Chapter 9
"Die Sorge laßt fahren: euch und den Freunden sein 562 Entbietet seine Dienste der Heergeselle mein. Ich verließ ihn wohlgeborgen: er hat mich euch gesandt, Daß ich sein Bote würde, mit Mären her in euer Land.
"Nun helft mir es fügen, wie es auch gescheh, 563 Daß ich die Königin Ute und eure Schwester seh; Die soll ich hören laßen, was ihr zu wißen thut Gunther und Frau Brunhild; um sie beide steht es gut."
Da sprach der junge Geiselher: "So sprecht bei ihnen an; 564 Da habt ihr meiner Schwester einen Liebesdienst gethan. Sie trägt noch große Sorge um den Bruder mein: Die Maid sieht euch gerne: dafür will ich euch Bürge sein."
Da sprach der Degen Siegfried: "Wo ich ihr dienen kann, 565 Das soll immer treulich und willig sein gethan. Wer sagt nun, daß ich komme, den beiden Frauen an?" Da warb die Botschaft Geiselher, dieser waidliche Mann.
Geiselher der junge sprach zu der Mutter da 566 Und auch zu seiner Schwester, als er die beiden sah: "Uns ist gekommen Siegfried, der Held aus Niederland; Ihn hat mein Bruder Gunther her zum Rheine gesandt.
"Er bringt uns die Kunde, wie's um den König steht; 567 Nun sollt ihr ihm erlauben, daß er zu Hofe geht: Er bringt die rechten Mären uns her von Isenland." Noch war den edeln Frauen große Sorge nicht gewandt.
Sie sprangen nach dem Staate und kleideten sich drein 568 Und luden Siegfrieden nach Hof zu kommen ein. Das that der Degen williglich, weil er sie gerne sah. Kriemhild die edle sprach zu ihm in Güte da:
"Willkommen, Herr Siegfried, ein Ritter ohne Gleich. 569 Wo blieb mein Bruder Gunther, der edle König reich? Durch Brunhilds Stärke, fürcht' ich, gieng er uns verloren: O weh mir armen Mägdelein, daß ich je ward geboren!"
Da sprach der kühne Ritter: "Nun gebt mir Botenbrot, 570 Ihr zwei schönen Frauen weinet ohne Noth. Ich verließ ihn wohlgeborgen, das thu ich euch bekannt: Sie haben mich euch beiden mit der Märe hergesandt.
"Mit freundlicher Liebe, viel edle Herrin mein, 571 Entbeut euch seine Dienste er und die Traute sein. Nun laßt euer Weinen: sie wollen balde kommen." Sie hatte lange Tage so liebe Märe nicht vernommen.
Mit schneeweißem Kleide aus Augen wohlgethan 572 Wischte sie die Thränen; zu danken hub sie an Dem Boten dieser Märe, die ihr war gekommen. Ihr war die große Trauer und auch ihr Weinen benommen.
Sie hieß den Boten sitzen: des war er gern bereit. 573 Da sprach die Minnigliche: "Es wäre mir nicht leid, Wenn ich euch geben dürfte zum Botenlohn mein Gold. Dazu seid ihr zu vornehm: so bleib ich sonst denn euch hold.
"Und würden dreißig Lande," sprach er, "mein genannt, 574 So empfieng' ich Gabe doch gern aus eurer Hand." Da sprach die Wohlgezogne: "Wohlan, es soll geschehn." Da hieß sie ihren Kämmerer nach dem Botenlohne gehn.
Vierundzwanzig Spangen mit Edelsteinen gut 575 Gab sie ihm zum Lohne. So stund des Helden Muth: Er wollt es nicht behalten: er gab es unverwandt Ihren schönen Maiden, die er in der Kammer fand.
Ihre Dienste bot ihm die Mutter gütlich an. 576 "Ich soll euch ferner sagen," sprach der kühne Mann, "Um was der König bittet, gelangt er an den Rhein: Wenn ihr das, Fraue, leistet, er will euch stäts gewogen sein.
"Seine reichen Gäste, das ist sein Begehr, 577 Sollt ihr wohl empfangen; auch bittet er euch sehr, Entgegen ihm zu reiten vor Worms ans Gestad. Das ists, warum der König euch in Treun gebeten hat."
"Das will ich gern vollbringen," sprach die schöne Magd: 578 "Worin ich ihm kann dienen, das ist ihm unversagt. Mit freundlicher Treue wird all sein Wunsch gethan." Da mehrte sich die Farbe, die sie vor Freude gewann.
