Chapter 25
"Nicht woll es Gott vom Himmel," sprach da Gernot. 2216 "Und waren unser tausend, wir wollten alle todt Vor deinen Freunden liegen eh wir dir Einen Mann Hier zu Geisel gäben: das wird nimmer gethan."
"Wir müsten doch ersterben," sprach da Geiselher, 2217 "So soll uns Niemand scheiden von ritterlicher Wehr. Wer gerne mit uns stritte, wir sind noch immer hie: Verrieth ich meine Treue an einem Freunde doch nie."
Da sprach der kühne Dankwart, es ziemt' ihm wohl zu sagen: 2218 "Noch steht nicht alleine hier mein Bruder Hagen. Die uns den Frieden weigern, beklagen es noch schwer, Des sollt ihr inne werden, ich sags euch wahrlich vorher."
Da sprach die Königstochter: "Ihr Helden allbereit, 2219 Nun geht der Stiege näher und rächt unser Leid. Das will ich stäts verdienen, wie ich billig soll: Der Uebermuth Hagens, dessen lohn ich ihm wohl.
"Laßt keinen aus dem Hause der Degen allzumal: 2220 So laß ich an vier Enden anzünden hier den Saal. So wird noch wohl gerochen all mein Herzeleid." König Etzels Recken sah man bald dazu bereit.
Die noch draußen standen, die trieb man in den Saal 2221 Mit Schlägen und mit Schüßen: da gab es lauten Schall. Doch wollten sich nicht scheiden die Fürsten und ihr Heer: Sie ließen von der Treue zu einander nicht mehr.
Den Saal in Brand zu stecken gebot da Etzels Weib. 2222 Da quälte man den Helden mit Feuersglut den Leib. Das Haus vom Wind ergriffen gerieth in hohen Brand. Nie wurde solcher Schrecken noch einem Volksheer bekannt.
Da riefen Viele drinnen: "O weh dieser Noth! 2223 Da möchten wir ja lieber im Sturm liegen todt. Das möge Gott erbarmen; wie sind wir all verlorn! Wie grimmig rächt die Königin an uns allen ihren Zorn!"
Da sprach darinnen Einer: "Wir finden hier den Tod 2224 Vor Rauch und vor Feuer: wie grimm ist diese Noth! Mir thut vor starker Hitze der Durst so schrecklich weh, Ich fürchte, mein Leben in diesen Nöthen zergeh!"
Da sprach von Tronje Hagen: "Ihr edlen Ritter gut, 2225 Wen der Durst will zwingen, der trinke hier das Blut. Das ist in solcher Hitze beßer noch als Wein; Es mag halt zu trinken hier nichts Beßeres sein."
Hin gieng der Recken Einer, wo er einen Todten fand: 2226 Er kniet' ihm zu der Wunde, den Helm er niederband. Da begann er zu trinken das fließende Blut. So wenig ers gewohnt war, er fand es köstlich und gut.
"Nun lohn euch Gott, Herr Hagen," sprach der müde Mann, 2227 "Daß ich von eurer Lehre so guten Trank gewann. Man schenkte mir selten noch einen beßern Wein. So lang ich leben bleibe will ich euch stäts gewogen sein."
Als das die Andern hörten, es däuchte ihn so gut, 2228 Da fanden sich noch Viele, die tranken auch das Blut. Davon kam zu Kräften der guten Recken Leib: Des entgalt an lieben Freunden bald manches waidliche Weib.
Das Feuer fiel gewaltig auf sie in den Saal: 2229 Sie wandten mit den Schilden es von sich ab im Fall. Der Rauch und auch die Hitze schmerzten sie gar sehr. Also großer Jammer geschieht wohl Helden nimmer mehr.
Da sprach von Tronje Hagen: "Stellt euch an die Wand; 2230 Laßt nicht die Brände fallen auf eurer Helme Band Und tretet sie mit Füßen tiefer in das Blut. Eine üble Hochzeit ist es, zu der die Königin uns lud."
