Das Nibelungenlied

Chapter 21

Chapter 213,685 wordsPublic domain

Da sprach wohlgezogen der König Gernot: 1803 "Meine Schwester Kriemhild hat uns geladen in den Tod. Zu großer Treue ritten wir her in diese Statt, Da meine schöne Schwester uns vom Rhein geladen hat."

Da sprach der Fiedelspieler, der kühne Volker: 1804 "Ich kam der Gabe willen vom Rhein geritten her. Nun will ich drauf verzichten," so sprach der Fiedelmann: "Ich fiedle mit dem Schwerte das allerbeste, das ich kann.

"Erklingen meine Töne, so weichen sie zurück, 1805 Und wollen sie's nicht laßen, so fügt es leicht das Glück, Ich schlag Einem ritterlich einen schnellen Geigenschlag, Hat er einen treuen Freund, daß es der beweinen mag."

Als Hildebrand der alte von dannen wollte gehn, 1806 Geiselher der junge hieß ihn noch stille stehn. Er gab ihm einen Mantel, den er ihm zu Ehren trug; Für dreißig Mark Goldes hatt er Pfands daran genug.

An sich nahm den Mantel Meister Hildebrand 1807 Und ritt hin wohlgezogen, wo er den Berner fand. "Schaut den reichen Mantel, der hier an mir zu sehn: Den gab mir Geiselher das Kind, als ich von ihm wollte gehn."

Als die Burgunden kamen in das Land, 1808 Da erfuhr es von Berne der alte Hildebrand. Er sagt' es seinem Herren. Dietrichen war es leid; Er hieß ihn wohl empfangen der kühnen Ritter Geleit.

Da ließ der starke Wolfhart die Pferde führen her; 1809 Dann ritt mit dem Berner mancher Degen hehr, Sie zu begrüßen, zu ihnen auf das Feld. Sie hatten aufgeschlagen da manches herrliche Zelt.

Als sie von Tronje Hagen aus der Ferne sah, 1810 Wohlgezogen sprach er zu seinen Herren da: "Nun hebt euch von den Sitzen, ihr Recken wohlgethan, Und geht entgegen denen, die euch hier wollen empfahn.

"Dort kommt ein Heergesinde, das ist mir wohl bekannt; 1811 Es sind viel schnelle Degen von Amelungenland. Sie führt Der von Berne, sie tragen hoch den Muth: Laßt euch nicht verschmähen die Dienste, die man euch thut."

Da sprang von den Rossen wohl nach Fug und Recht 1812 Mit Dietrichen nieder mancher Herr und Knecht. Sie giengen zu den Gästen, wo man die Helden fand, Und begrüßten freundlich Die von der Burgunden Land.

Als sie der edle Dietrich ihm entgegen kommen sah, 1813 Liebes und Leides zumal ihm dran geschah. Er wuste wohl die Märe; leid war ihm ihre Fahrt: Er wähnte, Rüdger wüst es und hätt es ihnen offenbart.

"Willkommen mir, ihr Herren, Gunther und Geiselher, 1814 Gernot und Hagen, Herr Volker auch so sehr, Und Dankwart der schnelle: ist euch das nicht bekannt? Schwer beweint noch Kriemhild Den von Nibelungenland."

"Sie mag noch lange weinen," so sprach da Hagen: 1815 "Er liegt seit manchem Jahr schon zu Tod erschlagen. Den König der Heunen mag sie nun lieber haben: Siegfried kommt nicht wieder, er ist nun lange begraben."

"Siegfriedens Wunden laßen wir nun stehn: 1816 So lange lebt Frau Kriemhild, mag Schade wohl geschehn." So redete von Berne der edle Dieterich: "Trost der Nibelungen, davor behüte du dich!"

"Wie soll ich mich behüten?" sprach der König hehr. 1817 "Etzel sandt uns Boten, was sollt ich fragen mehr? Daß wir zu ihm ritten her in dieses Land. Auch hat uns manche Botschaft meine Schwester Kriemhild gesandt."

