Chapter 3
Schon vor manchen Jahren, als ich das Lied der Nibelungen zuerst kennen lernte und mit Staunen die Wirkungen wahrnahm, die das herrliche Gedicht auf mein Gemüth hervorbrachte, entstand in mir der Wunsch, diese reinen kräftigen Töne in neuhochdeutscher Dichtersprache widerhallen zu hören. Um so mehr wunderte ich mich bei dem Fleiße, welchen Männer wie Voss, Schlegel, Tieck u.A. ausländischen Dichterwerken widmeten, ja bei der Pflege, welche sogar einem niederdeutschen Gedichte zu Theil ward, daß keiner unserer Dichter das Nibelungenlied einer gleichen Aufmerksamkeit würdigte. Denn Tieck hatte seinen früher angekündigten Vorsatz einer Uebertragung desselben nicht zur That reifen laßen und Uebersetzungen von Philologen, wie Von der Hagen und Büsching, entsprachen den künstlerischen Anforderungen nicht. Die Hagensche steht namentlich der Sprache der Urschrift für den Zweck der Verständlichkeit allzunahe, und die Büschingsche ist fast nur eine prosaische mit beibehaltenen Endreimen. Lange harrte ich daher vergebens, ob nicht einer unserer gefeierten Sänger, von denen mir besonders Uhland, Rückert und Gustav Schwab zu einem solchen Unternehmen berufen schienen, der gegen das Gedicht einreißenden und durch die bisherigen Bearbeitungen nur gesteigerten Gleichgültigkeit des größern Publikums steuern werde. Mögen es also die Kunstrichter, wenn sie können, entschuldigen, daß ein ruhmloser Jünger der Kunst, dessen Name vor ihren kritischen Stühlen kaum noch erscholl, seine geringen Kräfte an einer Arbeit versucht hat, deren fast unüberwindliche Schwierigkeiten so viele erprobte und fähigere Männer abgeschreckt zu haben scheint.
Eine Rechtfertigung des Unternehmens von Seiten der Nützlichkeit bedarf es nicht. Es ist albern zu glauben, daß eine Uebersetzung dem Studium des Originals Abbruch thun werde, vielmehr wird sie es erleichtern und befördern, und die gegenwärtige ist durch ihre Leichtverständlichkeit und Wohlfeilheit darauf berechnet, denselben recht viele Theilnehmer zu gewinnen. Hoffentlich wird Mancher, der bis jetzt die poetische Schönheit des Gedichts nicht geahnt hatte, und sie nun erst durch die Uebersetzung kennen lernt, sich das Studium des Originals nicht verdrießen laßen, während er früher die damit verbundene Anstrengung scheute, weil er nicht wuste ob er dafür durch einen entsprechenden geistigen Genuß werde entschädigt werden. Bei diesem Studium selbst bietet ihm die Uebersetzung abermals ein willkommenes Hülfsmittel dar. Eben so wenig Berücksichtigung verdient der andere Einwurf, daß sich das Original ohne Beihülfe einer Uebersetzung verstehen laße, und wenn Manche (wie A.W. von Schlegel) sogar meinen, es müste dahin kommen, daß jeder Bürger und Bauer sein Nibelungenlied in der Ursprache lese, wie jeder Grieche seinen Homer, so sind das Träume, die, wenn sie je in Erfüllung gehen sollten, nur durch Uebersetzungen, die das Volk erst belehrten, welchen Schatz es an dem Gedichte besitzt, verwirklicht werden könnten.
