Das österreichische Antlitz: Essays

Part 3

Chapter 33,521 wordsPublic domain

Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten Karussels veranstalten. Niemand vermag ihnen das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des Sattels und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher Kostüme werden sie uns Schauspiele geben können, die nur der Adel zu geben vermag, werden eine künstlerische, ja, gewiß eine berauschende Augenweide bieten, für die man ihnen wird danken müssen. Der Mensch, auch der vom Baron aufwärts, sollte immer nur das tun, wozu er Talent hat. Das Komödiespielen aber, das jetzt im Schwang ist, bleibt doch stets ein arges Dilettieren, das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen und von seinen Geschmacksmängeln nichts verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte man sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer Vorstellung, in die ihr nur euren Snobismus mitnehmt? Und fühlt denn der Snobismus selbst sich nicht beschämt, da jeder Bürgerliche doch empfinden muß, bei einem Haustheater zu sein, in einem Hause, dessen Insassen euch sonst nie einlassen würden, und die in eurer Gegenwart fortfahren, sich untereinander zu vergnügen. Aber den Snobismus scheint das gar nicht zu genieren. Den Aristokraten scheint es Spaß zu machen, wenn die Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis wird. Die öffentliche Meinung dienert im Kartell vor dero leutselig Pläsier, und da schließlich doch ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß man die Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Es ist nicht das Schlimmste, es ist nicht das Wichtigste, und die Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.

FÜNFKREUZERTANZ

Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz geführt. Sie war mir schon früher beim Ringelspiel aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich augenblicklich auf ein Pferd schwang, mit so viel Entschlossenheit, als wollte sie sagen: Von der Arbeit zum Vergnügen, das muß eben sein! Dann nahm sie sich in der verwaschenen Bluse und dem weißen Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar genug aus. Und wie das Ringeln anfing, schaute jedermann nach ihr, weil ihr hübsches Gesicht und ihre ganze Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, so tiefe Versunkenheit aussprach, so viel körperliche Hingabe und dabei so überraschenden Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein fühlte, daß die anderen Leute für sie nicht existierten. Später, als ich sie dann wiedersah, war sie freilich nicht mehr allein.

Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer wahrhaft tobenden Stimme von der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der Mann seine immerhin schwierige Sache verfechten werde; und hier erblickte ich die Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am Arme ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während er, die Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem jungen Antlitz, gläubig lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib emporblickte. Ein Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe sozusagen. Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte keine Späße; er sah auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen aufgelegt, und er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu allem Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er sich einstweilen damit, sich an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde. Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit, so doch sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr befangen an. Nie habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so ratlos beisammen gesehen. Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah ängstlich gespannt. Die Reiterin aber führte die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem sie ihren Burschen an der Hand nahm und wegging. Ganz einfach. Da folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten, neugierig, das Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen. Sie eilten zum Tanz.

Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute wieder vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte, zu sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich ringeln ließ, so hingegeben und so versunken.

Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in das dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß mir der Kleiderdunst lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe Biergeruch, der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das unbarmherzige Tosen der Blechmusik, und daß ich in zwei Minuten gehen werde.

Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie verschlungen. Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar, das sich für meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen, sicheren Sechsschritt und hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie hatten einander um den Hals gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren hochrot im Gesicht, der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die Wangen gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier etwas Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht sich drehend einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte ihm kaum bis zur Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend, und er sah hoch über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und nahm sich aus, als rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen zwei, deren Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell drehten sie sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer Tobsucht zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden. Sie kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie so geschwind den ganzen Saal durchmessen. Sie, eine kleine, dicke, nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen sie plötzlich, wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen, benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf und wirbelten mit derselben, unbegreiflichen Schnelligkeit weiter. Noch einige Male kamen sie also angesaust, und es war auffallend, wie wenig sie sich in solchen Pausen umeinander scherten, da sie doch, tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit saßen sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum ergriff und emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus nach vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes Gesicht, darin, wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts klappen wollte, weder Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief von Wuchs, hatte einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig, und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer dicken Hornbrille sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man die Anständigkeit sogleich anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und fleißig, versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr gedrücktes Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu Werke, die mit ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe weit zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen konnten. Und beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen von einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten nur mit den lachenden Augen, und das war wie ein Spiel fröhlicher Kinder.

Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein paar Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende Sinneslust schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr wurde all das Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige gerückt, da es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang, das liebte sich, gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten mitsammen, weil sie sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen tanzten.

Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir. Artilleristen. Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden Siegeraugen. Der andere schwächlich, von der Uniform fast erdrückt, und mit verprügelten Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang ihnen entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen auf den schönen Burschen zu und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst d' a a Bußl!« Sie zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie zum Tanze führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen.

Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich zufrieden im Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt, um sich gleich wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren die Großstadtkinder und die vom Lande Zugereisten deutlich zu unterscheiden. Für die einen war's eben nur wieder ein Walzer, die anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten kirchweihmäßig zu wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter mancher Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen, mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit verrichtet.

Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen zu müssen, nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen, die in Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in Grübelei und nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen, sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und da erträumt sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen Finessen des Geistes, des Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch so viel Schnellkraft sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich entwischt, seinen Lebensunband hierher zu tragen, der untertaucht in diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut kennen und vieldeutige Sentimentalität.

Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches Gesicht ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von Versunkenheit wie vorhin, da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig den anderen, denen das Leben und die Jugend noch so überaus einfach geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe Feste.

STALEHNER

Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde niedergerissen, und ein neues aufgebaut. Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu Ende. Wiener Liedersänger, Komiker, Lokalschriftsteller und allerlei andere Vergnügungskünstler haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied von einem Stück Urwüchsigkeit, das nun in der allgemein großstädtischen Banalität aufgehen wird. Es war ein Schluß mit Jubel.

Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest demolieren, staubt aus dem Schutt des bröckelnden Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte empor: die Wiener Gemütlichkeit ..., der Wiener Hamur ..., die schöne, liebe, alte Zeit ... Es ist, als wenn wir unter Menschen lebten, die wirklich allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn man ihnen einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. Man muß sagen, daß uns bessere Häuser schon verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere, als der Stalehner. Die neue junge Stadt ist über sie hinausgewachsen, und wir haben ihrer vergessen. Wir werden auch den Stalehner verschmerzen.

Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war berühmt und schaut auf eine große Vergangenheit zurück. Er hat seine Rolle gespielt in der Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist manchmal in dieser Stadt sehr fühlbar gewesen. Stalehner, das war nicht bloß ein Wirtshaus, sondern auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus haben sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung wird vielleicht bestehen bleiben. Vielleicht.

Stalehner ... schon der Name hat etwas unnachahmlich Echtes, ist wie geschaffen zur Straßenberühmtheit. Der wienerische Dialekt schwingt auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer Praterhutschen. Es ist ein Fiakerparfüm darin, und ein Schnalzen, das aus den »enteren« Gründen kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen Wirtsnamen, deren bloßer Klang schon eine ganze Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit dem gequetschten, wienerisch breitgedrückten »ei«, so daß es sich anhört wie ein wohliger Schnaufer. Oder Gschwandner ... was ja wie ein Walzertakt schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich an wie Stalehner mit diesem offenen, ein wenig frechen und gellenden Wiener a der ersten Silbe und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen: »lehner«. Behaglich und leichtsinnig.

Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert Jahre. Und es sind viele, viele Wiener Früchteln und Wiener Kinder beim Stalehner draußen berühmt geworden. Die einen durch ihren Gesang, durch ihr Kunstpfeifen und durch ihren Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, durch ihr »Aufdrahn« und durch ihr Trinken. Vom Standpunkt des Schanktisches aus muß man schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer denkt denn heute der fröhlichen Schar! Weiß jemand noch was von der Judenpeppi, die so besonders talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber das picksüße Hölzel spielte? Man weiß ja auch vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt so viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf dem Picksüßen und die Judenpeppi, haben in den fünfziger Jahren gelebt.

Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit noch andere Götter gegeben haben. Aber sie sind vergessen und verschollen, wie man des Weins, nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden hier ist reich. Er gibt in jedem Jahre eine neue Lese; und in jeder Generation neue Originale. Weinstöcke und Menschen, in denen die Kraft und der Übermut dieser Scholle aufgesammelt waren, sind hier herum immer frisch nachgewachsen. Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen, daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, der da draußen in dem winzigen Dörfchen Hernals das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn seine Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. In ihren kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort nebeneinander, am Ufer des Alsbachs, der damals noch in seinem offenen grünen Bett zum Stroheck hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die Harfenisten und Natursänger, die feschen Mädeln, die sich aufs Paschen verstanden, und die Fiaker brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen draußen zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, sondern auch dudeln und -- trinken können.

So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle geworden, an der sich die Blüte des Wiener Hochadels mit der Weinblüte des Wiener Volkes begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter, singender Berauschtheit einander vermählten. Der Stalehner war die Stätte, an der die gräflichen Instinkte unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es war, wie gesagt, eine große Zeit.

Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger Jahren. Da könnte sich ein Lokalchronist einmal ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben wollte. Tut er es nur halbwegs gut, und wird vom verjährten Weindunst, der ihm aus den vergangenen Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun etwa selber in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß ihm ein lebensvolles, farbiges Spiegelbild der Stadt Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere Prinzen noch fröhlicher waren. Vom Glanz der Fiakermilli und der Turfkarolin, die zwischen der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden einst hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, der letzten romantischen Gestalt unter den Fiakern. Und daß der Ziehrer draußen die ersten Erfolge hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein Echo von jenem hernalserischen Händeklatschen leise wiederklingt.

Hernals ... Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und im weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man finden, daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum, weniger lyrisch, dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende und kreischend Grelle. Weniger anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden Temperamenten feuriger und wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der sich die Wiener Art zum Proletarischen absenkt, die Stelle, an der sie am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, auf dem die Schalanthers wachsen.

Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die den absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist so groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn in ihnen ist so stark, daß er sie dauernder berauscht als der Wein, den sie trinken; daß er ihnen glänzender und täuschender als der Wein die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. Die wienerische Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel des Fröhlichseins: Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese Hernalser Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden, die auch nicht anmutig war, als man noch vom Stalehner bis zu der Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick nur Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände überschaute, diese Gegend hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben, ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der Wanderung zum Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen primitiven Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein, den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß des Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken, zu denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert kam, um sich aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und aufzufärben, hat es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben.

Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon, daß seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier vorbeiführt, die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem ausgestorbenen Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst reich begütert gewesen ist, das Niveau dieser Straße hat man längst gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus sachte in die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten Reiz eines nach und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, immer ein wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen Kellerdünsten erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. Da ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man durchschreiten, ehe man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung des Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden Zulauf, von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum geschaffen werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer bedächtigen und langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und von einem stetig sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser Ballsaal, diese Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus, Ausstattung und Eleganz.

Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und der Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben die gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut. Haben das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin sind, wie die Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven Kunststücke und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei, vier Fiakergenerationen mit angeschaut, haben den Gesang vernommen, der es hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte, daß der Wiener nicht untergeht, daß wir keine Traurigkeit nicht spüren lassen; und ein feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier umherwandert, erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen. Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte, die an sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte. In diesem Saal rauscht es noch von Walzern. Aber anders, wilder, trunkener als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald verschwindet. Dort draußen in Hietzing, wo die ersten Lanner- und Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit. Hier eine Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten, Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem Wirbel mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner ... da lernt ma si kehner ...«