"So will ich euch rathen," sprach wieder Hagen, 1818 "Laßt euch diese Märe doch zu Ende sagen Dieterich den Herren und seine Helden gut, Daß sie euch wißen laßen der Frau Kriemhilde Muth."

Da giengen die drei Könige und sprachen unter sich, 1819 Herr Gunther und Gernot und Herr Dieterich: "Nun sag uns, von Berne du edler Ritter gut, Was du wißen mögest von der Königin Muth."

Da sprach der Vogt von Berne: "Was soll ich weiter sagen? 1820 Als daß ich alle Morgen weinen hör und klagen Etzels Weib Frau Kriemhild in jämmerlicher Noth Zum reichen Gott vom Himmel um des starken Siegfried Tod."

"Es ist halt nicht zu wenden," sprach der kühne Mann, 1821 Volker der Fiedler, "was ihr uns kund gethan. Laßt uns zu Hofe reiten und einmal da besehn, Was uns schnellen Degen bei den Heunen möge geschehn."

Die kühnen Burgunden hin zu Hofe ritten: 1822 Sie kamen stolz gezogen nach ihres Landes Sitten. Da wollte bei den Heunen gar mancher kühne Mann Von Tronje Hagen schauen, wie der wohl wäre gethan.

Es war durch die Sage dem Volk bekannt genug, 1823 Daß er von Niederlanden Siegfrieden schlug, Aller Recken stärksten, Frau Kriemhildens Mann: Drum ward so großes Fragen bei Hof nach Hagen gethan.

Der Held war wohlgewachsen, das ist gewisslich wahr. 1824 Von Schultern breit und Brüsten; gemischt war sein Haar Mit einer greisen Farbe; von Beinen war er lang Und schrecklich von Antlitz; er hatte herrlichen Gang.

Da schuf man Herberge den Burgundendegen; 1825 Gunthers Ingesinde ließ man gesondert legen. Das rieth die Königstochter, die ihm viel Haßes trug: Daher man bald die Knechte in der Herberg erschlug.

Dankwart, Hagens Bruder, war da Marschall; 1826 Der König sein Gesinde ihm fleißig anbefahl, Daß er es die Fülle mit Speise sollte pflegen. Das that auch gar willig und gern dieser kühne Degen.

Kriemhild die schöne mit dem Gesinde gieng, 1827 Wo sie die Nibelungen mit falschem Muth empfieng: Sie küsste Geiselheren und nahm ihn bei der Hand. Als das Hagen sah von Tronje, den Helm er fester sich band.

"Nach solchem Empfange," so sprach da Hagen, 1828 "Mögen wohl Bedenken die schnellen Degen tragen; Man grüßt die Fürsten ungleich und den Unterthan: Keine gute Reise haben wir zu dieser Hochzeit gethan."

Sie sprach: "Seid willkommen dem, der euch gerne sieht: 1829 Eurer Freundschaft willen kein Gruß euch hier geschieht. Sagt, was ihr mir bringet von Worms überrhein, Daß ihr mir so höchlich solltet willkommen sein?"

"Was sind das für Sachen," sprach Hagen entgegen, 1830 "Daß euch Gaben bringen sollten diese Degen? So reich wär ich gewesen, hätt ich das gedacht, Daß ich euch meine Gabe zu den Heunen hätt gebracht."

"Nun frag ich um die Märe weiter bei euch an, 1831 Der Hort der Nibelungen, wohin ward der gethan? Der war doch mein eigen, das ist euch wohl bekannt: Den solltet ihr mir haben gebracht in König Etzels Land."

"In Treuen, Frau Kriemhild, schon mancher Tag ist hin, 1832 Den Hort der Nibelungen, seit ich des ledig bin, Ihn ließen meine Herren senken in den Rhein: Da muß er auch in Wahrheit bis zum jüngsten Tage sein."

