Das österreichische Antlitz: Essays
Part 2
Man ist hier überhaupt in einer höchst internationalen Gesellschaft. In Wien an und für sich schon eine Seltenheit. Hier gibt es Russinnen in prunkvollen Gewändern und mit barbarisch schönen Edelsteinen; dann die dunkeläugigen, ein wenig zur karikaturmäßigen Genialität neigenden Polen; dann die blonden Schwedinnen, die so stolze und nachdenklich blaue Augen haben, so wunderbar goldblonde Haare, die so einfach angezogen und so schön und biegsam von Wuchs sind; dann ein ganzes Rudel Amerikanerinnen von jener unnachahmlichen Barrison-Grazie, von jenem unerreichbaren Schick, der sie sogleich von allen anderen unterscheidet, und von jener gesammelten Sachlichkeit in Miene, Geberden und Worten, die mit ein Reiz ihrer Schönheit ist; Engländerinnen, die manchmal nicht schön sind, aber fast immer märchenhaft viele Haare haben, märchenhaft frisiert, und von einer märchenhaft rostroten Farbe. Dann die Amerikaner und die Engländer mit ihren Langschädeln, ihren langen Hasenzähnen, ihren langen Armen und Beinen; kleine stämmige Russen, breitknochige Gesichter, niedere, aber gewölbte Stirnen und üppige Mähnen; dann natürlich die gewissen Jünglinge mit den überspannten Locken und den überspannten Kravatten, oftmals recht groteske Gestalten, wie Eugen Kirchner sie zeichnet. Vor Jahren ging hier als ein hagerer Jüngling Paderewski umher, mit einem dünnen, langen Hals, aus dessen Magerkeit der Kehlkopf wie ein halbverschluckter Bissen hervorstach. Sein Gesicht trug die vielen Sommersprossen der Rothaarigen und er hatte einen roten Schopf, der ihm verzweifelt in die Höhe stand, dann bis tief zur Nase ins Gesicht herein wuchtete und sich ausnahm wie ein Hahnenkamm. Zuletzt etliche deutsche Brüder und Schwestern aus dem Reich, die erheblich schnarren. Endlich die beweglichen Wiener Judenmädel und die Wiener Christenmädel, von denen wieder manche sehr hausmeisterisch aussehen und manche wie Erzherzoginnen.
Alle aber sind vom gleichen Feuer entzündet; allen ist der heiße Ehrgeiz von den Zügen abzulesen, das angespannte, mühevolle Streben, allen merkt man die harte Arbeit vieler Stunden an, das Ringen mit dem eigenen Wesen, mit den tückischen Problemen der Technik. Und alle sind erregt, als seien definitive Entscheidungen zu erwarten. Es ist ganz merkwürdig, wie alle miteinander befangen werden, wenn einer ans Klavier gerufen wird. Dieses Mitfühlen ist stärker als persönliche Gegensätze, stärker als vereinzeltes Übelwollen. Wie durch einen elektrischen Kontakt sind sie alle sofort mit dem einen verbunden, der aus ihrer Reihe vor den Lehrer treten muß, und sie zittern mit ihm, haben mit ihm Lampenfieber. Aus der Schule her wird man sich erinnern, wie durch die ganze Klasse immer ein Beben geht, wenn ein strenger Professor prüft. Die Kinder vergessen allen Streit und wünschen auch dem feindlichen Kameraden in diesen schweren Minuten jegliches Glück. Niemals fühlt man das Ta twam asi naiver und stärker als in solchen frühen Augenblicken. Hier aber ist doch noch ein wesentlicher Unterschied, denn neben der Anteilnahme regt hier sich in allen Hörern auch sofort die Strenge mit dazu. Die Ansprüche sind hoch; man ist verwöhnt, hier in diesem kleinen roten Kottagehaus, wo seit fünfundzwanzig Jahren alle großen Künstler, die nach Wien kamen, ihr Können zeigten, hier wo die Wände die allerbeste und die allerhöchste Musik seit einem Vierteljahrhundert vernehmen. Dieses ganze Haus ist von oben bis unten erfüllt von einer klingenden großen Tradition und in diesen Räumen hier sind die edelsten Weisen verhallt, die in der Welt nur unter edelsten Künstlerhänden ertönen. Drei, vier Virtuosengenerationen haben von hier ihren Ausgang genommen, sind über die ganze Erde gewandert, da und dort verschollen, am Wege gestorben oder mit Ruhm, Ehre und Reichtum beladen in das kleine Haus im Kottage zurückgekehrt, um hier vor dem alten Lehrer und den neuen Schülern ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Reife bestätigen zu lassen.
