beobachteten Organismen, sondern überhaupt die ~denkbar einfachsten~ lebenden Wesen sind. Ihr ganzer Körper besteht in vollkommen entwickeltem und fortpflanzungsfähigem Zustande aus nichts weiter als aus einem strukturlosen Protoplasma-Klümpchen, dessen wechselnde, formveränderliche Fortsätze alle Lebensthätigkeiten gleichzeitig besorgen, Bewegung und Empfindung, Stoffwechsel und Ernährung, Wachsthum und Fortpflanzung. Morphologisch betrachtet ist der Körper eines solchen Moners so einfach wie derjenige irgend eines anorganischen Krystalles. Verschiedene Theilchen sind darin überhaupt nicht zu unterscheiden; vielmehr ist jedes Theilchen dem andern gleichwerthig. Diese wichtigen Thatsachen und die daraus sich ergebenden weitreichenden Folgerungen gelten für ~alle Moneren~ ohne Ausnahme — mit oder ohne Bathybius; — und es ist daher für die Theorie ganz gleichgültig, ob der Bathybius existirt oder nicht.
Wenn wir diese Moneren als »absolut einfache Organismen« bezeichnen, so ist damit nur ihre ~morphologische Einfachheit~, der Mangel jeder Zusammensetzung aus verschiedenen Organen, ausgesprochen. In chemisch-physikalischer Beziehung können dieselben noch sehr zusammengesetzt sein; ja wir werden ihnen sogar auf alle Fälle eine ~sehr verwickelte Molecular-Structur~ zuschreiben müssen, wie allen eiweissartigen Körpern überhaupt. Viele betrachten den schleimartigen Eiweisskörper der Moneren als eine einzige chemische Eiweissverbindung, Andere als ein Gemenge von mehreren solcher Verbindungen, noch Andere als eine Emulsion oder ein feinstes Gemenge von eiweissartigen und fettartigen Theilchen. Diese Frage ist für unsere Auffassung und für die allgemeine biologische Bedeutung der Moneren von untergeordneter Bedeutung. Denn auf alle Fälle — mag diese oder jene Ansicht richtig sein — bleiben die Moneren in ~anatomischer~ Hinsicht ~vollkommen einfach~: Organismen ohne Organe. Sie beweisen unwiderleglich, dass das Leben nicht an eine bestimmte anatomische Zusammensetzung des lebendigen Körpers, nicht an ein Zusammenwirken verschiedener Organe, sondern an eine gewisse chemisch-physikalische Beschaffenheit der formlosen Materie gebunden ist, an die eiweissartige Substanz, welche wir Sarcode oder Protoplasma nennen, eine ~stickstoffhaltige Kohlenstoffverbindung in fest-flüssigem Aggregatzustande~.
~Das Leben ist also nicht Folge der Organisation, sondern umgekehrt.~ Das formlose Protoplasma bildet die organisirten Formen. Da ich die ausserordentlich hohe Bedeutung, welche die Moneren in dieser Beziehung, wie in vielen andern Beziehungen besitzen, bereits in den früher angeführten Schriften ausführlich erörtert habe, kann ich hier einfach darauf verweisen. Nur die fundamentale Bedeutung, welche die Moneren für die hochwichtige Frage von der ~Urzeugung~ behaupten, sei hier nochmals ausdrücklich hervorgehoben. ~Die ältesten Organismen, welche durch Urzeugung aus anorganischer Materie entstanden, konnten nur Moneren sein.~
Gerade diese allgemeine Bedeutung der Moneren für die Lösung der grössten biologischen Räthsel ist es, welche sie zu einem besonderen Steine des Anstosses und Aergernisses für die Gegner der Entwickelungslehre macht. Natürlich benutzen die Letzteren jede Gelegenheit, ihre Existenz zu bestreiten, ähnlich wie es auch mit dem berühmten ~Eozoon canadense~ geschah, jener vielbestrittenen ältesten Versteinerung der laurentischen Formation. Die erfahrensten und urtheilsfähigsten Kenner der Rhizopoden-Classe, an ihrer Spitze Professor ~Carpenter~ in London und der verstorbene berühmte Anatom ~Max Schultze~ in Bonn, haben übereinstimmend die feste Ueberzeugung gewonnen, dass das echte nordamerikanische ~Eozoon~ (aus den laurentischen Schichten in Canada) ein wirklicher ~Rhizopode~ und zwar ein dem ~Polytrema~ nächstverwandtes ~Polythalamium~ ist. Ich selbst habe mich viele Jahre hindurch ganz speciell mit dem Studium der Rhizopoden beschäftigt. Ich habe die zahlreichen, schönen Eozoon-Präparate von ~Carpenter~ und von ~Max Schultze~ selbst genau untersucht und hege danach nicht den mindesten Zweifel mehr, dass dasselbe wirklich ein echtes Polythalamium und kein Mineral ist.
