Chapter 20
"Gott lohn euch eure Spangen," sprach da Eckewart; 1700 "Doch muß ich sehr beklagen zu den Heunen eure Fahrt. Ihr erschlugt Siegfrieden; hier trägt man euch noch Haß: Daß ihr euch wohl behütet, in Treuen rath ich euch das."
"Nun, mög uns Gott behüten," sprach Hagen entgegen. 1701 "Keine andre Sorge haben diese Degen Als um die Herberge, die Fürsten und ihr Lehn, Wo wir in diesem Lande heute Nachtruh sollen sehn.
"Vermüdet sind die Rosse uns auf den fernen Wegen, 1702 Die Speise gar zerronnen," sprach Hagen der Degen: "Wir findens nicht zu Kaufe: es wär ein Wirth uns Noth, Der uns heute gäbe in seiner Milde das Brot."
Da sprach wieder Eckewart: "Ich zeig euch solchen Wirth, 1703 Daß Niemand euch im Hause so gut empfangen wird Irgend in den Landen, als hier euch mag geschehn, Wenn ihr schnellen Degen wollt zu Rüdigern gehn.
"Der Wirth wohnt an der Straße, der beste allerwärts, 1704 Der je ein Haus beseßen. Milde gebiert sein Herz, Wie das Gras mit Blumen der lichte Maimond thut, Und soll er Helden dienen, so ist er froh und wohlgemuth."
Da sprach der König Gunther: "Wollt ihr mein Bote sein, 1705 Ob uns behalten wolle bis an des Tages Schein Mein lieber Freund Rüdiger und Die mir unterthan? Das will ich stäts verdienen, so gut ich irgend nur kann."
"Der Bote bin ich gerne," sprach da Eckewart, 1706 Mit gar gutem Willen erhob er sich zur Fahrt Rüdigern zu sagen, was er da vernommen. Dem war in langen Zeiten so liebe Kunde nicht gekommen.
Man sah zu Bechlaren eilen einen Degen, 1707 Den Rüdger wohl erkannte; er sprach: "Auf diesen Wegen Kommt Eckewart in Eile, Kriemhildens Unterthan." Er wähnte schon, die Feinde hätten ihm ein Leid gethan.
Da gieng er vor die Pforte, wo er den Boten fand. 1708 Der nahm sein Schwert vom Gurte und legt' es aus der Hand. Er sprach zu dem Degen: "Was habt ihr vernommen, Daß ihr so eilen müßet? hat uns Jemand was genommen?"
"Geschadet hat uns Niemand," sprach Eckewart zuhand; 1709 "Mich haben drei Könige her zu euch gesandt, Gunther von Burgunden, Geiselher und Gernot; Jeglicher der Recken euch seine Dienste her entbot.
"Das selbe thut auch Hagen, Volker auch zugleich, 1710 Mit Fleiß und rechter Treue; dazu bericht ich euch, Was des Königs Marschall euch durch mich entbot, Es sei den guten Degen eure Herberge Noth."
Mit lachendem Munde sprach da Rüdiger: 1711 "Nun wohl mir dieser Märe, daß die Könige hehr Meinen Dienst verlangen: dazu bin ich bereit. Wenn sie ins Haus mir kommen, des bin ich höchlich erfreut."
"Dankwart der Marschall hat euch kund gethan, 1712 Wer euch zu Hause noch heute zieht heran: Sechzig kühner Recken und tausend Ritter gut Mit neuntausend Knechten." Da ward ihm fröhlich zu Muth.
"Wohl mir dieser Gäste," sprach da Rüdiger, 1713 "Daß mir zu Hause kommen diese Recken hehr, Denen ich noch selten hab einen Dienst gethan. Entgegen reitet ihnen, sei's Freund oder Unterthan."