Nie sah man Fürstenboten beßer wohl empfahn: 579 Wenn sie ihn küssen durfte, sie hätt es gern gethan; Minniglich er anders doch von der Frauen schied. Da thaten die Burgunden, wie da Siegfried ihnen rieth.
Sindold und Hunold und Rumold der Degen 580 Großer Unmuße musten sie da pflegen, Als sie die Sitze richteten vor Worms an dem Strand: Die Schaffner des Königs man sehr beflißen da fand.
Ortwein und Gere säumten auch nicht mehr, 581 Sie sandten nach den Freunden allwärts umher, Die Hochzeit anzusagen, die da sollte sein; Der zierten sich entgegen viel der schönen Mägdelein.
Der Pallas und die Wände waren allzumal 582 Verziert der Gäste wegen; König Gunthers Saal Ward herrlich ausgerüstet für manchen fremden Mann; Das große Hofgelage mit hohen Freuden begann.
Da ritten allenthalben die Wege durch das Land 583 Der drei Könge Freunde; die hatte man besandt, Die Gäste zu empfangen, die da sollten kommen. Da wurden aus dem Einschlag viel reicher Kleider genommen.
Bald brachte man die Kunde, daß man schon reiten sah 584 Brunhilds Gefolge: Gedränge gab es da Von des Volkes Menge in Burgundenland. Hei! was man kühner Degen da zu beiden Seiten fand!
Da sprach die schöne Kriemhild: "Ihr, meine Mägdelein, 585 Die bei dem Empfange mit mir wollen sein, Die suchen aus den Kisten ihr allerbest Gewand: So wird uns Lob und Ehre von den Gästen zuerkannt."
Da kamen auch die Recken und ließen vor sich her 586 Schöne Sättel tragen von rothem Golde schwer, Daß drauf die Frauen ritten von Worms an den Rhein. Beßer Pferdgeräthe konnte wohl nimmer sein.
Wie warf da von den Mähren den Schein das lichte Gold! 587 Viel Edelsteine glänzten von den Zäumen hold; Die goldenen Schemel auf lichtem Teppich gut Brachte man den Frauen: sie hatten fröhlichen Muth.
Die Frauenpferde standen auf dem Hof bereit, 588 Wie gemeldet wurde, für manche edle Maid. Die schmalen Brustriemen sah man die Mähren tragen Von der besten Seide, davon man je hörte sagen.
Sechsundachtzig Frauen traten da heraus, 589 Die Kopfgebinde trugen; zu Kriemhild vor das Haus Zogen die Schönen jetzt in reichem Kleid; Da kam in vollem Schmucke auch manche waidliche Maid,
Fünfzig und viere aus Burgundenland: 590 Es waren auch die besten, die man irgend fand. Man sah sie gelblockig unter lichten Borten gehn. Was sich bedingt der König, das sah er fleißig geschehn.
Von kostbaren Zeugen, den besten, die man fand, 591 Trugen sie vor den Gästen manch herrlich Gewand. Zu ihrer schönen Farbe stand es ihnen gut: Wer Einer abhold wäre, litte wohl an schwachem Muth.
Von Hermelin und Zobel viel Kleider man da fand. 592 Da schmückte sich gar Manche den Arm und auch die Hand Mit Spangen auf der Seide, die sie sollten tragen. Es könnt euch dieß Befleißen Niemand wohl zu Ende sagen.
Viel Gürtel kunstgeschaffen, kostbar und lang, 593 Ueber lichte Kleider die Hand der Frauen schwang Um edle Ferransröcke von Zeug aus Arabia, Wie man sie besser in aller Welt nicht ersah.
Man sah in Brustgeschmeide manch schöne Maid 594 Minniglich sich schnüren. Die mochte tragen Leid, Deren lichte Farbe das Kleid nicht überschien. So schönes Ingesinde hat nun keine Königin.
Als die Minniglichen nun trugen ihr Gewand, 595 Die sie da führen sollten, die kamen unverwandt, Die hochgemuthen Recken in großer Zahl daher; Man bracht auch hin viel Schilde und manchen eschenen Sper.
* * * * *
Zehntes Abenteuer.
Wie Gunther mit Brunhild Hochzeit hielt.
