Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen

Part 3

Chapter 33,709 wordsPublic domain

Eines Tages wurde der Schmied krank. Sein Atem ging kurz; wenn er jetzt an der Kette des Blasbalges, der vordem so stark gewesen war, zog, merkte ich deutlich, daß dieser keuchte und allmählich von der Krankheit seines Herrn befallen wurde. Sprungweise und ungleich ging nun das Herz des Mannes, und auch der Hammer, den er über dem Amboße schwang, fiel verstört auf das Eisen nieder. Und im gleichen Maße, wie das Licht in den Menschenaugen abnahm, leuchtete auch das Feuer in der Esse weniger und weniger. Abends flackerte sie dann noch weiter, und an den Wänden und der Decke erblich lange das Zucken ihres Vergehens.

Eines Tages fühlte der Schmied bei der Arbeit seine Hände und Füße kalt werden, und am Abend starb er.

Ich betrat die Schmiede; sie war kalt wie ein Körper ohne Leben. Ein bißchen Glut nur fand ich im Kamine als eine armselige Totenwache neben dem Sterbebette glimmen, an dem zwei Frauen beteten.

Drei Monate nachher kam ich wieder in die verlassene Werkstätte, um an der Schätzung ihrer geringen Einrichtung teilzunehmen. Alles war feucht und schwarz wie in einem Grabe. Das Leder des Blasbalges war angefault und löchrig geworden und löste sich, da jemand an der Kette ziehen wollte, von seinem Holzrahmen los.

Die einfachen Leute, die mit mir die Schätzung vornahmen, erklärten: »Der Amboß und der Hammer haben ausgedient. Sie haben mit ihrem Meister zu leben aufgehört.«

Ich stand erschüttert. Denn ich hörte den geheimen Sinn dieser Worte.

LOB DER STEINE

Strahlende Schwestern der Bergströme, denen ich am Ufer des Alpensees begegnet bin: Steine, Geliebte der Iris und des kalten Azurs, ihr, auf die sich das Salz niederschlägt, das die Lämmer auflecken; ihr Spiegel voll Helle, schillernd wie der Hals der Taube, ihr, die ihr mehr Augen habt als der Pfau! Im großen Feuer seid ihr Kristalle geworden, und eure schneeigen Adern sind ewig, ihr Gefährten der Urzeitfluten; seit Anbeginn hat die Meerflut euch gebadet und gewiegt bis zu der Stunde, in der die Taube aus der Arche voll Liebe aufgurrte, da sie euch erblickte.

Bald ist das leuchtende Korn eures Fleisches blaugeädert weiß wie eine Kinderfaust, bald schimmert es kupfergolden wie die Hüfte einer schönen schwerblütigen Frau; zuweilen blinkt der Glimmer darin silbrig wie eine Wange in der Sonne, dann wieder ist es bräunlich wie die Haut der Frauen, der das goldene Rot der Mandarine und das stumpfe Blond des Tabaks die Farbe gab.

Ihre Steine, aus dem Herzen des Bergstroms gebrochen, gegeneinandergeschmettert, dahingerissen durch den Seidelbast der Schluchten, gepeitscht von den Rauhfrostwettern, von den Lawinen begraben, von der Sonne wieder ans Licht geholt, vom Fuße der Gemse losgebrochen: ihr seid kühl und schön -- und ihr seid, über all das hinaus, rein.

Ich kenne eure Schwestern in Indien wenig; es gibt solche unter ihnen, deren Klarheit mit dem Wasser, das aus dem Marmor quillt, wettstreitet, andere, die mich an das leuchtende Grün der Wiesen in den Talen meiner Heimat denken machen, welche wieder, die wie erstarrte Tropfen Blutes sind, und endlich die, die Kristall gewordenes Sonnenlicht sind.

Aber ich ziehe euch diesen vor, obwohl ihr nicht so kostbar seid, ihr, die ihr zuweilen die Balken der Strohdächer tragen müßt und so das Sprühen der Sterne spiegeln könnt, und ihr anderen, auf die sich der Schäferhund hinstreckt und traurig nun über seine Herde wacht.

