Das österreichische Antlitz: Essays

Part 8

Chapter 83,605 wordsPublic domain

Daß man bei den erbärmlichsten Possenfiguren, die er darstellt, oft wie von ferne den Atem wirklicher Tragik spürt, daß die Puppen bei ihm gleichsam transparent werden, und der Zuschauer durch sie hindurch in tiefe Menschlichkeiten blickt, daß man immer wieder, wenn man Girardi in einer elenden Schwankrolle begegnet, überzeugt ist, er könne auch klassische Meisterrollen spielen, möchte ich so hoch nicht anschlagen. Was wäre denn auch ein Humor ohne diese dunkeln Untertöne? Was wäre uns ein Komiker ohne diese Durchblicke ins Menschliche? Ich weiß nicht, ob wir über ihn lachen wollten, aber ich bin sicher, daß wir nicht über ihn reden würden. Vielleicht ist der Zug ins Klassische in irgendeiner Epoche Girardis näher und stärker gewesen; vielleicht haben wir da für die Kunst des großen Stiles einen Verlust zu beklagen. Ich glaube nicht sehr daran. Das heißt, ich glaube wohl an die objektive Gabe Girardis, in dieser Kunst ein Hohes zu leisten, aber ich bezweifle sein dauerndes Bedürfnis danach.

Dieses dauernde und leidenschaftliche Bedürfnis, über sich selbst hinweg zu Höherem, und auf höheren Gipfeln wieder zu sich selbst zu gelangen, lebt in Kainz. Ich bezeichne damit keinen Unterschied der Werte, sondern nur die verschiedenen Wege, die Kainz und Girardi gewandelt sind. Beide von demselben Punkt ausgehend, dieser immer durch Wien, allein durch Wien, und auf den allernächsten Straßen immer wieder zum eigenen Ich; jener durch aller Herren Länder. Girardi, indem er alles zum Werkzeug seiner Persönlichkeit macht, alles in den Dienst der angeborenen Art zwingt; Kainz, indem er sich als ein Instrument darbringt und allen Geistern dient, die ihn entzücken.

Es gibt keinen anderen deutschen Schauspieler, der wie Kainz den Romanen so nahe wäre, der Beredsamkeit des romanischen Temperaments, der musikalischen Anmut und der tänzerischen Biegsamkeit. Ich weiß nicht, wo ich diese wunderbare österreichisch-italienische Mischung heute im sichtbaren Leben fände, um sie Ihnen als Beispiel anzubieten, aber ich erinnere Sie an manche Paläste in Wien und in Salzburg, die von italienischen Baumeistern errichtet, und nachher von Canaletto gemalt wurden, und deren Linien in geheimnisvoller Harmonie alles aussprechen, was wienerisch, und zugleich alles, was über das Heimatliche hinaus italisch, südlich und sonnig ist.