Aber gerade wegen der ausserordentlichen principiellen Bedeutung des Eozoon, weil dadurch die Zeitdauer der organischen Erdgeschichte um viele Millionen Jahre hinauf gerückt, die uralte silurische Formation als verhältnissmässig junge erkannt und so der Entwickelungslehre ein grosser Dienst geleistet wird, gerade deshalb fahren die Gegner der letzteren fort, unbeirrt zu behaupten, dass das Eozoon kein organischer Rest, sondern ein Mineral sei. Wie aber die hohe Bedeutung des Eozoon durch diese fruchtlosen Angriffe unkundiger Gegner erst recht in ihr volles Licht gesetzt worden ist, so gilt dasselbe auch von den Moneren — mit oder ohne Bathybius! Die echten Moneren bleiben ein fester Grundstein der Entwickelungslehre!
Anhang.
System der Protisten.
Erste Classe des Protistenreiches.
1. =Monera= (HAECKEL) =Urlinge=.
Organismen ohne Organe. Der ganze Körper dieser einfachsten und niedrigsten Organismen besteht in vollkommen entwickeltem Zustande aus weiter nichts, als aus einem Stückchen ~Plasson~ oder »Urschleim«, einer eiweissartigen Verbindung, die noch nicht in Protoplasma und Nucleus differenzirt ist. Jedes Moner ist also eine ~Cytode~, noch keine Zelle. Form meistens unbestimmt, mit wechselnden Fortsätzen. Bewegung bald durch Lappenfüsschen, bald durch Wurzelfüsschen, bald durch Flimmerfüsschen. Nahrungsaufnahme verschieden. Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, durch Theilung, Knospung oder Sporenbildung. Leben im Wasser, meistens im Meere, auch parasitisch in anderen Organismen.
Erste Ordnung der Moneren:
~Lobomonera~ (HAECKEL). Lappen-Urlinge. Fig. 47.
Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen durch ~Lappenfüsschen~ (_Lobopodia_) geschehen: stumpfe, fingerförmige, meist unverästelte Fortsätze, wie bei den ~Amoeben~.
~Gattung~: Protamoeba (Arten: P. primitiva, P. agilis etc.) Fig. 47.
Zweite Ordnung der Moneren:
~Rhizomonera~ (HAECKEL). Wurzel-Urlinge. Fig. 48, 49.
Moneren von unbestimmter wechselnder Form, deren Bewegungen durch ~Wurzelfüsschen~ (_Pseudopodia_) geschehen: feine, lange, fadenförmige, meist verästelte und netzförmig sich verbindende Fortsätze, wie bei den ~Rhizopoden~.
~Gattungen~: Protomyxa (aurantiaca) Fig. 48. Vampyrella (Spirogyrae). Bathybius (Haeckelii) Fig. 49.
Dritte Ordnung der Moneren:
~Tachymonera~ (HAECKEL). Geissel-Urlinge. Fig. 50. (Synonym: _Schizomycetes_. Spaltpilze. ~Bacterien.~)
Moneren von bestimmter, meist, stabförmiger oder fadenförmiger Gestalt, deren zitternde oder schwingende lebhafte Bewegungen (wohl immer) durch äusserst feine ~Geisseln~ (Flagella) geschehen, wie bei den Geisselschwärmern (_Flagellata_). Fortpflanzung ungeschlechtlich, meistens durch Quertheilung. Erzeugen Zersetzung und Fäulniss in den organischen Flüssigkeiten, in denen sie leben. Wahrscheinlich die Ursachen vieler Krankheiten.
~Gattungen~: Bacterium (monas). Vibrio (lineola). Spirillum (tremulans). Fig. 50.
Zweite Classe des Protistenreiches.
2. =Lobosa= (CARPENTER). =Lappinge=.
