Das österreichische Antlitz: Essays
Part 7
Da kommt dieser Mann und schlachtet -- weil ihm sonst alle anderen Künste mißlangen -- vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot, reißt ihn in Fetzen, schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit den Weg in die Judengassen weisen; dort mag sie sich austoben. Ein Gewitter muß diese verdorbene Luft von Wien reinigen. Er läßt das Donnerwetter über die Juden niedergehen. Und man atmet auf.
Allein er nimmt auch noch die Verzagtheit von den Wienern. Man hat sie bisher gescholten. Er lobt sie. Man hat Respekt von ihnen verlangt. Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat ihnen gesagt, nur die Gebildeten sollen regieren. Er zeigt, wie schlecht die Gebildeten das Regieren verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt lachend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher, die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind die Armen am Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in allen ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu Gassenhauern, in ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu ihnen spricht.
Aber wie spricht er auch zu ihnen. Das Dröhnen ihres Beifalls löst erst alle seine Gaben. Beinahe genial ist es, wie er sich da seine Argumente zusammenholt. Gleich einem Manne, der in der Rage nach dem nächsten greift, nach einem Zaunstecken, Zündstein, Briefbeschwerer, um damit loszudreschen, greift er, um dreinzuschmettern, nach Schlagworten aus vergangenen Zeiten und bläst ihnen mit dem heißen Dampf seines Atems neue Jugend ein, rafft weggeworfenen Gedankenkehricht zusammen, bückt sich nach abgehetzten, müd am Weg niedergebrochenen Banalitäten, peitscht sie auf, daß sie im Blitzlicht seiner Leidenschaft mit dem alarmierenden Glanz des Niegehörten wirken. In dem rasenden Anlauf, dessen sein Temperament fähig ist, überrennt er Vernunftgründe und Beweise, stampft große Bedeutungen wie kleine Hindernisse in den Boden, schleudert dann wieder mit einem Wort Nichtigkeiten so steil empor, daß sie wie die höchsten Gipfel der Dinge erscheinen. Im Furor seiner Rednerstunde gerät der Mutterwitz, der sein Wesen durchdringt, ins Sieden und wirft Blasen, in denen alles wie toll, alles verkehrt und lächerlich erscheint. Einfälle sprudeln hervor, in deren Wirbel frappierende, unglaubliche und verführerische Gedanken funkeln, sich drehen und überschlagen. In seinem Rednerfuror, wenn ihm schon alles egal ist, fängt er freilich auch den Schimpf der Straße ein, reißt den Niederen und Geistesarmen alberne Sprüche des Aberglaubens vom Munde, schnappt selbst den Pfaffen die Effekte weg, die auf der Kanzel längst versagen wollten -- aber er siegt mit alledem. Schlägt zu damit und trifft und wirkt. Oft schon hat er seine entsetzten, überrumpelten Gegner vor sich hergejagt -- wie sich nachher gezeigt hat -- mit einem Eselskinnbacken. Dieses ist seine Macht über das Volk von Wien: daß alle Typen dieses Volkes aus seinem Munde sprechen, der Fiaker und der Schusterbub, der Veteranenhauptmann, der gute Advokat, die Frau Sopherl und der Armenvater. Und alle Volkssänger mit dazu. Vom Guschelbauer an bis zum Schmitter. Man hört die Schrammelmusik aus der Melodie seines Wortes, das picksüße Hölzel und die Winsel, hört das Händepaschen und ein jauchzendes Estam-tam klingt in seiner Stimme beständig an.
