Chapter 2
Es stand eine Frau alleine Und blickte über Haide, Und blickte nach dem Lieben, Da sah sie Falken fliegen.
"So wohl dir, Falke, daß du bist! Du fliegst wohin dir lieb ist. Du suchst dir in dem Walde Einen Baum der dir gefalle.
Also hab auch ich gethan: Ich ersah mir einen Mann, Den erwählten meine Augen; Das neiden andre Frauen. O weh, so laßt mir doch mein Lieb: Ich stellte ja nach euern Liebsten nie."
Auch ein verwandtes altitalienisches Sonett hat Haupt beigebracht:
Tapina me, che amava uno sparviero! amava'l tanto ch'io me ne moria. a lo richiamo ben m'era maniero, ed unque troppo pascer no'l dovia.
Or è montato e salito si altero, assai più altero ehe far non solia, ed è assiso dentro a un verziero e un' altra donna l'averà in balia.
Isparvier mio, com'io t'avea nodrito! sonaglio d'oro ti facea portare, perchè nell' uccellar fossi più ardito.
Or sei salito siccome lo mare, ed hai rotti li geti, e se' fuggito quand eri fermo nel tuo uccellare.
_Freie Nachbildung._
Ich Arme, einen Sperber lieb zu haben! So liebt ich ihn, daß Sehnsucht mich verzehrt. An meinem Ruf schien sich sein Herz zu laben; Oft hat er Kost aus meiner Hand begehrt.
Nun stieg er auf so stolz und so erhaben, Viel stolzer als er mir sich je bewährt. In einen Garten flog er überm Graben Und eine andre Herrin hält ihn werth.
Wie reicht ich dir, mein Sperber, Leckerbißen! Goldene Schellen gab ich dir zu tragen, Dich freudiger zur Vogeljagd zu wißen.
Nun flogst du hin und läßest mich verzagen: Du hast die Bande frevelhaft zerrißen Just da du meisterlich verstandst zu jagen.
* * * * *
Die nahe Verwandtschaft der beiden angeblich Kürnbergschen Lieder mit dem von Kriemhildens Traum hat auf den Gedanken geführt, sie möchten alle drei demselben Dichter gehören. Ein sehr armer Dichter, der dreimal dasselbe Motiv gebrauchte! Sie können nicht einmal aus derselben Zeit herrühren: das von Kriemhilds Traum mag nach seinem an den Mythus anklingenden Inhalt wie nach der fast ganz alliterierenden Form leicht ein Jahrhundert älter sein.
Weder der Dichter der beiden Lieder vom Falken noch der von Kriemhilds Traum kann die Nibelungenstrophe erfunden haben: nur die beiden ersten Gesetze von Kriemhilds Traum bewahren noch den alten Gliederbau dieser Strophe, und von den sechs ausgehobenen angeblich Kürnbergschen Gesetzen nur noch das erste und das letzte. Nach dieser ursprünglichen Gliederung finden wir in den Nibelungen noch eine Anzahl alterthümlicher Strophen gebildet, bei dem s.g. Kürnberg noch fünf; einige so gebaute haben sich auch in dem neuern Volkslied erhalten, z.B. das bekannte
Die Brünnlein, die da fließen, die soll man trinken, Und wer einen lieben Buhlen hat, der soll ihm winken u.s.w.
Nach ihr war nur die dritte Langzeile um eine Hebung gekürzt; die drei andern zeigten noch die vollen acht Hebungen der alten epischen, einst alliterierten Langzeile; nur fiel in den beiden ersten Zeilen, welche als Aufgesang anzusehen waren, die letzte Senkung aus und die beiden letzten Hebungen trugen den Reim, der also nur scheinbar klingend war, denn auf den spätern klingenden Reim fällt nur Eine Hebung, die zweite Sylbe ist unbetont. Solche zwei Hebungen tragende Reime waren: zinne: singen, vliegen: riemen, Kriemhilde: wilde, Uoten: guoten. In den Anfängen der alten Lieder, die stäts am festesten im Gedächtniss hafteten, hat sich die alte Gliederung am längsten erhalten, so in den beiden ersten Strophen des Liedes von Kriemhilds Traum, dann Strophe 1362, wo ein Lied und zugleich ein Abenteuer anfängt.