Unter solchen Nöthen zerrann zuletzt die Nacht. 2231 Noch hielt vor dem Hause der kühne Spielmann Wacht Und Hagen sein Geselle, gelehnt auf Schildesrand, Noch größern Leids gewärtig von Denen aus Etzels Land.
Daß der Saal gewölbt war, half den Gästen sehr; 2232 Dadurch blieben ihrer am Leben desto mehr, Wiewohl sie an den Fenstern von Feuer litten Noth. Da wehrten sich die Degen, wie Muth und Ehre gebot.
Da sprach der Fiedelspieler: "Gehn wir in den Saal: 2233 Da wähnen wohl die Heunen, wir seien allzumal Von der Qual erstorben, die sie uns angethan: Dann kommen doch noch Etliche zum Streit mit ihnen heran."
Da sprach von Burgunden Geiselher das Kind: 2234 "Ich wähn, es wolle tagen, sich hebt ein kühler Wind. Nun laß uns Gott vom Himmel noch liebre Zeit erleben! Eine arge Hochzeit hat uns meine Schwester Kriemhild gegeben."
Da sprach wieder Einer: "Ich spüre schon den Tag. 2235 Wenn es denn uns Degen nicht beßer werden mag, So bereitet euch, ihr Recken, zum Streit, das ist uns Noth: Da wir doch nicht entrinnen, daß wir mit Ehren liegen todt."
Der König mochte wähnen, die Gäste wären todt 2236 Von den Beschwerden allen und von des Feuers Noth, Da lebten doch so Kühner noch drin sechshundert Mann, Daß wohl nie ein König beßre Degen gewann.
Der Heimathlosen Hüter hatten wohl gesehn, 2237 Daß noch die Gäste lebten, was ihnen auch geschehn Zu Schaden war und Leide, den Herrn und ihrem Lehn. Man sah sie in dem Hause noch gar wohl geborgen gehn.
Man sagte Kriemhilden, noch Viele lebten drin. 2238 "Wie wäre das möglich," sprach die Königin, "Daß noch Einer lebte nach solcher Feuersnoth? Eher will ich glauben, sie fanden Alle den Tod."
Noch wünschten zu entkommen die Fürsten und ihr Lehn, 2239 Wenn an ihnen Gnade noch jemand ließ' ergehn. Die konnten sie nicht finden in der Heunen Land: Da rächten sie ihr Sterben mit gar williger Hand.
Schon früh am andern Morgen man ihnen Grüße bot 2240 Mit heftigem Angriff; wohl schuf das Helden Noth. Zu ihnen aufgeschoßen ward mancher scharfe Sper; Doch fanden sie darinnen die kühnen Recken wohl zur Wehr.
Dem Heergesinde Etzels war erregt der Muth, 2241 Daß sie verdienen wollten Frau Kriemhildens Gut Und alles willig leisten, was der Fürst gebot: Da muste bald noch Mancher von ihnen schauen den Tod.
Von Verheißen und von Gaben mochte man Wunder sagen: 2242 Sie ließ ihr Gold, das rothe, auf Schilden vor sich tragen; Sie gab es Jedem willig, Der es wollt empfahn. Nie wurden wider Feinde so große Schätze verthan.
Gewaffnet trat der Recken eine große Macht zur Thür. 2243 Da sprach der Fiedelspieler. "Wir sind noch immer hier: So gern sah ich Helden zum Streiten nimmer kommen, Als die das Gold des Königs uns zu verderben genommen."
Da riefen ihrer Viele: "Nur näher zu dem Streit! 2244 Da wir doch fallen müßen, so thun wirs gern bei Zeit. Hier wird Niemand bleiben, als wer doch sterben soll." Da staken ihre Schilde gleich von Sperschüßen voll.