Jenseits des Rheins sah man dem Gestad 596 Mit allen seinen Gästen den König schon genaht. Da sah man auch am Zaume leiten manche Maid: Die sie empfangen sollten, die waren alle bereit.
Als bei den Schiffen ankam von Isenland die Schar 597 Und die der Nibelungen, die Siegfried eigen war, Sie eilten an das Ufer; wohl fliß sich ihre Hand, Als man des Königs Freunde jenseits am Gestade fand.
Nun hört auch die Märe von der Königin, 598 Ute der reichen, wie sie die Mägdlein hin Brachte von der Veste und selber ritt zum Strand. Da wurden mit einander viel Maid' und Ritter bekannt.
Der Markgraf Gere führte am Zaum Kriemhildens Pferd 599 Bis vor das Thor der Veste; Siegfried der Degen werth Durft ihr weiter dienen; sie war so schön und hehr. Das ward ihm wohl vergolten von der Jungfrau nachher.
Ortwein der kühne führte Ute die Königin, 600 Und so ritt mancher Ritter neben den Frauen hin. Zu festlichem Empfange, das mag man wohl gestehn, Wurden nie der Frauen so viel beisammen gesehn.
Viel hohe Ritterspiele wurden da getrieben 601 Von preiswerthen Helden (wie wär es unterblieben?) Vor Kriemhild der schönen, die zu den Schiffen kam. Da hub man von den Mähren viel der Frauen lobesam.
Der König war gelandet mit fremder Ritterschaft. 602 Wie brach da vor den Frauen mancher starke Schaft! Man hört' auf den Schilden erklingen Stoß auf Stoß. Hei! reicher Buckeln Schallen ward im Gedränge da groß!
Vor dem Hafen standen die Frauen minniglich; 603 Gunther mit seinen Gästen hub von den Schiffen sich: Er führte Brunhilden selber an der Hand. Wider einander leuchtete schön Gestein und licht Gewand.
In höfischen Züchten hin Frau Kriemhild gieng, 604 Wo sie Frau Brunhilden und ihr Gesind empfieng. Man konnte lichte Hände am Kränzlein rücken sehn, Da sich die Beiden küssten: das war aus Liebe geschehn.
Da sprach wohlgezogen Kriemhild das Mägdelein: 605 "Ihr sollt uns willkommen in diesem Lande sein, Mir und meiner Mutter, und Allen, die uns treu Von Mannen und von Freunden." Da verneigten sich die Zwei.
Oftmals mit den Armen umfiengen sich die Fraun. 606 So minniglich Empfangen war nimmer noch zu schaun, Als die Frauen beide der Braut da thaten kund, Frau Ute mit der Tochter: sie küssten oft den süßen Mund.
Da Brunhilds Frauen alle nun standen auf dem Strand, 607 Von waidlichen Recken wurden bei der Hand Freundlich genommen viel Frauen ausersehn. Man sah die edeln Maide vor Frau Brunhilden stehn.
Bis der Empfang vorüber war, das währte lange Zeit, 608 Manch rosigem Munde war da ein Kuß bereit. Noch standen bei einander die Königinnen reich: Das freuten sich zu schauen viel der Recken ohne Gleich.
Da spähten mit den Augen, die oft gehört vorher, 609 Man hab also Schönes gesehen nimmermehr Als die Frauen beide: das fand man ohne Lug. Man sah an ihrer Schöne auch nicht den mindesten Trug.
Wer Frauen schätzen konnte und minniglichen Leib, 610 Der pries um ihre Schöne König Gunthers Weib; Doch sprachen da die Kenner, die es recht besehn, Man müße vor Brunhilden den Preis Kriemhilden zugestehn.
Nun giengen zu einander Mägdelein und Fraun; 611 Es war in hoher Zierde manch schönes Weib zu schaun. Da standen seidne Hütten und manches reiche Zelt, Womit man erfüllt sah hier vor Worms das ganze Feld.
Des Könige Freunde drängten sich, um sie zu sehn. 612 Da hieß man Brunhilden und Kriemhilden gehn Und all die Fraun mit ihnen hin, wo sich Schatten fand; Es führten sie die Degen aus der Burgunden Land.
Nun waren auch die Gäste zu Ross geseßen all; 613 Da gabs beim Lanzenbrechen durch Schilde lauten Schall. Das Feld begann zu stäuben, als ob das ganze Land Entbrannt wär in der Lohe: da machten Helden sich bekannt.