Empfanget tief im Äther, wo ihr auf den Gipfeln ruht, weiter die reinliche Nahrung, die eurem friedlichen Reiche zugemessen ist. Das Licht möge eure unbekannten Zellen durchdringen, und die leichten wirbelnden Flocken sollen sie tränken. Das Schwirren der Winde mache sie erklingen, und endlich mögen sie jene vollkommene Nahrung empfangen, von der einst Maria Magdalena in einer Felshöhle gestillt worden ist. Rings um euch werden eure Freunde blühen, die reinsten Blütenkronen dieses Gestirns: aber auch sie werden nicht so keusch sein wie ihr, denn sie duften nach Schnee.

Arme graue Schwestern in den Rinnsalen, denen ich in den Ebenen begegnet bin, traurige Steine ohne Glanz, ihr, die ihr den Regen sammelt, auf daß der Sperling zu trinken habe; ihr, über die die Füße der Eselin stolpern, ihr armseligen Wächter, die ihr die elenden Gärten umfriedet, die ihr die hohlgetretenen Schwellen seid und die Brunnengeländer, glattgerieben von der Eimerkette, ihr Bettler, blank wie das Eisen der Ackergeräte! Ihr werdet heiß gemacht im Armenherde, auf daß ihr die Füße der Großeltern erwärmet, ihr werdet ausgehöhlt für die niedrigsten Verrichtungen, und ihr müßt in eurer Armseligkeit Tisch sein für den Hund und das Schwein. Durchbohrt werdet ihr und müßt, zu Mühlsteinen geworden, das knirschende Korn mahlen. O ihr, die ihr fortgeholt werdet, und ihr, die ihr liegen bleibt: o ihr, auf denen der Irrgegangene schlafen wird -- o ihr, unter denen ich schlafen werde!

Ihr habt euch nicht wie eure Gefährten in den großen Gebirgen eure Freiheit wahren können, aber ich achte euch darob nicht geringer, ihr meine Freunde. Ihr seid schön wie alle Dinge, die im Schatten sind.

BETRACHTUNG ÜBER EINE SCHNEPFE

»Ich bin eine Schnepfe. Um die Zeit, in der der herbstliche Ozean fürchterlich wird und die Schiffe im gelben und schwarzen Himmel tanzen, wohne ich hier, denn ich mische mich nicht ein in die verschiedenen großen Angelegenheiten der Natur, ich Schnepfe, die ich nicht weiß, daß tausend und tausend Kreolenjungfrauen jetzt verblüht sind wie feurige Rosen im zerstörenden Hauche eines Vulkans. Hier wohne ich, zwischen den Binsen und einer Lache, in der Gleichförmigkeit von Tag um Tag. Mein Tal zieht von Norden nach Süden, es ist morastig, waldverwachsen und traurig. Aber es stimmt recht hübsch überein mit meinem Kleide, das wie ein totes Blatt gefärbt ist, und man könnte mich schon für eine Dame nehmen, wenn ich da mit meinem Stocke, der mein Schnabel ist, spazierengehe ... Man weiß von mir auch, daß ich die schönsten Augen auf der Welt habe, und daß von ihnen die Sage geht, sie weinten, bevor ich sterbe.«

»Kommen Sie und sehen sie mich in meinem Salon an! Wissen Sie denn, wie der Salon einer Schnepfe aussieht? Die Jäger mögen Ihnen davon erzählt haben. Haben Sie Ihnen aber auch gesagt, was ein Schnepfenspiegel ist? Das ist nämlich etwas, das ein bißchen schwierig zu erklären ist. Meine Spiegel sind aus blankem Silber und haben einen dunklen Punkt in der Mitte .... sie sind das, was ich hinter mir fallen lasse. Mein Parfüm ist das frischgeschlagene Holz. Lieben Sie den Geruch von Heu? O, in der Natur sind alle Gerüche vereinigt. Würziger aber riecht doch nichts als der Saft der Erle, den der Holzhauer abzapft. Das ist ein Geruch, der schön ist, während doch Gerüche für gewöhnlich nur gut sind. Aber dieser Duft ist schön wie das Blut, das in der stillen Stunde aufsteigt in die Wangen des Heidekrautes, wenn die Sonne müde ihre Haare auflöst und sich lang über den Hügel hinstreckt. Wenn ich meine Füße auf das setzte, was von einem Erlenstamme am Erdboden übrigbleibt, kommt es mir vor, als ob ich auf duftenden Purpur trete und ich die Königin von Saba bin.«