Was soll ich weiter sagen? Wohl zwölfhundert Degen 2245 Versuchtens auf und nieder mit starken Schwertesschlägen. Da kühlten an den Feinden die Gäste wohl den Muth. Kein Friede war zu hoffen, drum sah man fließen das Blut
Aus tiefen Todeswunden: Deren wurden viel geschlagen. 2246 Man hörte nach den Freunden Jeglichen klagen. Die Biedern starben alle dem reichen König hehr: Da hatten liebe Freunde nach ihnen Leid und Beschwer.
* * * * *
Siebenunddreißigstes Abenteuer.
Wie Rüdiger erschlagen ward.
Die Heimathlosen hatten am Morgen viel gethan. 2247 Der Gemahl Gotlindens kam zu Hof heran Und sah auf beiden Seiten des großen Leids Beschwer: Darüber weinte inniglich der getreue Rüdiger.
"O weh, daß ich das Leben," sprach der Held, "gewann 2248 Und diesem großen Jammer nun Niemand wehren kann. So gern ich Frieden schüfe, der König gehts nicht ein, Da ihm das Unheil stärker, immer stärker bricht herein."
Zu Dietrichen sandte der gute Rüdiger, 2249 Ob sie's noch könnten wenden von den Köngen hehr? Da entbot ihm Der von Berne: "Wer möcht ihm widerstehn? Es will der König Etzel keine Sühne mehr sehn."
Da sah ein Heunenrecke Rüdigern da stehn 2250 Mit weinenden Augen, wie er ihn oft gesehn. Er sprach zu der Königin: "Nun seht, wie er da steht Den ihr und König Etzel vor allen Andern habt erhöht
"Und dem doch alles dienet, die Leute wie das Land. 2251 Wie sind so viel der Burgen an Rüdigern gewandt, Deren er so manche von dem König haben mag! Er schlug in diesen Stürmen noch keinen löblichen Schlag.
"Mich dünkt, ihn kümmert wenig, was hier mit uns geschieht, 2252 Wenn er nach seinem Willen bei sich die Fülle sieht. Man rühmt, er wäre kühner, als Jemand möge sein: Das hat uns schlecht bewiesen in dieser Noth der Augenschein."
Mit traurigem Muthe der vielgetreue Mann, 2253 Den er so reden hörte, den Heunen sah, er an. Er dachte: "Das entgiltst du; du sagst, ich sei verzagt: Da hast du deine Mären zu laut bei Hofe gesagt."
Er zwang die Faust zusammen: da lief er ihn an 2254 Und schlug mit solchen Kräften den Heunischen Mann, Daß er ihm vor die Füße niederstürzte todt. Da war gemehrt aufs Neue dem König Etzel die Noth.
"Fahr hin, verzagter Bösewicht," sprach da Rüdiger, 2255 "Ich hatte doch des Leides genug und der Beschwer. Daß ich hier nicht fechte, was rügst du mir das? Wohl trüg auch ich den Gästen mit Grunde feindlichen Hass,
"Und alles, was ich könnte, thät ich ihnen an, 2256 Hätt ich nicht hieher geführt Die Gunthern unterthan. Ich war ihr Geleite in meines Herren Land: Drum darf sie nicht bestreiten meine unselge Hand."
Da sprach zum Markgrafen Etzel der König hehr: 2257 "Wie habt ihr uns geholfen, viel edler Rüdiger! Wir hatten doch der Todten so viel in diesem Land, Daß wir nicht mehr bedurften: mit Unrecht schlug ihn eure Hand."
Da sprach der edle Ritter: "Er beschwerte mir den Muth 2258 Und hat mir bescholten die Ehre wie das Gut, Des ich aus deinen Händen so große Gaben nahm, Was nun dem Lügenbolde übel auch zu Statten kam."
