Das österreichische Antlitz: Essays
Part 5
Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer die Landschaft um sich, aus der sie kommen, die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer ist das besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar. Da ist eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig und kreideweiß. Aber mit diesen großen beredsamen Augen der Montmartremädchen und mit ihren plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden. Und sie erinnert an unzählige ähnliche Gesichter, ähnliche Gestalten, die man abends auf der Place Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen sieht. Da ist eine kleine Engländerin, mit dem halb offenen, fragenden Hasenmund, mit dem kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen Koketterie ... träfe man sie nachts um elf in Piccadilly oder am Trafalgar Square, man könnte sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen, nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und ihre braunen klaren Augen, ihre gerade, stolze Haltung erinnert an die schönen Kopenhagener Mädchen, die alle so klare, festblickende Augen haben wie junge Falken, und die alle so aufrecht, so frei und gesund einhergehen. Die anderen aber erinnern an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale. Ihre Mienen, ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom Dunst und Rauch dieser Luft wie mit einer Patina bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln dieser bezahlten Abende. Sie haben es durch den Nachttaumel vieler Städte geschleift, sie sind gewohnt, die grelle Musik mit diesem grellen Lächeln zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln auf ihren Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht.
Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern des Hornpipe. Ekstase der Knöchelgelenke, die den ganzen Körper von unten her ins Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden sich unter dem pochenden Rhythmus der Melodie in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche. Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des zappelnden, sich verrenkenden Niggers. Unsagbar, was dieser Tanz ausdrückt, wie er den Gentlemen up to date gewissermaßen als balzenden Affen im Frack entlarvt. Wenn dann die Musikanten wieder einmal zu brüllen anfangen: »Menschen, Menschen san m'r alle ...« ist man plötzlich wieder in Wien; wird durch den Gassenhauer erst daran erinnert, daß man nicht in einem Vergnügungsort zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand. Wir sind international geworden.
Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute. Schauen auf diese aus aller Herren Ländern zusammengemischte Lustbarkeit. Lassen sich von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, von spanischen, französischen, englischen, russischen, amerikanischen und wienerischen Melodien aufrütteln. Von spanischen, englischen und wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die eigene Schwere, die eigene Bürgerlichkeit für eine Nacht wenigstens los sein und haben dennoch kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten Glauben daran. Sie sitzen da und zweifeln, und überlegen, und machen mißtrauische Gesichter, ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne ihnen unversehens ihre Würde gestohlen werden, ihre soziale Stellung, oder als könne ihnen auf eins zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen. Unsicher sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgend etwas vorzulügen, sich einer auf den anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren Ehemännern, und machen neugierige Augen, und vergehen vor Begierde, einen Blick in den »Sündenpfuhl« zu tun, das »Laster« kennen zu lernen. Und dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante Gebärde, eine allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, solch eine infame Milde in ihrem Lächeln, solch eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß man merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von den Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen und ihr sagen würde: »Ich laß mich von Ihnen nicht ausnützen ...,« man müßte es verstehen. Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war keine legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang mit dem Manne, der neben ihr saß, beisammen. Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig. Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an ein ruhiges Leben in behaglichen Verhältnissen gewöhnt. Noch immer schick gekleidet, mit jener Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig ist und ihrem Freund immer wieder gefallen muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig, elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, wie er alle diese Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. Eine nach der anderen. Sie sah zu, wie er diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, begehrte. Ein paarmal legte sie ganz leise ihre Hand auf die seinige. Er merkte es gar nicht; schien sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie spähte umher, ob niemand sie beobachtet habe. Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor ihren Augen. Sie sah aufmerksam diese jungen, sprühenden, in ihrer Frische entblößten Mädchen an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde mutlos. Ihr Blick verhängte sich. Sie sah jetzt nichts mehr. Und sie saß da wie beraubt, verlassen und gänzlich entwaffnet.
Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute, und es sind unsichtbare Schranken zwischen ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser tanzenden Welt da. Manchmal aber läßt sich einer von den ernsten Männern vom Augenblick wegraffen, springt über diese Schranke und reißt so ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich ist es ein älterer Herr, und gewöhnlich zeigt er durch irgend einen Ruck, den er sich gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er nun den Entschluß gefaßt habe, fröhlich zu sein. Es sind immer nur zwei Spielarten, von Männern. Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der sich mit dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. Er ist immer der ernsteste von allen. Seine Brauen runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten, sein Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das Mädchen im Arme, zu tanzen. Zornig beinahe, dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich und wirbelt mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist schon kein Walzer mehr, sondern eher eine symbolische Handlung, die er vollzieht, eine vorläufige Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten Hauptes an seinen Platz zurück, setzt sich nieder und schaut sich erbittert um. Der Andere ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen seines leichten Sechsschrittes Komplimente gemacht hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, aber nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, sondern als ob er ihr seine Anerkennung bezeigen wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, dreht nach links, macht zierlich ausgemessene Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach auswärts, schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, wechselt die Gangart, das Tempo, vollführt allerlei kleine Bravourstückchen, und hört dann plötzlich auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich setzt er sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, damit keiner bemerken soll, daß er keucht und ihm der Atem ausgegangen ist.
Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend stillen Straßen, in der kalten Winterluft zerstiebt dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon verblasen. Eine Weile noch schimmert ein Frauenlächeln, dann verlischt es.
Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die eine Schlußmoral geknüpft werden soll.