Wenn das Titelblatt die Uebersetzung eines mittelhochdeutschen Gedichts ankündigt, so kann darunter allerdings nur eine Uebertragung in die neuhochdeutsche Sprache verstanden werden; allein man darf darum nicht fordern, daß auch jedes darin zugelaßene Wort neuhochdeutsch sein solle: vielmehr genügte, im Ganzen die Formen der neuhochdeutschen Grammatik zu Grunde zu legen, was von den frühern Uebersetzern nicht geschehen war, und die Anforderung allgemeiner Verständlichkeit nie unberücksichtigt zu laßen. Man kann auch die neuhochdeutsche Sprache noch von der Sprache unserer neuern Dichter unterscheiden, in welche Manches aufgenommen ist, was mehr der mittelhochdeutschen anzugehören scheint. Eben dieß aber kam mir bei der Uebersetzung wesentlich zu Gute, indem ohne dieß die kindliche Naivetät, die treuherzige Einfalt des Ausdrucks verloren gegangen wäre, und die alterthümliche Farbe des Gedichts völlig hätte verwischt werden müßen. Alles freilich was sich neuhochdeutsche Dichter der letzten Zeit wohl erlaubt haben, verbot die Rücksicht auf allgemeine Faßlichkeit zu benutzen; Worte aber wie Degen, Recke, Minne, und Fügungen wie "Schwester mein", statt meine Schwester werden nirgend Anstoß erregen. Das beste Muster einer dem Mittelhochdeutschen angenäherten und doch mit alterthümlichen Anklängen nicht überladenen Sprache schienen mir Uhlands Romanzen darzubieten, und man wird finden, daß ich mich bestrebt habe, ihm nachzufolgen; Tiecks Behandlung aber dünkte mich zu gewaltthätig und namentlich enthalten seine Romanzen von Siegfried Freiheiten, die weder die heutige noch die ältere deutsche Sprache verstattete. Dieß mit Achtung vor dem Genius des Dichters.
Was die Versart der Urschrift betrifft, die sich der Uebersetzer bemüht hat so genau als möglich nachzubilden, so darf man nicht vergeßen, daß in den Nibelungen weder wie bei uns heutzutage die Verse nach Füßen gemeßen, noch wie bei unsern Nachbarn die Sylben gezählt werden. Vielmehr zählt man bloß die Hebungen, deren in jedem Halbvers drei, in der zweiten Hälfte des vierten Verses jeder Strophe aber gewöhnlich vier vorkommen, ohne daß ihnen eine gleiche Anzahl von Senkungen zu entsprechen brauchte. Es geschieht daher häufig, daß die Hebungen in aufeinander folgende Sylben zu stehen kommen, wie dieß gleich im zweiten Verse der Uebersetzung
Von préiswérthen Helden, von kühnem Wágespiel
der Fall ist, obgleich sich dieselbe Erscheinung im Original erst in der ändern Hälfte des Verses zeigt. Dagegen hat gleich der fünfte Vers:
Es wúchs in Búrgónden ein édel Mägdelein
die Hebungen auf derselben Stelle wie das Original nebeneinander. Wie groß daher der Unterschied des eigentlichen Nibelungenverses von dem sei, was man gewöhnlich dafür ausgiebt, und wie sehr dieses an Wohllaut und Mannigfaltigkeit von jenem übertroffen wird, kann die Vergleichung des zweiten der in der "Einleitung" mitgetheilten Gedichte mit der "Weihe" lehren. Am Schluß der Verse bloß männliche Reime zu gestatten, wie der Urtext nur "stumpfe" zuläßt und die "klingenden" ausschließt, war nicht thunlich, weil die Pflicht, so viel als mit der neuhochdeutschen Sprache verträglich von dem Urtext zu retten, manche Schlußreime des Originals beizubehalten gebot, diese aber wegen des kurzen Vocals in der ersten Sylbe, welcher die erste stumm macht, nach mittelhochdeutscher Verskunst für stumpfe (männliche) Reime galten, während sie nach den unsrigen für weibliche, oder wenn man so sagen soll, für klingende gehalten werden.
Hinsichtlich des Textes bedarf es bloß der Angabe, daß ich in der Regel dem Lachmannschen gefolgt bin, auf welchen sich auch die Strophenzahlen beziehen; daß ich aber auch weniger alte und verbürgte Strophen anderer Ausgaben aufgenommen, jedoch mit einem Sternchen bezeichnet habe.
Man wird mir schwerlich vorwerfen können, allzufrei übertragen zu haben. Worttreue ist keine Pflicht: sie gleicht der Treue Eulenspiegels zu seinem Meister dem Schneider. Wie vieler Verbeßerungen aber die Uebersetzung noch fähig wäre, fühlt Niemand lebhafter als ich, der, obgleich ich das Manuscript kurz vor dem Drucke einer nochmaligen strengen Durchsicht unterwarf, schon jetzt an dem mir vorliegenden ersten Aushängebogen wieder Tausenderlei auszustellen hätte ohne darum an dem Unternehmen irre zu werden; denn wann dürfte bei einem solchen Werke die kritische Feile ruhn? Die Aufnahme, die diesem ersten Versuche seitens des großen Publicums zu Theil werden wird, und die Nachhülfe, die ich von belehrenden Kritiken sachkundiger Männer erwarte, mögen darüber entscheiden, ob ich ihn dereinst in vollendeterer Gestalt der Welt vorlegen werde. Möchte der Leser nur einen Theil des Genußes empfinden, welchen die Arbeit dem Uebersetzer gewährte!