Dô Etzel sîne botschaft zúo dem Rine sándè, dô vlugen disiu mære von lándè ze lándè.
ferner Nr. 1653, der Anfang des 16. Lachmannschen Liedes:
die boten vür strichen mit den m'ærèn, daz die Niblungen zuo den Hiunen wæren,
endlich Nr. 1571, wo nach dem langen störenden Einschub von Gelfrat und Else das vierte Lachmannsche Lied wieder einsetzt:
Dô die wegemüeden rúowè genâmèn unde si dem lande nu näher quâmen u. s. w.
An andern Stellen mag die alte Structur durch die Schönheit der Strophe geschützt worden sein, wie in den beiden aufeinander folgenden Str. 2132 und 2133.
Der Schreiber der Handschrift A, der keinen Sinn mehr für die alte Metrik hatte, wie er denn auch zweisilbige stumpfe Wörter in die Cäsur setzte, die zwei Hebungen tragen soll, und der achten Halbzeile oft nur drei Hebungen giebt, nahm auch schon an vier Hebungen in der zweiten und vierten Halbzeile Anstoß und gleich in der ersten Strophe, wo er sie nicht verkennen konnte, glaubte er den Anfang umbilden zu müßen, was er sonst nicht gebraucht hätte; in der folgenden Strophe ließ er die scheinbar klingenden Reime bestehen, weil sich hier die genannten Halbzeilen auch zu drei Hebungen lesen ließen. Durch diese Umbildung aber geriethen die alten Schlußreime in die Cäsur:
Es troumde Kriemhilde in tugenden der si phlac wie si einen valken wilde züge manegen tac,
ein Beweis, daß Mittelreime dem Schreiber dieses Textes nicht anstößig waren, während Lachmann Kriemhilte und wilden schrieb, "um auch den Schein eines innern Reimes zu vermeiden". Was freilich 'in tugenden der si phlac' heißen soll ist nicht leicht zu sagen; wahrscheinlich sollte damit das
in ir hohen eren
des alten Liedes umschrieben werden, denn _in disen_ höhen êren lautete es wohl erst, als die zwölf Strophen der einem Theaterzettel ähnlichen Einleitung davor gerückt wurden.
Daß auch viele nur auf Einer Hebung reimende Langzeilen des Aufgesangs vier Hebungen tragen, hab ich in meiner Schrift: _Die Nibelungenstrophe und ihr Ursprung_, Bonn 1858, auf die ich überhaupt hier verweisen muß, näher ausgeführt, und der aufmerksame Leser wird in der gegenwärtigen Ausgabe zahlreiche Belege dafür nicht übersehen; am auffallendsten ist, daß sogar Zusatzstrophen in C wie nach 1662 bei stumpfem Reim im Aufgesang vier Hebungen zeigen: sie sind ohne Zweifel alt und zu einer Zeit eingeschoben, wo man noch vier Hebungen an diesen Stellen erwartete.
Es darf nicht irren, daß uns die Nibelungenstrophe zuerst in _Liedern_ entgegentritt, ja daß sie eine lyrische Gliederung zeigt. Was zuerst letztere belangt, so würde, wenn die Gliederung ganz wegfiele, mithin auch die vierte Zeile wie in dem spätern Hildebrandston, nur drei Hebungen trüge, die Strophe in zwei gleiche Hälften auseinanderfallen. Strophische Behandlung der Langzeile finden wir aber schon in der Edda, also noch ehe der Reim an die Stelle der Alliteration trat. Die Verwendung zu Liedern aber darf nicht befremden, denn diese ältesten Lieder, z.B. die s.g. Kürnbergschen, zeigen noch epische Eingänge, sie gehören einer Zeit an, wo sich das Lied eben erst dem mütterlichen Schooß der Epik entwunden hatte: darum tritt sie, wie ich das Nibelungenstr. 82 näher ausgeführt habe, anfangs noch in epischen Formen auf, ja entnimmt ihren Inhalt, wie das Gleichniss von dem Falken, dem Epos.