Wenn so ein junger Mann oder ein junges Mädchen während der kurzen Schritte zum Klavier sich an diese Dinge erinnerte, dann müßte das bißchen Courage freilich zusammenschnappen. Meistens aber denken sie an gar nichts als an ihr Stück, an dessen schwierige Stellen, und nur daran, daß »der Professor« da ist und sie anhört. Da kommt eine hübsche Engländerin. Das rostrote Haar umgibt ihr Haupt wie ein brennender Schein. Sie spielt scheinbar ohne körperliche Anstrengung; aber mit niedergeschlagenen Augen beaufsichtigt sie den Lauf der Finger über die Tasten. Ihre lächelnden Mienen werden ernster und ernster, ihre Mundwinkel zucken leise, und allmählich steigt eine sanfte Röte über den Saum ihres Kragens herauf zu den Wangen, zur Schläfe, und färbt ihr blasses Gesicht. Während die Leute applaudieren, tritt sie sofort zu Leschetitzky, lachend, eilig, als flüchte sie zu ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. Dann, nachdem sie eine Silbe erhascht hat, verschwindet sie. Schon sitzt auch eine andere am Flügel. Ein kleines, blühendes Ding, eine Wienerin rotwangig und frisch, aber mit kurzsichtigen Augen und mit willensstarken, geschlossenen Zügen, aus denen nichts anderes als Fleiß, Entschiedenheit und sichere Ruhe spricht. Sie stößt mit sprungartigen Bewegungen in die Tasten, hält sich verkauert, fährt zurück und schießt gleich wieder mit aller Heftigkeit los, die Arme wie Krallen vorgestreckt, den Kopf geduckt, so daß man bei ihren Sprüngen unwillkürlich an ein kämpfendes Huhn denkt. Sie scheint nichts zu hören, nichts zu fühlen, nichts zu sehen. Zum Schluß aber tritt sie sofort, des Beifalls nicht achtend, zu Leschetitzky, aufatmend, lachend, eilig, als flüchte auch sie zu ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. Alle wenden sich ihm so zu, wenn sie fertig sind; alle haben die gleiche Art, zu ihm zu flüchten, einen Augenblick lächelnd, aufatmend vor ihm zu stehen und dann zu verschwinden. Jetzt sitzt ein sehr bleicher, sehr englisch aussehender junger Mann am Flügel, der das Zittern seiner Unterlippe nicht beherrschen kann, der wie bewußtlos vor sich hinstarrt, und der doch unter dem Zwange des Augenblicks alles aus sich herausholt, was an Talent, an technischer Sicherheit und durchdachter Auffassung in ihm bereit lag. Dann kommt eine bildschöne Russin, die sehr ruhig scheint. Ihr elfenbeinschimmerndes Gesicht färbt sich nicht höher, nur den kleinen Mund preßt sie heftig zusammen und ihre Nasenflügel beben, während sie mit ihren dunklen, großen Augen die Leute anblitzt. Nach ihr eine Amerikanerin, die sich im Sessel wie in einem Sattel wiegt, die gütig den Kopf zur Seite neigt, zur Klaviatur herabnickt, als könne sanftes Zureden helfen. Dann wieder ein sehr ernster Mann mit einer Rubinsteinfrisur und -- wenn man so gut sein will -- mit einem Rubinsteingesicht, der hier nur gastiert, und der sein Lampenfieber hinter einer düsteren Entschlossenheit zu bergen trachtet. Dann ein Kind von vierzehn Jahren. American Girl, nicht eben schön. Ein bißchen dick in ihrem kurzen weißen Kleid, ein bißchen breitnasig und ein bißchen zu vollwangig. Spielt aber, als ob sie allein sei und nach keinem Menschen zu fragen hätte; den Kopf weit zurückgeworfen, Verzückung in den Mienen, die großen hellen Augen, die manchmal zu jauchzen scheinen, aufwärts gerichtet, und ist völlig eingehüllt in ihrer Musik wie in einer kleinen Wolke von Begeisterung.