Die Königin versetzte: "Ich dacht es wohl vorher. 1833 Ihr habt mir noch wenig davon gebracht hieher, Wiewohl er war mein eigen und ich sein weiland pflag; Nach ihm und seinem Herren hab ich manchen leiden Tag."

"Ich bring euch den Teufel!" sprach wieder Hagen, 1834 "Ich hab an meinem Schilde so viel zu tragen Und an meinem Harnisch; mein Helm der ist licht, Das Schwert an meiner Seite: drum bring ich ihn euch nicht."

"Es war auch nicht die Meinung, als verlangte mich nach Gold: 1835 So viel hab ich zu geben, ich entbehre leicht den Sold. Eines Mords und Doppelraubes, die man an mir genommen, Dafür möcht ich Arme zu lieber Entgeltung kommen."

Da sprach die Königstochter zu den Recken allzumal: 1836 "Man soll keine Waffen tragen hier im Saal; Vertraut sie mir, ihr Helden, zur Verwahrung an." "In Treuen," sprach da Hagen, "das wird nimmer gethan.

"Ich begehre nicht der Ehre, Fürstentochter mild, 1837 Daß ihr zur Herberge tragt meinen Schild Und ander Streitgeräthe; ihr seid hier Königin. So lehrte mich mein Vater, daß ich selbst ihr Hüter bin."

"O Weh dieses Leides!" sprach da Kriemhild: 1838 "Warum will mein Bruder und Hagen seinen Schild Nicht verwahren laßen? Gewiss, sie sind gewarnt: Und wüst ich, wer es hat gethan, der Tod der hielt' ihn umgarnt."

Im Zorn gab ihr Antwort Dietrich sogleich: 1839 "Ich bin es, der gewarnt hat die edeln Fürsten reich Und Hagen den kühnen, der Burgunden Mann: Nur zu, du Braut des Teufels, du thust kein Leid mir drum an."

Da schämte sich gewaltig die edle Königin: 1840 Sie fürchtete sich bitter vor Dietrichs Heldensinn. Sie gieng alsdann von dannen, kein Wort mehr sprach sie da, Nur daß sie nach den Feinden mit geschwinden Blicken sah.

Da nahmen bei den Händen zwei der Degen sich, 1841 Der Eine war Hagen, der Andere Dietrich. Da sprach wohlgezogen der Degen allbereit: "Eure Reise zu den Heunen die ist in Wahrheit mir leid,

"Da die Königstochter so gesprochen hat." 1842 Da sprach von Tronje Hagen: "Zu Allem wird schon Rath." So sprachen zu einander die Recken wohlgethan. Das sah der König Etzel, der gleich zu fragen begann:

"Die Märe wust ich gerne," befrug der König sich, 1843 "Wer der Recke wäre, den dort Herr Dietrich So freundlich hat empfangen; er trägt gar hoch den Muth: Wie auch sein Vater heiße, er mag wohl sein ein Recke gut."

Antwort gab dem König ein Kriemhildens-Mann: 1844 "Von Tronje ist er geboren, sein Vater hieß Aldrian; Wie zahm er hier gebare, er ist ein grimmer Mann: Ich laß euch das noch schauen, daß ich keine Lüge gethan."

"Wie soll ich das erkennen, daß er so grimmig ist?" 1845 Noch hatt er nicht Kunde von mancher argen List, Die wider ihre Freunde die Königin spann, Daß aus dem Heunenlande ihr auch nicht Einer entrann.

"Wohl kannt ich Hagen, er war mein Unterthan: 1846 Lob und große Ehre er hier bei mir gewann. Ich macht' ihn zum Ritter und gab ihm mein Gold; Weil er sich getreu erwies, war ich immer ihm hold.