Da eilte zu den Rossen Ritter so wie Knecht: 1714 Was sie der Herr geheißen, das dauchte Alle recht. Sie brachten ihre Dienste um so schneller dar. Noch wust es nicht Frau Gotlind, die in ihrer Kammer war.
* * * * *
Siebenundzwanzigstes Abenteuer.
Wie sie nach Bechlaren kamen.
Hin gieng der Markgraf, wo er die Frauen fand, 1715 Sein Weib und seine Tochter. Denen macht' er da bekannt Diese liebe Märe, die er jetzt vernommen, Daß ihrer Frauen Brüder zu ihrem Hause sollten kommen.
"Viel liebe Traute," sprach da Rüdiger, 1716 "Ihr sollt sie wohl empfangen, die edeln Könge hehr, Wenn sie und ihr Gesinde vor euch zu Hofe gehn; Ihr sollt auch freundlich grüßen Hagen in Gunthers Lehn.
"Mit ihnen kommt auch Einer mit Namen Dankwart; 1717 Ein Andrer heißt Volker, an Ehren wohlbewahrt. Die Sechse sollt ihr küssen, ihr und die Tochter mein, Und sollt in höfschen Züchten diesen Recken freundlich sein."
Das gelobten ihm die Frauen und warens gern bereit. 1718 Sie suchten aus den Kisten manch herrliches Kleid, Darin sie den Recken entgegen wollten gehn. Da mocht ein groß Befleißen von schönen Frauen geschehn.
Gefälschter Frauenzierde gar wenig man da fand; 1719 Sie trugen auf dem Haupte lichtes goldnes Band, Das waren reiche Kränze, damit ihr schönes Haar Die Winde nicht verwehten; sie waren höfisch und klar.
In solcher Unmuße laßen wir die Fraun. 1720 Da war ein schnelles Reiten über Feld zu schaun Von Rüdigers Freunden, bis man die Fürsten fand. Sie wurden wohl empfangen in des Markgrafen Land.
Als sie der Markgraf zu sich kommen sah, 1721 Rüdiger der schnelle wie fröhlich sprach er da: "Willkommen mir, ihr Herren und Die in euerm Lehn. Hier in diesem Lande seid ihr gerne gesehn."
Da dankten ihm die Recken in Treuen ohne Haß. 1722 Daß sie willkommen waren, wohl erzeigt' er das. Besonders grüßt' er Hagen, der war ihm längst bekannt; So that er auch mit Volkern, dem Helden aus Burgundenland.
Er begrüßt' auch Dankwarten. Da sprach der kühne Degen: 1723 "Wollt ihr uns hier versorgen, wer soll dann verpflegen Unser Ingesinde aus Worms an dem Rhein?" Da begann der Markgraf: "Diese Angst laßet sein.
"All euer Gesinde und was ihr in das Land 1724 Mit euch geführet habet, Ross, Silber und Gewand, Ich schaff ihm solche Hüter, nichts geht davon verloren, Das euch zu Schaden brächte nur um einen halben Sporen.
"Spannet auf, ihr Knechte, die Hütten in dem Feld; 1725 Was ihr hier verlieret, dafür leist ich Entgelt: Zieht die Zäume nieder und laßt die Rosse gehn." Das war ihnen selten von einem Wirth noch geschehn.
Des freuten sich die Gäste. Als das geschehen war 1726 Und die Herrn von dannen ritten, legte sich die Schar Der Knecht im Grase nieder: sie hatten gut Gemach. Sie fandens auf der Reise nicht beßer vor oder nach.
Die Markgräfin eilte vor die Burg zu gehn 1727 Mit ihrer schönen Tochter. Da sah man bei ihr stehn Die minniglichen Frauen und manche schöne Maid: Die trugen viel der Spangen und manches herrliche Kleid.
Das edle Gesteine glänzte fern hindann 1728 Aus ihrem reichen Schmucke: sie waren wohlgethan. Da kamen auch die Gäste und sprangen auf den Sand. Hei! was man edle Sitten an den Burgunden fand!