Da kam die Königstochter, die hatt es auch gesehn, 2259 Was von des Helden Zorne dem Heunen war geschehn. Sie beklagt' es ungefüge, ihre Augen wurden naß. Sie sprach zu Rüdigern: Wie verdienten wir das,
"Daß ihr mir und dem König noch mehrt unser Leid? 2260 Ihr habt uns, edler Rüdiger, verheißen allezeit, Ihr wolltet für uns wagen die Ehre wie das Leben; Auch hört ich viel der Recken den Preis des Muthes euch geben."
"Ich mahn euch nun der Treue, die mir schwur eure Hand, 2261 Da ihr mir zu Etzeln riethet, Ritter auserkannt, Daß ihr mir dienen wolltet bis an unsern Tod. Des war mir armen Weibe noch niemals so bitter Noth."
"Das kann ich nicht läugnen, ich schwur euch, Königin, 2262 Die Ehre wie das Leben gäb ich für euch dahin: Die Seele zu verlieren hab ich nicht geschworen. Zu diesem Hofgelage bracht ich die Fürsten wohlgeboren."
Sie sprach: "Gedenke, Rüdiger, der hohen Eide dein 2263 Von deiner stäten Treue, wie du den Schaden mein Immer wolltest rächen und wenden all mein Leid." Der Markgraf entgegnete: "Ich war euch stäts zu Dienst bereit."
Etzel der reiche hub auch zu flehen an. 2264 Da warfen sie sich beide zu Füßen vor den Mann. Den guten Markgrafen man da in Kummer sah; Der vielgetreue Recke jammervoll begann er da:
"O weh mir Unselgem, muß ich den Tag erleben! 2265 Aller meiner Ehren soll ich mich nun begeben, Aller Zucht und Treue, die Gott mir gebot; O weh, Herr des Himmels, daß mirs nicht wenden will der Tod!
"Welches ich nun laße, das Andre zu begehn, 2266 So ist doch immer übel und arg von mir geschehn. Was ich thu und laße, so schilt mich alle Welt. Nun möge mich erleuchten, der mich dem Leben gesellt!"
Da baten ihn so dringend der König und sein Weib, 2267 Daß bald viel Degen musten Leben und Leib Von Rüdgers Hand verlieren und selbst Der Held erstarb. Nun mögt ihr bald vernehmen, welchen Jammer er erwarb.
Er wuste wohl nur Schaden und Leid sei sein Gewinn. 2268 Er hätt es auch dem König und der Königin Gern versagen wollen: der Held besorgte sehr, Erschlug er ihrer Einen, daß er der Welt ein Greuel wär.
Da sprach zu dem Könige dieser kühne Mann: 2269 "Herr Etzel, nehmt zurücke, was ich von euch gewann, Das Land mit den Burgen; bei mir soll nichts bestehn: Ich will auf meinen Füßen hinaus in das Elend gehn.
"Alles Gutes ledig räum ich euer Land, 2270 Mein Weib und meine Tochter nehm ich an die Hand, Eh ich so ohne Treue entgegen geh dem Tod: Das hieß' auf üble Weise verdienen euer Gold so roth."
Da sprach der König Etzel: "Wer aber hülfe mir? 2271 Mein Land mit den Leuten, das alles geb ich dir, Daß du mich rächest, Rüdiger, an den Feinden mein: Du sollst neben Etzeln ein gewaltger König sein."
Da sprach wieder Rüdiger: "Wie dürft ich ihnen schaden? 2272 Heim zu meinem Hause hab ich sie geladen; Trinken und Speise ich ihnen gütlich bot, Dazu meine Gabe; und soll ich sie nun schlagen todt?
"Die Leute mögen wähnen, ich sei zu verzagt. 2273 Keiner meiner Dienste war ihnen je versagt: Sollt ich sie nun bekämpfen, das wär nicht wohl gethan. So reute mich die Freundschaft, die ich an ihnen gewann.
"Geiselher dem Degen gab ich die Tochter mein: 2274 Sie konnt auf Erden nimmer beßer verwendet sein, Seh ich auf Zucht und Ehre, auf Treu oder Gut. Nie ein so junger König trug wohl tugendreichern Muth."
