Das österreichische Antlitz: Essays

Part 12

Chapter 123,510 wordsPublic domain

Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in der Ferne ein Böttcherhammer niederfiele. Noch einmal, dann wieder. Mit dem Feldstecher suchen die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit, weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht stärker als ein verlöschendes Streichholz. Und wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen eröffnen das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie schwaches Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender Eierschalen, wie das Knittern von starkem Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig, als ob jemand voll Zorn an eine Tür klopfen würde: die Maschinengewehre. Das Pochen reißt ab, setzt wieder ein. Und nichts zu sehen, als in den Feldern oder am meilenfernen Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen Ruhe verharrt die Landschaft, in einer majestätischen Gleichgültigkeit gegen den Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten durchwühlt, in ihren Mulden und Gräben. Dort unten, tief in den Wäldern, in schmalen Gebirgspässen, am Rande unwegsamer Schluchten, auf engen Brücken, die hoch über wilden Sturzbächen schweben, bricht jetzt der Kampf los; um des Reiches Pforten.

Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist. Sollte das hitzige Fieber spüren, das in den Stunden vor einer großen Entscheidung über die Menschen hinpeitscht. Sollte die Schauer jener ungeheuren, verführerischen Feindseligkeit genießen, die aus den tierischen Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen, wie aus einem glühenden Traum, und sich an der spielerischen Wirklichkeit beschwichtigen: Gedankenmanöver ... Vielleicht, daß von den Soldaten einer, anschleichend in der Schützenlinie, am Boden liegend, im Schnellfeuer, berauscht von seiner Jugend, von der eigenen Kampfgebärde und vom Knall des eigenen Gewehrs, für Sekunden in das siedende Bad dieser Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes flammende Tiefen hinabtaucht. Im nächsten Augenblick aber reißt es ihn gewiß schon wieder aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor zum harmlosen Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. Denn es gibt eben Dinge, die sich auf Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren lassen: Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch und in Ackerschollen hingekrümmte Verzweiflung, und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, die über den Schlachtfeldern sich breitet.

Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender Ereignisse vorberechnete Gebärde. Erdichtetes, wohl ausgedachtes, künstlerisch komponiertes Geschehen, dargestellt unter freiem Himmel von fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel in drei Tagen, in drei Aufzügen, wenn man will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen Massenszenen, mit unzähligen dekorativen Episoden, und mit einem einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt wird, dessen Gegenwart, wie ein ruheloser Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen, fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, Anstraffen der Nerven ringsumher verbreitet, und Prunk und Glanz und hohes Erwarten: der Kaiser.

Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der militärisch-monarchische Gedanke in die Erscheinung, wird in dem kleinen Ort hier -- vom bürgerlichen Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt -- greifbar nahe, wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche reiner vernehmlich. Das unübersehbar große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält, ist hier auf einmal zu übersehen, ist dichtmaschiger, so daß man herantreten und sein sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte geworden, gibt den Extrakt der herrschenden Gewalten. Schon äußerlich. Die Einwohner, das, was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden, ist an die Wand gedrängt, in die Winkel verscheucht, unsichtbar neben dem Glanz, der jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der Kaiser, die Erzherzoge, die Generale, Minister, Statthalter, Polizei. Und Militär, Militär, Militär. Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf den Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen steht einer vor dem anderen in Ehrfurcht, in Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall wird nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall gibt es nur Vorgesetzte und Untergebene. Alle Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich in greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit lebend, hat man sie gelegentlich wohl vergessen: hat, unter höher gewölbten Horizonten dahinwandelnd, manche dieser Dinge für verschollen, für erledigt, für nicht mehr diskutierbar gehalten. Da wird es einem seltsam zumute während dieser drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt, in konzentrischen Kreisen sich dreht, auf denen Rang und Stand, und Geburt und Charge verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen und Signalen seines Wertes umhergeht, wo Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt und im Augenblick fühlbar werden. So nach und nach aber findet man sich angezogen vom großartigen Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich fasziniert von der erlauchten Magie des Menschenfanges, und bewundert ihre tiefe Psychologie, ihre uralte Weisheit. Und dann braucht man sich's gar nicht mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher Krieg ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn gefunden, wenn man am nächsten Morgen hinauswandert ins Gelände. Da wird eben die Krone des Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der Idee: wie sich die Tausende darbringen, wie sie dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. Die Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die Hauptprobe jener Treue, die in der Volkshymne »Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver.

Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein. Wolken ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt weißdampfender Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der anrückende »Feind«, vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch. An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die Sonne scheint Zitate aus der Geschichte nicht anzuwenden und zeigt sich nicht. Auf der Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz fährt aus den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der Magengrube, in den Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam durchzuckt. Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der Wind zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz das Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen stehen, rückt in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: Rückzug. Nach einer kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder. Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt, aus dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig, zornig. Die Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen. Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so beredsam den Charakter des schnellen Eingreifens, der furchtbaren Aggressivität.

Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der Wind schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die Wolken bis auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen mit eisiger Wassernagaika. Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die sechs Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein wenig abseits das Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die Tiere nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben. Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm aushält. Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend zu einem anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd parierend, sieht diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu federn scheint, und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann endlich einreitet, gefolgt vom Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht man, wie ihm unter der schwer nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an den Kopf klebt, wie es ihm von der Stirne, vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber auch, wie er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles gar nichts. Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das Wetter ... gar nichts.

Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich fort, nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus. Auf der Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze Gebäude von einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden zittert, die Fenster schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor dem Tore das helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über den Hof, übers Dach hinweg das Pochen der Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten rasen vorbei. Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, und in der Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa ...« Das Hurrarufen stürmender Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz getaucht, in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die Wiesen, die funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den schimmernden Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten Terrainwelle, die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen die Regimenter in breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten zwischen die beiden Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder, prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt sich oben, nimmt Stellung: die kaiserliche Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die Haubitzen zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an den Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen über den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund abschließt, mit Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt. Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern. Regimentern auf seinem ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno zu nehmen hat, all das mit meisterlicher Regiekunst auf den letzten Augenblick hin, auf den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das Echo besänftigt sich und verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber: »Gott erhalte ...« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit Trommelwirbel übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer weiter, immer entfernter, Generalmarsch ... Trommeln, dann feierlich die Volkshymne ... zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser reitet ins Hauptquartier zurück.

Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende, sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen der Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen sie im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man sich's einbilden könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun Frieden ist, seit einer Stunde ...

Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal hinuntergleitet, wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht der ganze Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem kleinen Bahnsteig, erzählen die Leute, daß der große Krieg im fernen Asien zu Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen sei. Laurins Rosengarten steht im Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her läuten die Glocken, und man hat den Traum, daß diese schöne Welt eine ruhige Stunde genießt.

ELISABETH

Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas Unwirkliches, ihre Gestalt schwebend wie die Gestalten eines Traumes, und auf ihr Schicksal blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes Dasein, sondern wie auf eine Dichtung. Das rührt von der tiefsten Seelenkraft dieser Frau her, die alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang. Das rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick freilich verwundet, aber niemals bestaubt werden konnte. Was auch rings um sie her an Verheißungen hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. Was auch vor ihr an teuren Gütern in Trümmer sank, es vermochte nicht, ihr den Weg zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich hohe Hinwegschreiten über das äußere Leben macht es, daß ihr Dasein jetzt einer Legende gleicht.

Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft aus sonniger Pracht in dunkle Trauer und endigt in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben: die stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien einzog, so lieblich, daß sie nicht bloß die erste, sondern die schönste Frau des Reiches war. Die schönste Kaiserin an einem lachenden, frohgelaunten Hof, in einem lachenden, frohgelaunten Wien. Dann ihre Krönung zur Königin von Ungarn, bejubelt, wie seit den Tagen der Maria Theresia keine Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein langsames Hinweggleiten aus all dem Glanz. Einsam und einsamer auf weiten Reisen. Dann der Tag von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher Zukunftshoffnung. Dann wieder tiefe Einsamkeit in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein unerfüllter Traum. Das Schloß blieb verlassen. Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden südlicher Meere, durch kleine Städte Italiens. Unerkannt, unscheinbar in ihren Trauerkleidern, versteckt und den Zudrang der Menschen meidend. Jahre. Dann am Genfer See das schnelle, aus Mörderhand empfangene Sterben.

