Das österreichische Antlitz: Essays
Part 11
Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und menschlich feierlich zugleich. Denn die jungen Menschen, die hier standen, werden sich in späten Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten Kaiser sahen, das freundliche, lebenslang uns allen vertraute und gewohnte Antlitz, schneeweißen Bartes unter dem Generalshut, diese feine Fürstengestalt, umwittert von dem Hauch großartiger, tragischer und seltener Erlebnisse. Und wie er in dieser Stunde, nahe am sechzigsten Jahre seiner Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie er milde, abendlich leuchtende Worte von seiner Jugend und von seinem Alter sprach, konnte man für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, fern über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen.
»GEWEHR HERAUS!«
Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere Burgplatz. Wundervolle Stille umfängt einen, wenn man aus dem Straßenlärm hereinkommt und es ist, als sei man hier in der imposanten Leere einer herrschaftlichen Antichambre. Man spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an der vornehmen Ruhe dieser Mauern, wird langsam und ganz unmerklich von einer ehrfürchtigen Stimmung beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal steht da, wie ein einsames Zierstück in einem ausgeräumten Prunkgemach. Überall Strenge, steinerner Ernst. Nur die Uhr auf dem First des Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten Untertanen herab wie ein rundes freundliches Antlitz.
Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen. Alle kleinen Jungen in Wien tun das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne, lehnen an schwarzgelber Barriere die Flinten, und besonders: da sitzen auf einer langen, die graue Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten, daß man sie in aller Muße betrachten mag, was ja in jenen guten Tagen ein unerschöpflicher Genuß ist. Der Offizier promeniert, die goldene Feldbinde um den Leib, vor der Wachstube, und man beneidet ihn sehr. Der Mann am Posten geht, das Gewehr geschultert, aufmerksam auf und ab. Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von atemloser Erwartung erfüllt, und von gespannter Neugierde.
Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten, um ihn genauer zu betrachten. Er stand dicht vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und bestaunte ihn in seiner Rüstung und in seiner herrlichen Strammheit. Hatte nur ein wenig Angst, er würde mich wegjagen oder gar einsperren. Wich aber doch nicht vom Fleck. Er schob mit einem Achselzucken das Gewehr zurecht, reckte sich kerzengerade auf, blinzelte mit stumpfem Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter, pausbackiger, eisenfester Bauernbursch. Plötzlich stieß er ein hirnerschütterndes Geschrei aus. Gänzlich unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites Gesicht im Nu völlig auseinanderging, daß sein Mund sich auftat, wie ein ungeheurer schwarzer Rachen, aus dem dieses schreckliche Gebrüll hervordonnerte. Entsetzt war ich zurückgesprungen, und in der blitzartigen Überlegung der ersten Sekunde meinte ich, er sei aus heiler Haut rasend geworden, oder weil der Mann es vielleicht nicht ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun durch meine Schuld ein toller Schmerz in ihm erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne, davon der ganze Platz widerhallte: Ge...wäh...rähr...rrrr...a...aus! Dann aber, als die anderen Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen, sich in Reih und Glied stellten, der Offizier den blitzenden Säbel aus der Scheide holte, und als die Trommeln zu wirbeln begannen, merkte ich, daß alles in Ordnung sei. Und gaffte überwältigt dem goldenen Wagen nach, der majestätisch zum Tor hinausfuhr.
Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen vergoldet sind, kriegt man ja auch sonst nicht zu sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls goldgeschirrten Leibjägers weißer Federbusch, der so stolz im Winde flattert, als Augenweide gelten kann, und daß man sich der prachtvollen Pferde freut, die im Laufen so nobel mit dem Kopf nicken. Dann ist alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel verklingt, der Schnarrposten schweigt beruhigt, die Soldaten sitzen wieder harmlos da. Es ist nichts vorgefallen, und man kann auch keinen weiteren Eindruck mit nach Hause nehmen, als daß die Mächtigen dieser Erde nicht über die Straße können, ohne daß sich vor ihnen ein helles Geschrei und ein gewaltiger Lärm erhebt.