»Die Wohnung, die ich habe, ist gottlob recht brauchbar. Ein paar Verbesserungen täten ihr freilich schon not: der Wind hat nämlich die Dachschindel aus Blättern, die mir der Dachdecker Frühling darauf gelegt hat, schon wieder zerblasen. Der Herr Herbst hat sie durch Klematisfrüchte ersetzt -- aber die saugen mit ihrem Flaum den Regen aus der Luft.«

»Ich habe nur ein Erdgeschoß. Der Flur ist ein Wassergraben, dunkel genug, daß ich darin ordentlich sehe. Man weiß ja, daß meine Augen das grelle Licht schlecht vertragen. Mir ist auch ein einfacher Stern lieber als die beste Kerze. Der Herr hat mir gesagt: >Geh, kleine Schnepfe. Ich schenke dir alle Sterne des Himmels, daß sie dir leuchten.<«

»Mein Park ist unermeßlich, er schließt die ganze Welt in sich. Aber ich gehe doch erst in die Berge, mir kleine Eisstückchen zu holen, wenn die große Hitze kommt. Denn man muß es verstehen, seine Wünsche einzuschränken -- sonst muß man die Geschichte vom Weinberge des Naboth wieder von frischem beginnen. Ich wohne also hier, sage ich Ihnen, zwischen diesen Binsen und der Lache, und ich komme auch kaum fort von meinem runden moosigen Platze da und von der Quelle, deren Wasser ein Hirt in einen Dachziegel geleitet hat, von dem jetzt, durch einen Stein festgehalten, ein Kastanienblatt herunterhängt. Man darf aber nicht vielleicht glauben, daß es da weiter unten nicht eine herrliche Landschaft gibt: die Ufer und Inseln des Wildbaches, wo inmitten von rosa Nebeln der Herr Reiher auftaucht und wieder verschwindet, je nachdem der Nebel sich hebt oder sich ausbreitet. Und in einiger Entfernung von ihm unter dem silbernen Himmel schnellen über das silberne Wasser die Silberfische, auf die er lauert, empor.«

»Ich wünsche mir, glücklich und verborgen wie ein Veilchen zu leben. Eine Schnecke in der Schale genügt für mein erstes Frühstück, währenddessen ich entzückt bin von all dem Nebel, der von jedem Zweige fällt wie ein Hagelschauer aus lauter Regenbogen. Was brauche ich auch Luxus und Eitelkeit? Wenn ich doch lieber das große Buch der Natur lesen könnte, das Buch, von dem ich selber ein bescheidenes Exemplar bin. Sehen nicht wirklich meine Rückenfedern aus wie der Ledereinband eines ganz alten Folianten -- und die Federn auf meiner Brust wie seine bunten Ränder? Ja, ich lese in mir selber, in dem wirklichen Buche, das ich bin, und ich muß nicht meine Zuflucht zu all den Mitteln nehmen, deren sich die unwissenden Dichter bedienen. Was ich weiß, weiß ich ordentlich, weil ich es mir nicht nur vorstelle, sondern es mit dem Schnabel und den Füßen angreifen kann, und weil es doch die Frucht meiner Erfahrungen und meiner Weisheit ist.«