_Berlin_, den 12. December 1826.
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Weihe
an Friedrich Baron de la Motte Fouqué.
Vom Ursitz deutscher Völker, aus ferner Heidenzeit Erklingt uns eine Kunde von Lieb und Heldenstreit; Sie lebt in zwei Gestalten bei deutschen Stämmen fort Und sie ist unsres Volkes urerster Schirm und Hort.
Die Eine, werther Sänger, hat Dein Gesang verklärt, Von Deinem treuen Geiste durchglühet und genährt: Nun leuchtet in Walhalla, den Asen beigesellt, Sigurd der Schlangentödter, der edle Norderheld.
Die Andre bringt ein Jünger dafür zum Dank Dir dar, Ein Lied des Deinen würdig, durch Andrer Sangkunst zwar: Es wurzelt in dem Boden der starren Heidennacht, Vom milden Christenhimmel das Laubwerk überdacht.
Wär Deine fromme Treue, die nie von Arg gewust, Dein Herz voll Kraft und Milde in jeder deutschen Brust, Der Name flöge wieder bis an die Sternenwand Siegfrieds des Drachentödters vom Nibelungenland.
_Bonn_, den 4. November 1826.
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_An Karl Simrock._
Dankesgruß für die Zueignung des Nibelungenliedes.
Wer Lieder wagt zu singen im deutschen Dichterwald Weckt meist vielfaches Tönen, das rings ihm wiederhallt. Doch das altgute Spruchwort: "Es schallt vom Wald heraus Wie's in den Wald hineinschallt," geht hier nicht immer aus.
Schon Mancher hat gesungen in treuer Lieb und Lust, Und Schmähruf drang entgegen zerstachelnd ihm die Brust: Da gilts denn freilich Sanglust, wenn fort man singen soll; Doch Herz quillt immer über, ist nur das Herz recht voll.
So hats der treue Siegfried in Wort und That gemacht; Lohnt' ihm das Wer mit Undank, des hatt' er wenig Acht, Er blieb ein treuer Degen wie ehmal so fortan Und so solls nach ihm machen jedweder echte Mann.
Er frage nach dem Lohn nicht; Gott schickt von selbst ihm Lohn, Weckt aus verwandten Herzen ihm manch verwandten Ton. So hast Du mir gesungen: vom Herzen giengs ins Herz: Wir pilgern treu verbunden durchs Weltthal himmelwärts.
L.M. Fouqué.
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Einleitung.
_Der Nibelungenhort._
I.
Es war einmal ein König, Ein König wars am Rhein, Der liebte nichts so wenig Als Hader, Gram und Pein. Es grollten seine Degen Um einen Schatz im Land Und wären fast erlegen Vor ihrer eignen Hand.
Da sprach er zu den Edeln: "Was frommt euch alles Gold, Wenn ihr mit euern Schedeln Den Hort erkaufen sollt? Ein Ende sei der Plage, Versenkt es in den Rhein: Bis zu dem jüngsten Tage Mags da verborgen sein."
Da senkten es die Stolzen Hinunter in die Flut; Es ist wohl gar geschmolzen, Seitdem es da geruht. Zerronnen in den Wellen Des Stroms, der drüber rollt, Läßt es die Trauben schwellen Und glänzen gleich dem Gold.
Daß doch ein Jeder dächte Wie dieser König gut, Auf daß kein Leid ihn brächte Um seinen hohen Muth. So senkten wir hinunter Den Kummer in den Rhein Und tränken froh und munter Von seinem goldnen Wein.
II.
Einem Ritter wohlgeboren im schönen Schwabenland War von dem weisen Könige die Märe wohlbekannt, Der den Hort versenken ließ in des Rheines Flut: Wie er ihm nachspüre erwog er lang in seinem Muth.
"Darunter lag von Golde ein Wunschrüthelein; Wenn ich den Hort erwürbe, mein eigen müst es sein: Wer Meister wär der Gerte, das ist mir wohl bekannt, Dem wär sie nicht zu Kaufe um alles kaiserliche Land."
