Das Nibelungenlied

Chapter 23

Chapter 233,637 wordsPublic domain

Als den Degen Blödel entließ die Königin, 2011 Daß er den Streit begänne, zu Tische gieng sie hin Mit Etzeln dem Könige und manchem Unterthan. Sie hatte schlimme Räthe wider die Gäste gethan.

Wie sie zu Tische giengen, das will ich euch sagen: 2012 Man sah reiche Könige die Krone vor ihr tragen; Manchen hohen Fürsten und viel der werthen Degen Sah man großer Demuth vor der Königin pflegen.

Der König wies den Gästen die Sitze überall, 2013 Den Höchsten und den Besten neben sich im Saal. Den Christen und den Heiden die Kost er unterschied; Man gab die Fülle beiden, wie es der weise König rieth.

In der Herberge aß ihr Ingesind: 2014 Von Truchsäßen ward es da allein bedient; Die hatten es zu speisen großen Fleiß gepflogen. Die Bewirtung und die Freude ward bald mit Jammer aufgewogen.

Da nicht anders konnte erhoben sein der Streit, 2015 Kriemhilden lag im Herzen begraben altes Leid, Da ließ sie zu den Tischen tragen Etzels Sohn: Wie könnt ein Weib aus Rache wohl entsetzlicher thun?

Da kamen vier gegangen aus Etzels Ingesind 2016 Und brachten Ortlieben, das junge Königskind, Den Fürsten an die Tafel, wo auch Hagen saß. Das Kind must ersterben durch seinen mordlichen Haß.

Als der reiche König seinen Sohn ersah, 2017 Zu seiner Frauen Brüdern gütlich sprach er da: "Nun schaut, meine Freunde, das ist mein einzig Kind Und das eurer Schwester, von dem ihr Frommen einst gewinnt.

"Geräth er nach dem Stamme, er wird ein starker Mann, 2018 Reich dazu und edel, kühn und wohlgethan. Erleb ich es, ich geb ihm zwölf reicher Könge Land: So thut euch wohl noch Dienste des jungen Ortliebens Hand.

"Darum bät ich gerne euch, lieben Freunde mein, 2019 Wenn ihr heimwärts reitet wieder an den Rhein, Daß ihr dann mit euch nehmet eurer Schwester Kind; Und seid auch dem Knaben immer gnädig gesinnt.

"Erzieht ihn nach Ehren, bis er geräth zum Mann: 2020 Hat euch in den Landen Jemand ein Leid gethan, So hilft er euch es rächen, erwuchs ihm erst der Leib." Die Rede hörte Kriemhild mit an, König Etzels Weib.

"Ihm sollten wohl vertrauen alle diese Degen, 2021 Wenn er zum Mann erwüchse," sprach Hagen entgegen; "Doch ist der junge König so schwächlich anzusehn: Man soll mich selten schauen nach Hof zu Ortlieben gehn."

Der König blickt' auf Hagen; die Rede war ihm leid. 2022 Wenn er auch nichts erwiederte, der König allbereit, Es betrübt' ihn in der Seele und beschwert' ihm den Muth. Da waren Hagens Sinne zu keiner Kurzweile gut.

Es schmerzte wie den König sein fürstlich Ingesind, 2023 Was Hagen da gesprochen hatte von dem Kind. Daß sie's vertragen sollten, gieng ihnen allen nah; Noch konnten sie nicht wißen, was von dem Recken bald geschah.

Gar Manche, die es hörten und ihm trugen Groll, 2024 Hätten ihn gern bestanden; der König selber wohl, Wenn er mit Ehren dürfte: so käm der Held in Noth. Bald that ihm Hagen Aergeres, er schlug ihn ihm vor Augen todt.

* * * * *

Zweiunddreißigstes Abenteuer.

Wie Blödel mit Dankwart in der Herberge Stritt.

Blödels Recken standen gerüstet allzumal. 2025 In tausend Halsbergen erreichten sie den Saal, Wo Dankwart mit den Knechten an den Tischen saß. Da hob sich unter Helden der allergrimmigste Haß.

Als der Degen Blödel vor die Tische gieng, 2026 Dankwart der Marschall ihn freundlich empfieng: "Willkommen hier im Hause, mein Herr Blödelein: Mich wundert euer Kommen: sagt, was soll die Märe sein?"

"Du brauchst mich nicht zu grüßen," sprach da Blödelein, 2027 "Denn dieses mein Kommen muß dein Ende sein Um Hagen deinen Bruder, der Siegfrieden schlug. Des entgiltst du bei den Heunen und andre Helden genug."