Über all dieser Entfaltung von Talent, Energie, Ehrgeiz und Fleiß wacht der weißbärtige alte Herr, der mit seinen weißen, russisch geschnittenen Haaren, mit der gemütlichen Nase und den schwimmenden, verkniffenen, vergnügten blauen Augen wie ein Muschik aussieht. Rosig und frisch im ganzen Gesicht, bis unter die Haarwurzeln rosig, ist er voll Elastizität, voll Temperament und Nerven, scheint aus der musizierenden Jugend, die ihn beständig wie ein Choral des Lebens umgibt, immer neue Erquickung, immer neue Frische zu schöpfen. Mit der Präzision eines Thermometers und mit derselben Empfindlichkeit reagiert sein Kunstgefühl auf jeden Ton, der sein Ohr erreicht. Andere ermüden, seine Aufnahmefähigkeit aber wächst von Stunde zu Stunde und ermattet nicht. Gelingt etwas so recht nach seinem Willen, dann lachen seine Augen, sein Mund, seine Wangen; alles an ihm lacht, auch sein Herz: das sieht man sehr gut. Und in solchen Augenblicken ebenso wie in Momenten des Zornes, der Ungeduld kann man wahrnehmen, wie durch und durch künstlerisch das Wesen dieses Mannes ist und wie groß seine Gabe, sich zwingend, deutlich, überzeugend mitzuteilen. Oft und oft setzt er sich an das zweite Klavier, wenn der Vortrag des Spielenden ungleich, oberflächlich, verwischend wird, oder wenn's am Rhythmus oder an der dynamischen Wirkung hapert. Dann begleitet er nach seiner Weise den Schüler ein Stück des Weges, reißt ihn schneller mit sich fort, oder hält ihn zügelnd zurück, oder gibt einer Cantilene mehr Weichheit, hilft einem Thema zum plastischen Ausdruck und läßt dann den wider Willen Geleiteten allein weiter laufen. Oder er fährt wütend dazwischen, schickt die Vortragende unter heftigen Scheltworten vom Klavier weg und erlaubt ihr erst auf inständiges Bitten das Weiterspielen. Und da ist es oft rührend, wie so ein junges Ding nun seine ganze Aufmerksamkeit in beide Hände nimmt, um das glückliche Ende zu erreichen. Niemand wundert sich über solche Zwischenfälle, niemand von den Betroffenen zeigt falsche Scham. Alle wissen ja, daß sie hier eigentlich nur für ihn allein spielen, und nicht für die anderen hundert Menschen, die zufällig dabei sind.
Wie ein vielmögender Pförtner an der Schwelle des Ruhmes steht er vor dieser andrängenden, stürmisch den Einlaß begehrenden Jugend, die er durch sein Künstlertum beherrscht, durch den Glanz einer großen Vergangenheit und durch den Scharme einer immer sprudelnden, immer lebendigen und verheißungsvollen Gegenwart. Es ist ein hervortretender Zug im Wesen Leschetitzkys, daß er Festlichkeit um sich verbreitet. Damit lockt er und wirkt er wohl am meisten. All seine Wissenschaft und Erkenntnis würde ihm die Menschen nicht zuführen und könnte den Menschen nichts nützen, wenn er zufällig ein Schulmeister wäre und kein Künstler, wenn sein Ernst trocken wäre und er dieses strömende, zum Wohlsein und zur Feiertagslaune geneigte Temperament nicht besäße. Denn nie ist ein Schulmeister geliebt worden, und es ist kein Schaffen möglich ohne Heiterkeit des Herzens und festlich gestimmte Laune.
