Das österreichische Antlitz: Essays
Part 10
Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft gesenkt. Draußen wartet, mit ihren aufstrahlenden Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten Gasthöfen. Die Buden hell beleuchtet, die Schaufenster der Läden, und ein italienisches Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren, Wagen, die kommen. Singende Bursche und Mädchen, Gaffer. Mittendurch, mit brennenden Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der Wallfahrer, wie ein freudiger Reigen. Später dann im Nachtlager der Armen, all derer, die kein Extrazimmer mieten können, und die auch die langen Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren Reisebündeln, die Kleider ein wenig nur gelöst, liegen sie auf der gestampften Erde im Freien, unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und der Nachtwind nimmt den Schlafdunst von ihnen. Dominus vobiscum.
Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen. Die Kirche gedrängt voll, Marienbilder, von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor dem silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer. Nach der Messe predigt der Kaplan, der sie hergeführt hat. Warum sind die Katholiken immer so lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig? Weil die Katholiken eine Mutter haben, die Muttergottes Maria, und die Protestanten nicht. Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre Schutzpatrone und Fürsprecher, und die Protestanten nicht. Und weil die Protestanten sich von seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich Jesus auch von ihnen abgewendet usw. Jetzt glaubt man sich's ein wenig vorstellen zu können, was für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde in St. Aegyd bei Mariazell wohl haben mag.
Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber sind, kann man die Schatzkammer sehen. Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium birgt in großen Glasschränken, was eben an Juwelen, Perlen, Gold und Silber ausgelegt ward. Ein fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der hier ruht. Man könnte unzählige Tränen damit trocknen, könnte ungeheures Elend in Wohlstand verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür kaufen. Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt die Mitte ein. Er ist von Maria Theresia gestiftet und trägt in tellergroßen, schweren Goldreliefs die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei Opfergaben wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert Edelsteine zieren sie. Nur noch zu Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine ähnliche. Sie war ganz aus weißen, funkelnden Brillanten, und man war geblendet, wenn man sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon hierher gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg trug. Rubinen und Brillanten. Auf Kaiser Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen. Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel Eichenblätter formen und die Kugel des Attentäters in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab sie eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen Pracht und Größe. Unzählbar sind die Perlenschnüre, die Brillantringe, die Broschen, Münzen, Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten.
Oben auf den Galerien und Treppenhäusern, die rings um das Hauptschiff der Kirche führen, sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen. Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren, aufgemalt zum Dank und Gedächtnis, und allen Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier eine Mutter in Todesnot. Die Angehörigen stehen verzweifelt im Kreise, und der Arzt in ihrer Mitte, achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte spielen überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen seltsamen Bildergalerie. Man kann faktisch alles Vertrauen zu ihnen verlieren.
Noch einmal schaut man in der Kirche unten zum Altar hin. Ein breites Gebäude aus leuchtendem Silber, dessen Front oben vom kaiserlichen Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des Schreines, von ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt, ein Marienbildnis. In seidene, goldgestickte Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer liegen noch mehr als hundert andere Kleider für das Heiligenbild, aus Brokat, aus Atlas, aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und Perlen bestickt.
Draußen, im sommerlichen Sonntag, wird man von dem anmutigen Lächeln der Landschaft bezwungen. Schreitet den Hügel niederwärts, geht die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man die Kirche, sieht ihre drei stolzen Türme emporragen. Sie beherrscht das Land! Man schaut in dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut auf die Wagen, die von allen Seiten heranrollen, auf das Treiben vor den Buden, und man versucht ein paar Namen zu denken, versucht sie laut auszusprechen, hier in dieser vom Duft des Weihrauchs, vom Geläute der Glocken erfüllten Luft: Friedrich Schiller ... richtig, den hat ja ein strebernder österreichischer Geistesritter neulich im Wiener Rathaus zum Katholischen gemacht. Zum Ehrenbürger von Mariazell. Aber andere: Pasteur ... Nietzsche ... Oder: Ojama ... Togo ... oder Stendhal ... Maupassant ... Zola ... Sie haben hier einen fremden Klang, wie von weither, aus fernen Ländern, die gar nicht an diese Landschaft grenzen. Namen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das hier noch nicht, noch lange nicht angebrochen ist. Namen, die man aus einer Erinnerung holt, aus einem Bewußtsein, das selbst einzuschlummern beginnt, hier in Mariazell. Dort aber zieht am Saum des Waldes, eine neue Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich bauschen, rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten. Gesang und Glockengeläute. Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch hierher, und die Massenzufuhr per Dampf, die sie in Lourdes jetzt eingestellt haben, lebt in Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher noch als jetzt, und mit allem modernen Komfort aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit hineinfahren können.