"Daher ist mir von Hagen Alles wohlbekannt. 1847 Zwei edle Kinder bracht ich als Geisel in dieß Land, Ihn und von Spanien Walther: die wuchsen hier heran. Hagen sandt ich wieder heim; Walther mit Hildegund entrann."

So bedacht er alter Zeiten und was vordem geschehn. 1848 Seinen Freund von Tronje hatt er hier gesehn, Der ihm in seiner Jugend oft große Dienste bot; Jetzt schlug er ihm im Alter viel lieber Freunde zu Tod.

* * * * *

Neunundzwanzigstes Abenteuer.

Wie Hagen und Volker vor Kriemhildens Saal saßen.

Da schieden auch die beiden werthen Recken sich, 1849 Hagen von Tronje und Herr Dieterich. Ueber die Achsel blickte Gunthers Unterthan Nach einem Heergesellen, den er sich bald gewann.

Neben Geiselheren sah er Volkern stehn, 1850 Den kunstreichen Fiedler: den bat er mitzugehn, Weil er wohl erkannte seinen grimmen Muth: Er war an allen Tugenden ein Ritter kühn und auch gut.

Noch ließ man die Herren auf dem Hofe stehn. 1851 Die Beiden ganz alleine sah man von dannen gehn Ueber den Hof hin ferne vor einen Pallas weit: Die Auserwählten scheuten sich vor Niemandes Streit.

Sie setzten vor dem Hause sich genüber einem Saal, 1852 Der war Kriemhilden, auf eine Bank zu Thal. An ihrem Leibe glänzte ihr herrlich Gewand; Gar Manche, die das sahen, hätten gern sie gekannt.

Wie die wilden Thiere gaffte sie da an, 1853 Die übermüthgen Helden, mancher Heuneumann. Da sah sie durch ein Fenster Etzels Königin: Das betrübte wieder der schönen Kriemhilde Sinn.

Sie gedacht ihres Leides; zu weinen hub sie an. 1854 Das wunderte die Degen, die Etzeln unterthan, Was ihr bekümmert hätte so sehr den hohen Muth? Da sprach sie: "Das that Hagen, ihr Helden kühn und auch gut."

Sie sprachen zu der Frauen: "Wie ist das geschehn? 1855 Wir haben euch doch eben noch wohlgemuth gesehn. Wie kühn er auch wäre, der es euch hat gethan, Befehlt ihr uns die Rache, den Tod müst er empfahn."

"Dem wollt ich immer danken, der rächte dieses Leid: 1856 Was er nur begehrte, ich wär dazu bereit. "Ich fall euch zu Füßen," so sprach des Königs Weib: "Rächt mich an Hagen: er verliere Leben und Leib."

Da rüsteten die Kühnen sich, sechzig an der Zahl: 1857 Kriemhild zu Liebe wollten sie vor den Saal Und wollten Hagen schlagen, diesen kühnen Mann, Dazu den Fiedelspieler; das ward einmüthig gethan.

Als so gering den Haufen die Königin ersah, 1858 In grimmem Muthe sprach sie zu den Helden da: "Von solchem Unterfangen rath ich abzustehn: Ihr dürft in so geringer Zahl nicht mit Hagen streiten gehn.

"So kühn auch und gewaltig Der von Tronje sei, 1859 Noch ist bei weitem stärker, der ihm da sitzet bei, Volker der Fiedler: das ist ein übler Mann: Wohl dürft ihr diesen Helden nicht zu so wenigen nahn."

Als sie die Rede hörten, rüsteten sich mehr 1860 Vierhundert Recken. Der Königin hehr Lag sehr am Herzen die Rache für ihr Leid. Da wurde bald den Degen große Sorge bereit.

Als sie ihr Gesinde wohlbewaffnet sah, 1861 Zu den schnellen Recken sprach die Königin da: "Nun harrt eine Weile: ihr sollt noch stille stehn. Ich will unter Krone hin zu meinen Feinden gehn.

