Das österreichische Antlitz: Essays

Part 6

Chapter 63,584 wordsPublic domain

Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an seinem Tisch und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre nacheinander seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen, konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch, ohne seine milden Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher und über gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine persönliche Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit, eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder eine Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen, die stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher, die Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen: Hütet eure Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen: Die einzige Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien zu schwächen und zu vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er Güte für sie hat, und sie lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln, aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht los von ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem frischen Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und Dunst ihrer Welt eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld, die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr kennen, und freuen sich, wenn er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.

Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie in der Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und kommt doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm eine Flamme, die nicht an diesen Lichtern hier unten entzündet worden ist. Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein Entstellten vollkommen wie ein Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, schauen einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein Kind gegen das Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln noch einmal, wenn sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten dieses Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung, verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für einen, der sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich, jedenfalls für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr. Egon Friedell Altenberg-Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir beschieden, im Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu spielen, die Eckermann im Leben Goethes gespielt hat«, brüllt das Publikum und meint, damit sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. Es gilt ihnen schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg. Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen Dichter zu nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell mit seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen nicht, wie der ganze Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten nur darin besteht, daß aus ihnen die rührende und einzigartige Gestalt Altenbergs lebendig hervortritt, daß durch sie das Wesen Altenbergs mit einem klaren ungemein psychologischen Humor beleuchtet und manchmal verklärt wird. Die Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine Werke aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an vermorschte Wahrheiten geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine Person von weitem sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht, oder wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus, vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher Sorgfalt diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt ist; wissen nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes Antlitz er hat, was für feine beseelte Züge, was für schöne strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten vornehmsten Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft und gesanglich klingt und edel.

Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt, am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den Grenzlinien, wo das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre alt, ist in diesem heutigen Wien eine der interessantesten, subtilsten und ergreifendsten Existenzen, ist für alle Wissenden in Europa ein geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen geistigen Orchester ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und aus tausend Stimmen kenntlich bleibt, ... und für das Amüsierpublikum vom Maxim, vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird man Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die dann diese Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original verstanden, verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß wir ihn nicht mehr gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und verehrt. Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen, an den äußern Rändern des Alltags, durch das Wirken Altenbergs die Seele des Menschen an Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen, weil es einfach wahr ist. Nur heute würde das niemand glauben wollen.

SPAZIERGANG IN DER VORSTADT

In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft und gern in Währing gewesen. Weit prächtiger mag es sich ja anhören, wenn einer sagen kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen, oder er habe sich in Brasilien umgetan. Währing, das klingt natürlich nach gar nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der Erde, von denen sich heute noch ein großes Rühmens machen ließe. Die Menschen sind überall schon umhergewesen und kommen überall hin. Alle Länder mit all ihren Städten sind uns hundertmal schon beschrieben, derart, daß gar viele unter uns, deren Sinn beständig nach der Ferne steht, im Weiteren besser Bescheid wissen als im Engeren und Nächsten. Mag es also auch nur Währing sein ... ist man da aufgewachsen, dann fragt man nicht viel, ob der Name des Ortes hinreichend prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum erstenmal wieder an diesen bescheidenen Häusern vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert, darin man vorzeiten das Gehen und Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo man die ersten Freuden gehabt hat und frühen Kummer genug, dann mag man sich allhier von der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt fühlen als im fremden Samarkand oder in Brasilien.

Das war damals wirklich so, und man schrieb es auch auf den Postadressen nicht anders, daß Währing »bei« Wien lag. Draußen, vor den festgemauerten Wällen lag es, hinter denen sich die Stadt verschanzte, und begann erst ein gutes Stück hinter dem gewaltigen Holzgatter, mit dem man die »Linie« absperren konnte. Von der Stadtseite her war es nur durch den einzigen Durchschlupf zu erreichen, den eben die Linie freiließ. Deutlich erinnere ich mich noch des Feldweges, der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts führte. Felder überall und Wiesen. Und jenseits davon standen die ersten Währinger Häuser, wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern. Aus den hellen Gassen kam man rasch überall ins Freie. Ein paar Schritte von der Kirche ab, die alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben Dutzend damals noch gern bespöttelter Kottagevillen, und man war auf der Türkenschanze, konnte durch hochstehende Saaten, durch Weingärten und Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren in Feldeinsamkeit dahinwandeln, war einfach auf dem Lande. Und ein kleines, halb ländliches Gemeinwesen war das ganze Währing.