»Was ich weiß? Ich weiß, daß ich gerade vor mich hinmarschiere, die Füße auf der Erde und den Kopf im Himmel. Ich weiß, daß es ganz gewöhnliche Sachen gibt, über die man sich doch sehr wundern muß. Und ich weiß, daß die Welt zusammengesetzt ist aus lauter Schnepfen, die gar keine Schnepfen sind. Ich weiß, daß ich leide, wenn man mir Blei in meine Flügel schießt. Ich weiß, daß ich glücklich bin, wenn ich im Mondschein durch das sanfte Gras der Waldränder irre, mit gezählten Schritten, den Kopf nach rechts und links drehend und bereit, mit der Spitze des Schnabels die Würmer aufzupicken. O, von was für wunderbaren Nächten habe ich nicht schon die Quellen singen gehört, wenn ich mir in ihnen säuberlich die Füße wasche! O das fließende Blau, das die Schatten des Gebüsches liebkost, bis sie zittern und den ersten Himmelschlüsseln weichen!«

»Ich weiß, daß >es muß sein< ein großes Wort ist, und daß danach mein ganzes armes Tierleben abgewandelt wird. Es muß sein, daß ich, wenn es April wird, diese wunderbaren Täler verlasse und es meinem Fluge anheimgebe, dahin zu fliegen, wohin er fühlt, daß nun geflogen werden muß. Das habe ich verstehen gelernt, daß so einfach dahinzureisen besser ist, als sich abzuquälen mit Landkarten, Kompaß und Sextant, mit alldem, wodurch die Menschen Schiffbruch leiden. Es muß sein, sage ich, ist ein großes Wort! Darum habe ich Schnepfe mir auch nicht mein Dasein durch Weltkarten, Luftballons, Dampfmaschinen und Theorien verwirrt, denn es mußte sein, daß ich Flügel habe. Und so ist meine ganze Wissenschaft ganz einfach die, daß ich mich auf meinen Schnabel, meine einzige Bussole, verlassen kann, um inmitten der Schneefelder (die die Orangenblütenhaine des Gebirges sind) die süßeste Braut wiederzufinden.«

So spricht die kleine Schnepfe. Und ich beneide die kleine Schnepfe um ihren guten Sinn und um ihr Glück. Kleine Schnepfe, es gibt noch anderes Blei als das, das dir durch die Flügel schlägt: das Blei, das ich im Herzen trage. Und andere Stechpalmen gibt es als die, die sich mit Moos umgeben, so daß du verlockt bist, darauf auszuruhen: die Stechpalmen, die meine Schläfen kränzen und die mein einziger Lorbeer sind.

O, warum hat Gott mir nicht wie dir Flügel gegeben? O, warum kann ich, wenn der Duft des Flieders den liebesbleichen Frühling in seinem Gewande schwanken und hinsinken macht, und wenn der Seidelbast wieder blüht, nicht am Rande der durchstürmten Schlucht die erwarten, von der ich getrennt bin? O kleine Schnepfe, warum bin ich nicht lieber in deinem kleinen Salon aus welken Blättern geblieben, um im langen Regnen dem Seufzen der Winterwinde zuzuhören, anstatt in diesem Zimmer zu sitzen und meinen Betrachtungen nachzuhängen, indes der Herd braust wie der Ozean und mir im Uhrenschlagen geschieht, als ob ich eine reine und traurige Stimme wiederhörte.

Kleine Schnepfe, möge das wilde Wetter mit dir gnädig verfahren! Die Windstöße sollen deine Spuren verwischen, so daß der Hund sie morgen nicht spüren kann, sich von seinem Herrn prügeln lassen muß und endlich schlammbeschmiert, verdutzt, den Schweif eingeklemmt, zurückkommt, ohne dich gefunden zu haben!