PETER ALTENBERG
Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt, an den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens? Dirnenlokale, Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts. Bei Menschen, die der brutalen Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, dem gedankenlosen Vergnügen der Satten dienen. Bei Menschen, die aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er anbetet. Dort schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele hingab, das Aschanti-Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele hingab, dann die Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen, dann die Leopoldine, die Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele, denen er immer wieder und wieder seine Seele hingegeben hat.
In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren, Kreischen, Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit seinen sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den Tumult, und der Reihe nach grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen. »Servus Altenberg! ... O, Peter -- wie geht's dir? ...« Sie grüßen ihn nicht wie einen Habitué, nicht wie eine geschätzte Kundschaft, sondern wie einen Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein etwa ein Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll. Vertraulich, weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied ist.
Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße. Spät nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom Standplatz hören zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln. Dann sagt einer von ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg ...« Um sich vor uns damit auszuzeichnen, daß er ihn kennt. Die anderen wiederholen es, intim und respektvoll. Es ist beinahe eine Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er glaubt, es gäbe einen Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo ... Er lächelt, salutiert: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg.«
Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und Blumen verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet den Duft von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern, Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten grünen Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß' Ihna God, Herr von Altenberg ...«
Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt sein Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist ein Abschnitt, um manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu besinnen, und ich lese seine Bücher.
Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine Sängerin oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die American Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls eine von den vielen, denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre ... je comprends, que vous me comprenez ... c'est tout ce qu'il nous faut ... c'est plus!«
Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, es war halb acht Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten. Wir saßen da und warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹ Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um: ›Kommt sie oder kommt sie nicht?!‹ -- ›Sie kommt, sie kommt ...‹ erwiderte ich. Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten auf meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern. Da sagte ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange ist?! Man muß sich beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und jammerte ...!«
Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel leise zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen. Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle Hoffnungsfreudigkeit mit, die Lebensleichtigkeiten, wurde zur zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen, und der unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den Baumwipfeln vor meinem Fenster ...!« Und dann der Schluß: »Das Singen der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen ...«
Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei Märsche, die in Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind: Lorrainemarsch, Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen mit einer kurzen und schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden! -- -- Die Instrumente mögen direkt in den Tod gehen! Besonders kleine Trommel und Klarinette seien Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man muß die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine schreckliche Krankheit hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹ Sonst nichts!«
Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung höchsten Grades -- --. Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so glücklich gemacht hat wie Sie!‹ -- -- Die Bergwiesen in R. werden duften und leuchten, besonders nach Regen am Abend. Niemals ist jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. -- -- Enkelin, süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle --.‹ Ich möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so verstünde wie dein verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten können.‹ -- -- -- Amen -- -- Arterienverkalkung höchsten Grades -- -- Lebet wohl!«
Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche Beziehung ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe, Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft. Etwas abseits vom Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser. Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter macht und leicht. So unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria. Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die Mandolinen gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern! Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten Blätterfingern bebt.«
Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen und Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in sich geschlossen, so vollendet und präzise in ihrer Form; und sie dringen einem wie Projektile in die Brust; man ist getroffen und blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, strahlend von eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem geheimnisvollen inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten. Ich lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen Gebärde hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und so viel malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich und erinnert an keine andere. Nur hie und da, ganz leise, mahnt irgendein Klang an den Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß, daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und die französische Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt man, daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein schwaches Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert diese Sprache an nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!« ... wenn er sagt: »So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« ... oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« ... oder: »Siehe! Diese Herrliche, Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich verfetten! Helas -- --«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn reden hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden, abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast und Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form ist etwas Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses Klopfen aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt diese Echtheit sein eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois dans mon verre!« Mit der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem Glas. Aber das macht nichts.
Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals war er etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders geworden seither, und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt nicht in seinem Wesen. Er wird niemals ein großes Werk schaffen, langsam komponieren und bauen, wird niemals die Fäden irgendeiner Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in seiner Phantasie Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück -- einen »Fetzen«, würde er sagen -- mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem Leben, um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen und sein ganzes Ich darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein einziges, furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen und hat keine Zeit, etwas zu versäumen, indem er sich mit sich selbst und mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer Dirne. Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer eines enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf eine erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«, und empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche Möglichkeiten des Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten Augen einer Dreizehnjährigen als vor etwas Göttlichem. Es ist seine innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu schauen und sich schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist seine innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken auf eine rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder Schmähbriefe, in denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er wird immer nur diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher enthalten nur solche kleine Prosastücke, und die folgenden Bücher, die er noch erscheinen lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten. Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke. In diesen wohnt eine ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen zu Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg besitzt eine wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines langen Atems Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er mit seinem kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind.
Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees, in den Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der Wunsch so ziemlich aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die Dichter betonen es nur nicht immer ausdrücklich, streben bloß bewußt oder unbewußt danach, zur Erreichung dieses Zieles etwas beizutragen. Die Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich und wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele an Terrain gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein Priester und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos, überwältigt in die Arme wie ein Künstler.
Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll Verve in jeder Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein Tiffany-Glas oder eine frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter Stimme, zitternd vor Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. Als habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als umfasse er in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des Daseins.
Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an die er seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er. Jedes andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt die Erfüllung seines Traumes von Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß, wiederum ein lobendes Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das Leben zu richten. Er hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine halbe Stunde hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt, und als täte er es zum erstenmal.
Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt ihnen: Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf habt! Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht im brutalen Heißhunger eurer Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei die freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt. Beachtet ihre Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr Schicksal. Seid nicht wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! Aber sie schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele des Menschen hat an Terrain gewonnen.