Ein Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie er in der Fronleichnamsprozession dem Baldachin vorausschreitet. Als Vizebürgermeister; vor zwölf Jahren etwa. Er ist zum Bürgermeister erwählt worden, aber der Kaiser hat die Wahl verworfen. Dreimal ist er gewählt worden, dreimal hat der Kaiser nein gesagt. Lueger wartet und begnügt sich derweil mit dem zweiten Platz. Jetzt geht er in der Fronleichnamsprozession vor dem Baldachin einher. Die Glocken läuten, die Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen der Menge empfängt den geliebten Mann, der nach allen Seiten dankt, grüßt, lächelt. Er freut sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt, muß den tausendstimmigen Donner hören. Auf dem ganzen Weg rauscht dieser Jubelschrei vor dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das einem andern gilt. Franz Josef hat ein feines, eifersüchtiges Ohr für die Stimme der Wiener. Er hat Erzherzoge von hier entfernt, wenn sie gar zu populär wurden, hat einen Minister, dem zufällig einmal ein paar halblaute Hochrufe beschieden wurden, aufgefordert, sich zu rechtfertigen, hat den Grafen Badeni im Stiche gelassen, weil er die Wiener Straße gegen die Hofburg verstimmte. Franz Josef weiß, die Wiener lieben ihn; er weiß, sein kaiserliches Wort übt allmächtige Wirkung. Aber diesen da konnte er nicht verdrängen, auch nicht, nachdem er's dreimal sagte. Das erlebt der Kaiser jetzt. Der Mann da vorne im Zuge gibt's ihm zu kosten. Als ob er nur im Gefolge dieses Mannes einherginge, wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille. Es war Luegers Triumphzug.
Die Glocken läuten und die Kirchenfahnen flattern jetzt auf allen Wegen, die Lueger geht. Wie ein gewaltiger Heerbann ziehen die Pfaffen hinter ihm drein. Seit vielen Jahren haben sie den bürgerlichen Condottiere entbehrt, der ihnen die breite Masse erobert. So einer hat ihnen gefehlt. Sie haben innerlich jubelnd den Liberalismus verrecken sehen, der sich einst unterfangen wollte, die Kuttenherrschaft in Österreich zu zerbrechen. Das Land lag wieder frei vor ihnen, fiel ihnen wieder zu, aber sie brauchten einen Mann, der in das neueroberte Gebiet fröhlichen Einmarsch hielt, der die Kirchenfahnen wieder flattern ließ. Dies Volk ist immer gerne fromm und katholisch gewesen. Aber die Frömmigkeit war eine Zeitlang außer Mode. Lueger hat sie wieder in Flor gebracht und ließ die Glocken läuten. Ließ die Glocken läuten und sagte: ich spucke auf die Aufklärung und auf die Wissenschaft. Das war endlich ihr Mann. Von allen Kanzeln herab und in allen Beichtstühlen halfen sie nun seiner Sache, schlossen ihm die Pforten zu allen Fürstenschlössern auf, schafften ihm Eingang in alle Bauernhütten. Wie hoch sie einen Menschen heben können, wenn sie wollen, hat er erprobt. Und hat auch dem Kaiser nur damals, an jenem Fronleichnamstage trotzig gezeigt, wer von nun an dem Wind und dem Wetter befiehlt, in der Stadt, in der die Hofburg steht. Nur dieses eine Mal. Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm die Volkshymne in städtische Regie.