BETRACHTUNGEN ÜBER EIN SPEISEZIMMER

Nicht das Familienspeisezimmer ist es, über das ich jetzt sprechen will. Zwar war das wie ein Spiegel im Schatten und roch nach Obst, nach Wein und dem Wachse des Fußbodens, und wenn man eintrat, glitt man aus und fiel hin. In diesem Zimmer wurde ein jeder zu Eis so wie in Gegenwart meiner hugenottischen Großtante, die in ihre Bibel den Spruch des Psalmisten geschrieben hatte: »Wahrlich, Schein ist es, darinnen der Mensch wandelt. Wahrlich, eitel ist, was er treibt.«

Dieser Raum hatte einst bessere Tage gesehen. Aber um die Zeit, von der ich jetzt spreche, wohnte nur mehr ein schmerzliches Schweigen darin, das wie das Schweigen der Abwesenden, die voll Traurigkeit den Kopf schüttelten, anmutete. Man hat mir hier eine Ecke gezeigt, in der mein Vater nach seiner Ankunft aus Guadeloupe (er war damals sieben Jahre alt) allerlei Grimassen versucht hat, um seine Eltern zu erheitern, und vielleicht auch, um sich selber zu erheitern. Armes verstörtes Kind, das noch traumtrunken war von den grünen Kokosnüssen, von zärtlich rosigen Blumen und dem klingenden Schimmern der Kolibris.

Das Speisezimmer von heute liegt gegen Osten, auf den Garten hinaus, der sich längs der Straße hinzieht. Es ist ohne allen Luxus eingerichtet und ein rechtes Durchschnittszimmer, aber die Götter besuchen mich darin, und ein paarmal haben Göttinnen, müde der Welt, hier mein grobes Brot gegessen. Man kann dieses Speisezimmer gar nicht besser als mit den Versen des Mong-Kao-Jen beschreiben:

... Ein alter Freund reicht mir ein Huhn und Reis dazu. ... Und unser Horizont sind blaue Berge, deren Gipfel Aus blauem Glanz des Himmels ausgeschnitten sind. Im offenen Saal ist uns der Tisch gedeckt. Nun überschauen wir den Garten meines Gastfreunds, Nun reichen wir einander die gefüllten Becher. Wir reden sacht von Hanf und Maulbeerbaum. Wir warten auf den Herbst: dann werden hier im Garten Die Chrysanthemen blühn.

Hier in diesem Raume geschieht es mir zweimal im Tage, daß ich mir der Dinge bewußt werde, sei es dadurch, daß aus dem Brote die Seele des fahlen Korns, das unter dem Hundsstern des Juli knirscht, mich durchdringt, sei es, daß aus dem Weine mich die purpurne Landschaft der Weinlese überkommt und die Fröhlichkeit der Mädchen, die singend die dunklen Trauben schnitten. Und ein jedes Gericht wird mir geheiligt um alles dessen willen, was es an Kraft dichterischer Ahnung in mein Blut schickt. So muß ich auch nicht den demütigen Küchengarten mißachten, in dem die duftende Goldrübe wuchs, noch das herbe Gras der erlengesäumten Wiese, auf der das Rind gelebt hat, dessen Fleisch ich esse, nicht die von welken Blättern bedeckte Hütte, verkrochen im innersten Gebirge, in der dieser Käse entstanden ist, noch endlich den Obstgarten, wo in der betäubenden Glut der Sommerferien ein Schulmädchen es über sich gebracht hat, inmitten von bläulichen und granatroten Himbeersträuchern (deren Früchte ich genieße) ihren brennenden Mund lange auf dem Munde eines Jungen zu vergessen.

Ich kenne die Einsamkeiten, in denen das Wasser, das ich trinke, entspringt, und die traurigen Forste, die sie umgeben. Dort bin ich dem fröhlichen alten Manne begegnet, dessen Hühner ich in einem Gedichte besungen habe, und jenem anderen Greise, der den Wahnsinn seiner Tochter beweinte.

Ich muß mir aber auch zu Bewußtsein bringen, daß die Schüsseln, die alle diese Gerichte bergen, irgendwoher stammen, und zwar ebenso aus der Erde wie ihr Inhalt, und daß die Früchte da in der Schale aus Steingut mir in einem Gefäße aus dem Urstoffe selber dargebracht werden. Und ich muß mich endlich auch daran erinnern, daß das Glas der Wasserflasche, in der das Wasser eben schwankend ins Gleichgewicht strebt, aus dem Wasser selber hervorgegangen ist, aus dem natriumreichen sandigen Meere, das ihm seine Durchsichtigkeit gegeben hat.