(Synonym: _Amoebina._ Infusoria rhizopoda. _Protoplasta._)
Einzellige Organismen (selten Syncytien), deren Zellenleib bald nackt (_Gymnolobosa_), bald in einer verschieden gestalteten Schale theilweise verborgen (_Thecolobosa_) ist. Die Zellen bewegen sich durch ~Lappenfüsschen~ (_Lobopodia_): stumpfe, fingerförmige, meist unverästelte Fortsätze, die an verschiedenen Stellen der Oberfläche entstehen und vergehen. Die Nahrung wird durch diese Lappenfüsschen umflossen und in das Innere der Zelle hineingedrückt. Der Protoplasma-Leib der Zelle sondert sich häufig in eine helle, structurlose, festere ~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) und eine trübe, feinkörnige, weichere ~Markschicht~ (_Endoplasma_). Oft enthält derselbe eine oder mehrere contractile Blasen (Vacuolen); bald beständig, bald unbeständig. Der Zellkern oder ~Nucleus~ ist meist einfach, selten mehrfach vorhanden. Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, meist durch Theilung, seltener durch Knospung oder Sporenbildung. Die Lobosen leben meistens im Wasser, seltener in der Erde oder parasitisch in anderen Organismen.
Erste Ordnung der Lobosen:
~Gymnolobosa~ (HAECKEL). Nackte Lappinge. Fig. 1.
Lobosen mit nacktem, weichem Zellenleibe, ohne Schale.
~Gattungen~: Amoeba (princeps). Podostoma (filigerum). Petalopus (diffluens).
Zweite Ordnung der Lobosen:
~Thecolobosa~ (HAECKEL). Beschalte Lappinge. Fig. 5, 6. (Synonym: Lepamoebae. Arcellinae. Amoebae cataphractae).
Lobosen mit einer Schale oder Zellmembran, von welcher der weiche Zellenleib theilweise bedeckt wird.
~Gattungen~: Arcella (vulgaris). Difflugia (oblonga), Fig. 5. Quadrula (symmetrica), Fig. 6.
Dritte Classe des Protistenreiches.
3. =Gregarinae= (DUFOUR). =Gregaringe.=
Einzellige Organismen oder Ketten von wenigen, an einander gereihten Zellen, deren Leib von einer weichen, dicken, dehnbaren Haut allseitig umschlossen ist. Diese ~Zellmembran~ ist glatt, ohne Oeffnung, an einem Ende des Körpers oft mit hakenförmigen Haftapparaten versehen. Das ~Protoplasma~ ist sehr dehnbar und contractil, mit vielen Körnchen durchsetzt. Der ~Zellkern~ gross, meist ein helles kugeliges Bläschen, mit einem Nucleolus. Die wurmähnlichen Bewegungen der kriechenden Zellen geschehen durch Zusammenziehungen der (unmittelbar unter der Membran liegenden) Rindenschicht des Protoplasma, welche bisweilen in muskelähnliche Fäserchen differenzirt ist. Alle Gregarinen leben ~parasitisch~ im Darm oder in der Leibeshöhle (seltener in den Geweben) von Thieren (besonders von Würmern und Gliederthieren). Sie ernähren sich vom Safte dieser Wohnthiere, der durch die Membran der schmarotzenden Zellen in das Innere ihres Protoplasma hindurchschwitzt (Endosmose). Fortpflanzung ~ungeschlechtlich~, durch Theilung oder durch Sporenbildung. Im letzteren Falle zieht sich eine einzelne Gregarine, oder mehrere mit einander verschmelzende Gregarinen, kugelig zusammen und umgeben sich mit einer Kapsel. Die Zellkerne verschwinden und das Protoplasma zerfällt in zahlreiche Keimzellen oder ~Sporen~ (Psorospermien, Pseudonavicellen). Später schlüpft aus jeder Spore ein ~Moner~ aus, welches sich durch Neubildung eines Nucleus in eine ~Amoebe~ verwandelt. Indem letztere sich mit einen Membran umhüllt, wird sie zur ~Gregarine~.
Erste Ordnung der Gregarinen:
~Monocystida~ (STEIN). Einzellige Gregaringe.
Gregarinen-Leib eine einfache Zelle, mit einem einzigen Kern.
~Gattung~: Monocystis (agilis). Fig. 7.
Zweite Ordnung der Gregarinen:
~Polycystida~ (HAECKEL). Vielzellige Gregaringe.
Gregarinen-Leib eine Kette von zwei oder drei (selten mehr) an einander gereihten Zellen, jede Zelle mit einem Kern.
~Gattung~: Didymophyes (paradoxa).
Vierte Classe des Protistenreiches.
4. =Flagellata= (EHRENBERG). =Geisslinge.=
(Synonym: _Mastigaria_. Geisselschwärmer. Geissel-Infusorien.)