Was da die Recken thaten, sah manche Maid mit an. 614 Wohl ritt mit seinen Degen Siegfried der kühne Mann In mancher Wiederkehre vorbei an dem Gezelt; Der Nibelungen führte tausend Degen der Held.
Da kam von Tronje Hagen, wie ihm der König rieth; 615 Der Held mit guter Sitte die Ritterspiele schied, Daß sie nicht bestaubten die schönen Mägdelein: Da mochten ihm die Gäste gerne wohl gehorsam sein.
Da sprach der edle Gernot: "Die Rosse laßt stehn, 616 Bis es beginnt zu kühlen, daß wir die Frauen schön Mit unserm Dank geleiten bis vor den weiten Saal; Will dann der König reiten, find er euch bereit zumal."
Das Kampfspiel war vergangen über all dem Feld: 617 Da giengen kurzweilen in manches hohe Zelt Die Ritter zu den Frauen um hoher Lust Gewinn: Da vertrieben sie die Stunden, bis sie weiter sollten ziehn.
Vor des Abends Nahen, als sank der Sonne Licht 618 Und es begann zu kühlen, ließ man es länger nicht: Zu der Veste huben Fraun und Ritter sich; Mit Augen ward geliebkost mancher Schönen minniglich.
Von guten Knechten wurden viel Pferde müd geritten 619 Vor den Hochgemuthen nach des Landes Sitten, Bis vor dem Saale abstieg der König werth. Da diente man den Frauen und hob sie nieder vom Pferd.
Da wurden auch geschieden die Königinnen reich. 620 Hin gieng Frau Ute und Kriemhild zugleich Mit ihrem Ingesinde in ein weites Haus: Da vernahm man allenthalben der Freude rauschenden Braus.
Man richtete die Stühle: der König wollte gehn 621 Zu Tisch mit den Gästen. Da sah man bei ihm stehn Brunhild die schöne, die da die Krone trug In des Königs Lande: sie erschien wohl reich genug.
Da sah man schöne Sitze und gute Tafeln breit 622 Mit Speisen beladen, so hörten wir Bescheid. Was sie da haben sollten, wie wenig fehlte dran! Da sah man bei dem König gar manchen herrlichen Mann.
Des Wirthes Kämmerlinge im Becken goldesroth 623 Reichten ihnen Wasser. Das wär vergebne Noth, Sagte wer, man hätte je fleißgern Dienst gethan Bei eines Fürsten Hochzeit: ich glaubte schwerlich daran.
Eh der Vogt am Rheine hier das Wasser nahm, 624 Zu Gunthern trat da Siegfried, er durft es ohne Scham, Und mahnt' ihn seiner Treue, die er ihm gab zu Pfand, Bevor er Brunhilden daheim gesehn in Isenland.
Er sprach zu ihm: "Gedenket, mir schwur eure Hand, 625 Wenn wir Frau Brunhild brächten in dieß Land, Ihr gäbt mir eure Schwester: wo blieb nun der Eid? Ihr wißt, bei eurer Reise war keine Mühe mir leid."
Da sprach der Wirth zum Gaste: "Recht, daß ihr mich mahnt. 626 Ich will den Eid nicht brechen, den ich schwur mit Mund und Hand, Ich helf es euch fügen, so gut es mag geschehn." Da hieß man Kriemhilden zu Hof vor den König gehn.
Mit ihren schönen Maiden kam sie vor den Saal. 627 Da sprang von einer Stiege Geiselher zu Thal: "Nun heißt wiederkehren diese Mägdelein: Meine Schwester soll alleine hier bei dem Könige sein."
Hin brachten sie Kriemhilden, wo man den König fand: 628 Da standen edle Ritter von mancher Fürsten Land. In dem weiten Saale hieß man sie stille stehn; Frau Brunhilden sah man eben auch zu Tische gehn.
Sie hatte keine Kunde, was da im Werke war. 629 Da sprach König Dankrats Sohn zu seiner Mannen Schar: "Helft mir, daß meine Schwester Siegfrieden nimmt zum Mann." Sie sprachen einhellig: "Das wäre gar wohl gethan."
Da sprach der König Gunther: "Schwester, edle Maid, 630 Bei deiner Zucht und Güte löse meinen Eid. Ich schwur dich einem Recken, und nimmst du ihn zum Mann, So hast du meinen Willen mit großen Treuen gethan."