Sechsunddreißig Mägdelein und viel andre Fraun, 1729 Die wohl nach Wunsche waren und wonnig anzuschauen, Giengen den Herrn entgegen mit manchem kühnen Mann. Da ward ein schönes Grüßen von edeln Frauen gethan.
Die Markgräfin küsste die Könge alle drei; 1730 So that auch ihre Tochter. Hagen stand dabei. Den hieß ihr Vater küssen: da blickte sie ihn an: Er dauchte sie so furchtbar, sie hätt es lieber nicht gethan.
Doch muste sie es leisten, wie ihr der Wirth gebot. 1731 Gemischt ward ihre Farbe, bleich und auch roth. Auch Dankwarten küsste sie, darnach den Fiedelmann: Seiner Kraft und Kühnheit wegen ward ihm das Grüßen gethan.
Die junge Markgräfin nahm bei der Hand 1732 Geiselher den jungen von Burgundenland; So nahm auch ihre Mutter Gunthern den kühnen Mann. Sie giengen mit den Helden beide fröhlich hindann.
Der Wirth gieng mit Gernot in einen weiten Saal. 1733 Die Ritter und die Frauen setzten sich zumal. Man ließ alsdann den Gästen schenken guten Wein: Gütlicher bewirthet mochten Helden nimmer sein.
Mit zärtlichen Augen sah da Mancher an 1734 Rüdigers Tochter, die war so wohlgethan. Wohl kos't' in seinem Sinne sie mancher Ritter gut; Das mochte sie verdienen: sie trug gar hoch ihren Muth.
Sie gedachten, was sie wollten; nur konnt es nicht geschehn. 1735 Man sah die guten Ritter hin und wieder spähn Nach Mägdelein und Frauen: deren saßen da genug. Dem Wirth geneigten Willen der edle Fiedeler trug.
Da wurden sie geschieden, wie Sitte war im Land: 1736 Zu andern Zimmern giengen Ritter und Fraun zur Hand. Man richtete die Tische in dem Saale weit Und ward den fremden Gästen zu allen Diensten bereit.
Den Gästen gieng zu Liebe die edle Markgräfin 1737 Mit ihnen zu den Tischen: die Tochter ließ sie drin Bei den Mägdlein weilen, wo sie nach Sitte blieb. Daß sie die nicht mehr sahen, das war den Gästen nicht lieb.
Als sie getrunken hatten und gegeßen überall, 1738 Da führte man die Schöne wieder in den Saal. Anmuthge Reden wurden nicht gescheut: Viel sprach deren Volker, ein Degen kühn und allbereit.
Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann: 1739 "Viel reicher Markgraf, Gott hat an euch gethan Nach allen seinen Gnaden: er hat euch gegeben Ein Weib, ein so recht schönes, dazu ein wonnigliches Leben.
"Wenn ich ein König wäre," sprach der Fiedelmann, 1740 "Und sollte Krone tragen, zum Weibe nähm ich dann Eure schöne Tochter: die wünschte sich mein Muth. Sie ist minniglich zu schauen, dazu edel und gut."
Der Markgraf entgegnete: "Wie möchte das Wohl sein, 1741 Daß ein König je begehrte der lieben Tochter mein? Wir sind hier beide heimatlos, ich und mein Weib, Und haben nichts zu geben: was hilft ihr dann der schöne Leib?"
Zur Antwort gab ihm Gernot, der edle Degen gut: 1742 "Sollt ich ein Weib mir wählen nach meinem Sinn und Muth, So wär ich solches Weibes stäts von Herzen froh." Darauf versetzte Hagen in höfischen Züchten so:
"Nun soll sich doch beweiben mein Herr Geiselher: 1743 Es ist so hohen Stammes die Markgräfin hehr, Daß wir ihr gerne dienten, ich und all sein Lehn, Wenn sie bei den Burgunden unter Krone sollte gehn."