"Nicht doch, mein Herr Blödel," sprach da Dankwart, 2028 "So möchte sehr uns reuen zu Hofe diese Fahrt. Ich war ein Kind, als Siegfried Leben ließ und Leib: Nicht weiß ich, was mir wolle dem König Etzel sein Weib."

"Ich weiß dir von der Märe nicht mehr zu sagen; 2029 Es thatens deine Freunde, Gunther und Hagen. Nun wehrt euch, ihr Armen, ihr könnt nicht länger leben, Ihr müßt mit dem Tode hier ein Pfand Kriemhilden geben."

"Wollt ihrs nicht laßen?" sprach da Dankwart, 2030 "So gereut mich meines Flehens: hätt ich das gespart!" Der schnelle kühne Degen von dem Tische sprang, Eine scharfe Waffe zog er, die war gewaltig und lang.

Damit schlug er Blödeln einen schwinden Schwertesschlag, 2031 Daß ihm das Haupt im Helme vor den Füßen lag. "Das sei die Morgengabe," sprach der schnelle Degen, "Zu Nudungens Witwe, die du mit Minne solltest pflegen.

"Vermähle man sie morgen einem andern Mann: 2032 Will er den Brautschatz, wird ihm wie dir gethan." Ein getreuer Heune hatt ihm das hinterbracht, Wie die Königstochter auf ihr Verderben gedacht.

Da sahen Blödels Mannen, ihr Herr sei erschlagen; 2033 Das wollten sie den Gästen länger nicht vertragen. Mit aufgehobnen Schwertern auf die Knappen ein Drangen sie mit Ingrimm: das muste Manchen gereun.

Laut rief da Dankwart all die Knappen an: 2034 "Ihr seht wohl, edle Knechte, es ist um uns gethan, Nun wehrt euch, ihr Armen, wie euch zwingt die Noth, Daß ihr ohen Schanden erliegt in wehrlichem Tod."

Die nicht Schwerter hatten, die griffen vor die Bank, 2035 Vom Boden aufzuheben manchen Schemel lang. Die Burgundenknechte wollten nichts vertragen: Mit schweren Stühlen sah man starker Beulen viel geschlagen.

Wie grimm die armen Knappen sich wehrten in dem Strauß! 2036 Sie trieben zu dem Hause die Gewaffneten hinaus: Fünfhundert oder drüber erlagen drin dem Tod. Da war das Ingesinde vom Blute naß und auch roth.

Diese schwere Botschaft drang in kurzer Zeit 2037 Zu König Etzels Recken: ihnen wars grimmig leid, Daß mit seinen Mannen Blödel den Tod gewann; Das hatte Hagens Bruder mit den Knechten gethan.

Eh es vernahm der König, stand schon ein Heunenheer 2038 In hohem Zorn gerüstet, zweitausend oder mehr. Sie giengen zu den Knechten, es muste nun so sein, Und ließen des Gesindes darin nicht Einen gedeihn.

Die Ungetreuen brachten vors Haus ein mächtig Heer. 2039 Die landlosen Knechte standen wohl zu Wehr. Was half da Kraft und Kühnheit? sie fanden doch den Tod. Darnach in kurzer Weile hob sich noch grimmere Noth.

Nun mögt ihr Wunder hören und Ungeheures sagen: 2040 Neuntausend Knechte lagen todt geschlagen, Darüber zwölf Ritter in Dankwartens Lehn. Man sah ihn weltalleine noch bei seinen Feinden stehn.

Der Lärm war beschwichtigt, das Tosen eingestellt. 2041 Ueber die Achsel blickte Dankwart der Held: Er sprach: "O weh der Freunde, die ich fallen sah! Nun steh ich leider einsam unter meinen Feinden da."

Die Schwerter fielen heftig auf des Einen Leib: 2042 Das muste bald beweinen manches Helden Weib. Den Schild rückt' er höher, der Riemen ward gesenkt: Mit rothem Blute sah man noch manchen Harnisch getränkt.

"O weh mir dieses Leides!" sprach Aldrianens Kind. 2043 "Nun weicht, Heunenrecken, und laßt mich an den Wind, Daß die Lüfte kühlen mich sturmmüden Mann." Da drang er auf die Thüre unter Schlägen herrlich an.

Als der Streitmüde aus dem Hause sprang, 2044 Wie manches Schwert von Neuem auf seinem Helm erklang! Die nicht gesehen hatten die Wunder seiner Hand, Die sprangen da entgegen dem aus Burgundenland.