Speisezimmer, du göttliche Vorratskammer, in dir gibt es die Feige mit den Bißspuren der Amsel und die Kirsche, die der Sperling angepickt hat. Der Hering liegt da, der die Korallen und die Schwämme des Meeres gesehen hat, und die Wachtel, die durch die Nacht der Minze geschluchzt hat; in dir ist der Herbsthonig aufbewahrt, den die Bienen in der schon bräunlichen Sonne eingeheimst, und der Akazienhonig, den sie im fahlen Lichte einer Tränenallee gesammelt haben. Das Öl, das die Lampen der Provence speist, ist da, das Salz, das perlmuttern schimmert, und der Pfeffer, den die Kauffahrer auf ihren Galeeren geheimnisvoll lächelnd gebracht haben.

Mein Speisezimmer, ich habe dich oft aus der Beute meiner Botanisiergänge geschmückt und deine Luft mit dem Geruche der Feldblumen erfüllt.

Und dann warst du eines Tages mit Sträußen seltener Blumen geschmückt, mit denen eine Frau deine Bescheidenheit geehrt hat. Aber du hast es verstanden, du selbst zu bleiben, nicht allzu geschmeichelt noch auch abweisend. Als die erlesenen Blumen auf deinem Tische standen, hast du sie durch deine Schlichtheit so sehr entzückt, daß sie schön erschienen wie ihre ländlichen Schwestern.

Du bist es, mein Speisezimmer, das, nahe der Straße, meine Heimkehr vom Walde erwartet, wenn die Stunde gekommen ist, in der mein Hund in Nacht verschwimmt und sich das Paffen meiner Pfeife mit dem Nebel, der meinen Bart feuchtet, mischt. Da horchst du wie eine brave Dienerin auf den Tritt meiner benagelten Schuhe. Ich erkenne dein brennendes Herz, du Hüterin ohne Makel: die Lampe, die zu Ende flackt wie diese meine Träumerei. Da ich an dich denke, schwingt meine Seele sich auf, und ich möchte Hosianna! rufen und mich vor deine Knie hinwerfen, auf deine Schwelle, du Bewahrerin der Dinge, die mir die Vorsehung bescheert hat. Mit gekreuzten Armen verharrest du über der Straße, auf der die Bettler dahinziehen, wenn die Stunde gekommen ist, in der das Aveläuten in verzweiflungsvoller Liebe zittert und gleich Weihrauchfässern die elendsten Hütten aus der Finsternis ihren Rauch emporschicken zu den Füßen Gottes.

BETRACHTUNGEN ÜBER EINEN TAUTROPFEN

Das anbetungswürdige alte Fräulein starb in einem kleinen Schlößchen, das einst Jean Jaques Rousseau gefallen hat. Ein Wildbach schauerte an den Grundmauern des Türmchens vorbei, das überblüht war von gelben Rosen, und der nahe Teich einer verlassenen Mühle machte die Gegend mit ihren schattigen Baumgruppen vollends poetisch. Reiche Äcker dehnten sich da und dort. Einst, als der Tag zu Ende ging, sah ich an der Ecke eines Feldes auf dem Marksteine einen alten Mann sitzen. Er stützte sich auf einen Stock mit einem Schnabelgriffe. Von seinem Platze aus überwachte er gemach die Erntearbeit. Ich wünsche mir sehnlich dieses Alter herbei, in dem die stillen Blicke nur mehr nahe trauliche Dinge vor sich haben. Vielleicht wird das Gewesene dann zur Gegenwart? Dieser friedliche Greis, der mich eines anderen Greises gedenken ließ, jener edlen Gestalt aus »Paul und Virginie«, rief sich vielleicht, da er die schönen Schnitterinnen betrachtete, die Zeit wieder empor, in der noch die Bücher seiner Jugend über ihn Gewalt gehabt hatten ... Vielleicht erschien ihm Ruth, mit Kornblumen und Ähren bekränzt, oder die myrthenduftende Chloe, wie sie ihren Ziegen Salz reicht.