Diese Rede dauchte den Markgrafen gut 1744 Und auch Gotelinde; wohl freute sich ihr Muth. Da schufen es die Helden, daß sie zum Weibe nahm Geiselher der edle, wie er es mocht ohne Scham.
Soll ein Ding sich fügen, wer mag ihm widerstehn? 1745 Man bat die Jungfraue, hin zu Hof zu gehn. Da schwur man ihm zu geben das schöne Mägdelein, Wogegen er sich erbot, die Wonnigliche zu frein.
Man beschied der Jungfrau Burgen und auch Land. 1746 Da sicherte mit Eiden des edeln Königs Hand Und Gernot der Degen, es werde so gethan. Da sprach der Markgraf: "Da ich Burgen nicht gewann,
"So kann ich euch in Treuen nur immer bleiben hold. 1747 Ich gebe meiner Tochter an Silber und an Gold, Was hundert Saumrosse nur immer mögen tragen, Daß es wohl nach Ehren euch Helden möge behagen."
Da wurden diese beiden in einen Kreis gestellt 1748 Nach dem Rechtsgebrauche. Mancher junge Held Stand ihr gegenüber in fröhlichem Muth; Er gedacht in seinem Sinne, wie noch ein Junger gerne thut.
Als man begann zu fragen die minnigliche Maid, 1749 Ob sie den Recken wolle, zum Theil war es ihr leid; Doch dachte sie zu nehmen den waidlichen Mann. Sie schämte sich der Frage, wie manche Maid hat gethan.
Ihr rieth ihr Vater Rüdiger, daß sie spräche ja, 1750 Und daß sie gern ihn nähme: wie schnell war er da Mit seinen weißen Händen, womit er sie umschloß, Geiselher der junge! Wie wenig sie ihn doch genoß!
Da begann der Markgraf: "Ihr edeln Könge reich, 1751 Wenn ihr nun wieder reitet heim in euer Reich, So geb ich euch, so ist es am schicklichsten, die Magd, Daß ihr sie mit euch führet." Also ward es zugesagt.
Der Schall, den man hörte, der muste nun vergehn. 1752 Da ließ man die Jungfrau zu ihrer Kammer gehn Und auch die Gäste schlafen und ruhn bis an den Tag. Da schuf man ihnen Speise: der Wirth sie gütlich verpflag.
Als sie gegeßen hatten und nun von dannen fahren 1753 Wollten zu den Heunen: "Davor will ich euch wahren," Sprach der edle Markgraf, "ihr sollt noch hier bestehn; So liebe Gäste hab ich lange nicht bei mir gesehn."
Dankwart entgegnete: "Das kann ja nicht sein: 1754 Wo nähmt ihr die Speise, das Brot und auch den Wein, Das ihr doch haben müstet für solch ein Heergeleit?" Als das der Wirth erhörte, er sprach: "Die Rede laßt beiseit.
"Meine lieben Herren, ihr dürft mir nicht versagen. 1755 Wohl geb ich euch die Speise zu vierzehen Tagen, Euch und dem Gesinde, das mit euch hergekommen. Mir hat der König Etzel noch gar selten was genommen."
Wie sehr sie sich wehrten, sie musten da bestehn 1756 Bis an den vierten Morgen. Da sah man geschehn Durch des Wirthes Milde, was weithin ward bekannt: Er gab seinen Gästen beides, Ross' und Gewand.
Nicht länger mocht es währen, sie musten an ihr Ziel. 1757 Seines Gutes konnte Rüdiger nicht viel Vor seiner Milde sparen: wonach man trug Begehr, Das versagt' er Niemand: er gab es gern den Helden hehr.
Ihr edel Ingesinde brachte vor das Thor 1758 Gesattelt viel der Rosse; zu ihnen kam davor Mancher fremde Recke, den Schild an der Hand, Da sie reiten wollten mit ihnen in Etzels Land.