"Nun wollte Gott," sprach Dankwart, "daß mir ein Bote käm, 2045 Durch den mein Bruder Hagen Kunde vernähm, Daß ich vor diesen Recken steh in solcher Noth. Der hülfe mir von hinnen oder fände selbst den Tod."

Da sprachen Heunenrecken: "Der Bote must Du sein, 2046 Wenn wir todt dich tragen vor den Bruder dein. Dann sieht erst sein Herzeleid Gunthers Unterthan. Du hast dem König Etzel hier großen Schaden gethan."

Er sprach: "Nun laßt das Dräuen und weicht zurück von mir, 2047 Sonst netz ich noch Manchem mit Blut den Harnisch hier. Ich will die Märe selber hin zu Hofe tragen Und will meinen Herren meinen großen Kummer klagen."

Er verleidete so sehr sich dem Volk in Etzels Lehn, 2048 Daß sie ihn mit Schwertern nicht wagten zu bestehn: Da schoßen sie der Spere so viel ihm in den Rand, Er must ihn seiner Schwere wegen laßen aus der Hand.

Sie wähnten ihn zu zwingen, weil er den Schild nicht trug; 2049 Hei, was er tiefer Wunden durch die Helme schlug! Da muste vor ihm Straucheln mancher kühne Mann, Daß sich viel Lob und Ehre der kühne Dankwart gewann.

Von beiden Seiten sprangen die Gegner auf ihn zu. 2050 Wohl kam ihrer Mancher in den Kampf zu fruh. Da gieng er vor den Feinden, wie ein Eberschwein Im Walde thut vor Hunden: wie möcht er wohl kühner sein?

Sein Weg war stäts aufs Neue genetzt mit heißem Blut. 2051 Wie konnte je ein Recke allein wohl so gut Mit so viel Feinden streiten, als hier von ihm geschehn? Man sah Hagens Bruder herrlich hin zu Hofe gehn.

Truchsäßen und Schenken vernahmen Schwerterklang: 2052 Gar mancher die Getränke aus den Händen schwang Oder auch die Speisen, die man zu Hofe trug. Da fand er vor der Stiege noch starker Feinde genug.

"Wie nun, ihr Truchsäßen?" sprach der müde Degen, 2053 "Nun solltet ihr die Gäste gütlich verpflegen Und solltet den Herren die edle Speise tragen Und ließet mich die Märe meinen lieben Herren sagen."

Wer da den Muth gewonnen und vor die Stieg ihm sprang, 2054 Deren schlug er etlichen so schweren Schwertesschwang, Daß ihm aus Schreck die Andern ließen freie Bahn. Da hatten seine Kräfte viel große Wunder gethan.

* * * * *

Dreiunddreißigstes Abenteuer.

Wie Dankwart die Märe seinen Herren brachte.

Als der kühne Dankwart unter die Thüre trat 2055 Und Etzels Ingesinde zurückzuweichen bat, Mit Blut war beronnen all sein Gewand; Eine scharfe Waffe trug er bloß an seiner Hand.

Gerade in der Stunde, als Dankwart trat zur Thür, 2056 Trug man Ortlieben im Saale für und für Von einem Tisch zum andern den Fürsten wohlgeboren: Durch seine schlimme Botschaft gieng das Kindlein verloren.

Hellauf rief da Dankwart einem Degen zu: 2057 "Ihr sitzt, Bruder Hagen, hier zu lang in Ruh. Euch und Gott vom Himmel klag ich unsre Noth: Ritter und Knechte sind in der Herberge todt."

Der rief ihn hin entgegen: "Wer hat das gethan?" 2058 "Das that der Degen Blödel und Die ihm unterthan. Auch hat ers schwer entgolten, das will ich euch sagen: Mit diesen Händen hab ich ihm sein Haupt abgeschlagen."

"Das ist ein kleiner Schade," sprach Hagen unverzagt, 2059 "Wenn man solche Märe von einem Degen sagt, Daß er von Heldenhänden zu Tode sei geschlagen: Den sollen desto minder die schönen Frauen beklagen.

"Nun sagt mir, lieber Bruder, wie seid ihr so roth? 2060 Ich glaube gar, ihr leidet von Wunden große Noth. Ist der wo hier im Lande, von dem das ist geschehn? Der üble Teufel helf ihm denn: sonst muß es ihm ans Leben gehn."