Es gibt auch keinen anderen Schauspieler als ihn, der sich zu einem solch vollendeten Instrument der Dichter gebildet hätte. Gebildet an seinem knabenhaft schmalen, in allen Gelenken jugendlich behenden Leib, an seinem schlagfertigen, feinhörigen Geist und an allen seinen Mitteln des Ausdrucks. Keiner ist ein solcher Meister der köstlich bewußten, durchgearbeiteten, der besiegten und zu etwas Unwillkürlichem gewordenen Technik. Es ist mir keiner gegenwärtig wie er, der die Geheimnisse der Technik so ergründet, keiner, der ihre Mühseligkeit so überwunden hätte. Und gewiß besteht das tiefste Wesen der Kunst nur darin, die Geheimnisse der Technik zu entziffern, das edelste Wesen der Kunst darin, die Mühsal des Technischen in Leichtigkeit zu verwandeln, seine Hindernisse in Stützen, seine lastende Schwere in ein Mittel zum Vogelflug. Es ist mir immer wunderlich, wenn ich einen Schriftsteller abfällig Wortkünstler nennen höre, einen Schauspieler Sprechkünstler; denn was soll ein Schriftsteller sein, wenn er nicht ein Künstler am Worte, und was ein Schauspieler, wenn er nicht ein Meister des Sprechens ist? Es erscheint mir immer wunderlich, wenn einer es niederschreibt, dieses oder jenes sei nicht zu schildern, sei nicht auszudrücken, und nicht zu nennen. Denn worin besteht nun sonst in der Welt seine Aufgabe und sein Daseinsrecht wenn er ein Schriftsteller sein will, als eben darin, daß er verpflichtet ist, zu schildern, was sich nicht schildern läßt, verpflichtet, auszudrücken, was dem Ausdruck gerne sich entzieht, verpflichtet, zu nennen, was mit gewöhnlichen Benennungen nicht ergriffen werden kann? Die Gabe, irgend etwas Künstlerisches zu vollbringen, ist doch in uns nicht wie das Wasser im Schoß eines Brunnens, daß man nur den Hahn aufzudrehen braucht, um es immerzu laufen zu lassen. Wie viele aber tun nur eben dieses, -- gerade bei den Schriftstellern und Schauspielern --, lassen rinnen und strömen, was in ihnen ist, wie es die Gnade des Augenblicks just gewährt, stehen dabei und verehren andächtig das Walten des Gottes, den sie in sich glauben. Wie viele saloppe, von Verlogenheit, von Faulheit und von sorglosem Hochmut zurechtgekleisterte Mache tritt uns in der Kunst feierlich und anspruchsvoll als »Arbeit« entgegen.

Wenn Sie aber erwägen, wie viele erlauchte Kräfte der Seele und des Verstandes angestrafft werden müssen, wie viele edle Kräfte des Körpers, wenn Sie erwägen, mit welcher Gewalt sich ein Mensch immerfort zusammenfassen muß, damit er fähig werde eine Technik zu erwerben, und wie tief er in sein eigenes Selbst muß schauen können, damit er +seine+ Technik erringe, dann werden Sie gerne verstehen, daß es vor allem die Arbeit ist, die mich an Kainz bezaubert. Diese wunderbar funktionierende Arbeit voll jeder Lust an der schwersten Bravour. Dieser Schauspieler besitzt sich selbst in jedem Augenblick. Sein ganzer feiner, komplizierter Organismus gehört und gehorcht seiner Arbeit und er beherrscht ihn so, daß sein Künstlerwesen keinen Augenblick in jene demütigende Abhängigkeit gerät, welche die Schwachen Stimmung nennen. Er hat ihn so vollkommen entwickelt, daß es keine ungenützten Reste, keine versäumten und verschleuderten und verlorenen Möglichkeiten bei ihm gibt.

Manchmal läßt er diesen Organismus sozusagen leer laufen, läßt diese brillant funktionierende Technik einfach absurren. Sie haben ihn ja selbst schon an solchen Abenden gesehen, und Sie werden den Zustand, in dem er sich da befindet, gewiß nicht mit jenem verwechseln, den ich oben Stimmung genannt habe. Es ist, als zöge er sich gleichsam aus seiner Arbeit zurück, als nehme er ihr sein Seelisches. Aber es ist kein Erliegen, kein Gelähmtsein, welches den Künstler unter sein Wollen, unter seine Aufgabe wirft und ihn am Schaffen hindert. Vielmehr ist es ein innerliches bewußtes Sichabwenden von einer längst gelösten Aufgabe; vielmehr ist es das unwillkürliche Abfallen des Schöpfers von seinem vollendeten Werk.

An solchen Abenden, aber manchmal auch in Augenblicken des Glanzes, manchmal auch an dem von plötzlicher Gleichgültigkeit wie gehöhlten und berstenden Klang seiner unermeßlich reichen Stimme ist es zu spüren, daß dieser Schauspieler, der an der äußersten Grenze des Meisterlichen steht, anfängt, über seine Kunst hinweg zu leben, daß es ihn über die Grenzen seines Berufes hinwegzieht, über diese Grenze hinaus bangt -- irgendwohin. Er ist so hart bis an den Rand jeglicher Erfüllung gestiegen, daß er sich manchmal schon von der Dämonie des Vergeblichen angehaucht fühlt. Diese Existenz jenseits aller erlebten Reife ist die subtile Tragik seiner Gegenwart und das Problem seiner Zukunft.

MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN

Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs junge Bären in Schönbrunn. Herzige kleine Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen, als trügen sie zu weite Hosen. Alle schienen sie, mit ihren fröhlichen Ohren, mit den weichen, hilflosen und doch so geschickten Bewegungen, und mit den listig schmunzelnden Schnauzen wie geborene Komiker. Man hatte die ganze Gesellschaft in einen Zwinger gesteckt; da spielten sie, rauften miteinander, kugelten und balgten sich. Es war die richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen, sie zu füttern, wurden die kleinen Bären gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig nebeneinander am Gitter, jammerten und stöhnten, als müßten sie Hungers sterben, wenn sich von den Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und je mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender wurden die Klagen, die sie anhoben. Noch mit dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern, daß die Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und keiner denke, so vieler Kummer sei mit geringem Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt, begannen die japanischen Bären gegenüber ein Konkurrenzgeschäft und stimmten ein originelles Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte. Es war ein ganz dünnes, zimpferliches Weinen, tremolierend, atemlos, und boshaft, wie von jemandem, der friert und der sich ärgert. Aber dieses Ehepaar hatte auf die Dauer kein Glück, denn es war ein düsteres Familiengemälde, das sich hier bot. Der Mann, ein ausgemachter Heuchler, schlug seine Frau in aller Wehmut, so oft sie einen Brocken erhaschte. Wimmernd und wehklagend mißhandelte er seine Gefährtin und nahm gerührt alles für sich allein.

Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß eines Tages hinter Schloß und Riegel und festen Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn er war ein Wolf, der einst bessere Tage gesehen hatte. In seiner Jugend war er irgendwo bei einer guten Frau wie der Hund im Haus behandelt worden. Das ist enorm viel für einen Wolf, und er konnte der glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde war eingeschritten, und in ihrer unerschöpflichen Weisheit hatte sie entdeckt, ein Wolf sei ein reißendes Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig unterbringen. All seine Sanftheit half nichts; es half nicht, daß er gehorsam auf jeden Ruf herbeigelaufen kam, nicht, daß er mit bestrickender Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er -- an gekochtes Futter gewöhnt -- das blutige Fleisch verschmähte, es half nicht, daß er sich streicheln ließ und zärtlich die Hand zu lecken verstand; er wurde als reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach ein Justizmord. Dazu gab man ihm einen ungezähmten Gefährten. Offenbar um einen ordentlichen Wolf aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er duldete die Bisse und Schläge seines Zellengenossen und konnte nur weinen. Der Kaiser hat ihn einmal auf einem Morgenspaziergang jammern gehört, fand ihn blutig und hilflos und befahl, daß der gute Wolf vom bösen befreit werde.

Dann gab es einen weißen großen Kakadu in Schönbrunn, der ein Simulant war. Hatte er Zuschauer, begann er sofort mit seiner Komödie. Er besaß eine kunstvolle Art, langsam und mit vielen Umständen seine Kette um Hals und Kopf zu winden und sie außerdem an der Kletterstange zu verwickeln, so daß es den Anschein hatte, als habe er sich unversehens stranguliert. Hing er endlich in der selbstgedrehten Schlinge, dann erhob er mit einemmal ein gottsjämmerliches Schreien und Kreischen, schlug mit den Flügeln, als stünde sein qualvolles Ende bevor. Immer saß irgendwer diesen gellenden Hilferufen auf und lief nach dem Wärter. Die Zurückgebliebenen bedachten indessen erregt, ob der arme Vogel wohl so lange noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun die Spannung ihren Gipfel erreicht habe, oder wenn ihm jemand beistehen wollte, zog er plötzlich den Kopf aus der verschlungenen Kette, schwang sich auf seine Sprosse und schaute ganz still und ruhig umher, als sei nichts geschehen.

Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich ans Gitter preßte und sich die Mähne krauen ließ. Nach einer Weile aber fuhr er mit erschrecklichem Fauchen herum, schlug mit den Tatzen nach dem freundlichen Wärter und benahm sich so recht als ein großer Herr, der treue Dienste mit grausamer Undankbarkeit lohnt.

Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner Garten gegangen und am liebsten bei den Tieren gewesen. Die vielen großen und kleinen Tragödien, die sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle, die drolligen Episoden, diese verschiedenartigen Äußerungen und Anzeigen einer zwar deutlich wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen und geheimnisvollen Vernunft können stundenlang aufregen oder erheitern. Jetzt sind die Bären erwachsen, und nur ein einziger kleiner Kerl wohnt in der Kinderstube von damals. Die japanische Konkurrenz hat sich beruhigt und führt ein ziemlich friedliches Dasein. Der arme Wolf wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu beteuern; begrüßt jeden mit demütiger Gebärde und sitzt den ganzen Tag mit sehnsüchtigen Augen da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und ungefährlich ist. Trotzdem muß er hinter Gitterstäben bleiben; nur weil er ein Wolf ist. Aus keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige Hund läuft frei umher, wird geachtet und geehrt. Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile besiegen? Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als einen Wolf, der mit den Wölfen nicht heulen will.

Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und foppt die Leute, so oft es ihm gefällt. Dem Löwen aber hat man, wie es scheint, seine Herrenlaunen abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch ihre lange Gefangenschaft. Ihnen allen ist die Menschenfurcht von den Mienen zu lesen. Aber verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal revoltieren sie, und solche Augenblicke, in denen ihre wirkliche Natur hervorbricht, sind von einer wunderbaren Gewalt.

An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen unruhig in ihrem Käfig umherlaufen oder stehen bleiben, das Haupt tief herabgesenkt, aufmerksam witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und die ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert; und wenn sie dann alle ihr Gebrüll beginnen, das wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen sich anhört, dann fallen die anderen Tiere ein, und dann ist es ein mächtiger Chor der Gefangenen. Und es ist von einem sonderbaren Reiz, die Stimmen aller Länder und Zonen hier auf einem einzigen Platz zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen Wüste, die Tiger aus den Dschungeln Indiens, den Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien, das Brummen der nordamerikanischen Bären, die wilden Trompetenstöße der Elefanten, tropisches und arktisches Getier, als ob sie aus allen Weltteilen ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine drückende, ungerechte und quälende Herrschaft.

Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière an, in diesem hellen, belebten Saal, in dem die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen Musik ist das freundliche Gelaß erfüllt. Tausendfache Melodien tausendfach ineinander verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit, ein Gesang von so schallendem Jubel, daß man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit unwiderstehlich ergriffen fühlt. Staunend betrachtet man hier die wundersamsten Launen der schaffenden Natur. Winzige Vögel, die in der Farbenglut ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide. Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit richtigen Kronen auf dem stolzen Haupt; Tiere von heraldischer Würde, und dann wieder tolle, groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, äußerste Plumpheit und himmliche Anmut; märchenhaft holde Gebilde und höhnische Verzerrungen, und beinahe mit frommen Gedanken findet man sich einer Kraft gegenüber, die mit sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung der Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche nebeneinander bietet. Merkwürdige Vögel lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen Namen wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus Tausendundeiner Nacht, wie den Vogel Bülbül, von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem Bauer umher und ist der Nachbar des echten Pirol. Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine kleine gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken, schwarzen Schwingenfedern. Er hat ein scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der schwefelgelbe Tyrann.