Der Wirth bot seine Gaben den Degen allzumal, 1759 Eh die edeln Gäste kamen vor den Saal. Er konnte wohl mit Ehren in hoher Milde leben. Seine schöne Tochter hatt er Geiselhern gegeben;
Da gab er Gernoten eine Waffe gut genug, 1760 Die hernach in Stürmen der Degen herrlich trug. Ihm gönnte wohl die Gabe des Markgrafen Weib; Doch verlor der gute Rüdiger davon noch Leben und Leib.
Er gab König Gunthern, dem Helden ohne Gleich, 1761 Was wohl mit Ehren führte der edle König reich, Wie selten er auch Gab empfieng, ein gutes Streitgewand, Da neigte sich der König vor des milden Rüdger Hand.
Gotelind bot Hagnen, sie durfte es ohne Scham, 1762 Ihre freundliche Gabe: da sie der König nahm, So sollt auch er nicht fahren zu dem Hofgelag Ohn ihre Steuer: der edle Held aber sprach:
"Alles, was ich je gesehn," entgegnete Hagen, 1763 "So begehr ich nichts weiter von hinnen zu tragen Als den Schild, der dorten hängt an der Wand: Den möcht ich gerne führen mit mir in der Heunen Land."
Als die Rede Hagens die Markgräfin vernahm, 1764 Ihres Leids ermahnt' er sie, daß ihr das Weinen kam. Mit Schmerzen gedachte sie an Nudungs Tod, Den Wittich hatt erschlagen; das schuf ihr Jammer und Noth.
Sie sprach zu dem Degen: "Den Schild will ich euch geben. 1765 Wollte Gott vom Himmel, daß der noch dürfte leben, Der einst ihn hat getragen! er fand im Kampf den Tod. Ich muß ihn stäts beweinen: das schafft mir armem Weibe Noth!"
Da erhob sich vom Sitze die Markgräfin mild: 1766 Mit ihren weißen Händen hob sie herab den Schild Und trug ihn hin zu Hagen: der nahm ihn an die Hand. Die Gabe war mit Ehren an den Recken gewandt.
Eine Hülle lichten Zeuges auf seinen Farben lag. 1767 Beßern Schild als diesen beschien wohl nie der Tag. Mit edelm Gesteine War er so besetzt, Man hätt ihn im Handel wohl auf tausend Mark geschätzt.
Den Schild hinwegzutragen befahl der Degen hehr. 1768 Da kam sein Bruder Dankwart auch zu Hofe her. Dem gab reicher Kleider Rüdigers Kind genug, Die er bei den Heunen hernach mit Freuden noch trug.
Wie viel sie der Gaben empfiengen insgemein, 1769 Nichts würd in ihre Hände davon gekommen sein, Wars nicht dem Wirth zu Liebe, der es so gütlich bot. Sie wurden ihm so feind hernach, daß sie ihn schlagen musten todt.
Da hatte mit der Fiedel Volker der schnelle Held 1770 Sich vor Gotelinde höfisch hingestellt. Er geigte süße Töne und sang dazu sein Lied: Damit nahm er Urlaub, als er von Bechlaren schied.
Da ließ die Markgräfin eine Lade näher tragen. 1771 Von freundlicher Gabe mögt ihr nun hören sagen: Zwölf Spangen, die sie aus ihr nahm, schob sie ihm an die Hand: "Die sollt ihr führen, Volker, mit euch in der Heunen Land
"Und sollt sie mir zu Liebe dort am Hofe tragen: 1772 Wenn ihr wiederkehret, daß man mir möge sagen, Wie ihr gedient mir habet bei dem Hofgelag." Wie sie ihn gebeten, so that der Degen hernach.
Der Wirth sprach zu den Gästen: "Daß ihr nun sichrer fahrt, 1773 Will ich euch selbst geleiten: so seid ihr wohl bewahrt, Daß ihr auf der Straße nicht werdet angerannt." Seine Saumrosse die belud man gleich zur Hand.