"Ihr seht mich unverwundet: mein Kleid ist naß von Blut. 2061 Das floß nur aus Wunden andrer Degen gut, Deren ich so Manchen heute hab erschlagen, Wenn ichs beschwören sollte, ich wüste nicht die Zahl zu sagen."

Da sprach er: "Bruder Dankwart, so hütet uns die Thür 2062 Und laßt von den Heunen nicht Einen Mann herfür. So red ich mit den Recken, wie uns zwingt die Noth: Unser Ingesinde liegt ohne Schuld von ihnen todt."

"Soll ich Kämmrer werden?" sprach der kühne Mann, 2063 "Bei so reichen Königen steht mir das Amt wohl an: Der Stiege will ich hüten nach allen Ehren mein." Kriemhildens Recken konnte das nicht leider sein.

"Nun nimmt mich doch Wunder," sprach wieder Hagen, 2064 "Was sich die Heunen hier in die Ohren sagen: Sie möchten sein entbehren, der dort die Thür bewacht Und der die Hofmären den Burgunden hat gebracht.

"Ich hörte schon lange von Kriemhilden sagen, 2065 Daß sie nicht ungerochen ihr Herzleid wolle tragen. Nun trinken wir die Minne und zahlen Etzels Wein: Der junge Vogt der Heunen muß hier der allererste sein."

Ortlieb das Kind erschlug da Hagen der Degen gut, 2066 Daß vom Schwerte nieder zur Hand ihm floß das Blut Und das Haupt herabsprang der Köngin in den Schoß. Da hob sich unter Degen ein Morden grimmig und groß.

Darauf dem Hofmeister der des Kindes pflag, 2067 Mit beiden Händen schlug er einen schnellen Schlag, Daß vor des Tisches Füße das Haupt ihm niederflog: Es war ein jämmerlicher Lohn, den er dem Hofmeister wog.

Er sah vor Etzels Tische einen Spielmann: 2068 Hagen in seinem Zorne lief zu ihm heran. Er schlug ihm auf der Geigen herab die rechte Hand. "Das habe für die Botschaft in der Burgunden Land."

"Ach meine Hand," sprach Werbel, Etzels Spielmann: 2069 "Herr Hagen von Tronje, was hatt ich euch gethan? Ich kam in großer Treue in eurer Herren Land: Wie kläng ich nun die Töne, da ich verlor meine Hand?"

Hagen fragte wenig, und geigt' er nimmermehr. 2070 Da kühlt' er in dem Hause die grimme Mordlust sehr An König Etzels Recken, deren er viel erschlug: Er bracht in dem Saale zu Tod der Recken genug.

Volker sein Geselle von dem Tische sprang, 2071 Daß laut der Fiedelbogen ihm an der Hand erklang. Ungefüge siedelte Gunthers Fiedelmann: Hei! was er sich zu Feinden der kühnen Heunen gewann!

Auch sprangen von den Tischen die drei Könge hehr. 2072 Sie wolltens gerne schlichten, eh Schadens würde mehr. Doch strebten ihre Kräfte umsonst dawider an, Da Volker mit Hagen so sehr zu wüten begann.

Nun sah der Vogt vom Rheine, er scheide nicht den Streit: 2073 Da schlug der König selber manche Wunde weit Durch die lichten Panzer den argen Feinden sein. Der Held war behende, das zeigte hier der Augenschein.

Da kam auch zu dem Streite der starke Gernot: 2074 Wohl schlug er den Heunen manchen Helden todt Mit dem scharfen Schwerte, das Rüdeger ihm gab: Damit bracht er Manche von Etzels Recken ins Grab.

Der jüngste Sohn Frau Utens auch zu dem Streite sprang: 2075 Sein Gewaffen herrlich durch die Helme drang König Etzels Recken aus der Heunen Land; Da that viel große Wunder des kühnen Geiselher Hand.

Wie tapfer alle waren, die Könge wie ihr Lehn, 2076 Jedennoch sah man Volkern voran all Andern stehn Bei den starken Feinden; er war ein Degen gut: Er förderte mit Wunden Manchen nieder in das Blut.

Auch wehrten sich gewaltig Die in Etzels Lehn. 2077 Die Gäste sah man hauend auf und nieder gehn Mit den lichten Schwertern durch des Königs Saal. Allenthalben hörte man von Wehruf größlichen Schall.

Da wollten die da draußen zu ihren Freunden drin: 2078 Sie fanden an der Thüre gar wenig Gewinn; Da wollten die da drinnen gerne vor den Saal: Dankwart ließ keinen die Stieg empor noch zu Thal.