Stünde dieses kleine Haus in Graz, in Magdeburg oder in Düsseldorf, man würde sich beeilen, von Wien aus hinzureisen, um diese seltene Kunstakademie zu sehen, die ein einzelner geschaffen, die nur durch die Persönlichkeit eines einzelnen lebt, und aus der so viele Berühmtheiten hervorgegangen sind. Man würde den weiten Weg nicht scheuen, um einmal in dieser rätselhaften und wohltuenden Atmosphäre zu weilen, um diesen Mann genauer zu betrachten, der von weitem wie ein Magier aussieht, der in der Nähe jedoch nichts weiter ist als ein starker Mensch und ein Künstler von mitteilsamen Kräften. Weil es aber nur in Währing ist, kann die Sache aufgeschoben werden, denn da kommt man ja sowieso alle Tage hin.
ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG
Der Wagen rollt durch das Augartentor und sogleich fühlt man sich ein wenig gehoben. Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren? Da gibt es denn einfach eine vornehme Stimmung, von der gemeinen Straße abbiegen und über diesen fürstlichen Kies dahinfahren zu dürfen. Schade, daß kein Schnarrposten da ist. Der könnte ein bißchen schreien, und das würde das Selbstgefühl ungemein steigern. Aber das sind überschwengliche, vermessene Träume, gefördert durch die Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst die große Antichambre, dann schnappt man rasch wieder zusammen. Ein hoher Saal mit Kronleuchtern, Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und Rot, die offiziellen Farben in den Palästen. Das Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft beschämender Weise. Hier sind Gemächer, Appartements. Und Lakaien. Ein solcher Schwarm von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht einmal auf der Bühne. Denn welches Theater hätte so viele und so präsentable Komparsen? Galonierte prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. Es ist wirklich herzerfreuend, wie gesund und wohlgenährt diese wackeren Männer aussehen. Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind und streng dabei; die Gebärden von ungeheurem Stolz haben, und die einem trotzdem beim Ablegen des Winterrockes behilflich sind. Man merkt sofort: hier muß man sich geehrt fühlen.
Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, geehrt zu sein, unstreitig das angenehmste. Und wenn man diese bescheidene Behauptung nur einigermaßen als wahr hinnehmen will, dann ist das Rätsel solcher Vorstellungen gelöst. Das Rätsel nämlich, daß man solche Vorstellungen wie Ereignisse ersten Ranges traktiert, daß man sich zu ihnen drängt, sich die Billette aus der Hand reißt und sich schlechterdings für deklassiert hält, wenn man nicht mit dabei gewesen ist. Es gibt Vorstellungen, in denen man sich gerührt, Vorstellungen, in denen man sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, in denen man sich belustigt oder begeistert, Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt fühlt. Aber Vorstellungen, in denen man sich ununterbrochen geehrt fühlen muß, darf oder kann, gehören doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt den Zuschauerraum, und gleich am Eingang steht ein Graf, der die Kartenabgabe überwacht. Zu viel Ehre! Man versucht, in seine Sitzreihe zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen, zwei Gardekapitäne, um uns durchzulassen, eine Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel der Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen Prinzen zur Rechten, eine Reichsfreifrau zur Linken, einen Fürsten vor sich und hinten einen Marquis. Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur Rechten plaudert mit der Reichsfreifrau zu deiner Linken, so laut und so ungeniert, als ob du gar nicht da, als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst du, ob du nun willst oder nicht, du hörst es und bist hochgeehrt. Kein Zweifel.
Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise zu erwähnen. Wer wird vom Geld sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder Krämer, der sichs sauer werden läßt, kann es besitzen. Hier gilt vor allem die Wohltätigkeit, und was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten als tadellos frommen Zweck geweiht. Wenn adelige Leute lebende Bilder stehen und sich gegen Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im Augarten -- ein zwar nicht allen, aber doch allen zahlenden Menschen gewidmeter Erlustigungsort wird, dann, bitte, nur keine plebejischen Anwandlungen. Daß Aristokraten keine gelernten Künstler sind, muß man im voraus wissen; daß sie nur über eine standesgemäße Begabung verfügen, darauf muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim Wurstl kann's halt nicht sein. Aber: ein Theater, wo lauter Fürsten und Grafen und Komtessen und Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was, Himmelherrgott!
Und -- Himmelherrgott -- es ist auch was! Schon der Zuschauerraum, dieses ganze vornehme, wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte Auditorium bietet genug und genug. Wollte man die Kronen der hier versammelten Herrschaften auf ein Häuferl schichten, das gäbe eine nette, funkelnde Pyramide, die bis zur Decke reichen würde. Schwerlich vermöchte es diese Erwägung, auf einen Südsee-Insulaner sonderlich zu wirken. Aber ein zivilisierter Mensch fühlt sich immerhin von Ehrfurcht ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein nicht alles tut: An einem anderen Ort zum Beispiel möchte man sich schrecklich entrüsten, wenn die Leute so schreien, wenn sie einander über zwanzig Köpfe hinweg anreden, sich »Grüß' dich« oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil es aber Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, hält man's für ungenierte Noblesse, fühlt sich eingeschüchtert von diesen Menschen, die durch ihre ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen geben, daß sie immer und überall »unter sich« sind, und daß, wer nicht dazu gehört, einfach nicht als anwesend gilt. Das Bewußtsein und seine Helfer, die Kleider, die Uniformen, die Juwelen: es ist kinderleicht, eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, wenn sie ein Diadem in den Haaren trägt, das eine Million wert sein mag. Man breite ein Kopftuch über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, kleines Kopftuch, und das nette, zutrauliche Gesicht eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar aussieht, muß man erst umdrehen, um hinten an seiner Kämmererspange zu merken, daß er »wer« ist. In Zivil würde man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften Zügen, mit seiner alltäglichen, ein wenig farblosen Wohlgenährtheit und mit seinem Zwicker für einen Magistratsbeamten nehmen. Jener alte Mann dort, dessen weißer Bart ebenso ungepflegt als ehrwürdig ist, dem die Backen schlaff und wie ermüdet niederhängen, dem die Nase zum Mund hereinhängt, dem die Schultern hängen, und die Kleider am Leibe: -- genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen so belanglos hat mein Mathematik-Professor ausgesehen. Jener Herr aber ist ein Fürst. Fürstliche Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke Frau. Dünn wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher wie eine Gelse, hat ein nettes, schmales Gesicht, kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen, und man würde sie treuherzig für ein niedliches Kammerzöfchen halten, das zu hüpfen gewöhnt ist, sooft die Klingel tönt; wenn man nicht wüßte, daß man sie Frau Gräfin ansprechen muß. Da sind junge Herren, die so glatt frisiert sind und so windspielhaft von Wuchs, wie feine Kellner in einem feinen Hotel. Haben so gutmütig junge, gedankenlos hübsche und sauber gewaschene Gesichter wie feine Kellner und sind Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, mit herrischen Mienen, scharfgerissene Profile, Nasen von einer Krümmung, die sich heutzutage nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen. Stolzgeschwungene Lippen. Und gleich sagen die Leute: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in Hernals und in Ottakring ein paar junge Burschen einfangen, angehende Fiaker, bei denen nur die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß sie nicht wie Grafen aussehen. Selbst aus der Tempelgasse ließen sich Duplikate herbeischaffen. Nur daß es dann freilich mit anderer Betonung hieße: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die Abkunft!