Der Wirth war reisefertig und fünfhundert Mann 1774 Mit Rossen und mit Kleidern: die führt' er hindann Zu dem Hofgelage mit fröhlichem Muth; Nach Bechelaren kehrte nicht Einer all der Ritter gut.
Mit minniglichen Küssen der Wirth von dannen schied; 1775 Also that auch Geiselher, wie ihm die Liebe rieth. Sie herzten schöne Frauen mit zärtlichem Umfahn: Das musten bald beweinen viel Jungfrauen wohlgethan.
Da wurden allenthalben die Fenster aufgethan, 1776 Als mit seinen Mannen der Markgraf ritt hindann. Sie fühlten wohl im Herzen voraus das herbe Leid: Drum weinten viel der Frauen und manche waidliche Maid.
Nach den lieben Freunden trug Manche groß Beschwer, 1777 Die sie in Bechelaren ersahen nimmermehr. Doch ritten sie mit Freuden nieder an dem Strand Dort im Donauthale bis in das heunische Land.
Da sprach zu den Burgunden der milde Markgraf hehr, 1778 Rüdiger der edle: "Nun darf nicht länger mehr Verhohlen sein die Kunde, daß wir nach Heunland kommen. Es hat der König Etzel noch nie so Liebes vernommen."
Da ritt manch schneller Bote ins Oesterreicherland: 1779 So ward es allenthalben den Leuten bald bekannt, Daß die Helden kämen von Worms über Rhein. Dem Ingesind des Königs konnt es nicht lieber sein.
Die Boten vordrangen mit diesen Mären, 1780 Daß die Nibelungen bei den Heunen wären: "Du sollst sie wohl empfangen, Kriemhild, Fraue mein: Nach großen Ehren kommen dir die lieben Brüder dein."
Als die Königstochter vernahm die Märe, 1781 Zum Theil wich ihr vom Herzen ihr Leid, das schwere. Aus ihres Vaters Lande zog Mancher ihr heran, Durch den der König Etzel bald großen Jammer gewann.
"Nun wohl mir diese Freude," sprach da Kriemhild. 1782 "Hier bringen meine Freunde gar manchen neuen Schild Und Panzer glänzend helle: wer nehmen will mein Gold Und meines Leids gedenken, dem will ich immer bleiben hold."
Sie gedachte heimlich: "Noch wird zu Allem Rath. 1783 Der mich an meinen Freuden so gar gepfändet hat, Weiß ich es zu fügen, es soll ihm werden leid Bei diesem Gastgebote: dazu bin ich gern bereit.
"Ich will es also Schaffen, daß meine Rach ergeht 1784 Bei diesem Hofgelage, wie es hernach auch steht, An seinem argen Leibe, der mir hat benommen So viel meiner Wonne: des soll mir nun Entgeltung kommen."
* * * * *
Achtundzwanzigstes Abenteuer.
Wie Kriemhild Hagen entpfieng.
Als die Burgunden kamen auf das Feld, 1785 Auf schlug man drei Königen gar herrlich Gezelt. Sie stießen ein die Fahnen von eitel Golde roth. Da wusten nicht die Herren, wie ihnen nah war der Tod.
Da stieg zu den Zinnen Frau Kriemhild hinan 1786 Und sah auf dem Felde reiten manchen Mann. Des freute sich heimlich das wunderschöne Weib: "Nun endlich wird gerochen des kühnen Siegfriedes Leib,
"Der mir so mörderlich zu Tode ward geschlagen; 1787 Ich kann bis an mein Ende ihn nie genug beklagen. O weh der großen Ehren, die ich muß verloren schaun: So tapfrer Mann lag nimmer noch im Arm einer Fraun.
