Das Paradies: Geschichten und Betrachtungen

Part 1

Chapter 13,850 wordsPublic domain

Das Paradies

Geschichten und Betrachtungen von Francis Jammes

Kurt Wolff Verlag / Leipzig

Bücherei »_Der jüngste Tag_«, Bd. 58/59

Gedruckt bei E. Haberland, Leipzig

Berechtigte Übertragung von E. A. Rheinhardt

DAS PARADIES

Der Dichter sah seine Freunde an, die Anverwandten, den Priester, den Arzt und den kleinen Hund, alle, die in seinem Zimmer versammelt waren -- und starb. Auf ein Stück Papier wurde sein Name geschrieben und sein Alter: er war achtzehn Jahre alt.

Da ihn die Freunde und Anverwandten auf die Stirne küßten, fühlten sie, daß er kalt geworden war. Er aber empfand ihre Lippen nicht mehr, denn er war im Himmel. Und nun fragte er sich auch nicht mehr, wie er es auf Erden immer getan hatte, wie denn dieser Himmel eigentlich sei. Da er darinnen war, verlangte es ihn nach nichts anderem mehr. Seine Eltern, die vielleicht (wer weiß das?) vor ihm gestorben waren, kamen ihm entgegen. Sie weinten nicht, und auch er weinte nicht, denn sie hatten, alle drei, einander niemals verlassen.

Seine Mutter sagte ihm: »Geh, kühl den Wein ein! Wir werden dann gleich in der Laube des Paradiesgartens mit dem lieben Gott zum Mittagessen gehn.«

Sein Vater sagte ihm: »Geh dort unten Obst pflücken! Hier gibt es keine giftigen Früchte. Und die Bäume reichen dir gern ihre Früchte. Ihre Blätter und Zweige leiden nicht unter deinem Pflücken, denn sie sind unerschöpflich.«

Der Dichter wurde von Freude erfüllt, da er nun wieder seinen Eltern gehorchen konnte. Als er aus dem Obstgarten zurückkam und die Weinkrüge in das Wasser gestellt hatte, erblickte er seine alte Hündin, die vor ihm gestorben war. Zärtlich schweifwedelnd lief sie herbei und leckte ihm die Hände und er streichelte sie. Und mit ihr waren alle Tiere da, die ihm auf Erden die liebsten gewesen waren: ein kleiner rothaariger Kater, zwei junge graue Kater, zwei schneeweiße Kätzchen, ein Gimpel und zwei Goldfische.

Er sah den Tisch gedeckt und an ihm sitzend den lieben Gott, den Vater und die Mutter und neben ihnen ein schönes junges Mädchen, das er unten auf der Erde liebgehabt hatte, und das ihm in den Himmel gefolgt war, obwohl es nicht gestorben war. Und nun erkannte er mit einem Male, daß der Paradiesgarten der Garten seines irdischen Vaterhauses sei, in dem wie ehdem und immer die Lilien und Granatbäume blühten und der Kohl wuchs.

Der liebe Gott hatte seinen Stock und seinen Hut auf den Boden gelegt. Er war angetan wie die Armen der großen Landstraßen, die einen Wecken Brotes in ihrem Quersacke tragen und die die Obrigkeit an den Eingängen der Städte anhalten und ins Gefängnis werfen läßt, weil sie nichts haben, was für sie bürgt. Seine Haare und sein Bart waren weiß wie das große Licht des Tages und seine Augen tief und dunkel wie die Nacht.

Er sprach -- und seine Stimme war sanft --: »Die Engel sollen kommen und uns bedienen, denn es ist ihr Glück, zu dienen.« Da kamen auch schon auf allen Wegen des himmlischen Gartens die Heerscharen herangeeilt. Und das waren die treuen Dienstboten, die im irdischen Leben den Dichter und seine Familie geliebt hatten. Da kam nun der alte Johann, der ertrunken war, als er einen kleinen Jungen retten wollte, die alte Marie, die an einem Sonnenstiche gestorben war, da war der humpelnde Peter, Johanna war da und noch eine andere Johanna. Und der Dichter erhob sich von seinem Sitze, um ihnen die Ehre zu erweisen, und er sprach zu ihnen: »Setzt euch auf meinen Platz, denn ihr müßt neben Gott sitzen.« Gott lächelte, da er ihre Antwort schon wußte, noch ehe sie geredet hatten. Sie aber sagten: »Unser Glück ist, zu dienen. Und so sind wir bei Gott. Dienst du selber nicht auch deinem Vater und deiner Mutter? Und dienen sie wiederum nicht IHM, der uns dient?«