In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen Tiere erleiden, am wenigsten kenntlich. Aber draußen, die Adler und Geier, die in ihren Käfigen sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite schauen, die ihre Schwingen breiten und sie wieder langsam, gleich als ob sie seufzen würden, zusammenfalten, die sehen wirklich aus wie gefesselte Helden, und sie können einen manchmal arg verstimmen. Ein Kind sagte neulich: »Ich weiß jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst sie schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch, wie Löwen und Tiger aussehen, und lassen sie doch nicht laufen. Aber das ist, abgesehen vom Schaden, den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn die Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte Wildheit zu beschauen, gefesselte Riesen anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich zu weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem Zwinger, erwogen, »was der Löwe tun würde«, wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen, ob ich gleich all die blutigen Dinge, die ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten bezweifle. So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir sanft, anmutig, harmlos und besser als sein Ruf. Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht wild aus, sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im übrigen ist der Löwe in unserem Bewußtsein schon mehr ein Klischee geworden als ein lebendiges Wesen, eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken und Denkmälern, so daß man glauben möchte, er werde in den Menagerien nur gehalten, damit er seine Existenz beweise. Sicherlich denken die Leute in Afrika anders darüber ... Nur im Königstiger läßt sich der Feind erkennen. Doch wenn er in seiner engen Zelle die prachtvollen Glieder zum Sprung reckt, wenn er die verlangenden Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, dann fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte, diese Tiere, in denen der Trieb nach Freiheit nimmer schläft, möchten wenigstens in ein größeres Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie ich glaube, falsche Menagerietradition, die Raubtiere so eng als möglich zu halten und den Rindern, den Schafen und anderem gutmütigen, an den Stall gewöhnten Zeug weiten Spielraum zu lassen. Würde man Löwen, Tiger, Leoparden, Bären und Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten ihren Anblick zehnfach genießen und ein Schauspiel der herrlichsten Bewegungen würde sich entfalten.

Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, vor dem die großen und die kleinen Kinder sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein recht melancholischer Spaß, den man mit diesen kränklichen, boshaften und lächerlich menschengleichen Geschöpfen hat. Wie gehässige, misanthropisch ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische Zerrbilder und böse Träume wirken sie auf die Dauer. Es ist, wenn man einen Affen betrachtet, als habe ein Mensch durch Krankheit oder durch verruchten Zauber den Gebrauch seiner Gaben verloren, als falle er in den tierischen Urstand zurück. Und während alle Schamlosigkeiten des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er sich ab, diesem Jammer zu entwischen, bleibt mit menschlichen Mienen und tierischen Gebärden an der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und Vieh. Diese Versuche, die ihn uns wieder nähern sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten aufs erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen rasend werden, wenn so ein kleiner Mandrill einen Spiegel in die Hand kriegt und sich über das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das nachzuahmen sucht, was ihm einer aus dem Publikum vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher Bemühungen und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich. Aber wer einmal nur einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden, kummervollen Menschenblick geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, die in Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen nicht mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die man ohne Befangenheit betrachten kann. Tiere, von denen uns weite Distanzen und Zwischenstufen trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch keine ausreichende Scheidewand. Und es dient beim Affenhaus nur dazu, gelegentliche Verwechslungen und Irrtümer hintanzuhalten.

MAUERBACH

Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten in einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne diesen ruhevollen Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird man freilich, wenn man da so um die Mauern streicht und zu den hohen Fenstern emporblickt und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es sein muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit eingebettet sein inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von einem Getümmel blühenden Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf dem stillen Weiher ziehen lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses spiegeln sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig und feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine steinerne Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß das Aussehen einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener Epochen. Immer, auch wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie sich verschanzen wollten.

Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ. Er selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich ihn sogar mitten durch die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von seinem Stabe, im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. Voran kamen zwei Herolde in altdeutscher Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich der Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze war ein Sängerfest, und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus. Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken jungen Mann mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er glich aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis ihrer historischen Echtheit gelten darf.

An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach. Dort draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der frischen Luft genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der große Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses friedliche Seitental kommen nur wenige.

Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne grüne Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf denen einsame Erlen ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen Bäumen verfeindet und halte sich nun trotzig abseits von ihnen. Oder ein paar zarte junge Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde zu langweilig geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen spazierengehen. Und der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, bergauf, bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt.

Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche Stimmung ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der Stadt, oder wie fern von ihr? Man weiß es nicht. Es können viele, viele Meilen sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur. Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der Eisenbahnzüge bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang, und das helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte Mauerbachtal, das jetzt so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und Unrast und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal die Bogen um mich, du grünes Zelt!