Das österreichische Antlitz: Essays

Part 9

Chapter 93,516 wordsPublic domain

Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten weitesten Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein seltsamer und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das alte Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen wohnen, wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von Gotthard Kuehl gleichen werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach geradeso schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, und ebenso vom Zauber einer wunderbaren, wehmütig lieblichen Stimmung übergossen, wie die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.

Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet. Verwachsene Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses, der eine Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges Auge aus dem verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen und Männer hier in der Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt.

Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung. Weiter unten steht auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm mit kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen sich gegen alle Zufälle vorgesehen haben. Denn es war eben doch nicht ganz gemütlich hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, und die »Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als jetzt. Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe sündige Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen, und natürlich gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten Turm spuke.

Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher. Kreuzgänge, in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte auf den Steinfliesen hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an den Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden ist. Schlafsaal -- Krankensaal -- liest man jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, und hat einen prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und links zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen. Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause einst gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der Friedrich im Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn aus der Wildnis führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete den schönen jungen Herzog. Und der »bonus dux« wie die Grabschrift ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat er in dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten Marmorstein, der heute noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den Mönchen hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz.

Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so führte man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff als Kapelle bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle übereinander den Raum einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie im Himmel selbst, denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in die Kirche herunter, können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die Messe hören, und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die prächtige Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen hier unversehrt geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in Armenstuben selten und sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die Kirchendecke stößt, schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel zum Zimmer herein, der halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und Armen voran in die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.

Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen, dessen Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche Prachtgemächer erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel verbrauchtes Leben, vollendetes Schicksal, überstandene Sorge, wie viel Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, wie viel endgültiges, demütigendes Verzichten, wie viel Abschiedsschmerz atmet hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr Stündlein zu warten!

Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken den Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot selbsttäuschender Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.

Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und Tritt. Wie die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen in beständiger Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und verschüchtert, andere wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht egoistisch und zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein Greis über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und raucht lächelnd sein Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe. Sofort finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert, daß die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt, kümmert sich nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit gibt, auch nicht anders.

Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl erst, wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man da alles hört ...« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr aufmerksam lauscht. »Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten, weil der Meyer ihr zurückg'sagt hat ...« Und ihr vergilbtes, kraftloses Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten zu berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem Platz unter der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt. Da glaubt man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles Geschehen stille. Und auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!« In Mauerbach ...

DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH

Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm der Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes, der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei den letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge. Da öffnet sich das Land, da wird der Himmel weit; von ferne schimmern die Höhen des Wienerwaldes und durch die Luft weht der Atem des Mai. Seitab der Straße, jenseits der Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu uns herauf. Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut der Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das stille, noble Hietzing. Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia, Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann noch eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig. Nun sind wir den Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt, weißblinkend das Dorf Rodaun.

Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen, Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater oder vor dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist nichts als ein altes Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche altmodische Stuben, allerlei neuer Zubau an Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt. Dreißig Wirtschaften gibt es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen sind als diese hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt kein Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim Stelzer zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen. Alle sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee, sitzen dann im oberen Garten und soupieren.

Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und Tanten umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade, ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln, fünfzehnjährige, sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne Litzen am Kragen, österreichische Offizierskappen. Brave, saubere Gesichter, die manchmal die Züge bekannter Familien tragen. Der Kleine da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein Auersperg sein, der hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben werden nebenan in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so offiziell und so österreichisch aussehen.

Kalksburg ... in dieser Küche wird der österreichische Geist zubereitet, wird gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In die Jesuitenschule gehen alle, die geboren sind, dieses Land zu regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst des Lavierens, innerliches Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam, Andacht, Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele andere Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei uns sogleich begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier wuchsen die Gegner Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber, Botschafter und Statthalter Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen sie ihren Weg.

Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die Reaktion verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern unser Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen trieb und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird das pfaffenbeherrschte, christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom und seine Kirche gerüstet.

Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt. Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen Gefrorenes und haben liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen wohlwollend dabei, schauen zu, wie es den Kindern schmeckt, und denken der eigenen Jugend: Kalksburg, die Jesuitenschule, die Uniform und die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden aufwachsen, werden dann zur Universität oder auf die Orientalische Akademie gehen, oder sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen. Dann werden sie mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel, oder mit einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden irgendeiner Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in Peking, sie werden in die Statthalterei eintreten, bei irgendeiner Bezirkshauptmannschaft in der Provinz, oder sie werden in einem Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf Urlaub nach Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im Wonnemond, vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen. Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten in die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in den Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung vom Studium. Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und Leibgardekapitäns, und wenn man an linden Frühsommerabenden unter freiem Himmel »nachtmahlen« will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren, dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist konservativ und treu. Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg und seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und Exzellenzen und Statthalter und Gouverneure, halten die Schnüre der großen Politik in der Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit fremden Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem Börsenbaron; Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz, in der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden wird, den harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein zufälliger Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem Gartenzelt, wenn's Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen liegt.

In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker. Eine Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen; Gesichter, die heute lebendig und bekannt sind. Auf jedem Bild Unterschrift und Widmung an den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse der Monarchie besprochen worden, diese Wände haben den Klatsch der großen Gesellschaft gehört und das Flüstern galanter, vornehmer Abenteuer.

Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer gebracht. Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten gekommen, mit den Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der großen Bankhäuser; es kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam die prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das Theater, einfach alle.