"Seine große Tugend schafft mir Herzeleid: 1788 Wenn ich daran gedenke, wie er zu jener Zeit Hin ritt mit so gesundem Leib, so mehrt sich meine Klage: Mir darf Niemand rügen das große Leid, das ich trage.
"Gott hatt ihn mir zu Manne aus aller Welt erkoren. 1789 Wär Einem Mann die Tugend Tausender angeboren, Viel größere doch Siegfried ganz alleine trug." Sehr klagt' um ihn die Königin, zu dem Herzen sie sich schlug.
Alsbald ward dem Berner die Märe kund gethan. 1790 Da kam er geschwinde über den Hof heran; Er hatte Hilbranden der Sitte nach bei sich. "Viel edle Königstochter, das ließet ihr billiglich,
"Daß man euch weinen sähe bei dieser Lustbarkeit. 1791 Ihr habt hieher beschieden aus fremden Landen weit Viel der werthen Recken und manchen Biedermann: Daß man euch nun weinen sieht, das steht euch gar übel an."
"Ich mahne dich der Treue," sprach sie, "Hildebrand, 1792 Hast du je Gab empfangen aus meiner milden Hand, So räche mich an Hagen: ich gebe dir mein Gold Und bin mit guten Treuen bis an mein Ende dir hold."
Da sprach zu ihr der Berner: "Ihr seid ein übel Weib, 1793 Daß ihr den Freunden rathet an Leben und Leib, Und habt so manchen Boten hin an den Rhein gesandt, Bis sie euch nun kamen zu Haus mit wehrlicher Hand.
"Höret, Meister Hildebrand, so lieb als ich euch sei: 1794 Empfangt mir vom Rheine die Könige alle drei Und heißt sie hier zu Felde liegen bis an den Tag, So warn ich sie mit Treue, so gut ich immer vermag."
Da ritt wohlgezogen Meister Hildebrand, 1795 Bis er die drei Könige von dem Rheine fand. Er sprang vom Pferde ritterlich und ließ sich auf die Knie: Die drei Könige vom Rheine so empfing und grüßt' er sie.
"Willkommen seid, Herr Gunther, König an dem Rhein; 1796 So sei auch Herr Gernot, der liebe Bruder dein, Und Geiselher der junge und Hagen, ein starker Mann, Und noch manch schneller Recke, die ich nicht alle nennen kann.
"Euch entbeut der Berner, der liebe Herre mein, 1797 Seine Huld und Freundschaft und will euch hülfreich sein. Er räth euch, hier im Felde zu liegen bis zum Tag: Dann warnt er euch mit Treuen, so gut er immer vermag.
"Mög euch Gott behüten hier vor aller Noth: 1798 Schon vor vierthalb Jahren war euch bereit der Tod. Geschworen hat Frau Kriemhild, eure Schwester, manchen Eid, daß sie an euch will rächen all ihr großes Herzeleid.
"Er entbeut euch, daß ihr meidet, so lieb euch sei das Leben, 1799 Den Neubau an der Donau, wo euch Herberg ist gegeben: Das sollt ihr mir glauben, und käm darein ein Heer, Ihr müstet All ersterben und Keiner käme zur Wehr.
"Wißt, in drei schönen Rohren, die hohl von innen sind, 1800 Schwefel und Kohlen mischten sie falsch gesinnt: Das wird angezündet, wenn sie zu Tische gehn. Davor sollt ihr euch hüten ihr stolzen Degen ausersehn."
Des erschrak der König, die Rede war ihm leid. 1801 "Nun lohne Gott dir, Hildebrand, daß du uns gabst Bescheid Und daß du hast gewarnet manch heimatlosen Mann. Ich seh, wir treffen Treue bei den Heunen wenig an."
Des erlachten die Jungen und hielten es für Spott. 1802 Da sprachen die Weisen: "Davor behüt uns Gott. Wir sind in großer Treue geritten in das Land; Sie hat uns manchen Boten hin nach dem Rheine gesandt."