Einen gänzlich Fremden -- man brauchte ihn gar nicht von den Südsee-Inseln herzunehmen -- könnte die Vorstellung nicht im mindesten interessieren. Weder das Publikum, da er unsere Uniformen und Ehrenzeichen nicht zu erkennen vermöchte, noch die Gaben der Bühne, da ja die stolzen Namen seinem Ohr unvertraut und gleichgültig wären, die Namen, ohne die beinahe alle Akteure ihren Reiz verlieren müßten. Wir aber haben die Zusammenhänge, haben alle die Relativitäten, die das Amüsement solcher Theaterspielerei ausmachen. Und mondainen Leuten mag es schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die sonst hoch über ihnen hausen, einmal als befangene, ehrgeizige Komödianten vor sich zu sehen.
Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten dort oben auf den Brettern. Die Aufregung ist so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie jede ehrliche Regung sympathisch ist. Da war ein Engel in dem ersten Bild. Eine reizende kleine Komteß hatte nichts weiter zu tun, als in der vorgeschriebenen Stellung ruhig dazusitzen, indes die anderen musizierten. Aber wie gelähmt war sie vor Befangenheit, wurde rot und röter unter der ungewohnten Schminke, und man mußte gerührt werden, wenn man das schöne Kind ansah. In diesem ersten Bild war übrigens die Darstellerin der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als ob's von Holbein gemalt worden sei, mit einem weltentrückten Ernst in den Augen und einem frommen, strengen Harm auf den eingefallenen Wangen. Noch einer fiel mir im zweiten Bild auf: der Pierrot. Ein schöner, feingeschnittener Kopf. So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte Züge, daß man an die wunderbaren Pierrots denken mußte, die Willette gezeichnet hat. Dieses Bild brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein Halbdutzend winziger Prinzessinnen und Komtessen und, das muß wahr sein, sie haben wie die kleinen Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's doch, wie an den Kindern gewisse Unterschiede am schärfsten merkbar wurden. Wie die einen nämlich, von ihrer Angst, von ihrer Befangenheit und von ihrem Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr automatisch sich rührten, indessen die anderen mit einer großartigen Gleichgültigkeit, mit absoluter Ruhe ihre Schritte und Knickse taten, unbekümmert, ob's gut sei oder schlecht, und als dächten sie: hier tanzt die Prinzessin Mimi -- das genügt! Es waren dann im Schubert-Bild ein paar niedliche Mädchen zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der unsere Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. Und ein blonder Jüngling war bei ihnen, von der Schlankheit und federnden Grazie russischer Windspiele, dazu mit Augen, die so vergißmeinnichtblau schimmerten wie Schubertsche Lieder. Die Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger -- und die Wohltätigkeit ist wohltätig genug, seine Kunst zu schirmen. So wie er jedoch müßte der Bellac im Burgtheater aussehen, und im »Probepfeil« der Krasinski sollte sich eine solche Maske nehmen und ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen Sturm. Weniger empfehlenswert für die Burg wären die spanischen Messerhelden, die man hernach zu sehen bekam, und die spanische Donna, die an der Leiche des gemordeten Liebsten ein so gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich nebensächliche Verzweiflung agierte. Dann aber kam das letzte Bild, wo in der Tiefe des Ozeans der bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat« als Neptun auf dem Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit mit dem Pikkönig hatte, wo auf dem Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von pausbackiger Feschheit der Wassermajestät zur Seite stand, wo ein Hofnarr so hochmütig und schlecht gelaunt sein glattes, junges Antlitz in Falten zog, als sei er beim Demel oder im Café Pucher, wo ein Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit posierten, die ein fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz der Seele verleiht, wo inmitten der Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der prachtvoll spielte, der aber mit all seiner Musik die Dissonanz zwischen seinem Frack und den Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen vermochte, und wo endlich -- auch im Frack -- Alfred Grünfeld kam, um mit Schuberts silbern tönender »Forelle« der fürnehmen Mummerei ein willkommenes Ende zu bereiten.