In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich beisammen. Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Männer, die das Land regiert haben, die es regieren und die es einst regieren werden. Alle zusammen sind sie Schulkameraden von Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des Sechsundsechzigerkrieges, wie in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand noch regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und denkt nicht viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander, ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst.

Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen Saaten zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt über der Stadt wie ein feiner hellgrauer Schleier, aus dem die Turmspitzen in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar und mächtig ruht die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen Horizont, als breite sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das Tal, das wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge schmiegen. Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt geschaut, haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller Kapitel ihrer Geschichte und ihrer Romane.

Und die Pferde traben.

MARIAZELL

Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter den Bergen gewesen sein, bei Maria in Zell. Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn der österreichischen Art und des österreichischen Schicksals trachtet. Dem mag es frommen, wenn er eines Tages den mühsamen Kreuzberg hinaufwandert, wo dann die üppige Kirche weiß auf grünem Hügel vor ihm daliegt, eingebettet im Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm hernach vieles klar. Mariazell ... es ist der Schlüssel zu einer der innersten Kammern des österreichischen Herzens. Besser wird man in der Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird seine Gegenwart leichter entziffern, vielleicht auch in der Zukunft ein wenig lesen können, wenn man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch der Bergwälder erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken, vom Geläute der Glocken, vom Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen wallfahrenden Volkes.

Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt das kleine Jagdschloß des Kaisers mit geschlossenen Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste Jahrhundert, so langsam zu versinken. Und bis man in Mariazell ankommt, liegt es weit, weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die schmale Straße, die mürzaufwärts durch die Felsschlucht sich windet. Man betritt sie auf eigene Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich ab, für die Wanderer und ihre Sicherheit zu haften. Aber die da des Weges ziehen, haben sich in einen höheren Schutz als in den eines k. k. Forstärars begeben, und hoffen auf ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor Steinschlägen bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen wird bestärkt, wenn sie beim »Toten Weib« die Votivtafel sehen, die hier daran erinnert, daß vor Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend, in Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt entronnen ist. Dem heiligen Georg, »equitum patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand heften lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat ein langes Gedicht an den Beschützer der Reiter daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich glaube nicht, daß es erlaubt ist, diese Verse zu kritisieren. Man wird sie wohl nur loben dürfen, weshalb wir denn auch weitergehen wollen.

Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen Dorf die Tafel: »Evangelische Ortsgemeinde.« Dann weiter auf einem sauberen Hause: »Evangelische Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall dies Häuflein Protestanten den Verfolgungen der Gegenreformation und dem Ausgetriebenwerden entging. Und man müßte hier wohl ein wenig länger bleiben, um zu sehen, wie sie auf ihrer winzigen lutherischen Insel hier leben und wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders aber diese zu ihnen.

Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man in Mariazell. Von dem grünen Wiesenhügel, auf dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann man weit in die Runde sehen. Da kommen die weißen Straßen von überall her, von allen Seiten des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern schimmernd hervor, gehen durch die Taltiefe in Windungen immer näher heran, gürten den Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen Wegsamkeit. Überall Pferdegetrappel, Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe, Peitschenknall und Rufen. Besuche kommen, Besuche gehen. Die Sonne sank schon hinter den höchsten Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch das Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen bauschen sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten, wehenden Bändern. Standarten der Frömmigkeit, hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend. Nun sie der Kirche ansichtig werden, beginnen sie zu singen. Langhingezogene, feierliche Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber. Hier draußen im Freien bekommt der Gesang Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen höhere Farben anbläst. Dieser Wallfahrerzug, über den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von der unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend mit seinen Fahnen und Bändern, tönend von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter Duft und Zartheit löst, wird nach und nach mehr, als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das sind die Floridsdorfer ...« sagt ein Kundiger neben mir. Aber in diesem Augenblick ist es Stimme und Gebärde eines ganzen Landes, des Landes, das vor uns sich breitet und das man jenseits all dieser Berge weiß; ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent dieses Bodens. Mögen es nachher immer die Floridsdorfer sein.

Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm dem grüßenden Lied, das die Wallfahrer ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute folgt dann der Einzug. Glockenläuten, Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren, Fahnenrauschen, Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge hier. Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in feierlicher Musik durch die Straßen dieses Ortes. Es ist wie ein beständiges Sommerfest der Frömmigkeit, wie ein Permanenzdienst der Andacht. Eine unaufhörliche Frohfeier schwebt auf dieser Ortschaft, die sich üppig, in reichen, blinkenden Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort, der mit lockenden Buden, mit Gasthöfen, mit gleißenden Kramläden in Blüte steht. An fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber nach Salzburg, an sechzigtausend nach Luzern, -- um die gesuchtesten Städte zu nennen. Nach Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend.

Das Läuten verstummt und das Singen. Betend gehen die Wallfahrer durch das breitgeöffnete Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd, flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die hochgewölbte Kirche, empfängt sie das Marienbild auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem milden, melodischen Donner empfängt sie die Orgel, und hüllt sie völlig ein in die brausende Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat um die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor dem Tisch des Herrn steht; Weihrauch dampft empor und strömt seinen Duft über sie hin. Und wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte Menschen knien auf den steinernen Fliesen, Gesichter, in denen der Fanatismus zu brennen anfängt, Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben steht, Mienen, die in Bewunderung sich lösen, in unbedingter Hingabe, Gesichter, die stumpf sind und verschlossen, verriegelt für alles andere außer für die Überredung dieser Stunde. Und über alle spricht dann der Priester den Segen. Dominus vobiscum!