Dennoch: auch der Erwachsene, auch der Aufgeklärte, auch der weiß Gott wie Gescheite kann sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen. Er wird jedesmal, immer und immer wieder aufs neue gefangen genommen, wie von einem unwiderstehlichen Effekt. Man geht gleichgültig über den Franzensplatz, ohne Laune, ohne den Zauber seiner Stimmung diesmal zu spüren. Da auf einmal der langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!« Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der Soldaten. In der nächsten Sekunde das Einschlagen der Trommel. Der Offizier präsentiert grüßend den Säbel. Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt feierlich in die leere Luft, und das Wirbeln des Tambours prasselt über den Platz. Überallhin schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer Seite her jagt der Wagen, umhüllt vom festlichen Dröhnen dieser Ehrenbezeugung heran. Ein wehender Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht sogar am kristallenen Kupeefenster ein weißer Handschuh. Und schon werden hohe Torflügel geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst nicht gesehen, aber doch den Glanz seiner Nähe, hat doch von kaiserlicher Macht einen flüchtigen Hauch verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen seiner Herrschaft wird einem nun die Torwache. Abgesandte sind es, von allen Truppen hierhergeschickt, zu des Kaisers Wohnung, um in Waffen unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und kommt er nach Hause, und fährt er aus, sowie sie nur seiner ansichtig werden, treten sie hervor, grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall, melden: Wir sind da!
Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals Maulaffen feilhalten, und die sich doch manchmal dazu verleiten lassen, wenn sie über den Franzensplatz gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl. Spähen umher, verweilen noch ein paar Minuten und sind dann gänzlich der allgemeinen, ruhevollen und großartigen Spannung, die hier herrscht, verfallen. Schauen überall nach Vorzeichen aus, lugen zu den Fenstern empor. Dort im Torbogen schüttelt ein Burggendarm den Kopf, daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu wallen und zu zittern beginnt. Hat er was bemerkt? Oben in den Fenstern lüften hie und da die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten goldbetreßten Röcke sichtbar werden und die blinkende Hellebarde in ihrem Arm ... Noch nicht? Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen Wunsch: das Ereignis möge endlich eintreten. Zu allen Stunden kann man hier Menschen finden, die zögernd vor der Burgwache stehen, die Soldaten anschauen, und von ihnen erwarten, daß sie »Gewehr heraus!« schreien.
Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet. Wenn eine feierliche Auffahrt die Wache fortwährend ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten Staatskarossen den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften Federn schaukeln. Drei, vier Lakaien in Allongeperücken hinten drauf. Als seien die prächtigen, herrschaftlichen Zeiten des Rokoko wiedergekehrt. Da tritt der Ruf des Schnarrpostens zurück, wird bei solch blendender Ausstattung nur zu einem stützenden Nebeneffekt, fügt sich harmonisch in die erhöhte Stimmung und sorgt dafür, daß derlei Schauspiel nicht als völlig lautlose Pantomime vor der staunenden Menge sich zutrage. Oder wenn ein toter Prinz eingebracht wird, nächtlicherweise bei Fackelschein, wie es Brauch ist, und ihn bei dieser trübseligen Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf empfängt. Dann ist das »Gewehr heraus!«, das unheimlich, wie ein Klageton durch die Finsternis dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß es sich von selbst begreift.
Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder töricht, in der überkommenen Lust an höfischem und kirchlichem Gepränge liegen, oder an dem hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien liebt. Niemals versagt diese Wirkung. Man könnte ein Theaterstück schreiben, das auf jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der Kaiser kommt«. Und es braucht weiter keine Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser kommt. Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen, und es wäre dennoch ein großer Erfolg. Sieht man ihn im Leben ja auch nur selten. Jeder Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist durchaus nicht notwendig, daß irgend etwas anderes sich zuträgt, als leise, sorgfältig arrangierte, behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt nur, sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre die herrliche Kulisse dazu erforderlich, die zum Beispiel der äußere Burgplatz abgibt, wo die Stadt ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die kaiserliche Wohnung nur von ferne umgibt. Dann draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße her, ein winkender Sicherheitsmann. Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der Soldat wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern sieht. Dann schnell einen Druck auf die elektrische Klingel, die in der Säule verborgen angebracht ist, und jetzt drinnen auf dem grünen Platz jubelt der Posten sein »Gewehr heraus!« zum Reiterstandbild des Erzherzogs Karl empor, als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche Huldigung darzubringen. Dann das gewöhnliche, aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja doch nicht wissen können, von welcher Seite der Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel, der die allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich für ihn weit und breit kein Anlaß zeigt. Dann der Säbelsalut des Offiziers, und nun rollt die Equipage blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch schon auf dem inneren Burghof ins Gewehr.
Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene nicht zu schreiben. Von den technischen Aufführungsschwierigkeiten ganz zu schweigen. Würde sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle Bühnen verboten werden. Denn sie könnte nur Illusionen zerstören, den Eindruck, den die Wirklichkeit übt, in bedenklicher Weise abschwächen. Wenn man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen fühlt, wenn das Rühren der Trommeln einem unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt angesichts dieser feierlichen Begrüßung, und zuletzt entblößten Hauptes dem vorübersausenden Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher keine Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man hat mitten auf seinem Wege durch die Alltäglichkeit des Lebens einen wunderbar dramatischen und prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, ja sogar daran tätigen Anteil genommen. Und hat man auch nur einen zufälligen, gänzlich nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert man doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten heraus die glänzende, unübertreffliche Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist, wie ihre psychologische Weisheit.