Die Stadt, die begann für uns gleich bei der Linie. Und beim Bürgerversorgungshaus, wo die Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz hinausfuhr, glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten Gewühl. Hatten wir uns aber einmal gar bis zum Josephinum vorgewagt, dann meinten wir alle Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte Tante kam damals aus der Provinz zu uns, um, wie sie sich ausdrückte, die Wienerstadt kennen zu lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht hinausgelangt. Sie war genügsam und gab sich damit zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt, nach der es sie so sehr verlangte, längst schon in allen Bezirken durchstreiften, reichte ihr Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete sie sich mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit, um »in die Stadt« zu gehen, rückte voll Anstand und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und machte dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom Stephansplatz, vom Praterstern sprach sie zuletzt nicht anders als von Gegenden, in deren exotische Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger Mensch begibt.

So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen und hatte, in enger Nachbarschaft mit der großen fremden, eine kleine trauliche Welt ganz für sich. Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend hinstürzenden Stromes, der nur manchmal eine Welle ergötzlich und überraschend zu uns heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär anmarschiert, dann lief bei der schmetternden Musik der ganze Ort freudevoll zusammen. Und wenn die Truppen auf den Hügeln der Türkenschanze manövrierten, hatte Währing seine richtige Einquartierung. Da erinnere ich mich noch der milden Septemberabende, an denen Schlag neun vor unseren Fenstern der Zapfenstreich geblasen wurde. In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus dem Dunkel der Straße zu uns heraufklingen und fühlten uns von wundersamen Abenteuern umwittert.

Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge in Währing, um die es schade ist. Da war das Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin, seine Individualität ausgelöscht. Es ist längst in Reih und Glied der Gewöhnlichkeit getreten, steht mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten an der Straße, es gleicht den fünfhundert übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr sich selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte Baracke, voll altgeschwärzter, verräucherter, köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag angeschmiegt an einen uralten Garten, der wie ein Wald aussah, dessen Baumgipfel, breit ausladend, die enge Hauptstraße überschatteten und in dessen duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen durften. Dann war das Gasthaus »zum Biersack« da. Ein ländliches Gebäude mit einer für Heuwagen berechneten Toreinfahrt, von der man in die saalgroße, blendende Küche schauen konnte. Wir haben das oft getan, weil dort ein paar üppige Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den Schulbuben kokettierten; hübsche, wenn auch allzu feiste Backfische, die trotz ihrer geputzten Kleider famos in die Küche paßten, weil sie sich dort auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten, ihn anschaulich zu erläutern und anzupreisen schienen. Einen Wirtschaftshof gab es da mit Schlachtbank, Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der ihn abgrenzte, sah man den kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten Biergarten. Es war ein Bild naiver Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische Genußfreude, wie etwa Schwind sie hätte zeichnen mögen. Und er muß den Biersack ja wohl gekannt haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals hier fröhliche Einkehr gehalten, hat sogar, um sein müheloses Schaffen zu erproben, das Ständchen hier komponiert, mitten im Lärm unter Gläserklirren und Kellnerrufen. Dann gab's den Bachusgarten, an den mir nur ein verschleiertes Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden Traum. Uns war der Name schon wie ein Märchen. Den fröhlichen Weingott hatten wir auf Schildern neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts der stattlichen, vollkommenen Bekleidung, die der Bierkönig trug, konnte der nackte, mit Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck fröhlichster Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten, das schien uns sein eigener, gewissermaßen sein Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb erfüllt, da es den Garten gab, und wenn der Gott auch sichtbarlich darin fehlte, wir suchten ihn darin, und vermuteten seine Gegenwart. Es war eine wundervolle, zügellos grünende und blühende Wildnis, die hinter der mürrischen grauen Mauer sich auftat. Hoch standen die Gräser, undurchdringlich das Strauchwerk, und finstere alte Bäume reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht. Heute ist dies alles spurlos verschwunden. Eine gesittete, langweilige Häuserreihe steht nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen, mit dem man die ganze Verwandlung gewahrt, zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die Unwandelbarkeit dieser Dinge gewesen.

Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung begonnen hat. Eines Tages kam die Tramway heraufgeklingelt und fuhr mitten durch Währing. Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen wurden, es gab Haltestellen. Man war einfach wie in Wien. Diese Tramway, die hin und her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar bis zehn Uhr, hat den ganzen Ort aufrebellt. Drei- und vierstockhohe Häuser reckten sich himmelwärts, rückten gegen die Stadt vor und besetzten das wüste Feld, das zwischen Wien und Währing lag. Angesichts dieser steinernen Regimenter sank der Linienwall zusammen, von hüben und drüben schlossen Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander. Über die einstige Grenzspur aber ward der eherne Reif der Stadtbahn geschlagen.

Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen durchsausten Bezirk umher, dann muß man das alte Währing unter all dem frisch Hinzugewachsenen mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern hält es sich verborgen, schweigt, weil es ja doch überschrien wird, und läßt das geschäftig eingedrungene Wesen schalten. Manches wohlbekannte alte Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes aber ist verändert, ist entweder ganz nobel, ganz modern herausgeputzt, hat sich entwickelt, ist jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich zu verharren. Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig menschenähnlich manche Häuser altern. Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und einladend gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht gelaunt wie Greise, und man hat Mitleid mit ihnen, wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt hat, die vor einem Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe getrieben haben, der kann auf seinem Spaziergang wohl auch merken, wie eine helle, in den morgigen Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger Fleiß sich belohnt, und wie da der einzelne mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht. Da ist nun mancher, den ich ganz klein hier einziehen und seinen Glückskreuzer an die Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert und prunkt jetzt mit großstädtischer Eleganz. Andere wieder, die hier ein üppiges Leben führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück saßen, sind verschwunden, verdorben und verarmt, und drücken sich in kümmerliche Seitengassen. Man darf schon an die Leute von Seldwyla denken, denn die Währinger sind ein gar lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk.

Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten Weg der Währinger nach Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so wie an einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche ich den alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie einst mitten unter den Häusern liegt, und dem sie auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen haben. Schubert und Beethoven haben hier geruht, und ihre ersten Grabsteine sind noch an der gleichen Stelle. Aus der Erde, in der Beethoven vermodert ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel schreitet man dahin, an geborstenen Grüften vorüber. Die Inschriften auf den Totensteinen sind verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu melden. Vergessene und Verlassene zumeist schlafen hier. Die Trauer, die einst um diese Stätte gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang, der Schmerz, der über diesen Särgen weinte und der sich in goldenen Lettern unstillbar nannte, all die Klagen, Tränen und all der Jammer schicken sich an, zu verflüchtigen. Von draußen dringt das Brausen der jungen Tage herein und weht die zögernde Erinnerung hinweg. Das Gewesene versinkt hier tiefer, tiefer in den Erdenschoß. Aber ein dunkles, machtvolles Grünen treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle. Wie ein wilder, verwunschener Garten liegt der Friedhof da, blühende Hecken und schwellende Gräser überwachsen und decken den Totenzierat, und wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen, seit ich, ein Kind noch, hier gewesen, breiten ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig war.

Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim Alten geblieben. Und der lieblich-schöne Wald umfängt einen wie treue, unwandelbare Freundschaft. Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe gewachsen ist und an manchen Punkten die Aussicht sperrt, wo einst der Blick das stille Tal durchmessen konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst Ziel und Rast so vieler Spaziergänger.

Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe alte Bank setzen. Und vielleicht wäre jetzt der Augenblick, Betrachtungen anzustellen: wie das Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und vergeht. Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen, das sachte und wie einer tätigen Vernunft folgend sich entfaltet hat, die ungeheure Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen lernen. Aber ich denke nur an das Traumhafte dieses Spazierganges. Daß ich in diesen Lebensbereich, der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt bin, und daß mir nun zumute ist, als sei ich gestorben gewesen oder all die Jahre her ganz fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und habe inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt, gleich nebenan. So leben wir in einer großen Stadt. Leben stets nur auf einem winzigen Fleck, in zwei, drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der Fülle, die uns umbraust. Und haben jeder irgendein Josephinum, bei dem wir Halt machen. Alle Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer, haben sie in Papier und Büchern eingefangen auf unserem Tisch. Aber es passiert uns, daß wir das Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen, nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von einem Stadtviertel in das andere.