Mit einem Male sah er nun den Tisch anwachsen und neue Gäste sich daran niederlassen. Das waren Vater und Mutter seines Vaters und seiner Mutter und die Geschlechter alle, die ihnen vorangegangen waren.

Es wurde Abend. Die Ältesten schliefen ein. Der Dichter und seine Freundin hatten einander lieb. Und Gott, den sie empfangen hatten, ging seiner Wege, gleich jenen Armen der großen Landstraßen, die einen Wecken Brotes in ihrem Quersacke tragen und die die Obrigkeit an den Eingängen der großen Städte anhalten und ins Gefängnis werfen läßt, weil sie nichts haben, das für sie bürgt.

DAS PARADIES DER TIERE

Ein armes altes Pferd stand mit seinem Wagen träumend vor der Tür eines elenden Wirtshauses, in dem Weiber kreischten und Männer gröhlten. Es regnete, Mitternacht war nahe. Das arme dürre Pferd wartete nun hier todtraurig mit herabgesunkenem Kopfe und schwachen Beinen, daß ihm das Vergnügen der wüsten Menschen da drinnen endlich erlauben möchte, in seinen elenden stinkenden Stall zurückzukommen. Schreiende Zoten von Männern und Weibern klangen ihm in seinen halben Schlaf. Mit Mühe hatte es sich in der langen Zeit daran gewöhnt und verstand nun mit seinem armen Hirn, daß der Schrei der Dirnen nichts Bedeutsameres sei als der ewig gleiche Lärm des Rades, das sich dreht.

Diese Nacht nun träumte ihm verschwommen von einem kleinen Füllen, das es einmal gewesen war, von einer Wiese, auf der es, noch ganz rosig, seine Sprünge gemacht hatte, und von seiner Mutter, die ihm zu trinken gegeben hatte. Da stürzte das alte Pferd plötzlich tot hin auf das schmutzige Pflaster.

Das Pferd kam an das Tor des Himmels. Ein großer Weiser stand davor und wartete, daß Sankt Petrus käme und ihm öffne. Er sagte zu dem Pferde: »Was willst du denn hier? Du hast kein Recht, in den Himmel zu kommen. Ich habe das Recht, denn ich bin von einer Frau geboren worden.« Das alte Pferd erwiderte ihm: »Meine Mutter war eine liebe Stute. Sie war alt und ausgesogen von den Blutsaugern, als sie starb. Ich komme jetzt, um den lieben Gott zu fragen, ob sie hier ist.« Da öffnete das Tor des Himmels seine beiden Flügel den Einlaßheischenden und das Paradies der Tiere lag vor ihnen. Das alte Pferd erkannte sogleich seine Mutter, und auch diese erkannte es, und sie begrüßten einander wiehernd. Da sie nun beide auf der großen himmlischen Wiese standen, hatte das Pferd eine große Freude, denn es erblickte alle seine Gefährten aus dem einstigen Elend wieder und es sah, daß sie für immer glücklich waren. Alle waren da: die, die ausgleitend und stolpernd einst auf dem Pflaster der Städte Steine geschleppt hatten und lahmgeschlagen vor den Lastwagen zusammengebrochen waren. Die waren da, die mit verbundenen Augen zehn Stunden im Tage im Karussell die Holzpferde gedreht hatten, und die Stuten, die bei den Stierkämpfen an den jungen Mädchen vorbeigerast waren, die rosig vor Freude sahen, wie die Leidenskreaturen ihre Eingeweide durch den glühenden Sand der Arena schleiften. Und viele, viele andere noch waren da. Und alle gingen nun in Ewigkeit über das große Gefilde der göttlichen Stille.