Wenn die Nibelungenstrophe keine ursprünglich lyrische war, oder der epische Volksgesang sich ihrer schon früh bemächtigt hatte, so durfte sich jeder Sänger ihrer bedienen, und der spätere Gebrauch der Minnesinger, jedem Liede eigenes Maß und eigene Weise zu widmen, deren Entleihung dann für unerlaubt galt, konnte auf sie noch keine Anwendung finden.
Diesen Einwand haben sich diejenigen schon selbst gemacht, die der Nibelungenstrophe, wie sie in der Pariser Handschrift zuerst erscheint, in Kürnberg einen Erfinder entdeckt haben wollen, dem sie dann mit überhöfischer Milde auch noch das ganze Nibelungenlied zum Geschenk machen, einem modernen Lyriker unser tausendjähriges Nationalepos.
Sie setzen aber diesem Einwand entgegen: wenn die Nibelungenstrophe, die sie ohne Grund Kürnbergs Weise nennen, eine alte Volksweise gewesen, so würden andere Dichter sich nicht gescheut haben sie anzuwenden; sie hätten nicht Variationen dieser Strophe erfunden, sie nicht mit kleinen Modificationen umgebildet: "denn ein geringer Unterschied," sagt Bartsch, "brauchte nur da zu sein, um eine Strophenform neben einer schon vorhandenen als neu erscheinen zu laßen." Demnach wäre denn die Strophe, deren ursprüngliche Gliederung wir soeben besprochen haben, von dem erträumten Kürnberg so umgebildet, daß sie bald die ursprüngliche Gliederung behalten, bald wieder in den zweiten Vershälften des Aufgesangs nur drei Hebungen, oder gar in der ersten Zeile des Aufgesangs vier, in der zweiten drei tragen durfte; und der Dichter des Wolfdietrich und schon der Schreiber der Nibelungenhandschrift A hätte sie so umgebildet, daß es erlaubt war, der achten Halbzeile bald drei, bald vier Hebungen zu geben. Hatten aber wirklich diese und andere Umbildungen der Nibelungenstrophe den angegebenen Grund, daß man kein "Tönedieb" heißen wollte, so müste man ja glauben, der vorgebliche Kürnberg hätte selber gefürchtet an sich zum Dieb zu werden durch Anwendung der selbsterfundenen Strophe, da wir ja auch bei ihm eine Variation derselben finden, und zwar nach Bartschens eigener Aufstellung (Deutsche Liederdichter S. 1) eine durch zwei Strophen belegte Variation.
Für uns, die wir als Grundlage beider Theile des Nibelungenliedes, neben der lateinischen Faßung Konrad des Schreibers, deren Einwirkung nicht geläugnet werden kann, eine Sammlung er Volkslieder in der gemeinsamen alten, aber sich allmählich umbildenden Volksweise annehmen, deren Näthe hier und da noch deutlich zu erkennen sind, uns fehlt es an Beispielen unveränderter Anwendung der Nibelungenstrophe bei verschiedenen Dichtern nicht. Der einzige Unterschied, der sich hervorthut, ist in demselben Liede die ungleiche Zahl der Hebungen in den Zeilen des Aufgesangs, und die Freiheit hier mit Auslaßung der Senkung auf zwei Hebungen zu reimen, was sich in den beiden Zeilen des Abgesangs niemals ereignen kann. Diese Unterschiede sind aber unwesentlich, da die ganze Strophe sich aus Sangzeilen von acht Hebungen hervorgebildet hat, die schon, als sie noch alliterierten, um eine Hebung gekürzt werden durften. Vergl. Nibelungenstrophe §.9.