So hob sich vor den Thüren ein ungestümer Drang 2079 Und von den Schwerthieben auf Helme lauter Klang. Da kam der kühne Dankwart in eine große Noth: Das berieth sein Bruder, wie ihm die Treue gebot.

Da rief mit lauter Stimme Hagen Volkern an: 2080 "Seht ihr dort, Geselle, vor manchem Heunenmann Meinen Bruder stehen unter starken Schlägen? Schützt mir, Freund, den Bruder, eh wir verlieren den Degen."

Der Spielmann entgegnete: "Das soll alsbald geschehn." 2081 Dann begann er fiedelnd durch den Saal zu gehn: Ein hartes Schwert ihm öfters an der Hand erklang. Vom Rhein die Recken sagten dafür ihm größlichen Dank.

Volker der kühne zu Dankwarten sprach: 2082 "Ihr habt erlitten heute großes Ungemach. Mich bat euer Bruder, ich sollt euch helfen gehn; Wollt ihr nun draußen bleiben, so will ich innerhalben stehn."

Dankwart der schnelle stand außerhalb der Thür: 2083 So wehrt' er von der Stiege, wer immer trat dafür. Man hörte Waffen hallen den Helden an der Hand; So that auch innerhalben Volker von Burgundenland.

Da rief der kühne Fiedelmann über die Menge laut: 2084 "Das Haus ist wohl verschlossen, ihr, Freund Hagen, schaut Verschränkt ist so völlig König Etzels Thür, Von zweier Helden Händen gehn ihr wohl tausend Riegel für."

Als von Tronje Hagen die Thüre sah in Hut, 2085 Den Schild warf zurücke der schnelle Degen gut: Nun begann er erst zu rächen seiner Freunde Leid. Seines Zornes must entgelten mancher Ritter kühn im Streit.

Als der Vogt von Berne das Wunder recht ersah, 2086 Wie der starke Hagen die Helme brach allda, Der Fürst der Amelungen sprang auf eine Bank. Er sprach: "Hier schenkt Hagen den allebittersten Trank."

Der Wirth war sehr in Sorgen, sein Weib in gleicher Noth. 2087 Was schlug man lieber Freunde ihm vor den Augen todt! Er selbst war kaum geborgen vor seiner Feinde Schar. Er saß in großen Aengsten: was half ihm, daß er König war?

Kriemhild die reiche rief Dietrichen an: 2088 "Hilf mir mit dem Leben, edler Held, hindann, Bei aller Fürsten Tugend aus Amelungenland: Denn erreicht mich Hagen, hab ich den Tod an der Hand."

"Wie soll ich euch helfen," sprach da Dietrich, 2089 "Edle Königstochter? ich sorge selbst um mich. Es sind so sehr im Zorne Die Gunthern unterthan, Daß ich zu dieser Stunde Niemand Frieden schaffen kann."

"Nicht also, Herr Dietrich, edler Degen gut: 2090 Laß uns heut erscheinen deinen tugendreichen Muth Und hilf mir von hinnen, oder ich bleibe todt. Bring mich und den König aus dieser angstvollen Noth."

"Ich will es versuchen, ob euch zu helfen ist, 2091 Jedoch sah ich wahrlich nicht in langer Frist In so bitterm Zorne manchen Ritter gut: Ich seh ja durch die Helme von Hieben springen das Blut."

Mit Kraft begann zu rufen der Ritter auserkorn, 2092 Daß seine Stimme hallte wie ein Büffelhorn Und daß die weite Veste von seiner Kraft erscholl. Dietrichens Stärke die war gewaltig und voll.

Da hörte König Gunther rufen diesen Mann 2093 In dem harten Sturme. Zu horchen hub er an: "Dietrichens Stimme ist in mein Ohr gekommen, Ihm haben unsre Degen wohl der Seinen wen benommen.

"Ich seh ihn auf dem Tische winken mit der Hand. 2094 Ihr Vettern und Freunde von Burgundenland, Haltet ein mit Streiten: laßt hören erst und sehn, Was hier Dietrichen von meinen Mannen sei geschehn."

Als so der König Gunther bat und auch gebot, 2095 Da senkten sie die Schwerter in des Streites Noth. Das war Gewalt bewiesen, daß Niemand da mehr schlug. Er fragte den von Berne um die Märe schnell genug.

Er sprach: "Viel edler Dietrich, was ist euch geschehn 2096 Hier von meinen Freunden? Ihr sollt mich willig sehn: Zur Sühne und zur Buße bin ich euch bereit. Was euch Jemand thäte, das war mir inniglich leid."