Einzellige Organismen, seltener Coenobien oder Zellenhorden: Gemeinden von mehreren oder vielen locker verbundenen Zellen. Bewegen sich durch ~Geisseln~ (_Flagella_), einen langen, fadenförmigen Fortsatz (oder mehreren, an einem Punkte befestigten) des Protoplasma, welche hin und her schwingen, wie eine Peitsche. Zellenleib bald nackt, bald von einer Hülle umschlossen, aus deren Oeffnung die schwingende Geissel vortritt. Selten sind die Flagellaten auf Gegenständen im Wasser festgewachsen, meistens schwimmen sie frei umher. Bei vielen wechseln ruhende und bewegliche Zustände mit einander ab; und dann geschieht die Vermehrung meist während des Ruhezustandes, durch Theilung. Nahrungsaufnahme bald durch Aufsaugung (Endosmose), bald durch einen Zellmund (Cytostoma). Vermehrung ~ungeschlechtlich~, meist durch Theilung, seltener durch Knospung oder Sporenbildung. Bei einigen (Volvocinen) Anfänge geschlechtlicher Sonderung.
Erste Ordnung der Flagellaten:
~Nudoflagellata~ (HAECKEL). Nackt-Geissler. Fig. 8.
Geisslinge mit nacktem Zellenleibe, ohne Wimperkranz.
~Gattungen~: Euglena (viridis). Astasia (haematodes). Phacus (longicauda, Fig. 8).
Zweite Ordnung der Flagellaten:
~Thecoflagellata~ (HAECKEL). Hüll-Geissler. Fig. 10.
Geisslinge, ohne Wimperkranz, deren Zellenleib von einer Hülle oder Schale umschlossen ist. Die Geisseln treten aus einer Oeffnung der Schale hervor. Oft ist die Schale auf einem sitzenden Stiele angeheftet.
~Gattungen~: Salpingoeca (marina). Dinobryon (sertularia).
Dritte Ordnung der Flagellaten:
~Cilioflagellata~ (J. MÜLLER). Wimper-Geissler. Fig. 9.
Geisslinge mit einem Kranze von kurzen Wimpern um die Mitte des Zellenleibes, welcher von einer zweiklappigen Schale umschlossen ist. Zwischen beiden Schalenhälften tritt frei die lange Geissel und der Wimperkranz vor.
~Gattungen~: Peridinium (oculatum) Ceratium (tripus) Fig. 9.
Vierte Ordnung der Flagellaten:
~Cystoflagellata~ (HAECKEL). Blasen-Geissler. Fig. 11.
Geisslinge ohne Wimperkranz, mit grossem, blasenförmigen Zellenleibe, welcher ausser der Geissel einen eigenthümlichen Peitschen-Anhang und einen stabförmigen Körper im Innern besitzt.
~Gattungen~: Noctiluca (miliaris) Fig. 11. Leptodiscus (medusoides).
Fünfte Classe des Protistenreiches.
5. =Catallacta= (HAECKEL). =Mittlinge.=
Einzellige Organismen, welche eine Zeitlang zu einer ~Zellenhorde~ (~Coenobium~) vereinigt sind, später isolirt leben. Die Zellenhorden oder Coenobien sind schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt aus zahlreichen Zellen, welche im Centrum der Kugel durch Fortsätze vereinigt sind, während an der Oberfläche die schwingenden Flimmerhaare vortreten. Die ~Einsiedler-Zellen~ (~Monocyten~), welche durch Zerfall der Coenobien entstehen, bewegen sich anfangs schwimmend, gleich ~Flagellaten~ umher; dann verwandeln sie sich in kriechende ~Amoeben~-ähnliche Zellen; schliesslich ziehen sie sich kugelig zusammen und kapseln sich ein. Innerhalb dieses Ruhezustandes entsteht durch wiederholte Theilung der Zelle ein neues kugelförmiges Coenobium, welches die Hülle durchbricht und frei umherschwimmt. Diese ~ungeschlechtliche~ Fortpflanzung erinnert an die Eifurchung der Thiere. Die Catallacten leben theils im Meere, theils im Süsswasser.
~Gattungen~: Magosphaera (planula) Fig. 46. Synura (uvella).
Sechste Classe des Protistenreiches.
6. =Ciliata= (J. MÜLLER). =Wimperlinge.=
(Synonym: Infusionsthierchen oder Infusoria im engsten Sinne).