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Lange, bevor ich die Heiterkeit des Tages, der hier über dem Patriarchen zu Ende ging, erlebte, war das alte Fräulein gestorben. Sie hatte hier ihre ganze Jugendzeit verbracht, und sie wohnte auch später fast immer hier. Denn ihr oblag, nachdem sie Waise geworden war, die ganze Sorge um ihre wahnsinnige Schwester. Nur ein paarmal war sie fortgewesen: als sie einige Jahre hintereinander eine Zeit in Paris verbrachte. Wenn ich an sie denke, wie ich sie als Achtzigjährige gekannt habe, mit ihren schneeweißen Scheiteln, die stets mit Parmaveilchen geschmückt waren, der großen Nase, dem spitzen aufwärtsgebogenen Kinn und den feurigen Augen, wird es mir nicht allzu schwer, mir vorzustellen, wie sie als Achtzehnjährige gewesen sein mag: Da sehe ich sie mit einem biegsamen großen, mit Feldblumen geschmückten Hute, in einem Mousselinkleide, das sich in ihren Knicksen bauscht, und mit einem Gürtel aus einer kolibrifarbenen Schleife.

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In diesem Schlosse nun habe ich in den letzten Tagen langsam und voll Zärtlichkeit das Album durchgeblättert, darein das Fräulein Sophie F. von B. seine Herzensdinge geschrieben hat, und ein unsagbares Heimweh nach der Vergangenheit überkam mich.

Während sie in Paris lebte, das muß um 1840 gewesen sein, nahm sie Botanikunterricht im Jardin des Plantes. O, von wie viel Liebreiz umgeben sie mir jetzt erscheint! Wer weiß, wie schönheitsentflammt die Seele dieses jungen Provinzmädchens war, das hier nun die strahlenden Farben und den Duftatem irgendwelcher neuer Blütendolden, die vielleicht Laurent de Jussien eben erst von wilden Inseln gebracht hatte, genoß! Ich glaube dieses Mädchen der alten Zeit vor mir zu sehen, wie es sich in einer Allee des Botanischen Gartens auf die Spitze seiner fliederfarbigen Schuhe erhebt, um das Innere einer zottigen Blumenglocke zu erforschen.

Diesem Album, in das sie sorgsam wunderbare Sträußchen gezeichnet und gemalt hat, hat sie ihr Herz anvertraut. Ich nenne ihre Malereien wunderbar, aber ich will damit gewiß nicht sagen, daß sie etwa das Genie besessen habe, in der Wiedergabe der Blumenkronen auch das Geheimnis der Säfte mitzugestalten; ich will vielmehr damit ausdrücken, daß diese Rokokomalereien, fern von jeder künstlerischen Absicht, die Spuren einer hohen und reinen Seele tragen, und daß kein noch so berühmtes Kunstwerk mich mehr ergreifen wird als sie.

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Man müßte sich einzeln jeden der Tage wieder emporrufen, in deren Kelch diese zarte und zage Seele ein wenig von ihrer Ewigkeit geträufelt hat. Was man auch von ihrem Verlobten redet und geredet haben mag, ich glaube, daß sie nur aus Opferwilligkeit für ihre früher erwähnte Schwester von ihm nichts wissen wollte. Das hat sie den glühenden Blumen, die sie malte, gebeichtet. Das sagen die schwellenden Rosen, die emportaumeln wollen aus ihren Kelchen wie die Herzen der erwachenden Mädchen in den Verzückungen der Maiabende. Von ihren Rosen hat eine besonders und schmerzlich zu mir gesprochen. Die hat sie sicherlich an einem leuchtenden Morgen gemalt, da sie Gott um Gnade gebeten hatte. Kein Wort vermöchte die leidenschaftliche Reinheit dieser Blumenblätter wiederzugeben, aus denen langsam eine Tauträne rollt. O, wie habe ich diese Träne verstanden!

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