Da sprach wieder Kriemhild: "Viel edler Rüdiger, 2275 Nun laß dich erbarmen unsres Leids Beschwer, Mein und auch des Königs; gedenke wohl daran, Daß nie ein Wirth auf Erden so leide Gäste gewann."
Da begann der Markgraf zu der Köngin hehr: 2276 "Heut muß mit dem Leben entgelten Rüdiger, Was ihr und der König mir Liebes habt gethan: Dafür muß ich sterben, es steht nicht länger mehr an.
"Ich weiß, daß noch heute meine Burgen und mein Land 2277 Euch ledig werden müßen von dieser Helden Hand. So befehl ich euch auf Gnade mein Weib und mein Kind Und all die Heimathlosen, die da zu Bechlaren find."
"Nun lohne Gott dir, Rüdiger!" der König sprach da so; 2278 Er und die Königin, sie wurden beide froh. "Uns seien wohlbefohlen alle Leute dein; Auch trau ich meinem Heile, du selber werdest glücklich sein."
Da setzt' er auf die Wage die Seele wie den Leib. 2279 Da begann zu weinen König Etzels Weib. Er sprach: "Ich muß euch halten den Eid, den ich gethan. O weh meiner Freunde! wie ungern greif ich sie an."
Man sah ihn von dem König hinweggehn trauriglich. 2280 Da fand er seine Recken nahe stehn bei sich: Er sprach: "Ihr sollt euch waffnen, ihr All in meinem Lehn: Die kühnen Burgunden muß ich nun leider bestehn."
Nach den Gewaffen riefen die Helden allzuhand, 2281 Ob es Helm wäre oder Schildesrand, Von dem Ingesinde ward es herbeigetragen. Bald hörten leide Märe die stolzen Fremdlinge sagen.
Gewaffnet ward da Rüdiger mit fünfhundert Mann; 2282 Darüber zwölf Recken zu Hülf er sich gewann. Sie wollten Preis erwerben in des Sturmes Noth: Sie wusten nicht die Märe, wie ihnen nahe der Tod.
Da sah man unterm Helme den Markgrafen gehn. 2283 Scharfe Schwerter trugen Die in Rüdgers Lehn, Dazu vor den Händen die lichten Schilde breit. sah der Fiedelspieler: dem war es ohne Maßen leid.
Da sah der junge Geiselher seinen Schwäher gehn 2284 Mit aufgebundnem Helme. Wie mocht er da verstehn, Wie er damit es meine, es sei denn treu und gut? Da gewann der edle König von Herzen fröhlichen Muth.
"Nun wohl mir solcher Freunde," sprach da Geiselher, 2285 "Wie wir gewonnen haben auf der Fahrt hieher. Meines Weibes willen ist uns Hülfe nah: Lieb ist mir, meiner Treue, daß diese Heirath geschah."
"Wes ihr euch wohl tröstet" sprach der Fiedelmann: 2286 "Wann saht ihr noch zur Sühne so viel der Helden nahn Mit aufgebundnen Helmen, die Schwerter in der Hand? Er will an uns verdienen seine Burgen und sein Land."
Eh der Fiedelspieler die Rede sprach vollaus, 2287 Den edeln Markgrafen sah man schon vor dem Haus. Seinen Schild den guten setzt' er vor den Fuß: Da must er seinen Freunden versagen dienstlichen Gruß.
Rüdiger der edle rief da in den Saal: 2288 "Ihr Kühnen Nibelungen, nun wehrt euch allzumal. Ihr solltet mein genießen, ihr entgeltet mein: Wir waren ehmals Freunde: der Treue will ich ledig sein."
Da erschraken dieser Märe die Nothbedrängten Schwer. 2289 Ihnen war der Trost entsunken, den sie gewähnt vorher, Da sie bestreiten wollte, dem Jeder Liebe trug. Sie hatten von den Feinden schon Leid erfahren genug.