Erst als er am Ziele war, merkte man, daß es wirklich ein Ziel sein konnte, Bürgermeister von Wien zu werden. Man merkte, daß wirklich ein Gedanke in diesem Manne nach Ausdruck gerungen hat, nicht bloß der Gedanke an den eigenen Erfolg; daß er von einem Traum erfüllt war, nicht bloß von dem Traum des eigenen Aufstiegs: Wien! All dies andere vorher war nur ein Mittel gewesen. Er hätte jedes beliebige Mittel angewendet, selbst ein edles, wenn es nützlich gewesen wäre. Freilich aber hätte er keines so mühelos, so voll aus seinem Wesen heraus, so ganz aus seinen Instinkten gebrauchen können wie diese Taktik und Technik des Gassenhauers, des »mir san mir«! Und nun hat er Wien aufgerichtet als eine Art von Königtum mitten in Österreich. Dutzendweise wurden die kleinen Ortschaften, welche Wien umgürteten, von dem großen Gemeinwesen verschlungen. Das ist jetzt, vom Marchfeld bis zur Sophienalpe, nur mehr eine einzige Stadt: Wien. Und in dieser Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister. Er nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke, das elektrische Licht, die Leichenbestattung, die Spitäler. Wasser und Feuer, Leben und Tod gehört seiner Stadt. All dies lag freilich in der Entwicklung, hätte auch unter einer andern Verwaltung so kommen müssen. Aber er nahm diese Dinge, unter lauten pathetischen Proklamationen, er nahm sie wie man eroberte Provinzen einnimmt, und er schuf aus all diesen Besitztümern neue Werkzeuge seiner Macht. Wo die Straßenbahn hingeführt wird, das elektrische Licht, die Wasserleitung, da steigen in den entlegensten Gegenden die Bodenpreise, hebt sich der Wohlstand. Treue Bezirke können belohnt, unsichere gekirrt, treulose bestraft werden. Die Stadt, die so viele Betriebe in ihrer Hand hält, herrscht über eine Armee von Dienern, Arbeitern, Beamten, Lehrern, Ärzten und Professoren, herrscht durch tausendfach verknüpfte Interessen weithin über die Gesinnungen, und allen ist der Bürgermeister, von dem sie abhängen, wie ein Monarch.
Er arbeitet denn auch mit einer vollkommen monarchischen Technik. Sein Bild ist überall. In den Amtslokalen, in den Schulzimmern, in den Wirtshäusern, in den Theaterfoyers, in den Schaufenstern. Sein Antlitz ist den Wienern beständig so gegenwärtig und eingeprägt, wie das Antlitz des Kaisers. Seine Ausfahrt ebenso feierlich, wie die eines Monarchen, und nur noch Franz Josef selbst wird in den Straßen ebenso gegrüßt wie der Bürgermeister Lueger. Wie auf den Staatsgebäuden der Name des Kaisers steht, so wird auf allen Bauten, in allen Gärten, die von der Stadt errichtet wurden, der Name Lueger hingeschrieben und eingemeißelt. In hundert Inschriften liest man es überall: »Erbaut unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger.« Und wie dem Kaiser das »Gott erhalte ...« entgegenschallt, so empfängt den Bürgermeister überall seine offizielle Hymne: »Hoch Lueger, er soll leben ...« Wer städtische Dienste nimmt, muß Luegertreu sein, so wie jeder Staatsdiener zur Kaisertreue verpflichtet ist. Er hat das so eingerichtet, hat sich um den Widerspruch der Machtlosen, hat sich um das Recht der freien Meinung, die das Staatsgrundgesetz gewährleistet, nicht gekümmert und einen Fahneneid eingeführt für alle, die im Rathaus Broterwerb suchen. Ein monarchisches Talent, das vorher gröhlend durch alle Tiefen des Pöbels geschritten ist, im Bierdunst der Versammlungen die Massenpsychologie studiert und den Menschenfang allmählich bis zur Meisterschaft gebracht hat. Dennoch, nur ein Bürgermeister. Aber was hat er aus seiner Rolle gemacht! Wie Mitterwurzer einst, als er im »Don Carlos« den Philipp gab, das Stück umkehrte und alle Welt zur Verwunderung zwang. Gegen Carlos und Posa war dieser Philipp nie aufgekommen, er galt für so wichtig nicht, nicht für so begehrenswert und dankbar. Und jetzt auf einmal war Philipp die Hauptsache, war Mittelpunkt und Held des Stückes. Die vorigen Bürgermeister sind nur brave Ensemblespieler gewesen gegen den jetzigen. Der aber hat die Kunst der Auffassung. So wie er seine Rolle anschaut, wie er die Bedeutung seines Amtes begreift, hat er es ganz neu entdeckt; fast möchte man sagen, neu kreiert. Niemals ist der Bürgermeister von Wien so viel gewesen wie heute. Neben dem Landesherrn, der Herr der Stadt.