FRÜHJAHRSPARADE
Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich schon auf den Dächern, aber noch ist dieser junge Tag durchweht vom kühlen Atem der ersten Juninacht, und die Schatten längs der Häuser sind noch ohne das tiefe Schwarz, sind noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen riechen in der beginnenden Wärme nach trockenem Staub, aber sie sind noch frei von dem erstickenden Dunst des Menschengewühls. Und manchmal merkt man noch den Duft der nahen Berge, der Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor wenig Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht haben.
Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum ... in der Ferne hört man das Schlagen der Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der Wagen halten, und wieder halten. Militär rückt in den Morgen hinaus. Die Trompeten und Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles Goldblechklingen hat jetzt irgendeine fühlbare Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht, das nun goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern anfängt. Die Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue Band solch eines Regiments. Der Schritt der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in kleinen regelmäßigen Wellen. Und über diese Wellenlinie hin schwebt ein süßer, feiner Farbenton von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die Leute auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes Leben, wie viel Kraft und Jugend und wie viel Frühling liegt in diesen regelmäßigen, dunkelblauen Wellen.
Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das weite Feld dehnt sich festlich vor unserem Blick. Ganz sanft niedergleitend gegen den Horizont, ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren ein fürstliches Schachspiel darauf zu pflegen. Dort drüben hält der Wienerwald seinen breiten Rücken her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit der goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite Erzherzogschloß, und dort sind die Abhänge, die rauschenden Wälder des Galitzynberges, den die Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« nennen.
Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das grüne Feld, die Kuppen der Berge, die Fronten der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und langsam beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu flammen und zu glühen in einer wundervollen, himmelblau und goldenen Sommerpracht. In vierfachen Reihen stehen an tausend Wagen hier oben auf der Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn man dies fröhliche Bild betrachtet, erinnert man sich der farbigen englischen Stiche, auf denen mit ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen dargestellt sind, etwa beim Wettrennen zu Newmarket oder Devonshire. Nur daß diese Wirklichkeit noch bunter und zwingender ist als alle englischen Stiche zusammen. Die Damen in ihren hellen Sommerkleidern sind auf die Wagensitze gestiegen, ihre weißen, blauen, grünen und roten Schleier flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr Lachen und ihr Plaudern fegt wie ein leises Rauschen über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt vom Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft der Seidenkleider, vom Geruch der Zigaretten, die die Herren rauchen, und vom Geruch der vielen dampfenden Wagenpferde.
Über das weite Feld hin ziehen die Truppen, rücken jetzt in langen Linien auf, mit wehenden Fahnen, die sich von fern nur wie das Tanzen kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem Spiel. Aber man hört nichts von der Musik. Der Wind hebt das Schmettern von neun Regimentskapellen auf und zerstreut diesen riesigen Schall wie das Singen eines Kindes; er nimmt diese Klänge, löst sie auf und trägt sie zu den Wäldern hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur das Schlagen der großen Trommeln hört man, und es klingt wie ein feierlich taktmäßiges Teppichklopfen im Freien.
Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort drüben marschiert eine Armee daher, dort stampfen abertausend Männertritte, abertausend Rosse mit ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht nur kleine, blaue Schwärme und Linien dahinkriechen. Man sieht ein wenig Gold schimmern, man sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten, das Sonnenlicht, das in irgendeinem Säbel zuckt.
Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier heran; ein Adjutant. Wie er näher kommt, wie er an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er die elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher, schlanker junger Mensch ist, mit einem gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist in allen seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im Sattel sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht vorneigt, ein bezwingender Ausdruck von Lust, von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein, daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel dient. Mir fällt irgendein Romankapitel ein, aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses Kapitel spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade, und der junge Offizier sprengt genau so über das Feld, trägt genau so die Ulanenuniform und ist genau so stolz und befangen zugleich bei diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur in diesem Roman vor, ist ein nachdenklicher Mensch, der den Boden prüft, auf dem er geboren wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu erkennen gesucht hat, worin die Eigenart Österreichs liegt, worin die besondere Art des Dienens und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen und das Herrschen in Österreich etwa von der gleichen Übung in anderen Ländern unterscheidet. Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen Obelisken stehen, bemerkt die weißen Federbüsche, die roten Reiher, die blinkenden Pickelhauben und die Astrachanmützen der fremden Militärattachés, bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde, die dort wartet, um den Monarchen zu umgeben. Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet er durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter ihm zu einem goldenen, schimmernden Wall zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen herrlichen Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht und beim kurzen Galopp die Grazie einer Ballerine hat. Der junge Offizier bemerkt, wie der Kaiser mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel sitzt, wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht vorgeneigt hält, wie seine Schultern fallen, und der junge Offizier weiß in diesem Moment, daß er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung nachzuahmen bestrebt war, dieses leichte Vorneigen, diese abfallenden Schultern, diese österreichische Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von weitem angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit, und der lächelnden Würde.
Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten Truppen entgegen. Weit voran, in der dunklen Uniform mit der goldenen Schärpe querüber, sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der Kaiser, ganz allein, und es ist, als ob sein schönes Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie auf den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde, so federnd trägt es ihn dahin. Man sieht sein Gesicht von weitem, man glaubt es zu sehen, denn der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden Generalshut, und nur diesen Schimmer braucht es, um das wohlbekannte, in jedes Bewußtsein wie auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu sehen. Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz des Gefolges, diese herrliche Wolke, aus der das Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der Federbüsche, das Gleißen der Tressen und Waffen und Schärpen als eine wundervolle Einheit von Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen braust und schmettert die Volkshymne. Die Fronten der Regimenter stehen regungslos, stehen da wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber ihr klingender Gruß fegt dem heranreitenden Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen. Dieser Gruß fegt ihm entgegen wie ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets in den gleichen Zügen den Kaisern von Österreich aus der stummen, lebendigen Mauer ihrer Truppen entgegenschwoll.
Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten ab. In vierfachen Reihen stehen diese Menschenmauern, in vierfacher Wendung reitet ihnen, hinauf und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene Schleppe seines Gefolges hinter sich her. Wo er sich einem Regiment nähert, rauscht die Volkshymne auf. Und der junge Offizier blickt auf dieses Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten. Er sieht, wie die kaiserliche Gegenwart alle diese Menschen bannt, wie über ihnen nur das eine ist: der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine: der Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast jeden einzelnen Mann zu unterscheiden, und vermag auf dem Boden die gleichen Zwischenräume zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte man in sorgsamer Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten auf ein großes Brett gestellt. Er betrachtet diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter nichts geschehen würde, und er weiß aber, daß dort dennoch etwas geschieht, etwas, das zwischen der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin und wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten Grund rätselhaft ist, auf der jedoch die ganze Macht eines Regierenden sich aufbaut.
Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines Gefolges, sprengt der Kaiser wieder zum Obelisken heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter ihm drein noch der Salut der Truppen rauscht, ist es ein Augenblick von einer Feierlichkeit, wie nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in diesem Augenblick ein uraltes Prinzip aufs neue besiegelt und bekräftigt wurde -- hier am Rande der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen durcharbeiteten Großstadt -- und daß von dieser Besieglung das feierliche Empfinden herrührt.
Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser vorbei. In breiten Reihen kommen sie heran, junge Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch zwingt ihnen wie mit energischen Griffen seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch gehoben, und alle diese jungen, lächelnden, frischen Gesichter dem einen, weißbärtigen Greisenantlitz zugewendet, marschieren sie vorüber.
Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach, wie untheatralisch diese Art der Parade und des Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den kriegerischen Geist nur andeutet, als fürchte sie das Lächerliche und Prahlerische einer Übertreibung; wie sie die Strammheit mühelos und diskret nur andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem Schritt, in ihrer Zusammengeschlossenheit doch menschlich und persönlich bleibt, wie sie nicht einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles und Weiches hat -- und er überlegt, daß die Anmut dieses Landes, daß seine tiefwurzelnde Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so vieles leicht und anmutig macht, was anderswo ...
Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß ich jetzt nicht mehr. Ich glaube sogar, ich habe es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt. Es wäre aber vielleicht ganz gut, wenn es einmal geschrieben würde.
KAISERMANÖVER
Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, die vom ländlichen Geruch brennenden Reisigs durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne noch nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht kühl über das erwachende Gelände. Auf dem dunklen Grün der Hochlandwiesen schreitet man über Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den Füßen glitzert, schreitet über die hellfarbigen Teppiche blühender Buchweizenfelder den Hügel hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen. Weithin überschaut man hier das Tal: in der Tiefe überall weißblinkende Ortschaften, winzige Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten steigen die Bergwälder von den Felsen nieder. Aber hinter grauen Wolken birgt sich die Brentagruppe noch mit ihren Gletschern, des Adamello und des Ortlers aufragende Schneegipfel, als habe die Natur zum Sommerfest dieses Tages noch nicht aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft einstweilen unter Schutzdecken.