Alle Tiere waren glücklich. Zierlich und geheimnisvoll. Selbst dem lieben Gott, der ihnen lächelnd zusah, ungehorsam, spielten die Katzen mit einem Knäuel Bindfaden, den sie mit leichter Pfote weiterrollten, voll des Gefühles geheimer Wichtigkeit, die sie nicht mitteilen wollten. Die Hündinnen, die guten Mütter, verbrachten ihre Zeit damit, ihre winzigen Jungen zu säugen. Die Fische schwammen ohne Angst vor dem Fischer dahin. Der Vogel flog, ohne den Jäger zu fürchten. Und so war alles. Und nicht einen Menschen gab es in diesem Paradiese.

DIE GÜTE DES LIEBEN GOTTES

Sie war ein hübsches und zartes kleines Geschöpf und arbeitete in einem Laden. Sie war nicht sehr klug, wenn man das so sagen will, aber sie hatte dunkle Augen voll Sanftheit, die einen ein bißchen traurig anschauten und sich dann gleich senkten. Viel Zärtlichkeit war in ihr und jene schlichte Alltäglichkeit, die nur die Dichter verstehn können, und die einzig das Reinsein von allem Hasse mit sich bringt.

Sie sah so einfach aus wie das bescheidene Zimmer, darin sie mit ihrer kleinen Katze, die ihr jemand geschenkt hatte, wohnte. Jeden Morgen, bevor sie zu ihrer Arbeit ging, ließ sie ein Näpfchen Milch für die Katze zurück. Diese hatte ebenso wie ihre Herrin gute, traurige Augen. Sie wärmte sich in der Sonne auf dem Fensterbrette, auf dem ein Basiliumstöckchen stand, oder sie leckte sich ihre kleinen Pfoten wie einen Pinsel glatt und kraute sich die kurzen Kopfhaare, oder sie hielt eine Maus vor sich fest.

Eines Tages waren Katze und Herrin schwanger, die eine von einem schönen Herrn, der sie verlassen hatte, die andere von einem schönen Kater, der sich nicht mehr sehen ließ. Der Unterschied war nur, daß das arme Mädchen krank und kränker wurde und schluchzend seine Zeit hinbrachte, während die Katze sich in der Sonne mit allerlei fröhlichen Drehungen und Wendungen vergnügte und ihr weißer, spaßhaft aufgetriebener Bauch schimmerte. Die Katze hatte ihre Liebeszeit nach der des Mädchens gehabt, was die Dinge so gestaltete, daß beide um den gleichen Zeitpunkt ihre Niederkunft zu erwarten hatten.

Die kleine Arbeiterin erhielt nun in diesen Tagen einen Brief von dem schönen Herrn, der sie verlassen hatte. Er sandte ihr fünfundzwanzig Franken und erzählte ihr dazu, wie herrlich großmütig er sei. Sie kaufte ein Kohlenbecken, Kohlen, für einen Sou Zündhölzer -- und tötete sich.

Als sie im Himmel ankam, in den einzutreten sie erst ein junger Priester hatte hindern wollen, zitterte das hübsche zarte kleine Geschöpf zuerst in dem Gedanken, daß sie schwanger sei und Gott sie verdammen könne. Aber der liebe Gott sprach zu ihr: »Meine Freundin, ich habe dir ein hübsches Zimmer vorbereitet. Geh hin und bring darin dein Kindlein zur himmlischen Welt! Hier im Himmel geht alles gut vorüber, und du wirst nicht mehr sterben müssen. Ich liebe die Kinder -- lasset sie zu mir kommen!«

Als sie das Zimmerchen betrat, das sie im Hause der himmlischen Güte erwartete, sah sie, daß ihr der liebe Gott eine Überraschung bereitet hatte.

Er hatte ihr in einem schönen Körbchen die Katze, die sie liebte, dahin bringen lassen. Und auf dem Fensterbrette stand ein Basiliumstöckchen. Sie ging zu Bett. Und sie bekam ein schönes blondes kleines Mädchen und die Katze bekam vier schöne schwarze köstliche kleine Kater.

DER WEG DES LEBENS

Ein Dichter setzte sich eines Tages an seinen Tisch, um eine Geschichte zu schreiben. Aber es wollte ihm kein einziger Einfall kommen. Dennoch war ihm fröhlich zumute, denn die Sonne überglänzte den Geraniumstock auf seinem Fensterbrette und inmitten des offenen blauen Fensters flog surrend eine Fliege auf und nieder. Und da sah er mit einem Male sein Leben vor sich. Es war eine weite weiße Straße, die, ausgehend von einem dunklen Haine, darin die Wasser murmelten, bis an einen kleinen stillen Grabhügel führte, den Dornsträucher, Nesseln und Seifwurz überwucherten. In dem dunklen Wäldchen erblickte er den Schutzengel seiner Kindheit. Der hatte goldene Flügel wie eine Wespe, blondes Haar und ein Antlitz so still wie das Wasser eines Brunnens an einem Sommertage.

Der Schutzengel sprach zu dem Dichter: »Erinnerst du dich der Zeit, da du noch klein warst? Du kamst mit deinem Vater und deiner Mutter, die hier angeln wollten, hierher. Die Wiese da war heiß, viele Blumen gab es und Heuschrecken. Weißt du noch, daß die Heuschrecken aussahen wie abgebrochene Halme, die sich bewegten? Mein Freund, willst du den Ort wiedersehen?« Der Dichter sagte: »Ja.« Und sie gelangten zusammen an das blaue Ufer, darüber blau der Himmel und schwarz die Haselnußsträucher hingen. »Sieh deine Kindheit!« sprach der Engel. Der Dichter sah auf das Wasser nieder, weinte und sagte: »Ich sehe nicht mehr die sanften Gesichter meiner Mutter und meines Vaters sich hier spiegeln. Hier haben sie sich immer ans Ufer gesetzt. O, sie waren still, gütig und glücklich! Ich trug eine weiße Schürze, die ich immer schmutzig machte und die mir die Mutter dann mit dem Taschentuche sauber rieb. Lieber Engel, sag mir, wo sind die Spiegelbilder ihrer sanften Gesichter? Ich sehe sie nicht mehr, ich sehe sie nicht mehr!« In diesem Augenblicke löste sich ein schönes Sträußchen Haselnüsse von einem der Sträucher, schwamm und wurde von der Strömung davongetragen. Da sprach der Engel zu dem Dichter: »Das Spiegelbild deines Vaters und deiner Mutter ist von der Strömung des Wassers davongetragen worden wie dieses Sträußchen Früchte. Denn alles geht dahin, die Dinge und die Erscheinungen. Das Bildnis deiner Eltern ist im Wasser vergangen, und was davon übrig blieb, heißt Erinnerung. Besinne dich und bete, und du wirst die geliebten Bilder wiederfinden!« Als in diesem Augenblicke ein azurblauer Eisvogel über das Schilf dahinflog, schrie der Dichter auf: »O Engel, sehe ich nicht in den blauen Flügeln dieses Vogels die Augen meiner Mutter wieder!« Und das himmlische Wesen sagte: »So ist es. Doch sieh weiter!« Und aus dem Wipfel eines Baumes, auf dem eine Turteltaube ihr Nest gebaut hatte, flatterte eine Feder leicht und weiß, sich drehend, zur Erde nieder. Und der Dichter schrie auf: »Ist dieser weiße Flaum nicht die reine Sanftheit meiner Mutter?« Und das himmlische Wesen sagte: »So ist es!« Ein leichter Hauch kräuselte das Wasser und rauschte durch das Laub. Und der Dichter fragte: »Höre ich nicht die milde und dunkle Stimme meines Vaters?« Und das himmlische Wesen sagte: »So ist es!«

Sie gingen zusammen weiter auf dem Wege, der aus dem Wäldchen kam und das Ufer entlang führte. Mit einem Male wurde unter der Sonne die weite Straße blendend weiß. Sie war nun wie das Linnen auf dem heiligen Abendmahlstische. Und zur Rechten und zur Linken klangen verborgene Wasser wie heilige Glocken. Da fragte der Engel: »Kennst du diese Stelle deines Lebens?« »Hier ist«, sagte der Dichter, »der Tag meiner ersten Kommunion. Ich denke an die Kirche, an die glücklichen Gesichter meiner Mutter und meiner Großmutter. O, ich war traurig und glücklich zugleich. Wie glühend habe ich mich hingekniet! Schauer liefen mir über die Haut des Kopfes. Abends beim Familienmahle küßten sie mich und sagten: Du warst der Schönste!« In dieser Erinnerung verging der Dichter aufschluchzend. Und also weinend war er schön wie am Tage der heiligen Feier, und seine Tränen fielen auf seine Hände wie Weihwasser. Und sie gingen zusammen die Straße weiter.

Der Tag neigte sich schon. Die hohen Pappeln am Straßenrande bogen sich sacht. Eine von ihnen, die ferne inmitten einer Wiese stand, glich einem großen jungen Mädchen. Und der Himmel war nun so wunderbar in Blässe und Blau getönt, daß er aussah wie die Schläfe einer Jungfrau. Der Dichter gedachte der ersten Frau, die er geliebt hatte. Und der Schutzengel sprach zu ihm: »Diese Liebe war so rein und so voll der Schmerzen, daß sie mich nicht betrübt.« Indes sie nun weiterschritten, wuchs sanfter Schatten um sie und eine Herde Lämmer zog an ihnen vorbei. Da das himmlische Wesen das Leiden des Dichters sah, hatte es ein Lächeln auf seinem Antlitze, schwer und süß wie das Lächeln einer kranken Mutter. Und seine goldenen Flügel verwehten den schauernden Hauch von Abend.

Bald entzündeten sich die Sterne hoch oben im Schweigen. Da glich der Himmel dem Totenbette eines Vaters, umgeben von Kerzen und stummer Klage. Und die Nacht war wie eine große Witwe, die auf der Erde kniet. »Erkennst du das?« fragte der Engel. Der Dichter redete nicht und kniete nieder.

Endlich gelangten sie dahin, wo die Straße bei dem kleinen Grabhügel, den Dornsträucher, Nesseln und Seifwurz überwucherten, zu Ende ging. Und der Engel sprach zu dem Dichter: »Ich wollte dir deinen Weg zeigen: hier ist der Ort, an dem du ruhen wirst, hier, nicht ferne den Wassern. Sie werden dir Tag um Tag das Bild deiner Erinnerungen bringen, das azurne Blau des Eisvogels, das den Augen deiner Mutter gleicht, den weißen Flaum der Turteltaube, der sanft ist wie sie, das Rauschen des Laubes, das wie die milde und dunkle Stimme deines Vaters ist, das Leuchten der Straße, weiß wie deine erste Kommunion, und die pappelschlanke Gestalt der ersten Frau, die du geliebt hast. Und endlich werden dir die Wasser die große leuchtende Nacht bringen.«

DIE KLEINE NEGERIN

Manchmal haftet mein Gedanke an dem Vergilben der alten Seekarten und ich höre das Brausen der Monsune im Fieber meines Hirns. Aber wie? Muß ich denn, um für dieses Leben etwas übrig zu haben, auch jenes heraufholen, das ich vielleicht vor meiner Geburt zwischen zweien schwarzen Sonnen geführt habe? Die ungewisse Landschaft rollte Sterne dahin in das zerrissene Stöhnen eines Ozeans ...

Jemand kratzte an meiner Tür. Ich rief: »Herein!« Es war eine junge Negerin in einem blauen Überwurfe, der bis zur Hälfte der Schenkel reichte. Sie setzte sich auf den Boden und streckte ihre gefalteten Hände gegen mich; und ich sah, daß auf ihren nackten Armen Peitschenstriemen waren. »Wer hat dir das getan?« fragte ich sie. Sie antwortete nicht und zitterte an allen Gliedern. Sie verstand mich nicht und fragte sich vielleicht, ob auch ich sie mißhandeln wolle.