Soll der Dichter des Nibelungenlieds alte epische Lieder nicht eingeflochten, soll er nur aus der vielgestaltigen Sage geschöpft, und die Lieder, die er etwa schon vorfand, in ein neues Maß umgegoßen haben, warum nannte er dann seinen Namen nicht, warum trat er bescheiden hinter seinen Quellen zurück? da er doch bei solcher Annahme ein größerer Dichter gewesen wäre als Wolfram. Will man vergeßen, indem man den Kürnberg als den Dichter der Nibelungen ausruft, daß es den Gedichten des volksmäßigen Sagekreises eigenthümlich ist, im Gegensatz zu der von Veldeke geimpften höfischen Dichtung, keinen Verfaßer zu haben? Wen will man nächstens für den Dichter der Gudrun ausgeben, der noch nicht einmal in allen Theilen Lieder zu Grunde liegen, wer soll den großen Rosengarten, den Ortnit, den Wolfdietrich, den Alphart gedichtet haben, und wer das deutsche Waltherslied, aus der die Eckeharte schöpften? Soll dabei mit derselben Freigebigkeit verfahren werden, womit man das Nibelungenlied an den von Kürnberg verschenkte, so werden sich ja wohl Namen finden, die uns ebenso leere Schälle sind. Könnte nicht Spervogel die Gudrun gedichtet haben?--Wen hat man nicht schon für den Dichter des Nibelungenliedes ausgegeben? Heinrich von Ofterdingen, von dem ich im "Wartburtkrieg" erwiesen habe, daß er keineswegs eine fabelhafte Person war, indem er die echten Strophen des Räthselspiels verfaßt hat, die den zweiten Theil dieses selbst lange Zeit unenträthselten Gedichtes bilden, dann seinen Beschützer, den allerdings fabelhaften Klingsor von Ungerland, der aber nicht aus Ungerland, sondern aus dem Parzival kam, Konrad von Würzburg, Rudolf von Ems, für den zwei Hohenemser Handschriften angeführt werden könnten, Walther von der Vogelweide, und endlich den vielleicht wieder erdichteten Kürnberg, für dessen Dasein als Dichter oder Componisten wir nur das schwache Zeugniss eines Liedes haben. Johannes von Müller rieth auf einen schweizerischen Eschenbach von Unspunnen; warum Niemand auf den baierischen Wolfram, der unter allen höfischen Dichtern dem heimischen Sagenkreise am vertrautesten war, dem er seinen Friedebrand von Schotten, seinen Hüteger, seine Hernant und Herlinde und andere Helden der Nordseesage entnahm, dessen Reim und Sprache deutsch-epische Färbung zeigt, der die deutsche Alliteration auf die welsche Namengebung anwandte, der so oft auf die Heldensage und zweimal sogar auf einzelne Strophen des Nibelungenlieds (1408 5-8 und 1462) anspielt, und der vielleicht wirklich einmal die Hand an das Gedicht gelegt hat, nur gewiss nicht die letzte Hand, denn diese merzte gewisse Wolfram eigenthümliche Reime sorgfältig aus.
Soll ich mich über das ABC der Handschriften erklären, so gestehe ich A den Vorzug zu, denn obwohl der Schreiber dieser kürzesten Handschrift überaus nachläßig war, so gab er doch seine alte und gute Vortage getreulich wieder ohne sich andere Aenderungen als seiner, eine jüngere Zeit verrathenden metrischen Irrthümer wegen zu gestatten; höchstens kommen einige schwache Zusatzstrophen wie Str. 3 auf seine Rechnung, während C, auf der ältesten und sorgfältigsten Handschrift ruhend, und gleichfalls von einer trefflichen Vorlage ausgehend dem volksmäßigen Gedicht einen feinern höfischen Schliff zu verleihen sucht. Doch sind viele Aenderungen in C wahre Verbeßerungen, wie auch das eine ist, daß wir das ganze Gedicht nun das _Nibelungenlied_ genannt finden, da der Name der _Nibelunge nôt_ nur auf den zweiten Theil bezogen werden konnte, zumal die Burgunden im ersten Theil noch nicht Nibelungen heißen. Von den Strophen, die C allein hat, ist ein Theil echt und alt und der Ueberarbeiter wird sie schon in seiner Vorlage gefunden haben: auf Str. 1518 scheint schon Wolfram anzuspielen. Andere sind sehr schwach und eine, nach Str. 2305, konnte ich mich nicht entschließen aufzunehmen, weil sie mir das ganze Gedicht verleidet hätte. Sie mag indes, damit man nichts vermisse, hier stehen, doch ohne Uebersetzung, deren ich sie nicht würdig halte.