LUEGER

Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift einmal jemand nach diesem Mann und stellt ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt sein Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber das müßte dann freilich einer tun, dem nicht Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert; es müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe des Anschauens besitzt und dem in seiner Kunst nichts höher gilt als die Anschaulichkeit. Wie man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte derjenige, der es unternimmt, diesen Roman zu schreiben, den Lueger-Charakter in das Herz des Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit aufsperren, daß alle seine Kammern offen stünden. Er müßte die Gestalt Luegers so über die wienerische Art hinfegen lassen wie eine Wolke über eine Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers müßte sich in der Tiefe des wienerischen Wesens spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze Stadt rings um diesen Mann herum aufbauen, damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in diesem einen gesammelt, blitzen und funkeln. Das wäre die Aufgabe.

Wichtig, interessant und für den Roman sehr wirksam ist es, daß er gleich im Anfang sagte, er wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei allen Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung gestellt: Bürgermeister werden! Und er hat sich vielen Parteien angeboten. Er begann als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers im Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu den Demokraten, und pries zu Schönerers Füßen die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man ihn ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt. Überall auch spürte sein Instinkt: diese Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam. Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt nicht! Liberaler Bildungseifer, demokratische Aufklärung und Unzufriedenheit, alldeutsche Wotansideale ... das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln fassen konnte, brauchte etwas, das wie der Donner einschlug. Damit er Bürgermeister werden könne. Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben nach einem so bescheidenen Ziele ging. Er hat nachher gezeigt, wie es gemeint war.

Wichtig ist, auch für den Roman, sein Äußeres: Eine glänzende Bühnenerscheinung; die beste, die es für das Rollenfach des Demagogen gibt. Hochgewachsen, breitschultrig, nicht dick, aber doch behaglich genug, und man wird das Wort »stattlich« kaum vermeiden können, wenn man ihn schildern will. Nimmt man sein Antlitz noch dazu, dann wird vieles begreiflich. Für ein Wesen, das so ganz auf Äußerlichkeit gestellt ist, gilt solch ein Aussehen schon als Prädestination, als Beruf, als Erfolgsbürgschaft. Dieses Gesicht erscheint vollkommen bieder. Einfache, aus der knappen Stirn zurückfallende Haare, die sanft gelockt sind. Kleine Augen, die vergnügt und schwärmerisch, naiv und sentimental wirken. Ein außerordentlich solider Vollbart, der am Kinn nach dem Geschmack der Vororte geteilt ist; und mitten in diesem würdigen, bürgerlichen, ruhigen Antlitz die nette kleine Nase. Diese Nase, die wie eine aus der Bubenzeit stehengebliebene Keckheit aussieht. Man kann es gar nicht anders sagen: bieder, rechtschaffen, treuherzig, wacker. Lauter solche Worte fallen einem ein, wenn man sein Gesicht erblickt. Aus der Ferne. Denn alle Wirkung dieser Physiognomie ist gleichsam auf Distanz berechnet. In der Nähe redet dann schon eine trotzige Rauflust, die nicht ohne Tücke scheint, von dieser schmalen Stirne. In der Nähe zeigt sich der leicht schielende Doppelblick dieser kleinen listigen Augen, aus denen eine hurtige Verschlagenheit blitzschnelle, zwinkernde Umschau hält. Da zeigt sich, vom soliden, wackern Bart verborgen, ein spöttischer Mund, der hinter der Ehrlichkeit grauer Haare schadenfroh zu lächeln vermag. In der Nähe erst wird es sichtbar, welch ein unruhig flackernder Schimmer von Schlauheit und Verstellung dies Antlitz überbreitet, das auf Ansichtskarten schön ist.

Mit dieser lockenden Vorstadtpracht tritt er auf. Im Wien der achtziger und neunziger Jahre, in welchem die Vorstädte gerade anfangen, mächtig zu werden. Eine lauwarme, trübe, unentschlossene Zeit. Die bürgerlichen Parteien im Zerfall und in totaler Ratlosigkeit; nachlässig geleitet von ausrangierten Lieblingen, von alten Komödianten einer überlebten Politik. In der Tiefe des Volkes greift die Sozialdemokratie um sich. Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt führerlos blökend wie eine verwaiste Herde durch die Versammlungslokale. Und alle sind von der österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von der österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit niedergedrückt.