"Das verhüte Gott vom Himmel!" sprach Gunther der Degen, 2290 "Daß ihr eurer Freundschaft, trätet so entgegen Und der großen Treue, darauf uns sann der Muth: Ich will euch wohl vertrauen, daß ihr das nimmermehr tuth.
"Es ist nicht mehr zu wenden," sprach der kühne Mann: 2291 "Ich muß mit euch streiten, wie ich den Schwur gethan. Nun wehrt euch, kühne Degen, wenn euch das Leben werth, Da mir die Königstochter nicht andre Willkür gewährt."
"Ihr widersagt uns nun zu spät," sprach der König hehr. 2292 "Nun mög euch Gott vergelten, viel edler Rüdiger, Die Treu und die Liebe, die ihr uns habt gethan, Wenn ihr bis ans Ende auch halten wolltet daran.
"Wir wollen stäts euch danken, was ihr uns habt gegeben, 2293 Ich und meine Freunde, laßet ihr uns leben, Der herrlichen Gaben, als ihr uns brachtet her In Etzels Land mit Treue: des gedenket, edler Rüdiger."
"Wie gern ich euch das gönnte," sprach Rüdiger der Degen, 2294 "Daß ich euch meiner Gabe die Fülle dürfte wägen Nach meinem Wohlgefallen; wie gerne that ich das, So es mir nicht erwürbe der edeln Königin Haß!"
"Laßt ab, edler Rüdiger," sprach wieder Gernot, 2295 "Nie ward ein Wirth gefunden, der es den Gästen bot So freundlich und so gütlich, als uns von euch geschehn. Des sollt ihr auch genießen, so wir lebendig entgehn."
"Das wollte Gott," sprach Rüdiger, "viel edler Gernot, 2296 "Daß ihr am Rheine wäret, und ich wäre todt. So rettet' ich die Ehre, da ich euch soll bestehn! Es ist noch nie an Degen von Freunden übler geschehn."
"Nun lohn euch Gott, Herr Rüdiger," sprach wieder Gernot, 2297 "Eurer reichen Gabe. Mich jammert euer Tod, Soll an euch verderben so tugendlicher Muth. Hier trag ich eure Waffe, die ihr mir gabet, Degen gut.
"Sie hat mir noch nie versagt in all dieser Noth: 2298 Es fiel vor ihrer Schärfe mancher Ritter todt. Sie ist stark und lauter, herrlich und gut: Gewiss, so reiche Gabe kein Recke je wieder thut.
"Und wollt ihr es nicht meiden und wollt ihr uns bestehn, 2299 Erschlagt ihr mir die Freunde, die hier noch bei mir stehn, Mit euerm Schwerte nehm ich Leben euch und Leib. So reut ihr mich, Rüdiger, und euer herrliches Weib."
"Das wolle Gott, Herr Gernot, und möcht es geschehn, 2300 Daß hier nach euerm Willen Alles könnt ergehn Und euern Freunden bleiben Leben möcht und Leib, Euch sollten wohl vertrauen meine Tochter und mein Weib."
Da sprach von Burgunden der schönen Ute Kind: 2301 "Wie thut ihr so, Herr Rüdiger? Die mit mir kommen sind, Die sind euch all gewogen; ihr greift übel zu: Eure schöne Tochter wollt ihr verwitwen allzufruh.
"Wenn ihr und eure Recken mich wollt im Streit bestehn, 2302 Wie wär das unfreundlich, wie wenig ließ' es sehn, Daß ich euch vertraute vor jedem andern Mann, Als ich eure Tochter mir zum Weibe gewann."
"Gedenkt eurer Treue," sprach da Rüdiger. 2303 Und schickt euch Gott von hinnen, viel edler König hehr, "So laßt es nicht entgelten die liebe Tochter mein: Bei aller Fürsten Tugend geruht ihr gnädig zu sein."