Die edle Maid versetzte: "Lieber Bruder mein, 631 Ihr sollt mich nicht flehen, ich will gehorsam sein. Wie ihr mir gebietet, so soll es sein gethan: Dem will ich mich verloben, den ihr, Herr, mir gebt zum Mann."
Von lieber Augenweide Ward Siegfrieds Farbe roth: 632 Zu Diensten sich der Recke Frau Kriemhilden bot. Man ließ sie mit einander in einem Kreise stehn, Und frug sie, ob sie wolle diesen Recken ausersehn?
Scheu, wie Mädchen pflegen, schämte sie sich ein Theil; 633 Jedoch war Siegfrieden so günstig Glück und Heil, Daß sie nicht verschmähen wollte seine Hand. Auch versprach sich ihr zum Manne der edle Held von Niederland.
Da er sich ihr verlobte und sich ihm die Maid, 634 Ein gütlich Umfangen war da alsbald bereit Von Siegfriedens Armen dem schönen Mägdlein zart: Die edle Königin küsst' er in der Helden Gegenwart.
Sich schied das Gesinde. Als das geschah, 635 Auf dem Ehrenplatze man Siegfrieden sah, Mit Kriemhilden sitzen; da dient' ihm mancher Mann. Man sah die Nibelungen mit ihm den Sitzen sich nahm.
Der König saß zu Tische bei Brunhild der Maid. 636 Da sah sie Kriemhilden (nichts war ihr je so leid) Bei Siegfrieden sitzen: zu weinen hub sie an, Daß ihr manch heiße Thräne über lichte Wangen rann.
Da sprach der Wirth des Landes: "Was ist euch, Fraue mein, 637 Daß ihr so trüben laßet lichter Augen Schein? Ihr solltet recht euch freuen: euch ist unterthan Mein Land und reiche Burgen und mancher waidliche Mann."
"Recht weinen sollt ich eher," sprach die schöne Maid. 638 "Deiner Schwester wegen trag ich Herzeleid. Ich seh sie sitzen neben dem Eigenholden dein: Wohl muß ich immer weinen, soll sie so erniedrigt sein."
Da sprach der König Gunther: "Schweigt davon jetzt still, 639 Da ich euch ein andermal die Kunde sagen will, Warum meine Schwester Siegfrieden ward gegeben. Wohl mag sie mit dem Recken allezeit in Freuden leben."
Sie sprach: "Mich jammern immer ihre Schönheit, ihre Zucht; 640 Wüst ich, wohin ich sollte, ich nähme gern die Flucht Und wollt euch nimmer eher nahe liegen bei, Bis ich wüste, weshalb Kriemhild die Braut von Siegfrieden sei."
Da sprach König Gunther: "Ich mach es euch bekannt: 641 Er hat selber Burgen wie ich und weites Land. Das dürft ihr sicher glauben, er ist ein König reich: Drum gönn ich ihm zum Weibe die schöne Magd ohne Gleich."
Was ihr der König sagte, traurig blieb ihr Muth. 642 Da eilte von den Tischen mancher Ritter gut: Das Kampfspiel ward so heftig, daß rings die Burg erklang. Dem Wirth bei seinen Gästen ward die Weile viel zu lang.
Er dacht: "Ich läge sanfter der schönen Frauen bei." 643 Er wurde des Gedankens nicht mehr im Herzen frei, Von ihrer Minne müße ihm Liebes viel geschehn. Da begann er freundlich Frau Brunhilden anzusehn.
Vom Ritterspiel die Gäste bat man abzustehn: 644 Mit seinem Weibe wollte zu Bett der König gehn. Vor des Saales Stiege begegneten da Sich Kriemhild und Brunhild; noch in Güte das geschah.
Da kam ihr Ingesinde; sie säumten länger nicht: 645 Ihre reichen Kämmerlinge brachten ihnen Licht. Es theilten sich die Recken in beider Könge Lehn. Da sah man viel der Degen hinweg mit Siegfrieden gehn.
Die Helden kamen beide hin, wo sie sollten liegen. 646 Da dachte Jedweder mit Minnen obzusiegen Den minniglichen Frauen: des freute sich ihr Muth. Siegfriedens Kurzweil die wurde herrlich und gut.
Als Siegfried der Degen bei Kriemhilden lag 647 Und er da der Jungfrau so minniglich pflag Mit seinem edeln Minnen, sie ward ihm wie sein Leben: Er hätte nicht die eine für tausend andre gegeben.
Ich sag euch nicht weiter, wie er der Frauen pflag. 648 Nun hört diese Märe, wie König Gunther lag Bei Brunhild der Frauen; der zierliche Degen Hätte leichtlich sanfter bei andern Frauen gelegen.
Das Volk hatt ihn verlaßen zumal, so Frau als Mann: 649 Da ward die Kemenate balde zugethan. Er wähnt', er solle kosen ihren minniglichen Leib: Da währt' es noch gar lange, bevor sie wurde sein Weib.
Im weißen Linnenhemde gieng sie ins Bett hinein. 650 Der edle Ritter dachte: "Nun ist das alles mein, Wes mich je verlangte in allen meinen Tagen." Sie must ob ihrer Schöne mit großem Recht ihm behagen.
Das Licht begann zu bergen des edeln Königs Hand. 651 Hin gieng der kühne Degen, wo er die Jungfrau fand. Er legte sich ihr nahe: seine Freude die war groß, Als die Minnigliche der Held mit Armen umschloß.
Minnigliches Kosen möcht er da viel begehn, 652 Ließe das willig die edle Frau geschehn. Doch zürnte sie gewaltig: den Herrn betrübte das. Er wähnt, er fände Freude, da fand er feindlichen Haß.
Sie sprach: "Edler Ritter, laßt euch das vergehn: 653 Was ihr da habt im Sinne, das kann nicht geschehn. Ich will noch Jungfrau bleiben, Herr König, merkt euch das, Bis ich die Mär erfahre." Da faßte Gunther ihr Haß.
Er rang nach ihrer Minne und zerrauft' ihr Kleid. 654 Da griff nach einem Gürtel die herrliche Maid, Einer starken Borte, die sie um sich trug: Da that sie dem König großen Leides genug.
Die Füß und die Hände sie ihm zusammenband, 655 Zu einem Nagel trug sie ihn und hieng ihn an die Wand. Als er im Schlaf sie störte, sein Minnen sie verbot. Von ihrer Stärke hätt er beinah gewonnen den Tod.
Da begann zu flehen, der Meister sollte sein: 656 "Nun löst mir die Bande, viel edle Fraue mein. Ich getrau euch, schöne Herrin, doch nimmer obzusiegen Und will auch wahrlich selten mehr so nahe bei euch liegen."
Sie frug nicht, wie ihm wäre, da sie in Ruhe lag. 657 Dort must er hangen bleiben die Nacht bis an den Tag, Bis der lichte Morgen durchs Fenster warf den Schein: Hatt er je Kraft beseßen, die ward an seinem Leibe klein.
"Nun sagt mir, Herr Gunther, ist euch das etwa leid, 658 Wenn euch gebunden finden," sprach die schöne Maid, "Eure Kämmerlinge von einer Frauen Hand?" Da sprach der edle Ritter: "Das würd euch übel gewandt.
"Auch wär mirs wenig Ehre," sprach der edle Mann: 659 "Bei eurer Zucht und Güte nehmt mich nun bei euch an. Und ist euch meine Minne denn so mächtig leid, So will ich nie berühren mit meiner Hand euer Kleid."
Da löste sie den König, daß er nicht länger hieng; 660 Wieder an das Bette er zu der Frauen gieng. Er legte sich so ferne, daß er ihr Hemde fein Nicht oft darnach berührte: auch wollte sie des ledig sein.
Da kam auch ihr Gesinde, das brachte neu Gewand: 661 Des war heute Morgen genug für sie zur Hand. Wie froh man da gebahrte, traurig war genug Der edle Wirth des Landes, wie er des Tags die Krone trug.
Nach des Landes Sitte, die zu begehen Pflicht, 662 Unterließ es Gunther mit Brunhild länger nicht: Sie giengen nach dem Münster, wo man die Messe sang. Dahin auch kam Herr Siegfried; da hob sich mächtiger Drang.
Nach königlichen Ehren war da für sie bereit, 663 Was sie haben sollten, die Krone wie das Kleid. Da ließen sie sich weihen: als das war geschehn, Da sah man unter Krone alle Viere herrlich stehn.
Das Schwert empfiengen Knappen, sechshundert oder mehr, 664 Den Königen zu Ehren auf meines Worts Gewähr. Da hob sich große Freude in Burgundenland: Man hörte Schäfte brechen an der Schwertdegen Hand.