H. 2428. Er wiste wol diu mære, sine liez in niht genesen. wie möhte ein untriuwe immer sterker wesen? er vorhte, sô si hête im sînen lip genomen, daz si danne ir bruoder liese heim ze lande komen.
Wie wir Hagens Charakter kennen, hätte er seinem Herrn Leben und Freiheit gern durch den eigenen Tod erkauft, und hier soll er den Hort nicht gezeigt haben, weil er fürchtete, Gunther würde dann allein in die Heimat entlaßen werden!
B enthält die schwachen Strophen nicht, welche A und C hinzufügen, entbehrt aber auch die echten und guten, die allein C erhalten hat; für die, welche B selber hinzuthut, müßen wir ihm dankbar sein. Der sorgfältige Schreiber der in dieser Reihe voranstehenden St. Galler Handschrift füllt gerne die Senkungen aus und meidet verkürzte Formen. Sonst stellt sich diese sehr verbreitete Faßung, deren Text man deshalb den _gemeinen_ genannt hat, zunächst neben A und berichtigt sie oft.
* * * * *
Eine geschichtliche Grundlage des Gedichts hat man in der Thatsache finden wollen, daß um das Jahr 437 der Burgunderkönig Gundicarius mit seinem Volke von den Hunnen eine vernichtende Niederlage erlitt. Man beruft sich auch darauf, daß in der lex Burgundionum drei burgundische Könige, Godomer, Gislahar und Gundahar wie es scheint als Söhne Gibicas genannt werden, die man in Gernot, Giselher und Gunther, nach der Heldensage den Söhnen Gibichs (in den Nibelungen heißt der Vater Dankrat), wiederfinden will. Vergl. W. Grimms Deutsche Heldensage, 2. Auflage 1867 S. 12. Aber wann die geschichtlichen Beziehungen in die Sage eingetreten find, wißen wir nicht: sie drangen gelegentlich in die ursprünglich mythische Heldensage, wurden aber auch wohl wieder ausgeschieden, wie wir davon ein Beispiel an Otacher haben, der, ein geschichtlicher Held, im Hildebrandslied den mythischen Sibich verdrängt hatte, ihm aber späterhin wieder weichen muste. Manche Thatsachen, die Geschichte und Heldensage gemein haben, können ebenso gut auch aus der Sage in die Geschichte gedrungen sein, z. B. was Jornandes von Ermenrich und Swanhildens Brüdern meldet, Grimms Heldensage S.2.