Ganz sachte schob ich ihr Kleid zur Seite und sah, daß auch ihr Rücken wund war. Ich wusch sie. Aber sie flüchtete, entsetzt von dieser Güte, unter den Tisch meiner Hütte. Ich hatte Tränen in den Augen. Ich versuchte, sie zu rufen. Aber ihre Blicke, wie die einer geschlagenen Hündin, flohen mich. Ich hatte da ein paar Kartoffeln und ein wenig Butter. Ich zerdrückte sie mit einem Holzlöffel in einem Napfe, machte eine Brühe davon und stellte sie in einiger Entfernung von der Hingekauerten auf den Boden hin. Dann zündete ich meine Pfeife an. Aber wie groß war mein Erstaunen, als sie plötzlich auf allen Vieren zu einer Ecke der Stube kroch, wo ich ein paar Blumen liegen gelassen hatte. Sie richtete sich jäh auf und griff mit einer lebhaften Bewegung danach.

Seit jenem Abenteuer mochten etwa hundertfünfzig Jahre vergangen sein, als ich ihr von neuem begegnete. Ich wenigstens war davon überzeugt, daß sie es war. Es war im peruanischen Speisehause in Bordeaux. Sie wischte hier an dem Glase eines mürrischen Studenten, der gefunden hatte, es sei nicht sauber genug.

RONSARD

Meine Mutter hat ein altes Glas bekommen, ein Glas, wie das gewesen sein muß, aus dem Ronsard dem Jean Brinon einen Trunk geboten hat. Wie mag Ronsard gewesen sein? Sicherlich hat er ein Gewand aus Hermelin getragen. Und während die großen Regen der alten Zeiten die Haselnußsträucher am Loir peitschten, saß er mit einem dicken alten Folianten in der Kaminecke seines Schlosses. Es muß ein Sonntagnachmittag um drei Uhr gewesen sein. Ein Frosch quakte in seiner Lache, in die die Lanzen des Regens splitterndes Licht spritzten. Marie oder Genoveva oder eine andere betrat das Gemach und setzte sich zu ihm. Und er legte, ohne das Buch zu schließen, sanft seine freie Hand auf das Knie der Geliebten. Und er lächelte. Er dachte an Odysseus, der über die grauen Meere irrt, an Helena, an das Urteil des Paris, an Troja und an die Bogenschützen, die nackt und helmtragend an der Mauerbrüstung knien und den Bogen auf antikische Art spannen.

Wenn die Wasser der Pyrenäenbäche meinen Namen in die Nachwelt tragen wie die Wasser der Vendôme den des Ronsard, wenn je ein Jüngling, dem das Herz schwer und beklommen ist vom Dufte der Nelken, die ein Schulmädel an der Brust trägt, sich fragen sollte, wie ich gewesen sein mag, möge er sich antworten: »An diesem regengrauen Allerheiligentage hatte Francis Jammes sein Herz gar nicht schwer und beklommen vom Dufte der Nelken, die ein Schulmädchen an der Brust trägt. (Übrigens gibt es ja im Herbste keine Nelken!) Er rauchte vielmehr seine Pfeife und pflanzte Sauerklee in einen Blumentopf, um den Schlaf der Pflanzen zu studieren.« An der einen Wand seines Zimmers hing ein Epinaler Bilderbogen, der das »einzige wahrhaftige Bild des ewigen Juden« darstellte. Er zeigte den ewigen Juden mit einem wunderlichen Hute, einem Mantel, in blauen Pantoffeln, und einem roten Gewande, wie ihm gerade Brabanter Bürger einen Krug schäumenden Bieres reichen. Das Wirtshaus darauf ist wirklich poetisch; Reben ranken daran empor und große Rosen beugen sich zum Erdboden nieder -- -- wie die Armen, die Bettellieder singen und sich zur Erde beugen. Und das alles ist im Lichte des Abendrotes gegen Ende des friedlichen Sommers dargestellt.

