Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen

Part 5

Chapter 5816 wordsPublic domain

Wenn ich dann meinen kleinen Meierhof aufsuche, denke ich daran, daß sie einst hier gewesen sind. O, ihre Ausflüge! Das Frühstück trugen sie in einem Körbchen mit und einer hatte eine Gitarre umgehängt. Leichten Ganges folgten ihnen die jungen Mädchen; zwischen taufeuchten Hecken summte eine Romanze auf und erschreckte die Vögel mit einer unaussprechlichen Liebe. Die Maulbeeren waren noch grün. Man marschierte im Takte. Der Schrei eines Mädchens zitterte durch die Luft, an einer Wegecke wurde ein großer Hut geschwungen, und ein kühles Lachen flog zwischen den regenversehrten Heckenrosen empor.

Diese Gitarre habe ich im Hofe meiner hugenottischen Großtanten an einem Sommerabende gehört, als ich vier Jahre alt war. Der Hof schlief in weißer Dämmerung, und von den Dächern sank eine unbekannte Zärtlichkeit auf die Rosenstöcke und das helle Pflaster. Meine Verwandten saßen auf einem Balken, waren froh und lachten darüber, daß ich so ein kleines Kind war und eine weiße Schürze anhatte. Dann sang mein Großonkel ein Lied aus der Hauptstadt. Ich seh ihn noch mit vorgestrecktem Kopfe stehen. Die Luft zitterte sacht. Am Ende einer Koloratur machte er eine komische nette Verbeugung.

Ich segne dich, kleine Stadt, in der kein Mensch mich versteht, wo ich meinen Stolz, mein Weh und meine Freude in mir verberge und ich keine andere Zerstreuung habe, als meine alte Hündin kläffen zu hören oder arme Gesichter anzuschauen. Aber dann steige ich die Hügel empor, wo der dornige Stechginster wächst -- und dort erlebe ich in der Betrachtung meiner Kümmernisse das sanfte Glück, das Verzichten heißt. Jetzt quält mich nicht mehr das rohe und verächtliche Lachen der Leute noch auch das Zweifeln an allem. Das Lachen derer, die mich verachten, ist verstummt -- und ich werde gleichgültig gegen alles, was ich bin. Aber ich bin indessen ernst geworden gegen mich selber und die andern. Mit furchtsamer Freude sehe ich nun die Sorglosigkeit der Glücklichen. Ich habe verstehen gelernt, wieviel Leiden aus der Liebe wachsen kann und wie tiefe Blindheit aus einem Blicke. Und um dieser meiner Leiden willen möchte ich eine traurige zarte Liebkosung denen schenken, die noch nichts anderes wissen als das Glück.

IV.

Im Garten tut mir der Duft des Flieders plötzlich weh, denn ich bin todtraurig.

Flieder, seit der Kindheit bist du mir teuer. Damals habe ich deine Blütensträuße angeschaut, die schönen Bilder, auf eine Spielzeugschachtel gemalt. In dem vertrauten Obstgarten meiner Jugendzeit blühtest du auch. O, in diesem Garten gab es Igel! Sie glitten die alten Balken entlang -- wie unschuldig und sanft sind die Igel trotz ihrer Stacheln. Ich erinnere mich noch meiner Erregung, als ich an einem Winterabende einen auf der Schwelle unserer Küche fand. Der Schnee hatte ihn vertrieben und nun steckte er seinen kleinen Rüssel in die Abfälle, die da liegengeblieben waren.

V.

Ich liebe die Wesen der Nacht, die Käuzchen mit hauchendem Fluge, die Fledermäuse, die Dachse -- alle ängstlichen Tiere, die durch die Luft und das Gras gleiten, und die wir so wenig kennen. Was für Feste mögen sie wohl unter den Pflanzen, ihren Schwestern, feiern?

In der Stunde, da der Mensch ruht, springen die Kaninchen silberig von Tau über die Minze der Gräben hin und halten ihre geheimen Versammlungen ab; die Frösche quaken und platschen in den Pfützen, aus den Glühwürmchen sickert der weiche gelbe, feuchte Schimmer, der Maulwurf bohrt sich unter den Wiesen hin, die Nachtigall schluchzt auf wie ein Springbrunnen, und die Schleiereule läßt ihr trauriges Lachen hören, als ob sie sich in ihrer Furchtsamkeit zu der Freude Gottes gesellen wollte.

Wie oft habe ich mir gewünscht, ein solches Wesen der Nacht zu sein! Ein schauerndes Kaninchen unter der Weißdornhecke oder ein Dachs, von den saftigen grünen Blättern gestreichelt. So hätte ich keine anderen Sorgen gekannt als die um meine leibliche Verteidigung -- und ich hätte nicht lieben müssen und nicht hoffen.

ENDE

INHALT

Seite Das Paradies 3 Das Paradies der Tiere 6 Die Güte des lieben Gottes 8 Der Weg des Lebens 11 Die kleine Negerin 15 Ronsard 17 Robinson Crusoe 19 Das Grabmal des Dichters 21 Von der Barmherzigkeit gegen die Tiere 24 Betrachtung über die Dinge 27 Lob der Steine 40 Betrachtung über eine Schnepfe 43 Betrachtungen über ein Speisezimmer 49 Betrachtungen über einen Tautropfen 53 Betrachtung über Astrologie 60 Notizen 68

Anmerkungen zur Transkription

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

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[S. 38]: ... Hammer Anwort. Der Hammer, den der Meister ... ... Hammer Antwort. Der Hammer, den der Meister ...

[S. 38]: ... vom Herzen schwang, war das Herz des Amboß. ... ... von Herzen schwang, war das Herz des Amboß. ...

[S. 64]: ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt ... ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt sich ...

[S. 65]: ... blüht gegen Ende des Sommer. Ich habe ... ... blüht gegen Ende des Sommers. Ich habe ...

[S. 75]: ... die Luft, an eine Wegecke wurde ein großer Hut ... ... die Luft, an einer Wegecke wurde ein großer Hut ...