Auf seinem Streitrosse mit Harnisch, Schild und Schwert Verließ der Heimat Gauen der stolze Degen werth: Nach _Lochheim_ wollt er reiten bei Worms an dem Rhein, Wo die Schätze sollten in der Flut begraben sein.
Der werthe Held vertauschte sein ritterlich Gewand Mit eines Fischers Kleide, den er am Ufer fand, Den Helm mit dem Barete, sein getreues Ross Mit einem guten Schifflein, das lustig auf den Wellen floß.
Seine Waffe war das Ruder, die Stange war sein Sper: So kreuzt er auf den Wellen manch lieben Tag umher Und fischte nach dem Horte; die Zeit war ihm nicht lang; Er erholte von der Arbeit sich bei Zechgelag und Gesang.
Um das alte Wormes und tiefer um den Rhein Bis sich die Berge senken, da wächst ein guter Wein: Er gleicht so recht an Farbe dem Nibelungengold, Das in der Flut zerronnen in der Reben Adern rollt.
Den trank er alle Tage, beides, spät und früh, Wenn er Rast sich gönnte von der Arbeit Müh. Er war so rein und lauter, er war so hell und gut, Er stärkte seine Sinne und erhöht' ihm Kraft und Muth.
Auch hört er Märe singen, die sang der Degen nach, Von Alberich dem Zwerge, der des Hortes pflag, Von hohem Liebeswerben, von Siegfriedens Tod, Von Kriemhilds grauser Rache und der Nibelungen Noth.
Da nahm der Degen wieder das Ruder an die Hand Und forschte nach dem Horte am weingrünen Strand. Mit Hacken und mit Schaufeln drang er auf den Grund, Mit Netzen und mit Stangen: ihm wurden Mühsale kund.
Von des Weines Güte empfieng er Kraft genug, Daß er des Tags Beschwerde wohlgemuth ertrug. Sein Lied mit stolzer Fülle aus der Kehle drang, Daß es nachgesungen von allen Bergen wiederklang.
So schifft' er immer weiter zu Thal den grünen Rhein, Nach dem Horte forschend bei Hochgesang und Wein. Am großen Loch bei Bingen erst seine Stimme schwoll, Hei! wie ein starkes Singen an der Lurlei widerscholl!
Doch fand er in der Tiefe vom Golde keine Spur, Nicht in des Stromes Bette, im Becher blinkt' es nur. Da sprach der biedre Degen: "Nun leuchtet erst mir ein: Ich gieng den Hort zu suchen: der große Hort, das ist der Wein.
"Der hat aus alten Zeiten noch bewahrt die Kraft, Daß er zu großen Thaten erregt die Ritterschaft. Aus der Berge Schachten stammt sein Feuergeist, Der den blöden Sänger in hohen Thaten unterweist.
"Er hat aus alten Zeiten mir ein Lied vertraut, Wie er zuerst der Wogen verborgnen Grund geschaut; Wie Siegfried ward erschlagen um schnöden Golds Gewinn Und wie ihr Leid gerochen Kriemhild, die edle Königin.
"Mein Schifflein laß ich fahren, die Gier des Goldes flieht, Der Hort ward zu Weine, der Wein ward mir zum Lied, Zum Liede, das man gerne nach tausend Jahren singt Und das in diesen Tagen von allen Zungen wiederklingt.
"Ich gieng den Hort zu suchen, mein Sang, das ist der Hort, Es begrub ihn nicht die Welle, er lebt unsterblich fort." Sein Schifflein ließ er fahren und sang sein Lied im Land: Das ward vor allen Königen, vor allen Kaisern bekannt.
Laut ward es gesungen im Lande weit und breit, Hat neu sich aufgeschwungen in dieser späten Zeit. Nun mögt ihr erst verstehen, ein altgesprochen Wort: "Das Lied der Nibelungen, das ist der Nibelungenhort."
K. S.
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Das Nibelungenlied.
Erstes Abenteuer.
Wie Kriemhilden träumte.
Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit 1 Von preiswerthen Helden, von großer Kühnheit, Von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen, Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen.
Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, 2 Daß in allen Landen nichts Schönres mochte sein. Kriemhild war sie geheißen, und ward ein schönes Weib, Um die viel Degen musten verlieren Leben und Leib.
Die Minnigliche lieben brachte Keinem Scham; 3 Um die viel Recken warben, Niemand war ihr gram. Schön war ohne Maßen die edle Maid zu schaun; Der Jungfrau höfsche Sitte wär eine Zier allen Fraun.