Daß Worms im Liede als Sitz der Burgundenkönige erscheint hat man als der Geschichte nicht widersprechend nachgewiesen, indem wirklich die später an den Rotten (Rhodanus) gezogenen Burgunden zuerst am Mittelrhein gewohnt hätten. Eine andere Frage ist, ob dieß veranlaßt hat, Worms zum Schauplatz der Sage zu machen. Ein mythischer Bezug hängt nämlich schon in dem ältesten Namen dieser Stadt, und dieß könnte die Anknüpfung der Heldensage vermittelt haben. Bekanntlich lautete er einst Borbetomagus. "Da magus Feld bedeutet," hieß es schon Rheinland 76, "so ist dieß nicht sowohl der Name der Stadt als des Gaus, das wir auch Wormsfeld genannt finden, wie Maifeld und Maiengau wechseln. In _Borbet_, das uns für den Namen der Stadt übrig bleibt, ist das anlautende b später zu w geworden;" wir werden aber sogleich sehen wie w und b mundartlich wechseln. Nehmen wir es indes für Worbet, so erkennen wir leicht den urkundlich vielfach beglaubigten Namen einer der tria fata, die, deutschem und keltischem Glauben gemein, uns (Deutschen) Schwestern, den romanisierten Kelten Mütter oder Matronen hießen; ausführlich habe ich von ihnen Handbuch der Mythologie §. 103 gehandelt. Im südlichen und nordwestlichen Deutschland, also in unserm Rheinland kehren diese Schwestern unzählig oft wieder: sie werden noch jetzt zum Theil mit veränderten Namen als Heilige verehrt: in der kölnischen Diöcese mit dem Erzbischof Pilgrim (nicht dem Paßauer) unter dem Namen der drei christlichen Cardinaltugenden Spes, Fides, Caritas; in der trierischen zu Bornhoven, zu Auw unter verschiedenen; im südlichen Deutschland in weit entlegenen Landestheilen, Tyrol, Worms und Straßburg, in Oberbaiern und Niederbaiern unter sich stäts gleich bleibenden, nur wenig abweichenden Namen, welche sich auf _Einbett_, _Wilbett_ und _Warbett_ zurückführen laßen. Das gemeinsame _-bett_ kehrt auch sonst gern wieder, wo die drei Schwestern jetzt unter andern Namen verehrt werden, und selbst in der kölnischen Diöcese ist das z.B. in Bettenhoven der Fall, so daß selbst unseres Beethovens Name hieher gehören möchte. Nach Panzer, Baierische Sagen, verehrt man sie als
1. S. Anbetta, S. Gwerbetta, S. Villbetta zu Meransen in Tyrol, Panzer I, S. 5.
2. S. Ainbett, S. Wolbett, S. Vilbett zu Schlehdorf in Oberbaiern. P. 23.
3. S. Ainpet, S. Gberpet, S. Firpet zu Leutstetten in Oberbaiern. P. 31.
4. S. Einbeth, S. Warbeth, S. Wilbeth zu Schildturn in Niederbaiern. P. 69.
5. S. Einbede, S. Warbede, S. Villebede zu Worms. P. 206.
6. S. Einbetta, S. Worbetta, S. Wilbetta in Straßburg. P. 208.
Die letzte Namensform, unter welchen die mittlere Schwester erscheint, Worbetta, kann zur Erklärung des alten Namens Borbetomagus verwandt werden. Wir sahen unter 3, daß in S. Gberpet b statt w eingetreten war; wandeln wir den urkundlichen Namen Worbetta in derselben Weise, wie wirklich _Barbeth_ bei Panzer 69 begegnet, so haben wir Borbetta, also gerade die Namensform, die wir bedürfen. Von Borbet, der mittlern der drei Schwertern, wird also Worms (Borbetomagus) heißen, und es liegt nahe, Aehnliches von dem alten Namen der Stadt Metz, Civitas Mediomatricorum, zu vermuthen: von der mittlern der drei Schwestern, die den Kelten Mütter hießen, hat auch sie den Namen. Diese mittlere ist die mächtigere der dreie, ja die eigentliche Gottheit, die sich in ihren Schwestern nur vervielfältigt. So steht auch in Upsala Thôr als der mächtigste in der Mitte zwischen Wodan und Fricco, "ita ut potentissimus", sagt Adam von Bremen, "in medio solium habeat triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. Gr. Myth. 