Da sprach der edle Dietrich: "Mir ist nichts geschehn! 2097 Laßt mich aus dem Hause mit euerm Frieden gehn Von diesem harten Streite mit dem Gesinde mein. Dafür will ich euch Degen stäts zu Dienst beflißen sein."

"Was müßt ihr also flehen?" sprach da Wolfhart, 2098 "Es hält der Fiedelspieler die Thür nicht so verwahrt, Wir erschließen sie so mächtig, daß man ins Freie kann." "Nun schweig," sprach da Dietrich, "du hast den Teufel gethan."

Da sprach der König Gunther: "Das sei euch freigestellt: 2099 Führt aus dem Hause, so viel euch gefällt, Ohne meine Feinde: die sollen hier bestehn. Von ihnen ist mir Leides bei den Heunen viel geschehn."

Als das der Berner hörte, mit einem Arm umschloß 2100 Er die edle Königin; ihre Angst war groß; Da führt er an dem andern Etzeln aus dem Haus. Auch folgten Dietrichen sechshundert Degen hinaus.

Da begann der Markgraf, der edle Rüdiger: 2101 "Soll aber aus dem Hause noch kommen Jemand mehr, Der euch doch gerne diente, so macht es mir kund: So walte stäter Friede in getreuer Freunde Bund."

Antwort seinem Schwäher gab Geiselher zuhand: 2102 "Frieden und Sühne sei euch von uns bekannt; Ihr haltet stäte Treu, ihr und euer Lehn, Ihr sollt mit euren Freunden ohne Sorgen hinnen gehn."

Als Rüdiger der Markgraf räumte Etzels Saal, 2103 Fünfhundert oder drüber folgten ihm zumal. Das ward von den Helden aus Treue gethan, Wodurch König Gunther bald großen Schaden gewann.

Da sah ein Heunenrecken König Etzeln gehn 2104 Neben Dietrichen: des wollt er Frommen sehn. Dem gab der Fiedelspieler einen solchen Schlag, Daß ihm gleich am Boden das Haupt vor Etzels Füßen lag.

Als der Wirth des Landes kam vor des Hauses Thor, 2105 Da wandt er sich und blickte zu Volkern empor: "O weh mir dieser Gäste: wie ist das grimme Noth, Daß alle meine Recken vor ihnen finden den Tod!"

"Ach weh des Hofgelages!" sprach der König hehr: 2106 "Da drinnen ficht Einer, der heißt Volker, Wie ein wilder Eber und ist ein Fiedelmann; Ich dank es meinem Heile, daß ich dem Teufel entrann.

"Seine Weisen lauten übel, sein Bogenstrich ist roth; 2107 Mir schlagen seine Töne manchen Helden todt. Ich weiß nicht, was uns Schuld giebt derselbe Fiedelmann, Daß ich in meinem Leben so leiden Gast nicht gewann."

Zur Herberge giengen die beiden Recken hehr, 2108 Dietrich von Berne und Markgraf Rüdiger. Sie selber wollten gerne des Streits entledigt sein Und geboten auch den Degen, daß sie den Kampf sollten scheun.

Und hätten sich die Gäste versehn der Leiden, 2109 Die ihnen werden sollten noch von den Beiden, Sie wären aus dem Hause so leicht nicht gekommen, Eh sie eine Strafe von den Kühnen hätten genommen.

Sie hatten, die sie wollten, entlaßen aus dem Saal: 2110 Da hob sich innerhalben ein furchtbarer Schall. Die Gäste rächten bitter ihr Leid und ihre Schmach. Volker der kühne, hei, was der Helme zerbrach!

Sich kehrte zu dem Schalle Gunther der König hehr: 2111 "Hört ihr die Töne, Hagen, die dorten Volker Mit den Heunen fiedelt, wenn wer zur Thüre trat? Es ist ein rother Anstrich, den er am Fiedelbogen hat."

"Es reut mich ohne Maßen," sprach Hagen entgegen, 2112 "Daß ich je mich scheiden mußte von dem Degen. Ich war sein Geselle, er der Geselle mein, Und kehren wir je wieder heim, wir wollens noch in Treuen sein.

"Nun schau, hehrer König, Volker ist dir hold: 2113 Wie will er verdienen dein Silber und dein Gold! Sein Fiedelbogen schneidet durch den harten Stahl, Er wirft von den Helmen die hellen Zierden zu Thal.