Es pflegten sie drei Könige edel und reich, 4 Gunther und Gernot, die Recken ohne Gleich, Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen; Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen.
Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm, 5 Unmaßen kühn nach Kräften, die Recken lobesam. Nach den Burgunden war ihr Land genannt; Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land.
In Worms am Rheine wohnten die Herrn in ihrer Kraft. 6 Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit, Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit.
Ute hieß ihre Mutter, die reiche Königin, 7 Und Dankrat ihr Vater, der ihnen zum Gewinn Das Erbe ließ im Tode, vordem ein starker Mann, Der auch in seiner Jugend großer Ehren viel gewann.
Die drei Könge waren, wie ich kund gethan, 8 Stark und hohen Muthes; ihnen waren unterthan Auch die besten Recken, davon man hat gesagt, Von großer Kraft und Kühnheit, in allen Streiten unverzagt.
Das war von Tronje Hagen, und der Bruder sein, 9 Dankwart der Schnelle, von Metz Herr Ortewein, Die beiden Markgrafen Gere und Eckewart, Volker von Alzei, an allen Kräften wohlbewahrt,
Rumold der Küchenmeister, ein theuerlicher Degen, 10 Sindold und Hunold: die Herren musten pflegen Des Hofes und der Ehren, den Köngen unterthan. Noch hatten sie viel Recken, die ich nicht alle nennen kann.
Dankwart war Marschall; so war der Neffe sein 11 Truchseß des Königs, von Metz Herr Ortewein. Sindold war Schenke, ein waidlicher Degen, Und Kämmerer Hunold: sie konnten hoher Ehren pflegen.
Von des Hofes Ehre von ihrer weiten Kraft, 12 Von ihrer hohen Würdigkeit und von der Ritterschaft, Wie sie die Herren übten mit Freuden all ihr Leben, Davon weiß wahrlich Niemand euch volle Kunde zu geben.
In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden, 13 Sie zög einen Falken, stark-, schön- und wilden; Den griffen ihr zwei Aare, daß sie es mochte sehn: Ihr konnt auf dieser Erde größer Leid nicht geschehn.
Sie sagt' ihrer Mutter den Traum, Frau Uten: 14 Die wust ihn nicht zu deuten als so der guten: "Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann: Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn gethan."
"Was sagt ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? 15 Ohne Reckenminne will ich immer sein; So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod, Daß ich von Mannesminne nie gewinnen möge Noth."
"Verred es nicht so völlig," die Mutter sprach da so, 16 "Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh, Das geschieht von Mannesminne: du wirst ein schönes Weib, Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib."
"Die Rede laßt bleiben, vielliebe Mutter mein. 17 Es hat an manchen Weiben gelehrt der Augenschein, Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt; Ich will sie meiden beide, so bleib ich sicher verschont!"
Kriemhild in ihrem Muthe hielt sich von Minne frei. 18 So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei, Daß sie Niemand wuste, der ihr gefiel zum Mann, Bis sie doch mit Ehren einen werthen Recken gewann.
Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, 19 Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod Den nächsten Anverwandten wie gab sie blutgen Lohn! Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn.
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Zweites Abenteuer.
Von Siegfrieden.
Da wuchs im Niederlande eines edeln Königs Kind, 20 Siegmund hieß sein Vater, die Mutter Siegelind, In einer mächtgen Veste, weithin wohlbekannt, Unten am Rheine, Xanten war sie genannt.
Ich sag euch von dem Degen, wie so schön er ward. 21 Er war vor allen Schanden immer wohl bewahrt. Stark und hohes Namens ward bald der kühne Mann: Hei! was er großer Ehren auf dieser Erde gewann!
Siegfried ward geheißen der edle Degen gut. 22 Er erprobte viel der Recken in hochbeherztem Muth. Seine Stärke führt' ihn in manches fremde Land: Hei! was er schneller Degen bei den Burgunden fand!
Bevor der kühne Degen voll erwuchs zum Mann, 23 Da hatt er solche Wunder mit seiner Hand gethan, Davon man immer wieder singen mag und sagen; Wir müßen viel verschweigen von ihm in heutigen Tagen.
In seinen besten Zeiten, bei seinen jungen Tagen 24 Mochte man viel Wunder von Siegfrieden sagen, Wie Ehr an ihm erblühte und wie schön er war zu schaun: Drum dachten sein in Minne viel der waidlichen Fraun.