102. Uhland Schriften VI, 176. Da wir diese, die nicht zufällig in allen sechs Meldungen in der Mitte stehen kann, bei Panzer 61, 275, 297 auch Held, ja Rachel (die rächende Hel) Panzer 18, 83, 372 genannt finden, So ergiebt sich, daß sie Hel, die verborgene Göttin, ist, die als Göttin der Unterwelt ebenso Tod als Leben spendet, indem alles Leben von ihr ausgeht und wieder in ihren mütterlichen Schooß zurückkehrt. Dazu stimmt, daß diese drei Schwestern, die wir den Nornen, deutschen Parzen, gleichstellen dürfen, bei Panzer 53 auch _Hailräthinnen_ genannt finden, weil sie die Schicksale der Menschen beriethen, ja daß sie nicht nur wider die Pest angerufen wurden, Panzer 23, 70, 110, sondern auch bei Entbindungen Hülfe gewährten (Panzer 362), wie Schwangere auch bei den Alten die diva triformis anriefen, Hor. III, 22. Ihre Namen sind mit -bett zusammengesetzt, wie wir auch von Hünenbetten, von Brunhildebette u.s.w. wißen, was ich Handb. der Myth. 368 auf den heidnischen Opferaltar (piot goth. biuds, oder petti goth. badi lectisternium) gedeutet habe, der in dem Walde (lucus) stand, der ihnen einst geheiligt war, und der jetzt der Gemeinde von ihnen geschenkt sein sollte. Nimmt man diesen zweiten Theil der Zusammensetzung, -bett, als nur auf ihren Tempel (Hof) bezüglich hinweg, so erklärt sich die erste Sylbe in Einbett aus Agin, Egin Schrecken, wie Einhart auch Eginhart heißt. Sie ist die Todesgöttin, die finstere Seite der Hel. Freundlicher lautet der dritte Name Wilbett, die willfährige, Wunsch und Willen gewährende, die lichte Seite der verborgenen Göttin. Nicht so einleuchtend ist der mittlere Name, Warbett oder Gwerbett, aus Zwist und Streit zu erklären; doch kann er auf den innern Gegensatz im Wesen der Göttin, die bald lohnend, bald strafend auftritt, bezogen werden. Die Namen aus der deutschen Sprache zu deuten, gestattet Cäsars Meldung (B.G. II. 51) über die Vangionen in Ariovists Heer, womit Tacitus (ipsam Rheni ripam haud dubie Germanorum populi colunt, Vangiones, Triboci, Nemetes. Germ. 28) und Plinius IV, 17 stimmt. Sie wohnten, ein deutsches Volk, im keltischen Lande, weshalb es nicht auffallen kann, wenn der Name ihrer Hauptstadt Borbetomagus eine vox hybrida ist, da wir -magus als ein keltisches Wort kennen. Wir sehen aber, wie ich schon Handb. 368 bemerkte, wie irrig die Annahme unserer Rheinischen Alterthumsforscher über die Matronenculte ist, daß alle diese Gottheiten der celtischen, nicht der germanischen Sprache angehörten, wogegen sich Grimm schon bei Gelegenheit der den matronis arvagastiabus und andrustehiabus gewidmeten Votivsteine aussprach. Ob auch die Namen Kriemhild und Brunhild, die wir in den Nibelungen in Worms finden, auf die beiden entgegengesetzten Seiten der Unterweltsgöttin zu deuten seien, getraue ich mir nicht zu entscheiden; gewiss ist nur, daß -hilde eine Nebenform von Hel ist: es steht für hilende, wie spilde (Walther 45, 38) für spilende, und bezeichnet die verhohlene und verhehlende, verborgene und verbergende Göttin. Wenn in Kriemhild die erste Sylbe nicht aus grîma, Larve, Helm, Rüstung, sondern aus Grimm, Wuth, atrocitas zu deuten ist, wie in der Edda nicht sie, sondern ihre Mutter Grimhild heißt, so möchte sie an die finstere Seite der Göttin gemahnen, obgleich die im ersten Theil noch holdselig erschienen war, erst im zweiten als ihres geliebten Gemahls furchtbare Rächerin auftritt.
Kleine Druckversehen, einige fehlende Circumflexe, einige dô für dâ u.u. bittet man zu verbeßern.
Bonn im Juni 1868. K.S.
Vorrede
zur ersten Auflage der Uebersetzung.