Ein anderes Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie dreimalhunderttausend sozialdemokratische Arbeiter gegen seinen Willen über die Ringstraße ziehen; wie sie das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht erzwingen; wie der alternde Bürgermeister im Pomp des Rathauses sitzend dies Brausen der Volksmenge vernimmt; wie eine Ahnung ihn ergreift, daß nun eine neue Zeit heranbricht, eine neue Zeit, die er nur aufhalten, nur für eine kurze Weile verzögern aber nicht hindern konnte. Sie wird erbarmungslos die Dämme niederreißen, die er aufgerichtet hat; sie wird ihn zu den Komödianten von vorgestern werfen und ihn erledigen. Wie jetzt eine Ahnung ihn ergreift, daß da draußen ein Gegner sich emporrichtet, langsam und furchtbar, ein Feind, dem er sich nicht mehr entgegenzuwerfen vermag. Wie der Zorn von einst und die Rauflust von früher noch einmal in ihm schwellen und wie er spürt, daß ihm die Kräfte langsam entschwinden, spürt, daß er nicht mehr aufrecht, nicht mehr sicher und schwindelfrei genug sein wird, wenn auch an seine Tür plötzlich die Jugend pocht, wie an die Tür des Baumeisters Solneß.
Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig, matt, erblindet und zitternd, von zwei Nonnen geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt, ... Exzellenz ... auf dem Gipfel ... und niedergebrochen. Den letzten Rest der im Kampfe aufgebrauchten Gesundheit im Rausch der Siegesfeste vergeudet. Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte zu genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen und die nun in der Fülle der Macht schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden, mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem die Treuesten nur noch aus Pietät lauschen. Wie er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich schon über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er dann manchmal zeigen möchte, daß er noch derselbe ist, wie er längst abgenützte Künste wieder spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder schmettern und donnern möchte, und wie ihn dann die Weihrauchdämpfe mitleidiger Schmeichler benebeln und beschwichtigen. Das letzte Kapitel: wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes im blassen Schimmer der Ordensterne, im kindischen Glanz von Auszeichnungen und Titeln verlöscht.
Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt eines Menschen zu zeichnen, in dem sich der Wille einer Epoche erfüllt hat. Jetzt freilich muß man noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm kommt, bis die Jahre, die seinem Dasein folgen, die richtige Distanz und die richtige Perspektive geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand nach diesem Manne greift und den Roman seines Lebens, den man schnell vergessen wird, wenn er zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk formt.
GIRARDI-KAINZ
Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen Schauspieler dem wienerischen Theater unentbehrlich sein müßten, weil sie unter den wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die sich hier etwa vorfinden, die stärksten Österreicher seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem Menschenexemplar zu behaupten. Aber für uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden schwerlich noch andere sehen und wir vermissen sie sehr.
Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden Schauspieler einander verwandt, ja oft frappierend ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie so deutlich geworden als eben jetzt, da Kainz und Girardi gleichzeitig in Berlin wirken. Bei uns ist es, wie natürlich, oft bemerkt und besprochen worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie Männer, die gewohnt sind zu befehlen, fast überall diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des Blickes, diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in der Stimme haben, so haben diese beiden in ihren Gebärden, in ihrem Gehen über die Bühne, in der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das Glück früher und beinahe müheloser Erfolge. Sie waren gleich von Anfang an berühmt, sind es schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang unter der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann ist da noch in beiden auf dem Grunde ihres Wesens ein beständig mitschwingendes Jauchzen, und das ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr voneinander verschieden, ganze Welten liegen zwischen ihnen; allein wie Brüder oft voneinander verschieden und durch Weltenfernen in ihrem Charakter voneinander getrennt sein können, und dennoch mit einem Lächeln, mit einem Zucken der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so offenbaren sich diese beiden mit ihrem Jauchzen als Brüder. Denn es ist ein österreichisches Jauchzen; es stammt aus demselben Klima, es ist von derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt. Auch ist ihr Zugreifen dasselbe. Sie wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt gegenüber zu treten, sich einer Aufgabe zu bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff.
Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische Ausdruck des Wienertums sei, die leibhaftige Verkörperung der wienerischen Art, der wienerischen Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft in den Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr ist. Trotzdem vermochte ich niemals den Gedanken abzuweisen, warum man einen glänzenden Orientmaler dann nicht auch einen typischen Orientalen nennt. Oder weshalb wir dann zum Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten Japaner erklären. Hat doch der eine alle Farben und feinsten Lufttöne des Morgenlandes gegeben, der andere die seelische Verstecktheit Japans erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar von seinem Werk zu trennen ist? Und weil wir zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner war?
Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte Wiener. Aber Sie haben gewiß schon bemerkt, wie sonderbar und wie irreführend das national und landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt. Eine spanische Tänzerin scheint uns absolut ganz Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger absolut die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung von Spanien findet sich in irgendeinem Hüftenrhythmus der Tänzerin plötzlich bestätigt, unser Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem Kehllaut des Sängers unversehens auf, und wir rufen: echt! Wir rufen es mit Entzücken und verfehlen dabei -- fast regelmäßig -- gerade diejenigen Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar mit vertrauten Instinkten als echt empfinden würde.
Girardi trägt viel Wienerisches in sich. Von den feinsten wienerischen Stoffen wie von den allgemeinsten hat er den Extrakt in sich gesogen; viele wienerische Elemente sind in ihm zu Essenzen verdichtet. Wenn er spricht, hören wir aus seiner Stimme die Urlaute des Volkes, wenn er singt, aus seiner Fröhlichkeit jenes niederösterreichisch-jauchzende Johlen trunkener Rekruten, das im Frühling und im Herbst immer durch unsere Straßen hallt. Im Aufschnalzen eines Wortes klingt die schnippische Anmut Wiener Vorstadtmädchen, und wenn die Leute von Girardi reden, schleppen sie auch sofort alle Wiener Typen zum Vergleich heran; den Fiaker, den Deutschmeister, den Zahlkellner, den Sportbaron. Aber das Wienertum, das er gibt, ist im Grunde nicht das wirkliche, sondern es ist ein Wienertum, das er ganz allein erfunden hat. Wir spüren immer »Wien« bei ihm. Nur wenn er uns nicht völlig umnebelt, spüren wir zugleich auch: er macht etwas ganz anderes daraus, etwas, das neben dem Wienerischen ist. Etwas, das vielleicht darüber ist, wie schließlich alle Kunst über dem Wirklichen, alle Dichtung über dem Wahren; aber etwas, das eine besondere Kontur hat; keine wienerische. Es ist eine halbechte, eine unwahre, doch in ihrer Unwahrheit eine entzückend mögliche und hinreißend eigenartige Kontur. Dieses Wienertum, das Girardi gibt, hat vorher nicht existiert. Seit er es ersonnen hat, wird es nachgeahmt. Die Leute haben im Theater von ihm gelernt, wie man wienerisch ist und haben es nachher kopiert. Hunderte seiner Einfälle, seiner plötzlichen Ideen vom Wienertum laufen jetzt verwirklicht und lebendig umher.