Man erzog ihn mit dem Fleiße, wie ihm geziemend war; 25 Was ihm Zucht und Sitte der eigne Sinn gebar! Das ward noch eine Zierde für seines Vaters Land, Daß man zu allen Dingen ihn so recht herrlich fand.
Er war nun so erwachsen, mit an den Hof zu gehn. 26 Die Leute sahn ihn gerne; viel Fraun und Mädchen schön Wünschten wohl, er käme dahin doch immerdar; Hold waren ihm gar viele, des ward der Degen wohl gewahr.
Selten ohne Hüter man reiten ließ das Kind. 27 Mit Kleidern hieß ihn zieren seine Mutter Siegelind; Auch pflegten sein die Weisen, denen Ehre war bekannt: Drum möcht er wohl gewinnen so die Leute wie das Land,
Nun war er in der Stärke, daß er wohl Waffen trug: 28 Wes er dazu bedurfte, des gab man ihm genug. Schon sann er zu werben um manches schöne Kind; Die hätten wohl mit Ehren den schönen Siegfried geminnt.
Da ließ sein Vater Siegmund kund thun seinem Lehn, 29 Mit lieben Freunden woll er ein Hofgelag begehn. Da brachte man die Märe in andrer Könge Land. Den Heimischen und Gästen gab er Ross und Gewand.
Wen man finden mochte, der nach der Eltern Art 30 Ritter werden sollte, die edeln Knappen zart Lud man nach dem Lande zu der Lustbarkeit, Wo sie das Schwert empfiengen mit Siegfried zu gleicher Zeit.
Man mochte Wunder sagen von dem Hofgelag. 31 Siegmund und Siegelind gewannen an dem Tag Viel Ehre durch die Gaben, die spendet' ihre Hand: Drum sah man viel der Fremden zu ihnen reiten in das Land.
Vierhundert Schwertdegen sollten gekleidet sein 32 Mit dem jungen Könige. Manch schönes Mägdelein Sah man am Werk geschäftig: ihm waren alle hold. Viel edle Steine legten die Frauen da in das Gold,
Die sie mit Borten wollten auf die Kleider nähn 33 Den jungen stolzen Recken; das muste so ergehn. Der Wirth ließ Sitze bauen für manchen kühnen Mann Zu der Sonnenwende, wo Siegfried Ritters Stand gewann.
Da gieng zu einem Münster mancher reiche Knecht 34 Und viel der edeln Ritter. Die Alten thaten recht, Daß sie den Jungen dienten, wie ihnen war geschehn, Sie hatten Kurzweile und freuten sich es zu sehn.
Als man da Gott zu Ehren eine Messe sang, 35 Da hub sich von den Leuten ein gewaltiger Drang, Da sie zu Rittern wurden dem Ritterbrauch gemäß Mit also hohen Ehren, so leicht nicht wieder geschähs.
Sie eilten, wo sie fanden geschirrter Rosse viel. 36 Da ward in Siegmunds Hofe so laut das Ritterspiel, Daß man ertosen hörte Pallas und Saal. Die hochbeherzten Degen begannen fröhlichen Schall.
Von Alten und von Jungen mancher Stoß erklang, 37 Daß der Schäfte Brechen in die Lüfte drang. Die Splitter sah man fliegen bis zum Saal hinan. Die Kurzweile sahen die Fraun und Männer mit an.
Der Wirth bat es zu laßen. Man zog die Rosse fort; 38 Wohl sah man auch zerbrochen viel starke Schilde dort Und viel der edeln Steine auf das Gras gefällt Von des lichten Schildes Spangen: die hatten Stöße zerschellt.
Da setzten sich die Gäste, wohin man ihnen rieth, 39 zu Tisch, wo von Ermüdung viel edle Kost sie schied Und Wein der allerbeste, des man die Fülle trug. Den Heimischen und Fremden bot man Ehren da genug.
So viel sie Kurzweile gefunden all den Tag, 40 Das fahrende Gesinde doch keiner Ruhe pflag: Sie dienten um die Gabe, die man da reichlich fand; Ihr Lob ward zur Zierde König Siegmunds ganzem Land.
Da ließ der Fürst verleihen Siegfried, dem jungen Mann, 41 Das Land und die Burgen, wie sonst er selbst gethan. Seinen Schwertgenoßen gab er mit milder Hand: So freute sie die Reise, die sie geführt in das Land.