RADETZKY
In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. Sein Klang hat etwas Couragiertes. Er tönt wie heller Trommelschlag, und eine Trompete schmettert dazu. Der Name ist unter uns wie ein lebendiges Wesen; scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der ihn getragen, der ihn berühmt gemacht, der ihm so viel Lebenslicht verliehen hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot.
Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine Gestalt. Alle Gestalten dieser Art sind uns in weite Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine Feldherren. Vier Dezennien Friede, Aufwachsen und Absterben von Generationen, und keinen sahen wir, der durch den Dampf und Donner der Schlachtfelder seinen Willen trägt, der dann heimkehrt, in seinem Aug' den Glanz des Sieges, den dunklen Schein vergossenen Blutes, und um seinen Mund den eisernen Zug vollbrachter Taten. Wir haben solche Männer nicht erlebt. Da ist, in weiter Ferne, nur diese Gestalt, deren Menschliches fast schon zu zerfließen beginnt, sich in Volkslied und Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit sich in ein Emblem wandelt, zum Motto wird, zum Ausruf, zum Feldzeichen.
Sein Menschliches ... »... ein kleiner Mann mit einem unbeschreiblich ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« Graf Schönfeld, der als Ordonnanzoffizier bei ihm war, schildert ihn so. Und wie aufmerksam man auch die Bildnisse, die von ihm da sind, betrachten mag, man findet nicht mehr. Ein altes Soldatenantlitz, gesammelt und ruhig. Ein österreichisches Gesicht, das unter dem Schimmer der Gemütlichkeit alles birgt, was an Härte, an Schwung oder Geist von anderen Mienen sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache Greisenantlitz an und verklärt es in dem Gedanken an sein Schicksal. Die militärischen Gelehrten können seine Begabung messen, das, was sein Feldherrengenie war, was wir nicht verstehen, was wir als ein Gegebenes hinnehmen und nach dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal können wir erfassen, dieses ungewöhnliche, fast ungeheure Schicksal; können die Größe seiner Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines Wesens, der noch heute anhält.
Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. Das ist schon Schicksal. Wie es ja ein Schicksal ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in eine friedsame Welt zu kommen. Auch unserem Zeitalter sind sicherlich Feldherrn geboren worden, Genies vielleicht. Warum sollen wir daran zweifeln? Sie wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden demnächst sterben, und niemand weiß von ihnen. Sie hätten glanzvolle Siege erfochten, aber da niemand kämpfte, konnten sie weder fechten noch siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht verbraucht werden. Einen großen Schauspieler, der niemals spielen, einen genialen Maler, der niemals malen darf, können wir uns nicht denken. Aber einen großen Krieger, der niemals Krieg führen darf, müssen wir uns vorstellen können. Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich zu werden; und der seine Unsterblichkeit muß hindorren sehen.
Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm klirrte. Er hat noch gegen den letzten Feind des alten Österreich gekämpft, gegen die Türken. Und er hat gegen den ersten Gegner des neuen Österreich Krieg geführt, gegen die Italiener. Er hat, als junger Offizier, den jähen Stoß des jungen Bonaparte erlebt, hat es miterlebt, wie der neuerstandene Franzosenfeldherr in Italien einbrach, die österreichische Armee überrannte, und er hat dann auf diesen selben Schlachtfeldern der Lombardei die österreichische Armee zum Siege geführt, lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen verrauscht und verblaßt war.
Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des Schützen zur Welt gekommen. War's eine Vorbedeutung, dann hat sie sich wunderbar erfüllt. Denn kaum ein anderer ist vom Schicksal so aufgespart worden wie er. Sein Ruhm beginnt, wo das Leben der meisten Menschen längst zu Ende ist; seine größten Taten heben erst an, wo das Tun anderer Menschen längst kraftlos geworden. Er hat siebzehn Feldzüge mitgemacht, wurde in vielen Schlachten verwundet, hat mit einer Tapferkeit gefochten, die selbst in den tapferen, an Bravour so reichen Napoleon-Jahren Aufsehen erregte. Aber wäre er damals gefallen, nur die Regimentsgeschichte hätte seinen Namen bewahrt. Er hat in den dreißig Friedensjahren, die auf Waterloo folgten, den österreichischen Truppendienst reformiert, daß Russen und Preußen daran ein Muster nahmen. Aber wäre er als ein Achtzigjähriger gestorben, nur die Kriegswissenschaft hätte ihn gekannt.
Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant nach Olmütz, glaubt sein Lebensabend sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten Ruhestand sich nähere. Und ist drei Jahre später in Mailand. Wird dort siebzig und achtzig Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl Alberts ganz Oberitalien insurgieren, sagt der einundachtzigjährige Radetzky: »Ich werde das Blut beweinen, das fließen muß, aber ich werde es vergießen!«
Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er siegt in Schlachten, die wie in einem Jugendrausch geschlagen werden, siegt bei Verona, Curtatone, Santa Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf bezwingt er die Piemontesen und sagt bei Novara, in das Kampfgewühl schauend: »Gott sei Dank, sie laufen!« Dem Adjutanten, den er dann zu Viktor Emanuel sendet, mit der Botschaft, er bewillige dem geschlagenen König eine Unterredung, sagt er lächelnd: »Er darf schon ein bisserl Wind machen ...« Auch für den, der nicht militärisch fühlt, der nur aufs Menschliche blickt, hat dieser kämpfende Greis einen unbeschreiblichen Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen wäre.
In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen. Um ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings im Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit einer Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der Karl, der das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren gesellt: »Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim Anziehen noch eigens eingeschärft.«
Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen merkwürdigen Brief, der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich und animiert ... Die Herzogin von Parma tanzte bis drei Uhr sehr munter, die Toiletten der Damen sehr gesucht und elegant ... den Kotillon tanzten etliche fünfzig Paare ...« Jenen beispiellosen Brief, in dem es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten mit ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen ...« (wurden in Mailand gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine Anträge genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt -- dann wehe Mailand!«
Als er dann -- 1857 -- die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält, sendet er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts und schreibt dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der geplatzten Bombe ...« Er hat zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich, ist einundneunzig Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man etwa ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine »geplatzte Bombe«.
Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut ... aber ich werde es vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen ...« Der auf ein und derselben Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist eine österreichische Mischung von Größe und Gemütlichkeit, von Härte und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die dem Kammerdiener gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg und Frieden entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer Art ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt, ohne daß die Verehrung dabei Schaden leidet.
Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein Militärdienst, der unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef endigt. Eine Vitalität, die im höchsten Greisenalter ihre höchste Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll wirkendes Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den Türkenkriegen her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende Zeit geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die Kraft des alten, für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu verkörpern und zu beweisen.
Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei den österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch. Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat. Niemand fragt danach, ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie eine österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden, und ihm so natürlich, wie nur irgendein Bodenwuchs. Radetzky scheint darin, beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst, scheint darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie, seiner Tapferkeit und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen. Das Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut, Siegesjauchzen, dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde Modulieren italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz des Ruhms schimmert in dieser Melodie.
Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen, scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn einst getragen, der ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot. Mit diesem Namen aber ist es so, als höre man noch ein Herz darin schlagen.
THRONREDE
Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der Thron zuletzt hier aufgerichtet ward, wie heute, in diesem alten Prunksaal, damit der Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich zum Reichsrat spreche. Eine Formalität. Aber sie bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen einer Idee, die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders mitteilen kann, als durch feierliche äußere Zeichen. Daß weiße Straußenfedern den Baldachin zu des Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck, ritterlicher Helmzier von einst. In der Gegenwart heraldisch beredsame Vergangenheit. Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. Daß der Mann zur Rechten des Thrones in seinen Händen das blanke Reichsschwert hält, während der Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der Stadt, die jetzt im Drang des geschäftigen Tages tausendfältig da draußen diesen Saal umbraust, denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, zu anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach bevölkert und belebt, und öffnet sein Auge dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier bietet, dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden und erhabenen Handlung, ist erfüllt von Sinn und Bedeutung, jede Geste schwer von Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen, beladen von Erinnerung, von Vergangenheit ganzer Völker, bedeckt von den Spuren verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man kann menschliches Gepränge belächeln, kann für sich den äußeren Glanz eines Schauspiels mit einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber es zeigt von wenig Witz, so witzig zu sein. Und von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher Lebensfülle zu verkennen.