"So sollt ichs billig halten," sprach Geiselher das Kind; 2304 "Doch meine hohen Freunde, die noch im Saal hier sind, Wenn die von euch ersterben, so muß geschieden sein Diese stäte Freundschaft zu dir und der Tochter dein."
"Nun möge Gott uns gnaden," sprach der kühne Mann. 2305 Da hoben sie die Schilde und wollten nun hinan Zu streiten mit den Gästen in Kriemhildens Saal. Laut rief da Hagen von der Stiege her zu Thal:
"Verzieht noch eine Weile, viel edler Rüdiger," 2306 Also sprach da Hagen: "wir reden erst noch mehr, Ich und meine Herren, wie uns zwingt die Noth. Was hilft es Etzeln, finden wir in der Fremde den Tod?
"Ich steh in großen Sorgen," sprach wieder Hagen, 2307 "Der Schild, den Frau Gotlind mir gab zu tragen, Den haben mir die Heunen zerhauen vor der Hand; Ich bracht ihn doch in Treuen her in König Etzels Land.
"Daß es Gott vom Himmel vergönnen wollte, 2308 Daß ich so guten Schildrand noch tragen sollte, Als du hast vor den Händen, viel edler Rüdiger: So bedürft ich in dem Sturme keiner Halsberge mehr."
"Wie gern wollt ich dir dienen mit meinem Schilde, 2309 Dürft ich dir ihn bieten vor Kriemhilde. Doch nimm ihn hin, Hagen, und trag ihn an der Hand: Hei! dürftest du ihn führen heim in der Burgunden Land!"
Als er den Schild so willig zu geben sich erbot, 2310 Die Augen wurden Vielen von heißen Thränen roth. Es war Die letzte Gabe: es dürft hinfort nicht mehr Einem Degen Gabe bieten von Bechlaren Rüdiger.
Wie grimmig auch Hagen, wie hart auch war sein Muth, 2311 Ihn erbarmte doch die Gabe, die der Degen gut So nah seinem Ende noch hatt an ihn gethan. Mancher edle Ritter mit ihm zu trauern begann.
"Nun lohn euch Gott im Himmel, viel edler Rüdiger. 2312 Es wird eures Gleichen auf Erden nimmermehr, Der heimathlosen Degen so milde Gabe gebe. So möge Gott gebieten, daß eure Milde immer lebe."
"O weh mir dieser Märe," sprach wieder Hagen. 2313 "Wir hatten Herzensschwere schon so viel zu tragen: Das müße Gott erbarmen, gilts uns mit Freunden Streit!" Da sprach der Markgraf wieder: "Das ist mir inniglich leid."
"Nun lohn ich euch die Gabe, viel edler Rüdiger: 2314 Was euch auch widerfahre von diesen Recken hehr, Es soll euch nicht berühren im Streit meine Hand, Ob ihr sie all erschlüget Die von der Burgunden Land."
Da neigte sich ihm dankend der gute Rüdiger. 2315 Die Leute weinten alle: Daß nicht zu wenden mehr Dieser Herzensjammer, das war zu große Noth. Der Vater aller Tugend fand an Rüdiger den Tod.
Da sprach von der Stiege Volker der Fiedelmann: 2316 "Da mein Geselle Hagen euch trug den Frieden an, So biet ich auch so stäten euch von meiner Hand. Das habt ihr wohl verdient an uns, da wir kamen in das Land.
"Viel edler Markgraf, mein Bote werdet hier: 2317 Diese rothen Spangen gab Frau Gotlinde mir, Daß ich sie tragen sollte bei dieser Lustbarkeit: Ich thu es, schauet selber, daß ihr des mein Zeuge seid."
"Wollt es Gott vom Himmel," sprach da Rüdiger, 2318 "Daß euch die Markgräfin noch geben dürfte mehr. Die Märe sag ich gerne der lieben Trauten mein, Seh ich gesund sie wieder: Des sollt ihr außer Zweifel sein."