"Hört mich ihm verweisen, was mir hat gethan 1862 Hagen von Tronje, Gunthers Unterthan. Ich weiß ihn so gemuthet, er läugnets nimmermehr: So will ich auch nicht fragen, was ihm geschehe nachher."

Da sah der Fiedelspieler, ein kühner Spielmann, 1863 Die edle Königstochter von der Stiege nahn, Die aus dem Hause führte. Als er das ersah, Zu seinem Heergesellen sprach der kühne Volker da:

"Nun schauet, Freund Hagen, wie sie dorther naht, 1864 Die uns ohne Treue ins Land geladen hat. Ich sah mit einer Königin nie so manchen Mann Die Schwerter in den Händen also streitlustig nahn.

"Wißt ihr, Freund Hagen, daß sie euch abhold sind? 1865 So will ich euch rathen, daß ihr zu hüten sinnt Des Lebens und der Ehre; führwahr, das dünkt mich gut: Soviel ich mag erkennen, ist ihnen zornig zu Muth.

"Es sind auch Manche drunter von Brüsten stark und breit: 1866 Wer seines Lebens hüten will, der thu es beizeit. Ich seh sie unter Seide die festen Panzer tragen. Was sie damit meinen, das hör ich Niemanden sagen."

Da sprach im Zornmuthe Hagen der kühne Mann: 1867 "Ich weiß wohl, das wird Alles wider mich gethan, Daß sie die lichten Waffen tragen an der Hand; Von denen aber reit ich noch in der Burgunden Land.

"Nun sagt mir, Freund Volker, denkt ihr mir beizustehn, 1868 Wenn mit mir streiten wollen Die in Kriemhilds Lehn? Das laßt mich vernehmen, so lieb als ich euch sei. Ich steh euch mit Diensten immer wieder treulich bei."

"Sicherlich, ich helf euch," so sprach da Volker. 1869 "Und säh ich uns entgegen mit seinem ganzen Heer Den König Etzel kommen, all meines Lebens Zeit Weich ich von eurer Seite aus Furcht nicht eines Fußes breit."

"Nun lohn euch Gott vom Himmel, viel edler Volker! 1870 Wenn sie mit mir streiten, wes bedarf ich mehr? Da ihr mir helfen wollet, wie ich jetzt vernommen, So mögen diese Recken fein behutsam näher kommen."

"Stehn wir auf vom Sitze," sprach der Fiedelmann, 1871 "Vor der Königstochter, so sie nun kommt heran. Bieten wir die Ehre der edeln Königin! Das bringt uns auch beiden an eignen Ehren Gewinn."

"Nein! wenn ihr mich lieb habt," sprach dawider Hagen. 1872 "Es möchten diese Degen mit dem Wahn sich tragen, Daß ich aus Furcht es thäte und dächte wegzugehn: Von dem Sitze mein ich vor ihrer Keinem aufzustehn.

"Daß wir es bleiben laßen, das ziemt uns ganz allein. 1873 Soll ich dem Ehre bieten, der mir feind will sein? Nein, ich thu es nimmer, so lang ich leben soll: In aller Welt, was kümmr ich mich um Kriemhildens Groll?"

Der vermeßne Hagen legte über die Schenkel hin 1874 Eine lichte Waffe, aus deren Knaufe schien Mit hellem Glanz ein Jaspis, grüner noch als Gras. Wohl erkannte Kriemhild, daß Siegfried einst sie besaß.

Als sie das Schwert erkannte, das schuf ihr große Noth. 1875 Der Griff war von Golde, der Scheide Borte roth. Ermahnt war sie des Leides, zu weinen hub sie an; Ich glaube, Hagen hatt es auch eben darum gethan.

Volker der kühne zog näher an die Bank 1876 Einen starken Fiedelbogen, mächtig und lang, Wie ein Schwert geschaffen, scharf dazu und breit. So saßen unerschrocken diese Recken allbereit.

Die kühnen Degen beide dauchten sich so hehr, 1877 Aus Furcht vor Jemandem wollten sie nimmermehr Vom Sitz sich erheben. Ihnen schritt da vor den Fuß Die edle Königstochter und bot unfreundlichen Gruß.

Sie sprach: "Nun sagt, Herr Hagen, wer hat nach euch gesandt, 1878 Daß ihr zu reiten wagtet her in dieses Land, Da ihr doch wohl wustet, was ihr mir habt gethan? Wart ihr bei guten Sinnen, ihr durftets euch nicht unterfahn."

"Nach mir gesandt hat Niemand," sprach er entgegen, 1879 "Her zu diesem Lande lud man drei Degen, Die heißen meine Herren: ich steh in ihrem Lehn; Bei keiner Hofreise pfleg ich daheim zu bestehn."

Sie sprach: "Nun sagt mir ferner, was thatet ihr das, 1880 Daß ihr es verdientet, wenn ich euch trage Haß? Ihr erschlugt Siegfrieden, meinen lieben Mann, Den ich bis an mein Ende nicht gut beweinen kann."

"Wozu der Rede weiter?" sprach er, "es ist genug: 1881 Ich bin halt der Hagen, der Siegfrieden schlug, Den behenden Degen: wie schwer er das entgalt, Daß die Frau Kriemhild die schöne Brunhilde schalt!

"Es wird auch nicht geläugnet, reiche Königin, 1882 Daß ich an all dem Schaden, dem schlimmen, schuldig bin. Nun räch es, wer da wolle, Weib oder Mann. Ich müst es wahrlich lügen, ich hab euch viel zu Leid gethan."

Sie sprach: "Da hört ihr, Recken, wie er die Schuld gesteht 1883 An all meinem Leide: wie's ihm deshalb ergeht, Darnach will ich nicht fragen, ihr Etzeln unterthan." Die übermüthgen Degen blickten all einander an.

Wär da der Streit erhoben, so hätte man gesehn, 1884 Wie man den zwei Gesellen müß Ehre zugestehn: Das hatten sie in Stürmen oftmals dargethan. Was jene sich vermeßen, das gieng aus Furcht nun nicht an.

Da sprach der Recken Einer: "Was seht ihr mich an? 1885 Was ich zuvor gelobte, das wird nun nicht gethan. Um Niemands Gabe laß ich Leben gern und Leib. Uns will hier verleiten dem König Etzel sein Weib."

Da sprach ein Andrer wieder: "So steht auch mir der Muth. 1886 Wer mir Thürme gäbe von rothem Golde gut, Diesen Fiedelspieler wollt ich nicht bestehn Der schnellen Blicke wegen, die ich hab an ihm ersehn.

"Auch kenn ich diesen Hagen von seiner Jugendzeit: 1887 Drum weiß ich von dem Recken selber wohl Bescheid. In zweiundzwanzig Stürmen hab ich ihn gesehn; Da ist mancher Frauen Herzeleid von ihm geschehn.

"Er und Der von Spanien traten manchen Pfad, 1888 Da sie hier bei Etzeln thaten manche That Dem König zu Liebe. Das ist oft geschehn: Drum mag man Hagen billig große Ehre zugestehn.

"Damals war der Recke an Jahren noch ein Kind, 1889 Da waren schon die Knaben wie jetzt kaum Greise sind. Nun kam er zu Sinnen und ist ein grimmer Mann; Auch trägt er Balmungen, den er übel gewann."

Damit wars entschieden, Niemand suchte Streit. 1890 Das war der Königstochter im Herzen bitter leid. Die Helden giengen wieder; wohl scheuten sie den Tod Von den Helden beiden: das that ihnen wahrlich Noth.

Wie oft man verzagend Manches unterläßt, 1891 Wo der Freund beim Freunde treulich steht und fest! Und hat er kluge Sinne, daß er nicht also thut, Vor Schaden nimmt sich Mancher durch Besonnenheit in Hut.