Wie sollte ein Mann, der so stark ist, daß er uns alle glauben macht, seine persönliche Art sei die unsere, sei unser Spiegel und Abklatsch; sein eigenes, durchaus einziges Wesen sei der Inbegriff und die Verkörperung unserer Wesenheit, -- wie sollte ein solcher Mann nicht auch bei Ihnen als der definitive Ausdruck des Wieners gelten? In dem gewissen landläufigen Sinn ist er ja schließlich ein Vertreter Wiens, wenn man diese Bezeichnung nur in ihrer flüchtigen, zeitungsmäßigen Bedeutung anwendet, in der sie sonst gebraucht wird, um einen Künstler rasch mit dem Poststempel zu versehen. Aber nehmen Sie nur einmal seine eckige Gestalt, in der nichts Sanftes und Gleitendes sich rundet, in der nur die ungeheuere Energie eines Marschrhythmus schleudert und schlenkert, und Sie werden sogleich sehen, daß eine ganze, in ihrer innersten Natur wienerische Welt sich in diesem Künstler gar nicht oder nur vermittels besonderer Transponierungen ausdrückt. Er hat jahrzehntelang Walzer von Johann Strauß gesungen; siegreich und hinreißend hat er sie gesungen, aber sie mußten erst durch ihn zu Girardi-Couplets werden, und sie waren -- wenn er sie sang -- eben keine Walzer von Johann Strauß. Wenn man nur die Texte anschaut, die eigens für ihn diesen Walzern unterlegt wurden, kann man das sogar jetzt noch nachprüfen. Denn alle diese Texte widerstreben in ihrem Witz, in ihrer karikaturistischen Schärfe, in ihrer harten Ironie, der weichen Seele des Wiener Walzers. Alle diese Texte sind den Walzern aufgezwungen, gehen ihnen gegen die Natur. Aber die Farbe seiner Persönlichkeit ist so sprühend, so durchdringend und so vorleuchtend, daß es fast unbemerkt geblieben ist, was ein Straußscher Walzer bei Girardi wurde, daß es fast unbemerkt geblieben ist, wie sehr diesem Manne selbst ein wienerisches Grundelement fehlt: das innere Tanzen. Und fast unbemerkt ist es geblieben, wie er das Wesen dieser Stadt überfärbt und verändert und umgebildet hat.
Man könnte es etwa damit erklären, daß die enorme schauspielerische Kraft Girardis, der es beinahe immer an wirklichen Rollen fehlte, solchem Mangel abgeholfen hat, indem sie sich der ganzen Stadt als einer Girardi-Rolle bemächtigte, sie immer wieder studierte, ihren reichen Inhalt immer wieder erlebte, und sie dann immer wieder als Girardi-Rolle spielte. Zuletzt war denn auch jeder zweite junge Herr, den man auf der Straße traf, jeder Fiakerkutscher, jeder Briefbote, jeder Spießbürger eine Girardi-Rolle. Eine Zeitlang lief halb Wien herum und spielte Girardi, und wußte nicht, daß es damit sich selbst aufgab, daß es auf seine eigene Echtheit verzichtete, und an deren Stelle die besondere Echtheit eines einzelnen annahm. Seine Wirkung ist bis auf den heutigen Tag so umklammernd, daß selbst der Wiener Dialekt Girardi-Worte mitführt, die es früher nicht gegeben hat, die niemals auf dem Wiener Boden wachsen könnten, die keine Wurzeln in der wienerischen Sprache besitzen, die aber jetzt als selbständige Schöpfungen in der Wiener Mundart leben. Dabei sind es Verzerrungen; denn er kann gelegentlich über irgendein Wort herfallen, kann es mit einem Hieb zum Krüppel schlagen, kann es zerquetschen und zerkneten und ihm zugleich damit ein ganz neues, überwältigend komisches Gesicht geben. Eine Zeitlang hat halb Wien in solchen Ausdrücken geredet, und Sie werden zugeben, daß dies keinen Wiener Dialekt, sondern eher einen Girardi-Jargon vorstellt. Man könnte sagen, vieles, was Girardi tut, ist Wien, aber vieles, was Wien tut, ist Girardi. Unsere Stadt ist sein ganzes künstlerisches Erlebnis. Unendlich viele feine und grobe Reflexe der wienerischen Art funkeln in ihm. Unendlich viele Nuancen des wienerischen Wesens, zarte und derbe, drücken sich in ihm aus. Aber wenn Sie den Begriff Wien als ein Ganzes nehmen, zu dessen Bestandteilen auch Schubert und Kriehuber und Grillparzer und Schwindt und Fischer von Erlach und Makart gehören, dann werden Sie finden, daß Girardi weder der Spiegel noch der Ausdruck des Wienertums ist; nicht der Wiener, sondern unter wenigen erlesenen Wienern: Auch einer.