An diesem Tage nun warf Francis Jammes einen kurzen Blick auf seinen Ruhm. Dieser ganze Ruhm lag auf seinem Tische und bestand in dem Umschlag eines Briefes, den ihm ein Mönch aus Deutschland geschrieben hatte, aus dem Briefe eines ihm unbekannten Holländers, der Walch hieß, und dem Briefe eines jungen Mädchens. Francis Jammes lächelte. Dann klopfte er an seinem Finger die Asche aus der Pfeife -- -- -- und war entschlossen, den Toten Ehre zu erweisen.

ROBINSON CRUSOE

Ich setze diese Verse hierher; sie sind aus einem Gedichte, das ich in Holland geschrieben habe:

Robinson Crusoe hat (so glaub ich), da er heimfuhr Von seinem grünen schattigen Eiland, das Voll frischer Kokosnüsse war, auch Amsterdam berührt. Wie hat es ihn gepackt, als er die ungeheuren Tore mit ihren wuchtigen Klopfern schimmern sah! Stand er voll Neugier hier vor den Gewölben, In denen Schreiber über Rechnungsbüchern saßen? Mußte er weinen, da sein lieber Papagei Ihm einfiel und der plumpe Sonnenschirm, Der Schutz war auf dem milden traurigen Eiland?

»Gepriesen seist du, ewiger Gott!« so rief er, Als er die tulpenübermalten Truhen sah. Allein sein Herz, betrübt in Heimkehrfreude, Sehnte sich nach dem Lama, das allein im Weinberg Des Eilandes zurückgeblieben, das vielleicht gestorben war.

Was aus den Worten und Bildern dieses Buches seit der Kindheit am lebendigsten vor mir steht, das ist nicht die Schönheit der Weinreben, die so tiefen Schatten gaben, noch ist es der Fisch, den er mit einer Schnur und einem Haken daran gefangen hat, nicht die einsame Kokospalme in der blauen Glut des Morgens ist es, noch auch sind es die rosigen und purpurnen Flecken der Meeresküste bei Ebbe, voll des Seegetiers, nicht das gebratene Zicklein, das er mit Salz aus einer Felsmulde gesalzen hat, ist es, was mich so ganz ergriffen hat; auch die Eier der schläfrigen Schildkröten sind es nicht. Noch ist es die Fieberkrankheit, die der Trunk Wassers, darein er Rum getan hatte, allmählich gelindert hat, weder der Papagei ist es, noch die Freundschaft mit dem Hund und der Katze, nicht der verzweifelte Glanz der Sonne, die er auf den Kompaß gemalt hatte, und nicht die Quelle süßen Wassers ist es, es sind auch nicht die Speisen, die er sich so kunstlos bereitet hat (obwohl ich mich gerade ihrer vielleicht am häufigsten erinnert habe!), all das hat mich nicht so erschüttert wie Robinson Crusoes Alter.

Immer wieder muß ich an die Zeit seines Lebens denken, da er wieder in der Menge verschwunden war und dann, zweiundsiebzig Jahre alt geworden, einsamer ist, als er es je zuvor war. In einem Gewande aus blumendurchwirktem Sammet saß er in seinem düsteren kleinen Gemache in London, das eine unendliche Güte gleich dem matten Licht in Sturmwettern erfüllte, und wußte nichts mehr zu erwarten als den Frieden des Todes.

Ich grüße dich, mein Bruder Crusoe! Auch mich haben die Orkane des Lebens auf eine wüste Insel geworfen; und nun, wohin immer ich schaue, gewahre ich nichts mehr als das betäubende und eintönige Wasser. Zuweilen trägt es mir treibende Trümmer zu, die ich dann einen Augenblick lang schweigend betrachte. Bald aber ergreift mich mein Träumen wieder, das nun seinen Frieden gemacht hat mit dem großen Dröhnen des unendlichen Meeres, und manchmal schon findet sich ein Lächeln in mein Gesicht. Wie der Zyklon still wird!

O mögen in meinem Alter Gottes Palmen mein Herz wie die friedliche Weinlaube deines Eilandes überschatten!

DAS GRABMAL DES DICHTERS