Die Kaiserin ... Sie ist uns lange schon entschwebt, war uns eine Gestalt, die irgendwo ihr Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen ins Weite trug. Nur manchmal drang eine Kunde von ihr bis zu uns herüber, nur manchmal kam ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht. Und wunderbar, wie feines Ahnen in den Instinkten der Menge liegt, daß man aus so fernen Fernen die Kaiserin verstand, daß man ihr Suchen nach Schönheit und Ruhe begriff, daß man banalere Vorstellungen vom Walten einer Kaiserin still beiseite legte und mit ahnungsvoller Ehrfurcht eine Menschlichkeit bewunderte, die über den höchsten irdischen Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig entgegenstrebte. Die Kaiserin. Auch dieses Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter, unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden.

Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn ein anderes Antlitz als das ihrer blühenden Jugend hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt. Aber indem wir diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir, daß keines ihr wirkliches Wesen enthüllt. Dieses edel schmale Gesicht sehen wir, die Anmut ihrer geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer Augen. Doch wir sehen, daß alle Maler die Prinzessin Elisabeth malen wollten, die Kaiserin Elisabeth. Und daß keiner es vermocht hat, Elisabeth zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas noch verbirgt, ein Unaufgefundenes, ein Verhehltes, ein Verschlossenes: sein Bestes. Die Züge sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt, was sie beseelt, das ist nicht da. An die leere Stelle tritt ein offizieller Ausdruck: Kaiserin. Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste, intimste Lebendigkeit hat keiner von den Malern gegeben. Vielleicht auch, weil keiner sie erfassen konnte.

So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden nicht erfaßlich gewesen. Nicht in geraden, handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa: sie ist heiter gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig, oder fromm, oder demütig, oder stolz, gütig oder voll Energie. Sie war am Ende zu sehr alles zusammen, heiter und melancholisch, freigeistig und fromm, demütig und stolz und gütig und voll Energie und noch vieles andere dazu. Sie war viel zu sehr alles zusammen, als daß man dem Volke eine Formel hätte darreichen können: so und so ist deine Kaiserin. Kann sein, man hätte sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe, die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere Beispiele entstanden und gewertet worden. Es hätte Mißverständnisse gegeben.

Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen Blut. Die Wittelsbacher vermochten es oft, ihr fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln, hatten die Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen, ja zu prassen wie andere in Genüssen des Leibes, hatten oft diese stürmende Seele, die sich selbst zerarbeitet. Zu ihren Urmüttern zählte Therese Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze und wildschöne Tochter, die das Reiten und Jagen liebte und das Bücherlesen, und dem höfischen Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des Kurfürsten Max Emanuel Gattin. Elisabeths Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht in den Orient trieb. Es war die große Reise seines Lebens. Und sein Traum vom Reisen war der Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I., ein besserer vielleicht. Mindestens ein sehr kultivierter Dilettant, der historische Novellen aus der Renaissancezeit schrieb. Königliche Prunkliebe und bürgerliche Einfachheit ist bei den Wittelsbachern. Aber am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus zu vererben hat, noch so sehr durchsuchen, noch so sehr durcheinandermischen, die wundervolle Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der Kaiserin Elisabeth gelebt hat, entschleiert sich und erklärt sich damit nicht.

Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer Jugend die adelige Kunst des Reitens geliebt und geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und geschmeidig war und daß ihr Gang eine musikalische Schönheit besaß, die aus solcher Meisterschaft herkam. Daß sie den Zauber einer unberührten Natur, Bergwälder und Meeresufer inniger verehrte als den Tumult mondäner Amüsements. Daß keine Eitelkeit und keine Hoffart in ihr war, die sie getrieben hätten, sich am lärmenden Zuruf der Massen zu ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich selbst als Schaustück der Menge hinzustellen. Daß sie dafür auf einsamen Spaziergängen aus dem Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren noch anfing, Griechisch zu lernen, um des Gedichtes Schönheit aus dem Urtext näher zu begreifen. Daß sie den Dichter, der das »Buch der Lieder« geschrieben, verehrte und ihm zu Korfu ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz um ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von Gestade zu Gestade ruhelos umhergetragen, ihren Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie sie stets ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen verborgen gehalten. Wenn wir nur dieses, was wir wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen, dann haben wir eine große Seele, ein Frauenherz von einer Reinheit, einen Frauensinn von einer Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt unserem Gedächtnis bleiben müßte, auch wenn sie nicht die Kaiserin gewesen wäre.

Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem Wert. Denn sie hat mehr gewirkt als eine Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt, auf allen Festen glänzt, sich überall huldvoll und gnädig dem Volke neigt und die Mode des Landes wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft regiert. Sie hat dieser Zeit die Fürstin gegeben, hat als einzige auf eine lautlose, unwillkürliche und vollkommen menschliche Art gezeigt, was eine Fürstin ist. Sie hat ein Hochmaß von Weiblichkeit in unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als alles, was wir an erdichteten weiblichen Idealgestalten besitzen.

Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter der Kaiserin zuwendet, da merken wir, daß wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen, uns nicht vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern daß es weit mehr die Ahnung von ihrem reichen Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus weiter Ferne angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd, vom Schimmer des seligsten Glückes umflossen und vom Glanz einer erlesenen Tragik umleuchtet. Nur leise Andeutungen haben wir, um ihr Inneres zu erraten, nur das Echo vom Echo ihrer Worte, nur den Hauch, der von ihrem Wandel ausging, nur verwehte Klänge ihrer Lebensmelodie. Der Spiegel der Volksseele hat nur ein schwaches, undeutliches Bild dieser hohen Frau aufgefangen, und man bestaunt es wie das Antlitz eines Märchens. Diese Gestalt ist wie aus lauter dünnen Schleiern gewoben, fließend, ungreifbar, unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt wie mit einem Stempel.

So wenig braucht es, einen guten und seltenen Menschen zu erkennen. Sei er noch so verborgen, so hat sein Wesen doch einen Duft von solch feiner Kraft, daß man seine Gegenwart empfindet wie die Gegenwart im Grase verborgener Blumen. Sei er noch so entfernt, so ist er doch in eine Atmosphäre gehüllt, die leuchtet wie ein Gestirn am dunkeln Himmel.

DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ

Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz entgegen. Aus allen Schaufenstern sieht es uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen, Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die Titelblätter aller Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, und es prangt in der Apotheose aller Festspiele, umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir uns hinwenden, lächelt dies Greisenhaupt aus weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht verhehlten Augen sein stilles Lächeln.

Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir alle sind mit diesem Bilde vor uns aufgewachsen. Unsere Väter schon haben kein anderes Kaiserantlitz mehr in Österreich gekannt, und wie wir kleine Buben waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, da wir zum erstenmal in der Schulstube saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen zur Schule, und auch sie blickt dieses selbe Angesicht aus feierlichem Rahmen an. Mit diesem Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben alle unsere Tage in diese Mienen geschaut, und sie sind uns so eingeprägt, daß wir bei dem Worte Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir werden sie noch lange sehen, wenn wir das Wort Kaiser aussprechen oder denken. Diese beiden Vorstellungen, von einem Monarchen und von einem Antlitz, sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich, so von frühester Kindheit an miteinander verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr voneinander trennen werden. Was immer auch geschehen mag.

Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute Züge, die unserem Denken also lebhaft einleuchtet. Schließlich gab es ja noch andere Gesichter, mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt haben. Gesichter, die uns geläufig waren, deren Klischee wir fertig in unserem Bewußtsein trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren, wie Photographien in einem Album. Man braucht gar kein langes Gedächtnis zu haben, um sich des dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys zu besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen Spießbürgermaske des Grafen Taaffe. Und vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz Girardis berühmt, so berühmt, daß es über Wien stand wie der Mond, und wie dieser in alle Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden schwarzen Augen, dieses Antlitz der zum Genie gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir haben viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig waren, und von denen es schien, als gehörten sie einfach mit zum Bestand des Lebens, und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich.