Das Nibelungenlied

Chapter 6

Chapter 63,640 wordsPublic domain

Herr Gunther ließ sich Kunde von seinen Freunden sagen, 251 Wer ihm auf der Reise zu Tode wär erschlagen, Da hatt er nicht verloren mehr als sechzig Mann; Die muste man verschmerzen, wie man noch Manchen gethan.

Da brachten die Gesunden zerhauen manchen Rand 252 Und viel zerschlagener Helme in König Gunthers Land. Das Volk sprang von den Rossen vor des Königs Saal; Zu liebem Empfange vernahm man fröhlichen Schall.

Da gab man Herbergen den Recken in der Stadt. 253 Der König seine Gäste wohl zu verpflegen bat; Die Wunden ließ er hüten und warten fleißiglich. Wohl zeigte seine Milde auch an seinen Feinden sich.

Er sprach zu Lüdegeren: "Nun seid mir willkommen! 254 Ich bin zu großem Schaden durch eure Schuld gekommen: Der wird mir nun vergolten, wenn ich das schaffen kann. Gott lohne meinen Freunden: sie haben wohl an mir gethan."

"Wohl mögt ihr ihnen danken," sprach da Lüdeger, 255 "Solche hohe Geisel gewann kein König mehr. Um ritterlich Gewahrsam bieten wir großes Gut Und bitten, daß ihr gnädiglich an euern Widersachern thut."

"Ich will euch," sprach er, "Beide ledig laßen gehn; 256 Nur daß meine Feinde hier bei mir bestehn, Dafür verlang ich Bürgschaft, damit sie nicht mein Land Räumen ohne Frieden." Darauf boten sie die Hand.

Man brachte sie zur Ruhe, wo man sie wohl verpflag. 257 Und bald auf guten Betten mancher Wunde lag. Man schenkte den Gesunden Meth und guten Wein; Da konnte das Gesinde nicht wohl fröhlicher sein.

Die zerhaunen Schilde man zum Verschluße trug; 258 Blutgefärbter Sättel sah man da genug. Die ließ man verbergen, so weinten nicht die Fraun. Da waren reisemüde viel gute Ritter zu schaun.

Seiner Gäste pflegen hieß der König wohl; 259 Von Heimischen und Fremden lag das Land ihm voll; Er ließ die Fährlichwunden gütlich verpflegen: Wie hart war darnieder nun ihr Uebermuth gelegen!

Die Arzneikunst wusten, denen bot man reichen Sold, 260 Silber ungewogen, dazu das lichte Gold, Wenn sie die Helden heilten nach des Streites Noth. Dazu viel große Gaben der König seinen Gästen bot.

Wer wieder heimzureisen sann in seinem Muth, 261 Den bat man noch zu bleiben, wie man mit Freunden thut. Der König gieng zu Rathe, wie er lohne seinem Lehn: Durch sie war sein Wille nach allen Ehren geschehn.

Da sprach der König Gernot: "Laßt sie jetzt hindann; 262 Ueber sechs Wochen, das kündigt ihnen an, Sollten sie wiederkehren zu einem Hofgelag: Heil ist dann wohl Mancher, der jetzt schwer verwundet lag."

Da bat auch um Urlaub Siegfried von Niederland. 263 Als dem König Gunther sein Wille ward bekannt, Bat er ihn gar minniglich, noch bei ihm zu bestehn; Wenn nicht um seine Schwester, so wär es nimmer geschehn.

Dazu war er zu mächtig, daß man ihm böte Sold, 264 So sehr er es verdiente. Der König war ihm hold Und all seine Freunde, die das mit angesehn, Was da von seinen Händen war im Streite geschehn.

Er dachte noch zu bleiben um die schöne Maid; 265 Vielleicht, daß er sie sähe. Das geschah auch nach der Zeit: Wohl nach seinem Wunsche ward sie ihm bekannt. Dann ritt er reich an Freuden heim in seines Vaters Land.

Der Wirth bat alle Tage des Ritterspiels zu pflegen; 266 Das that mit gutem Willen mancher junge Degen. Auch ließ er Sitz' errichten vor Worms an dem Strand Für Die da kommen sollten in der Burgunden Land.

Nun hatt auch in den Tagen, als sie sollten kommen, 267 Kriemhild die schöne die Märe wohl vernommen, Er stell ein Hofgelage mit lieben Freunden an. Da dachten schöne Frauen mit großem Fleiße daran,

Gewand und Band zu suchen, das sie wollten tragen. 268 Ute die reiche vernahm die Märe sagen Von den stolzen Recken, die da sollten kommen: Da wurden aus dem Einschlag viele reiche Kleider genommen.

Ihrer Kinder halb bereiten ließ sie Rock und Kleid, 269 Womit sich da zierten viel Fraun und manche Maid Und viel der jungen Recken aus Burgundenland. Sie ließ auch manchem Fremden bereiten herrlich Gewand.

* * * * *

Fünftes Abenteuer.

Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah.

Man sah die Helden täglich nun reiten an den Rhein, 270 Die bei dem Hofgelage gerne wollten sein Und den Königen zu Liebe kamen in das Land. Man gab ihrer Vielen beides, Ross und Gewand.

Es war auch das Gestühle allen schon bereit, 271 Den Höchsten und den Besten, so hörten wir Bescheid, Zweiunddreißig Fürsten zu dem Hofgelag: Da zierten um die Wette sich die Frauen für den Tag.

Gar geschäftig sah man Geiselher das Kind. 272 Die Heimischen und Fremden empfieng er holdgesinnt Mit Gernot seinem Bruder und beider Mannen da. Wohl grüßten sie die Degen, wie es nach Ehren geschah.

Viel goldrother Sättel führten sie ins Land, 273 Zierliche Schilde und herrlich Gewand Brachten sie zu Rheine bei dem Hofgelag. Mancher Ungesunde hieng der Freude wieder nach.

Die wund zu Bette liegend vordem gelitten Noth, 274 Die durften nun vergeßen, wie bitter sei der Tod; Die Siechen und die Kranken vergaß man zu beklagen. Es freute sich ein Jeder entgegen festlichen Tagen:

Wie sie da leben wollten in gastlichem Genuß! 275 Wonnen ohne Maßen, der Freuden Ueberfluß Hatten alle Leute, so viel man immer fand: Da hub sich große Wonne über Gunthers ganzes Land.

An einem Pfingstmorgen sah man sie alle gehn 276 Wonniglich gekleidet, viel Degen ausersehn, Fünftausend oder drüber, dem Hofgelag entgegen. Da hub um die Wette sich viel Kurzweil allerwegen.

Der Wirth hatt im Sinne, was er schon längst erkannt, 277 Wie von ganzem Herzen der Held von Niederland Seine Schwester liebe, sah er sie gleich noch nie, Der man das Lob der Schönheit vor allen Jungfrauen lieh.

Er sprach: "Nun rathet Alle, Freund oder Unterthan, 278 Wie wir das Hofgelage am besten stellen an, Daß man uns nicht schelte darum nach dieser Zeit; Zuletzt doch an den Werken liegt das Lob, das man uns beut."

Da sprach zu dem Könige von Metz Herr Ortewein: 279 "Soll dieß Hofgelage mit vollen Ehren sein, So laßt eure Gäste die schönen Kinder sehn, Denen so viel Ehren in Burgundenland geschehn.

"Was wäre Mannes Wonne, was freut' er sich zu schaun, 280 Wenn nicht schöne Mägdelein und herrliche Fraun? Drum laßt eure Schwester vor die Gäste gehn." Der Rath war manchem Helden zu hoher Freude geschehn.

"Dem will ich gerne folgen," der König sprach da so. 281 Alle, die's erfuhren, waren darüber froh. Er entbot es Frauen Uten und ihrer Tochter schön, Daß sie mit ihren Maiden hin zu Hofe sollten gehn.

Da ward aus den Schreinen gesucht gut Gewand, 282 So viel man eingeschlagen der lichten Kleider fand, Der Borten und der Spangen; des lag genug bereit. Da zierte sich gar minniglich manche waidliche Maid.

Mancher junge Recke wünschte heut so sehr, 283 Daß er wohlgefallen möchte den Frauen hehr, Das er dafür nicht nähme ein reiches Königsland: Sie sahen die gar gerne, die sie nie zuvor gekannt.

Da ließ der reiche König mit seiner Schwester gehn 284 Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand: Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land.

Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 285 Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid. Auch folgte Kriemhilden manche waidliche Maid.

Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn: 286 Da muste heftig Drängen von Helden bald geschehn, Die alle harrend standen, ob es möchte sein, Daß sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein.

Da kam die Minnigliche, wie das Morgenroth 287 Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Noth, Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn. Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn.

Von ihrem Kleide leuchtete mancher edle Stein; 288 Ihre rosenrothe Farbe gab wonniglichen Schein. Was Jemand wünschen mochte, er muste doch gestehn, Daß er hier auf Erden noch nicht so Schönes gesehn.

Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt, 289 Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt, So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut: Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Muth.

Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her; 290 Die hochgemuthen Degen ließen es nicht mehr: Sie drängten, daß sie sähen die minnigliche Maid. Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid.

Er sann in seinem Sinne: "Wie dacht ich je daran, 291 Daß ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn; Soll ich dich aber meiden, so wär ich sanfter todt." Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder roth.

Da sah man den Sigelindensohn so minniglich da stehn, 292 Als wär er entworfen auf einem Pergamen Von guten Meisters Händen: gern man ihm zugestand, Daß man nie im Leben so schönen Helden noch fand.

Die mit Kriemhilden giengen, die hießen aus den Wegen 293 Allenthalben weichen: dem folgte mancher Degen. Die hochgetragnen Herzen freute man sich zu schaun: Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun.

Da sprach von Burgunden der König Gernot: 294 "Dem Helden, der so gütlich euch seine Dienste bot, Gunther, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn Vor allen diesen Recken: des Rathes spricht man mir nicht Hohn.

"Heißet Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 295 Daß ihn das Mägdlein grüße: das bringt uns immer Frommen: Die niemals Recken grüßte, soll sein mit Grüßen pflegen, Daß wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen."

Des Wirthes Freunde giengen dahin, wo man ihn fand; 296 Sie sprachen zu dem Recken aus dem Niederland: "Der König will erlauben, ihr sollt zu Hofe gehn, Seine Schwester soll euch grüßen: die Ehre soll euch geschehn."

Der Rede ward der Degen in seinem Muth erfreut: 297 Er trug in seinem Herzen Freude sonder Leid, Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn. In minniglichen Züchten empfieng sie Siegfrieden schön.

Als sie den Hochgemuthen vor sich stehen sah, 298 Ihre Farbe ward entzündet; die Schöne sagte da: "Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut." Da ward ihm von dem Gruße gar wohl erhoben der Muth.

Er neigte sich ihr minniglich, als er den Dank ihr bot. 299 Da zwang sie zu einander sehnender Minne Noth; Mit liebem Blick der Augen sahn einander an Der Held und auch das Mägdelein; das ward verstohlen gethan.

Ward da mit sanftem Drucke geliebkost weiße Hand 300 In herzlicher Minne, das ist mir unbekannt. Doch kann ich auch nicht glauben, sie hättens nicht gethan. Liebebedürftige Herzen thäten Unrecht daran.

Zu des Sommers Zeiten und in des Maien Tagen 301 Durft er in seinem Herzen nimmer wieder tragen So viel hoher Wonne, als er da gewann, Da die ihm an der Hand gieng, die der Held zu minnen sann.

Da gedachte mancher Recke: "Hei! wär mir so geschehn, 302 Daß ich so bei ihr gienge, wie ich ihn gesehn, Oder bei ihr läge! das nähm ich willig hin." Es diente nie ein Recke so gut noch einer Königin.

Aus welchen Königs Landen ein Gast gekommen war, 303 Er nahm im ganzen Saale nur dieser beiden wahr. Ihr ward erlaubt zu küssen den waidlichen Mann: Ihm ward in seinem Leben nie so Liebes gethan.

Von Dänemark der König hub an und sprach zur Stund: 304 "Des hohen Grußes willen liegt gar Mancher wund, Wie ich wohl hier gewahre, von Siegfriedens Hand: Gott laß ihn nimmer wieder kommen in der Dänen Land."

Da hieß man allenthalben weichen aus den Wegen 305 Kriemhild der Schönen; manchen kühnen Degen Sah man wohlgezogen mit ihr zur Kirche gehn. Bald ward von ihr geschieden dieser Degen ausersehn.

Da gieng sie zu dem Münster und mit ihr viel der Fraun. 306 Da war in solcher Zierde die Königin zu schaun, Daß da hoher Wünsche mancher ward verloren; Sie war zur Augenweide viel der Recken auserkoren.

Kaum erharrte Siegfried, bis schloß der Messgesang; 307 Er mochte seinem Heile des immer sagen Dank, Daß ihm so gewogen war, die er im Herzen trug: Auch war er der Schönen nach Verdiensten hold genug.

Als sie aus dem Münster nach der Messe kam, 308 Lud man wieder zu ihr den Helden lobesam. Da begann ihm erst zu danken die minnigliche Maid, Daß er vor allen Recken so kühn gefochten im Streit.

"Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried," sprach das schöne Kind, 309 "Daß ihr das verdientet, daß euch die Recken sind So hold mit ganzer Treue, wie sie zumal gestehn." Da begann er Frau Kriemhilden minniglich anzusehn.

"Stäts will ich ihnen dienen," sprach Stegfried der Degen, 310 "Und will mein Haupt nicht eher zur Ruhe niederlegen, Bis ihr Wunsch geschehen, so lang mein Leben währt: Das thu ich, Frau Kriemhild, daß ihr mir Minne gewährt."

Innerhalb zwölf Tagen, so oft es neu getagt, 311 Sah man bei dem Degen die wonnigliche Magd, So sie zu Hofe durfte vor ihren Freunden gehn. Der Dienst war dem Recken aus großer Liebe geschehn.

Freude und Wonne und lauten Schwerterschall 312 Vernahm man alle Tage vor König Gunthers Saal, Davor und darinnen von manchem kühnen Mann. Von Ortwein und Hagen wurden Wunder viel gethan.

Was man zu üben wünschte, dazu sah man bereit 313 In völligem Maße die Degen kühn im Streit. Da machten vor den Gästen die Recken sich bekannt; Es war eine Zierde König Gunthers ganzem Land.

Die lange wund gelegen, wagten sich an den Wind: 314 Sie wollten kurzweilen mit des Königs Ingesind, Schirmen mit den Schilden und schießen manchen Schaft. Des halfen ihnen Viele; sie hatten größliche Kraft.

Bei dem Hofgelage ließ sie der Wirth verpflegen 315 Mit der besten Speise; es durfte sich nicht regen Nur der kleinste Tadel, der Fürsten mag entstehn; Man sah ihn jetzo freundlich hin zu seinen Gästen gehn.

Er sprach: "Ihr guten Recken, bevor ihr reitet hin, 316 So nehmt meine Gaben: also fleht mein Sinn, Ich will euch immer danken; verschmäht nicht mein Gut: Es unter euch zu theilen hab ich willigen Muth."

Die vom Dänenlande sprachen gleich zur Hand: 317 "Bevor wir wieder reiten heim in unser Land, Gewährt uns stäten Frieden: das ist uns Recken noth; Uns sind von euern Degen viel der lieben Freunde todt."

Genesen von den Wunden war Lüdegast derweil; 318 Der Vogt des Sachsenlandes war bald vom Kampfe heil. Etliche Todte ließen sie im Land. Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand.

Er sprach zu dem Recken: "Nun rath mir, wie ich thu. 319 Unsre Gäste wollen reiten morgen fruh Und gehn um stäte Sühne mich und die Meinen an: Nun rath, kühner Degen, was dich dünke wohlgethan.

"Was mir die Herrn bieten, das will ich dir sagen: 320 Was fünfhundert Mähren an Gold mögen tragen, Das bieten sie mir gerne für ihre Freiheit an." Da sprach aber Siegfried: "Das wär übel gethan.

"Ihr sollt sie beide ledig von hinnen laßen ziehn; 321 Nur daß die edeln Recken sich hüten fürderhin Vor feindlichem Reiten her in euer Land, Laßt euch zu Pfande geben der beiden Könige Hand."

"Dem Rathe will ich folgen." So giengen sie hindann. 322 Seinen Widersachern ward es kundgethan, Des Golds begehre Niemand, das sie geboten eh. Daheim den lieben Freunden war nach den heermüden weh.

Viel Schilde schatzbeladen trug man da herbei: 323 Das theilt' er ungewogen seinen Freunden frei, An fünfhundert Marken und Manchem wohl noch mehr; Gernot rieth es Gunthern, dieser Degen kühn und hehr.

Um Urlaub baten alle, sie wollten nun hindann. 324 Da kamen die Gäste vor Kriemhild heran Und dahin auch, wo Frau Ute saß, die Königin. Es zogen nie mehr Degen so wohl beurlaubt dahin.

Die Herbergen leerten sich, als sie von dannen ritten. 325 Doch verblieb im Lande mit herrlichen Sitten Der König mit den Seinen und mancher edle Mann: Die giengen alle Tage zu Frau Kriemhild heran.

Da wollt auch Urlaub nehmen Siegfried der gute Held, 326 Verzweifelnd zu erwerben, worauf sein Sinn gestellt. Der König hörte sagen, er wolle nun hindann: Geiselher der junge ihn von der Reise gewann.

"Wohin, edler Siegfried, wohin reitet ihr? 327 Hört meine Bitte, bleibt bei den Recken hier, Bei Gunther dem König und bei seinem Lehn: Hier sind viel schöne Frauen, die läßt man euch gerne sehn."

Da sprach der starke Siegfried: "So laßt die Rosse stehn. 328 Von hinnen wollt ich reiten, das laß ich mir vergehn. Tragt auch hinweg die Schilde: wohl wollt ich in mein Land: Davon hat mich Herr Geiselher mit großen Treuen gewandt."

So verblieb der Kühne dem Freund zu Liebe dort. 329 Auch wär ihm in den Landen an keinem andern Ort So wohl als hier geworden: daher es nun geschah, Daß er alle Tage die schöne Kriemhild ersah.

Ihrer hohen Schönheit willen der Degen da verblieb. 330 Mit mancher Kurzweile man nun die Zeit vertrieb; Nur zwang ihn ihre Minne, die schuf ihm oftmals Noth; Darum hernach der Kühne lag zu großem Jammer todt.

* * * * *

Sechstes Abenteuer.

Wie Gunther um Brunhild gen Isenland fuhr.

Wieder neue Märe erhob sich über Rhein: 331 Man sagte sich, da wäre manch schönes Mägdelein. Sich eins davon zu werben sann König Gunthers Muth. Das dauchte seine Recken und die Herren alle gut.

Es war eine Königin geseßen über Meer, 332 Ihr zu vergleichen war keine andre mehr. Schön war sie aus der Maßen, gar groß war ihre Kraft; Sie schoß mit schnellen Degen um ihre Minne den Schaft.

Den Stein warf sie ferne, nach dem sie weithin sprang; 333 Wer ihrer Minne gehrte, der muste sonder Wank Drei Spiel' ihr abgewinnen, der Frauen wohlgeboren; Gebrach es ihm an Einem, so war das Haupt ihm verloren.

Die Königstochter hatte das manchesmal gethan. 334 Das erfuhr am Rheine ein Ritter wohlgethan. Der seine Sinne wandte auf das schöne Weib. Drum musten bald viel Degen verlieren Leben und Leib.

Als einst mit seinen Leuten saß der König hehr, 335 Ward es von allen Seiten berathen hin und her, Welche ihr Herr sich sollte zum Gemahl erschaun, Die er zum Weibe wollte und dem Land geziemte zur Fraun.

Da sprach der Vogt vom Rheine: "Ich will an die See 336 Hin zu Brunhilden, wie es mir ergeh. Um ihre Minne wag ich Leben und Leib, Die will ich verlieren, gewinn ich nicht sie zum Weib."

"Das möcht ich widerrathen," sprach Siegfried wider ihn: 337 "So grimmiger Sitte pflegt die Königin, Um ihre Minne werben, das kommt hoch zu stehn: Drum mögt ihrs wohl entrathen, auf diese Reise zu gehn."

Da sprach der König Gunther: "Ein Weib ward noch nie 338 So stark und kühn geboren, im Streit wollt ich sie Leichtlich überwinden allein mit meiner Hand." "Schweigt," sprach da Siegfried, "sie ist euch noch unbekannt.

"Und wären eurer viere, die könnten nicht gedeihn 339 Vor ihrem grimmen Zorne: drum laßt den Willen sein, Das rath ich euch in Treuen: entgeht ihr gern dem Tod, So macht um ihre Minne euch nicht vergebliche Noth."

"Sei sie so stark sie wolle, die Reise muß ergehn 340 Hin zu Brunhilden, mag mir was will geschehn. Ihrer hohen Schönheit willen gewagt muß es sein: Vielleicht daß Gott mir füget, daß sie uns folgt an den Rhein."

"So will ich euch rathen," begann da Hagen, 341 "Bittet Siegfrieden, mit euch zu tragen Die Last dieser Sorge; das ist der beste Rath, Weil er von Brunhilden so gute Kunde doch hat."

Er sprach: "Viel edler Siegfried, willst du mir Helfer sein 342 Zu werben um die Schöne? Thu nach der Bitte mein; Und gewinn ich mir zur Trauten das herrliche Weib, So verwag ich deinetwillen Ehre, Leben und Leib."

Zur Antwort gab ihm Siegfried, König Siegmunds Sohn: 343 "Ich will es thun, versprichst du die Schwester mir zum Lohn, Kriemhild die schöne, eine Königin hehr: So begehr ich keines Dankes nach meinen Arbeiten mehr."

"Das gelob ich," sprach Gunther, "Siegfried, dir an die Hand. 344 Und kommt die schöne Brunhild hieher in dieses Land, So will ich dir zum Weibe meine Schwester geben: So magst du mit der Schönen immer in Freuden leben."

Des schwuren sich Eide diese Recken hehr. 345 Da schuf es ihnen beiden viel Müh und Beschwer, Eh sie die Wohlgethane brachten an den Rhein. Es musten die Kühnen darum in großen Sorgen sein.

Von wilden Gezwergen hab ich hören sagen, 346 Daß sie in hohlen Bergen wohnen und Schirme tragen, Die heißen Tarnkappen, von wunderbarer Art; Wer sie am Leibe trage, der sei gar wohl darin bewahrt

Vor Schlägen und vor Stichen; ihn mög auch Niemand sehn, 347 So lang er drin verweile; hören doch und spähn Mag er nach feinem Willen, daß Niemand ihn erschaut; Ihm wachsen auch die Kräfte, wie uns die Märe vertraut.

Die Tarnkappe führte Siegfried mit hindann, 348 Die der kühne Degen mit Sorgen einst gewann Von einem Gezwerge mit Namen Alberich. Da schickten sich zur Reise Recken kühn und ritterlich.

Wenn der starke Siegfried die Tarnkappe trug, 349 So gewann er drinnen der Kräfte genug, Zwölf Männer Stärke, so wird uns gesagt. Er erwarb mit großen Listen diese herrliche Magd.

Auch war so beschaffen die Nebelkappe gut, 350 Ein Jeder mochte drinnen thun nach seinem Muth, Was er immer wollte, daß ihn doch Niemand sah. Damit gewann er Brunhild, durch die ihm bald viel Leid geschah.

"Nun sage mir, Siegfried, eh unsre Fahrt gescheh, 351 Wie wir mit vollen Ehren kommen über See? Sollen wir Ritter führen in Brunhildens Land? Dreißigtausend Degen die werden eilends besandt."

"Wie viel wir Volkes führten," sprach Siegfried wider ihn, 352 "So grimmiger Sitte pflegt die Königin, Das müste doch ersterben vor ihrem Uebermuth. Ich will euch beßer rathen, Degen ihr kühn und gut.

"In Reckenweise fahren laßt uns zu Thal den Rhein. 353 Die will ich euch nennen, die das sollen sein: Zu uns zwein noch zweie und Niemand anders mehr, Daß wir die Frau erwerben, was auch geschehe nachher.

"Der Gesellen bin ich einer, du sollst der andre sein, 354 Und Hagen sei der dritte: wir mögen wohl gedeihn; Der vierte das sei Dankwart, dieser kühne Mann. Es dürfen Andrer tausend zum Streite nimmer uns nahn."