Da sprach der kühne Volker: "Da wir nun selber sahn, 1892 Daß wir hie Feinde finden, wie man uns kund gethan, So laß uns zu den Königen hin zu Hofe gehn, So darf unsre Herren mit Kampfe Niemand bestehn."

"Gut, ich will euch folgen," sprach Hagen entgegen. 1893 Da giengen hin die Beiden, wo sie die zieren Degen Noch harrend des Empfanges auf dem Hofe sahn. Volker der kühne hub da laut zu reden an.

Er sprach zu seinen Herren: "Wie lange wollt ihr stehn 1894 Und euch drängen laßen? ihr sollt zu Hofe gehn Und von dem König hören, wie der gesonnen sei." Da sah man sich gesellen der kühnen Helden je zwei.

Dietrich von Berne nahm da an die Hand 1895 Gunther den reichen von Burgundenland; Irnfried nahm Gernoten, diesen kühnen Mann; Da gieng mit seinem Schwäher Geiselher zu Hof heran.

Wie bei diesem Zuge gesellt war Jeglicher, 1896 Volker und Hagen, die schieden sich nicht mehr Als noch in Einem Kampfe bis an ihren Tod. Das musten bald beweinen edle Fraun in großer Noth.

Da sah man mit den Königen hin zu Hofe ziehn 1897 Ihres edeln Ingesindes tausend Degen kühn; Darüber sechzig Recken waren mitgekommen: Die hatt aus seinem Lande der kühne Hagen genommen.

Hawart und Iring, zwei Degen auserkannt, 1898 Die giengen mit den Königen zu Hofe Hand in Hand; Dankwart und Wolfhart, ein theuerlicher Degen, Die sah man großer Hofzucht vor den übrigen pflegen.

Als der Vogt vom Rheine in den Pallas gieng, 1899 Etzel der reiche das länger nicht verhieng: Er sprang von seinem Sitze, als er ihn kommen sah. Ein Gruß, ein so recht schöner, nie mehr von Köngen geschah.

"Willkommen mir, Herr Gunther und auch Herr Gernot 1900 Und euer Bruder Geiselher, die ich hieher entbot Mit Gruß und treuem Dienste von Worms überrhein, Und eure Degen alle sollen mir willkommen sein.

"Laßt euch auch Willkommen, ihr beiden Recken, sagen, 1901 Volker der kühne und dazu Herr Hagen, Mir und meiner Frauen hier in diesem Land: Sie hat euch manche Botschaft hin zum Rheine gesandt."

Da sprach von Tronje Hagen: "Das haben wir vernommen. 1902 Wär ich um meine Herren gen Heunland nicht gekommen, So wär ich euch zu Ehren geritten in das Land." Da nahm der edle König die lieben Gäste bei der Hand.

Und führte sie zum Sitze hin, wo er selber saß. 1903 Da schenkte man den Gästen, fleißig that man das, In weiten goldnen Schalen Meth, Moraß und Wein Und hieß die fremden Degen höchlich willkommen sein.

Da sprach König Etzel: "Das muß ich wohl gestehn, 1904 Mir könnt in diesen Zeiten nichts Lieberes geschehn Als durch euch, ihr Recken, daß ihr gekommen seid; Damit ist auch der Königin benommen Kummer und Leid.

"Mich nahm immer Wunder, was ich euch wohl gethan, 1905 Da ich der edeln Gäste so Manche doch gewann, Daß ihr nie zu reiten geruhtet in mein Land; Nun ich euch hier ersehen hab, ist mirs zu Freuden gewandt."

Da versetzte Rüdiger, ein Ritter hochgemuth: 1906 "Ihr mögt sie gern empfahen, ihre Treue die ist gut: Der wißen meiner Frauen Brüder schön zu pflegen. Sie bringen euch zu Hause manchen waidlichen Degen."