Man braucht, um von großem Schicksal angerührt zu werden, nur den Kaiser anzuschauen. Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit aufzulösen. Man braucht nur den Kaiser anzusehen, um die historische Kraft dieser Stunde zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er -- ein Jüngling von achtzehn Jahren -- zum erstenmal auf diesem Thron saß. Und wie vieles liegt vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des Volkes redet. Das alte Österreich versank unter seinen Schritten. Unter seinen Schritten entstand ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein neues.
Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf dem man noch nach Wirkung strebt, klingt seine Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall. Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die Distanz zwischen den versammelten Menschen hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt: »Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe ward ...« Das Wort Jugend schlägt warm zu uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit, mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört man den Kaiser von seiner Jugend sprechen. Den alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt, ganz wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem grünbefederten Generalshut. Dann wieder ein Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war es mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker zu führen.« Von seiner Jugend und von seinem Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem Throne haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben in ihren Worten keinen Anklang an persönliche und irdische Dinge, sondern stehen da als Repräsentanten eines Prinzips mehr denn als Menschen. Diese Worte aber sind menschlich, persönlich, irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser in ihnen tiefer zu den anderen Menschen herabneigen würde, als käme er ihnen, die da um seinen Thron geschart sind, in diesen Worten näher.
In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem Kaisersitz der Jüngste gewesen, ist er der Älteste heute. Mögen auch etliche im Saale sein, die der Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist er der Älteste. Denn die anderen haben ihre Jugend, ihre von aller Verantwortung leichte Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte übend für die Höhe. Er aber ist als Jüngling schon da oben gestanden. Wie viele hat er im Besitz der Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie viele brachen unter der Last, die auf ihre Schultern gelegt war, zusammen. Wie viele sind hier aufrecht an des Thrones Stufen gestanden, als seine Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft darnieder, während er dort oben ausharrt und frisch bleibt. Als er zum erstenmal hier zu dem neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in voller Mannesblüte. Schmerling ... wie aus verschollenen Fernen klingt dieser Name heute nur noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, dann Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. Einst war das Gegenwart, Leben, Wirklichkeit. Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den Schritten der neuen Männer. Doch unter dem Baldachin, der wie einst seinen fürstlichen Federschmuck zur Decke hebt, thront über den neuen Männern der alte Kaiser.
Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten seiner Räte wie ihr Sohn, und sie standen vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten alle, die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm heran, und er ist wie ein Vater über allen. Da sind die neuen Abgeordneten, die das neue Wahlrecht hergebracht hat. So viel Jugend, so viel Frische und erste Manneskraft war selten noch in einem Parlament, in einem österreichischen Parlament noch niemals beisammen. Männer von dreißig bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, sind wenige unter ihnen. Früher war's eine Versammlung von Grauköpfen, jetzt sind die grauen Haare selten. Die Minister fast alle knapp über fünfzig; ungefähr in dem Alter, in dem jetzt der Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die seine Regierung führen, die in seiner Gesetzgebung mitreden, wurden geboren, wuchsen auf, wurden Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne saß. Während er die Krone trug und die Bürde des Herrschens, zogen Geschlechter auf Geschlechter an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand, als er das Zepter ergriff, schwand dahin und liegt jetzt in ihren Gräbern. Und die Generation, die zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter in diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, tritt jetzt zu ihm heran wie ein Geschlecht von Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich ins Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, und was von ihnen die Augen noch offen hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich. Einen nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren zum Ausrasten beurlaubt, mit freundlichem Dank verabschiedet, mit guten Wünschen für den Ruhestand. Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, die von jeher mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt die langgewohnten Weggenossen und bedarf für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer, der gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein Jahrzehnt ist er jünger als der Kaiser, schlürft die Wonne des Herrschens seit drei Lustren erst, und schon hat ihn die malmende Schwere der Macht gebrochen. Verwüstet von Würden, verbraucht vom Regieren, zersplittert, erlahmt und verwelkt auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und schreitet selber aufrecht durch den langen Saal, sprengt hoch zu Roß über weite Manöverfelder. Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt hat.
Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche Treiben denkt, das er fast sechzig Jahre lang von der Höhe des Thrones herab betrachtet. Wüßte man, wie er über menschliches Herrschen denkt, das er fast sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in den ältesten Purpur Europas. Und mit welchem Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er als Gegenwart, wieviel als Geschichte empfindet. »In meiner frühen Jugend ...« Mit fernem Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen Worten. Und ein unermeßliches Schicksal tritt aus ihnen hervor.